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Der Übergang

Jakob Julius David: Der Übergang - Kapitel 2
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typefiction
authorJakob Julius David
titleDer Übergang
publisherVolk und Welt
seriesRomanzeitung
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Zweites Kapitel

Herr Franz Mayer findet einen Lehrer

Peter Gröger sah sich um und fand sich allein. Er hatte also seine Kneipgesellschaft verloren.

Das war ihm unbehaglich, nicht so sehr unlieb. Denn er war noch jung und schämte sich selbst seines eigentlich nur geringen Rausches. Auch hoffte er, der einsame Gang werde ihm guttun.

So strich er durch schweigsame Gassen. Manchmal hörte er ein trunkenes Rufen, von dem er sich nicht narren ließ. Denn am Samstag schwärmte es in diesem Bezirk allenthalben. Es war bewölkt. Die Gasflammen brannten rötlich, und wie sich sein Weg senkte und hob, so schimmerten schöngeschwungene Schlangenlinien vor ihm.

Wann er heimkam, war doch völlig gleichgültig. Das Semester hatte eben erst begonnen, und man versäumte doch nichts in den Kollegien. Auch war niemand da, der von ihm über sein Tun hätte Rechenschaft fordern können. Ein eigentümliches und für ihn stählendes Gefühl nach so vielen Jahren einer steten, vorsichtig, ja nur unmerklich gelockerten Aufsicht.

Es war nur merkwürdig, wie rasch das Wiener Pflaster einen müde machte, der seiner nicht gewohnt war. Peter Gröger fühlte sich von dem kurzen Gang beschwert und der Ruhe bedürftig. Es trat sich ihm so hart. Ein Wirtshaus war zu seiner Rechten. Aber da klang noch Lärmen heraus, das zu ertragen er sich nicht fähig fühlte. Zu seiner Linken stand ein Kaffeehaus. Durch die ansehnlichen Spiegelscheiben schienen zahlreiche Gasflammen, und die leuchteten freundlich und lockend durch die Nacht.

Er trat ein. Der Raum war völlig leer. Aber man rechnete offenbar noch auf Zuzug. Die beiden Billards standen noch offen, und auf einem lagen die Queues gekreuzt. Der Kellner war sehr verschlafen, aber noch willig und keineswegs entrüstet über den einschichtigen Gast, der wie einer, der etwas auf sich zu halten gewohnt ist, einen raschen Blick nach dem Spiegel warf.

Er gefiel sich gar nicht. Denn sein blondes, frisches Gesicht war mehr als billig gerötet, der junge, krause Bart einigermaßen gesträubt, und in den blauen, kalten Augen ein fremder Glanz. Er putzte an seiner Brille, denn die Buchstaben des Abendblattes, das er zu lesen versuchte, tanzten vor ihm ganz sonderbare Tänze mit einer so verwerflichen Behendigkeit, daß ihnen der Blick nicht zu folgen vermochte.

»Bitte, Herr Doktor!«

Der »Schwarze« stand vor ihm. Er schlürfte verkostend davon. Nicht eben hervorragend. Dennoch tat ihm das heiße Getränk wohl, und er fühlte sich danach sicherer und munterer. »Eine Karambolpartie angenehm?«

»Danke. Ich spiele sehr schlecht.« »Macht nichts. Der Herr von Mayer spielt nur ums Billardgeld.«

Endlich – das mochte gut zur völligen Ausnüchterung sein. Gröger stand auf, prüfte sorgfältig die Queues und ergriff nachdenklich einen mit jener gewichtigen Miene, die jeder annimmt, sowie er den Stecken einmal anfaßt. Sein Gegner stellte sich vor, und es ging los. Der andere spielte meisterlich. Serie folgte auf Serie, und so hatte Gröger Gelegenheit, sich ihn recht genau anzusehen, damit er sich nicht gar zu sehr langweile. Er war über mittelgroß. Schwarze Haare, die an den Schläfen sorgfältig klebten, noch durchaus nicht angegraut und in der Mitte sehr reinlich gescheitelt und in die linke Stirnhälfte hineingekämmt, muntere Stoppeln um Kinn und Wange, die davon bläulich schimmerten. Sehr elegant angezogen; eine goldene Kette mit mannigfachsten, ansehnlichen Anhängseln zu einer altmodischen silbernen Uhr. Eine gewisse Gefallsucht dessen, der gern Eindruck machen möchte, in allem, auch in der Art, mit der er die Bälle anging. Er konnte nicht mehr gar jung sein, denn er war kurz von Atem und pfnauste wohl ein weniges. Auch waren die Hände sehr gerötet und fleischig, wiewohl man ihnen ansah, daß sie niemals gearbeitet, und mit Ringen bedeckt, unter denen ein sehr großer Amethyst, offenbar seines Eigentümers Stolz, vorstach.

Ein wohlhabender Mann, dachte Peter Gröger. Oder einer, der sich mindestens niemals etwas anfechten ließ. Inzwischen war das Spiel für ihn sehr schmählich zu Ende gegangen, und sein Partner war sehr aufgeräumt und sehr vertraulich geworden. Er unterwies ihn, und wenn der Stoß trotzdem nicht glückte, so lachte er hell auf. »Macht nix, Herr Doktor! Dös wird schon noch werden! Probieren geht halt über studieren.«

»Ich weiß nur nicht, ob's fürs Probieren reichen wird«, entgegnete Peter Gröger und lächelte säuerlich.

»Wär' net übel; wär' net übel!« erwiderte Herr Mayer und versuchte einen sehr schwierigen Stoß. Gröger sah ihm bewundernd zu. Das spornte den anderen zu immer kühneren Wagnissen. Es geriet ihm fast alles, und er hatte eine sichtliche Freude mit sich selber. Endlich legte er den Queue hin. »So allein ist's net das Richtige. Meine Partie hat mich halt wieder einmal pünktlich sitzen lassen.«

Gröger sah nach der Uhr. »Es ist ja auch schon ziemlich spät.«

»Ich bitt' Ihnen – lassen S' mich damit aus. Was hat man denn vom Leben, wenn man gar so zeitlich schlafen geht? Am Tag ist eh nix wie Arbeit. Ich weiß net, wie man den Schlaf gar so schön finden kann. Manchmal träumt man doch ganz grauslich, und bestenfalls liegt man da und weiß nix von sich. Was ist da schön, frag' ich? Hell leben ist's Richtige, und ausschlafen – dazu wird man hernach auch noch Zeit haben. Was, Fräulein, gelten S'?« Und er erhob seine Stimme mächtig.

Die Kassiererin, die, einen großen Knäuel rote Strickwolle vor sich, eingenickt war, schrak auf und versuchte ein verdrießliches und dümmelndes Lächeln, das Herrn Mayer sehr zu ergötzen schien. Er blinzelte mindestens seinem Genossen höchst vergnügt zu. »Ich bitt' Ihnen, Fräulein, wo schlaft denn der Karl wieder herum? Zwei Flaschen Bier möcht' ich.«

Sie wurden gebracht und auf den Tisch Grögers gestellt. Herr Mayer setzte sich zu ihm. »Erlauben S' schon, daß ich mich da niederschmeiß'. Von meine Sumperer kommt gewiß keine mehr. Gar kein Leben ist mehr in die Leut'! Es red't sich im Sitzen besser, und ich weiß net, warum wir ein jedes da herum einsiedeln sollen, Prosit, Herr Doktor, sollen leben!«

Gröger klang an. Einigermaßen verwundert über diese rasche Vertraulichkeit. Auch bedrückt von ihr, weil in ihm immer noch jene Achtung eines besser und in der Kleinstadt Erzogenen vor höheren Jahren und einer gesicherten Lebensstellung war. Man trank seinen Schluck. Mayer stieß ihn heimlich. »Was sagen S' denn zu derer Kassandra?«

»Ich weiß ja nicht einmal, wie sie heißt. Ich denke: Fräulein.«

Herr Mayer lachte, lachte so heftig, daß er sein Bier beinahe verschüttet hätte, welches er schon zum Munde führen wollte, daß es im leeren Raum mächtig widerhallte, daß der Kellner eilfertig herangeschlurft kam und fragte, was die Herrschaften denn beföhlen. »Bringen S' noch zwei Flaschen!« Und nachdem er einigermaßen zu sich gekommen war, zu Gröger: »Ist ein schlechter G'spaß. Ist ein alter G'spaß! Aber ich hab' nur gemeint, wie sie Ihnen gefallt.«

»Ich kenne sie leider nicht genau genug zu einem Urteil.« Peter Gröger begann den Ton zu begreifen, der hier erwünscht war.

»Möchten S'?« Herr Mayer setzte sich vor eitel Vergnügen rittlings auf seinen Stuhl und lachte noch dröhnender. »Möchten S'?« Er schielte wohlgefällig nach dem Mädchen, das in der Tat ganz hübsch war und nur eben müde aussah. »Da haben S' just kein' schlechten Gusto. Aber die ist eine Heimliche.« Er neigte sich ihm zu und dämpfte seine Stimme. »Die schaut nur auf Verheiratete.«

»Wirklich?«

»Wenn ich's Ihnen sag'! Was das schon für Geschichten gewesen sind wegen dem Madl! Aber sie laßt sich niemals nicht erwischen, und der Kaffeesieder tut sie nicht weg. Natürlich – warum denn auch? Die Weiber kommen ihm in kein Kaffeehaus, oder wenn schon – sie sitzen bei ihrem Schalerl langmächtig und spielen net, wo er's meiste verdient; die Männer zügelt sie ihm her – und auf die letzt' – er ist doch auch verheiratet.«

Peter Gröger lachte. Immer noch verblüffte ihn bei solchem Altersunterschied der sehr freie Ton. Aber er begann schon, in ihm nachzuklingen und ihm innerlich zu behagen.

»Aber Sie trinken ja nix, Herr Doktor! Das geht ja net! Der Wirt verbrennt nur wegen uns sein Gas, und wir geben ihm nix zu verdienen. Da muß der Mann doch zugrund gehen. Man muß doch auch ein Einsehen haben. Wär' mir net recht, müßt' er zusperren, wo das Haus mir gehört.«

Peter Gröger trank gehorsam, und sein Respekt stieg erheblich.

»Überhaupt – ein Doktor, was net trinkt! Das sollt's net geben därfen. Und was für einen Doktor lernen S' denn?«

»Ich bin Jurist.«

»Ist immer noch ein ganz gutes Geschäft, andere Leut' die Haut über die Ohren ziehen und sich selber eine warme Decken draus machen. Und von wo sein S' denn her?«

»Ich bin ein Deutschböhme. Aus der Nähe von Reichenberg.«

»Möglich, daß ich einmal hinkomm'. Ich nimm mir's schon lang vor und hätt' schon oft dort zu tun gehabt. Ist eine reiche Stadt, und sie sind dort gar so viel fleißig. Auf ein' jeden Brief kriegen S' gleich eine Antwort. Aber wissen S', im allgemeinen mag ich die Böhm' net. Aber Sie gefallen mir. Und schicken s' Ihnen brav Geld von zu Haus?«

»Ich werde mich selber erhalten müssen. Für den Anfang hat man mich mit allem ausstaffiert«, er sah wohlgefällig an sich nieder, »und mir etwas Geld mitgegeben. Hernach muß ich sehen, wie ich mich selber fortbringe.«

»Schau, schau! Und wie wollen S' denn dös anfangen?«

Peter Gröger lachte. »Ich denke wie so viele andere. Ich kann perfekt stenographieren, habe ganz gute Empfehlungen und eine schöne Matura.«

»Ist halt doch ein schwerer Stand. Sind jetzt gar schlechte Zeiten, die ein jeder verspüren muß. Ist eigentlich doch ein Unrecht von Eltern, ein junges Blut so in die Welt schicken.«

»Nun, es tun's eben viele«, entschied Peter Gröger, »und ich wollt' es selber nicht anders. Ich wollte studieren.«

»Schau, schau! Sie haben's net anders wollen!« Herr Mayer verwunderte sich sehr. »Na, mir kann's recht sein. Ich tät's freilich net erlauben. Man kann doch, wenn man sie bei sich hat, gar net genug auf seine Kinder aufpassen, damit s' net auf Streich' kommen. Wie erst, wenn s' gar so weit von die Eltern weg sind? Aber mich hat's gefreut, daß ich Sie kennengelernt hab'. Ich bin ein einfacher Mensch, wissen S'. Halt ein Bürger, der sein Geschäft hat, was eh alle Tag schlechter wird bei dem elendigen Zeitpunkt. Und zu meiner Zeit hat man's halt noch net für nötig gehalten, daß unsereins eine Bildung lernt. Aber deswegen hab' ich mein gebildeten Dischkurs doch ganz gern, und es red't sich ganz gut mit mir, net? Wissen S' – oder halten S' mi für dumm? Han?«

Peter Gröger verwahrte sich heftig gegen jeden solchen Verdacht.

»Nämlich – das vertrag' ich net. Durchaus net. Wenn einer meint, nur weil er sich Fensterscheiben auf die Nasen setzt, so ist er schon wer Besserer als ein aufrechter Bürger, der endlich alles erhalten muß ... Da muß man's haben« – er wies mit einer bedeutenden Handbewegung nach dem Kopf – »woher man's hat, ob aus die Bücher, wo eh 's Gescheiteste net drinsteht, ist ganz egal. Ich kenn' eine Dürrkräutlerin, die weiß mehr wie alle Doktoren. Woher hat sie's? Ist egal. Raten tut sie, und geholfen hat sie – wer weiß, wie vielen. Ist's so, wie ich sage, oder net?« Und Herr Mayer schielte ganz bösartig.

Und Peter Gröger war mit dem geschätzten Vorredner vollkommen einverstanden.

»Sehen S', da ist zum Beispiel gleich mein Bub, der Adam. A g'scheiter Bub, hört man allgemein, und durchg'wit wie der Teufel kann ich Ihnen sagen. Aber lernen hat er niemals net wollen. Net, weil er zu dumm ist. Er kapiert alles. Aber zu fad ist's ihm immer gewesen, über die Bücher sitzen. Er hat halt sehr früh Streich' im Kopf gehabt. Was soll ich denn da tun? Soll ich ihm epper den Kopf h'runterreißen?«

Peter Gröger bezweifelte das Ersprießliche eines so radikalen Vorgehens.

»No also, hab' ich ihn halt laufen lassen. Wenn er einmal keck war, so hab' ich's ihm schon g'sagt oder ihm ein paar ganz tüchtig hinter die Ohren gegeben. Aber die jungen Leut' sind halt laut. Ich war's auch, und ich bin doch wer geworden. Nur freilich, jetzt, wo man sich nimmer loskaufen kann, jetzt möcht' ich gern, daß er sein Jahr freiwillig dient. Wer weiß, wozu's gut ist, daß wir ins Plauschen gekommen sind. Trau'n Sie sich, wen dahinzubringen?«

»Gewiß, Herr von Mayer.«

»Wissen Sie, Sie gefallen mir. Kommen Sie halt morgen vormittag zu mir. Die Vorbereitungsschulen sind so viel teuer und überhaupt mehr für die Pflänz', und Sie könnten mit meine Madeln a lernen.«

»Soll ich meine Zeugnisse auch mitbringen?«

»Ist nicht notwendig. Ich werd' doch auf so an' Wisch net mehr geben wie auf meine Augen? Wenn ich Ihnen schon sag' – Sie gefallen mir. Wir werden uns schon vertragen und keinen Richter net brauchen. In dem Haus da wohn' ich. Im ersten Stock. Kennt mich übrigens ein jedes Kind.«

»Ich danke für das Vertrauen.«

»Na – sein S' so gut und halten S' mir noch a Red'!«

Herr Mayer schüttete den Rest seines Bieres mit unsicherer Hand herunter und erhob sich schwerfällig. »Wissen S' – ganz steif werden einem die Füß' vom vielen Sitzen. Aber ich hab's halt kommod. I brauch' kan' Hausmeister. Macht bei meinem Geschäft eine ganz wesentliche Ersparnis aufs Jahr. Wirtshaus, zahlen!«

Der Kellner torkelte schwerfällig und argwöhnisch herbei. Herr Mayer gab ihm einen freundschaftlichen und aufmunternden Schupfer. »Wieviel macht das alles? Der Schwarze vom Herrn Doktor ist auch dabei? Wissen S', das Billardgeld müßten S' eigentlich zahlen, das haben S' ehrlich verspielt. Na – daß die Frau Mutter halt net weint –, so schreiben S' halt alles zusammen, Karl! Ich werd's schon zahlen.« Und noch einen Blick in das öde Kaffeehaus mit seinen zugedeckten Billardtischen, den sausenden Gasflammen, zusammengestellten Stühlen, den mit Sägespänen überstreuten Boden werfend: »Net zum glauben – aber ich hätt' noch so eine Lust auf ein Pünscherl – gibt's net mehr? Ist halt eine saubere Wirtschaft. Ein rechtes Tschecherl ist's, das muß ich schon sagen.«

»Aber es ist schon spät, Herr von Mayer.«

»Sie, Herr Doktor, mit dem ›von‹ hat einmal wirklich net viel gefehlt, schon unterm Kaiser Franz und meinem Großvater. Ist eine eigene Geschicht'! Muß ich Ihnen einmal erzählen. Wer weiß, wie wir jetzt dastünden? Aber gute Nacht, Fräulein. Und träumen S' von mir. Gute Nacht, Herr Doktor.«

»Gute Nacht, Herr Mayer.« Und Peter Gröger suchte, um ein Erlebnis reicher, den Heimweg. Es begann zu grauen, und ein herbstliches Nieseln und Nebelreißen war.

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