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Der unbekannte Gott. Erster Band

Laurids Bruun: Der unbekannte Gott. Erster Band - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleDer unbekannte Gott. Erster Band
publisherGyldendalsch'er Verlag
printrun15.-19. Tausend
year1923
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorbruce.welch@gmx.de
senderwww.gaga.net
created20080313
modified20180423
projectid5ce94f70
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Als Darab alles gelernt hatte, was er für die Nabarprüfung wissen mußte, verließ er wieder unser Haus und wohnte beim Zot, um in dem Gebrauch der heiligen Gefäße unterrichtet zu werden. Er mußte die große Reinigung neun Tage durchmachen, einmal für sich selbst und einmal für den Zot, der sein Pate sein sollte.

Als der Tag herangekommen war, gingen wir alle zum Hause des Zoten. Mutter und ich warteten draußen, bis die Tür sich für die Prozession öffnete.

Darab ging zwischen dem Zot und meinem Vater, eine Keule auf jeder Schulter tragend, als Zeichen, daß er der Streiter des Lichtes sein wolle, im letzten Kampf gegen die Darvanden. Hinter ihnen kamen die Mobeds in ihren weißen Gewändern. Als wir den Dari-Mihr – so heißt unser Tempel – erreichten, kam Dasturan Dastur uns mit seinem Zug auf der Schwelle zum Meßhause entgegen. Er nahm Darab bei der Hand und führte ihn in den Tempel. Er selbst nahm auf dem höchsten Stuhl Platz, während die Dasturen und Mobeds hinter ihm hockten, die Hände im Schoß.

Darabs Pate stellte sich vor dem höchsten Priester auf und sagte: »Sieh, ich bringe euch einen neuen Diener des Lichts. Wollt ihr ihn in eurer Mitte empfangen?«

Die Versammlung nickte schweigend; Dasturan Dastur saß unbeweglich, seine klaren, weißen Augen auf Darabs Gesicht gerichtet; es war, als ob die ewige Flamme des Lichts in seinem Blick brannte; darauf machte er eine Bewegung mit der Hand und gab das Zeichen, daß die Handlung beginnen könne.

Darab wurde von dem Zot zum Opfertisch geführt. Mit bebenden Händen ergriff er das heilige Gefäß und verrichtete die Einweihung, während alle aufmerksam zusahen und Vater ihm als Raspi zur Hand ging.

Als das Wasser geweiht war, begann er den heiligen Parahom zu mischen; als seine Hände die gelben Haomastengel berührten, bebten seine Lippen vor Bewegung. Er legte sie in den Mörser, nahm die Granatzweige vom Baume Urvaram, brach sie durch und tat auch sie hinein. Dann holte Vater die Tempelkuh und führte sie an den Tisch. Darab kniete nieder und melkte einige Tropfen in den Mörser. Er erhob sich, zermalmte die Zweige und goß Opferwasser darauf. Dann betete er das ganze Nasna und Vendidad und das Todesgebet Srosh Daran.

Er betete leise und vor Erregung flüsternd, aber ohne Fehler; und als er fertig war, reichte mein Vater ihm die fünf kleinen Darunbröte, die ich gebacken hatte. Indem er sie zum Munde führte, suchten seine Augen meine. Ich schloß die meinen und griff nach der Hand meiner Mutter; denn in der tiefen Stille, in der er sein Opfer aß, war es mir, als würde ich für alle Zeit mit ihm vereinigt.

Dann goß er das Parahom aus dem Mörser, siebte es und führte zum erstenmal den Unsterblichkeitstrank an seine Lippen.

Das Opfer war zu Ende und Darab reichte meinem Vater die Gefäße.

Dasturan Dastur erhob sich, und die ganze Versammlung mit ihm. Er winkte Darab zu sich heran, nahm ihn als Herbed auf, setzte ihm die weiße Mütze auf den Kopf und segnete ihn.

Jetzt war Darab Tempeldiener und hütete den Tempelhof mit den anderen Herbeden, die ich so oft gesehen hatte, wenn ich Vater zu seinem Raspidienst begleitete.

 

Die Jahre vergingen und wir wuchsen heran, wir sahen uns selten, ich tat die Hausarbeit an Stelle meiner Mutter, und Darab war mit dem Studium für die letzte Prüfung beschäftigt.

Als er achtzehn Jahre alt war, machte er sein Maratih.

Jetzt war er Mobed Dastur, ebenso wie unser Zot und durfte alle heiligen Handlungen vollführen, das Opfer der Ferveden, das Mitternachtsopfer Vendidad und das Todesopfer. Er konnte die Menschen unseres Stammes zu Ehe, Geburt und Tod weihen.

Den Abend nach der Prüfung verbrachte er mit dem Zot bei uns. Wir aßen im Garten unter dem Baum der Tempelblume. Ich erinnerte mich, was vor vier Jahren, als Darab die Opferbrote aß, im Tempel mit mir geschehen war. Meine Augen hingen an den seinen, bis ich merkte, daß es dem Zot auffiel und er von ihm zu mir blickte. Mich dünkte, daß ein Lächeln in seinem Bart war, und ich stand beschämt vom Tisch auf.

Darab wohnte bei dem Zot, und wir sahen uns nur selten. Eines Nachmittags, als ich mit einem Arm voll Blumen, die ich beim Fluß gepflückt hatte, nach Hause kam, stand Darab in der Tür. Als ich seiner gewahr wurde, fühlte ich, was mir bevorstand. Ich griff mir ans Herz und verlor meine Blumen. Er beugte den Kopf zum Gruß und sah mich an, als ob er sagen wollte: »Ich stehe in Ahura-Mazdas Hand und muß zu seiner Ehre kämpfen.« Darab kam, um uns Lebewohl zu sagen. Der Zot hatte ihm eine Stellung als Priester in Bombay verschafft.

Ich beugte meinen Kopf, als ich es hörte und dachte: ich muß stark sein wie er.

Er sprach lange mit Vater auf der kleinen Bank unter dem Baum der Tempelblume; Mutter ging hin und her, ihren Worten lauschend, während ich Blumen für ein Abschiedsopfer pflückte.

Dann erhob er sich und blickte sich nach mir um. Ich stand in der Tür und wartete auf ihn. Er kam auf mich zu und ich ging ihm entgegen. Zum letztenmal begaben wir uns zum Fluß. Schweigend gingen wir auf dem alten Wege nebeneinander. Wir dachten beide an dasselbe. Er nahm meine Hand wie damals, als wir Kinder waren. Ich war seine Braut, das wußte ich; es bedurfte keiner Worte zwischen uns.

Als wir den Fluß erreichten, pflückte ich von den großen gelben Blumen, die längs des rinnenden Wassers leuchteten. Ich flocht sie zu einer Kette, während ich seinen Worten lauschte, vom Ende der Zeiten, das nahe sei, vom Kampf der letzten Tage und vom endgültigen Sieg des Nichts.

Als er fertig gesprochen hatte, hing ich ihm die Kette um den Hals. Ich nahm seine Hand und küßte sie. Er küßte auch die meine und sagte: »Wer den einzig richtigen Pfad wandert, dem wird es im Namen des Guten am besten ergehen.«

Darauf kehrte ich allein zurück. Mein Herz war voll Glück und doch von Kummer schwer. Ich hörte, wie er langsam hinter mir herkam. Einmal wandte ich mich um; da streckte er seine Arme aus, als wolle er mich zurückrufen. Ich nickte ihm zu und nahm ihn, wie er dort stand, mit dem Abendhimmel hinter sich, in meinem Herzen auf. Aber ich ging nicht zu ihm zurück, denn ich wollte, daß er auf seinem Weg zum Licht meinetwegen nicht stehenbleiben, ich wollte, daß er stark sein sollte.

Ich bin deine Braut, dachte ich und werde warten, bis du zurückkehrst.

 

Mein Vater erkältete sich eines Tages und mußte zu Bett gehen. Am nächsten Tage hatte er Fieber; er lag und starrte mit wilden Augen vor sich hin.

»Seht die Diven!« sagte er und streckte beschwörend seine Hand aus. »Seht, jetzt verlöscht das heilige Feuer – und ich habe keinen Sohn, der die heiligen Flammen in meiner Seele bewahren kann.«

Dann weinte er wie ein Kind. Kurz darauf begann er von neuem:

»Hört, wie sie mich rufen! – kannst du hören, wie das Licht mich ruft – und ich habe keinen Sohn, den ich hinsenden kann!«

Er wollte aus dem Bett. Mutter konnte ihn nur mit Gewalt halten.

Ich lief, um den englischen Arzt zu holen; er wollte Vater ins Krankenhaus bringen lassen, Mutter aber weigerte sich, und wir wachten Tag und Nacht abwechselnd bei ihm.

Mein Vater war dem Tode nahe. Ich sah eines Nachts seinen Ferved neben seinem Bett sitzen und auf seinen Herzschlag hören. Ich betete und betete; endlich gegen Morgen erhob er sich und schwebte davon.

Als es hinter der Matte dämmerte, schlug mein Vater seine bleichen Augen auf, wandte seinen Kopf zum Fenster und machte mir ein Zeichen, daß ich die Matte hochziehen solle. Als das Licht ins Zimmer strömte, brachen ihm Tränen aus den Augen. Er bewegte die Lippen und flüsterte der Sonne etwas zu. Ich beugte mich über ihn, um zu hören, was es war; aber er sprach nicht mit mir, sondern mit Mithra, dem Hohen, und es waren Avestas heilige Worte:

»Ein Mensch von dieser Welt kann nicht so schlechte Gedanken denken, wie Mithra in seinem Himmel gute, ein Mensch von dieser Welt kann nicht so böse Worte sagen, wie Mithra in seinem Himmel gute; ein Mensch von dieser Welt kann nicht so schlecht handeln, wie Mithra in seinem Himmel wohltuen kann.«

Jetzt ging es ihm mit jedem Tag besser, wir trugen ihn in den Garten hinaus, zu seinem Lieblingsplatz unter den Baum der Tempelblume, von wo man Sir Cowringhees Palmen mit der blauen Luft spielen sehen und das Schnaufen der Büffel hören kann, wenn sie sich im Fluß baden.

Schließlich durfte er wieder in den Tempel gehen, und der englische Arzt kam nicht mehr.

Vater wußte, daß er der Schwelle des Todes so nahe gewesen war, wie ein Mensch ihr kommen kann. Sraosha hatte neben seinem Lager gestanden und ihn bei der Hand gehalten, um ihn zu der Tchinroatbrücke zu führen, sein Ferved aber wollte, daß er noch eine Weile für das Licht kämpfen sollte. In der stillen Todesnachtstunde aber, als er fühlte, wie die Ketten seiner Seele sich lösten, hatte ihn die Sehnsucht nach einem Sohn, der das Streben seines Geschlechts nach Licht fortsetzen konnte, fast zu Boden gedrückt.

Eines Abends, als er, Mutter und ich am Fluß gingen, wandte er sich plötzlich zu uns um, sah von Mutter zu mir und fragte:

»Ihr, die ihr meinen Lebenswandel und mein Herz kennt, sagt mir, was hab ich Böses getan, daß Auhura-Mazda mir seine Gnade versagt?«

»Du hast nichts Böses getan,« sagte ich und faßte seinen Arm. Alles Blut war aus seinem mageren Gesicht gewichen und er schwankte, als ob die Gemütsbewegung ihn zu Boden werfen würde.

»Ahura-Mazda hat dir ja seine Gnade bewiesen und dein Leben gerettet, damit du noch eine Weile für das Licht kämpfen kannst.«

»Einen Sohn hat er mir verweigert,« sagte mein Vater und heftete seine Augen, die von den vielen Krankheitstagen noch matt waren, auf meine Mutter.

Da konnte sie es nicht länger ertragen. Sie fiel zu seinen Füßen nieder, umfaßte seine Knie und sagte weinend:

»Nimm dir eine zweite Frau, wenn du willst, weil auf mir ein Fluch zu liegen scheint.«

Sie brach zusammen und schluchzte. Vater betrachtete sie; dann beugte er sich herab und berührte ihr Haupt; aber er schwieg und ging allein nach Hause.

In jener Nacht erwachte ich dadurch, daß meine Mutter über mein Bett gebeugt stand und meinen Namen flüsterte. Als ich ihrem Blick begegnete, der auf mir ruhte, sah ich durch die Dunkelheit ihren Kummer leuchten, und es war mir, als ob eine Hand sich um mein Herz legte und es zusammenpreßte. Ich empfand unklar, was kommen würde. Und ich sah Darabs Ferved am Fußende meines Bettes stehen; doch ich konnte nicht fassen, was er dachte. Ich wünschte, daß meine Mutter noch eine Weile von dem schweigen würde, was kommen mußte, bis ich Kräfte genug gesammelt hatte, um es zu ertragen. Meine Mutter fühlte, was in dem Herzen ihres Kindes vorging. Sie küßte mich auf die Stirn; bei ihrem Kuß beugte mein Wille sich, Ahura-Mazdas, und ich erinnerte mich der Worte, die Darab mir gesagt hatte, als wir uns trennten: »Wer den einzig richtigen Weg wandelt, dem soll es im Namen des Guten am besten ergehen.«

Sie kniete nieder und nahm meinen Kopf in ihre Arme, wie damals, als ich noch ein kleines Mädchen war. Dann begann sie zu sprechen, und obgleich ich im voraus wußte, was sie sagen wollte, traf mich dennoch jedes ihrer Worte mit voller Wucht.

»Sieh, dein Vater verlangt einen Sohn, um Frieden für seine Seele zu finden, Gott aber hat meinen Leib verschlossen. Willst du, daß er sich eine neue Frau nimmt, wie es sein gutes Recht ist? – Willst du, daß eine fremde Frau hier, wo ich dich auf meinen Armen getragen habe, umhergehen, das Feuer auf unserem Herd bewachen und das Wasser weihen soll? – Und wenn sie ihm einen Sohn schenkt, sieh, dann wird sie dem Herzen deines Vaters näher stehen als du und ich. Seine Augen werden auf dir ruhen und seine Hand auf ihrem Haupt liegen, und er wird mich, die ich seine Seele nicht erreichte, und dich, die du nur ein Mädchen bist, vergessen. – Schehanna, werde Youg-zan und gib deinem Vater den Sohn, nach dem seine Seele verlangt!«

Ich weinte mich in ihren Armen aus und fragte:

»Weißt du, daß ich Darabs Braut bin?«

»Ich weiß, daß ihr eure Seelen vereint habt, aber bist du nicht von deines Vaters Herzen und von seinem Körper und Blut? – Gib ihm einen Sohn, der durch dich Blut von seinem Blut und Herz von seinem Herzen ist, und wenn fünfzehn Jahre vergangen sind, dann gib Darab, was mit Recht ihm gehört, einen Sohn von eurem Körper und eurer Seele, damit auch er sich im Tode sicher fühlen kann. Bedenke, er ist jung und die Dunkelheit ist ihm noch fern; deinem Vater aber stehen die Schatten nah; bereits saß Sraosha an seinem Bett.«

Ich tat, wie meine Mutter wollte. Tags darauf ging ich zu meinem Vater, der unter dem Baum der Tempelblume saß und auf den Fluß blickte. Ich kniete vor ihm nieder, faßte seine Hände und sagte:

»Ich will dir einen Sohn geben.«

Seine Hände bebten. Ich hörte das Herz in seiner Brust klopfen, ich sah seine Augen vor Verwunderung und Freude erstrahlen. Dann umfaßte er meinen Kopf, sah mich lange an und küßte mich auf die Augen.

»Ich werde dir einen guten Mann verschaffen!« sagte er und stand auf.

Die ganze Nacht lag ich wach und überdachte, was ich getan hatte. Ich rief Darabs Ferved an und bat ihn, mir zu helfen, aber er blieb stumm. Ich weinte und betete und wälzte mich verzweifelt auf meinem Lager. Ich wartete, daß das Licht in meinem Herzen scheinen würde; aber es schien nicht.

Als ich am nächsten Morgen die Freude meines Vaters sah, wurde ich wieder ruhig. Er kam mir entgegen und hieß mich neben ihm niedersitzen. Er reichte mir das Brot zuerst, und seine Augen ruhten auf mir, als sei ich eine andere geworden, größer und reiner; schließlich aber stand ich vom Tisch auf, weil mein Herz so voll war, daß ich weinen mußte, und ich wollte nicht, daß er meine Tränen sehen sollte.

Auch in jener Nacht lag ich wach. Mein Herz war bei Darab, und ich tröstete mich vergebens mit den Worten, die ich aus Zend-Avesta wußte: »Wer gut gegen Vater und Mutter handelt, handelt gut gegen seine eigene Seele. Er soll an Ahura-Mazdas Seite auf Elburs Berg wandern.«

Eines Tages kam ein junger Mann und fragte nach Vater. Als ich ihn sah, wußte ich, daß er der Auserwählte sei. Er war größer und heller als Darab, hatte milde Augen, aber einen plumpen Mund und große Hände.

Ich sah ihn lange an und dachte: Warum tust du es eigentlich? – Er wurde verlegen und versuchte zu lächeln. Da kam Vater aus dem Garten und streckte ihm grüßend beide Hände entgegen.

»Sieh, das ist Jivanji, er ist aus dem Geschlecht der Sanjanas ebenso wie wir. Er ist ein Sohn von dem Bruder meines Vaters.«

Ich konnte nichts sagen und wagte nicht aufzusehen, um nicht in Tränen auszubrechen. Ich saß wie ein kleines Mädchen auf meiner Bank und ließ alles mit mir geschehen. Ich betete zu Darabs Ferved, daß er mir Kraft verleihen möge. Wir hatten einander ja gelobt, den einzig richtigen Weg zu gehen. Sieh, ich opfere Jahre meines Lebens, dachte ich, um meiner Mutter willen und um dem Licht in der Seele meines Vaters zu dienen. – So erfülle ich mein Gelübde. Ahura-Mazda wird mich dafür belohnen!

Erst viel später erfuhr ich, daß mein Vater Jivanji gekauft hatte. Auch er mußte fünfzehn Jahre warten, wie unser Gesetz es vorschreibt, bevor er sich einen Lohn für seinen eigenen Namen verschaffen durfte. Doch trug er keine andere in seinem Herzen, als mich, die ich die Braut eines anderen war.

Mein Vater fragte mich, wie Jivanji mir gefiele. Ich antwortete nicht, aber er las in meinen Augen und schwankte in seinem Entschluß. Er verließ mich und ging in den Garten. Ich sah ihn neben der Mauer auf- und abwandeln; einmal betete er laut. Abends sagte er zu mir:

»Schehanna, überleg es dir wohl; besser etwas unterlassen, als mit Mißmut handeln. Wo die Kräfte uns verlassen, da strömen die Diven herbei, schlagen die schwache Wand ein und lassen sich nieder.«

»Ich habe es mir überlegt,« sagte ich und beherrschte mein Gesicht, »ich bin bereit, wenn du es willst; nur um eins bitte ich, laß mich die ganze Zeit bei dir und Mutter bleiben.«

Ich meinte die Zeit, wo ich niederkommen sollte, aber ich brachte es nicht über die Lippen.

An jenem Abend begann ich zu fasten; ich wollte die große Reinigung abhalten, um Kraft und Reinheit für das zu erlangen, was mir bevorstand.

Mein Vater ging zu Dasturan Dastur, der seine Erlaubnis gab, daß ich zu Hause bleiben durfte, und er versprach, den Hochzeitstag nach dem Rat der Sterne zu wählen.

Als der Tag bestimmt war, ging der Zot selbst von Haus zu Haus und meldete denen, die uns und Jivanji kannten, die Begebenheit und lud sie zur Hochzeit ein.

Der Tag kam. Mein Gemüt war demütig vom Beten und Fasten. Das Licht war endlich in mein Herz gedrungen; jetzt war es rein von Gedanken, und bereit, die gute Tat zu vollbringen. Mutter hatte den Musselinschleier gewählt und zugeschnitten. Wir hatten den Hochzeitskuchen gebacken, Früchte gekauft und unser Haus mit Blumen geschmückt.

Kurz vor Sonnenuntergang hörte ich die Flöten- und Trommelklänge.

Der Zug kam langsam auf unser Haus zu. Der Zot und der elternlose Jivanji gingen an der Spitze, Verwandte und Freunde folgten.

Vater trat in die Tür und hieß Bräutigam, Zot und Gäste willkommen.

Als Jivanji über die Schwelle trat, ging meine Mutter ihm entgegen. Sie nahm Reis und Früchte aus der Schale, die sie in ihrem Arm trug, und streute sie als Willkommensgruß vor seine Füße. Dann traten sie zu mir in die Stube und begrüßten mich schweigend.

Der Zot führte Jivanji zum Stuhl, der dem meinen gegenüberstand. Ich streckte ihm meine rechte Hand entgegen und der Priester, der uns weihen sollte, band unsere rechten Hände mit der Seidenschnur zusammen, so daß wir sie nicht rühren konnten. Mutter hüllte mich von Kopf bis Fuß in den Musselinschleier ein, und Vater und der Zot nahmen vor uns Platz, der Priester zwischen ihnen.

Der Priester legte Weihrauch auf die Lampe, die er an dem heiligen Feuer im Adaran entzündet hatte. Mutter zog den Schleier fester um mich, so daß nichts von mir zu sehen war, außer der Hand, die an Jivanji gebunden war. Dann begann die Trauung. Der Priester las die Kapitel aus Zend-Avesta, während er die Seidenschnur von unsern Händen löste und um unsere Körper schlang, so daß wir ganz zusammengebunden waren. Er betete die Trauungsformel, nahm Reiskörner aus Mutters Schale und bewarf uns damit, als Zeichen der Fruchtbarkeit.

Die Mutter reichte uns den Hochzeitskuchen. Jivanji und ich brachen jeder ein Stück davon ab und reichten es einander. Dann bot ich dem Zot, Vater und Mutter davon und auch jeder der Gäste bekam ein Stück aus meiner Hand. Mutter reichte die Früchte herum und Vater schenkte den Geladenen Dattelwein ein.

Als gegessen und getrunken war, erhoben die Gäste sich, grüßten uns mit beiden Händen und wünschten uns Glück. Darauf führten sie Jivanji in Prozession denselben Weg zurück zum Hause des Zot, wo er, wie es bei uns Brauch ist, Abschied mit Verwandten und Freunden feiern sollte.

Um Mitternacht wurde er wieder von den Festgästen zu unserem Hause geführt. Sie trugen Laternen; Flöten gellten und Trommeln lärmten in der stillen Nacht, bis alle Hunde der Stadt zu bellen anfingen.

Den ganzen Tag war ich stark gewesen. Ich hatte gelächelt, damit niemand in meinem Herzen lesen sollte, ich hatte ein freundliches Wort für alle gehabt. Mein Vater segnete mich, als ich ihm gute Nacht wünschte.

»Glücklich ist der, der reines Herzens ist,« sagte er und legte seine Hände segnend auf meinen Kopf. Dann zog er mich an sich und küßte mir die Stirn.

Mutter entkleidete mich und zog mir das Brauthemd an. Sie weinte, wie ich sie nie weinen gesehen habe, und preßte mich an ihre Brust. Ich begriff, daß sie im letzten Augenblick zweifelte, ob sie recht gehandelt habe. Um sie zu trösten, sagte ich, daß der Tag gut gewesen sei und daß ich mich nicht fürchte.

Als sie mich aber verließ, als ich allein auf meinem Lager lag und dem Zug der Gäste lauschte, der sich draußen näherte, da war es mit meinem Mut und meiner Kraft vorbei. Und als sie so nahe gekommen waren, daß ich Abschiedslärm und Gelächter unterscheiden, ihre lauten Rufe und Glückwünsche hören konnte, da weinte ich, als ob mein Herz brechen sollte, und rief Darab beim Namen, bis ich seinen Ferved in meiner Stube merkte. Ich klagte ihm meine Not und flehte, daß er es nicht geschehen lassen möge, daß dieser Fremde meinen Körper nähme, der sein war für alle Zeiten. Aber er schwieg; niemand hörte mein Jammern. Und schließlich hatte ich keine Tränen mehr.

Ich zwang mich, an meinen Vater zu denken. Für sein Seelenheil wollte ich leiden. Ahura-Mazda würde meine gute Tat sehen und sie mir am Siegtage des Lichts anrechnen; und ich überwand die Verzweiflung in meinem Herzen, um das Verdienst meiner Handlung nicht durch unwillige Gedanken zu vernichten. Ich wiederholte wieder und wieder Darabs Worte, als mir uns trennten: »Wer den einzig richtigen Weg wandert, dem soll es im Namen des Guten am besten ergehen.« Als ich Jivanjis Hand an meiner Tür tasten hörte, hatte ich Trost in der Gewißheit gefunden, daß meine Opfertat mir einen Platz an Darabs Seite auf Elburs Gipfel sichern würde, wenn das Ende der Zeiten gekommen sei.

 

Jivanji wohnte in unserm Haus und kam und ging tagsüber. Er war Mobedsohn und hatte eine Stellung in Sir Cowringhees Bank. Er war gut gegen mich, tröstete mich, wenn ich betrübt war, und ließ mich in Ruhe, wenn ich allein sein wollte. Er und Vater saßen des Abends zusammen in unserm Garten. Vater wollte den, durch den die Flamme seiner Seele verpflanzt werden sollte, genau kennen lernen.

Als die Zeit kam, wo ich guter Hoffnung wurde, kaufte er mir einen Hund. Das ist unser heiliges Tier, und heiliger als ein anderer ist der Hund, der vier Augen besitzt, das heißt, wenn er zwei helle Flecke über den Augen hat; denn er vertreibt die bösen Geister von den Wohnungen der Menschen. Ich gewann ihn sehr lieb, und er folgte mir überall, mir allein; ich gab ihm zu fressen, und nachts lag er neben meinem Bett, damit kein unreiner Geist mein Lager im Schutz der Nacht aufsuchte und das Kind verhexte, das ich zur Welt bringen sollte.

Ich gebar einen Knaben; mit großen Schmerzen gebar ich ihn, zur Freude für die Seele meines Vaters. Mutter stand neben meinem Lager. Sie war die erste, die seine dunklen Augen sah, die Darabs glichen. Sie trug ihn auf ihren Armen zu Vater, und ich hörte wie im Traum seinen Freudenruf. Gleich darauf aber fiel ich in Ohnmacht und erwachte erst am dritten Tage. Da blickte ich in die Augen des englischen Arztes, er lächelte mir zu und wünschte mir Glück zu meiner Genesung. Mutter brachte mir den Knaben. Ich war zu schwach, ihn zu heben, aber sie legte ihn mir in den Arm; und als ich Darabs Augen in seinem kleinen hilflosen Gesicht sah, da weinte ich vor Schmerz und Glück.

Vater ging zum Tempel und ließ den heiligen Parahom bereiten. Der Zot reichte ihn ihm mit vielen guten Wünschen. Ich sah durch die Tür, wie er die Watte in den heiligen Trunk tauchte und sie an den kleinen, roten Mund meines Kindes drückte, indem er es segnete. Dann badete er den Knaben in dem geweihten Wasser, hob den kleinen, nackten Körper zur Sonne empor und sagte, während ihm die Augen voll Freudentränen standen:

»Sieh, das ist mein Sohn. Jetzt hat er den heiligen Trunk gekostet und ist in Gomez gebadet, sieh, jetzt ist er von aller Unreinheit befreit, die am Körper haftete. Er ist in Ahura-Mazdas Hand!«

Unser Gesetz schreibt vor, daß die Mutter, die gebiert, sich in der Stube aufhält, die der Erde am nächsten ist, damit das Kind sein Leben in Demut beginnen kann; denn nur durch gute Gedanken, gute Worte und gute Taten kann ein Mensch sich von der Erde losreißen und zum Licht emporsteigen. Vierzig Tage lang ist die, die geboren hat, unrein, und niemand von ihren Verwandten darf sich ihr nähern; Mutter aber umging das Gesetz; sie und der Arzt waren die einzigen Menschen, die ich außer meinem Knaben zu sehen bekam.

Ich blickte auf den kleinen, bleichen Kopf, der an meiner Brust lag. Ich dachte, daß ich ihn groß und herrlich finden würde, wenn es Darabs Kind gewesen wäre. Jetzt fühlte ich für mein Kind mehr inniges Mitleid als die strahlende Liebe, von der ich bei anderen Müttern gehört. Was hatte es verschuldet, daß es nicht teil an seiner Mutter Seele, sondern nur an ihrem Körper haben sollte?

Am siebenten Tage nach der Geburt hörte ich eine fremde Stimme in der Stube meines Vaters. Mutter erzählte mir, daß es der Sterndeuter-Zot sei, der gekommen wäre, um die Zukunft des Kindes zu deuten. Ich selbst hörte und sah nichts davon; meine Mutter aber erzählte mir den Vorgang.

Von den Namen, zwischen denen der Zot wählen ließ, wählte mein Vater Bahram. Das ist bei uns ein heiliger Name. Der Zot zeichnete die Sterne mit Kalk auf den Tisch, und als er ihren Zusammenhang gedeutet hatte, sagte er, daß Bahram unter dem Zeichen der Jungfrau geboren sei. Aber von dem Schicksal des Kindes, das mein Vater wissen wollte, schwieg er, und in dem Brief, den er Vater gab, wie es bei uns Sitte ist, stand nur das eine, »unter dem Zeichen der Jungfrau geboren«. Nichts von seiner Lebenslage oder seinem Glück. Er verabschiedete sich schnell und mein Vater war den ganzen Tag schweigsam; er fürchtete, daß der Sterndeuter Ungünstiges gelesen hatte und es nicht sagen wollte.

Als die vierzig Tage um waren, zog ich wieder in mein altes Zimmer. Nach der großen Reinigung, die unser Gesetz vorschreibt, war ich jetzt wieder rein und konnte mich überall frei bewegen.

Ich ging mit meinem Kind auf dem Arm in den Garten. Ich saß auf der schattigen Bank unter dem Baum der Tempelblume und sah, während der kleine, blasse Kopf an meiner Brust lag, dem Spiel der Palmen in der blauen Luft zu und lauschte dem rinnenden Fluß. So oft mein Vater von seiner Beschäftigung abkommen konnte, saß er neben mir und betrachtete den Knaben. Wenn er auf seine stille, sanfte Weise lächelte, strahlten die Augen meines Vaters, und er schloß ihn so zärtlich und vorsichtig in seine Arme, als fürchtete er, den zarten Stengel zu knicken.

Eine kränkliche Blume war mein Kind, und das Schicksal seiner Mutter war schuld daran. Hin und wieder las ich in den Augen meines Vaters eine plötzliche Angst, als ahne er, daß er sich gegen das zarte Leben versündigt habe, das er zur Verpflanzung seiner Seelenflamme auserwählt hatte.

Wir riefen den Arzt, damit er den Kleinen untersuche, aber er konnte keine eigentliche Krankheit feststellen. Als mein Vater ihn bat, uns die volle Wahrheit zu sagen, blickte er zur Seite und hob mit der Hand eine halbverwelkte Blume, die an ihrem Stengel hing. Da bedeckte mein Vater sein Antlitz mit den Händen und weinte.

Mein kleiner Junge war immer sanft und still, selbst in der Nacht weinte er nicht, und wenn er hungrig war, schrie er nicht wie andere Kinder, sondern preßte nur die kleinen Hände auf der Brust zusammen und blickte mich mit großen Augen an, als ob er sich wundere. Diesen Blick konnte ich nicht ertragen, er ging mir wie ein Stich durchs Herz, als habe ich eine große Sünde begangen und sei jetzt Zeuge von den Folgen.

Bahram wollte nicht gedeihen. Er nahm kaum zu an Gewicht, obgleich er mit all der Sorgfalt gepflegt wurde, die in Menschenmacht steht. Er welkte Tag für Tag hin, und eines Abends kurz nach Sonnenuntergang verging die Blume.

Mein Vater hatte es vorausgesehen. Sein Sinn war schon während vieler Tage bedrückt gewesen. Der Tod des Kindes war fast wie eine Linderung für seine Seele. Auch ich, seine Mutter, trauerte nicht, wie Mütter über den Tod Erstgeborener zu trauern pflegen. Ich hatte schon lange in den dunklen Augen gelesen, daß die kleine, reine Seele sich nach dem Ort sehnte, wo sie zu Hause war. Hier auf Erden hatte sie ihre Heimat nicht. Mutter nahm sich den Tod des Kindes am meisten zu Herzen. Sie weinte und drückte den kleinen welken Körper verzweifelt an ihre Brust, obgleich es gegen das Gesetz ist, Leichen zu berühren. Als sie ihn für die Bahre eingekleidet und meinen Hund, den Vieräugigen, gerufen hatte, daß er die Nacht über am Kopfende des Knaben stehen und alle Diven vertreiben sollte, die sich an Tote heranmachen, da wies mein Vater sie zurück und sagte:

»An ihm ist nichts unrein. Er ist in Ahura-Mazdas Hand. Kein Div wagt sich in seine Nähe.«

Erst als die beiden Leichenträger die kleine Bahre aus dem Hause trugen und mein Vater mit gebeugtem Haupte folgte, erst da wurde es mir klar, daß es ein Teil meines eigenen Leibes sei, das jetzt zu dem großen Schweigen in den weißen Turm getragen und den Geiern übergeben wurde.

Ich selbst war krank, mehr seelisch als körperlich. Mein früheres gesundes Aussehen hatte ich bereits in den vierzig Tagen verloren. Als aber die Sorge um den Kleinen die Dunkelheit in meiner Seele nicht mehr zerstreute, da war keine Freude, nur noch Leere in meinem Gemüt.

Warum war das Opfer von mir verlangt worden, wenn er doch sterben sollte? Ich las in den Augen meines Vaters, daß er dasselbe dachte. Wenn er sich unbemerkt glaubte, sah ich seinen Blick schwer auf mir ruhen, als ob er meinen Ferved um Verzeihung bäte.

* * *

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