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Der Übergang

Jakob Julius David: Der Übergang - Kapitel 9
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authorJakob Julius David
titleDer Übergang
publisherVolk und Welt
seriesRomanzeitung
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Zweites Kapitel

Xaver Navratil geht zur Freite

Es war viel stiller im Hause geworden, nachdem der Adam eingerückt war.

Dabei ging es ihm nicht einmal schlecht beim Militär. Denn zu Anfang fühlte er sich sehr gebunden und benahm sich also vorsichtig.

Auch erkannte er sofort, daß es hier mit eigenem Willen und Aufbegehren nicht ging, wenn man's erträglich haben wollte, und nach Anstelligkeit und Verstandeskräften überragte er immerhin den Durchschnitt seiner Kameraden.

Franz Mayer begann wieder stolz auf seinen Jungen zu werden, der es so rasch zum Gefreiten und zum Korporal gebracht. Das äußerte sich natürlich in einer großen Ruhmredigkeit. Er war halt doch ein eiserner Kerl, neben dem es aber schon gar nix gab, der Adam.

Dabei sah er in den ersten Monaten infolge der ungewohnten körperlichen Anstrengung natürlich schlecht aus.

Das rief das allgemeine Mitleiden mit dem »armen Burschen« wach. Man mußte was daranwenden, ihn bei Kräften zu erhalten. Sonst konnte man doch nicht wissen, ob er sich nicht einen Schaden für sein ganzes Leben zuzog. Und so wetteiferte alles, ihn zu hegen und ihn mit Geld zu versehen, und Herr Franz Mayer hatte einen neuen, schier unerschöpflichen Gesprächsstoff: wie glänzend sich sein Bub bei den Kaiserlichen verhalte; was sein Leutnant und gar erst sein Hauptmann über ihn gesagt; nur freilich auch – was er koste! Denn der Adam habe zuviel Gemüt, und es sei schlimm genug, daß er so lang von zu Hause und den Seinigen fort sein müsse. Da dürfe man halt nicht sparen. Und seine Kameraden sollten doch auch merken, daß die Leute des Adam wer seien und was darauf gehen lassen könnten. Vorwärts kommt in der Welt doch nur, wer was spendieren kann und was gleichsieht. Nun – und daran sollte es dem Adam nicht fehlen, ewig nicht!

So wurde das ganze Haus gebrandschatzt für diesen einen. Ihm benagte kaum minder wie dem jungen Kuckuck die Pflege verblendeter Grasmücken, und er machte sich nicht mehr Gedanken, ob diese Opfer nicht über die Kräfte der Seinigen gingen, wie ein rechter Gauch, der auch nur den Schnabel aufsperrt und um sein Futter schreit. Herr Franz Mayer hatte übrigens wieder Gelegenheit, anderen die Zukunftsaussichten seines Sohnes im rosigsten Lichte darzustellen und ganz glückselig zu sein, wenn er sich wieder einmal mit ihm in einem der gewohnten Lokale zeigen konnte. Halt – in der Uniform habe so ein sauberer Bursch erst sein richtiges Gesicht! Ob es noch so einen gäbe in der ganzen Wienerstadt? Eisen! Und wenn man nur reden dürfte, was man leider niemals net darf! Da gäb' es Sacherln zu erzählen! Sacherln, sag' ich Ihnen! Was da für Brieferln kommen und wer sich ihn alles bestellt! Er wurde sogar seinen Freunden damit überlästig, unter denen man sonst Langmut übte, wie ihrer bedurfte. Sie zuckten die Achseln über ihn. »Wird halt a alt und kindisch und trinkt zuviel, der gute Mayer! Laßt's ihm die Freud'!«

Peter Gröger aber kam nach wie vor. Nur natürlich seltener.

Herr Franz Mayer hatte sich nämlich vorgenommen, ihn persönlich zu expedieren. Er freute sich ordentlich darauf, jemandem zu zeigen, wie er denn doch von ihm abhänge.

Dieses aber wurde wiederum von einem Tag auf den anderen geschoben. Denn es mußte mit Nachdruck geschehen, so daß der Bursche einen ordentlichen Merks und seine Lektion bekäme. Dazu wollte sich die Gelegenheit nun nicht finden.

Und so kam der Rechtsbeflissene denn mit seiner unschuldigsten Miene weiter, als sei gar nichts geschehen und als hätt' er nicht durch Fahrlässigkeit oder Unfähigkeit die schönsten Erwartungen eines um die Zukunft der Seinigen ehrlich besorgten Familienoberhauptes sträflich geprellt.

Eine solche Gelegenheit, sich in seiner ganzen Glorie zu zeigen, alle Künste seiner Beredsamkeit zu entfalten, den Sünder mit ehrlichem Zorn und mit einer Flut von »Wissen S'?« und »Verstengen S'?« zu überschütteln und in ihr zu ertränken, die kam doch so bald nicht wieder und mußte mit Bedacht heraufgeführt und gründlich ausgekostet und genossen sein.

Schickte sich aber schon alles, dann fühlte sich Herr Mayer verkatert und also nicht recht bei Laune und Hieb. Schädelweh lähmt einen Demosthenes an der Entfaltung seiner Gaben. Oder, es war die Linnerl zugegen, der er nicht weh tun wollte, nachdem sie an dem albernen Burschen nun einmal einen solchen Narren gefressen hatte. Oder wie bei ihm nur natürlich: er vergaß wieder einmal daran, weil ein Mann, der so vielerlei im Kopf hat, unmöglich immer an alles denken kann. Und so verrauchte der erste Zorn, und Herr Mayer fühlte, wie widersinnig es gewesen wäre, Wochen nach der Katastrophe mit einer verspäteten Entrüstung die Wachtparade zu beziehen.

Und so blieb Peter Gröger, besonders nachdem er den zarten Wink nicht verstanden hatte, daß man vergaß, wie ihm zu kündigen, so ihm das Stundengeld zu zahlen, und lernte mit der Linnerl weiter, obzwar die nun auch nicht mehr zur Schule ging und Herr Mayer mehr denn je überzeugt war, es komme bei der ganzen Lernerei nichts Vernünftiges heraus. Rein für die Katz' ist sie. Höchstens verdreht wird so ein Mädel davon. Übrigens – wenn's nix kostet! Das war doch wieder im Grunde hübsch von dem Burschen und bewies, daß er die Ehre zu schätzen wußte, bei ihnen zu verkehren. Und wenn sie's nun durchaus so haben wollte! Woher sie nur den Gusto hatte?

Die Linnerl war halt noch sehr kindisch. Da freut einen manches, wovon ein erwachsener Mensch gar nichts versteht, wie man was dabei finden kann. Das gibt sich schon, wenn man zu seinem Verstande kommt.

Eine Gelehrte würde sie ja doch nicht werden. In der Familie lag derlei nicht, und so grausam spielt die Natur nun doch nicht. Im übrigen war der Gröger wiederum soweit ganz gut zum leiden. Er hielt sich bescheiden, und wenn man ein Gesicht einmal gewöhnt ist, nun, so ist man's gewöhnt und vermißt es halt hernach nicht mehr gern.

Dies ist ein Wiener Naturgesetz. Es erklärt manches, was anders nicht gut zu verstehen wäre. Das mächtigste Recht – es zu kodifizieren, ist noch niemandem geglückt – ist hier das der Gewohnheit. Wer dagegen verstößt, ist ein Störenfried, ein Hetzer, ein Unzufriedener, der halt alles besser versteht; wer sich damit zu stellen oder es gar zu nutzen versteht, der ist ein lieber Kerl.

Auch zwischen der Rosi und ihrem Xaver hatten sich mit der Zeit so allerhand Gewohnheitsrechte herausgewachsen. In allen Ehren natürlich.

Man traf sich zu immer längeren Zwiegesprächen.

Und weil man dabei ein ausgesprochenes und eigentlich schwer zu glaubendes Glück hatte und gar nie erwischt ward, so wurde man immer sicherer und vertraulicher.

Mit ihm auszugehen, ehe sie in aller Form und vor einem gültigen Zeugen versprochen wären, dazu ließ sich die Rosi durchaus nicht bewegen. Sie wußte auch, was sich gehörte. Derlei schickte sich für eine Magd oder vielleicht noch für ein Mädel, das gar keinen Anhang in der Stadt hat, aber ganz und gar nicht für eine Hausherrntochter, wie sie es war.

Dennoch mußte sie den Geliebten immer zurückhalten, wenn er sich zum Gang zu ihren Eltern rüsten wollte und beteuerte, er fürchte sich durchaus nicht. Denn er habe die ehrlichsten Absichten und fressen könne man ihn dafür nicht. Ihr bangte um die Fortdauer ihres Glückes, das sie verstohlen genug und dennoch ganz, so recht eigentlich zwischen Tür und Angel genoß. Denn zur Heldin war die Rosi nicht geboren.

Mit jedem Tag ließ sich das Verhältnis allerdings schwerer erhalten. Denn die Ungeduld des Navratil wuchs und nahm immer begehrlichere Formen an. Da war es nicht leicht, ihn immer innerhalb der gebührenden Schranken zu erhalten, und es war nur ein Glück, daß man nie und nirgends gänzlich allein und unbeobachtet sich finden konnte.

Er erzählte so gern von der Einrichtung, an der er nun schon für sie beide arbeite. Da sollte kein Stück nur so liederlich fourniert sein. Alles Massiv-Nuß und -Eichen, Rosi! Er wußte am besten, wie sich die Leute anschmierten, die solches Zeug kauften. Das macht man für die, die's nicht besser verstehen oder wollen und denen jeder Schmarrn recht ist, wenn er nur in die Augen sticht. Für sich selber weiß man sich's besser. Da sucht man sich schon sein gut Stück Werkholz aus, an dem kein Fehler sein darf und das seine Zeit gelegen ist und das man mit eitel guten Gedanken und Hoffnungen in Angriff nimmt.

Je mehr und unverhohlener sich ihr aber so die ganze Treue und Bravheit des Burschen offenbarte, dem ganz und für immer anzugehören sie immer sehnlicher wünschte, desto unerträglicher dünkte sie dieses frostige, wortlose, feindselige Leben bei sich zu Hause. Sie verlangte nach seinem Ende als nach ihrer Erlösung. Es wäre nahe genug gewesen. Denn selbst die Bedingungen, zu denen ihm seine Meisterin das Geschäft übergeben wollte, die billig genug waren, daß man bestehen und vorwärtskommen konnte bei vernünftiger Wirtschaft, hatte der Navratil bereits erkundigt. Seitdem ihr auch diese letzte Hoffnung auf eine Vermählung fehlgeschlagen war, freute die Witwe das Geschäft nicht mehr.

Weil er aber von seinem Wert keinen geringen Begriff hatte, den sie natürlich teilte, so fand sie jene Hindernisse immer verwünschter und unsinniger, die sich aller Voraussicht nach ihnen entgegenstellen mußten. Sie konnte im Nachdenken darüber in ein prüfendes Grübeln geraten, das ihr gar nicht schlecht stand, aber doch wieder nicht so ganz zu ihrem frischen und arbeitsfrohen Wesen paßte. Wie eine Beleidigung des Geliebten mußte es ihr erscheinen, ihm die Gründe mitzuteilen, aus denen sie einen ungünstigen Ausgang seiner Freite erwarten mußte. Und dennoch war es notwendig, ihn hinzuhalten. Bis ihm die Geduld riß. Es scheine ihm, sie habe ihn für einen Narren; dafür aber sei er sich immer noch zu gut. Da konnte die Rosi nichts mehr tun und mußte dem Verhängnis, allerdings mit bösen Ahnungen und schwerem Herzen, seinen Lauf lassen.

Xaver Navratil putzte sich für diesen Gang überaus stattlich heraus. Er nahm natürlich sein schwarzes Sonntagsgewand, dazu die goldene Uhr mit schwerer Kette, die er eigentlich erst hatte tragen wollen, wenn er Meister geworden war. Für dieses eine Mal mochte die Ausnahme gestattet sein. Man sollte doch sehen, daß er etwas hatte und an sich spendieren konnte. Einen Blumenstrauß von ziemlichem Umfang er – mußte doch etwas gleich sehen – und tadelloser Schönheit hatte er gleichfalls besorgt. Hernach mußte ihn der Lehrjunge bürsten, bis an seinem Staate nicht das kleinste Fäserchen mehr war, und die Meisterin überprüfte in sauersüßer Andacht den Gesamteindruck. Er konnte sich sehen lassen – auch die Rosi fand das, die über den Hof nach ihm Auslug hielt.

Die Unterredung, die er, also angetan, mit Herrn Franz Mayer hatte, währte nur kurz – entschieden kürzer als die Vorbereitungen dazu.

Navratil stellte sich vor und nannte seinen Namen. Und Herr Mayer verwunderte sich und bat um Wiederholung. Dann: »Entschuldigen Sie schon! Aber Sie sind gewiß kein Hiesiger!«

Nein! Er sei ein gebürtiger Wiener.

»Net möglich!« verwunderte sich Herr Mayer.

Und dennoch sei es so. Er habe hier sein Handwerk gelernt und sei immer dagewesen, die Zeit ausgenommen, da er gedient habe.

»Also Soldat sein S' gewesen? Welche Charge denn, wenn man fragen darf?«

»Ich bin als Korporal verabschiedet.«

»Schau, schau«, machte Herr Mayer. »Und Sie sind wirklich ein Wiener?«

»Wirklich und wahrhaftig. Ich kann mich übrigens ausweisen.«

Herr Mayer schüttelte das Haupt. Sein Gast solle nicht böse sein. Aber einen solchen Namen habe man dahier noch nicht erhört. Er wiederholte ihn: »Xaver Navratil«, als wolle er sich an seine Möglichkeit gewöhnen. Und hernach: »Also, was verschafft mir die Ehr'? Oder ist man Ihnen was schuldig blieben?«

»Nein. Und wenn man mahnen wolle, so käme man doch nicht so...«

Herr Mayer tat, als bemerke er nun erst den Anzug seines Besuchers. »Ist schon richtig, Herr Navratil, fein ang'legt haben S' Ihnen. Aber möchten S' den Buschen net wohin stellen? Haben S' nachher noch einen angenehmen Gang vor?« Denn tatsächlich stand der Geselle, den Strauß in der Linken, recht sehr ungeschickt und verlegen da. Für wen denn die Blumen bestimmt wären? Sie seien so schön. Die möcht' er bitten, der Fräulein Rosi übergeben zu dürfen.

»Nein! Nein! Der Rosi?« dehnte Herr Mayer. Die werde sich gewiß nicht schlecht freuen über eine solche Aufmerksamkeit. Er werde sie schon irgendwie davon verständigen. Wenn man halt nur wüßte, wie das Mädel zu einer solchen Ehre käme oder wie man sie vergelten dürfe.

Navratil preßte die freie Rechte ans Herz. In den Handschuhen, die abzustreifen er sich nicht traute, sah seine Hand gar ungeschlacht und abgearbeitet aus. Das verschönerte ihn durchaus nicht, erhöhte eher das Drollige seines Auftretens. Er habe eben das Fräulein Rosi sehr gerne. Und er glaube, ihr auch nicht gleichgültig zu sein.

Das sei ja sehr erfreulich und eine große Ehre.

Ja, und er möchte als ein ehrlicher und aufrichtiger Mann um die Hand von Fräulein Rosi gebeten haben.

Herr Mayer geriet in ein tiefes und anhaltendes Nachdenken, aus dem ihn der andere nicht aufzustören wagte. Endlich: »Da sieht man's! No ja! No ja, freilich. So kommen einem die Kinder in die Jahr' und fremde Leut' merken's früher, als wie die eigenen und leiblichen Eltern! No halt ja. Alt genug wär' das Mädel schon«, meinte er sehr trübselig.

Ob er also hoffen dürfe? Er verdiene genug, um einen bescheidenen Hausstand begründen zu können.

Ja – da werde man allerhand überlegen und mit dem Mädchen besprechen müssen.

Fräulein Rosi sei mit seiner Werbung durchaus einverstanden.

»So eine Heimliche«, scherzte Herr Mayer wohlwollend. »Und uns hat sie kein Wörterl gesagt! Gelt, Alte? Aber entschuldigen Sie, Herr Navratil, ich hab' noch eins fragen wollen, sind Sie schon selbständig?«

Nein. Aber er könne es jeden Augenblick werden und ein ganz gutes Geschäft übernehmen. Eigentlich fehlte ihm nur die Meisterin.

Da könnte man ja vielleicht warten und sich's überlegen bis dahin?

Auch damit war der Navratil einverstanden. Nur möchte er alsdann bitten, ihn in aller Form als Verlobten anzuerkennen.

»Haben Sie's aber hitzig«, meinte Herr Mayer wohlwollend.

Ja, er kenne und liebe das Fräulein Rosel nun schon sehr lang.

»So, so. Und das Madel schweigt rein wie der Tod! Was sie alles anstellen, wann s' verliebt sein! Ja – dös geht aber doch net so geschwind.« Wer denn seine Leute seien? Damit man sich erkundigen könne. Und ob er nicht am End' ein Sozialist sei? Der bekäme sie nie! Denn er werde begreifen, daß man etwas auf sich halten müsse. Und man möchte doch wissen – versteh'n S', Herr Navratil! – in was für eine Familie die Tochter da hineinheiraten solle.

Xaver Navratil wurde verlegen. Sozialist sei er nicht. Aber Auskunft über ihn könne niemand erteilen. Er habe keine Eltern mehr.

Aber doch gewiß einen Vetter oder einen Onkel oder sonst wen Gefreundeten?

Nein. Er wisse von niemandem.

Das sei rein unmöglich! Oder ob es in dieser merkwürdigen Familie immer nur einzige Kinder gegeben habe?

Der Freier fühlte sich in die Enge getrieben. Er gestand, er sei darüber nicht unterrichtet. Er sei magistratisches Kostkind.

»Han ... So ...«, machte Herr Mayer unendlich gedehnt und versank wieder in sein unheimliches Brüten. Er rieb sehr emsig die Hände ineinander, und der Navratil fühlte: alle seine Hoffnungen wurden dazwischen zerrieben. Navratil geduldete sich ein gutes Weilchen. Endlich fragte er sehr verschüchtert, was er wohl hoffen dürfe?

»Han ...« Man ahnt gar nicht, was für eine Länge drei Buchstaben haben können.

Navratil erhob sich: »Also, Herr von Mayer?«

»Also« – Herr Mayer brach los. »Da haben S' Ihner Grünzeug. Und sein S' froh, wenn ich's Ihnen net zum Fenster hinauswirf.«

»Ja – warum denn?«

»Er fragt a gar noch. So eine Frechheit. Navratil heißt er und überdem noch Xaver, wie sonst gewiß kein Christenmensch. A Tischlergesell' is er und a Kostkind. Und a Mayerische Tochter möcht' er. Kan' schlechten Gusto hätten S' net!« Sein ganzer Hochmut brach auf.

Aber man solle doch vielleicht die Fräulein Rosi fragen. Er könne doch nichts für seine Eltern. Und er sei gewiß ein ordentlicher Mensch.

Ist schon gut! Das könne ein jeder sagen. Ein ordentlicher Mensch bandelt nicht hinterm Rücken von die Eltern mit einem Madel an, das überdem noch so dumm ist, daß es alles glaubt. Und dös gibt's net, ewig net. Und das Mädel habe das Maul zu halten. Anders wär's gar aus! Und man werde eben in Zukunft besser aufpassen. »Hörst d', Alte? Daß du mir s' net aus den Augen laßt! und behüt' Ihnen Gott und beehren Sie wem anderen, Herr von Navratil.«

»Es war wohl net das Richtige«, sagte die Mutter hernach zur weinenden Rosi.

»Er ist's! Er ist's!« schluchzte das Mädchen, »und ich stirb ohne ihn.«

»Es stirbt sich leider Gottes net so geschwind.« Das war so merkwürdig hart und kam so trostlos. »Und der Vater leidet's halt net.«

»Mutterl! Bitten S' ihn für mich.«

»Es nutzt nix. Und den Mann bitt' ich um nix nie mehr.«

Am Abend trafen sich die beiden für ein Weilchen.

Xaver Navratil war sehr gekränkt, und es kostete keine geringe Mühe, ihn nur einigermaßen zu besänftigen.

»Ich hab's gewußt. Ich hab' dich immer gehalten. Sie leiden's net«, jammerte sie.

»Ja – und was bleibt mir nun über? Ich geh' in die weite Welt.«

»Dös tu' mir net an. Dös net«, bat die Rosi.

Ob er vielleicht zusehen solle, wie man sie einem andern verkuppelt?

»Ich nimm kein' andern. Ich wart', bis ich steinalt und kleinwunzig werd'. Gewiß und bei meiner armen Seel', Xaverl.«

Ja – und das Herumziehen habe doch gewiß keinen Zweck. Und er halte es nicht mehr länger aus. »Denn wenn man eins so recht lieb hat, weißt, Rosi ...«

»Und der Vater werde sicherlich niemals nachgeben.« Sie schrie beinahe und warf sich dem Gesellen an den Hals.

Er hielt sie eng an sich. Immer enger: »Da müßt' man einen Tatbestand schaffen, Rosi«, flüsterte er ihr ins Ohr. »Ein Tatbestand?« Sie begriff nicht gleich.

Ihm gefiel das Wort überaus. »Ein' Tatbestand, weißt«, erläuterte er, »halt – ein' Tatbestand, daß sie net mehr nein sagen können.«

Sie wurde glührot und verhielt ihm den Mund.

»Ein' Tatbestand, weißt.« Das kam so sehr schwül, daß sie die Augen schloß und ganz schwach hauchte: »Dös tu' ich net.«

»Rosi!« Sie schüttelte den Kopf. Aber durch die geschlossenen Lider hindurch meinte sie zu fühlen, wie sie der Blick des Navratil senge und verzehre, ohne daß sie sich wehren konnte.

»Ich bin gar nie allein«, flüsterte sie.

»Rosi – ein Tatbestand. Sonst nutzt uns nix.«

Sie blieb an ihn gelehnt. Ganz willenlos und vergessen. »Wenn aber was geschieht, Xaver!«

»Wär' recht. Nachher können s' net mehr darein reden.«

Mit einer sehr weichen Bewegung, schmeichelnd wie ein Kätzchen, fuhr sie ihm übers Gesicht. Sie hob die Augen und nickte sehr verschämt. Und dann: »Sie werden bald auf ein Heurigen geh'n. Und wenn s' auf ein Heurigen geh'n, so tu' ich net mit. Und net wahr, Xaverl, und du schwörst mir's: Du wirst net vergessen, wie deine Mutter gestorben ist ...«

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