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Der umgestaltete Mißgestaltete

George Gordon Noël Byron: Der umgestaltete Mißgestaltete - Kapitel 4
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authorGeorge Byron
titleDer umgestaltete Mißgestaltete
publisherVerlag von Phillip Reclam jun.
seriesLord Byrons sämtliche Werke
volumeDritter Band
translatorAdolf Seubert
correctorreuters@abc.de
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Zweiter Act.

Erster Auftritt.

Vor den Mauern Roms.

Der Sturm: Die Armee rückt mit Leitern an, um die Mauer zu ersteigen; Bourbon mit einer weißen Schärpe über der Rüstung als der Vorderste

Chor der Geister in der Luft.

Morgen ist's, doch trüb ringsum
Wohin fliegt die Lerche stumm?
Und wo bebt die Sonne hin?
Ist dies denn des Tags Beginn?
Melancholisch schaut und matt
Himmel auf die heil'ge Stadt;
Außen lärmt's mit solcher Macht,
Daß der Heil'ge drin erwacht;
Und der Helden Asche lebt,
Die der Tiber längst begräbt.
Sieben Hügel, auf! erwacht!
Eh' der Boden drunten kracht.

Horch des Heeres mächt'gen Schritt!
Mars erdröhnt in jedem Tritt.
Rhythmisch klingt er, wohl dressirt,
Wie der Mond die Flut regiert.
Vorwärts rücken sie zur Schlacht,
Wie's der Wasser Rollen macht,
Wenn es über Dämme fegt,
Doch in Ordnung sich bewegt:
Well' um Welle, Reih' um Reih'.
Horch das Klirren und Geschrei!
Wie der Krieger, grimmig, hart,
Auf die hohe Schranke starrt!
Da der Leiter Sprossengang
Wälzt sich's Nattern gleich entlang!

Schau der Mauer borst'gen Kamm!
Keine Lücke zeigt der Damm,
Speere schimmern in der Rund',
Schwarz gähnt der Kanone Schlund,
Lunten glühen, Büchsen drohn,
Bald von Mordgeschoß zu loh'n;
Waffenzeug von Alters her
Neben neuestem Gewehr
Sammelt in dem Kampfe sich
Heuschreckartig, schauerlich.
Remus' Schatten! Was hier naht,
Schreckt wie deines Bruders That.
Christ kämpft gegen Christi Schrein,
Wird sein Loos das deine sein?

Nah und näher, näher stets
Wie ein Erderbeben weht's;
Zitternd erst und dumpf und schwer,
Wie ein kaum erwachtes Meer.
Stärker dann, daß es betäubt,
Wie wenn Felsen es zerstäubt,
Wälzt das Heer sich kampfbereit. –
– Helden der Unsterblichkeit,
Mächt'ge Feldherrn, schattengrau,
Erste Blüt' der blut'gen Au,
Die die Mutter Rom umschloß,
Eines Volks, das bruderlos,
Wachet auf! Der Völkerstrauß
Reißet eure Lorbeern aus;
Die Carthago ihr beklagt,
Rom gilt's heut, weint nicht mehr – schlagt! Scipio Africanus soll einen Vers von Homer recitirt und über den Brand von Carthago geweint haben. Es wäre gescheidter gewesen, er hätte ihm eine Capitulation bewilligt.
Drauf Nation nun um Nation!
Lang gab Hunger die Ration.

Nach dem Wall mit Hungers Haß
Rücket nun die wilde Mass',
Wölfen gleich! – O stolze Stadt,
Thränen thaun dein Lorbeerblatt.
Römer! kämpft wie euer Ahn!
Alarich hat mild gethan
Gegen Bourbons schwarze Band',
Ew'ge Stadt, sei bei der Hand!
Auf! und leg' an Dach und Wand
Lieber selbst den Feuerbrand,
Als daß selbst dein schlechtest Haus
Fühlet dieses Heeres Graus!

Schau dies blutige Gesicht!
Rom erblüht ein Hector nicht:
Priam's Stamm trieb Bruderliebe
Rom's vergaß den ersten Trieb,
Sündhaft schlug und ohne Noth
Romulus den Bruder todt.
Sieh, sein Riesenschatten steigt
Um die Wälle weit verzweigt;
Als er übersprang den Wall,
War's der Anfang von dem Fall.
Thürmst du dich wie Babel auf,
Hemmst du doch nicht seinen Lauf,
Ueber deinen höchsten Dom
Steigt und schreit er Rache, Rom!

Jetzt erreicht dich ihre Wuth;
Höllenlärm und Rauch und Glut
Fassen, Weltenwunder, dich;
Tod zeigt auf den Wällen sich!
Jetzt begegnet sich der Stahl,
Leiter bricht im Feuerstrahl,
Mit ihr stürzt die Eisenlast
Fluchend nieder von dem Mast.
Doch für Jeden, der da fiel,
Klimmt ein neuer rasch zum Ziel.
Dicht'rer Kampf! Des Grabens Flut
Röthet schon Europas Blut.
Rom! wirst heut' du auch gefällt,
Solcher Dünger freut dein Feld,
Und dein Herbst wird fett und froh,
Doch dein Herd nicht ebenso.
Doch bleib' Rom trotz aller Pein,
Kämpf' wie als der Sieg war dein!

Noch einmal, Penaten, laßt
Ate nicht am Herd als Gast.
Heldenschatten, steigt ans Licht,
Weicht vor diesen Nero's nicht!
Der die Mutter schlug ins Joch
Euer Bruder war er doch!
Nur ein Römer beugte Rom,
Brennus narrte ein Phantom.
Märtyrer und Heil'ge auf!
Heil'ge Rechte habt ihr drauf.
Götter! deren Tempel fällt,
Doch im Fall noch schreckt die Welt,
Altargründer, steigt empor!
Schlag den Feind, du Christenchor!
Zeige, Tiber, daß dein Strom
Sich entsetzet über Rom!
Jedes Herz schlag' hoch und treu
Wie ein angefall'ner Leu!
Rom zerstäube zum Atom,
Doch es bleib' des Römers Rom.

(Bourbon, Arnold, Cäsar und Andere erscheinen am Fuße der Mauer. Arnold will seine Leiter aufstellen.)

Bourbon. Halt, Arnold! Halt! ich muß der Erste sein!

Arnold. Nein, gnäd'ger Herr!

Bourbon. Halt, sag' ich! Ich befehl's!
Folgt mir! auf solch' Gefolge bin ich stolz,
Doch einen Führer duld' ich nicht.

(Bourbon legt die Leiter an und beginnt zu steigen.)

Nun drauf!
Ihr Bursche, drauf!

(Ein Schuß trifft ihn, Bourbon fällt.)

Cäsar. Und dran!

Arnold. Ihr ew'gen Mächte!
Erschrecken wird das Heer, doch Rache, Rache!

Bourbon. 'S ist nichts! Gib mir die Hand!

(Bourbon nimmt Arnold's Hand und steigt. Wie er aber den Fuß aufsetzt, sinkt
er wieder.)

Arnold! mit mir Ist's aus! birg meinen Fall! Es geht schon gut!
Verbirg's! Wirf meinen Mantel über das,
Was bald nun Staub wird sein, damit's das Heer
Nicht sieht.

Arnold. Man muß bei Seit' Euch schaffen. Helft!

Bourbon. Nein, tapfrer Freund! der Tod sitzt mir im Hals.
Indeß, Ein Leben macht hier nichts. Mein Geist
Führt das Commando noch. Doch lasse sie
Im Dunkel noch, daß ich nur Thon, bis sie
Die Stadt gewonnen – dann – thu wie du willst.

Cäsar. Wollt Ihr das Kreuz nicht küssen, gnäd'ger Herr?
Wir haben keine Priester hier, allein
Ein Schwertgriff thut es auch – auch Bayard that
Ja so.

Bourbon.. Boshafter Sklav! ihn nennen jetzt!
Doch ich verdien's.

Arnold. (zu Cäsar). Schuft! schweige still!

Cäsar. Weshalb?
Soll ich dem Christen, der da stirbt, nicht helfen,
Daß er zum Frieden kommt?

Arnold. Still, still! O Gott!
Dies Aug' verglast, das eine Welt umschloß
Und nicht sein's Gleichen sah.

Bourbon.. Arnold, wenn du
Nach Frankreich kommst – doch horch! der Sturm nimmt zu!
O eine Stunde, 'ne Minute nur,
Daß innerhalb des Walls ich sterben könnt'!
Fort, Arnold! fort! verlier' nicht deine Zeit
Mit mir, sonst nehmen Rom sie ohne dich.

Arnold. Wie ohne dich!

Bourbon. Das nicht! Ich führ' sie noch
Im Geist. Deck' meinen Staub und athme nicht,
Daß ich zu athmen aufgehört. Fort! fort!
Verfolg' den Sieg!

Arnold. Ich kann Euch so nicht lassen.

Bourbon. Du mußt! Leb' wohl! Drauf, drauf! Die Welt ist schön!

(Bourbon stirbt.)

Cäsar (zu Arnold). Kommt ans Geschäft!

Arnold. Ja! später will ich weinen.

(Arnold bedeckt Bourbons Leiche mit einem Mantel, und beginnt die Leiter zu ersteigen, indem er ruft:)

Bourbon! Bourbon! Drauf, Bursche! Rom ist unser!

Cäsar. Gut Nacht, Herr Connetabel! warst ein Mann!

(Cäsar folgt Arnold: sie erreichen die Zinne; Arnold und Cäsar werden niedergeschlagen.)

Ein prächt'ger Purzelbaum! Seid Ihr verletzt?

Arnold. Ich? Nein! (steigt die Leiter wieder hinauf).

Cäsar. Ein seltner Bluthund, wenn er warm.
Und 's ist kein Kinderspiel. Jetzt schlägt er auf
Sie los; er faßt die Zinne schon, als wär'
Es ein Altar. Jetzt setzt den Fuß er drauf!
Wer da? Ein Römer? He? (Ein Mann fällt.)
Der erste Vogel!
Er fiel aus seinem Nest. Wie geht's, mein Bursch?

Verwundeter. 'Nen Tropfen Wasser nur!

Cäsar. Blut ist das Naß,
Das einzig hier zur Hand.

Verwundeter. Ich sterb' für Rom. (Stirbt.)

Cäsar. So that auch Bourbon, nur in andrem Sinn.
O die Unsterblichen und ihre Ziele!
Doch meinem jungen Zögling muß ich nach.
Er ist wol auf dem Forum schon. Drauf, drauf!

( Cäsar ersteigt die Leiter. Verwandlung.)

Zweiter Auftritt.

Die Stadt.

Straßenkampf zwischen Belagerern und Belagerten, Einwohner fliehen in Verwirrung.

Cäsar. Ich finde meinen Helden nicht. Er ist
Mit jener tapfern Schaar vermischt, die jetzt
Die Flüchtigen verfolgt, und da und dort
Mit der Verzweiflung ringt. Was gibt's denn hier?
Ha Cardinäle, die zum Märtyrthum
Nicht Lust zu haben scheinen. Wie es lauft
Das Rothgebein! Es wär' ein Glück, wenn sie
Die Hosen auch so schnell beseit'gen könnten,
Wie erst den Hut – ein Zeichen wen'ger für
Die Plünderung! Sie mögen fliehn indeß,
Die rothen Gossen werden wol den Herrn
Den Strumpf nicht sehr beschmutzen, da der Koth
Jetzt auch die Purpurfarbe trägt.

( Fechtende. Arnold an der Spitze der Belagerer.)

Er kommt!
Und Hand in Hand mit jenem Zwillingspaar,
Blutgier und Ruhm! – So haltet, Graf.!

Arnold. Hinweg
Sie dürfen sich nicht sammeln.

Cäsar. Nicht so rasch!
Laßt Euch bedeuten! Eine goldne Brücke
Taugt für den Fliehenden. Ich schenkte dir
Der Schönheit Form und schützte dich dazu
Vor körperlichem Weh, doch nicht vor des
Gemüths, was meine Sache nicht. Auch gab
Ich dir zwar des Achill Gestalt, doch taucht'
Ich in den Styx dich nicht, und gegen Blei
Könnt' ich dein Ritterherz nicht besser fei'n
Als Jenes Ferse. Sei behutsam drum
Und denk', daß du noch sterblich bist.

Arnold. Und wer,
Der eine Seel' besitzt, möcht' kämpfen, wenn
Er unverwundbar wär'? Dann wär's kein Spaß!
Glaubst du, ich jage Hasen nach, wo noch
Ein Löwe brüllt? ( Arnold stürzt sich in den Kampf.)

Cäsar. Ein prächtig Muster dieses Menschenpacks!
Es kocht sein Blut; fließt erst ein wenig ab,
Wird schon sein Fieber etwas linder sein.

( Arnold greift einen Römer an, der sich nach einer Thorhalle zurückzieht.)

Arnold. Ergib dich, Sklav'! Ich biete Gnade dir.

Römer. Ja, das ist gleich gesagt.

Arnold. Und auch gethan.
Man kennt mein Wort.

Römer. Einst kennt man meine That.

( Sie kämpfen von Neuem. Cäsar tritt vor.)

Cäsar. Hör', Arnold, thu gemach. Es steht vor dir
Ein großer Künstler, ein geschickter Bildner,
Der trefflich auch das Schwert führt und den Dolch.
Nicht wahr, mein Musketier? Er war's, der dort
Vom Wall herab den Bourbon schoß.

Arnold. Der that's!
Dann hat er sich sein Monument geschnitzt.

Römer. Vielleicht ich lebe noch, um dieser Welt
Manch besser Denkmal als von dir zu schnitzen.

Cäsar. Sehr gut gesprochen, Marmormann! Du hast
In Beidem ein'ge Praxis, Benvenuto!
Und wer Cellini schlagen will, muß haun
So fest wie du Carrara's Blöcke haust.

( Arnold entwaffnet Cellini und verwundet ihn leicht. Der Letztere zieht eine Pistole hervor und feuert. Dann zieht er sich zurück und verschwindet in dem Thorgange.)

Cäsar. Was ist dir, Freund? Dich traf, scheint's, ein Gericht
Von der Bellona blutigem Bankett.

Arnold ( schwankt). Nur eine Schramm', gib deine Schärpe mir.
Er soll mir nicht entgeh».

Cäsar. Laß sehn! wo ist's?

Arnold. Hier in der Schulter, doch am Schwertarm nicht.
Das ist genug. Ich dürste sehr. Ich wollt',
Ich hätt' 'nen Helm voll frischen Wassers hier.

Cäsar. Die Flüssigkeit ist heut' gesucht, doch nicht
So häufig zu erspähn.

Arnold. Mein Durst nimmt zu.
Doch Mittel find' ich, ihn zu löschen, schon.

Cäsar. Wenn du nicht selbst wirst ausgelöscht.

Arnold. Das hält
Die Wage sich; wir könnten würfeln drum.
Doch ich verlier' mit Schwatzen meine Zeit.
Ich bitte, schnell! ( Cäsar bindet ihm die Schärpe um.)
Warum bist aber du
So träg? Warum schlägst du nicht zu?

Cäsar. Du weißt,
Der ächte Weise schaut die Menschheit an,
Wie die olymp'schen Spiele man beschaut.
Wenn einen Preis ich find', um den zu kämpfen
Es sich verlohnt, werd' ich ein Milo sein.

Arnold. Ja, gegen eine Eiche.

Cäsar. Wenn mir's paßt,
Auch gegen einen Wald. Ich kämpfe nur
Mit Massen oder nicht. Inzwischen geh'
Du deinem Spaß nach, wie dem meinen ich:
Und der besteht im Zuschaun heut', wie all
Die Schnitter hier die Ernt' mir gratis schneiden.

Arnold. Du bleibst ein Teufel!

Cäsar. Du ein Mensch!

Arnold. Als Mann
Möcht' ich mich wenigstens erweisen.

Cäsar. Ja.
Wie Mann und Mensch hier ist!

Arnold. Das heißt?

Cäsar. Du fühlst's!

( Arnold betheiligt sich wieder am Kampf, der zwischen einzelnen Abteilungen noch fortdauert. – Verwandlung.)

Dritter Auftritt.

Das Innere der Peterskirche.

Der Papst am Altar. Priester in Verwirrung zusammenlaufend. Bürger, die ein Asyl suchen, verfolgt von der Soldateska. – Cäsar tritt auf.

Ein spanischer Soldat. Schlagt sie zu Boden! Nehmt die Leuchter
weg!
Haut jenen kahlgeschor'nen Pfaffen bis
Zum Halsbein durch! – Sein Rosenkranz ist Gold.

Lutherischer Soldat. Jetzt Rache, Rache! Plündert späterhin!
Doch Rache jetzt! Dort steht der Antichrist.

Cäsar ( tritt dazwischen). Freund Ketzer, was ist los? Was willst
du denn?

Lutherischer Soldat. Den stolzen Antichrist in Stücke haun,
In Christi heil'gem Namen! Ich bin Christ.

Cäsar. Ja, ja, ein Schüler, der den Meister leicht
Bestimmen könnt', den Glauben abzuthun,
Erblickte solche Proselyten er.
Begnüge lieber mit der Plündrung dich.

Lutherischer Soldat. Ich sag', es ist der Teufel!

Cäsar. Still, Behalt's
Für dich! Damit er als sein Eigenthum
Dich nicht verlangt.

Lutherischer Soldat. Warum wollt Ihr ihn retten?
Ich sag' es noch einmal: der Teufel ist's!
Wo nicht, des Teufels sein Vicar auf Erden.

Cäsar. Das ist's gerad'! Warum wollt Händel Ihr
Mit eurem besten Freund? Beruhigt Euch,
Sein Stündlein ist noch nicht gekommen. – Glaubt's!

Lutherischer Soldat. Das will ich sehn!

( Der lutherische Soldat stürzt vor. Ein Schuß trifft ihn von einer der Wachen des Papstes. Er fällt am Fuße des Altars.)

Cäsar ( zu dem Lutheraner). Ich hab's Euch ja gesagt.

Lutherischer Soldat. Rächt Ihr mich nicht?

Cäsar. O nein! Ihr kennt den Spruch:
Die Rache sei des Herrn! Ihr seht, er liebt
Es nicht, wenn Einer sich dazwischen drängt.

Lutherischer Soldat ( sterbend). O hätt' ich ihn erschlagen! Ew'ger Ruhm
Hätt' mich dafür gekrönt! Vergib, o Himmel!
Daß dieser schwache Arm ihn nicht erreicht
Und nimm in Gnaden deinen Diener auf.
Uns bleibt doch noch ein herrlicher Triumph:
Das stolze Babel ist nicht mehr! Die Metze
Der Sieben Hügel hat den Purpurrock
In Sack und Asche nun gekehrt. ( Der Lutheraner stirbt)

Cäsar. Jawol,
Mein Freund!, Und bald zu Asche kehrst auch du.
Das hat sie gut gemacht, die alte Babel!

( Die Wachen vertheidigen sich tapfer, während der Papst auf einem geheimen Weg nach dem Vatikan und der Engelsburg entwischt.))

Ha brav gekämpft! Hier Priester, dort Soldat!
Die zwei gewalt'gen Professionen sind
Nun an einander, Herz an Herz. Ich sah
Kein lust'ger Stück, seit Titus Zion nahm.
Doch damals war der Römer oben auf.
Jetzt ist des Liegens Reih' an ihm!

Soldaten. Er ist
Entwischt! Ihm nach!

Andere Soldaten. Der Gang ist abgesperrt
Und bis zur Thür mit Todten angefüllt.

Cäsar. Es freut mich, daß er durchgekommen ist
Das hat der Bursche theilweis mir zu danken;
Ich möchte nicht um seine Bullen kommen,
Sie sind so viel werth als die halbe Hölle.
Die Indulgenzen muß man ihm vergelten.
Nein, nein! Der darf nicht fallen. Ueberdies
Gilt sein Entwischen künftig als Mirakel
Und neue Probe der Unfehlbarkeit.

( Zu den spanischen Soldaten.)

Ihr Kehlabschneider! was besinnt ihr euch?
Wenn ihr nicht eilt, bleibt euch kein Ringlein mehr
Von frommem Gold. Und ihr katholisch Volk,
Wollt ihr nicht ein Reliquienstück nach Haus
Von solchem Pilgerzuge bringen? Wie?
Die Lutheraner sind ja frömmer gar!
Seht, wie sie die Altäre sauber räumen!

Soldaten. Beim heil'gen Peter! er hat Recht! Die Ketzer
Verschleppen uns das Beste schon.

Cäsar. Das wär'
'Ne Schand'! Greift zu! Helft diesen Neubekehrten!

(Die Soldaten zerstreuen sich. Viele verlassen die Kirche, Andere kommen zurück.)

Sie gehn und Andre kommen. Also fließt
Die Well' der Welle nach in dieser so
Genannten Ewigkeit. Sie halten für
Die Brandung sich des Ozeans und sind
Doch seine Blasen nur und wissen nicht,
Daß sie aus Schaum geschaffen sind. – Da kommt
Ein neuer Trieb.

(Olimpia tritt auf, vor ihren Verfolgern fliehend. Sie springt auf den Altar.)

Soldat. Jetzt ist sie mein!

Zweiter Soldat (stellt sich dem Ersten entgegen). Du lügst!
Ich faßte sie zuerst, und wäre sie
Des Papstes Nichte selbst, ich lass' sie nicht.

(Sie fechten.)

Dritter Soldat (gegen Olimpia vorgehend). Vertragt euch schön! Ich
nehm' mir selbst mein Recht.

Olimpia. Verruchter Sklav', du greifst mich lebend nicht.

Dritter Soldat. Lebendig oder todt!

Olimpia (ergreift ein gewichtiges Crucifix). Acht' deinen Gott!

Dritter Soldat. Gewiß, wenn er von Gold! Mein Schatz, du
hast die Mitgift in der Hand.

(Während er auf sie eindringt, schleudert Olimpia das Crucifix mit gewaltiger Anstrengung gegen ihn. Es trifft ihn, der Soldat stürzt.)

Dritter Soldat. Mein Gott!

Olimpia. Ha, jetzt
Erkennst du ihn!

Dritter Soldat. Mein Schädel ist entzwei!
Kam'raden helft! 's wird Nacht! (Er stirbt.)

Andere Soldaten (stürzen hinzu). Hin muß sie sein
Und wenn sie tausend Leben hätt'! Sie hat
Uns unsern Kameraden todt gemacht.

Olimpia. Willkommen solch ein Tod! Das Leben, das
Ihr schenken mögt, nähm' nicht der letzte Sklav'.
O großer Gott! nimm jetzt aus deines Sohns,
Aus seiner Mutter Hand mich so, wie ich
Dir nahen möcht', werth ihrer, seiner, dein!

(Arnold tritt auf.)

Arnold. Was seh' ich! Ihr verfluchten Schakals, halt!

Cäsar (bei Seite, lachend). Hier heißt es billig sein. Das Hundevolk
Hat so viel Recht, wie er. – Jedoch zum Schluß!

Soldaten. Sie hat uns den Kam'raden todt gemacht!

Arnold. Mit welcher Waffe?

Soldaten. Mit dem Kreuz! Da seht!
Da liegt der Kerl, mehr Wurm als Mensch. Sie hat's
Ihm ans den Kopf geschleudert.

Arnold. Wirklich? – Nun,
Ein solches Weib ist eines Edeln werth,
Und wärt ihr das, ihr hättet sie geehrt,
Doch nun hinweg! und danket euer Leben
Nur eurer Schlechtigkeit. Ihr habt ja doch
Sonst keinen Gott. Ja, hättet ihr ein Haar
Berührt von diesen aufgelösten Locken,
Ich hätte eure Reihen mehr verdünnt,
Als wenn ihr Feinde wärt. Hinweg, Schakals!
Nagt an den Knochen, die der Leu euch läßt,
Doch selbst nicht daran, eh' er es erlaubt.

Ein Soldat (murrend). Dann mag der Leu erobern auch allein!

Arnold (haut ihn nieder). Du Meuterer, Rebell! Zur Höll'! Auf Erden
Sollst du gehorchen!

(Die Soldaten dringen auf Arnold ein.)

Kommt nur, Sklaven! kommt!
Mir grade recht! Ich will euch zeigen, wie
Man euch befehl'gen muß, wer euch zum Wall
Geführt, den ihr so furchtsam erst erklommt,
Bis ich die Fahne von den Zinnen schwenkte,
Als jetzt ihr frech im Innern seid.

(Arnold haut die Vordersten nieder; die Uebrigen strecken die Waffen.)

Soldaten. Habt Gnade!

Arnold. So lernet ihr auch sie gewähren, Bursche!
Erkennt ihr nun, wer über Roma's Wall
Euch hat gebracht?

Soldaten. Wir sahn's und wissen's wohl.
Verzeiht doch eines Augenblickes Wahn
In der Eroberung Glut, zu der ja Ihr
Uns heut' geführt.

Arnold. So geht von hinnen jetzt
Nach dem Quartier! In der Colonna Haus
Hab' ich's bestimmt.

Olimpia. In meines Vaters Haus!

Arnold (zu den Soldaten). Laßt eure Waffen hier, ihr braucht sie nun
Nicht mehr, die Stadt ist über. Aber merkt's:
Die Hände haltet rein, sonst finde ich
'Nen Fluß so roth wie heut' der Tiber ist,
Und tauf' euch drin, bei Gott!

Soldaten (legen die Waffen nieder und gehen). Wir folgen Euch.

Arnold (zu Olimpia). Signora, Ihr seid frei!

Olimpia. Ich wär's, wenn ich
Ein Messer hätt'! Jedoch, gleichviel! Der Tod
Hat tausend Thore, und am Marmor dort,
Am Fuße des Altares selbst, von dem
Ich auf Zerstörung niederschau', will ich
Die Stirne mir zerschmettern, eh' herauf
Du steigst. Gott möge dir verzeihen, Mann!

Arnold. Ich möchte wol erlangen sein Verzeihn
Und deines auch, die ich doch nie gekränkt.

Olimpia. Nein, du hast nur mein Vaterland verheert,
Das ist nicht Kränkung! Meines Vaters Haus
Zur Diebeshöhl' gemacht, das ist nicht Kränkung!
Den Tempel hier mit Römerblut befleckt,
Mit heil'gem Blut! Das ist nicht Kränkung! Und
Mich selbst willst du erhalten nun, damit
Ich dir – doch das soll nie geschehn!

(Sie hebt die Augen zum Himmel, wickelt sich in ihr Gewand und schickt sich an, sich auf der Arnold entgegengesetzten Seite vom Altar zu stürzen.)

Arnold. Halt ein!
Ich schwöre dir!

Olimpia. Erspare deiner Seel',
Die schon verwirkt ist, diesen Meineid mehr,
Für den die Hölle selbst dich hassen müßt'.
Ich kenne dich!

Arnold. Du kennst mich nicht: ich bin
Von diesen nicht –

Olimpia. Nach deinen Blutgenossen
Taxir' ich dich; Gott wird's, wie du's verdienst.
Ich seh' dich roth vom Blute meines Rom,
So nimm auch mein's. Sonst wird dir nichts von mir,
Und auf dem Marmorpflaster dieses Doms,
Wo mich zu Gottes Kind die Taufe rief,
Weih' ich ein Blut Ihm, wen'ger heilig wol,
Doch wen'ger rein nicht (denn 's ist ja so rein,
Wie da ich noch ein Kind), als jenes Naß,
Das uns die Heiligen geweiht.

(Olimpia macht eine verächtliche Geberde gegen Arnold und stürzt sich vom Altar auf die Platten.)

Arnold. O Gott!
O ew'ger Gott! ich fühl dich nun! Hilf! hilf!
Sie ist dahin!

Cäsar (nähert sich). Da bin ich.

Arnold. Du? Gleichviel!
Errette sie!

Cäsar (hilft ihm Olimpia aufheben). Sie hat es gut gemacht.
Der Sprung war ernst gemeint.

Arnold. Sie lebt nicht mehr!

Cäsar. Wenn das ist, hab' ich nichts mit ihr zu thun.
Das Auferstehen ist nicht mein Gebiet.

Arnold. Ha Sklav'!

Cäsar. Ei Sklave oder Meister, das
Bleibt hier sich gleich; indeß ein gutes Wort
Scheint mir zu jeder Zeit am Platz.

Arnold. Ein Wort!
Kannst du sie retten?

Cäsar. Nun! versuchen will
Ich's wol. Das heil'ge Wasser kann dabei
Von guter Wirkung sein.

(Er holt in seinem Helm aus dem Taufstein etwas Wasser.)

Arnold. Es ist mit Blut
Gemischt.

Cäsar. Rein Wasser gibt's jetzt nicht in Rom.

Arnold. Wie blaß, wie schön, wie lebenslos! Doch ob
Lebendig oder todt, ich liebe dich,
Du aller Schönheit Inbegriff!

Cäsar. Achill
Hat einst Penthesilea so geliebt.
Mit seiner Form hast du, wie's scheint, sein Herz
Erwischt; doch war's nicht weich.

Arnold. Sie athmet! Nein!
'S war nichts! vielleicht das letzte Flackern nur,
Wo Leben mit dem Tode kämpft!

Cäsar. Sie athmet.

Arnold. Du sagst es: dann ist's wahr.

Cäsar. Du thust mir Recht.
Der Teufel spricht die Wahrheit öfter, als
Man glaubt. Nur ist sein Publikum oft dumm
Und taub.

Arnold (ohne auf ihn zu achten). Ja, ja! es schlägt ihr Herz! Ach daß
Der erste Schlag des einz'gen Herzens, das
Im Einklang ich mit meinem gern gehört,
Entgegen eines Mörders Pulse schlägt!

Cäsar. Gar weis' bedacht! Doch kommt es etwas spät
An solchem Tag. – Wo bringen wir sie hin?
Sie lebt.

Arnold. Und wird sie lebend bleiben?

Cäsar. Nun,
Wie Staub es kann.

Arnold. Dann ist sie todt.

Cäsar. Ei was!
Das bist auch du und merkst es nicht. Sie wird
Zurück zu jenem Leben kommen, das
Dir Leben dünkt und das du selbst jetzt lebst.
Indeß hier braucht es menschliche Arznei.

Arnold. So bringen wir nach Haus Colonna sie,
Wo ich mein Banner aufgepflanzt.

Cäsar. Wolan,
Heb' sie empor!

Arnold. Doch sanft!

Cäsar. So sanft, wie man
Die Todten trägt, vielleicht weil sie nicht mehr
Empfinden, wie man pufft.

Arnold. Lebt wirklich sie?

Cäsar. Ja! ängstige dich nicht. Doch wenn du's je
Hienach bereust, klag' mich nicht an.

Arnold. O laß
Sie leben doch!

Cäsar. Des Lebens Geist ist noch
In ihrer Brust und kann sich neu beleben.
Graf! Graf! Ich bin in Allem Euer Knecht
Und dies hier ist ein neu Geschäft für mich.
Gar selten nur befaß ich mich damit.
Doch siehst du dran, wie wahr der Freund ist, den
Du Teufel oft genannt. Auf Erden ist
Der Teufel oft euch einzig Freund. Und ich
Verlaß die Meinen nicht. – Nur sachte! tragt
Den holden Halbstaub fort, der nahezu
Schon Geist. Ich bin beinah' in sie verliebt,
Wie einst die Engel in die ersten Frau'n.

Arnold. Du?

Cäsar. Ich! Doch fürchte nichts! Ich bin nicht dein
Rival.

Arnold. Rival?

Cäsar. Ich könnt' ein furchtbarer
Wol sein. Doch seit ich jene sieben Männer
Bei des Tobias spät'rer Braut erwürgt
(Mit etwas Weihrauch ward ich dann entfernt),
Ersann und spann ich keine Ränke mehr.
Der Preis ist seine große Müh' nicht werth,
Und kaum wird man ihn jemals wieder los.
Da steckt der Knoten, wenigstens für euch.

Arnold. Ich bitte dich, sei still! Die Lippe regt
Sich etwas schon, es öffnen sich die Augen. –

Cäsar. Wie Sterne, ja! Denn dieses Gleichniß paßt
Für Lucifern und Venus.

Arnold. Nach Palast
Colonna, wie ich Euch gesagt.

Cäsar. Längst kenn'
Ich meinen Weg in Rom.

Arnold. Jetzt sachte fort!

(Olimpia wird fortgetragen. Verwandlung.)

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