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Der unbekannte Gott - Erster Band

Laurids Bruun: Der unbekannte Gott - Erster Band - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleDer unbekannte Gott ? Erster Band
publisherGyldendalsch'er Verlag
printrun15.-19. Tausend
year1923
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080313
projectid5ce94f70
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Er war am vorhergehenden Abend spät mit dem Orientexpreß angekommen und gleich zu Bett gegangen. Eine Gesellschaft aber hatte unter seinen Zimmern Neujahr gefeiert, so daß er nicht einschlafen konnte. Er wollte gerade klingeln und sich ein anderes Zimmer geben lassen, als der Schlaf ihn plötzlich übermannte, und er schlief fest, bis ein paar Truthähne unter seinem offenen Fenster beim Morgengrauen zu krähen anfingen.

Ralph reckte sich im Automobil an dem strahlenden Neujahrsmorgen und dachte, es sei gut, daß er sich endlich hier an der Grenze von Europa befände.

Dort hinten in der Sonne die graue Wellenlinie – das also waren die Höhenzüge von Asien.

Er richtete sich höher auf, kniff die Augen zusammen und maß die Entfernung.

Warum war hier keine Brücke?

Wäre es in den Vereinigten Staaten, wo er zu Hause war, dann würde man schon längst mit Automobilen über die Wasserstraße fahren.

Räder begannen in seinem Gehirn zu schnurren. Formeln marschierten auf, Skelette, Profile. Sein Mund wurde schmal, gerade, hart, und das glattrasierte Kinn strammte sich unter dem Faltennetz, das während der zwanzig Tage, die seit seiner Abreise von Neuyork vergangen waren, bereits angefangen hatte zu erschlaffen.

Dann aber nahm er sich mit einem Ruck zusammen, strich sich über Stirn und Augen und verwischte all das, was für lange Zeit nicht mehr da sein sollte.

»Prost Neujahr, old chap!« sagte er laut zu sich selbst, so daß der Chauffeur den Kopf nach ihm umdrehte.

Ralph achtete seiner nicht, lehnte sich in den Wagen zurück, riß die Augen auf und dachte an nichts.

Nach einer langen Fahrt zu den nördlichen Höhen, die von dem Morgennebel unter der Sonne dampften, kehrte er durch die Galatastraße zurück, wo das Leben bereits sein Lied begonnen hatte.

Das Auto hielt vorm Café Genio, auf dem kleinen Platz vor der Galatabrücke, mitten in der bunten Menge, die sich aus allen Himmelsrichtungen auf der Schwelle zum Paradies Europa drängt.

Er stieg aus und trank einen Snapshot, während der Chauffeur sich bemühte, das große Ding in dem Gedränge von lebendigem, beseeltem Fleisch, das nur gezwungen zur Seite wich, zu drehen.

Dann ging er in das dunstige, verräucherte Café und frühstückte.

Der Kellner, ein behender Italiener mit gemütlich zwinkernden Augen, tänzelte hin und her und gab jedem, was ihm zukam. Die meisten waren Stammgäste. Jungtürken, gelb, mager, mit bekümmerter Stirn über dem Kneifer, den Fes auf der struppigen Muselmannperücke tief in den Nacken geschoben, blickten ihn verstohlen an, mit Augen, die wie Feuer unter Asche glühten. Sie spielten auf der schmutzigen Marmorplatte Domino, während sie an ihren Kaffeetassen nippten, die so klein wie Walnußschalen waren. Ein gelber, fetter Grieche lehnte in einer Ecke gegen die lederbezogene Wand, sein Bauch hing ihm bis über die Knie, während er die Kursliste in einer Wiener Zeitung studierte. Zwei ganz junge Militäreleven saßen über »Le Rire« gebeugt, mit schamlosem Lächeln und glühenden Backen.

»Je vous salue, mon seigneur!« sagte der Kellner, die Hand am Fes, als er das Trinkgeld sah. Ralph hatte nach Neuyorker Sitte gegeben.

Der Platz lag jetzt im vollen Sonnenschein. Eine weiße Fassade gegenüber blendete. Er las »Crédit Lyonnais« und merkte es sich; es war seine Kreditivbank. Auf der obersten Stufe stand vor der offenen Tür ein grauhaariger Türke mit buntem Turban und roten und grünen Streifen längs der weiten Djubbe. Er stand in tiefen Gedanken, den Blick auf Ralphs helle, scharfe klugen und glattrasierte Backen unter der weichen Reisemütze gerichtet.

Als Ralph seinen Blick fühlte, schlug er die Augen nieder und stieg mit raschen Schritten die Treppe hinunter.

Auf dem schmalen Fußsteig vor dem Café ging ein hochgewachsener Greis in der Sonne auf und ab. Er trug einen großen italienischen Schlapphut und einen Stock mit silbernem Knopf. Die Gestalt war einst elegant gewesen, jetzt war sie in den Gelenken erschlafft; aber der Rock saß gut, und der krapprote Schlips war neu und tadellos. Er atmete tief und ließ sich die Brust zwischen dem offenstehenden Rock, in dessen breitem Aufschlag ein Veilchenbukett saß, von der Sonne bescheinen. Ein kleiner kränklicher Junge, halb Krüppel, kam aus einem schmalen Gang hinterm Café auf ihn zugehinkt. Der Kleine griff nach seiner ausgestreckten Hand, bekam eine Mandarine, die der Alte in der Tasche hatte, und wanderte dann mit ihm auf und ab, soweit der Sonnenschein reichte.

Ein Leben auf dem Gipfel hingewelkt, und ein Leben, das an der Wurzel gezeichnet war – so gingen sie Hand in Hand und trösteten sich mit der Sonne.

Ralph dachte an seine eigenen fünfunddreißig Jahre. Ja, er hatte richtig gehandelt; es war die höchste Zeit gewesen, daß er sich losgerissen hatte.

Er hatte erreicht, was er seit seinen Knabenjahren erstrebte. Als er aber auf dem Gipfel war, der Meister »der Himmelsbrücke«, wie ein smarter Journalist seinen letzten großen Arbeitstriumph genannt hatte – als er Macht und Reichtum wie ein Steuer in der Hand hielt, so daß er die Lebensachse nach Belieben drehen konnte, da geschah es eines Tages, daß er sich selbst fragte, ob er nicht zu teuer gekauft und mit dem bezahlt habe, was nie wiederkehrt – mit dem Leben und seinen Launen und Spielen, dem Leben in der Sonne.

Die Kette ungezählter Stunden, das ununterbrochene Grübeln Tag und Nacht unterm Zwang des Glockenschlages und der Termine – der ewige Griff in Kontakte, damit Ströme geschlossen, Ströme ausgewechselt und das Ganze von einem mächtigen Willen in scharfbegrenzte Wege geleitet werden konnte – wog das alles Sonne und Leben auf?

Ganz plötzlich war es über ihn gekommen, als er an einem schönen Sommermorgen die Augen von seinem Pult hob und hinter den Wolkenkratzern die grünen Bäume von Broux in der Ferne sah. Da fühlte er sich an seine Arbeit geschmiedet wie ein Sklave, der nie an einem Sommertag Wasser an der Quelle holen darf.

Es war gerade vor der Ablieferung der Himmelsbrücke gewesen, wie ein Aufrührergeist war es über ihn gekommen. Zuerst hatte er es niedergekämpft; aber es verfolgte ihn den ganzen Tag, lag auf der Lauer in seinen wenigen freien Stunden, wenn er essen wollte oder im Begriff war, seine Augen zu schließen, um in den Schlaf hinüberzuschlüpfen. Er fürchtete sich davor, wagte sich kaum die Ruhe des Sonntags zu gönnen und überwand es erst, als er ein Surrogat fand.

Er kaufte sich ein wenig Sonne und Glück bei einer Frau, die er eines Abends getroffen hatte, als sein Gehirn streikte und ihn in das Licht der Nacht hinaustrieb. Sie hatte es verstanden, ihm wohlzutun, darum kaufte er sie; und nachdem sie ihre Schuldigkeit getan hatte, trennte er sich von ihr, wie es einem Manne geziemt, der sowohl Kavalier wie Millionär ist.

Als aber die Brücke abgeliefert war, überkam es ihn von neuem.

Die Zeitungen flossen von seinem Ruhm über. Die Milliardäre nahmen ihn in ihr heimliches Syndikat auf, in den »Klub der Verantwortungslosen« – obgleich es gegen ihre Statuten war, denn Milliardär war er nicht. Jedenfalls noch nicht.

Das alles machte nur wenig Eindruck auf ihn, kitzelte einen kurzen Augenblick sein Machtgefühl, war aber nicht von langer Dauer. Er fühlte sich leer und mißmutig, war stehengeblieben wie ein Uhrwerk, das geschmiert werden muß.

Er begann seine eigene berühmte Brücke als Passagier zu studieren, befuhr sie mit Auto, Luxuszug und elektrischen Bahnen – mit allen Beförderungsmitteln, mit denen man in gerader Linie und einer sanften Steigung von dreißig Grad den Berg hinauf und auf der anderen Seite wieder herunterkommen konnte, ohne mit Zickzacklinien Zeit und Kraft zu verschwenden. Während alle anderen über diesen letzten Riesenschritt der Kultur begeistert waren, konnte er, der diesen Schritt gemacht hatte, mit dem besten Willen nicht einsehen, daß er der Menschheit dadurch einen besonderen Dienst geleistet hatte. Gewiß, er hatte einen Rekord erlangt an Arbeit, Erfindungskunst, Präzision – und in seinem Bankkonto; – das war alles – ja, und außerdem hatten eine Menge Menschen von der Arbeit gelebt, während die Brücke im Bau war. Jetzt aber, wo sie fertig dalag, war und blieb sie eine tote Masse, deren Dasein zum mindesten gleichgültig war.

In seinem Gemüt war ein saugender Abgrund von Leere. Er versuchte, sich durch Philosophieren davon loszumachen: es sei ganz klar und auch natürlich, daß nach einer so riesenhaften Arbeit eine Reaktion kommen müsse; war ihm nicht ein ungeheurer Weisheitszahn aus dem Kopf gezogen und konnte das ohne Schmerzen vor sich gehen? Aber es half nichts: die Bedenken meldeten sich wieder und wieder. Die Brücke und alles, was vorangegangen und Voraussetzung dafür gewesen war, daß er es soweit bringen konnte, das alles hatte er mit dem bezahlt, was eigentlich unbezahlbar ist, weil es, einmal ausgeleert, sich nie wieder füllt. Und dieses ewig kostbare Lebendige hatte er für ein totes Ding von Eisen und Zement hingegeben. Wenn eine neue »Himmelsbrücke« auch durch den ganzen Himmelsraum geradesweg wegs zur Sonne führte, was hatte er davon, wenn er jede Million Kilogramm ihres toten Gewichts mit einer Unze seines Lebens bezahlen mußte?

Er konnte sich nicht davon freimachen. Es war ja sein Beruf, Schlüsse zu ziehen und darauf weiter zu bauen; dazu war er wie kein anderer trainiert.

Und so kam es, daß er sich nach einem Weg ins Freie umzusehen begann. Kaum war der Gedanke, fortzureisen und alles hinter sich zu lassen, in ihm geboren, als er auch schon fühlte, wie neue Kraft und neue Sehnsucht durch sein Gemüt zu strömen begannen.

Was verloren war, war verloren; noch aber war er jung und wollte leben.

Er entließ seine Ingenieure, schloß seine Bureaus, wickelte alle laufenden Geschäfte ab. Die Presse, die ihn seit seinem letzten Triumph überall verfolgte, schlug sofort Alarm. Warum ging er fort? War es wirklich wahr, daß Europa die Staaten überboten und ihn seinem Vaterland abspenstig gemacht hatte? Was hatte er im Sinn?

Well, er wollte Paris kennen lernen, nach einundzwanzigjähriger, ununterbrochener Arbeit ausruhen, war das nicht all right?

Eines schönen Morgens war er auf und davon. »New York Herald« folgte ihm auch nach der Seinestadt. Was aber kann ein Ferienbummler auf dem Boulevard Interessantes bieten, ein Hotelgast zwischen tausend anderen? Darum ließ man ihn bald in Frieden. Ralph ergötzte sich beim Gedanken daran, daß es in diesem Augenblick in den Staaten keine einzige Seele gab – Verwandte besaß er nicht – die ahnte, daß er an diesem strahlenden Neujahrsmorgen hier stand, mit dem einen Bein in Europa, mit dem anderen in Asien.

Er bahnte sich mit den Ellbogen einen Weg über den Platz und bereute, daß er seinen Ulster nicht im Auto gelassen hatte. So warm war es geworden.

Dort führte der enge, ausgetretene Völkerpfad quer über das Horn, gab und nahm und vermischte. Mitten auf dem Fahrweg stand ein dickleibiger Cerberus und streckte jedem seine Blechdose für das Brückengeld entgegen. Keiner entschlüpfte ihm.

Ralph bezahlte und ging auf den Fußsteig.

Möwen schwangen sich in regelmäßigen Rundbögen spähend und schreiend über das blaue Wasser, das hell glitzerte, als ob die Sonne Millionen von elektrischen Funken aus seiner Oberfläche zöge. Boote fuhren von Küste zu Küste mit spitzen, weißen Lateinersegeln, deren gekreuzte Flügel Schatten aufs Wasser warfen. Motoren töfften emsig mit ihrem giftigen Atem, durch den Wasserspiegel brodelnd. Weiter draußen, hinter der nächsten Brücke, ragten die Schornsteine und Masten der dunklen Kriegsschiffe durch die Luft. Ganz hinten verschlossen Eyubs Berge die Aussicht mit ihren ehrwürdigen Kirchhofszypressen. Geradevor und nach links, in einer großen Zunge nach Asien hinüber, breitete Stambul sich im Licht, sich mit seinen Minaretts im Wasser spiegelnd, stumm zur weißen Himmelswölbung hinausragend, die sieht und weiß und schweigt.

Die Holzbrücke knackte und zitterte. Ein Autobus arbeitete sich schwer und häßlich mitten durch den Strom. Ralph war kein Aesthetiker, aber dieses Stück Neuyork mitten in der Völkerwanderung stieß ihn wie einen Mißklang ab.

Er ertappte sich selbst auf einem plötzlichen Unwillen gegen die Kultur, die ihn erzeugt hatte, und von der er lebte. Betrachte ich das Leben schon wie ein Türke? dachte er und lächelte.

Ein Polizeioffizier – im grauen Mantelkragen, der mit einer Silberspange zusammengehalten wurde, und einem Astrachanfes mit dem Halbmond über der Stirn – kam in kurzem Galopp angesprengt, die Knie hochgezogen, wie Kosaken zu reiten pflegen. Ein schwitzender Neger, der sich unter einem mächtigen Bündel von buntem Baumwollzeug vorwärtsarbeitete, wäre fast von den Pferdehufen getroffen worden. Er blieb stehen und sah dem Reiter mit seinem großen, leidenden Tierblick lange nach, während seine dicken, geduldigen Lippen Worte murmelten.

Ralph ging langsam weiter und sah sich mit offenen Augen um.

Zwei lehmfarbige Perser mit hohen Hüten kamen würdig Hand und Hand dahergeschritten. Ein Tscherkesse trabte auf einem Rappen, die roten Schaftstiefel fest um die Flanken des Pferdes gepreßt, seine pelzverbrämte, weißgestickte Mütze schief auf dem blanken Haar.

Zwei riesengroße, gebeugte Eunuchen kamen ihm mit langen, schwankenden Schritten entgegen, weiche Frauenwangen, kleine ausdruckslose Augen, die in großen Höhlen schwammen, und weiße Zähne hinter schlaffen Lippen. Sie sprachen mit heiser flüsternden Stimmen und achteten nicht auf ihre Umgebung.

Eine Schar Griechen kam singend Arm in Arm mitten auf dem Fahrweg daher, sonnenverbrannt und brünett, berauscht von ungegärtem Wein, ausgelassen wie Ferienkinder.

Straßenverkäufer schrien mit den singenden Griechen um die Wette. Auf einem rumänischen Passagierdampfer, links vom Zollamt, rasselte das Gangspill beim Laden. Küstendampfer flöteten bei Ankunft und Abfahrt. Stimmen summten in allen Sprachen, eifrig, bedächtig, froh und düster durcheinander. Das Leben brach sich in einem Schaumwirbel von Lauten, die zu einer seltsam dumpfen Melodie verschmolzen – der ewige, immer wiederkehrende Aufgesang der Völkerwanderung auf dem Wettlauf nach einer höheren Kultur, einem größeren Glück.

Eine alte Karosse mit zwei feurigen Schwarzen kam in scharfem Galopp über die Brücke gedonnert, indem sie alles beiseite fegte. Neben dem Kutscher saß ein zwei Meter langer Kerl, mit einer roten Mütze über gestutzten Whiskers, in einer goldgestickten Salta mit weißem Rock und roten Gamaschen, ein Götzenbild, das einen Krummsäbel zwischen den Knien hielt. Es war ein Gesandtschaftskavaß. Aus der Dunkelheit des Wagens, hinter geschlossenen Fenstern schimmerte ein goldübersäter Frack, ein breites Ordensband unter einem weißen Bart und ein dreieckiger Hut. Auf dem Rücksitz saß ein weniger belasteter Sekretär.

Ralph spähte nach der Kokarde des Kutschers, um zu erraten, welche von den Großmächten bei der Goldenen Pforte Besuch gemacht hatte.

Einige Droschken kamen mit hinfällig klirrenden Fensterscheiben angewackelt, Gepäck auf dem Deck und einem Dragoman mit Cooks Schild am Hut auf dem Bock. Es waren neue Gäste aus Europa. Im selben Augenblick kam von der anderen Seite ein Koppel junger kaukasischer Pferde, die mit langen, faserigen Hanfstricken zusammengebunden waren. Zwei Bulgaren mit hitzigen Augen und blutroten Lippen drängten sie zusammen, schlagend und fluchend. Die erschreckten Pferde reckten die Hälse mit fliegenden Mähnen und bebenden Nüstern; die mittleren sprangen unter dem Druck in die Höhe, und im nächsten Augenblick entstand wilder Tumult. Da trat ein ruhiger türkischer Offizier dazwischen und veranlaßte die Bulgaren, ihren strammen Griff zu lockern, so daß die Tiere sich besinnen und ihrer friedlichen Natur folgen konnten.

Die Droschkenreihe mußte halten, bis das Koppel gesammelt war und unter munterem Geklapper auf dem Steinpflaster weitertrieb, was wie eine emsig arbeitende Schreibmaschine klang.

Ralph hatte reichlich Zeit, die Neuangekommenen zu betrachten.

Da waren Landsleute von ihm, mit flachen Reisemützen und kräftigem Teint, und ein deutscher Professor, der das Neue in seinem Baedeker statt auf der lebendigen Straße suchte.

In dem dritten Wagen saß eine junge Dame ganz allein. Sie trug einen weiten, grauen Staubmantel und einen indigofarbigen Automobilschleier, dessen Enden in einer dunklen Wolke hinter ihrem Rücken herflatterten. Ihr dunkelbraunes Haar fiel locker von der Stirn über die weißen Schläfen. Die starken Brauen waren eigenwillig geschwungen, mit einer kleinen Falte in der Mitte, tiefsinnig oder wehmütig. Die Nase war fein gebogen, etwas in ihrer Form erinnerte an nahe oder entfernte Verwandtschaft mit Judenblut; der Teint war weiß und gesättigt. Aber das alles war es nicht, was ihn anzog, es waren die Augen, die großen dunklen Pupillen, der starke und warme Blick, in Einsamkeit gereift, der sich dem Leben verwundert öffnete. Das war nicht der Blick einer Großstädterin. Er hatte solche Augen in den Bergen gesehen, aber nie in Neuyork.

Ralph interessierte sich besonders für Hände; er sammelte sie, studierte sie und ließ sich von ihnen in seinem Urteil beeinflussen. Schon als Knabe hatte er viel auf Hände gegeben.

Aergerlich, daß er ihre Hände nicht sehen konnte. Nach Stirn und Schultern zu urteilen, mußten sie kurz, weich, etwas zu breit sein, aber mit hübsch gerundeten Fingern, die unter klaren, weißen Nägeln spitz zuliefen.

Die Büste war kräftig, mit einer gespannten, aber hoch atmenden Brust. Sie saß aufgerichtet da, ein wenig vornübergebeugt und nahm das Leben mit kleinen empfindsam lauschenden Bewegungen entgegen, während die Eindrücke über ihr Gesicht huschten, wie der Wind über ein Weizenfeld; sie runzelte die Brauen, verzog den kleinen, empfindsamen Mund und krauste das Kinn, das ebenso wie die Stirn fein gerundet war. Von diesem ganzen Schattenspiel ging ein so warmer Atem aus, solch Duft von etwas Gutem, daß es ihn packte.

Solange die Wagen hielten, verwandte er keinen Blick von ihr, und schließlich erreichte der Strom seines Interesses sie und veranlaßte sie, den Kopf nach ihm umzudrehen: Ihre Blicke begegneten sich, und obgleich er seinen Blick sofort abwandte, fühlte er sich wie auf einer Indiskretion ertappt, sie beugte den Kopf über ihre Reisetasche, während der Kutscher schrie, die Pferde vorbeiklapperten und der Wagen weiterfuhr.

Was mochte sie für eine Landsmännin sein? Seine Erfahrung reichte hier nicht aus. Dann aber entschwand der Eindruck seinem Bewußtsein.

Als Ralph die Brücke passiert hatte, klingelte gerade eine elektrische Straßenbahn zur Abfahrt, mitten in dem Gewimmel von bunten Turbanen und roten Fes, die in allen Richtungen über den schmutzigen Markt eilten.

Eine Mißgeburt von einer Straßenbahn war es, klein und plump. Er zwängte sich auf die hintere Plattform zwischen zwei Jungtürken in europäischen Röcken, mit Kneifern und Bartstoppeln. Der Wagen war in zwei Teile getrennt, mit einer hölzernen Scheidewand, die der Schaffner hin und her schieben konnte, je nachdem sich viele oder wenige in dem vorderen Raum befanden, der für Frauen bestimmt war.

Sie saßen abgesperrt hinter einem Vorhang, der den Durchgang verdeckte, in langen, einfarbigen, grünen, roten oder blauen Kleidern, mit gleichfarbigen Kopftüchern. Das Gesicht vom Schleier verdeckt, saßen sie wie materialisierte Geister in einem Spiritistenkabinett.

Der Wagen kämpfte sich mit halber Kraft durch die dichtbevölkerte Straße vorwärts, unaufhörlich bimmelnd. Weiterhin wurde die Straße ruhiger, führte an verrosteten Eisengittern auf Marmorsockeln vorbei, hinter denen verwitterte Grabsteine standen, lange und flache, schiefe und gerade, die vornehmsten mit Kuppeln. Im Hintergrunde lag eine Moschee, weiß und geschlossen, die blinden Fensterbogen waren zur Sonnenseite gekehrt, die Minaretts saßen wie Schildwachen auf allen vier Ecken des Kuppelhimmels, der sich weiß und rein zu seinem hohen Genossen emporwölbte.

An einer Straßenecke stand ein ehrwürdiger Platanenbaum, dessen Rinde wie ein verblichenes Pantherfell aussah. Das Rascheln des dürren Laubes im Wind klang wie silbernes Schellengeläute.

Auf dem breiten Platz am Fuße der Sophie-Moschee saßen gutgekleidete Alttürken vor einem kleinen Café auf niedrigen Diwans, mit hochgezogenen Beinen, tranken Kaffee und rauchten ihren Tschibuk, während ein hochaufgeschossener Bengel herumging und Zeitungen verkaufte.

Wer tat die Arbeit in ihren Bureaus? Wer verkaufte, was verkauft werden mußte? Es war ja mitten in der Arbeitszeit!

Hatte Zeit keinen Wert für sie?

Die Straße wurde breiter, luftiger und heller. Zwischen Zypressen und Apfelsinenbäumen lagen Puppenhäuser aus Holzfiligran; dort stand eine einzelne abgehärtete Palme. Die Vorstadt gab sich durch die Kleidung und Manieren der Menschen kund.

Es war, als ob das Leben stehen bliebe, dann plötzlich wieder mit einem kleinen Ruck erwachte, wieder stehen bliebe und sich auf einem sonnigen Fleck vor einem Laden niedergelassen hätte, von dessen Decke eingeschrumpfte Würste herabhingen, und auf dessen schmutziger Ladenbank staubige Flachbrote und klebrige Kuchen lagen. Hühner liefen mitten auf dem Weg. Ein scheuer, räudiger Hund durchschnüffelte den Abfallhaufen unter einer verfallenen Gartenmauer. Arme Kinder spielten Ball mit verfaulten Mandarinen, in Lumpen gekleidete Männer saßen mit gekreuzten Beinen im Schatten der Häuser und rauchten ihre Pfeife, ohne ein Wort und ohne Sorgen.

Der Uebergang von der lärmenden Stadt zu der ländlichen Oede war so plötzlich und überwältigend, daß es wie eine Offenbarung auf Ralph wirkte. Er wunderte sich über diesen ziellosen Stillstand, der ihm fremd war. Sein ganzes Leben hatte er in emsigen Städten mit zielbewußten Menschen zugebracht. Es zog ihn an, ärgerte und fesselte ihn zugleich.

Sah das Leben vielleicht so aus, wenn man die Kultur abkratzte?

Er selbst war in kleinen Verhältnissen groß geworden. Er hatte Arbeiter in Kälte und Not gesehen und hatte sie verachtet, weil es seine Pflicht war, die Verkommenen zu verachten. Er hatte ihre Frauen und Kinder bei dem Generalstreik, der das Gelingen seiner Brücke beinah zuschanden gemacht, den er aber mit geballter Faust unterdrückt hatte, hungern sehen. Er hatte es ohne viel Mitgefühl getan, du lieber Gott, das Leben ist ja für uns alle schwer. Sie waren Stiefkinder, Sklaven der Kultur, aber andererseits auch hilflos ohne diese. Die meisten ahnten ja nicht einmal, daß das Leben auch für sie anders sein konnte.

Und war es ihm selbst nicht ebenso ergangen? Die Freude am Leben, ohne Rücksicht auf die kommende Stunde, das Glück, das in wunschlosem Verweilen liegt, das alles kannte er nur aus Büchern, an die er nicht einmal glaubte. Aber jetzt wollte er es kennen lernen. Er wollte das ursprüngliche, eigentliche Gesicht des Lebens sehen. Wenn er hier schon, auf der Schwelle zum Osten, einen Schimmer davon sah, wie vollständig würde es sich ihm dann erst dort hinter den grauen Höhen, in der uralten Welt entschleiern, wo alles, auch was jetzt lebt, seinen Ursprung hat.

Die Bahn hielt an der Endstation.

Vor ihnen lag die alte Stadtmauer mit den verwitterten Riesensteinen, Erderhöhungen, dem breiten Mauergang und den viereckigen Schießtürmen. Gerade vor der Endstation lag ein Wirtshaus mit gewölbten Torräumen, wo dunkle Muselmänner in der Hucke saßen und mit unbeweglichen, bärtigen Gesichtern hinter ihm herblickten.

Er folgte dem Weg längs der Mauer in nördlicher Richtung. Dornbüsche und Brombeersträuche wuchsen wild zwischen den Ruinen. Junge, anmutige Akazien klammerten sich zwischen den Ritzen an die Steine und hingen über den Weg.

Nachdem er eine halbe Stunde gegangen war, ohne einem Menschen zu begegnen, erweiterte der Weg sich plötzlich zu einem offenen Feld.

Dort drüben lagen schmutzige Zelte und dahinter, im Schutz der breiten Stadtmauer, einige Lehmhütten.

Ein Hund witterte ihn und bellte wie rasend. Vor dem nächstgelegenen Zelt richtete sich ein Mann von der Erde auf und starrte den Friedensstörer an. Ein weiblicher Kopf tauchte aus der Dunkelheit des Zeltgiebels auf.

Die elende Zuflucht armer Leute, im warmen, goldenen Licht des Nachmittags gebadet. Ralph sah auf der Karte nach. »Zigeunerviertel« stand da.

Mit Appetit machte er sich an das Abenteuer. Seinen Browning-Revolver hatte er in der Tasche, falls jemand ihm zu Leibe wollte.

Als er in die Nähe der Hütte gekommen war, saß der Mann wieder über seine Arbeit gebeugt. Er formte aus einem Stück Holz mit seiner Axt einen Handgriff.

Zwei stechende Augen blickten aus einem mageren, gelben Gesicht fragend zu Ralph auf. Darauf verzog sein Mund sich zu einem Lächeln: er grüßte auf Türkenart, indem er die Hand von der Erde zu Mund und Stirn führte.

Ein junges Weib und ein kleines Mädchen kamen aus dem Zelt und musterten Ralph mit ihren schwarzen Augen, während sie grüßten. Als er sie auf englisch anredete, schüttelte die Frau den Kopf und warf einen hastigen Blick auf den sitzenden Mann, als ob sie ihn um Rat befragen wollte.

Ralph studierte sie mit Muße.

Sie stand auf gespreizten Beinen, mit nackten Füßen, klein und untersetzt. Das staubige, lange Haar hing in Strähnen um die niedrige Stirn. Sie hatte blanke, leuchtende Augen; der Mund öffnete und schloß sich unter seinem Blick, als wüßte er nicht, ob er betteln oder verführen wollte.

Da streckte sie plötzlich ihre Hand aus und sagte: »Backshiis«.

Im selben Augenblick zupfte die Kleine von hinten an seinem Ulster. »Backshiis« sagte sie, und streckte ihm die schwarzen Händchen entgegen, mit großen Augen, die schon inständig bitten gelernt hatten. Und der Mann legte den Kopf auf die Seite, führte die Hand zum Munde und sagte »Backshiis«.

Mit einem plötzlichen Einfall stemmte Ralph die Hände in die Seite, wiegte sich in den Hüften und bedeutete der Frau, daß sie tanzen solle.

Sie verstanden ihn sofort. Auf einen Wink des Mannes sprang die Kleine ins Zelt und kam mit einem schmutzigen Tamburin zurück. Sie hob ihr Röckchen und wischte den Staub damit von dem Ding. Die Frau riß ihr Kopftuch ab, löste mit einem Ruck die aufgesteckten Flechten, warf den Kopf in den Nacken, heftete die langen geteilten Beinkleider bis an den Gürtel hinauf, streckte Ralph ihre festen, runden Arme mit offenen Handflächen entgegen und nickte der Kleinen zu, die das Tamburin mit der einen Hand schlug, während sie es mit der anderen durch die Luft rasseln ließ.

Die Frau sprang in die Höhe, zog die Arme ein und streckte sie ihm wieder entgegen, drehte den Kopf hin und her, beugte ihn vor und legte ihn in den Nacken. Die Zähne blitzten durch die weitgeöffneten Lippen, ihre Augen ließen ihn keinen Augenblick los. Sie drehte sich, beugte sich in den Knien, saß in der Hucke, sprang auf, schwang sich herum, aber drehte sich sofort wieder um und fing ihn wieder mit ihrem Blick ein. Schneller und schneller bewegte sie den Kopf, schwang und drehte sich, daß ihre Flechten wie Schlangen durch die Luft wirbelten. Ihre Backen glühten und ihre Augen brannten bei der rasenden Schnelligkeit. Der Mann erhob sich und begleitete sie mit singenden, erhitzenden Zurufen, schließlich entriß er der Kleinen das Tamburin, um es schneller zu schlagen, als sie es vermocht hatte.

Staub wirbelte um sie herum, feiner, weißer Staub in der glühenden Sonne, der sich mit dem Dampf ihres schweißtriefenden Körpers vermischte. Plötzlich flog das Tamburin ins Zelt, die Frau hielt mit einem Schlage inne und stand auf gespreizten Beinen vor Ralph, mit krampfhaft wogender Brust, glühenden Wangen, die Arme ihm entgegengestreckt wie zu Anfang. Ihre schwarzen, blitzenden Augen hingen wie gebannt an ihm, während die roten Lippen über weißen Zähnen schimmerten.

Ralph erwachte plötzlich wie aus einem Traum, Er hätte dieses Leben dort vor ihm, das wie ein langer, leidenschaftlicher Ton bebte, in seine Arme reißen mögen; aber er beherrschte sich, tat einen tiefen Atemzug, griff in die Tasche und warf einige Goldstücke in die Luft, die in der Sonne blitzten; sie fing sie mit ihrer offenen Hand auf. Dann machte sie eine heftige Bewegung, als ob sie sich auf ihn stürzen wollte, gab aber nur einen heiseren Kehllaut von sich. Darauf preßte sie die Münzen gegen ihre Lippen und nahm sie zwischen ihre weißen Zähne. Den Blick unverwandt auf seine festen, grauen Augen gerichtet, riß sie sich eine Kette vom Hals, griff nach seiner Hand und hängte sie ihm ums Handgelenk. Und jetzt fand sie auch das Wort, das sie suchte, das englische Wort, das sie kannte:

»Sweetheart! Sweetheart!«

Er lachte laut auf, mit seinem kurzen, kräftigen Lachen. Er verstand, was sie meinte; und ihre Augen, die jetzt ruhig geworden waren, bestätigten, daß er sie richtig verstanden habe: »Diese Kette sollst du deiner Braut geben.«

Es war eine silberne Kette mit vielen kleinen Amuletts: eine Hand, ein Fisch, ein Kreuz, ein Anker, ein Gesicht und eine Schlange. Indem er sie nach und nach durch seine Finger gleiten ließ, nickte sie und erklärte ihm mit einem Griff an Herz oder Auge, was sie zu bedeuten hätten.

Das war Ralph Cunnings erstes Abenteuer in der alten Welt.

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