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Der Übergang

Jakob Julius David: Der Übergang - Kapitel 3
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typefiction
authorJakob Julius David
titleDer Übergang
publisherVolk und Welt
seriesRomanzeitung
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Drittes Kapitel

Peter Gröger lernt die Familie Mayer kennen

Trotz Jugend und gesunder Nerven schlief Peter Gröger in dieser Nacht nicht viel. Er war doch aufgeregt von der neuen Bekanntschaft, von der Aussicht auf seine Wirksamkeit, die sich ihm so unerwartet bot.

Daß er leisten konnte, was man billigerweise von ihm begehren dürfte, dessen war er schon sicher. Er hatte seine Gymnasialzeit gut benützt und war überhaupt ein Mensch von einer merkwürdigen Nüchternheit, von der Sorte, an der die Lehrer ihre Freude haben: ohne ausgesprochene Neigungen nach irgendeiner Richtung, aber zuverlässig in der Gesamtleistung, gehorsam aus Vernunft und ohne Kriecherei und sehr gelassen in allem. Das gibt Menschen, die ans Leben herantreten und es zu nehmen wissen, wie es nun einmal ist; die sich ihre besonnenen Ziele nach den Umständen abstecken und ihnen ohne Hast, aber auch ohne Zaudern zustreben, die sich nicht zuviel, immer aber Erreichbares vornehmen und nicht leicht zu entmutigen sind.

Er zog andächtig sein bestes Gewand an und machte sich auf den Weg, den er sich gestern gut gemerkt hatte. Es war nicht einmal weit bis zur Adam-Mayer-Gasse. Er ging an einer zopfigen Kirche vorüber, in die gerade eilfertige Bürgersfrauen nach dem Einkauf für den Sonntagstisch, Mägde mit ihren Päcken und zierliche Mädchen drängten, um ein Stündchen Feiergottesdienst zu erhaschen. In alter Gewohnheit trat er ein und verweilte sich ein Augenblickchen. Denn der Tag schien ihm wichtig genug, ihn mit einem Gebet zu beginnen.

Gegen elf Uhr stand er vor Herrn Franz Mayers Tür. Das war ja wohl die richtige Besuchsstunde. Das Dienstmädchen, das ihm auftat, eine hübsche, große, üppige Person mit sehr hellem Haar und frechen Augen, stierte ihn lange und unverschämt genug an, ehe sie ihn ins Zimmer führte, das noch keineswegs völlig in Ordnung gebracht schien.

Peter Gröger sah sich nach seiner prüfenden und vorsichtigen Weise um. Eigentlich hätte er sich die Wohnung eines reichen Mannes anders vorgestellt. Es sah doch ziemlich kahl aus. Die Wände, bis auf einige Porträts, sehr nüchtern. Auf der massigen Kredenz einige Prunkstücke in schwerem Silber, die aber zum Ganzen so fremd standen, daß man ihnen kaum die Echtheit glaubte. Das übrige war nämlich offenbar mühselig erhalten und zusammengestoppelt, und man konnte selbst die Jahrgänge bestimmen, zu denen es erstanden war. Immer war das jüngste Stück auch das wohlfeilste. Er setzte sich auf einen der grünen Ripsstühle und wartete.

Aus der Küche drang von Zeit zu Zeit ein scharfes Keifen, Von der Art, die eigentlich kein Ziel hat und nur sich selber Erleichterung schaffen will, dazwischen ein Klirren. Eine Stockuhr, zwischen alabasternen Säulchen der behende und blinkende Perpendikel, tickte sehr eilfertig und schlug mit einem bimmelnden Stimmchen die Viertelstunden.

Endlich erschien die Frau. Sie war groß und mager und von eckigen Bewegungen – eckig durch die Hast, in der sie offenbar lebte und mit der sie eine jede Bewegung ausführte. Dabei geht eben jede Anmut verloren. Ihre Hände waren rot und abgearbeitet und glänzten noch feucht, wie sie sich in aller Eile mit der etwas schief gebundenen Schürze abgetrocknet. Das Haar war ganz grau, nur manchmal glänzte noch ein schwarzer Strähn vor; die Augen waren schwarz und schön und unruhig, ja feindselig. Fast gehässig musterte sie den Studenten, während sie ihren Mann entschuldigte: er sei unwohl, müsse aber gleich aufstehen. Mitten im Satz aber brach sie ab. »Was erzähl' ich Ihnen da? Sie waren ja dabei. Sie werden ja eh wissen, was das für eine Krankheit ist, die man meist am Sonntagvormittag hat«, lief zu einer Tür und schrillte hinein: »Franz, so komm endlich! Meinst net, 's wär' Zeit?«

»Glei komm' i, glei!« Und ein heftiges Prusten.

Ja – die Kinder waren noch nicht zu Haus.

Die Mädchen natürlich in der Messe. Denn das müsse sie ihm gleich sagen: auf Religion halte sie in ihrem Hause. Sonst habe man schon so nichts auf der Welt.

Peter Gröger erklärte sich in aller Bescheidenheit völlig einverstanden. Er sei heute selber schon in der Messe gewesen.

Frau Kathi Mayer musterte ihn mit einem raschen und höchst mißtrauischen Blick, als sei sie es nicht gewohnt, recht zu bekommen. Sie schluckte an etwas und zuckte die Achseln. »No, ist's halt desto besser.« Wo der Junge sei, wisse sie durchaus nicht. Und sie lief schon wieder zur Tür. »Franz! hast d' dem Adam net g'sagt, er soll zu Haus bleiben?«

Ein tiefes Stöhnen. »Natürlich hab' ich's ihm gesagt. Er ist halt nur an einem Sonntag net zum derhalten.«

»Und wo meinst d' denn, daß er sein könnt'?«

»Ich weiß net. Epper beim Greißler?«

»Und werd' fertig, Franzl! Ich hab' in der Kuchel alle Händ' voll zu tun und kann net a no dein' Freunderln Gesellschaft leisten.«

»Glei komm' i, glei!« Frau Mayer sah mit einer gewissen gereizten Hilflosigkeit an sich nieder und strich hernach die eine sehr dunkle Flechte, die sich immer wieder eigenwillig vordrängte, schleunig zurück. »Ich kann's Essen net anbrennen lassen. Und auf die Marie hab' ich doch gar kein' Verlaß«, jammerte sie.

Ein Poltern von Stiefeln. »Glei kumm' i, glei!«

Die Frau musterte Herrn Peter Gröger so argwöhnisch, daß ihm ordentlich heiß wurde. »Eigentlich, und daß Sie's nur gleich wissen: ich bin keine Freundin von die Freunderln von mein' Mann. Ihm g'fallt bald einer. Braucht ihm nur nach dem Maul zu reden oder ihm zuzuhören, wenn er red't, was er gar so viel gern tut, so ist's schon gut und gewonnen. Er ist halt ein Narr und er bleibt einer.«

Das war so laut gesprochen, daß Herr Franz Mayer es unbedingt hören mußte. Trotzdem kam aus dem Nebenzimmer kein Laut der Entgegnung. Nur das Knarren und Trappen von Stiefeln vernahm man.

»Ein anderer erkundigt sich doch, wann er wem zum Lehrer nimmt. Das geht net gegen Sie. Ist halt doch möglich, daß Sie eine Ausnahm' sind, und Sie gefallen mir soweit ganz gut. Gegen ihn geht's. Er könnt' doch schon klüger sein bei seine Jahr'.«

Peter Gröger fühlte sich sehr überflüssig und hatte den lebhaften Wunsch, wo immer zu sein, nur eben nicht hier. Da hatte es offenbar ein heftiges Gewitter gegeben, davon er noch einen verspäteten Nachguß bekam. Zu seinem Glück erschien Herr Franz Mayer, sehr rosig, sehr munter und frisch rasiert. Die Frau warf noch einen überaus giftigen Blick nach ihm. »Sieh zu, daß du vor Mittag noch deinen Weg machen kannst«, und verschwand eilfertig in der Küchenrichtung.

Herr Franz Mayer strich sich zärtlich und prüfend die Wange, zwinkerte sehr vergnügt mit den Augen und bot dem Studenten höchst unbefangen die Hand. »Sein S' gut nach Haus gekommen, Herr Doktor?

Haben S' gut geschlafen?« Und mit einem Deuter nach der Abgegangenen: »A brave Frau! A sehr eine brave Frau! Wirtschaftlich und fleißig – nix zum sagen. Nur so viel laut ist sie. Ich hab' ihr halt ein wengerl zuviel und zu lang geschlafen. Und da kann sie sich aufregen – net zum glauben. Freilich – da versäumt man was, und sie ärgert sich halt immer und über alles.«

Peter Gröger schwieg und dachte dabei allerhand, das er als ein besonnener Mann vorsichtig für sich behielt.

»Der Adam ist natürlich net zu Haus! Ob man den Buben zu Haus erhalten könnt' an einem Sonntagvormittag! Ich mein', net, wenn man ihn mit eiserne Strickeln anbind't. Da nutzt alles Reden rein nix. Marie! Machen S' doch ein' Sprung zum Greißler, ob er net dorten sitzt.«

Die schrille Stimme der Frau: »Just wann man's Madel am nötigsten brauchet, mußt mir's herumschicken?«

Herr Mayer wollte aufbegehren, bezwang sich aber männlich. »Sie ist halt noch schiech, sehr schiech!« flüsterte er.

Draußen ging die Klingel. Die Stimme von Frau Kathi Mayer: »Geht's eini, Madeln! Der Herr Professor ist da«, mit einem merkwürdig weichen Tonfall, aus dem alles Herbe weggewischt erschien. Drei Mädchen traten ein. Alle drei hübsch, Herrn Gröger erschienen sie sogar sehr hübsch. Einfache Kleider; die Jacken wie angegossen passend; die Gebetbücher in den Händen, an denen zwei Zwirnhandschuhe hatten. Nur die größte trug Glacés. Das Gesicht Herrn Mayers strahlte: »Das sind meine Töchter«, er unterstrich das hochdeutsche Wort. »Die Kathi ist einundzwanzig Jahr, die Rosi ist sechzehn, die Linnerl wird vierzehn. Alle drei sauber, was?«

»Aber Vater!« wehrten alle drei nachdrücklich ab.

»Sein brav, alle drei. Mit der Rosi – ist natürlich schon aus der Schul' – und mit der Linnerl werden S' halt noch lernen müssen. Sollen zwar keine Doktorinnen net werden. Aber ordentlich schreiben, daß s' können und einen Brief aufsetzen und rechnen, was man so im Leben braucht, weil man heutigentags doch viel mehr begehrt wie zu meiner Zeit. Heiraten sollen sie einmal, halt wem, der wer ist und was vorstellt auf der Welt. Die Kathi trauert i Ihnen net mehr. An' Kontrolor – da könnten S' eher selber was lernen von ihr.«

Fräulein Kathi hatte eben die Handschuhe abgestreift und reinlich zusammengefaltet, dann tat sie mit einem Ruck den Hut ab, ordnete ihr Haar und sah sich mit einem raschen Blick um, so dunkel, daß Herr Gröger erschrak und meinte, das Herz stehe ihm still. Sie kam ihm ganz fremd vor in dieser Wohnung, denn es war in jeder ihrer Bewegungen ein lässiger Hochmut und etwas ganz Fremdes und Verlorenes in ihren Augen, die schwarz waren gleich denen der Mutter, nur verschleiert, als brenne hinter einem seidenen Vorhange ein heimliches Licht. Von Gestalt war sie hoch und voll, selbst kräftig, und dennoch war eine schläfrige und erwartende Müdigkeit über allem, was sie begann. Ihre Stimme war tief, selbst feierlich: wie eine Glocke hatte sie vorgeklungen aus den beiden Worten, die die Mädchen gesprochen hatten. Eine verbannte Königin erschien sie Gröger, und die Schwestern, so hübsch, frisch und niedlich sie waren, neben ihr trivial und unbedeutend.

Abermals ging die Schelle. Man hörte das unwillige, sogar grollende: »Wo steckst d' denn, Adam?« der Mutter. »Der Herr Professor wartet schon ewig lang!«, ein gebrummtes: »Er wird's schon noch erwarten können, am Sonntag möcht' man seine Ruh' haben«, und der jüngere Herr Mayer erschien auf dem Plan.

Er war trotz seiner Jugend – denn er stand erst vor dem zwanzigsten Jahr – körperlich voll entwickelt. Schwarzes Haar sträubte sich zu einer Tolle, fiel ihm in die Stirne, lieh dem ganzen Gesicht einen entschlossenen, ja tückischen Ausdruck. Die Augen lagen tief, und es waren sehr dunkle Ränder darum. Er hielt sie im Sprechen gern lauernd gesenkt, um sie plötzlich einmal mit einem frechen, ja unverschämten Ausdruck schweifen zu lassen. Die Mundwinkel waren schief niedergezogen; auf der Stirne scharfe, frühe und viele Runzeln. Durchaus verdrießlich und hämisch erschien er so – und dennoch, er wußte nicht wieso, und Peter Gröger mußte manchmal oft und viel an diesen Einfall denken – es bestand gerade zwischen ihm und der Kathi eine sonderbare, nicht zu bestimmende und darum geradezu quälende Ähnlichkeit.

Herr Franz Mayer war sehr aufgeräumt, als er so seine ganze Familie um sich versammelt sah. Er sprach viel und ziemlich unsinniges Zeugs, lachte geräuschvoll und schlug manchmal den Adam, der in der offenbarsten und unverhohlensten Weise sein Liebling war, nachdrücklich auf die Schulter. Den solle sich der Herr Gröger nur anschauen, was das für ein Prachtbursche sei. Den habe er nicht umsonst so taufen lassen. Der müsse die ganze Familie wieder hochbringen wie der alte Adam Mayer. Und darum solle er einjährig dienen. Denn behalten müßten sie ihn doch, wenn sie nur Augen im Kopfe hätten, mit dem Brustkasten, die Schenkel, dieser Muschkulatur – hart wie Eisen, »hart wie Eisen, da gibt's schon nix«. Und ein Reserveoffizier sei doch immer was, und sähe, gar wenn er die Uniform angelegt hat, immer was gleich. Da seien die Weiber doppelt närrisch hinter einem solchen, und er könnt' sein schönstes Glück machen, besonders wenn er noch aus einer solchen Familie sei. Es zuckte dabei immerwährend in zwei Gesichtern: in dem von Fräulein Kathi und unsäglich äffisch frech in dem des Adam. Eben nur, daß er nicht herausplatzte.

»Bist d' net bald fertig? Du kommst heut aber schon gar nirgends mehr hin«, kam es grollend aus der Küche.

»Gleich, gleich!« Es wurden die Stunden festgestellt, was nicht ganz leicht war, der Beginn des Unterrichtes bestimmt, ein sehr bescheidenes Honorar geboten und angenommen. Man könne nicht mehr, man werde sich, wenn man zufrieden sei, schon erkenntlich erweisen. Dann nahm Herr Mayer seinen Zylinderhut und Stock, und beide gingen. Unten schob Herr Mayer den Hut wie unternehmungslustig in den Nacken und tat einen vergnügten Pfiff, neigte sich mit übermütigen, blinzelnden Schelmenaugen seinem Begleiter zu: »'s ist da herunten doch eine bessere Luft wie oben? Gelten S', was? Und jetzt trinken wir noch schnell ein Viertel Alten mitanand. A Narr wird mein Geschäftsfreund sein und jetzt zu Haus sitzen und auf mich warten!«

Die Mädchen zogen sich um und gähnten schon in Erwartung des langweiligen Sonntagsnachmittags. Frau Mayer richtete die Stube völlig her und deckte den Tisch fürs Mittagessen. Der Adam verschwand aus dem Zimmer und schlich sich in die Küche. Er nahm das Dienstmädchen gleich um die Hüfte: »Na, Marie, Schatzerl, was sagen S' zum Herrn Professor?«

Sie schlug neckend mit dem Kochlöffel nach ihm: »Lassen S' mi aus, Herr Adam. Am End' haben S' die Tür wieder nur zug'lahnt. Die Frau kann glei dasein.«

»Dauert schon noch a Weil'. Wo werd' ich die Tür nur zuwilahnen? Und wir beide haben gute Ohren, was? Also, was sagen S' zum Herrn Gröger?«

»Ein ganz hübscher Mensch is er. Und Sö waren so unmanierlich.«

Er sah sie ganz wütend an. »Gefallt er Ihnen vielleicht? Sie, Marie! ...«

»Möcht' Ihnen nix angeh'n. Bin Ihnen ka Rechenschaft net schuldig, Herr Adam Ich frag' a net, was Sö alleweil bei die Greißlermadeln stecken und treiben.«

Er lenkte ein. »Ich mein' nur – was sagen S' zu dem Streich vom Alten?«

»Wieso?«

»Ist halt doch nur a Glück, daß sich nix halt't, was ihm einfallen tut. Passen S' auf, wie ich mir den Herrn Professor federn werd'.«

»'s könnt Ihnen aber gar nix schaden, wenn S' auf die letzt' noch was lerneten, Herr Adam.«

»Meinen S'? Möcht' mir jetzt noch fehlen. Fallet mir grad' ein! A Narr werd' ich sein und einjährig dienen, wo man froh sein darf, kommt ma auf drei Jahr' aus der Wirtschaft da fort ...«

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