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Der Übergang

Jakob Julius David: Der Übergang - Kapitel 15
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authorJakob Julius David
titleDer Übergang
publisherVolk und Welt
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Drittes Kapitel

In der Felberergasse

In unserer Stadt herrscht ein ziemlicher Verbrauch von Berühmtheiten.

Ein jedes Jahr erzeugt bei ihrer zahlreichen und ehrgeizigen Bevölkerung mehr davon, als zum Beispiel im gleichen Zeitraum neue Gassen eröffnet werden.

So muß denn manchmal eine schreckliche Musterung gehalten werden. Deren Verdienste zu vergänglich waren, deren Werke nicht beständig genug, um sich trotz Wandels der Tage und ihrer Ansichten zu behaupten, die haben den neuen, den Männern von heute Raum zu machen. Also bleiben wir immer auf dem laufenden über die Leistungen unserer Mitbürger, und es gilt das Recht des Stärkeren auch über die Gräber hinaus.

Nirgends aber läßt sich der Ruhm eindringlicher verewigen und verkündigen als von den Straßenecken her.

Da springt einem der Name des Würdigen höchst augenfällig entgegen. Von allen Häusern grüßt er, manchmal so hoch, daß es Anstrengung kostet, ihn zu entziffern. Ein Heimischer kennt sich so aus, und es den Zugereisten bequem zu machen, liegt doch kein Grund vor. Epper ja? Er geleitet einen ein gutes Stück Weges, das, beinahe nach Bedeutsamkeit des zu Ehrenden, länger oder kürzer ist. Man gewinnt Zeit, sich ihn einzuprägen und still und beschaulich darüber zu sinnen, was er wohl an Vorbildlichem vollbracht. Nebenbei bemerkt: das kostet hier und da ein ansehnliches Kopfzerbrechen. Es schärft somit den Verstand, beschäftigt das Gedächtnis und läßt in währender Wanderung keinerlei Langeweile aufkommen.

Was Adam Mayer vollbracht, das lag für dieses Geschlecht erheblich zurück. Was er gewonnen und erworben, das hatten unkluge Erben vertan und vergeudet. Es bestand somit keinerlei Anlaß mehr, sein Andenken hochzuhalten. Dagegen hatte sich Herr Felberer im gleichen Bezirk als erfüllt von Gemeingeist und der löblichen Hingabe an die Angelegenheiten der schönen und vielbesungenen Vaterstadt bekundet. Ihm also, nach einem allzufrühen und im Interesse der Allgemeinheit nicht genug zu beklagenden Hinscheiden, ihm wurde die Adam-Mayer-Gasse und damit ein Endchen nur vom Wechsel der Gemeinderatsmehrheiten begrenzter Unsterblichkeit zugeschrieben.

Der Beschluß des Stadtrates traf Franz Mayer im Tiefsten. Umsonst hatte er seine Freunde in der herrschenden Partei beschworen, ihm dies zu ersparen. Ja, wer war er denn, was vermochte er, daß man auf ihn hören sollte? Ein abgetaner Statist. Stärkere Rücksichten und Erwägungen siegten, und er war um eine böse Enttäuschung reicher. Auch das letzte war ausgetilgt, das an die große Rolle erinnerte, die seinem Geschlecht vordem beschieden gewesen.

Seine Vereine freuten ihn nicht mehr. Er traute sich kaum noch heim. Mit niedergeschlagenen Augen, mit sich selber heftig redend, schlich er durch seine Gasse. An allen Ecken schien ihm seine Demütigung zu stehen und Wache zu halten ob der Einfahrt seines Hauses.

Und eine tiefe, doch wehrlose Zornigkeit gegen sich, die Herrschenden und vor allem das Schicksal war in ihm. Er konnte in ein stumpfsinniges Schluchzen ausbrechen, gedachte er dessen, was man ihm hinterrücks angetan.

Die Frau achtete nicht mehr darauf oder auf sein Treiben. Ins Herz getroffen fühlte sie sich auch; aber sie zeigte es nicht. Die Linnerl war zu versunken in ihr junges Glück, als daß sie sich um den Vater groß hätte kümmern mögen. Es war ja nicht viel, was sie genoß. Und dennoch war es mehr, als sie je zuvor gehabt hatte; ein Spaziergang im Prater, Blumen am Gürtel, denn Peter Gröger sah sie gerne schmuck und war nicht wenig stolz auf seine Geliebte, mit der man sich so gut sehen lassen konnte.

Hernach sich wo niedersetzen und gute Musik genießen, die sie so liebte. Einmal in der Zeit, denn das kam teuer, ein Abend im Burgtheater, der sie immer mächtig erregte und ihren Gedanken auf Wochen hinaus Nahrung gab. Sie faßte so erstaunlich rasch und immer den Kern der Dinge. Und dabei war sie stets bescheiden und in ihrer Liebenswürdigkeit immer gleich.

Kam Adam einmal nach Hause, dann schlich eine arge Verstörung durch sämtliche Stuben.

Beim Militär hielt er sich allerdings nach wie vor gut. Für den Zwang aber, der auf ihm lag und den er mit jedem Tage unwilliger ertrug, rächte er sich daheim. Kein Besuch mehr ohne häßliche Auseinandersetzungen, ohne Vorwürfe von einer erschreckenden Gemeinheit.

Immer ging es ums Geld. Denn er brauchte dessen so entsetzlich viel. Da war die Marie, die sich ihn völlig unterworfen hatte. Er wußte, wie nichtsnutzig das Frauenzimmer sei, daß sie ihn betrog mit dem ersten besten, der ihr in die Augen stach oder einen ihrer Wünsche erfüllte, sich immer wie die rechte Soldatendirne benahm. Aber gerade dadurch hatte sie's ihm angetan. Auf ihn wirkte ihre Schamlosigkeit wie ein immer neuer und unbesieglicher Reiz. Denn wie sie war, so war sie durch ihn geworden; der erste war er gewesen und wollte der Bevorzugte sein und bleiben.

Sie verhehlten nicht mehr, wie sie miteinander standen. Während Mutter und Schwester im Nebenzimmer saßen, taten sie breit und fessellos ihre abscheulichen Zänkereien ab oder feierten sie ihre Versöhnungen. Er konnte nicht mehr los von ihr. Und der zügellose Lebenswandel, dem sie sich ergeben, vermochte nichts über sie und ihre robuste Schönheit: er war wohl der Richtige für sie. Nach der tollsten Nacht, durchschwärmt und durchjubelt bis zur letzten Neige, war sie zur Arbeit munter und versah in ihrem Dienst nicht das mindeste. Denn eine unerhörte Lebenskraft war in ihr.

Er war wieder einmal dagewesen, Geld heischen. Denn er hatte »über die Zeit«, und sie wollte tanzen gehen und hatte ihm rundheraus erklärt, käme er nicht mit, so wisse sie sich schon wen andern.

Der Mutter hatte er schwer genug einen Gulden abgepreßt. Mehr hatte sie offenbar nicht, sonst hätte sie's ihm sicherlich gegeben. Denn an diesem Nachmittag war ihr eine starke Furcht vor dem wüsten Burschen gekommen, der offenbar zu allem fähig war. So verwildert sah er aus, die schwarzen Haare tief in die Stirn gekämmt, die Augen tückisch und hitzig, und mit so hartem, unbewußtem Griff langte er immer wieder nach dem Seitengewehr.

Sie atmete auf, als der Vater, ihr seit Jahren zum erstenmal gelegen, erschien. Es kam zu neuen, zwecklosen Zänkereien. Der Alte hatte nichts, gar nichts. Der Adam sollte dort hingehen, wo was zu holen sei, statt immer wieder armen Leuten im Sack zu liegen und sie auszuzieh'n. Im dritten Stock – da gibt's was! Und er verfiel wieder in sein unflätiges Schimpfen über die Großmutter.

Frau Kathi Mayer erschrak: »Was red'st du da, Franz?«

Er aber ließ nicht ab. Ja – jetzt werde man ihnen bald das Haus verkaufen überm Kopf. Als Bettelleut' müßten sie von dannen gehen. Sie aber – ja, die sitzt warm und weich und der kann schon gar nichts geschehen. Alles um sie haust ab durch die Schuld ihrer Erbarmungslosigkeit und Selbstsucht; ihr kann man nicht zu. Eine Lektion wenn sie bekäme! So einen richtigen Deuter! Er wünschte gewiß keinem Menschen auf der Welt etwas Böses. Aber der gebühre es nicht anders, dem alten, schlechten Luder, das vor lauter Boshaftigkeit nicht stirbt und immer nur auf sich und sonst gar nichts gedacht habe.

»Und die Rosi, Mann?«

Ja – da hätte sie freilich in den Sack gegriffen. Aber warum? Aus Güte? O nein – nur um ihn zu ärgern und ihm zu zeigen, nicht einmal in seinem eigenen Hause gelte sein Willen etwas und sie könne, wenn es ihr paßt, Gottes Verheißung umstoßen, nur weil sie ein Geld hat. Damit hätte sie ihm schon gar nicht kommen sollen. Als ob das nicht schon ohnedies genug an ihm fräße, sähe er diese Person mit ihren Bälgern nur im Hofe. Eben, daß sie nicht hinter ihm herspotten, eben nur das. Just vor die Nase, damit er keinen Bissen mehr in Ruhe essen könne, habe man sie ihm hingesetzt. Aber, das werde auch noch einmal was geben. Bei seiner Seele und Seligkeit.

Der Adam hatte genug. Das führte zu nichts, und das kannte er schon auswendig. Und dennoch war ihm diesmal, als hätte jedes Wort eine neue und eindringliche Bedeutung, als schlüge es lichtscheue Wurzeln in ihm.

Er ging. Ohne Gruß schmetterte er die Türe hinter sich zu. Nur der Marie sagte er noch, sie solle sich bereit halten. Die Alten möchten machen, was ihnen gefiele. Getanzt werde unter allen Umständen. »Weil wir noch jung und hellauf sind, was, Mariedel?« Es lag eine lästerliche Frechheit darin.

Wohin aber oder was zunächst unternehmen? Er fühlte das Bedürfnis, mit seinen Gedanken ganz allein zu sein.

Er ging zum Greißler. Einen Augenblick hoffte er, da ein Darlehen zu gewinnen. Aber damit war es sicher nichts, seitdem die Mutter selber aufschreiben lassen mußte.

Wortkarg und brütend saß er da. Und die Greißlermädeln, die ihm aus alter Anhänglichkeit Gesellschaft leisten wollten, erkannten ihn kaum wieder. So unwirsch war er gegen sie doch niemals gewesen.

Immer von neuem ließ er den einen Gulden auf die Tischplatte fallen oder ihn kreiseln. Er wollte kein Licht. Da sie ihn nach gewohnter Weise aufzumuntern suchten, schnitt er eine gräßliche Fratze, daß es selbst der sanften Marie zuviel ward und sie den schiechen Kerl endlich sich selber überließ.

Er wollte in seinen Grübeleien durchaus nicht gestört sein. Und sie waren von der Art, daß ihm auch das vertrauteste Gesicht unleidlich ward.

Denn wohin sich wenden oder wie das auftreiben, was beschafft werden mußte, sollte es nicht ein wahrhaftiges Unglück setzen?

Die Kathi? Ja – die saß warm, wacherlwarm. Und sie hatte manches Mal geholfen. Das ließ sich nicht leugnen. Denn er hatte viel Geld verbraucht und vertan in dieser Zeit.

Es war aber schwer, bei ihr vorzukommen. Ordentlich melden lassen mußte man sich. Und oftmals hatte sie feinen Besuch und man kam ihr ungelegen. Und sie schämte sich dann des Bruders, der am Ende doch nur Feldwebel war und, wie aus einer geheimen Rivalität, sie haßte die Marie, die ordinäre Person, immer noch.

Da hatte er so ziemlich ausgespielt. Wenn die überhaupt noch einem von ihnen was zusteckte, so war es der Alte, der dafür hinter ihrem Rücken jämmerlich auf sie schimpfte. Ja – wo hatte der Adam nicht schon ausgespielt? Doch eigentlich nur bei einer einzigen noch nicht, und die wollt' er denn auch nicht fahrenlassen, es koste was immer.

Und die Alten, immer die Alten!

Nicht zum glauben, wo sie einem alles im Weg standen und der Jugend Licht und Luft nahmen. Er tat einen grimmigen Fluch, so laut aus seinen Gedanken, daß die Mädeln, die im Gewölb immer noch auf eine gnädigere Laune hofften, eilfertig nach seinen Wünschen fragten. Daß sie zum Teufel gingen. Sonst begehre er in aller Ewigkeit nichts mehr von ihnen. Sie entfernten sich gekränkt und endgültig.

Oder die Rosi? Gut. Die hatte Geld, massenhaft Geld. Man sprach allgemein davon, wieviel sie Jahr um Jahr erübrigten und der Sparkasse gaben, damit es weiter wuchere. Aber kein Herz für den einzigen Bruder hatte sie. Und sie gab gewiß freiwillig nicht einen luckerten Kreuzer her. Denn sie war geizig geworden, und die beiden Menschen scharrten und rackerten, als wäre man sonst zu wirklich nichts auf der Welt. Im Bösen aber? Sie war doch nie allein, daß man ihr hätt' einen nützlichen Schrecken einjagen können, wozu sich der Adam sonst ganz gern getraut hätte. Da waren handfeste Gesellen, die der Meisterin auf jeden Quietscher zu Gebote standen, und zu Abend saß der Lümmel, der Navratil mit seinen groben Tischlerfäusten sicherlich zu Hause, und sie gähnten sich an aus Müdigkeit und Langeweile. Da war nichts zu machen. Nirgends im guten. Wie ekelhaft das nur war! Er spie vor sich hin.

Damit aber kam man nicht weiter.

Erst wollt' er schuldig bleiben. Aber die Greißlerin war ganz ausnahmsweise zudringlich, und der eine Gulden half ihm ja doch nichts. Er zahlte, schnallte sein Seitengewehr vorschriftsmäßig fest und trat völlig gedankenlos in den Hof, der zu veröden begann. Denn es war sehr dunstig, und die Kühle kroch über den Boden.

Es schien ihm durch den Nebel, als sähe er die Dienstmagd der Ahne fortgehen. Und dieses setzte er sich als Zeichen: war die alte Frau allein, so wollt' er ihr sein Anliegen vorbringen; wo nicht, wieder umkehren. Denn es zog ihn.

Ein Schüttelfrost schlug seine Zähne zusammen, gedacht' er, was geschah, wenn er sich auf keine Weise Geld verschaffen konnte. Das mußte verhütet sein. Und was war dabei, wenn er die Ahne darum anging, die dessen hatte, genug hatte, während er sich anders in keiner Weise zu helfen wußte?

Er spähte aufwärts. Noch brannte nirgend ein Licht, und langsam stieg er die drei Treppen empor.

Wie ausgestorben war doch das Haus. Niemand auf den Gängen, da sich sonst Kinder tummelten und riefen.

Er stand vor der Tür der Alten. Mit einem kräftigen Ruck zog er die Klingel.

Ein dünnes Greisenstimmchen: »Wer ist's?«

Die eigene Stimme kam ihm fremd vor: Er wußte nicht, wie's ihm einfiel: »Ein armer Mann tät' schön bitten ...«

Die Tür wurde halb geöffnet. Er drängte sich mit einem Ruck durch den Spalt. Sie erkannte ihn und erschrak: »Jessas, der Adam!«

Sie durfte nicht schreien. Etwas Fremdes war in ihm, handelte, bestimmte immer das Zweckmäßige. Und so neigte er sich ihr zu und flüsterte sehr heiser: »Die Ahndel muß net erschrecken. Ich kumm' wegen der Linnerl ...«

»Wegen der Linnerl?« Sie musterte ihn argwöhnisch. Aber schon hatte er die Tür geschlossen und stand so, daß er ihr den Ausgang sperrte. »Aber warum kommt sie net selber?«

»Ja, wegen der Linnerl. Und selber kommt sie net, weil sie sich net traut ...«

»Das lügt der Adam ...«

Seine Rechte fingerte nervös an seinem Seitengewehr: »Einen Lügner müßt' mich die Ahndel just net heißen. Die Linnerl traut sich net. Und schreien sollt' die Ahndel net. Es braucht's net, daß das ganze Haus weiß, da davon wir reden.«

Sie bereute beinahe, daß sie eine Regung von Furcht gewahren lassen. Wer konnte ihr an wollen? Und ganz strack schritt sie voraus. »So komm'! Die Tür laßt d' mir offen!«

Er folgte. Sie entzündete die Lampe. »Wär' just net not, daß die Frau Ahndel ein Licht macht.«

»Gar so insgeheim haben wir zwa nix miteinander.«

»Kann man nie net wissen«, er schnaufte schwer und keuchend und schloß vorsichtig und dennoch jäh die Tür.

»Die Tür bleibt offen.«

»Hab' ich's halt vergessen, und jetzt ist's zu.«

Er stand immer auf der Lauer, immer so, daß er ihr den Ausgang sperrte.

»Und was willst? Was ist's mit der Linnerl?« So dünn war ihr Stimmchen! Ein Zirpen, das ihm dennoch stärker auf die Nerven ging, so herrisch und so voll gehässigen Mißtrauens war es, und so scharf lugten die vor Alter farblosen Augen zu ihm herüber.

»Ja – was soll's mit der Linnerl sein?« Er drehte seine Mütze hin und her.

»Hast deine eigene Lug' schon vergessen? Oder was stehst da wie der Bettelmann, wenn er sein Gesätzel net weiß?«

Er versuchte zu lachen, aber er brachte nur ein häßliches Grinsen zuwege, vor dem es einem grausen konnte: »Geht mir a net viel anders.«

Es war ihr ganz recht, daß er so zögerte. Vielleicht kam inzwischen die Magd zurück, obzwar sie, nach ihren Jahren, sehr langsam war und wie immer an Samstagabenden eine Menge von Besorgungen hatte. Und dennoch ging ihr dies Zusammensein zu sehr wider den Strich, als daß sie's für die Dauer ertragen konnte. »Also: was willst d' eigentlich? Nix Gutes gewiß net!«

»Ja – warum denkt denn die Ahndel eigentlich so von mir? Was hab' ich denn der Ahndel tan?« demütelte er.

»Laß mich aus! Wann hast denn schon was Gutes wollen? Und warum wärst denn sonst mit einer Lugen zu mir kommen?«

»Man hilft sich halt, wie man kann«, orakelte der Adam.

»Also, wird's amal? Was willst?«

»Um ein Geld möcht' ich die Frau Ahndel schön gebeten haben. Nur um ein bisserl ein Geld ... Ich tät's so viel nötig gebrauchen ...« Das hatte wieder der andere aus ihm gesprochen.

»Kein Kreuzer kriegst.«

»Dasselbe hätt' ich von der Frau Ahndel schon oftmals bekommen. Ausnahmsweis' schenkt sie mir vielleicht was anderes, wenn ich s' recht schön bitten tu'. Ich tät's gar so sehr brauchen.«

»Net einmal ein Kreuzer, wie ei'm Bettelmann.«

»Das sollte sich die Ahndel überlegen. Meiner Seel' und Gott: ich weiß mir net anders zu helfen. Und man kann nie net wissen, was ein Mensch in der Desperation tut.« Schon klang eine böse und tückische Drohung durch die Bitte.

Das reizte sie. Derlei hatte sie nie vertragen. »Schau, daß du weiterkommst. Für dich hab' ich net ein luckerten Kreuzer. Ich hab' mein Geld net dazu, damit man's versauft und vermenschert.«

»Ahndel!« Aber er bezwang sich noch. »Aber der Rosi hat die Frau Ahndel geholfen. Der Linnerl tät' sie helfen, wenn's die brauchen möcht'. Warum mir net? Just mir net? Bin ich was anderes zu der Ahndel wie die?«

»Weil dir in Ewigkeit net zum helfen ist.«

»Und warum denn net, Ahndel?«

»Weilst d' ein Fallot bist.«

Ein besinnungsloses Röcheln der Wut. Eine Waffe, zum Stich gesenkt, in der Luft aufblitzend. Ein jäher Schritt zum Diwan, auf dem die alte Frau saß, ruckweise getan, mit steifen Knien, als risse etwas den Adam vorwärts ... »Adam ... A...« Und Totenstille.

Der Adam fuhr zusammen. Ihm gegenüber saß etwas und regte sich nicht. Der Kopf war zurückgesunken in die Kissen; die Augen offen und verglast; der Unterkiefer weit geöffnet. Die Hände waren gekrümmt und standen so gräßlich von der Brust ab.

Er sah an sich nieder. Scheu; verhohlen. Es schüttelte ihn dabei. Kein Tropfen Blut war an ihm. Sein Seitengewehr war blank, und er atmete tief und dennoch hörbar stöhnend.

Alsdann riß er eine Geldlade auf, in der er ihre Wertsachen vermutete. Etwas Geld, für seine Begriffe ein hoher Betrag, lag da. Er nahm eine Summe zu sich, die ihm für eine Zeit genügte, und ließ den größeren Rest zurück. Von den Schmucksachen, die herumlagen, nahm er nur zwei versteckte und wie vergessene Ringe. Er richtete alles nach Möglichkeit wieder her wie es gewesen war, sorgfältigst, damit keinerlei Unordnung die fremde Hand offenbare, die eben erst hier gewühlt.

Das war besorgt und er in Sicherheit. Gesehen hatte ihn niemand. Er legte ihre Zeitung entfaltet vor sie hin, als sei ihr im Lesen etwas zugestoßen. Keine Gewalttat hatte sich begeben. Daß eine Frau in diesen Jahren einmal plötzlich auslöscht, das war nur natürlich und gab keinen Anlaß zum Verdacht.

Einmal noch faßte er nach seiner Waffe. Atemlos, sprungbereit, zum letzten entschlossen, die ganze Seele im Ohr, stand er hinter der Tür. Denn ihr näherte sich ein schlürfender Schritt. Ein Hüsteln erklang davor. Ein Zittern überlief den Adam und ließ seine ganze Gestalt schwingen. Er sah rot.

Das ging vorüber. Langsam, so unendlich langsam. Er harrte, eine Höllenerwartung für das Herz. Bis wieder die Totenstille ihn umgab, wie er sie noch nie gehört zu haben vermeinte. Alsdann, völlig ungesehen und unbeachtet, huschte er die Treppe herunter.

Alle Fenster des Hauses waren schon hell und blickten leuchtend in den tiefen Hof. Auch die der Rosi. Er drückte sich an ihnen vorüber, ohne das geringste Verlangen, einen Blick da hineinzutun.

In seiner Westentasche knisterte das Geld, wie er dessen so viel nie beisammen gehabt. Er langte danach, betastete und drückte es zärtlich und fühlte sich seltsam getröstet. Es war gutgegangen, und nix war gescheh'n.

Er tat einen grellen Pfiff, mit dem er die Marie zu rufen pflegte. Sie kam schon im Staat und hing sich in ihn ein.

Einige Schritte, und er blieb stehen und sah sich argwöhnisch um: »Geht da net wer hinter uns, han?«

»Wenn schon? Kannst das niemanden auf der Gassen verbieten, Tschapperl!«

»Ich mag's aber heut' net. Lassen wir ihn voraus.«

Wieder einige Schritte. »Wer steht denn dort?«

»Wer soll denn dort steh'n? Halt ein Sicherheiterer.«

»So. So. Ein Sicherheiterer. Ich weiß net, mir ist heut' entrisch.«

»So geh' in die Kasern' schlafen und laß mich aus.«

Er riß sie vorwärts. Wieder: »Ein Lamentabel wird's geben. Kann sein, jetzt schon.«

»Wo denn, Adamerl?«

»Halt irgendwo. Frag' net so dalkert. Komm lieber. Draht wird, Mariedel! Und wer dich heut' anschaut, den zermantschger' ich.«

»Na, na!« äffte sie.

Es war völlig dunkle Nacht. Der sternlose Himmel hing tief und war graulich. Der Nebel brandelte. Ein klagender Wind wie vorm ersten verfrühten Schneefall raunte durch die Gassen, die sie durchschritten, und ließ die Gasflammen zucken, geistern und tanzen wie verwunschene Seelen.

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