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Der Übergang

Jakob Julius David: Der Übergang - Kapitel 17
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authorJakob Julius David
titleDer Übergang
publisherVolk und Welt
seriesRomanzeitung
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Fünftes Kapitel

Bahrrecht

Das Haus in der Felberergasse war voller Unruhe. Noch hatte sich die Bewegung, hervorgerufen durch den Tod der alten Frau, nicht gelegt, noch schwirrten die tausend Vermutungen, die sich immer, und läge scheinbar gar kein Anlaß dafür vor, an eine solche Gelegenheit knüpfen, in der Luft, und schon meldete sich zunächst als Gerücht die Kunde vom Ausgang des Adam.

Es war aufgeflattert. Und man sprach da und dort davon. An seiner Möglichkeit zweifelte niemand: Jeder wollte längst so etwas erwartet haben. Nur zu denen, die es zunächst angegangen hätte, war noch keinerlei Post gedrungen. So zerstreute man sich diesen Tag wie jeden anderen und ging seine gesonderten Wege.

Allerdings fiel es der Frau Kathi Mayer auf, daß die Marie gar nicht heimgekommen war. So weit hatte sie die Frechheit doch nie getrieben, gleich über Nacht auszubleiben und der Frau alle Arbeit zu überlassen. Aber vielleicht war endlich so die Gelegenheit gekommen, sich der unleidlichen Person zu entledigen, mit der es auf die Dauer doch kein Auskommen mehr gab.

Und dennoch sollte die Zeit kommen – Jahre, viele Jahre nachher, da sie selbst dieses Geschöpfes, so nichtsnutzig es war, mit einer Art Rührung denken mußte, als der einzigen, die ihrem verlorenen Kinde Liebe entgegengebracht, so gut sie eben Liebe verstand, die in seiner letzten Stunde neben ihm gekniet war, bestrebt, sein vorstürzend Herzblut zu hemmen. Denn keine Magie gleicht der Erinnerung.

Es fiel ihr ferner auf, daß die Greißlerin eine schnupfige Stimme hatte, als sie ihre wenigen Einkäufe bei ihr besorgte; williger und beflissener war als sonst, und ersichtlich etwas erzählen wollte und an sich hielt; daß die Bekannten, denen sie begegnete, so gewiß verlegen waren und sie mit barmherzigen Augen betrachteten. Mochten sie nur! Ihr verschlug das nicht, und am Ende – man durfte sie bedauern, immerdar und mit gutem Grunde.

Am Herde stand sie und richtete alles für ein bescheidenes Mittagessen. Eigentlich war sie ganz froh in ihrer Einsamkeit. Da konnte sie grübeln und in sich versinken, und ihr wurde, während sie so gedankenlos die Hände regte, beschickte, was zu schaffen war, und, da das Feuer hübsch zu brennen begann, in der Wohnung herumfegte, damit man es halbwegs ordentlich habe, da wurde ihr, als läge das Schlimmste nun doch schon hinter ihr, als könnt' ihr nun gar nichts mehr begegnen, das sie im tiefsten treffen und verletzen dürfe.

Sie konnte das sonderbare Gefühl nicht loswerden, als müßte heute, just heute, ein freudiger Besuch kommen. Jemand, mit dem man sich so recht herzlich ausplauschen könne, eine Schale guten Kaffee vor sich, wie sie's in besseren Zeiten geliebt und sich nun schon so lange nicht vergönnt. Sie überprüfte die Vorräte. Es hätte gereicht und, wenn's schon eine Verschwendung war, so mochte sie diesmal hingehen, und willkommen solle ihr jeder sein, wer immer ihr mit Herzlichkeit begegnete.

Vielleicht hielt sie sich die Linnerl zu Hause und redete sich einmal mit ihrer Jüngsten aus, die ja so viel klug war? Denn es fiel ihr auf die Seele, wie wenig sie sich um das Kind gekümmert hatte, verloren im eigenen Trübsinn, wie im Schwall schlammiger Wasser, die alles verhüllen und ertränken. Hatte sie die nicht von der Seite gelassen, da sie der Mutter noch so sehr bedurfte? Und war es nicht die höchste Zeit, sie zurückzurufen? Vielleicht machte man gemeinsam einen Sprung zur Großmutter und traf dort die Roserl, die sicherlich Totenwache hielt. Was sich dann fand, das mochte sich schicken.

In solchen Gedanken, in Stimmungen, zu fein, um sie nur zu haschen, wie sie eben ein vollkommen erschöpftes Gehirn durchhuschen, fand sie die amtliche Verständigung vom Ende des Adam und seinem letzten Wunsch.

Sie brach nicht zusammen, und sie tat keinen Schrei. Nur mit schrecklichen Augen sah sie nach dem Boden.

Dann: »Trinkgeld werden S' Ihnen doch kein's verlangen?«

Es stand bei ihr fest, sie müsse ihn heimholen. Und so richtete sie sich her, ganz mechanisch. »Damit die arme Seel' eine Ruh' hat«, murmelte sie.

Sie versperrte die Wohnung; bei der Hausmeisterin hinterließ sie, es solle jedes essen, wo es wolle, sie wisse nicht, wann sie heimkomme. Wohin sie denn gehe? »Um den Adam«, und nicht ein Zucken war in ihrem Gesicht.

Allein machte sie ihre traurigen Gänge. Allein wie immer. Zum Garnisonspital, wo er annoch lag; zur Polizei. Da hörte sie eine Auskunft; dort erzählte man ihr etwas, das sie nicht begriff. Denn sie vernahm nur leere Laute, die in ihr so gar keinen Sinn ergeben wollten. Zu unterschreiben war allerhand. Man übergab ihr etwas. Sie steckte es zu sich, ohne jeden Gedanken.

Und diese gleichgültigen, stumpfen Amtsgesichter, die dennoch bestrebt waren, etwas wie Teilnahme und Mitleid zu heucheln! Das war wohl das Widerwärtigste von allem. Mit jedem hätte sie hadern mögen.

Aber sie bezwang sich. Denn tief in ihr lebte jene Scheu, die unbezwingliche, des Wieners vor der Obrigkeit. Und dann, die konnten dafür nichts. Schuld an allem, immer unbesieglicher wurde diese Überzeugung in ihr, war ein einziger.

Und der war nicht da. Der ließ sie allein Gänge tun, wie sie wohl noch keiner Mutter verhängt gewesen waren. Aber geschenkt blieb ihm nichts. Gar nichts. Und nun wußte sie auch, warum es sich so gefügt hatte, daß sie den Adam heimholen gemußt. Es hatte alles seinen Zweck.

So rannen die Stunden. Sie empfand keine Müdigkeit. Kein Hunger kam über sie, und sie wurde nicht schwach, wiewohl sie den ganzen Tag nichts zu sich genommen hatte.

Ein Dämon besaß sie und reagierte all ihr Tun nach dem Zweckmäßigen.

Es begann zu dunkeln, da sie heimkehrte. Sie schritt die wenigen Stufen voran. Wie kurz war es her, daß sie der Adam im Zorn, voll unbefriedigter Leidenschaften heruntergestürmt war! Es hatten sich viele Leute versammelt und sahen dem traurigen Zug zu. Vor Kathi Mayers Augen war ein Schleier.

Sie sperrte auf. Hinter ihr waren die Träger; stapfend, mit schwerfällig ungeschickten Bewegungen, als besorgten sie, irgendwo anzustoßen und dem weh zu tun, der längst nichts mehr empfand.

Sie sah um sich, wohin den Adam legen. Da stand sein Bett, frisch überzogen, wie sie's in der Gewohnheit hatte, damit er's ordentlich finde, wann immer er heimkäme. Da hinein taten sie den Toten. Dann gingen sie, und die Frau atmete auf.

Nur eine brennende Sehnsucht war in ihr: Allein sein! Allein mit dem Adam!

Es war schon sehr dunkel. Sie faltete ihm die Hände übers Kreuz, nahm ihre silbernen Leuchter und ordnete sie. Aber es waren keine Lichter im Haus. Das bekümmerte sie am meisten.

Und so kalt war es in der Stube, so furchtbar kalt! Ihr wurde, als müsse der Adam frieren. Das sollte er nicht, nachdem er für ein so kurzes Weilchen heimgekehrt war, um so bald und für ewig wieder fortzugehen. Sie entzündete ein Feuer und wärmte, da es aufleuchtete, die verklammten Finger daran. Alsdann setzte sie sich zur Leiche. Im Zwielicht trat die Ähnlichkeit mit der Kathi besonders hervor. So wurde ihr fast gespenstig, als lägen ihre beiden Ältesten, wie sie ihr das meiste Leid bereitet, nun auch nebeneinander gemeinsam auf dem Schrägen.

Die Flamme im Ofen züngelte vor. Sie mußte der Flamme denken, die nicht stirbt. Es war keine rechte Trauer in ihr, und vor allem, und darüber verwunderte sie sich am meisten, keinerlei Überraschung oder Niedergeschlagenheit. Nur ein dumpfer Schmerz, der ihr ins Blut gedrungen war und es gerinnen ließ.

Unablässig stierte sie ins vertraute Gesicht, das trotz seiner Jugend so verlebt war, bis ihr seine Züge verschwammen. Benahm sie ihr die Dunkelheit? Oder waren es die Tränen, die einzeln und schmerzhaft ihr vortropften?

Sie machte Licht und stellte den Schirm so, daß des Toten Antlitz völlig im Schatten war. Und während sie, eigentlich ohne Bewußtsein ihres Tuns, das Nötige vorkehrte, murmelte sie sinnlose Reden vor sich hin. Denn etwas mußte sie hören, allein mit ihrem schrecklich stummen Gesellschafter, und wenn es nur die eigene Stimme war. Und einmal schrie sie auf, gellend, daß sie vor sich selber erschrak. War das schon der Wahnsinn? Oder riß nur wieder ein letztes in ihr?

Aber kein Laut der Zärtlichkeit war in allen den Reden. Kein heißes Wort einer Liebe, die sich für immer scheiden muß. Sie haderte mit ihm, wie sie sich es nicht getraut, es nicht gedurft, da es vielleicht noch gefruchtet hätte.

Und auf einmal fiel ihr bei, was man ihr denn eigentlich auf dem Amt gegeben habe? Und sie tastete in ungewissen Griffen danach und besah es mit der Scheu einer verstörten Seele und als müsse ihr daraus ein neues Entsetzliches entgegenspringen.

Da war Geld. Viel Geld! Ein ganzer Haufen Banknoten. Ja – woher hatte das der Adam? Um alle Wunden Christi – wie kam der Bursche zu so viel Geld? Was war da nur für eine neue Heillosigkeit dahinter?

Und da waren zwei Ringe. Sie besah sie mit einer großen Begierde, selbst mit einer Lüsternheit nach neuen Schrecknissen, als könne sie sich gar nicht mehr daran ersättigen.

Sie waren altmodisch. Derlei trug man längst nicht mehr. Aber sie waren schwer in Gold und die Steine kostbar und schön von Feuer, daß selbst sie in allem ihrem Schmerz sie wendete und ihr Leuchten und ihr edles Farbenspiel bestaunte. Die hatten ihren hohen Wert.

Auf ehrlichem Wege konnte sie der Adam nicht erlangt haben. Und plötzlich lachte sie gell auf. Je – wenn die Kommission von drüben und die von da einander unterwegs begegnet wären, wie das leicht möglich war!

Das hätte eine Überraschung gesetzt! Und eine Enthüllung hätte da herauskommen mögen! Denn nun stand ihr mit einer unerhörten Lebendigkeit alles vor Augen, in allen seinen Zusammenhängen, nicht anders, als wäre sie leibhaft Zeugin jener sämtlichen Begebenheiten gewesen.

Ihre Rechte riß ihr im Haar. Denn sie mußte einen körperlichen Schmerz empfinden. Die Linke preßte sie vor den Mund, damit ihr kein Laut mehr entfliehe. Ihre Augen quollen vor und glühten mit stierem und leerem Blick verloren und unfähig, etwas zu erfassen.

Das hatte noch gefehlt! Das drückte dem Ganzen erst jenes Siegel der Vollendung auf! Und bei alledem war es noch ein Glück, daß sie allein den Schlüssel dazu hatte, was sich begeben. Ein Glück? In diesem Sinne erbitterte sie das Wort. Aber so sahen nun einmal alle ihre Glücksfälle aus. Immer und seit jeher!

Vor die Leiche trat sie. Und ihr riesenhafter Schatten fiel darüber und reckte sich an der Wand.

Und ganz leise begann sie, den Adam zu schelten. In heißen, heiseren und raunenden Lauten hielt sie ihre schreckliche Abrechnung mit ihm, Abrechnung über alles, was er ihr angetan von der Stunde ab, da er sich zu entwickeln begann; Abrechnung über jede Freude, die sich sonst eine Mutter von ihrem Kinde erhofft und die ihr dieses verweigert; Abrechnung über alle seine frechen Auflehnungen und Widersetzlichkeiten gegen ihre mütterlichen Rechte, die ihn immer weiter geführt, Schritt vor Schritt, bis hierher.

Eine Sturmflut von Schmähungen, voll tief gesogener Gehässigkeit; von Vorwürfen. Er hielt ihr still – endlich still. Aber er hörte wieder nicht darauf – und nicht ihn allein ging es an.

Noch einen mußte ihre Stimme umgellen. Noch einer mußte her und vernehmen, was so lang in ihr scheu und ohnmächtig geduckt gewesen war und sich nun aufrichtete, machtvoll, unwiderstehlich, bereit zu jeder Zerstörung und zu einem Sprunge, der nicht mehr fragt, wen er niederwirft.

Dieser mußte daran; und hätte sie auf offenem Markt angesichts aller Leute ihm alles ins Gesicht schleudern müssen. O – sie fürchtete sich nicht mehr! Sie schüttelte, vorgeneigt, die Faust gegen den Adam, sie richtete sich zu ihrer vollen Höhe auf und reckte die Rechte der Straße zu, in jener Richtung, aus der einer kommen mußte.

Es war eine unendliche Erschöpfung in ihr und in ihrer Brust ein Stechen. So, als müsse sie den Erregungen erliegen, die so unmenschlich hastig auf sie eingestürmt waren. Sie riß sich mit einem jähen Ruck ihr Kleid auf. Denn nun wollte sie noch nicht zusammenbrechen. Durchaus nicht. So lange wollte sie's noch aushalten – mit Anspannung alles ihres Willens. Wie lange? Solange es eben sein mußte. Solang, just solang! Als würden die zwei Worte eine Zauberformel in sich bergen, wiederholte sie sich sie immer wieder. Bis sie die beiden Silben vor sich hin zeterte und, entsetzt über die Gräßlichkeit des Tones, abbrach, sich stützte und mit leeren, wandernden Augen um sich sah.

Die Tür ging. Frau Kathi Mayer raffte sich zusammen.

Ihr Mann trat ein. Scheu, eine Beklommenheit und eine Ahnung im Gesicht. »Ich hab' gehört«, stotterte er, »es ist wieder was gescheh'n? ...«

Sie nickte mit einer entsetzlichen Starrheit.

»Was ist denn schon wieder gescheh'n?«

Sie riß den Schirm von der Lampe, so daß ihr volles Licht auf das Antlitz des Toten fiel. Franz Mayer torkelte mit zitternden Knien einen einzigen Schritt vorwärts, blieb gebannt stehen, und seine Zähne schlugen einen schrecklichen Takt: »Marand Josef! Der Adam!«

»Ja. Der Adam. Sieh' dir ihn noch einmal an, dein' Einzigen.«

Er stürzte in die Knie vor dem Bett, faltete die Hände, wollte beten. Sie krallte sich in seine Schulter, daß der Griff wehe tat, wie der Schlag von Habichtfängen. »Aufsteh'n, sag' ich. Ich leid's net!« Er leistete einen schwachen Widerstand: »Ein Vaterunser – für die arme Seel'.«

»Aufsteh'n, sag' ich.« Noch leidenschaftlicher: »Ich leid's net!«

»Ja, warum denn net?«

»Es gehört sich net.«

Er erhob sich willenlos und verschreckt. Auf einen Stuhl setzte er sich und hielt beide Hände vor die Augen. »Magst d' ihn net anseh'n, Franzi?« kam's in bitterstem Hohn. »Magst d' net seh'n, was du angestellt hast?«

»Also – da liegt er, dein Einziger!« Sie schied sich mit diesem einen Wort von ihm und dem Toten. »Und weißt d', wer ihn dahin gebracht hat, Franzi? Weißt d' es, han? Oder muß ich dir's erst sagen? Das war net der Strizzi, der ihm mit seinem Messer in sein Herz gestochen hat – dös warst du und du alleinig ...«

Er sprang auf: »Kathi – du bist närrisch ...«

»Das wär' am End' kein Wunder nach dem allen. Aber ich bin's net. Närrisch war ich ja, wie ich dich genommen hab'. Närrisch, ja, aber schon zum Binden närrisch, wie ich dir treu geblieben bin und 's bei dir ausgehalten hab' die vielen verfluchten Jahr', wie ich's immer wieder tentiert hab', aus dir einen Mann zu machen. Aber jetzt bin ich's net. Aber schon gar net!«

»Da werd' ich geh'n ...«

»Da bleibst.« Das war ein Befehl, gegen den es keinen Einspruch gab. »Und wohin willst denn geh'n, Franzi? Epper gar zu deine Brüderln, ihnen erzählen von der narrischen Frau? Und meinst d' in der ganzen Wienerstadt, so groß und so verlumpt wie sie ist, lebt heut' ein Mensch, der dir noch die Hand gibt? Meinst?« Sie holte tief und röchelnd Atem.

Er versuchte eine schwache Auflehnung. »Muck' net!« herrschte sie ihn an. »Jetzt red' ich!« und versank in ein sehr langes und schmerzliches Brüten.

Er tat einen Schritt, und sie fuhr auf ihn zu. Sie war grauenhaft zu sehen mit dem fliegenden Haar, den mageren Hals bloß. »Wart' noch ein wengerl! Wir haben noch net ausgeredet miteinander, noch lang net, Franzi!«

»Kathi – du bringst mich um!« Sie zuckte die Achseln, hörte gar nicht auf ihn. »Alsdann – da liegt dein Bub'. Und wir müssen Gott danken, daß sie uns den Buben noch so gebracht haben, wo sie ihn uns hätten noch ganz anders bringen können.«

»Um Jesu Barmherzigkeit willen, wieso?«

Sie neigte sich zu ihm und flüsterte ihm in Gurgellauten ins Ohr: »Weißt, wer die Großmutter umgebracht hat? Der Adam!«

»Aber, es war doch keine Gewalt«, stotterte er.

»Aber vor Schrecken ist sie gestorben, sag' ich dir. Und er hat sie verschreckt und hat sie hernach ausgeraubt. Da, schau – so viel hat er bei sich gehabt«, und sie hielt ihre Funde vor ihm. Die Ringe entfielen ihrer zitternden Hand und kollerten mit gespenstigem Laut über den Boden.

»Und weißt d' vielleicht auch noch, wer ihn immer gegen die Ahndel gehetzt hat? Wer alleweil gesagt hat: es ist kein Schad' um sie? Und mit dem Hackel wird man sie einmal erschlagen müssen? Soll ich dir's sagen, wie derselbige heißt, oder weißt d' es eh, Franzi?«

»Man red't gar viel«, entschuldigte er sich.

»Ja, und vornehmlich du, Franzi. Und wenn er frech war und hat mir ins Gesicht gelacht auf meine mütterlichen und blutigen Vermahnungen, was hast denn gesagt? Ich will's nicht anders, hast gesagt.«

»Das tun gar viele in derer Stadt.«

»So geht's an einem aus. An uns ist's ausgegangen.« Und sie schluchzte auf.

»Das ist so gräßlich, Kathi. Ganz entrisch wird mir, Kathi! Ich fürcht' mich!«

»Dafür ist's zu spät. Alsdann – den Adam hast hergebracht. Das kannst amal net leugnen. Was hat er denn noch auf der Welt wollen? Eine Adam-Mayer-Gassen gibt's net mehr. Und was die Kathi geworden ist, weißt eh. Ja, die hat halt nur schön sein sollen, nix wie schön, und so ist sie halt danach geworden. Und wenn's der Rosi gut geht – du kannst nix davor. Von dir aus hätt' sie ins Wasser oder eine werden sollen, vor der man ausspuckt. Du hast dich gewehrt genug gegen das Glück von deinem Mädel. Alles war dir zu gering. Ja, halt ein Mayer! Der ist was Rechtes, nur weil er ein Mayer ist. Und daß du selber der Mindeste und der Schlechteste auf der Welt bist – nur dös hast du gar niemals begriffen oder verstanden.«

»Kathi!« Das kam gestöhnt aus tiefster Brust.

»Ich fürcht' mich net mehr. Was kannst mir denn noch verwüsten? Dein Ältester ist tot. Von der Kathi darf man net reden unter die Leut'. Bettler sein mir. Zugrund' gericht' und verwüstet hast einmal alles. Was tust noch auf derer Welt? Zugrund' zu richten hast nix mehr. Was willst noch, Franzi?« Ein unbändiger Haß brach los. »Oder siehst noch immer net, wie überflüssig du jetzt schon bist, Franzi?«

»Kathi! Red' net so, Kathi! Es könnt' dich gereuen, Kathi!«

»Mach' dir keine Sorgen! Mich gereut nix mehr!«

»Es könnt' was g'scheh'n, Kathi!«

»Wird mich net interessieren ...«

»Kathi!«

»So heiß' ich, ja! Aber jetzt geh', oder vorm Toten geschieht was.«

Er ging. Das Gesicht verzerrt vom schwersten Krampf. Zögernd, rückwärts schreitend, wie immer noch in der Hoffnung nach einem Ruf, der ihn halte, immer noch zwischen Verzweiflung, die sich keinen Ausweg mehr weiß, und Lebenssehnsucht. Sie merkte nicht einmal, daß er ihr verschwand. In eine immer steigende Raserei geriet sie. Worte kamen ihr, die sie nie vorher gedacht. Ihre Stimme schwoll. Sie zetterte, gellte, kreischte, eine schwingende, berstende Sturmglocke; und zwischendurch stöhnte die Frau in furchtbaren, tierischen Lauten, schlug nieder in die Knie und sprang wieder auf. Ganz von Sinnen gebärdete sie sich, und ihre fruchtlosen Drohungen und Verwünschungen teilte sie zwischen dem Toten und jener Tür, hinter der ihr der Mann entschwunden war.

Sie wußte nicht, wie lange sie's so getrieben hatte.

Ohne Ahnung blieb sie, wann die Linnerl, spät wie immer an Sonntagnachmittagen, heimgekommen war. Nur an eines entsann sie sich noch aus jenem Tag der Schrecken: an einen gräßlichen, erschütternden Aufschrei aus dem Nebenzimmer. Denn da hing etwas, langgestreckt und regungslos, am Fensterkreuz und stierte die Linnerl aus verglasten Augen an. An ein totenblasses Mädchengesicht; an die gestöhnten, zögernd gehauchten Worte: »Mutterl! Schreien S' net a so! Er hört's gar nimmer.«

Dann schlug sie hin. In einer schweren Ohnmacht.

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