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Der Übergang

Jakob Julius David: Der Übergang - Kapitel 12
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authorJakob Julius David
titleDer Übergang
publisherVolk und Welt
seriesRomanzeitung
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Fünftes Kapitel

Die Linnerl tut einen Gang

Die Linnerl verstand nicht, was man nur unablässig von der Rosi wolle. Wie eine Verbrecherin wurde die Schwester doch behandelt. Und dabei schlich das arme Mädel ohnedies herum, wie die Bußfertigkeit und die magere Zeit selber.

Das Herz tat einem weh, sah man sie nur, wenn sie sich allein glaubte. So ganz geschreckt wie ein Häserl und verloren war sie. Immer wischte sie sich die Augen, die vollkommen trocken waren.

Alle ihre Hübschheit war wie weggeblasen. Ewig schmerzte sie etwas. Zu keinem vernünftigen Wort, wie man's sonst unter Schwestern tauscht, war sie mehr zu haben. Durchaus fad mußte man sie finden, hätte sie einen nur nicht gar zu sehr erbarmt.

Oftmals betraf man sie schreibend. Ein unheimlicher Anblick! Denn, bei dieser ungewohnten Arbeit quälte sie sich sehr ab und wurde glührot, überraschte man sie. Alle Federn im Haus waren zerspragelt, und die Linnerl ärgerte sich immer, wenn sie eine Aufgabe zu machen hatte. Häufig genug erbot sie sich, ihr das lieber selber zu besorgen. Niemals nahm's die Rosi an. Übrigens schien es nicht, als sei einer ihrer Briefe jemals abgegangen. So sorgfältig sie jeden einzelnen zerriß: in Schnitzelchen Papier fand man da und dort Spuren ihrer traurigen Tätigkeit.

Die Linnerl war wirklich gar nicht neugierig. Gewiß nicht mehr als jedes Menschenkind. Aber teilnehmend war sie und hätte also gern gewußt, was sich begab und was man hier verhülle und warum die Schwester sich neuerdings sogar mit der Marie reden stellte, lieber als mit ihr, der Linnerl, und nicht anders, als wäre die Marie, der Auswurf, ihresgleichen. Übrigens wußte sie wohl: bei ihnen blieb nichts verhohlen, und zu seiner Zeit werde sich ihr die Schwester gewiß und rückhaltlos schon offenbaren.

Zunächst hatte die Rosi sich und ihre Not dem Navratil entdeckt.

Der schnitt, wie so ziemlich jeder Liebhaber im gleichen Falle, das dümmste seiner Gesichter vorerst. Alsdann zog er sie an sich und erklärte, immer noch mit dem gleichen, unendlich albernen Ausdruck, daß selbst sie in aller ihrer Angst kaum begriff, wie er ihr jemals hatte gefallen können: er kenne seine Pflicht als Ehrenmann und sei selbstverständlich bereit, sie zu erfüllen.

»Gelt – du weißt's: ich hab' noch niemanden gern gehabt vor deiner« – und ihr stieg die Flamme ins Gesicht.

Ja. Das wisse er. Denn anders, so lieb er sie hätte, anders könnte er sie doch nicht heiraten. Und wieder war das Siegergefühl in ihm, daß sich dieses brave und tapfere Mädchen ihm ganz hingegeben habe, und es erhöhte seine Zärtlichkeit, daß sie sich ihrer kaum erwehren konnte. Denn in ihr war immer noch eine Befangenheit vor ihm und seinem Ungestüm, und immer noch faßte sie selber es kaum, wie sie sich soweit hätte vergessen können.

Dann sollte er doch um Gottes willen mit dem Vater reden. Aber bald. Eh' es zu spät sei und alles aufkäme.

Das Gesicht des Navratil verfinsterte sich. Daran sei nicht zu denken.

»Xaverl! Wenn ich dich aber so bitt'!« und sie hob beide Hände zu ihm.

Er blieb steif und düster. Auch dann nicht. Das könne er nicht, noch einmal zu einem gehen, der ihm die Tür gewiesen, da er mit den ehrbarsten Absichten von der Welt – er unterstrich diese Worte sehr stark – gekommen sei. Er sei ein armer Bursche. Und er habe nichts als seinen Charakter. Den lasse er sich nicht verunglimpfen. Genug, daß er alles vergessen und augenblicklich wiederkommen wolle, sowie man ihn nur rufe.

»Und wenn ich daran stirb?«

Man sterbe nicht daran.

»Xaverl!«

Ja – er wisse keinen Ausweg. Denn sie wäre doch lange noch nicht großjährig. Sonst wüßte er wohl, was ihm die Pflicht gebiete. Er kam immer wieder und mit einer sichtlichen Selbstgefälligkeit darauf zurück und merkte gar nicht, daß er sie damit verletzen müsse. Aber bis dahin warten könnten sie nunmehr beide nicht. Sie müsse handeln, nachdem es doch zunächst um sie ginge.

Sie sah ihn entsetzt an. Und in diesem Augenblick war ein Haß in ihr, der zu allem fähig war, gegen ihn, gegen sich, gegen alle Welt, und der Ekel vor allen ihren Unbegreiflichkeiten erfüllte ihr junges Herz. »Aber – vielleicht könnt' man nach Amerika?« meinte sie schüchtern.

»Amerika? Das ist ein hartes Brot. Ich hab's dahier besser.«

»Wenn man sich aber sonst nicht helfen kann?«

»Ich geh' net nach Amerika. Dorthin soll, wer da zu gar nix net gut is. Ich net. Ich hab' mein Lebtag nix angestellt!«

»Nix, Xaverl?«

»Gar nix. Wenn man was gutmachen kann und will, so heißt das nix anstellen.«

Sie tat ihm schön. Sie beschwor. Vergeblich.

»No alsdann ...« Sie sprach sehr trocken und hart, wie eines, das etwas in sich niederzwingen muß. »No, alsdann muß es freilich gut sein.«

»Es wird schon alles gut werden, Rosi«, und, erfreut über ihre Fügsamkeit, küßte er sie heftig.

Sie litt's. Aber nichts in ihr erwiderte seine Zärtlichkeit.

Sie ließ einige Tage verstreichen, in denen sie viel zur lieben Muttergottes betete, sie möchte sie doch zu sich nehmen, ehe sie der Mutter beichtete.

Die flackerte gewaltsam auf, ehe sie wieder in sich zusammensank und die Achseln zuckte: »Pass' auf. Er wird's doch net erlauben.«

»Aber was kann er denn gegen den Xaver sagen?«

»Ich wär' lieber net neugierig. Wirst's schon noch hören, könnt' sein, wie dir lieb ist.«

»Mutterl – ich bitt' Ihnen, reden S' mit ihm!«

»Tät nix nutzen, Rosi. Und endlich: hast d' dir die Suppen einbrocken lassen, so mußt du sie schon allein ausessen.«

»Aber – dann muß ich ja ins Wasser, Mutterl!«

Sie fuhr sich mit der Hand über die Augen: »Mir scheint's oft, es wär' besser für uns alle, wir gehen ins Wasser, statt daß wir nur so darin sind.«

»Mutterl – reden S' net a so!«

»Halt, wie mir's ums Herz ist.«

»Mutter – haben S' denn gar kein Gefühl in Ihnen?«

»Wär' eh 's beste! Wär' eh 's beste!«

»Mutterl – ich bitt' Ihnen« – ein Aufschrei.

»Ich kann nix tun, Rosel. Ich kann net mehr mit ihm reden. Es hebt sich alles in mir dabei.«

So mußte die Rosi denn endlich den schweren Bekenntnisgang tun.

Er schlug sie. Und sie litt es mit zusammengebissenen Zähnen und ohne einen Muck. Das tat beinahe wohl. Das hatte sie am Ende nicht anders verdient oder erwartet. Er beschimpfte sie ganz unflätig.

Sie zuckte zusammen, wenn ihr ein Wort ins Gesicht sprang, bösartiger und giftiger als ein Faustschlag. Sie erhob nur manchmal die Hände, um einen Hieb zu parieren, der ihr gar zu grausam drohte, und faltete sie dann bittend und ergeben, und stammelte wieder ihr demütiges: »Ich bitt' Ihnen, Vaterl! Ich bitt' Ihnen so sehr ...«

O nein! Das sei ein abgekartetes Spiel gewesen. So habe man ihn zwingen wollen. Aber zwingen läßt sich der Franz Mayer nun einmal zu nichts. »Und einfädeln habt's mich wollen. Mich, den Franz Mayer! Aber, dös gibt's net!« Sie sei schlechter, tausendmal schlechter wie die Kathi.

So ungeheuerlich sie's berührte – auch dieses litt sie ohne Entgegnung. Nur immer wieder, zwischen Schluchzen, stammelte sie: »Die Schand', Vater! Lassen S' mich net in der Schand', Vater! Ich bitt' Ihnen so viel ...«

Das sei ihm egal. Aber schon völlig egal. Und da gäb' es doch Mittel. Er selber wisse von einer Dürrkräutlerin, ganz in der Nähe dazu, die schon vielen geholfen hat.

»Aber das is' a Sünd', Vater.«

»Hast dich vor der einen net g'scheut, deine Eltern zu hintergehen, schad't dir die andere a nix. Und endlich – ein Bankert in der Familie ist immer noch besser wie zwei. Wenn ich den Lümmel, den Blödisten erwisch! Die Haxen schlag' ich ihm entzwei! Wenn der saubere Herr Navratil wenigstens noch sein Geschäft hätt', könnt' man ja ehnder reden.« Und nun habe er genug und wolle, seine Ruh' haben. Und er schlug die Türe hinter sich zu und ging seiner Wege.

»Saubere G'schichten hört man in dem Haus. Halt schon sehr saubere G'schichten«, dachte die Marie hämisch in ihrer Küche.

In dieser Nacht erwachte die Linnerl von einer plötzlichen Helle.

Sie tat die Augen auf. Eine Kerze war entzündet, und die Rosi saß im blanken Hemd am Tisch und schrieb an einem endlosen Brief, oftmals die Tropfen aufsaugend, die ihr immer wieder aufs Papier fielen. Man sah, wie schmal ihre Schultern geworden waren, wie sie zuckten, und wie schwer das Mädchen atmete.

Die Linnerl schlich sich hinter die Schwester, barfüßig, ganz leise: »Wem schreibst denn gar so viel, Rosi?«

»Jessas – du hast mich derschreckt! Schläfst denn net, du Fratz du?«

»Ich hab' geschlafen. Aber der Schlaf ist mir vergangen. Und jetzt hab' ich gar keinen mehr in mir.«

»Und was spionierst denn nachher an mir herum, du grausliches Ding du?«

»Ich spionier' net. Halt erbarmen tust du mich, Rosi!«

Ein Aufschluchzen. »Erbarmen dürft' ich ein jedes. Aber helfen tut mir keins!« Und sie schob den Brief weg, damit ihn die vorstürzenden Tränen nicht völlig verdürben.

»Wem schreibst denn, Rosi?« bat die Linnerl noch schmeichlerischer.

»Halt – dem Vater und der Mutter und dem Navratil schreib' ich.«

»Wozu denn? Du kannst doch immer mit ihnen reden?«

»Kann ich net mehr.«

»Ja – warum denn net?«

»Weil's zu nix nutzt. Und ich möcht' ihnen behüt' Gott sagen.«

»Gehst denn fort, Rosi?«

»Ich geh' fort.«

»Und wohin denn, Rosi?«

»Ich weiß noch net.«

»Und bleibst lang fort, Rosi?«

»Ich denk', für immer.«

»Willst leicht in ein Dienst geh'n, Rosi?«

»Marter' mich net so, Linnerl! Marter' mich net ...«

»Mutter Anna! Rosi – du willst dir was antun ...«

»Schrei' net so, Linnerl ...«

»Ich muß«, und sie krampfte ihre Hand in den Arm der Schwester, als wollte sie sie gewaltsam zurückhalten. »Und z'wegen was denn?«

»Ich kann's dir net sagen, just dir net.«

»Und warum net?«

»Ich schäme mich vor deiner.«

»Vielleicht geht's so«, und mit einem plötzlichen Entschluß blies sie das Licht aus.

Beide Mädchen saßen völlig im Dunkeln. Die Linnerl hielt den armen, zuckenden Leib der Schwester mit einer großen Zärtlichkeit umfaßt, und Mund an Ohr, weil sich's im Finstern schlecht hört und damit sie die Stimme ja nicht zu erheben brauche, horchte sie ihren Bekenntnissen und streichelte ihr manchmal die Wangen, die so eingesunken und so von Tränen feucht waren, mit einer unsäglichen, mitleidigen, verständnisvollen Liebe. Eine große Erleichterung war es der Rosi, daß sie so ihren ganzen Jammer hinstürmen konnte. Und unklar, aber dennoch unvergeßlich und fortwirkend für ihr ganzes Leben erwachte bei diesen Bekenntnissen der Rosi mancherlei in der Jüngeren.

Ein langes Schweigen. Die Rosi hatte sich etwas beruhigt. Die Linnerl dachte nach: »Und du meinst, wenn er Meister wär', so hätt' der Vater nix dagegen?«

»Er red't wenigstens so. Er hat mich so geschlagen, Linnerl! Und schlechter hat er mich geschimpft wie die Kathi, Linnerl. Und das bin ich doch net, lang net, gelt?«

Sie liebkoste sie. »Nein, das bist du gewiß net. Aber harb dich net so, Rosi. Und hast d' den Navratil so gern, daß du ohne seiner net leben kannst?«

»Ich derf net mehr ohne ihn leben.«

Die Linnerl stand auf: »Und jetzt gehst schlafen, Rosi!«

»Meinst denn, ich kann's mit solche Gedanken?«

»Jetzt gehst schlafen, Rosi. Es ist kalt, und das könnt' dir schaden. Du mußt auf dich schau'n, Rosi. Verstehst? Und von deine Gedanken red' mir net.

Geh schlafen, Rosi. Ich mein', ich weiß was.« Und sie führte die Schwester sehr vorsichtig, damit sie sich nicht stoße, zu Bett. Und einige Augenblicke später schliefen die Schwestern. Nur stöhnte die Rosi viel und warf sich im Traum.

Den nächsten Morgen, knapp vor Mittag, pochte es sehr schüchtern an die Tür Frau Eva Mayers. Die Linnerl trat sehr befangen ein.

Der Tisch war schon gedeckt. Alles war blütenweiß und so gar gediegen. Die alte Frau hielt etwas auf sich und ihre gewohnte Ordnung.

Die Linnerl sah sich um, und ihr gefiel's gar gut. Sie war bänglich und dennoch entschlossen. Denn was sie vorhatte, war notwendig, und zu ihr war am Ende noch jeder Mensch gut gewesen. Das wußte sie, und es gab ihr Zuversicht.

»Ich möcht' der Frau Ahndel die Hand küssen! Wie hübsch daß sie's nur bei sich hat«, und sie sah sie mit scheuen Augen an.

»Und sonst willst nix?«

»Was für Augen sie nur hat!« dachte das Kind. Augen, von denen man meinte, sie sähen einen durch und durch. So ruhig und so ungeregt war ihr Blick. Sie atmete tief: »Weil's mir die Frau Ahndel doch erlaubt hat, so möcht' ich halt einmal ihr die Hand küssen.«

»Bist so leicht geschreckt, Linnerl? Oder verträgt's Steigen net? Wär' ein bissel gar zeitig.«

»Geschreckt bin ich sonst net. Und's Steigen mechet mir nix. Aber eine Angst hab' ich in mir ...«

»Vor meiner, Linnerl?«

Sie sah sie ehrlich an: »Ich weiß net, Frau Ahndel. Aber ich hab' noch zu keinem Menschen so ein Zutrauen gehabt als wie zu der Ahndel. Und immer hab' ich mich gefreut, wenn ich werd' da einmal herauf därfen.«

Eine ungeduldige Bewegung: »Schmeicheln, mußt du mir net. Oder du willst was, was net recht ist.«

»Tu' ich net, Ahndel. Will ich gewiß net, Ahndel!«

»Also was willst?«

»Därf ich alles sagen?«

»Du darfst«

Sie sah sich sehr vorsichtig um, ob auch gewiß niemand horche: »Die Rosi will mir ins Wasser.«

»Ins Wasser? Die Rosi? Warum?«

»Halt – weswegen die Madeln meist ins Wasser geh'n.«

Die Urahne mußte lächeln: »Hat sie's mit wem?«

»Ja. Mit dem Navratil.«

»Wer ist denn der Navratil?«

»Der Altgesell' von der Tischlerin da im Haus.«

»Der? Der war schon bei mir. Sieht aus wie ein sehr ein ordentlicher Mensch. Dem trau' ich's net, daß er's Madel sitzenlaßt.«

»Er will's ja heiraten. Aber der Vater erlaubt's net.«

»So! Der Herr Vater erlaubt's net? Und warum denn net, wenn man fragen darf?« Das kam sehr gedehnt und verächtlich.

»Halt, weil man net weiß, wer dem Navratil seine Leut' sind, sagt er. Und weil er kein eigenes Geschäft noch net hat, hat der Vater gesagt. Und kein eigenes Geschäft hat er noch net, weil er seine alte Meisterin noch net auszahlen kann. Und die Rosi sagt, wenn sie ihn net kriegt, so muß sie in die Donau. Und was die Rosi sagt, das tut s'. Ich kenn' sie. Und hernach geh' ich lieber gleich mit.«

»Also – zu gering ist er ihm? Und lieber will er, daß sein Kind schlecht ist? Und du tät'st dich net vor der Sünd' fürchten, Linnerl?«

»Fürchten vor der Sünd'? Nein, Ahndel! Ich hab' sonst niemand auf der Welt. Die Kathi ist fort – die Frau Ahndel weiß eh, wie. Den Adam hab' ich nie net mögen. Die Mutter penzt die ganzen Tag; der Vater ist grob. Was soll ich so alleinig? Ich muß wen haben zum Liebhaben oder ich stirb!« Und ein unaufhaltsamen Weinen kam über sie.

»Ob'st stad bist, Linnerl! Ob'st stad sein wirst!« gebot die alte Frau bewegt.

Die Linnerl trocknete gehorsam die Tränen. »Und die Frau Ahndel soll net glauben, das ist nur a so gered't. Was ich sag', das tu' ich. Und die Rosi ist net ein Haarl Haar anders. Und es wär' vielleicht doch schad' um uns zwei«, und sie lächelte gar hübsch.

Auch die alte Frau mußte sehr milde lächeln. »Um dich wär's schon schad', Linnerl. Die Rosi kenn' ich net.«

»Wenn Sie's nur kennten! Wie lieb sie ist! Und wie brav und wie gut! Und wie sie sich harmt! 's Herz tut ei'm weh!«

»Linnerl! Und hast dein Betbüchel noch?«

»Ja, Frau Ahndel!«

»Und die vielen Bildeln drin a noch?«

»Ja, Frau Ahndel. 's fehlt keins!«

»Und siehst fleißig nach ihnen?«

»Net mehr gar so oft«, entgegnete sie ehrlich.

»Und hast dein' Glauben noch? Denn ein Glauben muß der Mensch haben!«

»Ich weiß es net so recht, Frau Ahndel. Es will halt gar nie so geh'n wie's sollte. Da wird man halt irr.«

»Das sind Prüfungen, Linnerl.« Und sie strich ihr die Wangen. Die Linnerl haschte die welke Hand und küßte sie sehr ehrfürchtig. »Bist halt noch jung, Linnerl. Mußt dich gedulden, Linnerl.«

»Ich möcht' auch gar net alt werden. Außer wie die Frau Ahndel.«

»Das Schmeicheln verstehst wie ein Katzerl, wenn's das Obers will.«

Keine Antwort. Nur mit sehr leuchtenden Augen sah die Linnerl zur alten Frau auf. Eine solche ehrliche Liebe war darin! Wieder ein Lächeln: »Und was meinst, soll ich mit unserer Rosi und mit dem berühmten Navratil machen?«

»Halt was die Frau Ahndel meint, damit wir nicht ins Wasser müssen.«

»Davon red' mir nix mehr«, befahl Eva Mayer. »Und die zwei narrischen Leut' schickst mir beide. Aber zum Verschenken hab' ich nix, Linnerl. Er wird mir eine Schrift geben müssen. Und meine Zinsen will ich pünktlich.«

»Ich dank' schön!« Es riß sie auf die Knie, und sie faltete die Hände: »Ich dank' schön. Und ich will wieder beten. Für die Ahndel will ich beten!«

»Ob'st aufstehst, narrische Gredel? Und jetzt verschnauf dich ein wengerl. Und dann geh', Linnerl. Mir tut's viele Reden kein gut. Und am Sonntag vormittag, aber nach dem Hochamt, sollen s' kommen, hörst? Und bleib' brav, Linnerl.« Sie nahm einen schmalen Goldreif mit einem breiten Rubin von der Hand. »Und den trägst d'. Den hab' ich mir selber von meinem Lohn als Lehrmadel bei deinem Ahndel gekauft. Damit du was hast von der Ahndel, wann's nimmermehr ist.«

Die Linnerl ging. Und es war eine große Freudigkeit in ihr. Ein Gefühl wie von einer nahen und völligen Erlösung. Noch einmal, gegen die schon geschlossene Tür, hob sie andächtig die gefalteten Hände. Und niemals zuvor war sie die Treppen so herabgestürmt – halt wie ein übermütiger Gassenbub, halt ganz so.

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