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Der Übergang

Jakob Julius David: Der Übergang - Kapitel 18
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typefiction
authorJakob Julius David
titleDer Übergang
publisherVolk und Welt
seriesRomanzeitung
year1968
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Sechstes Kapitel

Ausklingen

Die Linnerl stand vor Peter Gröger Ihr Gesichtchen war schmäler geworden, und das Trauerkleid ließ es durchgeistigter erscheinen, denn je.

In den Augen war der tiefe Glanz der Wissenden, die beginnen, dem Leben hinter seine Hüllen und Falten zu sehen.

Sie hatte ihm die letzten Begebenheiten in ihrem Elternhause berichtet, so weit man auch dem Vertrautesten gegenüber davon sprechen konnte. Nun war sie schon wieder im Begriffe zu gehen. Sie bot ihm die Hand: »Also, du kommst zur Leich'.« »Ich werde bestimmt kommen, Linnerl.«

»Weißt – es ist nur, damit wir zwei Schwestern, die Enkerl und die Mutter net gar so alleinig dabei sind.«

»Ich verstehe, Linnerl.«

»So – und jetzt behüt dich Gott!« Er hielt ihre Hand: »Und hernach? Was wird hernach, Linnerl?«

Sie verstand ihn nicht gleich. Nur ihre Hand entzog sie ihm und sah ihn mit ihren merkwürdig fragenden Augen an.

»Wird man sich hernach wieder einmal sehen?«

»Sehen? Warum denn net, wenn es sich so schickt.«

»Ich meine ja nicht gleich. Aber über eine Zeit, wenn du dich gefaßt hast.«

Sie schüttelte sehr entschieden mit dem Kopf: »Was einmal war, das ist gewesen und kommt nimmermehr. Das mußt d' doch versteh'n, mein' ich. Es hat alles sein End'.«

»Und wirst du manchmal an mich denken, Linnerl?«

»Ich mein' schon.«

»Und im Guten, Linnerl?«

»Wär' ich sonst hergekommen? Just zu dir gekommen, damit doch ein Gefreundeter bei der Leich' ist?«

»Und was wird mit dir, Linnerl?« Es war ihm, als hätte er sie nun erst ganz lieb, da sie sich freiwillig und für immer von ihm schied, und als verlöre er mehr an ihr, als er einmal erkannt, und dürfe sie nicht ungetröstet von sich gehen lassen.

»Um mich mußt du dich net harben.«

»Ja – aber was willst du beginnen, Linnerl? Oder darf ich's nicht wissen?«

»Das weiß ich halt selber noch net so genau. Da wird's viel zu vergessen geben«, und sie strich mit der Hand über die Stirn. »Auch mich, Linnerl?«

»Da daran vergißt kein Mädel«, entgegnete sie ehrlich.

»Aber ich möcht' es doch wissen und habe vielleicht ein Recht dazu, wie du dir dein Leben denkst.«

Sie zuckte die Achseln: »Ich möcht' lernen. Viel lernen. Was es für unsereins nur zum lernen gibt. Und ich bin noch jung, und mir wird's leicht. Vielleicht auf eine Lehrerin möcht' ich lernen. Und ich werd' dir's nie vergessen, daß du mir den Geschmack da darauf 'bracht hast.«

»Und wenn du Lehrerin bist?«

»Halt weiter lernen. Alles mögliche, und was mir nur eingeht. Und weißt: ich hab' so viel erlebt! Und ich glaub' alleweil, ich werd' einmal imstand sein, das zu sagen, was ich erlebt hab', so daß sie's alle begreifen. Und mir scheint, das geht viele Leut' in derer Stadt an, was ich geseh'n und mitgemacht hab' – so viele, daß sie vielleicht aufhorchen werden, wenn ich einmal davon red'. Und ich behalt' alles in mir.

Und ich wart' auf meine Zeit und bin geduldig. Und jetzt behüt' dich Gott, ich muß zu Haus. Komm' bestimmt.«

»Ich komme bestimmt.« Er wollte sie an sich ziehen. Sie widerstand und ließ sich nur auf die Stirne küssen.

»Und ich dank' dir noch einmal für alles.«

»Wofür denn?« meinte er ehrlich verwundert.

»Ich mein', man sagt so, wenn man einander gern gehabt hat und man geht voneinander, net, weil man sich nimmer mag, sondern weil's halt ein End' haben muß.«

»Warum muß es aber ein End' haben, wenn du mich noch magst?«

»Weil's kein' Sinn mehr hat und kein' Zweck. Das verstehst doch selber ganz gut. Versäumt hab' ich am End' nix bei dir. Aber ich könnt' was versäumen. Heiraten will ich nimmer. Es war hübsch, und ich hab's gern erlebt. Aber schleppen wollen wir uns nicht miteinander, weil wir einmal für eine Zeit mitsammen gegangen sind.«

Das Doppelbegräbnis war ganz still verlaufen.

Da es vorüber war, begleitete Peter Gröger die Leidtragenden heim.

Dort empfahl er sich mit aller Herzlichkeit, über die er verfügte und mit einigen Worten, die allerhand verhießen und zu nichts verpflichteten.

Er wußte in sich sehr genau, daß sich in dieser Stunde sein Pfad und der der Mayerischen für immer geschieden hatte, daß man einander vielleicht noch gelegentlich kreuzen, sicherlich aber sich nie mehr finden würde.

Die Zeit, die er mit diesem Hause verbracht, war ihm wichtig und für seine ganze Entwicklung entscheidend gewesen.

Er hatte da viel gelernt und beobachtet, das ihm für alle Dauer wichtig und wertvoll als ein Besitz verbleiben mußte. Und er hatte auch sonst Grund, des Vergangenen gern und dankbar sich zu entsinnen.

Aber es war wohl auch an der Zeit gewesen, daß ein Ende gemacht wurde. Und er war nicht übel geneigt, in den Ereignissen der letzten Tage beinahe einen persönlichen und an ihn gerichteten Wink der Vorsehung zu erkennen.

Es tat ihm allerdings leid, daß er die Linnerl verlor, während sie ihm noch sehr lieb war. Für die Dauer aber wär' es doch kein Verhältnis gewesen, und er empfand es fast mit Rührung, daß ihm die häßliche und undankbare Rolle, mit der er sich als vorsorgender Mann in Gedanken doch schon beschäftigt, erspart geblieben war: zu brechen oder zum Bruch zu treiben.

Unter anderen Umständen aber wär' es möglich gewesen, daß man sich wiederfand, die alte Flamme aufloderte und sich eine jener Beziehungen entspann, wie er sie schon mit Bedauern bei älteren Genossen sah: die nicht leben und nicht sterben können und beiden eine Last und eine Qual bedeuten, nur weil man aus falscher Rücksicht nicht verstand, rechtzeitig ein Ende zu machen.

Das war nunmehr undenkbar. Er hatte das Recht, gekränkt zu sein, nachdem ihm die Linnerl in so entschiedener Weise den Laufpaß gegeben, hatte weiterhin die Pflicht, ihren Wunsch mindestens zu achten, alles zu vermeiden, was sie ans Gewesene erinnern konnte und sie ihre Straße allein gehen zu lassen. Denn dieses und sonst nichts begehrte sie von ihm.

In solchen Erwägungen war er vor sich hingeschlendert, ohne sonderlich seines Weges zu achten. Es war ein sehr heller Tag, wie sie manchmal den Spätherbst bei uns verklären – viel Licht, ohne Blendung und Grellheit. Er empfand die Sonne sehr dankbar, als schiene sie so recht für ihn, bestimmt, alle trüben Gedanken, die sich etwa in ihm regen könnten, zu bannen und ihm aus der Seele zu saugen.

Ein starker und freudiger Goldton war in der Welt. Er überspann die schwarzen Knöpfchen der kahlen Ailanthus-Bäume am Ring, das sparsame, gelbliche Blattwerk, davon der eigensinnige Ahorn nicht lassen wollte. Der Himmel war sehr hell und hoch, und durch die herbe und klare Luft schwammen vereinsamt Marienfäden. Und alles leuchtete wie zu einem letzten Aufleuchten, ehe der Winter alle Farben mit seinem Nebelrocken überspinnt.

Er kam zur Universität. Ein starker Menschenverkehr war, und die roten Wagen der Elektrischen schössen eilfertig hin und wider und machten sich mit heftigem Glockenton vernehmlich.

Hier machte Peter Gröger halt. Ein Endchen Bastei, das abfallende Stückchen Rasen davor noch ganz grün, mit Häusern, die altersgrau und stolz auf die Straße niederschauen, war vor ihm, vor ihm der schlanke Umriß eines Denkmals, dessen helle Bronze goldig schien; ein lebhaftes Gedränge von Jugend, zu der er trotz seiner Erfahrungen noch ganz gehörte, um ihn; um ihn ein Ebben und Fluten, zwischen Straße und Universität, sich allstündlich mit dem Wechsel der Vorlesungen erneuernd.

Er folgte dem Zug und betrat die stolze Halle. Eben begann ein Kolleg. Er ging in den Hörsaal, und eifrig und ohne Nebengedanken horchte er den Ausführungen des Dozenten, freute sich, wie leicht er faßte, und war sehr zufrieden mit sich und sehr glücklich darüber ...

*

Die Mutter und die Linnerl haben sich mit den Navratilschen zusammengetan. Frau Kathi Mayer ist sehr wunderlich und verwirrt. Man läßt sie gewähren; selbst wenn sie's den Enkeln gegenüber mit einer unzeitigen Strenge probiert. Der Meister bewährt sich eben auch als Schwiegersohn und Schwager.

Die Linnerl studiert Tag und Nacht. In ihrem letzten Wissen hatte die Ahndel dem Meister seinen Schuldrest erlassen unter der Bedingung, daß er, wenn Franz Mayer etwas zustoße, die Mutter zu sich nähme und die Linnerl etwas lernen lasse. Es hätte dessen nicht bedurft: denn er ist dem Mädchen sehr zugetan und respektiert es außerordentlich. Sie kann immer noch sehr lustig sein. Aber, es ist ein unglaublicher Ernst und eine große Unnahbarkeit in dem Mädel, dem es sonst nicht an Anträgen fehlen würde. So, als hätt' es ein fernes Ziel vor Augen, dessen man keinen Augenblick vergessen darf, will man's erreichen. Sie wird dahin gelangen und wohl noch weiter, als man ahnt.

Übrigens geht das Geschäft des Navratil ausgezeichnet. Man muß schon Geduld haben, wenn man etwas bei ihm bestellt hat, obzwar er nach Möglichkeit pünktlich ist. Denn tüchtige Gesellen sind nicht immer zu haben. Und Pfuscher kann er nicht brauchen.

Und so wächst sein Wohlstand, beinahe wie seine Familie, mit jedem Jahr. Und es besteht begründete Aussicht, das Haus in der Felberergasse werde wieder an die Sprossen Adam Mayers – weibliche Linie – kommen. Denn dieses hat sich die Rosi Navratil nun einmal in den Kopf gesetzt. Kapiert hat sie nie leicht. Aber was sie sich einmal vornimmt, das hält.

Jakob Julius David

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Jakob Julius David, einer der bedeutendsten Vertreter der deutschsprachigen Literatur in Österreich um die Jahrhundertwende, wurde am 2.+Februar 1859 in Weißkirchen (Mähren) geboren. Sein Vater, der dem jüdischen Kleinbürgertum entstammte, erst Tabakverleger, dann Pächter war, starb 1866 an der Cholera. Daher wuchs J.+J.+David in ärmlichen Verhältnissen auf. Unter großen Schwierigkeiten besuchte er in drei Orten das Gymnasium, begann dann in Wien Philologie und Philosophie zu studieren. Seinen Lebensunterhalt verdiente er sich als Journalist und Hauslehrer. Auch nach seiner Promotion im Jahre 1889 war sein Leben von Entbehrungen und Krankheiten bestimmt. Durch Kopftyphus war J.+J.+David schwerhörig geworden und konnte daher auch nicht in den Schuldienst eintreten. Erst als er eine Anstellung als Theaterkritiker, später als Redakteur am »Neuen Wiener Journal« erhalten hatte, war es ihm möglich, sich stärker der Literatur zu widmen. Seine ersten Veröffentlichungen waren historische Novellen aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges und der Renaissance. 1896 erhielt er für den Sammelband »Frühschein« den Bauernfeld-Preis. Zu seinen bleibenden Leistungen gehören zwei in Wien spielende Gesellschaftsromane, »Am Wege sterben« (1899) und der in diesem Heft abgedruckte Roman »Der Übergang« (1902), der als eine Art Wiener Gegenstück zu den ein Jahr zuvor erschienenen »Buddenbrooks« bezeichnet wurde. In seinen meisterhaften späten Novellen wandte sich David dem bäuerlichen Milieu seiner mährischen Heimat zu. Eine Auswahl von ihnen erschien bei uns unter dem Titel »Die Hanna«. Als Jakob Julius David am 20.11.1906 in Wien starb, rühmte ihn Stefan Zweig als »einen der besten (Dichter) in Österreich«, dessen Werk ein Recht darauf hat zu bleiben »für alle, die noch Freude an ernster Kunst, an großer Schöpfung haben«.

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