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Der Übergang

Jakob Julius David: Der Übergang - Kapitel 8
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typefiction
authorJakob Julius David
titleDer Übergang
publisherVolk und Welt
seriesRomanzeitung
year1968
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Zweites Buch

Der Übergang

Erstes Kapitel

Adam Mayer amüsiert sich

Adam Mayer war tauglich befunden worden und hatte somit dies eine Mal die Erwartungen seines Vaters gerechtfertigt.

Nachdem er – dem selbstgesteckten Programm gemäß – sein Einjährigenexamen wirklich und natürlich nicht bestanden hatte, so sollte er vom Herbst auf drei Jahre zum Wiener Hausregiment Nr. 4, Hoch- und Deutschmeister, einrücken.

An jenem Tag, da er durch die Prüfung gefallen war, traute er sich denn doch nicht sofort heim. Er wußte, es werde einen bösen Sturm setzen und ganz besonders die Mutter werde sich wieder einmal ganz fassungslos gebärden. Eine leise Befriedigung sog er aus dem Gedanken, die Sache könne doch auch für Herrn Peter Gröger zu recht unangenehmen Auseinandersetzungen führen. Denn er liebte seinen Lehrer durchaus nicht, wiewohl man sich scheinbar vertrug, und hatte seine alte Vorliebe für das System der Blitzableiter.

»Sie werden's erwarten können«, dachte er sich. Er holte einen Schulkameraden und Gesinnungsgenossen, und beide strichen ziellos herum. Einigermaßen unbehaglich fühlte der Adam sich immerhin. »Das ist, ich mag halt kein' Spektakel.« Nun – und dazu mußt' es diesmal ausgiebig kommen. Überdies hatte er gar kein Geld im Sack, und das stimmte ihn ganz melancholisch. Sein Freund, er wußte dies aus mannigfacher Erfahrung, hatte gar niemals eines oder zeigte es mindestens nie her und ertrug mit einer rührenden Geduld und Ausdauer alle Launen des Adam, nur weil er sich von ihm zechfrei halten ließ.

Wenn man nur reich wär'! sinnierte der Adam. Oder nur so viel müßte man haben, daß man sich an einem solchen Tag einen Fiaker nehmen und in den Prater fahren kann. Ist es gut gegangen, so sollte man sich unterhalten und was darauf gehen lassen dürfen. Ist's aber schlecht gegangen, no' so kauft man sich halt andre Gedanken und frißt nicht alles in sich hinein, was einem doch unmöglich gesund sein kann. Denn warum möcht' man sonst sagen: Einer frißt sich's Herz ab? Und die Reue, die hat doch gar keinen Sinn; die verdirbt einem höchstens noch ein paar Tage. Er pfiff dabei – das konnt' er meisterlich – einen Marsch vor sich hin, der ihm unbewußt in eine recht trübselige Weise überging. »Ich bitt' dich, mach' mir kein so dasiges Gesicht«, fuhr er den Genossen an, der nachdenklich vor sich hin gedümmelt hatte. »Das vertrag' ich heut' aber schon gar nicht!« Der fuhr zusammen und bemühte sich, höchst vergnügt dareinzusehen, was nicht sonderlich geriet. »Bist halt ein Karpf. Ein richtiger Karpf!« dachte der Adam.

Endlich muß jedes Schlendern zu einem Abschluß führen. So herumgehen, ohne Ziel, davon war Adam durchaus kein Freund. Überdies beschrieb er in seiner Gedankenlosigkeit immer enger werdende Spiralen um sein Elternhaus. Schließlich standen sie davor. Sein Gespan schrak zusammen, in allen seinen Hoffnungen betrogen. »Gehst doch schon heim, Adam?«

»Könnt' mir grad' einfallen, du Täpp«, brummte der ganz entrüstet.

»Ja, was willst d' denn nachher da?«

»Wirst schon sehen. Zum Sacher kann ich dich heut' net führen. Dafür langt's net.«

»Ja – aber halt: es ist doch net einmal ein Wirtshaus da?«

»Wirst's schon noch erwarten können. Zum Greißler gengen wir.« »Zum Greißler?«

»Na – epper ins Café?« Die Geduld des Adam war am Reißen. »Damit eine jede von die Urscheln, wenn's vorbeigengen, oben sagt, wo wir sitzen und daß sich der Adam net ham traut? Komm nur, 's ist ganz gut da, und ich hab' da hier schon meine Hetz' gehabt – man kann sie gar net besser haben.«

Man trat ein. Ein sehr schmales Verkaufsgewölb durch, angefüllt mit allem möglichen Zeug. Auf dem Ladentisch Genießbares und Ungenießbares in verträglichem Wirrwarr durcheinander. Kränze von Würsten niederhangend; hohe, braungestrichene Regale. Die Greißlerin, eine füllige, aber riegelsame und bewegliche Person, die einmal ganz hübsch gewesen sein mußte. Sie schlug die Hände heftig zusammen: »Jessas – der Herr Adam gibt uns wieder einmal die Ehr'! Da müßt' man doch rein ...«

Adam nickte großartig, »'s ist schon gut. Aber schreien S' net a so. Niemandem sagen, daß wir da hier sind! Wo sind denn die Madeln?«

»Gleich werden s' kommen. Gleich. Sie richten sich nur ein wengerl her.«

Man kam in eine Stube. Sie war ziemlich geräumig, nur sehr dunkel. Sie hatte kein Fenster, eine Tür mit einem Guckerl in den Laden, eine zweite gegen den Hof. Ein dumpfiger Geruch von all den Waren nebenan. Man mußte sich eingewöhnen, ehe man einen großen Tisch, einige grobgestrichene Stühle davor und einen alten niedergetretenen Diwan gewahrte. Drei Bettstellen, unordentlich genug zurechtgemacht. Alles eher schlampig als arm. Es gehörte ganz entschieden ein eigener Geschmack dazu, sich hier wohlzufühlen.

»Soll ich ein Licht bringen, Herr Adam?«

»Wir brauchen kein Licht. Einen Schnaps möchten wir. Was haben S' denn für einen?«

»Einen Nuß hat mein Mann für den Winter angesetzt. Ist gar gut. Mögen S' einen? Trinkt sich wie ein Öl und brennt wie der Teufel.«

»So bringen S' ein' Nuß. Und hernach ein paar Flaschen Bier und was zum Beißen. Gibt's was Ordentliches?«

»Ein Geselchtes hätt' ich, Herr Adam. So schön haben S' noch keines g'gessen. Ein echtes Prager. Haben's eben erst bekommen.«

»Erzählen S' mir keine Geschichten«, knurrte der Adam. »Bringen Sie's lieber. Und nachher lassen Sie einen Wein vom Wirten kommen. Ein' Gerebelten! Net Euern Hauspantsch!«

»Was ist denn g'schehen, Herr Adam, daß Sie's gar so nobel hergeben?«

»Geht Ihnen nix an. Halt ein Lätitzerl will ich mir wieder amal machen und ein' meinigen Freund hab' ich da. Und wo stecken die Madeln?«

»Ich hab's Ihnen schon gesagt, sie richten sich ein bisserl her,«

»Haben s' die Nacht durchdraht?«

»Aber Herr Adam – wo denken S' hin? Bei meine Madeln! Gleich müssen sie dasein.«

Der Schnaps wurde gebracht und getrunken. Der Imbiß erschien und verschwand schleunig. »Die Gläser ordentlich auswaschen«, befahl der Adam. »Einen Hunger und einen Durst hab' ich, net zum glauben. Bringen S' noch was zum essen.« Er schenkte ein: »Sollst leben, Pepi!«

»Sollst leben, Adam!«

Sie tranken. Es war recht dunkel um sie und eine große Stille. Nur manchmal zeterte die Klingel vom Geschäft heftig, und man vernahm Bruchstücke einer hastigen Unterredung. Oder ein eintöniges Rumpeln der Wäscherolle, die sich knarrend bewegte, war. Adam trank immer wieder und tat manchmal einen gellenden Pfiff, wie man einem Hunde pfeift, auf den frisches Getränk gebracht wurde.

»Ist's net ganz gemütlich, han?« fragte er, streckte sich längelang nieder und stierte schweigsam zur Decke, als gab' es da etwas ausnehmend Wichtiges zu beobachten.

»I«, meinte der Pepi schüchtern. »Aber ein wengerl fad ist's doch.«

»Wart' nur. Du hörst doch, die Madeln kummen. Nachher wird's schon fescher.«

»Wer sein s' denn?«

»Halt der Greißlerin ihre Madeln. Vom Ballett kummen s' net daher.«

»San s' sauber?«

»No – mir haben s' oftmals ganz gut gefallen. Werden s' dir a recht sein dürfen.«

»Du bist heut' net schlecht grantig, Adam.«

»Sei net blöder wie nötig, Pepi. Stier bin ich halt. Und das muß mich doch natürlich giften.«

Wieder eine große und erwartende Pause. Immer wieder, wie um sich selber zu beschwichtigen, fuhr sich der Adam durch das gesträubte Haar, begann irgendeine Melodie und brach mitten in ihr mit einem mißtönigen Pfiff ab. »Hast recht, ich bin heut net bei Hamur.«

»Vielleicht doch wegen der Prüfung?« Adam richtete sich auf: »Du, red' mir net davon, oder wir sind Freund' gewesen.«

Pepi beschwichtigte: »No, no! Mußt net gleich steigen wie ein Raffler.«

»'s ist schon gut.« Beide sogen heftig an ihren Virginiern, und die Spitzen der Zigarren glommen wie zwei immer weiter voneinander rückende Feuerpünktchen durch die Dunkelheit, und der Tisch bedeckte sich mit Asche, auf die der Adam, sonst eitel genug, achtlos seinen Ellenbogen stützte. Ein starkes Behagen an diesem Schmutz und dieser Unordnung erfüllt ihn ganz.

»Und überhaupt« – der Adam sprach halb für sich –, »was ist denn eigentlich geschehen? Nix ist geschehen. Zwei Jahre hab' ich halt mehr Zeit, bevor ich ins Rackern und ins Verdienen muß. Das ist doch nur ein Vorteil.«

»Nachdem man's nimmt.« Pepi nickte und fühlte sich durchaus Pagode. Adam aber nahm einen tiefen Schluck, ehe er fortfuhr:

»Und alsdann: ich hab's ja net anders wollen. Ich hab' mir das doch so vorgenommen gehabt. Es geschieht halt immer, was ich mir vornimm.«

»Na alsdann – vielleicht nimmst dir amal a was Vernünftiges vor«, entfuhr es unbedacht genug dem Pepi.

Der Tisch geriet in bedenkliches Wackeln. Adam schnellte auf: »Du! Red' mir net so dalkert daher. Hörst d'? Oder ich könnt' was tun.«

»Wirst doch noch einen Spaß versteh'n, Adam.« Ganz schüchtern.

»Nachdem er ist. Und frozzeln lass' ich mich net. Merk' dir's. Ich bin der Adam Mayer. Wirtshaus – ein Bier!«

Er schlug dröhnend auf.

Zwei helle Mädchenstimmen, bei deren Klang Pepi die Ohren spitzte und sich die Stirn des Adam entrunzelte. »Was schreien S' denn so, Herr Adam? Es kummt eh schon.« Die Türe ging auf. Zwei junge, frische Geschöpfe, in jeder Hand eine Bierflasche, erschienen doppelt freundlich in der einbrechenden Helle, die sie für ein Weilchen in diese Dämmerung brachten. Jacken, eilfertig schief geknöpft, ließen zwei schlanke, bräunliche Hälse bis zum Ansatz sehen. Der Adam schielte frech, der Pepi lüstern nach ihnen. Adam stellte vor: »Ein meiniger Freund. Heißt Pepi Winkler. Sonst haßt er nix.«

Beide kicherten, und der Pepi hatte Lust und Grund, sich zu erzürnen. Aber es war heute nicht rätlich, mit dem Adam Kirschen zu essen. Der fuhr fort: »Wo habt's denn wieder einmal gesteckt, Madeln? Da sitzen wir eine Ewigkeit alleinig und hätten bald zum raufen angefangen, nur damit wir eine Unterhaltung haben.«

»Sieht dem Herrn Adam gleich«, meinte die Jüngere, Susi, spitzig. »Er muß halt alleweil keppeln.«

»Und wie war's denn mit der Prüfung?« fragte die sentimentale Marie. »Ist's gut dabei g'gangen, Herr Adam?«

»Geht euch nix an. Halt so ist's g'gangen, wie ich mir's gedacht hab'«, entgegnete der Adam zugleich grob und orakelnd. »Aber, wo seid's denn gesteckt?«

»Halt ein wengerl angelegt hat man sich«, erwiderte die Marie.

»So eine ungeschaffte Arbeit! War eh net notwendig!« Und der Adam lachte, und Pepi schmunzelte verständnisvoll. »Da trinkst eins, Marie.«

Sie tat einen kräftigen Schluck, dem man die Übung im Bescheidtun anmerkte. »Der Herr Adam soll leben.« Er nahm sie um die Hüfte, und sie zierte sich ein wenig: »Was wird sich denn der Herr Pepi denken?«

»Halt, daß wir gute Bekannte sind, die miteinander hinterm Werkel 's Tanzen gelernt haben.«

Sie setzte sich sittsam gefügig neben ihn und strich sich hernach die Kleider glatt: »Er war' gar gut zum leiden, der Herr Adam«, meinte sie. »Nur so viel schlimm ist er.«

»Bin ich's?« Adam nickte höchst selbstzufrieden und zog die Marie näher an sich. »Ja – das sagen s' allgemein.«

»Ich wer' daweil spazierengeh'n«, machte die Susi sehr schläfrig und verdrossen.

»Da bleibst«, rief der Adam heftig. »Weißt denn gar kein Gehörtsich mehr, Pepi?« Der sprang auf und holte einen Stuhl für Fräulein Susi, die erst unschlüssig daran herumwischte, ein wenig maulte und sich zierte, ehe sie sich bewegen ließ, Platz zu nehmen und den Friedenstrunk aus des Pepi Glas zu ziehen.

Die Marie fuhr dem Adam durch das gesträubte Haar: »Und halt gar so viel gach ist er, der Herr Adam.« Adam lachte in sich.

»Ich möcht' nur wissen, was es da zum lachen gibt«, stichelte die Susi. »Einen Menschen, vor dem man sich allweil fürchten muß, er tut einem was – ich dank' schön dafür. Das ist doch gar zu grauslich.«

»Aber ich bin ja gar net gach«, entgegnete der Adam.

»Net möglich!« Und beide Mädchen verwunderten sich sehr.

»Ich tu nur a so«, erläuterte Adam Mayer, zog den Kopf der Marie an seine Brust und warf seinen Virginierstummel von sich. »Hast d' was zum rauchen, Pepi? Na? Nachher möcht' ich nur wissen, wozu daß du auf derer Welt gut bist. Aber ich bin beileib net gach. Ich weiß immer gut, wann ich aufbegehr' und warum. So fürchten sie sich immer vor mir und daß ich einmal in meiner Hitzen was könnt' anstellen. Aber in mir bin ich dabei völlig kalt. Ein rechten Zorn hab' ich noch net in mir g'spürt. Ich weiß net amal, ob ich wirklich a Schneid' in mir hab'. Manigesmal kummt mir vor, ich hab' gar keinen, und wenn mich einer so richtig anfahren tät', ich möcht' mich net an ihn trauen. Da ist's doch gewiß besser, sie fürchten sich vor meiner und trauen sich net an, han?«

»Net zum glauben«, machten die Mädchen. Der Pepi horchte auf. Das klang doch merkwürdig. Adam schwieg. Nach einer Weile: »Ja, Madeln, – tröst' euch Gott. Jetzt werd' ich dahier schier rarer werden. Geh'n mir.« Pepi, der inzwischen den Ton für die Fräulein Susi gefunden hatte und mit ihr recht vertraulich fürs erstemal geworden war, wollte sitzen bleiben und bedurfte eines nachdrücklichen Rippenstoßes des Adam und seiner entschiedenen Erklärung: »Jetzt schiebst ab. Kommst halt ein andermal wieder und tröstest die Waserln«, ehe er begriff und sich muckisch genug erhob. »Alsdann – schreibt's alles zusammen. Mein Alter wird jetzt schon zahlen. Servus, Madeln«, und beide traten auf die Gasse, die schon völlig erdunkelte. Der Adam gähnte verdrießlich. »Da sollt' man jetzt eigentlich die Nacht durchdrah'n. Ein' Gusto hätt' ich schon darauf. Geht halt net Servus, Pepi!« Und sehr mißvergnügt zog er heim. Im Vorzimmer flüsterte ihm die Marie noch zu: »Sein alle da. 's wird bös werden!« Er zuckte die Achseln und trat ein.

Es war, als hätte man nur auf das Stichwort gewartet. Mit großen, entsetzten Augen sah die Linnerl die häßliche Szene, die sich nun begab und vor der Rosi trotz ihres Abscheus vor der Marie, dem »ordinären Frauenzimmer«, in die Küche flüchtete und sich die Ohren verhielt. Und dennoch fühlte sich die Linnerl mächtig gefesselt. Alles prägte sich ihr tief und bildmäßig bestimmt ein, und dunkle Instinkte wachten in ihr auf. Ganz Auge war sie wider Willen für jede Bewegung, ganz Ohr für jeden Ton. Denn die Mutter jammerte und kreischte in den unmöglichsten Tönen. Der Vater stürmte mit einer Flut von Vorwürfen auf den ungeratenen Buben ein. Adam machte ein finsteres und verwundertes Gesicht und suchte so zu tun, als ginge ihn das Ganze nichts an oder als begriffe er es mindestens nicht. Endlich: »Aber das ist ja der reine Narrenturm! Da muß ich ja gehn ...«

»Da bleibst und hörst zu, Raubersbua!« herrschte ihn Franz Mayer an. »Na – wenn's dem Herrn Vater das Herz leichter macht!« Das kam unsäglich frech. Nur in den Augen war das gewisse Blinzeln, wie wenn Hunde den Stock über sich sehen und noch nicht wissen, ob sie beißen oder sich ducken sollen.

Franz Mayer schalt weiter. Immer unsinniger, immer schmähender. In die Wangen des Adam kam ein fliegendes Rot, in seine Finger ein Zittern. Endlich: »Ihnen glaub' ich's, Frau Mutter, daß Sie sich harben. Ihm net!« Er deutete mit gespreizter Hand nach seinem Erzeuger. Der fuhr los und hob die Hand: »Haderlump, elendiger. Da könnt' man doch gleich ...«

Der Adam wurde totenbleich. Er tastete auf dem Tisch, wo die Gedecke fürs Abendbrot lagen, und fingerte daran herum. Und mit halb offenem Mund und ganz leis' und mit heiserer Stimme: »Das möcht' ich dem Herrn Vater doch wieder net geraten haben. Der Herr Vater weiß, das hat mir gar nie gefallen. Net als Kleiner«, und Herr Franz Mayer taumelte zurück.

»Und überhaupt – wegen einem Durchfall sollte man in dem Haus nicht so viel Gerede machen«, der Adam fühlte Oberwasser und sich ganz sicher. Das könne man doch hier schon gewöhnt sein. Da sei die Kathi – darüber schweige man aber. Und wenn man schon durchaus nicht anders wolle und einer muß durchaus etwas angestellt haben: – da sei wieder die Kathi; halt immer die berühmte Kathi! Kathi kreischte auf und flüchtete sich.

»Willst deiner Schwester ihre Schand' ausschreien?«

Nein. Das wolle er nicht. Aber man solle von ihm gütigst nicht mehr begehren als von anderen. Und man solle ihn abermals gütigst ungeschoren und seiner Wege gehen lassen. Er sei nicht anders wie halt die anderen, und er sehe gar nicht ein, warum er's denn sein solle? Und man solle sich seinethalben keine Gedanken machen. Er sei ja doch auch ein echter Wiener, han? »Und wie sagen S' denn alleweil, Vatter?« Er freut sich nun einmal aufs Militär. Er wolle dabeibleiben, und ein Zertifikatist habe ein sicheres Brot und seine ganz angenehme Stellung.

Könne man anders so bequem kaiserlicher Beamter werden? Und ein kaiserlicher Beamter sei doch wer. Oder nicht?

Der Sturm war vorüber. Man aß auch diesmal zur Nacht wie alle Tage.

Nur die Kathi war heftiger Kopfschmerzen halber nicht dabei. Die Frau Mutter ließ jeden Bissen fallen, starrte gedankenlos auf ihren Teller, kratzte darauf herum, daß es durch Mark und Bein ging, und faltete immer wieder die Hände darüber. Und Herr Franz Mayer ging desto zeitiger fort, seinen Verdruß recht ausgiebig verschwemmen und begießen. Ja – ohne ein bissel Zerstreuung müßt' der Mensch doch rein vor Ärger ersticken. Adam aber paßte seine Gelegenheit für die Küche ab: »Na also – da segen S', nix ist's gewesen.«

»No, ich mein' – Spektakel war akkurat genug. Und recht saubere Geschichterln hat man a gehört.«

»Hast d' gehorcht?« Er fuhr auf.

»War das Mal net nötig«, entgegnete sie sehr unbefangen. »Mir scheint – über'n Gang hat man's hören können.«

»Macht nix. Warum reizen s' mich a so? Und mein' Alten hab' ich's gezeigt, und den Kopf abgerissen hat er mir halt doch net. Wär' auch schad' darum. Gelt, Mariedel! Und die drei Jahr' werden herumgeh'n wie nix, und alle Sonntag, wo man kann, gehen wir tanzen oder sonstwohin, wo's fesch und laut ist, und das öde Versteckenspielen hat ein End' – was, Mariedel?«

»Ich wär' schon dabei. Aber ich mein', mit der andern Mariedel wird sich's spießen; wo wollen S' das Geld hernehmen, Herr Adam?«

Er lachte: »Wär' gar aus! Einmal hast du eins und kriegst's schon zurück mit gute Zinsen. Und nachher – wann sie sich noch so sehr giften – meinst, sie lassen den einzigen Sohn drei Jahre bei die Kaiserlichen dunsten und Kommißbrot fressen mit nix dazu als Auflag'? Die werden schon schwitzen. Das gibt's net, hat's net g'geben, seit die Welt steht, ewig net, du Tschapperl du!«

»Und werden S' Ihnen denn auch um mich umschau'n?«

»Bei meiner Seel', ich kann mir's gar net denken, daß ich wen andern so gernhaben könnt'.« Seine Nüstern öffneten sich gierig; er beschnupperte sie förmlich, und es zuckte ihm gichtig durch die Glieder. »Du hast mir's halt antan. Ich weiß net wieso. Aber antan hast mir's einmal und das wird alleweil ärger, und ich mein', es gibt gar kein so richtiges Frauenzimmer für mich mehr auf der Welt, wie du eine bist. Rein heiraten könnt' ich dich.«

»Dös wird schier net geh'n, Herr Adam.«

»Kann man niemals net wissen. Aber mach' mich net eifern, Mariedel. Oder es könnt' was gescheh'n – Gottigkeit, und. nix Gutes net ...«

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