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Der Übergang

Jakob Julius David: Der Übergang - Kapitel 14
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authorJakob Julius David
titleDer Übergang
publisherVolk und Welt
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Zweites Kapitel

Idylle im Grünen

Es war aber in der Linnerl ein Licht- und Lufthunger, daß sie nicht mehr meinte, sie könne ihn noch lange meistern.

Als müßte sie daran ersticken, würde er nicht bald und ausgiebig gestillt, so war es ihr oftmals zumute.

So jung sie noch war und sich fühlte, so rasch schien ihr ihre Zeit verrinnen zu wollen. Ein jeder Tag war unwiederbringlich.

Wie in einem dunklen, stickigen Gange sich bewegend, kam sie sich vor. Ganz fern aber flammt ein Kreis vollen Lichtes, dem man sich unwiderstehlich zugezogen fühlt, dem man, beklommen vor Dunkelheiten, entgegenwandert, ungewiß, ob man ihn jemals mit geblendeten Augen und dennoch jauchzenden Herzens werde betreten können.

Es war gegen das Frühjahr, das sich hastend und fordernd ankündigte. Die beglänzten Tage wuchsen und ließen Raum für verlangende Gedanken. Zu Nacht aber wehte der Lenzwind und lockte mit schwülem Atem und jammerndem Wimmern, das sie oft vernahm, wenn sie einsam erwachte.

Was war es doch so still im Haus und in ihr selber so unruhevoll geworden! Und wie allein stand sie nur da! Ihre Geschwister hatten so oder so ihr eigen Geschick begründet. Nur sie selber war noch an das Elternhaus gebunden, mit dem sie innerlich gar nicht mehr zusammenhing. Nichts in ihr wurde begriffen, keiner ihrer jungen Wünsche verstanden oder berücksichtigt.

Zu tun gab es gar nichts. Das Geschäft ging so schlecht, daß die Mutter es ganz allein versehen konnte, daß man's eigentlich nur noch aus Gewohnheit fortführte und weil etwas immerhin besser ist wie nichts. Für die immer knappere Wirtschaft genügte die Marie, die darin, sie mochte sonst sein wie sie wollte, tüchtig war und jeden Hausbrauch aufs genaueste kannte. Zu beidem fühlte die Linnerl nicht den mindesten Beruf in sich. Lesen aber mochte sie gar nicht mehr. Die Bücher langweilten sie oder regten sie auf, daß sie zornig ward, und zu oft stieß sie auf Dinge, die sie als unwahr empfand. Denn sie begann zu prüfen und in sich das Maß und den Schlüssel aller Dinge zu ahnen.

Einen Tag ersehnte sie mit Macht. Ganz im ersten sanften Grün. Wehendes Laub, noch jedem Windhauch willfährig, sich zu Häupten, schwankende Schatten zu ihren Füßen, goldene, tanzende Sonnenkringel, zitternd und huschend übers braune Fallaub und es verklärend. In sich saugen alle die Helle: tief in sich und sie alsdann hegen für immer. Blumen brechen, die einem nachmals, längst verwelkt, erzählen könnten von vielen Sonnigkeiten und einer ungestümen Freude, die einmal ein junges Herz zum Überquellen erfüllt.

Sie war eben in jene Jahre gekommen, wo das Bedürfnis nach Anschluß stärker ist denn alles andere, als die Fähigkeit vornehmlich des Urteils. Und ganz besonders das werdende Weib ist der Einsamkeit nicht gewachsen.

Auch nährte Peter Gröger zunächst ganz unbewußt alle ihre Sehnsüchte. Denn er verbrachte nun gern seine müßigen Sonntage im Freien und erzählte davon. Da erholte er sich von Lehren und Lernen. Da nahm er eine Einladung nur an, wenn sie von einem sehr werten Gönner stammte. Das war doch vernünftiger und sogar wohlfeiler als dies Hocken in Café und Kartell, womit seine Kameraden die Zeit totschlugen.

Man nahm irgendein nützliches Buch und einen minder begangenen Weg. Denn zu viele Leute sind unangenehm; sie stören in Betrachtungen und essen einem in den Wirtshäusern alles Vernünftige vorweg. War man vom Steigen müde, so weilte man und las ein wenig und konnte recht ungestört und in der besten Luft nachdenken. Und überall war Erquickung, Gelegenheit zu Rast wie beschaulicher Einkehr.

Er wurde bei solchen Schilderungen recht weitschweifig und beredt. So konnte bald kein heller Sonntag mehr anbrechen, ohne daß sie ihm in Gedanken auf seinen Wanderungen folgte. Nur mit anderen, ganz anderen Augen sah sie dabei in die Natur, als die ihm gegeben waren.

Ganz zufällig hatten sie sich einmal begegnet, da sie eine Besorgung zu machen gehabt.

Es sprach sich auf der Straße entschieden besser denn zu Hause. Ein leichter Ton mit allerhand Neckerei ließ sich da anschlagen, der ihr gar nicht übel behagte. Denn sie war flink von Gedanken und mutterwitzig.

Er hatte gerade müßige Zeit zwischen zwei Lektionen. Und sie fragte man doch nie nach ihrem Verbleiben. Das merkte man sich und fand sich hernach öfter. Und bald wußte sie um die Einteilung seiner Tage und um alle seine Gewohnheiten völlig Bescheid.

Durchaus nach der Schnur lebte er. Und so tadellos korrekt benahm er sich ihr gegenüber! Ganz ein feiner Herr gegenüber seiner Dame. Denn da ließ sich praktisch üben, was man anderen abgeguckt und einmal anderwärts gut gebrauchen konnte. Er gestattete sich nicht das mindeste, was ihm nicht als ihrem Lehrer und nach der Dauerhaftigkeit ihrer Bekanntschaft zugestanden wäre. Benahm er sich immer und allenthalben so? Dies reizte ihre Neugier gar mächtig.

Immer war eine leise Überlegenheit in seinem Tun. Beinahe etwas Väterliches, Bevormundendes, wie es junge Männer, die von ihrer Weisheit und Vortrefflichkeit erfüllt sind, und denen das Studium noch Selbstzweck erscheint, so gerne Mädchen, diesen holden Zwecklosigkeiten der Natur, gegenüber annehmen, nachdem sie erst der Ruppigkeit der Flegeljahre entronnen sind.

Also bummelte man. In einem der öffentlichen Gärten, die sich fast stündlich besser aufputzten. Man sprach eigentlich nur Belangloses, hatte durchaus nichts zu verstecken. Nicht einmal, auch wenn es seine Zeit gestattet hätte nicht, begleitete er sie auch nur nach Hause. Übrigens war das fast nie möglich. Er mußte doch seinen Geschäften nachgehen oder in die Universitätsbibliothek. Und dennoch lag schon darin das Schiefe ihrer Stellung zu dem jungen Menschen. Und jede Bewegung hatte für die Linnerl einen Stachel. Denn immer hoffte sie insgeheim, es werde ein Wort von tieferer Bedeutung aufspringen, wie die Schale einer reifen Frucht den süßen Kern enthüllt. Es blieb aus, und nun zerfaserte sie heimkehrend jeden Satz, ob nicht das darin verborgen sei, was sie unklar wünschte und fürchtete.

Er sprach gerne zu ihr wie zu einem guten und vernünftigen Kameraden von seiner Zukunft und seinen Plänen.

Es war nichts Unlogisches darin. Nichts, was nicht seinen guten Grund hatte oder belegt werden konnte. Keinerlei Überschwang der Erwartungen, genaueste Kenntnis der Avancementverhältnisse in jedem Zweig des Staatsdienstes.

Sie mußte, wenn ihr Jugendgefühl sich wieder einmal regte, manchmal im Nachhinein über seine ausnehmende Verständigkeit lächeln.

Das erquickte sie, und sie fühlte sich ihm über. Bis sie ihn wieder traf und sich vor ihm wieder ganz klein und ganz demütig dünkte.

In allen seinen Rechnungen aber war für sie keinerlei Raum. Ein anderer hätte mindestens im Scherz sie mit seinen kommenden Tagen verflochten. Er war zu ehrlich, wohl auch zu sehr von sich erfüllt dafür. Und sie litt darunter. War sie keines Begehrens wert? So gar unhübsch war sie doch nicht.

Ja – aber sie waren arm. Und ein armes Mädel – dem muß man nicht schöntun oder flattieren. Und die Zeiten waren vorüber, da sie auf dem Grund was gegolten hatten und es für den Gröger ein Glück gewesen war, daß er zu ihnen kam. Sie hatte so merkwürdig scharfe Augen, die Linnerl. Halt auf der Rutschen waren sie, und man wußte das bereits allenthalben und nur zu genau. Durch all diese Zornigkeiten und Aufregungen aber wurde ihr der Gröger nur immer wichtiger. Sie konnte sich der Gedanken an ihn durchaus nicht mehr erwehren, und es half wenig, daß sie ihn in sich oftmals einen recht faden Kerl schalt, an dem nichts sei als Bart und Selbstbewußtsein. Häufig, wenn sie sich mit ihm in ihren einsamen Stunden herumschlug und ihm alles, was sie gegen ihn auf dem Herzen hatte, in sein blondes, hochmütiges Gesicht warf, mußte sie die Augen schließen, und es kam wie eine schwere körperliche Ermüdung über sie. Als wuchte etwas über ihr. Oder sie fand sich in Tränen und wußte trotz allen Sinnens keineswegs, warum sie geweint hätte.

Es war inzwischen Mai geworden. Ein ganz prächtiger Mai, wie er diese Stadt manchmal befällt und wundersam schmückt.

Reine Luft und hoher, heller, sanfter Himmel. Die zartesten Tönungen zu Abend, die lang nicht verschwinden wollten. Alle Höhen ringsum hatten sich in Feierstaat geworfen und lockten und luden zu sich.

Durch das Lärmen der Straßen meinte die Linnerl das eintönige und feierliche Rauschen der fernen Wälder zu vernehmen. Und sie hatte fast körperlichen Schmerz danach, sich in ihnen zu verlieren und einmal, und sei es nur für die Spanne eines Tages, zu vergessen, was zu Hause war und ihr alles Leben verleidete.

Ein Doppelfeiertag stand in Sicht.

Peter Gröger hatte Landkarten bei sich und erläuterte ihr sehr ernsthaft und würdig, welche Wege er wählen wolle, wo er sein erstes und wo sein zweites Nachtquartier zu halten gedenke. Denn dies alles mußte festgestellt sein.

Er beabsichtigte, diesmal auf seine Wanderung den Horaz mitzunehmen, den er vor allen Klassikern bevorzugte. Seiner künstlichen Form und seiner großen Schwierigkeit halber. Denn ein Mensch, der auf den Erwerb durch Unterricht angewiesen ist, der muß sehr darauf bedacht sein, daß seine Kenntnisse nicht rosten. Und er war nur immer sicherer und besser beschlagen worden. Er hatte nun seine Praxis und seine Erfahrungen und Vorteile, und es gab niemanden, der nicht ganz vernagelt war, mehr, den er sich nicht selbst durch die Matura mit Sicherheit zu bringen getraut hätte. »Und das wird bezahlt, Linnerl! Siehst du, das wird gut bezahlt!« und er äugelte vergnügt nach seinem hübschen Spazierstock und machte mit den Händen, die in tadellosen Glacés steckten, eine zählende Gebärde.

Diese Handschuhe nun, die er sich so sehr angewöhnt hatte, haßte sie an ihm. Denn niemals empfand man da doch einen warmen und ehrlichen Druck der Rechten, wie sie ihn manchmal gern empfangen und erwidert hätte. Immer war etwas zwischen Hand und Hand, immer gab sie mehr, als sie erhielt.

So sehr mit halbem Ohr horchte sie diesmal, daß es selbst ihm auffiel. Denn im Grunde mochte er sie sehr gut leiden und war nur zu sehr in sich selber verliebt, um groß auf das zu achten, was in einem anderen vorging oder sich regte, wohl auch noch zu jung dazu. Er war es doch auch als Lehrer nicht anders gewöhnt, als das große Wort zu führen, ohne daß sich eine Widerrede vorwagen durfte, und unter seinen Kollegen stand er hoch an. Man witterte einen Mann der Zukunft in ihm.

»Ist dir was, Linnerl?«

Sie sah ihn sehr traurig an: »Ich mein' halt nur, ich bin zu dumm und gar zu närrisch für Ihnen, Herr Gröger.«

»Wer das sagt und bekennt, der ist es im gleichen Augenblick nicht mehr«, erwiderte er mit wohlfeiler Weisheit.

»Sie haben halt alleweil ein Sprücherl!« und sie lachte schon wieder. »Wie Ihnen nur alleweil so etwas einfallt! Und so viel gut haben Sie's auf der Welt! Ein Madel aber – du lieber Gott!« und sie schaute so bekümmert darein, daß er erschrak. Am Ende weinte sie ihm gar! Es gingen so viele Leute vorüber; denn sie saßen auf einer Bank des Stadtparkes, und es konnten welche von seinen Bekannten unter ihnen sein. Was mußten sich die von ihm denken, und in welchem Licht mußt' er ihnen erscheinen, betraf man ihn so am hellichten Tag mit einem weinenden Mädchen! Unwillkürlich und verstohlen ergriff er ihre Hand, die sie ihm kraftlos überließ und in der es bebte. »Du wirst doch nicht, Linnerl! Wirst doch nicht! Was würden denn die Leute von uns denken?«

»Die Leut'! Alleweil die Leut'!« entgegnete sie tonlos. »So satt hab' ich sie schon, die Leut'!«

Er unterdrückte eine strafende Bemerkung, weil sie ihm nicht ganz in der Verfassung für Moralitäten schien. Sie aber fuhr fort:

»Da hilft nix. Da können Sie mir dawider reden, was Sie wollen, Herr Gröger« – und er sah wohl, daß sie den Einwurf beantwortete, den sie erwartet und den er gar nicht ausgesprochen –, »es ist doch so, und es bleibt so. Was hat man denn von die Leut', daß man in einem fort fragen soll: Was wollen die Leut'? Und kein Mensch fragt mich: Möchtest dir was wünschen tun und was tät' dich gefreuen, Linnerl? Halt, daß man angezogen ist und daß man zu essen hat. Weiter kommt nix auf unsereinen. Aber schon gar nix! Und so gar nix soll man in seine schönsten Jahr' haben von der Gotteswelt!« Ihre Linke hing schlaff niederwärts.

»Und was möchte dich freuen, Linnerl?« Er fühlte sich aus Höflichkeit denn doch gedrungen zu fragen.

»Viel, oh, so viel!« seufzte sie. »Ich kann's gar net alles herzählen. Ich möcht' so gern lernen, ordentlich lernen, wie ein Mann. Dös geht halt net. Und da – ich weiß net einmal, wie das auf dem Land ist. Und ich denk' mir's alleweil so viel schön. Wohin geht man denn mit dem Vattern? Halt, wo's was zum trinken gibt und ein' Spektakel und einen Rauch. Und ich möcht' einmal einen ganzen Tag kein verdrießliches Gesicht net sehen und keine schiefen Wörter net hören. Daß ich nix von mir weiß, so möcht' ich einmal leben. Und segen S', Herr Gröger – darum bin ich Ihnen neidig. Sie gehen fort. Und was Ihnen gefallt, das sehen Sie Ihnen an und dort verweilen Sie Ihnen. Und wann's Ihnen net gefallt, so gehn S' halt weiter. Und ich muß hocken, hocken, bis ich steinalt und kleinwunzig werd', und net amal ein' frischen Atem kriegt man in sich.«

»Möchtest einmal mit mir, Linnerl?« entfuhr es ihm.

Sie sah ihn mit einem heißen Blick an, nach dem er mehr von dem verstand, was sich in ihr begab, als sie selber ahnte. »Gern. Oh, so viel gern«, flüsterte sie dankbar.

»Und was wirst du zu Haus denn sagen?«

»Ich find' mir schon was für den einen Tag. Gar so neugierig sind s' ja net. Sag' ich halt, ich geh' mit der Rosi. Die verrat' mich net.«

»Also gut. Samstag in der Früh mit der Südbahn. Um sieben Uhr.«

»Ist mir ein wengerl zu zeitig. Aber ich werd's schon machen. Aber net wahr, Herr Gröger: den Horaz, oder wie der schwierige Herr sonst heißt, den lassen S' dasmal zu Haus?«

*

Man traf sich zu einem zeitigen Zug.

Trotz der frühen Stunde begann der Südbahnhof schon unendlich zu schwärmen.

Die hohe Halle war erfüllt von Hastenden, die sich wunderlich gebärdeten. Zusammengehörige verloren sich und riefen einander.

Das gab ein Gesumm, ein Gelächter, ein Gekreisch, in das der schrille Pfiff der Lokomotiven gellte, das widerhallende Brausen eines Zuges dröhnte, der ausfuhr.

Eintöniges Ausrufen einer Litanei von Ortsnamen. Kratzen nägelbeschlagener Bergschuhe auf dem Pflaster. Denn zahlreiche Touristen, die ihren ersten Ausflug in die Berge wagten, benahmen sich rücksichtslos.

Dies alles war der Linnerl sehr neu und ergötzlich. Sie fühlte sich gepufft und geschoben und lachte dazu. Wie dies alles nur durcheinanderflirrte, sich zusammenknäulte, entrollte, dahin und dorthin drängte, zurückprallte – das war doch gar zu hübsch!

Auch die zweite Wagenklasse ward im Sturm genommen. Ganz außer Atem kam man. Langsam ging's vorwärts, immer durch die Stadt. Immer schöner vom hohen Bahndamm aus entfaltete sich den beiden der Blick auf dieses unabsehliche Wien. An jeder Haltestelle verloren sich viele, kamen mehrere. Eine kurze Strecke blieben sie auf der Hauptbahn. Alsdann stiegen sie um und nahmen eine Seitenlinie. Ein kleines Maschinchen pustete mächtig und schnaubte tapfer den Höhen zu, die sanft und blau in der Ferne standen. Allenthalben, noch spärlich erst begrünt, waren Weingärten. Ein altertümlicher Turm, ungefüg aus Bruchsteinen aufgemauert, stand breitbeinig und beherrschend da und weckte Erinnerungen an Türkengreuel, von denen Peter Gröger der achtsamen Linnerl erzählt. Schon traten die Bäume ans Geleise und fingerten mit schwankenden Ästen an den Fenstern.

Man stieg aus. Ein Dorf zog sich sehr langgestreckt eine weite und stäubende Straße entlang. Zwischen niedrigen Häusern ansehnliche Baulichkeiten, vornehme Villen. Die Hänge der Berge fielen steil und wie zur Schlucht niederwärts, Wiesengrün und Waldesschatten flossen zärtlich zusammen.

Einen sanften Wiesenweg nahmen sie. Glockenblumen und violetter Enzian blühten allenthalben. Hahnenfuß und Butterblumen flammten sonnig, und an den feuchten Stellen schwankte die tiefgrüne Eller. Ohne daß sie's merkten, ganz sacht erklommen sie die Höhe. Unterm Gipfel war ein grüner und trauriger Weiher, umstanden von blanken, noch unbelaubten Birken, deren Weiß wie vom Grunde der Flut vorleuchtete. Von der Kuppe aus sahen sie zu ihren Füßen ein freundliches Kesseltal. Darüber hinaus, blau und immer ragender, in schönen Stufen bauten sich die Berge auf; und alle beherrschend, als ewiger Schlußstein, grau und gewaltig der königliche Schneeberg, von dessen Flanken es noch sehr winterlich verschimmerte.

Sie schritten weiter. Durch heimliche Gründe, umwirkt vom hellen Licht der sehr schlanken und ewig zitternden Buchenstämme, die sich manchmal zu rechten Gängen verflochten; erfüllt vom Rauschen eines behenden Wässerleins und vom tausendfältigen Getön, wie es der nahende Mittag im Walde zu wecken liebt. Es sang in den Kronen; eine müde Hummel summte; Libellen taumelten mit stahlgrünem Fittich aus dem Lichten in die Schatten; auf den Wiesenflächen war das Geschrill der Heuschrecken; ein Pirol erhob seine Glockenstimme; ganz ferne rief ein Kuckuck. Die Linnerl suchte in ihrer Tasche, erschrak, kicherte über die eigene Dummheit. Eine Blindschleiche, die Glück bringt, raschelte ihnen über den Weg, und die Linnerl tat einen kleinen Schrei, den ihre Augen alsbald belächelten. So recht wunschlos wurde der Linnerl: nur immer weiter hätte sie wandern mögen. Man sprach fast nichts. Nur mit versonnenen Augen, in denen die grünen Lichter der Einsamkeit nachglänzten, blickte das Mädchen in dies junge und fröhliche Blühen. Sie war wie im Traum, und Peter Gröger hütete sich, sie zu wecken.

»Nun kommen wir auch bald wieder unter Menschen.«

Sie schrak auf und sah ihn mit feuchten und wundernden Blicken an, als müßte sie sich erst besinnen, wer da zu ihr rede.

»War's schön, Linnerl?«

Sie nickte ernsthaft und reichte ihm die Hand, die er herzhaft drückte und sehr ritterlich an seinen Mund führte. Sie wurde rot dabei. Und in einer jähen Wallung und aus ihrem Dankgefühl bot sie ihm die Lippen.

Wieder ein Kessel. Eine mächtige langgedehnte Bergmauer schloß ihn ab. Zahlreiche und ansehnliche Gehöfte. Ein Stift, in seiner ganzen Ausdehnung durch eine Mauer vom Ort geschieden. Eine gotische Kirche; jeder der hübschen und phantastischen Zieraten ins rechte Licht gesetzt von der hellen Sonne, die den ganzen Bau verklärte und zärtlich umfloß. Ein sehr vornehmer Gasthof, vor dem zahlreiches und gutgepflegtes Fuhrwerk stand.

Dahin steuerte die Linnerl. So einen recht glückseligen Hunger, wie er einem nicht oft vergönnt ist, fühlte sie in sich. Ein Springbrunnen sang einschläfernd; in seiner Schale tummelten sich behende Forellen, und ihre roten Tupfen leuchteten wie Blutflecken durch die Sonnenkringeln. Tauben ruckten. Die Kastanien hatten alle ihre Blütenkerzen angesteckt. Es war eine sehr schöne und andächtige Stille.

Man betrat die Kirche. Die Linnerl betete sehr fromm. Man besah den Kreuzgang mit der Pracht seiner Glasgemälde; die Gräber der Babenberger. Ganz ehrfürchtig wurde der Linnerl, als so Erinnerungen heroischer Zeiten in ihr geweckt wurden. Dann aß man zu Mittag. Peter Gröger hatte sich allerdings vorgenommen, nichts zu sparen. Aber er wunderte sich doch, wie nobel es die Linnerl hergeh'n ließ. Eben das Teuerste war ihr gut genug. Der edelste Wein, den der Stiftskeller barg, ward aufgetragen. Wie zierlich seine gelben Lichter auf dem weißen Tischtuch tanzten! Aber teuer war er auch. Nur zu sagen traute sich Gröger nichts, als könnte er sonst den Bann dieser Stunde zerstören. Und einmal neigte sie sich ihm zu: »Heut' red' mir nix darein, Peter! Heut' möcht' ich's fein haben! Aber schon sehr fein!«

Eine süße Müdigkeit kam hernach über sie. Sie schloß die Augen, als müsse sie so in sich festhalten, was sie erschaut. »Ein bissel ruhen möcht' ich mich.« Er ließ ein Zimmer öffnen und führte sie hinein. Die Tür fiel hinter ihnen ins Schloß. Und sie fühlte seine Hand an ihrer Hüfte und seinen Atem ganz nahe. Sie wollte weichen, bückte sich: er stieß an ihr Haar. Das löste sich und umfloß sie reich: ein brauner Mantel mit Pünktchen versprengten Goldes darin. Und ganz wehrlos vor sich selbst und erzitternd hob sie die schmächtigen Arme und warf sie um seinen Hals ...

Da die Mittagsschwüle vorüber war, erschienen sie wieder im Garten. Sehr ernsthaft und sittsam tranken sie den Kaffee miteinander. Aber gehen mochte sich's der Linnerl keinen Schritt mehr. Es traf sich, daß ein lediger Fiaker da war, der sie um ein billiges zur nächsten Station fahren wollte. Die Linnerl bat ohne ein Wort, nur mit den Augen. Und ihm war, als dürft' er ihr heute schon gar nichts abschlagen.

Hinter ihnen sangen feierlich die Glocken aus. Im langsamsten Trab der Rosse, wie durch ein verzaubertes Gelände, an schönen Kuppen, an grünen Wäldern vorüber, immer in hellster Sonne fuhr man Baden zu. Mit wundernden Augen ließ sie sich die Zärtlichkeiten gefallen, die der Gröger nunmehr wie aus seinem Recht und unverhohlen ihr gegenüber übte. Das alles bestand ja nicht in Wirklichkeit und mußte verrinnen. Dann wieder, wie in Angst, es könnte doch nur geträumt sein, gab sie sich leidenschaftlicher, als ihr war.

Stolze Villen, mit prächtigen, schon ganz bestellten Gärten davor. Ein sehr lebendiger Verkehr. Sie richtete sich stracks auf; lehnte sich in ihre Ecke; saß ganz vornehm da. Dies gehörte eben alles zusammen.

Umsonst aber versuchte der Gröger, sie zu bereden, auch noch den Sonntag mit ihm zu verbringen. Sie müsse heim. Für diesen einen Tag könne man sich herausschwindeln. Für mehr nicht. »Einmal ist keinmal, Peterl, gelt?« und sie lächelte eigen.

Immer hoffte sie dabei, er werde sie nicht allein reisen lassen. Sie heimzubegleiten fiel ihm wieder nicht ein. Er hatte sein Programm für diese beiden Tage nun einmal festgestellt. Traurig und ihm selbst unangenehm genug, wenn sie's nicht ganz teilen wollte, mit der gemeinsam es so viel hübscher gewesen wäre. Sich's zerrütten aber ließ er's darum nicht. Er löste ihr die Karte nach Wien, zweiter Klasse natürlich. Denn er wußte, was sich gehört. Noch ein hastiger Abschied, mit vorsichtig geflüsterten Worten, als lausche wer im Gedränge; noch ein Winken. Und allein und in allerhand Gedanken und dennoch zu erfüllt von dem, was gewesen war, um jemanden zu vermissen, fuhr die Linnerl zurück.

Um sie war die lärmende Lustigkeit nicht allein von der Sonne trunkener Ausflügler; in ihr ihr erstes Geheimnis. Sie stand auf der Plattform des Wagens und sah hinüber zur dritten Klasse. Da spielte ein weinseliger Geselle die Ziehharmonika. An einem breiten grünen Band hatte er sie um den Leib gebunden und fingerte mit dümmelndem Gesicht daran herum. Ein anderer, oftmals schluckend, sang dazu ein albernes und schmachtendes Lied. Erhitzte Weibergesichter mit zausigem Haar. Völlig bildhaft, mit einer unerhörten Deutlichkeit, als könne sie's nie und nimmer vergessen und immer wieder aus sich beschwören, stand alles vor ihr.

Ihr war das Weinen nahe genug. Als hätte sie einen Höhepunkt ihres Lebens überklommen und nichts stünde mehr vor ihr, das sich ihm überhaupt noch vergleichen könne.

Wortkarg und sehr abgespannt kam sie heim. Ein flüchtiger Gruß mit der Rosel, damit sie die gesehen habe. Dann, recht abgemattet und wie vor einer schweren Krankheit, ging sie zu Bett. Das war doch das beste, jeder Erörterung und allen Nachfragen auszuweichen, die sonst möglich waren.

Der Sonntag aber sah Herrn Peter Gröger emsig der so gesunden Bewegung des Spazierengehens obliegen. Er bestieg einen nahen und nicht zu anstrengenden Berg – denn er mißbilligte jedes Fexentum – ,war sehr vergnügt und von sich erfüllter denn je. Das war doch zu allerliebst gewesen! Den Horaz hatte er allerdings nicht mitnehmen können. Aber, das ließ sich sonst schon noch nachholen. Ein versäumter Tag war am Ende kein Unglück. Versäumt? Peter Gröger schmunzelte dennoch, da er schon längst in Amt und Würden stand, gedachte er nochmals seiner, an Christi Himmelfahrt zu Heiligenkreuz.

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