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Gutenberg > Jakob Julius David >

Der Übergang

Jakob Julius David: Der Übergang - Kapitel 13
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authorJakob Julius David
titleDer Übergang
publisherVolk und Welt
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Drittes Buch

Die Felberergasse

Erstes Kapitel

Idylle

Am Tage, wo die Vermählung des Meisters Xaver Navratil mit der Rosi Mayer in aller Stille stattfand, übergab ihnen die Tischlerswitwe auch die Wohnung.

Sie hatte nunmehr genug, um von ihren Renten zu leben. Also war sie nervös und fühlte sich nicht mehr hinlänglich stark, den rastlosen Lärm um sich zu ertragen.

Auch mochte sie sich dem Anblick eines Glückes nicht aussetzen, das ja doch auf ihre Kosten aufgeblüht war. Sie entzog sich dem durch Übersiedlung.

Allerdings wallfahrtete sie nach wie vor alljährlich nach Mariazeil. Aber dies war nur noch eine Lust- und Dank- und durchaus keine Bittfahrt mehr. Sie hatte sich mit ihrem Schicksal abgefunden und war einsichtig genug, zu vermuten, es wisse die Muttergottes besser, was ihr fromme als vielleicht sie selber. Oder hätte sie nicht bösartig hereinfallen können? Es gab traurige Exempel genug, gerade in dieser Stadt, in der sich Männer so gern versorgen lassen.

Davor war sie gnädiglich behütet geblieben. Das mußte man innig erkennen, und sie tat's, vielleicht nicht aus ungeteiltem, aber aus vollem Herzen. Es ist eben um den wahren Glauben immer etwas Ersprießliches.

Bei der Geschäftsübergabe hatte sie sich übrigens durchaus anständig und billig benommen. Sie ging auf bequemere Zahlungstermine ein, drückte den Navratil in keiner Weise, bewies vielmehr, daß ihr daran liege, daß er gedeihen und vorwärtskommen könne. Es war Klugheit, damit niemand argwöhne, wie sie vordem selber auf den Gesellen gerechnet; Dankbarkeit, weil ihr erst bei der Schlußabrechnung ganz klar wurde, wie viel sie seiner Tüchtigkeit von ihrem Wohlstande schulde – dem jungen Paare kam es durchaus zustatten.

Es bestand sogar ein ganz angenehmer Verkehr zwischen ihr und ihrem Nachfolger, der in langwierigen Kaffeebesuchen zu Sonntag nachmittag und späterhin sogar in einer Patenschaft seinen unstreitigen Ausdruck fand.

Es freute sie für den Navratil, daß er kein Flitscherl geheiratet. No ja – wie sie heutigen Tages sind, leider Gottes, mit nix im Kopf – nur Unterhaltlichkeiten und sonst Dummheiten. Wo kein Mann bestehen kann mit so einer.

Es fielen oftmals Anspielungen auf eine mögliche Erbschaft. Damit ködern Kinderlose gern. Man legte kein sonderliches Gewicht darauf. Denn man kam ohne dies vom Fleck, und die Rosi erkannte mit jedem Tage mehr, wie recht ihr Mann hatte, wenn er etwas von sich hielt.

Er war nicht eben zärtlich. Dafür haben Menschen wenig Anlage, die außerhalb der Familie aufgewachsen sind. Nur eben durchaus zuverlässig und sich immer gleich in seiner Arbeitsfreudigkeit war er. Etwas Hölzernes hatte er an sich – das bedingte das Material, in dem er arbeitete. Wäre er etwas hübscher oder zutunlicher gewesen, dann hätte die Rosi am Ende mit ihm eifern müssen. Denn dazu bemerkte sie nicht ohne Angst eine starke Neigung in sich und war eben nur zu klug, um sie merken zu lassen. Man bringt einen damit nur auf schlechte Gedanken, auf die er von sich selber sonst vielleicht sein Lebtag nicht gekommen wäre.

Übrigens schlug ihr das gute Leben, denn man mußte sich nichts abgehen lassen, und die einträgliche Privatkundschaft wuchs täglich und schon weit über den Grund hinaus, ganz vortrefflich an. Sie wurde füllig trotz der vielen Arbeit: denn zu tun gab's unendlich viel bei den zahlreichen Arbeitern, bei der Übernahme, wo sich ihr Mann bald ganz auf sie verlassen konnte, um die Kinder, in der Küche. Denn auf sein Essen und sein gesundes Glaserl Wein hielt der Navratil sein gutes Stück. Und hatte sie nicht selber gekocht, dann rührte er keinen Bissen an. Er schmeckte das sofort heraus und war dann sehr brummig. Ja – auch die besten Männer haben eben ihre Mucken. Sonderbar, ihr klang das wie eine immer wieder erneuerte Liebeserklärung.

So verging der Tag wie nichts. Und nach Feierabend, wenn er nicht in seinen Losverein mußte, dahin er nicht gerne ging, ohne sich ganz ausschließen zu können, weil man ja doch seine Zugehörigkeit zu den Angesehenen und Besitzenden des Bezirkes bekunden muß, saßen sie, zu müde für lange Unterhaltungen, gerne noch ein Weilchen beisammen. Er hatte sich, bei den besten Augen von der Welt, eine Hornbrille zugelegt, weil er meinte, die erhöhe den Eindruck von Würde und peinlicher Genauigkeit bei Ausmessungen, auf den er was gab. Sehr ernsthaft studierte er seine Zeitung und gab ihr, die nicht einmal dazu kam, in kurzen Andeutungen Kunde von den Welthändeln nebst seiner ihr sehr maßgeblichen Meinung darüber. Es wurde gerechnet und überschlagen. Und da war es ganz erstaunlich, wie anstellig die Rosi zu allem war und auf was für glänzende geschäftliche Einfälle sie geriet. Verwunderte er sich darüber, dann fuhr sie ihm gerne scherzend durch den Schopf, der, vielleicht noch in Erinnerung an eine böse Lehrbubenvergangenheit, sich immer zu einer zornigen, nur farblosen Tolle sträubte. Er bekam dadurch das Aussehen eines Kampfhahnes, der er so gar nicht war.

Geschichten hatte eigentlich nur Franz Mayer gemacht, auch nachdem ihm seine Zustimmung abgepreßt worden war. Denn der Navratil war doch selbständig und ein Skandal nicht mehr anders zu verhüten.

Es war ihm unangenehm, daß in seinem Hause das junge Paar wohnen blieb. Er wollte nicht immer daran erinnert sein, wie tief eine Mayerische unter ihren Stand herabgestiegen war, wie sehr sie sich vergessen, daß man sie einem Professionisten hatte geben müssen.

Es war nur ein rechtes Glück, daß er in die Verwaltung des Hauses so gut wie nichts mehr dareinzureden hatte. Die Sorge darum hatten ihm die Gläubiger abgenommen, und man konnte die Tage zählen, da er, auch nur dem Namen nach, noch Eigentümer sein werde.

Die waren mit einem pünktlichen Mieter natürlich ganz froh. Und eine Übersiedlung ist immer ein schlimmes Ding. Nicht allein, daß sie ganz heftig ins Geld geht, das man ganz besonders zu Anfang natürlich aller Ecken notwendiger braucht, zu Rückzahlungen oder damit man's der Sparkasse geben kann. Es verläuft sich auch auf jedem Wege, und sei er der Entfernung nach noch so kurz, etwas Kundschaft und solche, die sie einem abfischen möchten, solche gibt's bei den bösen Zeiten leider nur zuviel. Es ist schlimme und rücksichtslose Konkurrenz, gegen die man sehr auf der Hut sein muß. Gedachte der Navratil ihrer, so ward er sehr ernst. Denn wer keine eigentlichen Sorgen hat, der schafft für sich gern. Ihre Zinsen, die sie sich bedungen, behob die Urahne pünktlich wie ein Steuerbote. Von Zeit zu Zeit tat sie einen Blick in das muntre Treiben der Tischlerwerkstatt. Betreten hatte sie ein einziges Mal die Wohnung: bei der Taufe der Erstgeborenen, die nach ihr Eva hieß. Die schlug leider ganz in die Navratilische Familie, soweit man nach dem einen vorhandenen Navratil urteilen konnte, versprach also durchaus nicht, eine Schönheit zu werden.

Damals hatte sich die alte Frau mit einem sehr ansehnlichen Taufgeschenk eingefunden. Ihrethalben war das Sakrament zu Hause gespendet worden, nachdem sie die Kühle der Kirche nicht mehr vertrug und sich durchaus nicht vertreten lassen wollte.

Wie aus Wachs gebosselt, nur noch von einem geheimen Mechanismus belebt, war sie erschienen, mit den starren, farblosen Greisenaugen, den unzähligen Runzeln im. harten, klugen Antlitz. Immer wieder hatte die Linnerl, die sich für ein Weilchen hinübergeschlichen, um zu naschen, nach ihr gesehen und sich kaum zu atmen getraut. Zum Fürchten war sie doch, die Ahndel, und die Kleine verstand minder denn je, woher sie damals in ihrem törichten Herzchen den Mut zu jenem wichtigsten Gange erschwungen hatte.

Nachdem die Urahne aber so in der nachdrücklichsten Weise von der Welt bekundet hatte, es sei nichts geschehen, was sie nicht billige und mit ihrem gewichtigen Ansehen decke, kam sie nie mehr. Sie zog sich wieder völlig in ihre Einsamkeit zurück. Das Kind einmal bei sich zu sehen, konnte man ihr, die selber nie eines gehabt, doch nicht zumuten. Ihr selber schien es, als sei mit dieser letzten Tat ihr Leben abgeschlossen und für nichts mehr Raum darin.

Überschwenglichkeiten hatte sie niemals geliebt. Auch nicht die des Dankes, die ihr hier, sicherlich aufrichtig genug gemeint, entgegenströmten. Von Erregungen war sie keine Freundin. In ihren Jahren erschienen sie ihr denn doch schon überflüssig, ja bedrohlich.

So beschränkte sie sich auf gelegentliche Fragen ins immer, auch im Winter offene Fenster hinein. Die klangen gleichgültig genug. Und dennoch zitterte eine bängliche Erwartung in ihnen: die Besorgnis, ob dieses Werk, das sie voraussichtlich hart am Ausgang ihrer Tage gestiftet, auch dauern würde, also daß sie darauf als auf einer letzten Staffel in die Ewigkeit hineinsteigen könne, der sie sich so nahe fühlte und auf die sich ihr natürlich, schon alles bezog. Darum horchte sie gerne der schrillen Musik der Hobel und der Sägen. Schwoll sie immer eilfertiger, jagten die Laute einander nur so, kam der Navratil gar ins Schreien, dann stand es gut um das, was sie sich da errichtet. Es stand gut. Und eine geheime und lang entbehrte Freude war in ihr, daß sie denn doch fähig sei, trotz ihrer Jahre und ihrer Abgeschlossenheit, ein fremdes Geschick an sich zu drücken und es recht in sich zu hegen.

Es war also nicht ihre Schuld gewesen, daß sie sich von den Menschen geschieden. In solchen Gedanken, die Jahrzehnte überflogen, verweilte sie oftmals im Hof, ehe sie wieder, freilich immer zögernder und langsamer, hinaufstieg in ihre Einsamkeit.

Es warf nur freilich einen Schatten in all das Licht bei den Navratils, daß die Eltern gar so unversöhnlich grollten.

Er konnte sich dafür rächen, indem er, nicht ohne einen gewissen trockenen Witz, sich über Franz Mayer, sein Tun und seinen unsinnigen Hochmut, lustig machte. Dieses gab ihr immer einen Stich. Denn im Grunde fühlte sie sich doch den Leuten zugehörig, die da verspottet wurden. Das Mayerische saß fest in ihr. Der Niedergang ihrer Familie, den nun schon die Spatzen von den Dächern zwitscherten, betrübte sie, und sie schwor sich, sowie die Kinder älter und verständig genug waren, den Sinn solcher Redereien zu begreifen, müsse es damit ein Ende haben. Sie sollten nicht ohne Achtung vor den Großeltern bleiben.

Zu solchen Vorsätzen zuckte der Navratil die Achseln und dachte sich sein Teil.

Franz Mayer aber zürnte und schimpfte weiter; desto unversöhnlicher und desto mehr, je besser das Wesen im Hofe geriet. Dieses geschah, wie leider überhaupt alles auf dieser Welt, ihn zu ärgern und ihm zu Trotz. Denn er war von jener naiven Eigenliebe, die nicht denken kann, irgend etwas habe keinen Bezug auf die eigene, werte Person. Und je schiefer und sorgenvoller es täglich bei ihnen ging, desto ehrlicher erboste ihn das Gedeihen dorten, wo es sich so ganz gegen seinen Willen ergab. Lobte man seinen Schwiegersohn vor ihm, dann brach er los: man solle ihn mit dem Lümmel, der trotz seines Geschäftes völlig ungehobelt sei, gütigst in Ruhe lassen. Und dies ein für allemal! Pries man seine Tochter – ja, das war doch nur natürlich, daß sich eine Mayerische überall und in jeder Lage bewähre. Aber weggeworfen habe sie sich darum doch. Er habe es ganz anders und viel besser und stolzer mit ihr im Sinne gehabt. Ob vielleicht wie mit der Kathi? wagte einmal einer zu frotzeln. Denn man ließ sich seine großen Flausen, hinter denen doch nichts stak, nicht mehr ohne Widerspruch gefallen, besonders, nachdem er fast nie mehr als Bestgeber sich hervortat. Er sah den Spötter muckisch an, als wollt' er aufbegehren, und murrte etwas Häßliches in sich hinein.

Es war nämlich eine große Feigheit in ihm. Er trank mehr, als ihm bekam. Er wußte genau die Namenstage aller seiner Freunderln, und keiner entrann ihm ohne die übliche Spende an Freiwein. Mahner und Schmarotzer aber sind nicht beliebt. Und in aller seiner Dumpfheit, verstärkt sogar durch dies beständige Taumeln zwischen Rausch und trauriger Ernüchterung, begann, seitdem sie ihm in aller Form die Verfügung über sein Haus genommen, die Angst vor der Zukunft sich in ihm mahnend und heftig zu regen.

Wenn aber die Mutter jeden Annäherungsversuch der Rosi, und es fehlte nicht daran, weder direkt noch durch die Linnerl als Mittlerin, so schroff zurückwies, so hatte dies gute und mannigfaltige Gründe.

So uneins sie sonst mit ihrem Mann lebte, gerade hier mochte sie ihm nicht entgegen sein. Es schien ihr, als sei nun einmal, zu Recht oder Unrecht, die Ehre der Familie und ihres Oberhauptes verwettet, von der sie sich nicht scheiden konnte.

Auch war von Anbeginn eine gewisse Unruhe über die Dauer des Glückes in ihr gewesen, das da zu erwachsen schien. Das konnte sich aller Erfahrung nach nicht halten, nachdem es doch um eine Mayerische ging.

Je mehr es sich aber als dauerhaft, ja aufsprießend bewährte, desto leidenvoller wurde ihr. Ein sonderbarer, sehr feiner und dennoch starker Neid war in ihrer tiefsten Seele, daß nicht ihr, die alle Eignung und sogar die bessere Ausrüstung dafür mitgebracht, ein solches Los bestimmt gewesen war.

Aber sie hatte nichts dagegen, deckte sie sogar dem Vater gegenüber, daß die Linnerl oftmals zur Schwester hinüberhuschte. Kinder einer Zeit, mochten sie sich von denen trennen, die der Vergangenheit und dem Übergange angehörten; und Schwestern sollten zusammenhalten, und Schlechtes sah und lernte sie drüben nicht. Nur freilich – sie gewöhnte sich so ein wenig ans Versteckenspielen. Das soll kein Mädel; denn man weiß nicht, was für ein Versteck sie sich endlich aussucht...

Immer wurde sie herzlichst willkommen geheißen. Denn die Rosi empfand in ihr ein Höheres, das einmal irgendwie aufbrechen mußte. Und jenen Gang, der so unerwartet ins richtige Geleise gebracht, was verfahren schien, den vergaßen ihr die Tischlersleute nicht.

Sie fühlte sich recht wohl und angeheimelt bei ihnen, in dieser warmen Luft voll Achtung und wortloser Neigung des einen für das andere, wo es bei ihnen zu Hause so ganz anders und unerquicklicher wehte.

Aber die Kinder mochte sie durchaus nicht. Vordem hatte sie gerne daran gedacht, wie sie mit ihnen, den lebendigsten Puppen, spielen möchte. Aber diese Puppen hatten gar zu unangenehme Eigenschaften, ließen sich nicht ruhig niederlegen, wenn man ihrer genug hatte;, schrien, auch ohne daß man auf den Kopf drückte, und sie fand mit einigem Erstaunen: sie waren ihr gleichgültig, ja lästig, und sie wußte durchaus nichts mit ihnen zu beginnen.

Daß sie dieses verhehlen, die liebende Tante spielen mußte, verleidete ihr die Besuche einigermaßen. Sie kam sich so schrecklich altklug vor, so überlegen diesem Elternstolz gegenüber, den sie in keiner Hinsicht begriff. Denn hübsch waren die Rangen nicht, und besonders klug konnte sie auch keines finden. Dennoch bewunderte man sie und entdeckte täglich neue Eigenschaften. War sie blind, die sich auf ihre Augen doch was zugute tat? Halt – gesund waren sie. Ja – wenn eins sonst nix ist! Und jene heilige, unendliche Geduld einer Mutter, die traute sich die Linnerl immer weniger zu, je besser sie sah, wie wüst sich junge Geschöpfe benehmen können.

Dies sinnlose Geheul und Gejauchze! Dies alberne Gefrage! Und ewig und kaum, daß man sie zu Menschlein aufgewaschen, dieser Schmutz! Da mußte einer ganz anders sein als sie, um das zu ertragen. Sie zweifelte stark an ihrer Eignung dafür.

So unbehaglich sie sich zu Hause fühlte, wo sie nun der alleinige Stoßballen zwischen den Eltern geworden war, sie erkannte dennoch mit einer großen Schärfe der Einsicht, sie sei vielleicht nicht für die Ehe, gewiß nicht für ein Schicksal organisiert, wie es der Rosi beschieden war und sie beseligte.

Die war im Grunde doch nur der Rackerei daheim entronnen, um in eine neue zu verfallen. Sie tat's ja gerne. Sie fühlte sich ganz glücklich dabei. Aber eben das begriff die Linnerl ganz und gar nicht. Zum Unterkriechen in eine Versorgung war sie sich zu gut; alles in ihr wehrte sich gegen ein solches Geschick.

Entrann sie einmal, und sie erkannte, daß sie um diesen Preis selbst einer Unbesonnenheit fähig wäre, dann wollte sie vollkommen frei sein. Hinter sich werfen, was gewesen, und ein ganz neues Leben, auf sich selbst gestellt, und eigenen Zielen zugekehrt, beginnen.

War das schlecht? War das nicht am Ende derselbe Weg, den die Kathi gegangen war? Sie glaubte es nicht. Denn verkaufen würde sie sich niemals und, trotz allem Luxus: ein Leben wie das der Schwester neidete sie nicht.

Sie hatte keine geringe Meinung von sich. Sie hatte mancherlei gelernt, und sie verspürte Fähigkeiten, die sich zu ihrer Zeit und unter den Umständen, da sie ihrer erst bedürfen würde, schon melden müßten.

Durchaus und unter keinen Umständen meinte sie sich verloren, ohne daß sie auch nur eine klare Vorstellung sich darüber machte, was sie denn in der Freiheit beginnen wollte. Sie fühlte sich eben nur stark, aber noch nicht in der Möglichkeit, ihre Kräfte zu gebrauchen. Sie hatte eine gesunde Zuversicht in sich und das Leben.

Erst fort! Erst einmal aufatmen! Denn das war doch durchaus kein Leben. Eine Nonne hatte es doch besser.

Nur den sah sie nicht, der ihr die Hand reichen sollte, daran sie den entscheidenden Schritt tun könne, zu dem sie alles so unwiderstehlich und lockend trieb, und zu dem den Fuß zu heben sie alsdann sicherlich keinen Augenblick zögern würde.

Sie lebten so sehr einsam! Kein »besserer Mensch« betrat mehr ihre Schwelle. Es hatte sich zurückgezogen, was vordem bei ihnen verkehrt. Wer wird denn armer Leute Verkehr suchen? So viel Blick ins Leben hatte die Linnerl doch schon, um sich darüber keinen Täuschungen hinzugeben.

Und, was sie in der Tischlerwerkstatt von Männern sah, das war, den Schwager nicht ausgenommen, zu minder für sie.

Da war Peter Gröger ein anderer Mensch.

Er hatte so viel gelernt und studierte rastlos weiter. Immer wußte er was Neues, dem die Linnerl dann sehr verzaubert horchte.

Eine nimmermüde Strebsamkeit war da. Eine Arbeitslust, die sich immer neue und höhere Ziele steckte, der nichts zu klein und wieder nichts zu schwierig war.

Der Mann mußte vorwärtskommen! Wenn es irgendeine Gerechtigkeit gab, so brachte der es zu was, der so klein, so ganz auf sich gestellt, angefangen hatte.

Und, wie er mehr und mehr in gute Gesellschaft geriet, denn man suchte ihn als Lehrer, und er hatte eigentlich und durchaus nicht wegen Unfähigkeit nur bei Adam Mayer versagt, so nahm er die Manieren jener Schichten an, in denen er verkehrte. Denn er war erstaunlich gelehrig, und es ergötzte ihn, sich tadellos zu halten und zu tragen.

Das Bessere ist der Feind des Guten; dies gilt in erster Reihe und ohne jeden spöttischen Beigeschmack vom Verkehr.

Das war doch wunderbar eingerichtet, fand Peter Gröger auf dieser Welt: man bezahlte ihn ganz schön, während er sich Dinge aneignete und Verbindungen erwarb, die für seine Zukunft wichtiger waren als das, was er an Griechisch und Latein seinen Schülern mit Erfolg und Liebe vermittelte. Und sein Sparpfennig wuchs mit jedem Monat in der erfreulichsten Weise. Denn eigentlich hatte er immer noch keine Bedürfnisse, die etwas kosteten, und freute sich der allgemeinen Wohlgelittenheit viel zu sehr, um sie durch irgendeine Ausschreitung oder Übereilung aufs Spiel zu setzen.

Er wußte wohl, daß er der Linnerl sehr imponierte. Schon durch sein Deutsch, das so tadellos rein war, wie man es hier selten vernimmt.

Man liebte hier die Mundart, und man bewunderte die Schriftsprache, die er meisterte und auf die er achtete, damit sie nicht Schaden nehme. Denn dies empfahl allgemein.

Die Kleine machte ihm Spaß. Vertraulichkeiten des Tones, wie sie nach so langem Verkehr am Ende nur zu begreiflich sind, bestanden allerdings zwischen ihnen; eine Annäherung, wenn man nicht jenen flüchtigen Einfall bei der Heurigenpartie rechnen wollte, wurde nicht einmal versucht.

Weitere Gedanken kamen ihm nicht dabei. Er lenkte seine Schritte hierher, weil er es nun schon gewohnt war und keinen Anlaß hatte, auszubleiben. Und unbedingte Bewunderung tut immer wohl und soll man nirgends verschmähen.

Er übertrieb wohl ein wenig, in seiner sehr behutsamen Art, damit ihm ja kein Widerspruch begegne oder er sich eine Blöße gebe, seine vornehmen Bekanntschaften.

Und die Linnerl lauschte und lauschte voller Andacht. Und in ihr erwachte das Weib darüber. Ein anderer Glanz war in ihren Augen als noch vor kurzem. Ihr inneres Licht begann zu erglimmen, und die Rosen ihrer Wangen verblichen vor der geheimen Glut. »So ein Mann! Halt so ein Mann!« seufzte sie, und sie wußte selber nicht, was in. diesen Worten alles beschlossen war...

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