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Der Übergang

Jakob Julius David: Der Übergang - Kapitel 11
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authorJakob Julius David
titleDer Übergang
publisherVolk und Welt
seriesRomanzeitung
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Viertes Kapitel

Herr Franz Mayer kommt zu einer Gesinnung

»Wir haben sie verflucht und verstoßen«, beteuerte Herr Franz Mayer mit nichtminderer Würde als irgendein alter Römer. »Bringen S' mir noch ein Viertel, Jean«, und er trank andächtig.

»Man sollt' gar net glauben«, fuhr er gestärkt und gesammelt fort, »was man vor lauter Sorgen und Kümmernis für ein' Durst kriegt.«

»Und wie habt Ihr's denn gemacht?« erkundigte sich einer.

»Halt akkurat so, wie sich's gehört«, erklärte Herr Mayer und wischte sich den Mund.

»Ich hab' aber gehört«, bohrte sein Freund, »sie ist ganz hamlich fort und davon, die Kathi.«

»Hätt' sie's vielleicht epper gar noch öffentlich tun sollen, han?« verwunderte sich Herr Mayer nicht ohne Grund.

»Na, na. Gewiß net. Aber wie habt ihr s' nachher verfluchen und verstoßen können?«

»Du bist aber heut net schlecht neugierig.«

»No ja. Wo doch der ganze Grund von nix wie davon red't und wie prächtig daß es dein Madel hergeh'n laßt.«

»Warum denn net, wenn sie's danach hat? Aber verflucht und verstoßen haben wir sie zwegen dem doch. Verflucht und verstoßen! Das wird net anders.«

»Wer ist er denn?«

»Halt a Baron ist er.«

»Und hat er's Madel gern?«

»Rein närrisch ist er mit ihr. Ich mein' schon. Wo die Seinige ein Drachen ist und au schiech, und er hat's nur genommen, weil sie so viel reich ist. Und sie ist alt und net gar gesund vor lauter innerlicher Giftigkeit. Und wann sie stirbt, so kann man net wissen, was geschieht.«

Am Tisch war eine Pause. Dann ein leises Kichern. Herr Mayer sah sich bösartig um: »Da gibt's nix zum Lachen. So ist's, wie ich sag', und net ein Haarl anders«, und er schlug eindringlich auf den Tisch.

»Ja, ja!« machte einer nachdenklich.

»Was machst denn wie ein Esel?« krakeelte Herr Mayer.

»Warst schon einmal bei ihr?«

Herr Mayer schielte: »Wo werd' ich denn zu einer solchenen gehn? Eine Mayerische, und wird eine solchene! Und überdem: der Undank von dem Madel! Was meinst d', was sie uns gekostet hat im Konservatorium und sonst? An sich hat man's gespart, nur damit daß ihr nix abgehen tut. Und da hat man immer gemeint, man wird doch einmal ein' Dank davon haben. Anpumpst! Sie geht einem fort, und man hat nix von ihr, aber schon gar nix!« Dies schien Herrn Mayer am meisten zu kränken.

»Hast d' wirklich nix von ihr?«

Herr Mayer blinzelte verdächtig und beteuerte desto heftiger: »Wo möcht' ich was von ihr nehmen? Das wär' ja eine Sünd', so ein Geld auch nur anzurühren. Freilich – sie hat's wie eine Fürstin. Vier Zimmer hat's für sich allein, und ein Bad hat's, und zwei Dienstboten hat's. Und nix wie Teppiche hat's, und Lehrer kommen zu ihr.«

»Woher weißt d' denn das alles?« forschte einer.

»Das wird einem doch zugetragen. Und ich hab's ja fahren geseh'n.«

»No – und was war?«

»Ich mein', sie hat mich net erkannt. Oder, sie hat sich net getraut. Denn wenn sie sich's getraut hätte und ein Wörtel spricht zu mir – ein Unglück wär' gescheh'n. Ich versteh' kein' Spaß net, wenn's um die Honettität geht. Und wie wir sie verflucht and verstoßen haben, so hab' ich gesagt: Madeln, hab' ich gesagt, der schlag' ich die Füß' ab, die noch einmal ein Schritt zu ihr geht ...«

»So hast du geredet? Mayer – lug' net!«

»Laßt's mi reden. Der Adam ist ein Mann, hab' ich gesagt. Dem schadt's nix. Der muß selber wissen, was er zu tun hat und was sich für den Adam Mayer gehört. Da dafür hat man ihn doch so erzogen, daß sie jetzt sogar beim Militär Staat mit ihm machen. Aber ihr seid Mädeln, und ihr braucht kein solches Exempel net vor euch, und ihr habt's bei einer Solchenen nix zu suchen, und ich leid's amal net. Jean – noch ein Viertel!« Und er trank, höchst zufrieden mit sich.

»Und wo hat's ihn denn kennengelernt den Baron?«

»Er ist ihr halt nachgestiegen. Wer weiß, wie lang und bei jedem Weg. No ja, eine Gouvernante, die alleweil aufpaßt, tragt's uns net. Und Brieferln hat er ihr geschrieben und alles mögliche versprochen, No ja. Wenn a Madel so schön ist und so a Benehmen hat – dös is a Kreuz!«

»Und was sagt denn dei' Alte?«

»Könnt's euch denken. Ganz außer sich ist sie und's ist gar kein Fried' mehr im Haus. Aber schon gar keiner!«

Die Zechgenossen stießen sich heimlich an. »Gespürst du's a, Franzl?«

Er kicherte sehr selbstzufrieden: »Na – net gar arg. Man muß sich's halt nur einzurichten wissen – versteht's?«

Eine große Pause. Er schlürfte und kam hernach ins gerührte Schlucken. Das zu dämpfen, trank er wieder. Dann hub er an:

»Tausender g'längen net, was uns just dös Madel gekostet hat. Tausender net! Immer hat man auf sie geschaut. Kein' Handgriff hat's net tun dürfen, damit sie sich net epper weh tut und es geschieht ihr was an ihrer Schönheit. Alles hat sich gerackert für sie.« Er holte Atem.

»Gar niemals hat man eine Hilf von ihr gehabt, wo doch sonst ein jedes zugreifen muß auf der Welt und sich nützlich machen. Und man soll niemals einen Dank von ihr haben, wo doch die Zeiten immer mühseliger werden und das Verdienen schlechter. Denn wenn sie schon wollte – meint's, die Alte möcht's leiden?« Er sah sich mit den geröteten Augen um.

»Dös ist aber nur, weil gar keine Religiosität mehr auf derer Welt ist. Keins ist mehr zufrieden, wie's es hat. Und wie ordentliche Bürgersleut' leben will niemand mehr, statt daß man sich denkt: der liebe Gott hat mir's a so bestimmt, und er sollt' am End' wissen, was mir zusteht. A so is das. Und anders wird's leider Gottes net mehr. Merkt's euch – ich hab's gesagt, der Franz Mayer. Und was der sagt, gilt – ewig und heilig! Wirtshaus – zahlen!« Er warf eine größere Banknote hin, zerknüllte den Rest und steckte ihn achtlos zu sich.

»Wo gehst d' denn noch hin, Mayer? Doch am End' net schon ham?«

»In meinen Bezirksverein. Wir haben Wochenversammlung heute. Und man muß sich doch um die Sachen annehmen, die einem angeh'n. Oder epper net, han?«

»Da hätt' man viel zu tun und niemals an' Zeitlang«, meinte einer. »Ich nimm mich lieber um mein Geschäft an.«

»Weil ös Sumper seid's«, erklärte Herr Mayer bestimmt und überlegen und ging.

»Der hat heut's Rederte«, seufzte einer. »Ist halt ein armer Narr.«

»Ein Lump und ein Besuff ist er. Könnt' sein, er hat's Madel selber verkuppelt. Und wo meint 's denn, daß er sein Geld her hat? Net anrühren möcht' ich's!«

»Z'wegen dem? Hast halt doch noch alleweil mit'trunken, wenn er eine Latern' Wein spendiert hat.«

»Weil ich kein Spaß net verdirb. Und man muß niemanden umsunst beleidigen. Hat gar keinen Zweck. Macht nur Feind'.«

Es war neuerdings ein heftiger Anteil an allen öffentlichen Angelegenheiten in Herrn Franz Mayer erwacht.

Kaum eine Versammlung unter den zahlreichen, die in seinem Bezirk abgehalten wurden, bei der er nicht erschien und sich durch Zwischenrufe voll tüchtiger Gesinnung bemerklich machte.

Über seinen Grund hinaus wagte er sich ungern. Höchsten verlockt durch einen Redner, der es ihm ganz ausnehmend angetan hatte und es den Widersachern besonders deutlich zu geben verstand. Denn er kannte alle Größen nach ihren Leistungen und hatte natürlich seine Lieblinge darunter.

Man wurde auf den eifrigen Mann aufmerksam. Man begann ihn zu schätzen. Man warb um ihn und legte Gewicht auf seine geneigte Gesinnung. Denn er kam doch viel herum und konnte Stimmung machen. Dies schmeichelte ihm. Die vielen Schlagworte aber, die nur so in der Luft herumflogen, fanden Eingang bei ihm, regten ihn auf und wurden von ihm weitergetragen. Und was da von Argumenten vorgebracht ward, leuchtete ihm ein. Denn es war faßlich und von einer formelhaften Einfachheit.

Es gab Gelegenheit zu immer umfänglicherer und durch einen Zweck geheiligter Bummelei. Es kamen die Wahlen, an denen er sich freilich nur zu Beginn beteiligte, als es ihm noch Spaß machte zu animieren, im Fiaker die Säumigen zur Urne zu rufen, den Dunst der Agitationslokale zu atmen, diesen schwülen Hauch der entflammten Leidenschaften. Späterhin – ja, da hatt' er zu derlei keine Zeit mehr, gar: »Wo's auf meine Stimm' gewiß net ankummt.«

Es kamen die Siegesfeste, bei denen er niemals fehlte und oftmals aus seiner im Grunde bescheidenen Statistenrolle aufrückte zur Würde eines wackeren Wiener Bürgers von altem Schlag, der hergezeigt wurde und der nach Tüchtigkeit der Gesinnung und Eifer für das Rechte vorbildlich sein dürfte für viele. Verbindungen und Bekanntschaften mit Studierten und Höherstehenden erquickten ihn innerlich. Manche darunter hatte erst die gleiche Welle zur Höhe gehoben, der er sich anvertraut und die ihn doch auch einmal tragen konnte. Also hatte sein Leben wieder eine Art Inhalt gewonnen, und zwar gerade von der Beschaffenheit, die ihm gemäß war.

Ein Schein von Geschäftigkeit, verbrämt mit großen Worten. Das war immer seine Sache gewesen. Er war zur Staffel geworden, auf der andere, Flinkere emporstiegen. Und er fühlte sich dadurch beglückt, und die Hoffnung war in ihm, es werde mit der Zeit auch für ihn etwas abfallen, irgendein Pöstchen, das ihn versorge, wie es anderen aus seiner Bekanntschaft geraten war, die auch nicht mehr gewesen.

Er hatte zu Beginn versucht, seine Frau für seine neuen Interessen zu gewinnen. Denn manche taten sich so in der Bewegung hervor und nützten so den Männern.

Sie hörte ihm ohne jeden Anteil zu. Seine Erläuterungen langweilten sie. Höchstens: »Könnt' schon so sein, wie du sagst.« Oder: »Lass' mich aus mit derer Politik. Ist bei dir eh nur a Ausred' fürs Wirtshauslaufen und Zeitvertandeln. Hast sie epper gelernt? Wennst dich lieber um einen Verdienst umschauen möchtest!«

Er wurde grob. Ja – was er denn noch tun solle? Und überhaupt, solange die Alte lebte, sei alles umsonst und es werde nicht besser.

»Die Alte? Das Alte.«

Er ereiferte sich, und sie wehrte nur so müde ab. Denn sie fühlte sich erschöpft bis zum Tode. So gleichgültig war ihr alles das! So abgemattet war sie, daß sie sich vor jedem Zank fürchtete, daß jeder Eindruck in ihr untersank wie in einem tiefen Brunnen. Ein kurzes dumpfes Plätschern der Wasser, und alles schweigt wieder, und niemand kann bemerken, was sich begab.

Denn das Geschäft, das sie eigentlich hätte sämtlich erhalten müssen, ging immer schlechter. Und sie konnt' ihm nicht mehr nachlaufen wie vordem, mit ihren Beinen, die sie kaum mehr selber tragen wollten. Allenthalben entstand Konkurrenz. Man drückte die Preise und schleuderte. Da konnte sie nicht mehr mit.

Und auf die Rosi war doch gar kein Verlaß. Ließ man sie einmal zuschneiden, so verdarb sie pünktlich alles. Und jeden Auftrag vergaß sie, und nichts hatte sie mehr im Kopf, nur ihren Navratil, und so tramhapert duckmauserte sie herum und wurde so ohne Grund rot und verfärbte sich, wenn man sie nur ordentlich ansah, daß einem das Herz weh tat und man sie nicht schelten konnte, was immer sie verpfuschte, und man hätte auf schlimme Gedanken kommen können, hätte man nur Zeit für einen Gedanken gehabt. Wüßte man nur, was tun?! Mit ihrem Mann zu sprechen aber widerte sie an. Dem war gar nichts mehr wichtig als seine Versammlungen, und er war hochmütiger denn je.

Die Linnerl aber? Ja, die Linnerl war gottlob noch ein Kind. Ganz ein Kind. Gottlob! Denn kamen sie zu ihren Jahren, was hatte man von ihnen für alle die Sorge, die man an sie gehängt? Nichts – schlimmer wie nichts.

Da war die Geschichte mit der Kathi. Sie tat arg weh. Das war eine tiefe Besudelung. Und wie war sie nur fort! Ohne ein Wort des Abschieds, nicht anders wie eine Hündin, die läufig wird. Ja, bei ihnen hielt eben nur aus, wer mußte und so lang er es wußte. Sie konnte leider nicht fort. Sie hatte keinen Ausweg als den einen, an den sie oft genug dachte, ohne ihn beschreiten zu dürfen.

Dann war der Adam. Er gefiel ihr immer minder. Oft genug kam er um Geld. Jawoher das immer nur nehmen? Und je mehr sich in ihm die Gewöhnung an das Soldatenwesen und eine gewisse Zuversicht durchsetzte, das leisten zu können, was man dort von ihm begehrte, ja übers Mittelmaß gewachsen zu sein, desto frecher ward er und desto heimtückischer erschien er der Mutter. Und etwas durchaus Wüstes und Verlottertes war an ihm, trotzdem er äußerlich viel auf sich hielt.

Von der Marie ließ er nicht. Und so widerwärtig der Frau das Mädchen war, sie behielt es, damit man es wenigstens unter den Augen habe. Einen großen Ekel mußte sie immer überwinden, wenn sie ihr am Ersten ihren Lohn zuzählte. In schiefen, unleidlichen Verhältnissen, gegen die sie sich kaum mehr zur Wehr setzen konnte, fühlte sie sich also rettungslos verstrickt.

Ansonsten aber – es war im Hause Mayer sehr stille geworden. Man lebte friedlicher denn sonst. Was der Kathi gehört hatte, blieb unberührt, und manchmal saß die müde Frau lang vor dem Bett der Verschwundenen in sonderbaren Gedanken, über die sie selber den Kopf schüttelte. Was einem nur so einfiel in der Einsamkeit und wichtig ward! Sie horchte auf Vorzeichen, Ahnungen, studierte ihre Träume. Aber alle atmeten wie in einer tiefen Beklommenheit, aus der sie plötzlich etwas schrecken müsse. Und der Druck dieses Lebens voll einer häßlichen Langweile lag über allen – immer schwerer, lastender, kaum mehr erträglich.

Und immer stärker schwoll in ihnen die Überzeugung: es mußte etwas geschehen. Eine Flucht, ehe man versank. Aber wohin oder an welches Gestade, da man sicher aufatmen und sich geborgen fühlen könne? Dies wußte keine der Seelen, in denen diese dunkle Überzeugung nagte und schlich.

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