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Der umgestaltete Mißgestaltete

George Gordon Noël Byron: Der umgestaltete Mißgestaltete - Kapitel 3
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authorGeorge Byron
titleDer umgestaltete Mißgestaltete
publisherVerlag von Phillip Reclam jun.
seriesLord Byrons sämtliche Werke
volumeDritter Band
translatorAdolf Seubert
correctorreuters@abc.de
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Erster Act.

Erster Auftritt.

Wald.

Arnold und seine Mutter Bertha treten auf.

Bertha. Fort, Buckliger!

Arnold. So bracht'st du mich zur Welt.

Bertha. Du Alp, du Nachtmahr! einz'ge Fehlgeburt
Von sieben Söhnen, du!

Arnold. Ich wollt', ich war's
Und hätte nie das Licht erblickt!

Bertha. Ich auch!
Doch weil du's hast, so pack' dich fort! Sieh', wie
Du fertig wirst. Dein Buckel kann was tragen.
Er ist erhöhter ja, wenn auch so breit
Wie andrer Menschen nicht.

Arnold. Und trägt auch schon
Sein gut Gewicht. Allein wird auch mein Herz
Ertragen, Mutter, was du's tragen läßt?
Ich liebe dich. Ich that es wenigstens;
Nur du allein kannst meines Gleichen lieben,
Denn du hast mich genährt. Bring' mich nicht um.

Bertha. Ja wol! ich nährte dich, weil du mein erst
Geborner warst und ich nicht wissen konnt',
Ob Einer kommen würd', der dir nicht glich,
Du Scheusal der Natur! – Doch jetzt hinaus
Und sammle Holz!

Arnold. Ich will es thun; doch wenn
Ich's bring', so rede lieb mit mir. Wenn schön
Und herrlich meine Brüder sind und frei,
Frei wie die Jagd, die sie verfolgen, so
Verachte mich drum nicht. Die gleiche Milch
Hat uns genährt.

Bertha. Ja, wie den Igel, wenn
Um Mitternacht an der gesunden Mutter,
Des jungen Kalbs er saugt, daß dann am Tag
Die Zitze sauer, leer das Euter hängt!
Nenn' deine Brüder Brüder nicht! Nenn' mich
Nicht Mutter! Wenn ich dich gebar, so war's,
Wie dumme Hennen manchmal Nattern brüten,
Wenn sie auf fremdem Ei gesessen. Fort,
Fort, Ungethüm! ( Bertha ab.)

Arnold. O Mutter! – Sie ist fort,
Und ich muß thun, wie sie befahl. Doch trotz
Der Mühe thät ich's gern, könnt' ich nur hoffen,
Daß sie dafür ein freundlich Wort mir schenkte.
Was soll ich thun?

( Arnold beginnt Holz zu hauen und verwundet sich dabei an der Hand.)

Mein Tagewerk ist nun
Gethan. Verwünscht dies Blut, das mir so schnell
Entfließt, denn doppelt Fluchen wird mein Lohn
Jetzt sein daheim! – Was heim? Ich hab' kein Heim,
Kein Anverwandtes, bin ja nicht gemacht
Wie andres Volk, darf dessen Lust nicht theilen.
Muß ich denn bluten doch wie sie? O daß
Ein jeder Tropfen, der zur Erde fällt,
Dort eine Schlange zeugte, sie zu stechen,
Wie jene mich gestochen! Wenn der Teufel,
Mit dem sie mich vergleichen, seines Gleichen
Doch helfen wollt'! Wenn seine Form ich theil',
Warum nicht seine Macht? Ist's darum so,
Weil mir sein Geist, sein starker Wille fehlt?
Denn ach! ein gütig Wort von der, die mich
Gebar, würd' selbst mit dieser Schreckensform
Versöhnen mich. – Ich will die Wunde waschen.
( Arnold geht nach einer Quelle, um seine Hand zu waschen. – Er fährt zurück.)
Sie haben Recht! Mir zeigt der Spiegel der
Natur, wozu sie mich gemacht. Ich will
Nicht nochmals hinsehn, mag kaum denken dran,
Welch scheußlich Ding ich bin. Das Wasser selbst
Verhöhnt mit meinem Schreckensschatten mich,
Als ob ein Teufel tief im Borne säß',
Um selbst das Vieh vom Saufen abzuschrecken.(Er hält inne.)
Und muß ich weiter leben als 'ne Last
Für diese Erde, für mich selbst? als Schmach
Für die, die mir das Leben gab? O Blut,
Das hier so frei aus einer Ritze fließt,
Laß sehn, ob nicht in voll'rem Strome du
Mein Weh für immer mit zur Erde nimmst,
Der ich zugleich dies häßliche Gebäck
Aus ihrem Grundstoff wieder geben will,
Es in die Elemente aufzulösen
Und die Gestalt von irgend einem Wurm,
Der nur nicht ich, mir anzuziehn, 'ne Welt
Für Myriaden neu'n Gewürmes bildend.
Laß sehn, ob dieses Messer nicht den Zweig
Des welken Unkrauts, meine Mißgestalt,
Aus dieser Schöpfung schneiden, kann, wie's sonst
Die grünen Zweige hieb im frischen Wald.
(Arnold stellt das Messer in den Boden, die Spitze aufwärts.)
Jetzt steckt es fest und ich kann drein mich stürzen.
Noch einen Blick auf diesen schönen Tag,
Der außer mir kein häßlich Ding bescheint,
Auf diese holde Sonn', die mich erwärmt,
Jedoch umsonst. – Wie fröhlich singt der Vogel!
Er soll es nur, beweint möcht' ich nicht werden.
Sein heiterst Lied sei Arnolds Grabgesang,
Das Laub mein Denkmal und der Murmelton
Des nahen Bornes meine Elegie.
Jetzt, Messer, stehe fest, wenn ich mich stürze.

(Während er sich gegen das Messer stürzt, wird sein Auge plötzlich von einer Bewegung in der Quelle betroffen.)

Die Welle regt sich ohne Wind? Doch soll
Ein Wasserkräuseln ändern meinen Plan?
O nein! – Doch wieder rührt es sich! – Der Quell
Bewegt sich, nicht wie durch die Luft, vielmehr
Durch eine unterird'sche Strudelkraft
Der innern Welt! – Was ist das? Nebel nur?

( Eine Wolke kommt aus der Quelle. Er starrt sie an; sie verweht und ein großer schwarzer Mann schreitet gegen ihn.)

Was willst du, sprich! Geist oder Mensch?

Fremdling. Warum?
Da Beides doch der Mensch, sagst Beides du
In Einem nicht?

Arnold. Du zeigst des Menschen Form
Und kannst ein Teufel dennoch sein.

Fremdling. Es sind
So viele Menschen das, was man so nennt
Und malt, daß nach Belieben du mich kannst
Zum Einen rechnen oder Andern, ohne
Daß beide viel es kränkt. – Doch komm, du willst
Dich tödten ja; vollführe den Entschluß.

Arnold. Du unterbrachst mich.

Fremdling. Was ist ein Entschluß,
Den Unterbrechung beugt? Wär', wie du meinst,
Der Teufel ich, so hält' dein Selbstmord dich
Zum Meinigen gemacht im Nu, und zwar
Für immerdar. Nun rettet dich mein Nah'n.

Arnold. Ich sagte nicht, daß du der Teufel seist,
Nur daß dem Teufel dein Erscheinen glich.

Fremdling. Wenn näher du ihm nicht befreundet bist
( Und nicht nach solchem Umgang siehst du aus),
So weißt du auch nicht, wie er sonst erscheint.
Doch was sein Aeußres anbelangt, so schau
In diesen Born und dann auf mich, und sag',
Wer von uns Beiden mehr dem Bilde gleicht,
Das sich von seinem pferdefüß'gen Feind
Der Bauer macht!

Arnold. Du wagst es, mich zu schmähn
Ob meiner angebornen Mißgestalt?

Fremdling. Wenn einen Büffel ich mit deinem Huf,
Mit deines Höckers riesiger Gestalt
Den Dromedar aufziehen wollt', die Thiere
Erfreute höchlich dieses Compliment;
Und doch sind beide stärker, flüchtiger,
An Thätigkeit und Tragkraft mehr als du
Und all die Mächtigen und Schönen des
Geschlechts, das dein. – Natürlich ist dein Bau,
Nur einen Mißgriff machte die Natur,
Als an den Menschen Gaben weg sie wars,
Die Andern sind bestimmt.

Arnold. So gib die Kraft
Mir von des Büffels Fuß, wenn er den Feind
Erblickend hoch auswirft den Staub! Gib mir
Die lange, dauernde Geschwindigkeit
Des Wüstenschiffs, des sichern Dromedar,
Und ich ertrag' mit heiliger Geduld
Dein teuflisch Höhnen.

Fremdling. Gut! Ich will's.

Arnold (erstaunt). Du kannst's?

Fremdling. Vielleicht! – Was willst du sonst?

Arnold. Du spottest mein.

Fremdling. O nein! ich spotte nicht, wo Alle spotten.
Das dünkt mir armer Witz; in Menschensprache
(Du kannst die meine ja noch nicht verstehn):
Der Waidmann jagt ein arm Kaninchen nicht,
Vielmehr den Bären, Wolf, den Leu'n, und läßt
Das niedre Wild dem guten Bürgersmann,
Der einmal jährlich seinen Herd verläßt,
Den Topf zu füllen mit 'nem Küchengruß.
Dich höhnt der Lumpigste; ich aber kann
Die Mächtigsten verhöhnen.

Arnold. So vergeud'
Nicht deine Zeit mit mir; ich such' dich nicht.

Fremdling. Doch dein Gedanke ist nicht fern von mir.
Schick' mich nicht fort! Man ruft mich nicht so leicht
Zurück, um einen Dienst zu thun.

Arnold. Was willst
Du für mich thun?

Fremdling. Den Körper mit dir tauschen,
Da deiner dich so drückt; auch wenn du willst
Dir eine andre Form verleihn.

Arnold. O dann
Bist sicher du der Teufel! Niemand sonst
Nähm' meine Form aus freien Stücken an.

Fremdling. Ich werde dir die schönsten zeigen, die
Die Welt je sah und dir die Auswahl lassen.

Arnold. Und die Bedingung?

Fremdling. Sonderbare Frage!
Vor einer Stund' gabst du die Seele drum,
Wenn du nur aussahst wie ein Mensch, und jetzt
Besinnst du dich, Heroenform zu tragen.

Arnold. Ich will's nicht, nein! darf meine See!' nicht wagen.

Fremdling. Welch eine Seele, dieses Namens werth
Mag wohnen wol in solchem Schandgehäus'?

Arnold. Sie strebt gar hoch, wie schlecht die Wohnung auch,
Die ihr mit Unrecht ward. Doch nenne den
Vertrag! Muß er mit Blut besiegelt werden?

Fremdling. Mit deinem nicht.

Arnold. Mit wessen Blute denn?

Fremdling. Wir sprechen späterhin davon, doch will
Bedingungen ich stellen, die nicht hart;
Denn Großes sehe ich in dir. Du sollst
Kein andres Band als deinen Willen haben,
Und keinen Pakt als deine That. Bist du's
Zufrieden?

Arnold. Ja! – Ich nehme dich beim Wort.

Fremdling. Wohlan! ( Der Fremdling tritt zu der Quelle; zu Arnold:)
Etwas von deinem Blut!

Arnold. Wozu?

Fremdling. Es mit der Kraft zu mischen dieses Quells,
Daß wirksam sich 'sein Zauber zeige.

Arnold ( hält seinen verwundeten Arm hin). Nimm!
Nimm Alles hin!

Fremdling. Noch nicht! Zwei Tropfen thun's.

( Der Fremdling nimmt von Arnolds Blut in seine Hand und läßt es in die Quelle rinnen)

Schatten des Schönen,
Schatten der Macht,
Hebt, mir zu fröhnen,
Euch aus der Nacht!
Steigt aus der Quelle
Herrlich empor,
Wie der Geselle
Aus Brockens Moor! Ein riesenhafter Schatten auf dem Brocken der durch Strahlenbrechung hervorgerufen wird.
Kommt wie vor Zeiten,
Daß in der Luft
Schweben und schreiten
Formen von Duft,
Licht wie nach Regen
Iris sich schwingt.
Kommt ihm entgegen, ( zeigt auf Arnold)
Kommt unbedingt!
Schatten der Helden,
Stoikerrauch
Aus jenen Welten,
Weltweise auch,
Schatten von Kriegern,
Vom Mazedon
Bis zu den Siegern
Auf Cäsar's Thron.
Schatten des Schönen,
Schatten der Macht,
Hebt, mir zu fröhnen,
Euch aus der Nacht!

( Verschiedene Phantome erheben sich nach und nach aus dem Wasser und schweben an dem Fremdling und an Arnold vorbei.)

Arnold. Wen seh' ich hier?

Fremdling. Den feur'gen Römer, der
Die Adlernase zwischen Augen trug,
Die niemals Einen sahn, der ihn besiegt,
Noch auch ein Land, das er nicht römisch machte;
Indeß Rom selbst sein eigen ward und Derer,
Die seinen Namen drauf geerbt.

Arnold. Der Mann
Ist kahl; mein Wunsch ist Schönheit. Könnt' ich nur
Mit seinen Mängeln seinen Ruhm auch erben!

Fremdling. Mit Lorbeer mehr als Haar war einst sein Haupt
Geschmückt. Sein Aeußres siehst du; wähl's nun oder
Verwirf's! Doch nur die Form kann ich gewähren,
Sein Ruhm will selbst erstrebt, erfochten sein.

Arnold. Das will ich auch! Doch nicht als Pseudo-Cäsar.
Hinweg mit ihm! Schön mag sein Anblick sein,
Mir taugt er nicht.

Fremdling. Dann bist du schwieriger
Als Cato's Schwester oder Brutus' Mutter
Und als Cleopatra mit sechzehn Jahren,
Dem Alter, wo die Liebe sonst so gut
Im Auge wie im Herzen sitzt, – Doch sei's!
Vorüber, Schatten! (Das Phantom des Julius Cäsar verschwindet.)

Arnold. Und ist's möglich, daß
Der Mann, der eine Welt erschüttern konnt',
Spurlos vorüber ging?

Fremdling. Da irrst du dich!
Er ließ einst Gräber, Leid genug zurück
Und Ruhm mehr als genug für sein Gedächtniß.
Jedoch sein Schatten ist dem deinen gleich,
Nur in der Sonne etwas länger und
Nicht so gekrümmt. Da hast du einen Andern!

(Ein zweites Phantom erscheint.)

Arnold. Und wer ist der?

Fremdling. Er war der schönste, war
Der tapferste Athener einst. Betracht'
Ihn wohl.

Arnold. Weit feiner ist er als der letzte.
Wie schön!

Fremdling. Das war der schwarzgelockte Sohn
Des Klinias. Möcht'st du in seine Form
Dich kleiden? Wie?

Arnold. Ich wollt', ich kam in ihr
Zur Welt! Doch da ich weiter wählen darf,
So will ich weiter sehn. (Der Schatten des Alcibiades verschwindet.)

Fremdling. Schau wieder hin!

Arnold. Was! Dieser schwarze stumpfgenaste Knirps,
Der glotz'ge Satyr mit den weiten Nüstern
Mit dem Silengesicht, dem lahmen Fuß,
Der Zwerggestalt! Da bleib' ich besser, was
Ich bin.

Fremdling. Und doch war er der Inbegriff
Von aller geist'gen Schönheit, aller Tugend!
Du wirfst ihn weg?

Arnold. Wenn mir die Form auch das,
Was einst mit ihr versöhnt, könnt' geben – nein!

Fremdling. Dies zu gewähren, Hab' ich keine Macht.
Doch kannst du's ja versuchen; leichter ist's
In solcher – oder deiner eignen Form.

Arnold. Nein! ich bin nicht für Weltweisheit geboren,
Wenn auch mein Aeußres sie mir nöthig machte,
Er schwebe hin!

Fremdling. Sei Luft, du Schierlingstrinker!

(Der Schatten des Sokrates verschwindet, ein neuer erscheint.)

Arnold. Und wer ist Der, deß breite Stirn und Bart
Und Manneswesen dem Herakles gleicht?
Nur daß sein Auge mehr den Bacchus zeigt
Als jenen Reiniger der Unterwelt,
Der so betrübt auf seine Keule lehnt,
Als wüßte er, wie werthlos alles Das,
Wofür er sich verkämpft.

Fremdling. Er war der Mann,
Der einst um Lieb' die alte Welt verlor.

Arnold. Nicht tadeln kann ich ihn, da ich die Seel'
Gewagt, weil ich nicht fand, wofür die Erd'
Er ausgetauscht.

Fremdling. Willst seine Züge du,
Da ihr so ähnlich scheint?

Arnold. Da du die Wahl
Mir läßt, so bin ich schwierig; sei's auch nur,
Um die Hero'n zu schaun, die sonst ich nie
Auf dieser Seit' des düstern Stroms, woher
Sie zu uns schweben, schaun gedurft. – Drum, nein!

Fremdling. Hinweg, Triumvir! Frau Cleopatra
Harrt dein!

(Der Schatten des Antonius verschwindet; ein neuer erhebt sich.)

Arnold. Wer ist denn der, der wahrlich wie
Ein Halbgott aussieht, blühend, glänzend hell,
Mit goldnem Haar, und wenn nicht größer als
Ein Mensch, unsterblich doch nach seiner Art,
Nach seiner Glieder herrlicher Natur,
Die er bewegt wie Sonne ihre Strahlen
Nach jenem Etwas, das aus ihm erglänzt,
Und doch ein leuchtend Offenbaren nur
Von etwas noch weit Herrlicherem scheint?
War Der nur Mensch?

Fremdling. Frag doch die Erde, ob
Sie Stäubchen noch von ihm enthält, ja selbst
Von seiner Urne fest'rem Gold!

Arnold. Wer war
Der Göttermensch?

Fremdling. Die Schande Griechenlands
Im Frieden, doch sein Donnerkeil im Krieg:
Demetrius, der Macedonier,
Der Städteroberer.

Arnold. Noch einen Schatten!

Fremdling (zum Schatten). Geh' du in Lamia's Schooß!

(Der Schatten des Demetrius Poliorcetes verschwindet; ein neuer erscheint.)

Mein Buckliger!
Ich will dich schon befried'gen noch; und wenn
Die Schatten der Gestorb'nen Gnade nicht
Vor deinem kitzlichen Geschmacke finden,
Will ich des Mannes Ideal beleben,
Bis deiner Seel' ihr neues Kleid gefällt.

Arnold. Ich bin befriedigt jetzt, ich bleib' bei dem.

Fremdling. Und bill'gen muß ich deine Wahl. Der Göttin
Des Meeres göttergleicher Sohn, des Peleus
Glattwangiger; mit Locken schön und licht
Den Wellen gleich des reichen Pactolus,
Der über Goldsand rollt, gemildert durch
Krystall und von dem Wind, den Wellen gleich
Gekraust, die Sperchio geweiht – schau sie
Und ihn, wie bei Polixena er stand
Vor dem Altar in heil'ger sanfter Lieb'
Und hingeblickt auf seine Troerbraut
Mit einigem Gewissensbiß, (weil er
Den Hector schlug, den Priamus beweint)
Doch auch zugleich mit heißer Leidenschaft
Zur holden Jungfrau, die so Schweres traf
Und deren zarte Hand in seiner nun,
Die ihr den Bruder schlug, mit Zittern ruht'.
So stand er in dem Tempel. Schau ihn an,
Wie Griechenland auf seinen Besten sah,
Eh' Paris' Pfeil ihn traf.

Arnold. Ich schau' ihn an,
Als wär' ich seine Seel', und seine Form
Müßt' bald die meinige umfahn.

Fremdling. Wohl hast
Du dran gethan. Die größte Mißgestalt
Sollt' stets nur tauschen mit dem höchsten Reiz,
Ist jenes Menschensprichwort wahr, daß sich
Die Aeußersten berühren.

Arnold. Schnell! mach fort!
Ich bin voll Ungeduld.

Fremdling. Wie eine Schöne
Vor ihrem Spiegel ist. Ihr Beide seht,
Was nicht ist; doch ihr träumt, es sei, was es
Sollt' sein.

Arnold. Muß ich noch warten?

Fremdling. Nein! Es wär'
Ja schad'. Doch noch ein Wort! Er mißt zwölf Fuß:
Willst du so weit das Zeitmaß überschreiten
Und ein Titan sein oder Anak's Sohn,
Um mich hiebei canonisch auszudrücken?

Arnold. Warum denn nicht!

Fremdling. Glorwürd'ger Ehrgeiz das!
Ich liebe ihn besonders an den Zwergen.
Ein Goliath hätt' sein Philistermaß
Zu einem David gerne abgekürzt,
Doch du, mein Männchen, möcht'st noch höher dich
Als selbst ein Heros blähn. Du sollst es haben,
Wenn du so willst; doch wenn du an Gestalt
Die Menschen etwas wen'ger überragst,
Wirst um so besser nur du sie beherrschen;
Denn alle würden aufstehn gegen dich,
Als ob ein Mammuth es zu jagen gält;
Und ihr verwünscht Maschinenwerk: die Büchsen,
Feldschlangen, und so fort, sie würden bald
Sich Bahn durch unsres Freundes Harnisch brechen,
Mit größ'rer Leichtigkeit als den Achill
Der Ehebrecher in die Ferse traf,
Die Thetis in den Styx zu tauchen einst
Vergaß.

Arnold. Dann mach's, wie du's für's Beste hältst.

Fremdling. Du sollst so schön sein wie der Mann, den du
Hier siehst; so heldenhaft wie er.

Arnold. Ich frage
Nach Tapferkeit nicht viel, denn Mißgestalt
Ist immer kühn. Ihr Wesen ist's, die Menschen
An Herz und Seel' zu überwältigen
Und allen Andern gleich zu machen sich,
Ja überlegen selbst. Es liegt ein Sporn
In der gehemmten Regungsfähigkeit,
Zu werden, was ein Andrer nicht vermag,
Da wo auf gleichem Boden beide stehn,
Und auszugleichen so das karge Erbe,
Womit Natur stiefmütterlich sie kränkte.
Mit unerschrock'nen Thaten werben sie
Um der Fortuna Lächeln, und nicht selten
Gewinnen sie's, dem lahmen Timur gleich.

Fremdling. Sehr gut gesagt! Und ohne Zweifel willst
Du so nun bleiben wie du bist. Ich kann
Die Schattenform entlassen, die zu Fleisch
Sich wandeln sollt', den kühnen Geist zu fassen,
Der ohne sie ja wen'ger nicht vollbringt?

Arnold. Wenn keine Macht des Wechsels Möglichkeit
Mir bot, hätt' Alles ich gethan, was nur
Der Geist vermag, mir eine Bahn zu brechen
Durch all' das stumpfe tödtliche Gewicht
Der Häßlichkeit, das wie ein Berg auf Herz
Und Schulter so entmuthigend mir drückt,
Ein häßlicher, abscheul'cher Maulwurfshügel
Im Aug' des Glücklichen. Ich hätte auf
Der Frauen Schönheit, die ein Typus uns
Von Allem ist, was jenseits wir der Welt,
Die sie erhellen, uns als schön erträumen,
Mit einem Seufzer der Verzweiflung, nicht
Der Lieb' geblickt. So liebevoll mein Herz,
Hätt' zu gewinnen ich doch nie gesucht,
Was mich nicht lieben konnt', da ich
Nun einmal der gekrümmte Klotz, der mich
So einsam macht. Doch alles Das hätt' ich
Ertragen noch, hätt' mich die Mutter nicht
Hinausgejagt. Die Bärin leckt ihr Junges
In eine Form, doch meine Mutter sah,
Daß völlig hoffnungslos mein Aeußres sei.
Hätt' sie wie die Spartaner einst gethan,
Mich ausgesetzt, eh' ich die Leidenschaft
Gekannt, so wär' zur Erde ich zurück
Gekehrt und glücklicher als Nichts, denn so.
Doch so auch, als gemeinste Mißgeburt,
Als häßlichster der Menschen hätte mich,
Was Muth und Zähigkeit erreichen kann,
Vielleicht zu Etwas doch gemacht, da sie
Heroen auch aus gleichem Teig geformt.
Du sahst vorhin, daß ich des Lebens Herr,
Und fest entschlossen, es zu lassen war,
Und wer das ist, ist eines Jeden Herr,
Der vor dem Tode bangt.

Fremdling. Nun, so entscheid':
Willst, was du warst, was du sein könntest, sein?

Arnold. Entschieden hab' ich schon: du ließest mich
Aussichten schaun, die glänzender dem Aug',
Dem Herzen süßer sind. So wie ich bin,
Könnt' ich gefürchtet, angestaunt, verehrt,
Ja selbst geliebt von Allen werden, nur
Von denen nicht, die mir zunächst gesellt,
Von denen ich gerad', geliebt sein möcht'.
Da du die Wahl der Form mir freigestellt,
So wähl' ich diese hier. Mach schnell!

Fremdling. Und was
Wähl ich?

Arnold. Der Mann, der über jede Form
Verfügt, wählt sicherlich die höchste nur,
Ja etwas Höh'res noch für sich, als einst
Der Peleide war, der vor uns steht:
Die dessen, der ihn traf, vielleicht des Paris?
Vielleicht noch höher die des Götterdichters,
Deß Hülle wol an sich schon Poesie?

Fremdling. Mit weniger begnüg' ich mich! Auch ich
Lieb' die Veränderung.

Arnold. Dein Anblick ist
Zwar trüb, doch unschön nicht.

Fremdling. Wenn ich gewollt,
Könnt' ich auch lichter sein, doch eine Schwäche
Hab' ich für schwarz: es sieht so ehrbar aus,
Und wird nicht roth von Scham, noch blaß aus Furcht.
Doch trug ich es in dieser letzten Zeit
Nun lang genug und will drum deine Form
Erkiesen mir als Kleid.

Arnold. Die meine?

Fremdling. Ja!
Du wechselst mit der Thetis Sohn, und ich
Mit Bertha's, deiner Mutter, Kind. Ein Jeder
Hat seinen eigenen Geschmack, du hast
Den deinigen, ich meinen.

Arnold. Schnell!

Fremdling. Sogleich!

( Der Fremdling nimmt etwas Erde und formt sie auf dem Rasen; dann wendet er sich an das Phantom des Achilles.)

Herrlicher Schatten,
Thetis ihr Sohn,
Den Troja's Matten
Längst decken schon,
Aus rothem Thone
Ruf ich dich wach,
Adams Adam heißt »rothe Erde«, woraus der erste Mensch geformt wurde. Schablone
Ahme ich nach.
Klos, werde glühend,
Daß sein Gesicht
Wie Rosen blühend
Strahle im Licht,
Veilchen, werd' schnelle
Auge voll Glut,
Sonnige Quelle
Werde zu Blut!
Du Hyacinthe
Werde zu Haar,
Stirne umwinde
Lockig und klar!
Marmor vom Hange,
Werde sein Herz,
Aus Vogels Sange
Stimme von Erz.
Fleisch geb' der Erden
Feinste ihm, drein
Lilien werden,
Thauig und rein.
Leichteste Glieder
Bild' ihm der Thon,
Heller schau nieder
Kein Erdensohn!
Auf Elemente!
Mischt euch und webt!
Folgt im Momente,
Wirket und strebt!
Sonnenstrahl wecke
Leben im Thon!
Fertig der Recke
Stehet hier schon!

(Arnold sinkt besinnungslos nieder; seine Seele geht in die emporsteigende Gestalt des Achilles über, während das Phantom allmählich in dem Maße verschwindet, als sich die Gestalt von der Erde erhebt.)

Arnold (in seiner neuen Gestalt). Ich lieb' und werd' geliebt auch sein! O Leben,
Jetzt endlich fühl' ich dich! – Du prächt'ger Geist!

Fremdling. Halt ein! – Wo soll dein abgelegt Gewand,
Dein Buckel da, der Klumpen Häßlichkeit,
Den du getragen, hin?

Arnold. Was kümmert's mich?
Ihn nehme Wolf und Geier, wenn er mag.

Fremdling. Und wenn sie's thun und er sie nicht verscheucht,
So sagst du wol: es sei jetzt Friedenszeit
Und auf dem Feld kein bessrer Schmaus zu haben.

Arnold. Er bleibe hier, gleichviel was daraus wird.

Fremdling. Das ist nicht schön, sogar sehr undankbar.
Wie wüst der Leib, so schloß er manchen Tag
Doch deine Seele ein.

Arnold. Ja, wie der Mist
Den Diamant bedecken kann, der nun
In Gold gefaßt ist, wie's Juwelen ziemt.

Fremdling. Doch wenn ich eine andre Form dir gab,
Darf es kein Raub, darf es ein Tausch nur sein;
Denn der, der Menschen ohne Weibes Hilf'
Erschuf, besitzt schon lang ein Schutzpatent
Darauf und liebt die Pfuscher nicht. Der Teufel
Darf manchen Menschen holen, doch sie machen nicht,
Wenn auch das Machen ihm zu Gute kommt.
Deshalb muß Einer aufgefunden werden,
Der die Gestalt, die du verlassen, nimmt.

Arnold. Wer möchte das!

Fremdling. Das weiß ich nicht; deshalb
Muß ich es thun.

Arnold. Du?

Fremdling. Ja, ich sagte dir's.
Eh' deinen jetz'gen Schönheitstempel du
Bezogst.

Arnold. 'S ist wahr. In meiner Freude ob
Der herrlichen Veränderung vergess'
Ich Alles ja!

Fremdling. In einem Augenblick
Werd' ich, was du warst, sein; und du wirst mich
Stets neben dir wie deinen Schatten sehn.

Arnold. Verschone mich damit.

Fremdling. Es kann nicht sein.
Wie? schämst du dich in deiner neuen Form
Schon deines Einst?

Arnold. So thue wie du willst.

Fremdling (zu Arnolds früherer Gestalt, die am Boden liegt.)

Thon! todt nicht, doch seellos,
Den Niemand erwählt;
Ein Geist mit dir, Fehl-Klos.
Sich jetzo vermählt.
Thon bist du: dem Geist
Gilt gleich, was Thon heißt.
O Feuer, du Leben.
Das duldet kein Leben
Als von Salamandern
Und Seelen, die wandern
Und flehn um Vergeben,
Und heulen und brennen
In Pein, nicht zu nennen!
O Feuer, wo Allen:
Fisch, Wurm, Vogel, Thier
(Nur, Herzwurm, nicht dir!)
Droht rasches Zerfallen
Im Flammen-Revier!
Du Schlächter
Und Wächter,
Du Herd
Der Erd',
Du letzter Vernichter,
Wenn nahet der Richter,
Hilf du mir, o Feuer!
Sei Lebenserneuer
In dem, der liegt hier,
Ich weck' ihn mit dir.
Ein Flämmchen gestalte,
Dann scheint er der Alte,
Doch ich nehm' als Geist
Den Platz, der verwaist.

(Ein Irrlicht flackert durch den Wald und bleibt über der Stirn des Körpers stehen. Der Fremdling verschwindet, der Körper erhebt sich.)

Arnold. Entsetzlich!

Fremdling (in Arnolds früherer Gestalt). Nun, was zitterst du?

Arnold. 'S ist Nichts;
Ich schaudre nur. – Wohin ist die Gestalt,
Die du gehabt?

Fremdling. Fort nach der Schattenwelt.
Doch laß uns nun die wirkliche betreten.
Wo willst du hin?

Arnold. Mußt du denn mit mir gehn?

Fremdling. Warum denn nicht? Es haben Bessere
Als du weit schlechtere Gesellschaft oft.

Arnold. Wie? Bessere als ich?

Fremdling. Oho! du wirst
Schon weidlich stolz auf deine neue Form,
Das freut mich sehr. Auch undankbar. Sehr gut!
Du nimmst, recht wacker zu. Ein Augenblick
Des Wechsels nur und du bist schon zu Haus
Im Lauf der Welt. Doch duld' mich immerhin,
Du wirst auf unsrer Wanderschaft gewiß
Mich nützlich finden. Komm und sage mir,
Wo wollen wir zunächst nun wandern hin?

Arnold. Dahin, wo diese Welt am dichtesten,
Damit ich sie im vollen Treiben schau'.

Fremdling. Das heißt: wo Krieg und Weiber thätig sind.
Laß sehn: Italien? Spanien? Afrika?
Die neue, die atlant'sche Welt? Die Wahl
Ist wirklich klein: es zerrt ein Jeder ja
Jahr aus Jahr ein nur an des Andern Herz.

Arnold. Ich hörte Großes schon von Rom.

Fremdling. Die Wahl
Ist gut. Kaum Bess'res fand' sich auf der Erd',
Seit Sodom fiel. Das Feld ist dort gar weit:
Der Franke, Hunne und das span'sche Reis
Vom Alt-Bandalenstamm, sie spielen just
Am sonn'gen Ufer dieses Weltenhains.

Arnold. Wie ziehn wir hin?

Fremdling. Wie flotte Herrn: zu Roß!
Holla, ihr Renner! bess're gab es nie,
Seit Phaëton ward in den Po gestürzt.
Auch Pagen, kommt herbei!

(Zwei Pagen treten mit vier kohlschwarzen Pferden auf.)

Arnold. Ein stolz Gethier!

Fremdling. Und edle Zucht. Vergleich' das Berberroß
Mit diesen hier, und die arab'sche Rass'.

Arnold. Der mächt'ge Dampf, der aus den Nüstern fährt,
Und haushoch qualmt, versengt die Luft; es sprühn
Glühwürmchen ähnlich Funken um die Mähn',
Wie gegen Sonnenuntergang die Mücke
Gemeine Pferdebrut umschwärmt.

Fremdling. Steigt auf
Mein gnäd'ger Herr! Wir Alle dienen euch.

Arnold. Und diese schwarzgeaugten Pagen, sagt,
Wie ist ihr Name?

Fremdling. Tauft sie selbst.

Arnold. Wie das?
Doch nicht in heil'gem Naß?

Fremdling. Warum denn nicht?
Je größre Sünd', je größre Heiligkeit.

Arnold. Sie sind zu hübsch, um Teufelchen zu sein.

Fremdling. Gewiß! Der Teufel ist stets wüst; auch du
Bist ja nicht teuflisch schön.

Arnold. Den, der das Horn,
Das goldne, trägt und drein so blühend schaut,
Nenn' Hüon ich: denn jenem holden Knaben,
Der sich im Wald verlor und nimmermehr
Gefunden ward, sieht ähnlich er. Der Andre,
Der dunklere, gedankenvollere,
Der niemals lächelt und so ernsthaft blickt,
Doch klar auch wie die Nacht, er soll nach dem
Aegypter-König, dessen Bild Einmal
Am Tage tönte, Memnon sein. – Doch du?

Fremdling. Ich hab' zehntausend Namen wol und doppelt
Soviel Bezeichnungen; doch da ich trag'
Ein menschlich Kleid, will auch den Namen ich
Vom Menschen leihn.

Arnold. Und einen menschlichern,
Hoff' ich, als die Gestalt – war einstens sie
Auch mein.

Fremdling. So heiß' mich Cäsar.

Arnold. Nun der Name
Paßt sich zur Macht; er ward getragen nur
Von dieser Erde Herrn.

Fremdling. Am besten drum
Taugt für den Teufel, er in Mummerei,
– Da du dafür mich hältst, und doch nicht Papst
Willst nennen.

Arnold. Gut! So sollst du Cäsar sein.
Ich selbst bleib einfach Arnold wie vorher.

Cäsar. Wir fügen einen Titel bei: Graf Arnold!
Gar nobel klingt es so, nicht wahr? und macht
Sich trefflich auch auf einem billet-doux.

Arnold. Auch auf der Ordre für 'nen Schlachtentag.

Cäsar (singt.)

Auf, zu Pferd! Mein kohlschwarz Roß
Stampft den Boden, schnauft und schlägt.
Aus Arabiens Zucht kein Sproß,
Fühlet besser, wen es trägt.
Vor dem Berge thut's nicht stet,
Schneller springt's, je höher's geht.
In dem Sumpfe wird's nicht matt,
Auf der Eb'ne kriegt's nicht satt,
In der Welle es nicht sinkt,
Macht nicht Halt, wo Brunnen winkt,
Bei dem Rennen läßt's nicht nach,
In dem Kampfe wird's nicht schwach,
Ueber Steine stolpert's nie,
Zeit und Müh' knickt nicht sein Knie,
In dem Stalle wird's nicht steif,
Stets beschwingt als wie ein Greif
Fliegt's dahin auf flücht'gem Fuß!
Ist solch Reisen nicht Genuß?
Lustig, niemals ungesund
Streift mein schwarzes Roß den Grund,
Von der Alp zum Kaukasus
Reiten, stiegen wir
In des Wimpers Zucken schier,
Hinter uns bleibt Berg und Fluß.

(Sie besteigen ihre Pferde und verschwinden.)

Zweiter Auftritt.

Ein Lager vor den Wällen Roms.

Arnold und Cäsar

Cäsar. Du bist jetzt trefflich eingeführt.

Arnold. Jawol!
Doch über Leichen ging mein Weg, und ach!
Mein Auge ist voll Blut.

Cäsar. So wisch es aus
Und schaue klar. Ja, ein Eroberer
Bist du, der auserwä'hlte Rittersmann
Und Kampfgenoß des tapfern Bourbon, einst
Von Frankreich Connetabel, und nun bald
Der Herr der Stadt, die selbst der Herr der Welt
Einst unter ihren Kaisern war, und die
Dann ändernd das Geschlecht (den Scepter nicht)
Gleichsam Hermaphrodit der Macht, die Herrin
Der alten Welt jetzt ist.

Arnold. Wie? alt? gibt es
Denn neue Welten?

Cäsar. Ja, für dich. Bald wirst
Du finden, daß es gibt. Des Bodens Kraft,
Das Gold und neues Siechthum auch macht sie
Dazu. Obschon die Hälfte nur der Welt,
Schätzt man sie doch als ganze neue Welt.
Ihr habt ja Bess'res nicht als jene blöde
Und zweifelhafte Kenntniß, die das Aug',
Das Ohr euch leiht.

Arnold. Ich werde ihnen traun.

Cäsar. Thu's nur, sie werden dich gar süß betrügen,
Und das ist besser als die bittre Wahrheit.

Arnold. Hund!

Cäsar. Mensch!

Arnold. Nein, Teufel!

Cäsar. Unterthän'ger Diener!

Arnold. Sag' »Meister« doch! Bis hierher hast du mich
Durch manche Seen' von Lust und Blut gelockt.

Cäsar. Wo möchtest du denn sein?

Arnold. In Ruh und Frieden.

Cäsar. Und wo ist das? Vom Sterne bis zum Wurm
Ist Alles Leben, Thätigkeit. Im Leben
Ist Aufruhr nur des Lebens höchster Punkt.
Es dreht sich der Planet, bis ein Komet
Er wird und, Sterne tilgend unterwegs,
Erlischt. Der arme Wurm kriecht seine Bahn.
Indem vom Tode andern Wurms er lebt,
Und so wie dieser leben, sterben muß,
Das Spielzeug Eines, der ihm Leben gab
Und Tod. Du mußt dem folgen, dem das All
Gehorcht, dem Gotte der Notwendigkeit.
Empörung gegen sein Gebot hilft nichts.

Arnold. Und wenn es hilft –?

Cäsar. So war's Empörung nicht.

Arnold. Hilft's dieses Mal?

Cäsar. Schon hat der Bourbon den
Befehl zum Sturm ertheilt: mit Tagesgraun
Beginnt das Werk.

Arnold. O weh! Und fällt die Stadt?
Ich schaue, wie die Riesenwohnung hier
Des wahren Gotts und seiner Heiligen,
Sanct Peters Dom, das Kreuz zum Himmel hebt,
Wohin einst Christus von dem Kreuze stieg,
Der uns sein Blut zum Pfand der Glorie
Und Freude gab – wie ihm zur Qual es ward,
Ihm, unsrem letzten Heil, dem Gottessohn,
Und Gott!

Cäsar. Hier ist's, wird's immer sein.

Arnold. Was denn?

Cäsar. Das Kreuz hoch oben, viel Altäre unten;
Auch einige Karthaunen auf dem Wall
Und Hakenbüchsen, und was nicht? Dazu
Noch Menschen, die sie lustig zünden an,
Um andre Menschen damit todt zu machen.

Arnold. Und diese Bogen, kaum von Menschenhand,
Wo Pfeiler sich auf Pfeiler aufwärts thürmt,
Dies riesige Theater, wo einst Kaiser
Und ihre Bürger – unterthän'ge Römer!
Die Schlachten sahn der Könige des Waldes,
Der Löwen mit den fletschenden Rebellen,
Dem ungezähmten Wüstenvolk, das zum
Turnier in die Arena man gebracht
– Sie hatten wol ein Recht dazu, da ja
Kein Menschengegner mehr zu schlagen war –
So daß der Wald auch seinen Bluttribut
An ihr Amphitheater zahlen mußt'
So gut wie Dacien, dessen Männer hier
Verbluten mußten dem Moment zum Spaß,
Wenn: »neue Gladiatoren her!« man schrie
– Sie müssen fallen? Sag'!

Cäsar. Meinst du die Stadt,
Den Dom, das Colosseum, Eines, Alle?
Denn du verwirrtest sie und mich.

Arnold. Der Sturm
Soll morgen mit dem ersten Hahnschrei sein.

Cäsar. Und schließt er mit der ersten Nachtigall
Des Abends dann, so ist was Neues da
In den Annalen der Belagerung,
Denn erst nach langer Müh' erreicht der Mensch
Sein Beuteziel.

Arnold. Die Sonn' geht hinter Rom
So still hinab und herrlicher vielleicht
Als an dem Tag, da über seinen Wall
Einst Remus sprang.

Cäsar. Ich sah ihn.

Arnold. Du?

Cäsar. Ja, Herr!
Vergiß nicht, daß ich Geist bin oder war,
Bis ich mit deiner weggeworfenen
Gestalt und einem schlechtem Namen mich
Begnügt. Ich bin jetzt Cäsar und zugleich
Ein Buckliger. Der erste Cäsar war
Ein Kahlkopf ja und liebt' den Lorbeer mehr
– Wie die Geschichte sagt – weil er, die Glatz'
Ihm barg, als weil das ruhmvoll war. So geht's
Nun in der Welt! Wir aber wollen schon
Noch lustig sein. – Ich sah, wie Romulus
Den Zwillingsbruder einstmals niederhieb,
Weil er 'nen Graben übersprang – denn's gab
Noch keinen Wall, wie hoch er jetzt auch steht
Und Bruderblut war Roma's frühster Kitt;
Und würde auch der Römer eignes Blut
Vergossen jetzt, bis der verstopfte Tiber
Roth würde, wie er jemals gelb nur war,
Würd' er doch nie die tiefe Farbe tragen
Wie Erd' und Meer, die jenes Räubervolk,
Des Brudermörders groß Geschlecht, so lang
Zum Tummelplatze seiner Würgerei'n
Gemacht.

Arnold. Was aber thaten diese hier,
Die fernen Sprossen, die in Frieden nur,
In Himmelsfrieden und im Sonnenschein
Der Frömmigkeit gelebt?

Cäsar. Was thaten die,
Die einst gesunken unterm alten Rom?
– Doch horch!

Arnold. Soldaten sind's, die sorgenlos
Mit Rundgesang sich freun am Abend vor
So manchem Tod, vielleicht dem eignen Fall

Cäsar. Und warum sollten sie nicht grad' so gut
Wie Schwäne singen? Sind's auch schwarze nur!

Arnold. So bist du auch gelehrt, wie ich bemerk'?

Cäsar. In meiner Fibel allerdings. Ich ward
Als Bruder Mönch für jede Zeit dressirt.
Bin im vergessenen Etruskischen
Gar wohl zu Haus, und könnte, wenn ich wollt',
Euch seine Hieroglyphen klarer deuten
Als euer Alphabet.

Arnold. Und warum thust
Du's nicht?

Cäsar. Weil's mehr mir paßt, das Alphabet
In Hieroglyphen wieder aufzulösen
Wie die, Propheten, Pontifexe, Weisen,
Die Zauberer, Staatsmänner und Doctoren.
Sie bauten mehr an Babel, ohne neu
Die Menschen zu zerstreun, als jenes Volk
Im Schlamm der Flut, das auseinander ging,
Weil Keiner seinen Nachbar mehr verstand.
Man ist gescheidter jetzt und trennt sich nicht
Des Bischen Unsinns halb. Im Gegentheil,
Er ist ihr Schibboleth, ihr Koran, Talmud,
Ihr Bruderspruch, ihr bester Mauerstein,
Mit dem sie weiter baun.

Arnold. Still, ew'ger Spötter!
Wie der Soldaten rauhes Lied sich in
Der Fern' zu hynmenart'gem Rhythmus hebt!
Hör nur.

Cäsar. Jawol! Ich hörte Engel singen.

Arnold. Und Teufel heulen.

Cäsar. Und die Menschen auch!
Nun, hören wir! Ich liebe die Musik.

Gesang der Soldaten hinter der Scene.

Die Schwarzen, sie kommen
Durch Alpen und Schnee
Mit Bourbon geschwommen
Zum Pofluß – Juhe!
Der Feind wird geschlagen,
Ein König erhascht,
Vor Niemand wir zagen,
Drum singet und pascht!
Hoch Bourbon für immer!
Und hat er kein Geld,
So winkt hier der Schimmer,
Die Freude der Welt!
Mit Bourbon wir rücken,
Wenn anbricht der Tag,
Das Thor einzudrücken,
Zu brechen den Schlag.
Wir klettern zum Walle
Und fassen wir Fuß,
So jauchzen wir Alle,
Wer schweigen nicht muß.
Mit Bourbon die Meute
Steigt nieder nach Rom,
Wer zählt da die Beute
Aus Schlössern und Dom!
Die Lilien leben!
Die Schlüssel in Staub!
In Rom soll es geben
Gelage und Raub!
Blut schwimm' in den Straßen,
Der Tiber werd' roth,
Durch Tempel wir rasen
Und bringen den Tod.
Ja Bourbon, der Bourbon,
Der Bourbon allein,
Soll unser Bravourton
In Ewigkeit sein!
Der Spanier, er reitet
Dem Heere voran
Und hinter ihm schreitet
Der deutsche Kumpan;
Italiens Lanze
Die Mutter bedroht,
Das Haupt ist ein Franze,
Macht Brüdern viel Noth.
Ja Bourbon, der Bourbon
Kein Heimatland hat,
Wir folgen dem Bourbon
Und plündern die Stadt!

Cäsar. Ein harmlos Singen, wie mich dünkt, für die.
Die hinterm Wall stehn.

Arnold. So lang beim Sang
Sie bleiben, ja! Doch hier kommt der Gen'ral
Mit seinen Feldherrn, der Vertrauensschaar,
Ein herrlicher Rebell!

(Der Connetabel Bourbon mit seinem Gefolge tritt auf.)

Philibert. Was ist Euch, Prinz?
Ihr seid nicht froh.

Bourbon. Wie könnt' ich fröhlich sein!

Philibert. Die Meisten wären's wol am Abend vor
So großer That.

Bourbon. Wenn ich verbrieft es hätt'!

Philibert. Mißtraut den Kriegern nicht, und wär' der Wall
Von Diamant, sie wachten sich ein Loch.
Der Hunger ist die beste Artillerie.

Bourbon. Mein letzt' Befürchten war's, daß sie mir wankten,
Daß sie zurückgeworfen würden, wo
Ein Bourbon führt und wild entflammte Gier
Sie vorwärts treibt. Und wär' der graue Wall
Ein, Hochgebirg und die Besatzung Götter
Der alten Welt, ich traute den Titanen,
Die mit mir sind – allein –

Philibert. Nur Menschen sind's,
Die Sterbliche zu schlagen gehn.

Bourbon. So ist's,
Und diese Mauer hat in großer Zeit
Gewalt'ge Geister schon geschützt und aus-
Gesandt. Die alte Erd' und dies Phantom
Der Herrin Roma ist von Helden voll.
Mir ist, als schwebten längs dem Wall sie hin
Der ew'gen Stadt, und streckten ihre Hand,
Die blut'ge, glorreich schattenhafte aus
Und winkten mir zurück.

Philibert. So laß sie winken!
Willst vor dem Droh'n du solcher Schatten weichen?

Bourbon. Sie drohen nicht. Ich glaub', ich könnte wol
Trotz bieten selber eines Sulla Drohn.
Sie aber ringen, heben auf vor mir
Die bleiche todtenhafte Hand und schaun
Mit ihrem hohlen Espenantlitz, mit
Dem starren Aug' mich an. – Da sieh!

Philibert. Ich seh'
Die hohe Zinne nur.

Bourbon. Und dort?

Philibert. Nicht doch!
Ein einz'ger Posten läßt sich sehn. Sie halten
Sich weislich unten, von dem Wall geschützt
Vor den verlornen Kugeln unsres Volks,
Das in der kühlen Dämmerung sich übt.

Bourbon. Dann bist du blind.

Philibert. Jawol! weil ich nicht mehr
Erblicken kann, als was man sieht.

Bourbon. Und doch
Hat ein Jahrtausend diese Mauern hier
Mit seinen Helden all besetzt: Da steht
Der letzte Cato und zerfleischt sich lieber,
Als daß er eine Freiheit überlebt,
Die ich nun knechten will, und Cäsar selbst
Fliegt im Geleite seiner Siege hier
Von Zinn' zu Zinn'.

Philibert. So nimm die Wälle denn,
Die er erobert, und sei größer noch.

Bourbon. Das will ich auch, wo nicht, zu Grunde gehn.

Philibert. Das kannst du nicht. Wer fällt bei solchem Werk,
Dem dämmert eher ew'ger Tag als Tod!

(Graf Arnold und Cäsar treten in den Vordergrund.)

Cäsar. Und der gemeine Mensch, schwitzt er denn auch
Im Mittagsstrahl so heißer Gloria?

Bourbon. Ah sieh! willkommen, bitt'rer Buckliger!
Und Ihr, sein Herr, Apollo unsres Heers,
So brav wie schön, so flott wie liebenswerth!
Wir werden Arbeit finden für euch Zwei,
Eh' noch der Morgen graut.

Cäsar. Ihr werdet wol
Nicht wen'ger, Hoheit! finden für Euch selbst.

Bourbon. Und wenn ich's thu, wird wol kein Arbeitsmann
Vor mir noch stehn, mein Buckliger.

Cäsar. Ihr mögt
So sprechen, denn bei dem, Gefecht habt Ihr
– Als General im Hintergrund postirt –
Den Buckel wohl gesehn, doch nie hat ihn
Der Feind erschaut.

Bourbon. Sehr gut erwidert, doch
Ich hab's herbeigeführt; nur war die Brust
Bourbon's beim Anblick der Gefahr so weit
Wie Eure stets voran, und wird es sein,
Wärt Ihr der Teufel selbst!

Cäsar. Wenn ich es wär',
Könnt' ich die Mühe leicht ersparen mir,
Hierher zu kommen.

Philibert. Und warum?

Cäsar. Weil ja
Die eine Hälfte eurer tapfern Schaar
Aus freien Stücken zu ihm kommen wird,
Indeß die andre Hälfte schneller man,
Doch wen'ger sicher nicht, ihm schickt.

Bourbon. Arnold,
Dein leicht gekrümmter Freund ist in dem Wort
So schlangenhaft wie in der That.

Cäsar. Ihr irrt
Euch, Hoheit, sehr in mir: ein Schmeichler war
Die erste Schlang', das bin ich nicht; und was
Die That betrifft, so stech' ich nur, wenn man
Mich sticht.

Bourbon. Ihr seid ein Held, und das ist mir
Genug, und schnell im Wort wie schneidig in
Der That, und das ist mehr. Ich bin nicht nur
Soldat, auch des Soldaten Freund.

Cäsar. Und doch
Ist die Gesellschaft, Hoheit, schlecht, und schlechter
Für ihren Freund als ihren Feind, weil mit
Dem Erstern länger der Verkehr.

Philibert. Ei Bursch,
Du wirst jetzt unverschämt, mehr als erlaubt
Dem Narren ist.

Cäsar. Ihr meint, ich sprech' die Wahrheit?
Ich kann auch lügen, 's ist nicht schwieriger;
Dann werdet Ihr mich loben, wenn ich Euch
'Nen Helden schelt'.

Bourbon. Laß, Philibert, ihn gehn;
Denn tapfer ist er, war der Erste stets
Mit diesem schwärzlichen Gesicht und dem
Gebirg' von einem Buckel hier, bei Schlacht
Und Sturm; und standhaft in der schwersten Noth,
Die Zungen aber sind im Lager frei.
Des muntern Schelmen scharfe Stichelred'
Zieh' ich doch weit dem rauhen finstern Fluch
Des hung'rigen, rebell'schen Sklaven vor,
Den nichts beruhigt als ein voller Napf,
Und Wein und Schlaf und etwas Silbergeld,
Wobei er reich sich dünkt.

Cäsar. 'S war gut, wenn auch
Der Erde Fürsten niemals mehr geheischt.

Bourbon. Sei still!

Cäsar. Ich bin's. Doch müßig nicht. Macht selbst
Recht Worte nur; Ihr habt nur wenig noch.

Philibert. Was will der freche Schwätzer?

Cäsar. Schwatzen blos
Wie andere Propheten.

Bourbon. Philibert!
Was zankt Ihr Euch mit ihm? Bleibt nicht genug
Zu denken uns? – Graf Arnold, ich bin Sinns,
Den Angriff morgen in Person zu leiten.

Arnold. Ich hab's vernommen, gnä'd'ger Herr.

Bourbon. Ihr wollt
Mir folgen, Graf.

Arnold. Da ich nicht führen darf.

Bourbon. Nothwendig ist's, damit's das hungrige,
Entblößte Heer zum höchsten Wagniß treibt,
Daß morgen sein Gen'ral den ersten Tritt
Auf's erste Glied der ersten Leiter setz'.

Cäsar. Die höchste Sprosse meint Ihr hoffentlich?
Dann wird der volle Lohn ihm nicht entgehn.

Bourbon. Die erste Stadt der Welt gehört vielleicht
Schon morgen uns. Bei allen Wechseln hat
Den Herrscherstab die Siebenhügelstadt
Geschwungen durch die Welt, denn die Cäsaren
Erlagen nur den Alarichs, und diese
Den Päpsten nur. Der Römer, Gothe, Pfaff'
War immer hier der Herr der Welt. Cultur
Und Barbarei und Heiligkeit hat aus
Den Wällen Roms den Umfang eines Reichs
Gemacht. Sie hatten ihre Zeit; jetzt kommt
Die unsrige. Wir wollen hoffen, daß
Wir gleich gut kämpfen und noch besser herrschen.

Cäsar. Wer zweifelt dran? Das Lager war von je
Die Wiege bürgerlichen Rechts. Was wollt
Ihr machen denn aus Rom?

Bourbon. Das, was es war.

Cäsar. Zur Zeit des Alarich?

Bourbon. Nein, Sklave, nein!
Zu jenes Cäsars Zeit, deß Namen du
Wie andre Hunde trägst.

Cäsar. Und Könige!
Ja für 'nen Bluthund ist's ein prächt'ger Name.

Bourbon. Ein Teufel sitzt in dieser Klapperschlang',
In deiner Zung'! Kannst du nicht ernsthaft sein?

Cäsar. Am Abend vor 'ner Schlacht nicht gut, das wär'
Nicht recht soldatenhaft. Der General
Mag sich Gedanken machen, ihm gehört's;
Wir Schelme müssen um so lust'ger sein.
Was sollten wir auch denken? Unser Schutzgeist
In unsres Generals Gestalt nimmt uns
In seine Hut. Laßt Heere ja nicht denken!
Wenn diese Schufte dächten, müßtet ihr
Allein erstürmen jenen röm'schen Wall.

Bourbon. Nun spottet nur, da ihr zu eurem Glück
Nicht schlechter fechtet drum.

Cäsar. Ich danke Euch
Für diese Freiheit; 's ist der einz'ge Sold,
Den ich in Eurer Hoheit Dienst bezog.

Bourbon. Gut, Herr! macht morgen euch bezahlt dafür.
Schaut euch die Mauern an: dahinter ruht
Mein Schatz. – Doch, Philibert, wir müssen in
Den Rath. – Arnold, wir bitten Euch, dort auch
Zu sein.

Arnold. Mein Prinz! Wie auf dem Schlachtfeld steh'
Ich Euch zu Dienst.

Bourbon. Für Beides seid Ihr mir
Von Werth, und ein Vertrauensposten harrt
Für morgen Eurer.

Cäsar. Und was meiner, Herr?

Bourbon. Mit Bourbon Ruhm zu ernten! Gute Nacht!

Arnold (zu Cäsar). Richt' unsre Rüstung für den Kampf und wart'
In meinem Zelt.

(Bourbon, Arnold, Philibert und Gefolge ab.)

Cäsar (allein). In deinem Zelt? Glaubst du,
Ich laß' dich einen Augenblick allein?
Glaubst du, dies Muschelhaus, das einst dein Sein
Umhüllt, sei mehr als eine Maske mir? –
Und das sind Menschen also! Helden gar,
Die holde Blüt' von Adams Bastardsöhnen!
Das sind die Folgen, wenn dem Stoffe man
Die Macht des Denkens schenkt! Es ist ein stumpf
Geschlecht, denkt quer, wie es auch handelt, und
Fällt immer rückwärts in sein Element.
Ich muß mit diesen armen Puppen spielen,
Das ist der Geister Zeitvertreib, wenn frei;
Bin ich es satt, hab' bei den Sternen ich
Zu thun, die nur für sich dies arme Volk
Zum Anschaun glaubt gemacht. Es wär' ein Spaß,
Wenn einen ich jetzt würfe unter sie
Und Feuer legte an das Wanzennest,
Wie rennten durch einander dann die Wanzen
Auf ihrem brennenden Gebiet und griffen
Sich nimmermehr in ihren Nestern an,
Nein, heulten nur ein allgemein Gebet!!
Hahaha! Hahaha!

(Cäsar ab.)

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