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Der Übergang

Jakob Julius David: Der Übergang - Kapitel 10
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authorJakob Julius David
titleDer Übergang
publisherVolk und Welt
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Drittes Kapitel

Heuriger und allerhand Wirkungen davon

Ein solcher Tag gab Frau Kathi Mayer immer viel zu schaffen.

Denn da mußte alles besorgt sein, damit man es reichlich und dennoch nicht zu teuer hergehen lassen könne.

Sehr umfängliche Unterweisungen, ein förmliches Reglement für die Marie, die neuerdings nicht nur frech, wie schon lange, sondern auch vergeßlich war. Einkäufe. Und diesmal gar keine Hilfe. Denn die Kosi klagte so sehr viel über Kopfweh. Sie sah auch wahrhaftig schlecht und abgehärmt genug aus, das arme Mädel! Zu gar nichts hatte sie mehr eine Freude. Es war wirklich am besten, man ließ sie ganz für sich und ihren Kummer.

Es war ein sehr stiller Sonntag zu Ende Oktober. Der große Hof des Mayerhauses war leer und einsam. Die Sonne stieg die grauen Mauern nieder, sachte, Schrittchen für Schrittchen, wie in einen Brunnenschacht. Wenn die auf dem unregelmäßigen Pflaster aufglomm, das man trotz aller Bitten und Beschwerden der Parteien zum großen Ergötzen des Hausschusters nicht ausbessern konnte, einmal weil es seit jeher so war, alsdann weil man das Geld dafür nicht auftreiben konnte, dann wußte die Rosi, daß ihre Leute am Ziele seien. So zögernd erschien hier das Licht und entschwand so rasch wieder.

Unmittelbar nach Tisch war man aufgebrochen. Herr Gröger war mit von der Partie. Denn ganz allein mit den Seinigen vergnügte sich Herr Franz Mayer nicht gerne. Das war allzu fad. Er brauchte und liebte Zeugen seiner Taten. Die Mutter küßte die Rosi noch sehr herzlich. Alsdann machte man fort. Die Marie rumorte noch ein wenig in der Küche. Dann wurde es ganz still in der Wohnung. Die Rosi setzte sich müßig ins Fenster und wurde manchmal ganz aus sich glührot. Einmal ging da unten der Navratil vorbei. Er neigte den Kopf, und sie lächelte ein heimliches Lächeln und schloß die Jalousien.

Inzwischen traten ihre Leute ihre Weinpilgerschaft an. Der Stellwagen, dem sie sich anvertraut, humpelte, überfüllt, mühsam und bedächtig die hügeligen Straßen hinan. Oftmals hielt er. »Mir gibt's dabei immer ein Bremsler«, meinte Herr Mayer. »Vielleicht heißt's dessentwegen: bremsen. Aber so eine Fahrerei is net das richtige. Da gehöret sich ein fesches Zeugel, mit zwei Jucker vorn. Wie wir's einmal gehabt haben – weißt d' noch, Alte?«

Endstation. Aller Füße waren eingeschlafen, und es gab etwas zu lachen über mühseliges Gehumpel.

Ein schöner Baumgang. Schon war das Laubwerk gänzlich verbrannt. Aber noch hielt eine eigensinnige Kastanie an ihrer häßlichen, braunroten Perücke mit einer zähen Beharrlichkeit fest. Zahlreiche Fußgänger gingen des gleichen Weges. Flinke Fiaker schossen an ihnen vorüber; einer – ein sehr eleganter, nur nicht mehr junger Herr saß darinnen – hielt sich, wie dem Gröger erscheinen wollte, immer dicht hinter den Mayerischen.

Vom Kahlenberg her fauchte manchmal ein munterer und spiellustiger Wind. Sonst aber schien eine helle Sonne, günstig der Spätlese, und man empfand die Kühlung ganz angenehm. Ein Hügel mit steilen, sandigen Abstürzen, die im Licht ganz golden erglänzten, blieb zu ihrer Linken. Die Straße hob sich noch einmal. Man kam in eine richtige Dorfgasse: um eine Kirche mit nadelspitzen Türmchen sehr niedrige Häuser mit grüngestrichenen mächtigen Toren. Dahinter gedehnte Höfe, Bänke, um einen alten Nußbaum gereiht. Da und dort winkte schon der verheißende Tannenbuschen, und seine dürren Nadeln knisterten.

Herr Franz Mayer hatte seine Arme zwischen die beiden Kathis geschoben. Er schritt dahin, ganz Glück und Stolz und Familienoberhaupt. Der Hut saß ihm schief, und die Taschen seines Oberrockes waren merkwürdig gebauscht vor allerhand Kram und Naschwerk, das er da und dort erstanden hatte. Ein Schimmer jener Liebenswürdigkeit, des anmutigen Leichtsinns, den er in jungen Jahren besessen haben mußte, brach wieder vor. Einer Laune nachgebend, nahm Peter Gröger die Linnerl unter den Arm. Ein leises Zusammenzucken des Mädchens, das ihn eigen berührte. Es war, als begegneten sich da zwei Wellen und flössen ineinander.

Der Weg hob sich noch einmal. Peter Gröger blieb stehen und sah nach rückwärts. Und so entstand ein kleiner Zwischenraum zwischen ihm, seiner Begleiterin und zwischen den Voranschreitenden.

Man sah von hier aus die ganze Stadt. In ihren Grund lag sie geschmiegt, ganz weich, wollüstig und hingegeben. Ein leiser, ahnender Dunst wob um sie. Er verbarg nichts. Wie ein Schleier war er nur, den ein Weib um sich und seine Schönheit geschlagen hat. Die Türme aber tauchten stolz ins Licht, das von einer unermeßlichen Klarheit war. Nur dem Lauf der Donau entlang sah man Nebel. Die stiegen weißlich aus den Auen und behaupteten sich ein Weilchen, ehe sie zerflossen. Auf roten Ziegeldächern glomm es, übersilberte grauen Schiefer. Das brachte einen kräftigen Ton in das viele Gelblich und Weiß der unzähligen Häuser. Und die Spitzsäule von St. Stephan schwang sich beherrschend und nadelscharf in das Firmament.

Allen Höhen aber drängten sich die Häuser zu. Es war wie eine übervolle Schale, aus der es träuft und quillt. Die Weinberge, deren volles und rotes Laub so fröhlich und verheißend glühte, zogen sich vor dem Ansturm der Stadt zurück, immer höher. Schon waren mitten zwischen sie blanke Villen eingesprengt. Zwischen ihnen waren sanfte Wege. Darauf eine zahlreiche Menschenmenge durcheinanderwimmelnd, wohlgeputzt, in festlicher Stimmung, ohne alle Roheit, wie von geheimen Gewalten oder aus einer dunklen Verabredung einem Ziel entgegengeschoben.

Es war wie ein Festzug. Wie eine allgemeine Wanderschaft nach dem Genusse. Und eine feuchte Herbigkeit, prickelnd und aufreizend für jeden Sinn, war in der Luft, und der Kahlenberg stand schwarz und ernsthaft da, während die vielen Baulichkeiten darauf im abendlichen Lichte erglänzten.

Schon begannen sich die Himmel zu färben. Graue Wolken, so dünn, daß das schöne Blau nur wie mit einer Dämpfung überhangen schien. Viel Rot, zerstreut und flockig vom Widerglanz des sinkenden Tages. Geheime Gluten, die gegeneinander begehrlich züngelten.

Peter Gröger atmete tief und ihm war, als dränge eine neue Luft in seine Lungen und eine erhöhte Freudigkeit zum Leben erfasse ihn und wollte ihn übermeistern – durchaus und mächtig.

Zum erstenmal kam ihm die eigentümliche Schönheit dieser Stadt, die trotz Murren, Klagen und Enttäuschungen jeden festhält, der sie einmal mit Sinnen begriffen hat, ins tiefste Bewußtsein.

Etwas so ganz Weibliches war an ihr. Etwas also, das man begehren, gewinnen, besitzen konnte. Etwas, das mit jeder Lockung reizte und demjenigen lohnte, der stark und besonnen genug war, sich's zu unterwerfen, sich daran zu erfreuen, ohne sich darein zu verlieren.

Ein ungeahntes, ein unsägliches Gefühl von Kraft wuchs in ihm und erfüllte ihn ganz.

Es schwoll so mächtig in ihm, in seinen heimlichsten Gedanken, daß er der Linnerl vergaß, die da neben ihm stand, ihn endlich am Ärmel zupfte: »Was gucken S' denn so, Herr Gröger?« und ihn mit leuchtenden, schelmischen Kinderaugen ansah.

Ja – und die gehörte wohl auch dazu! Ganz wie sie noch war, schmächtig und scheu. Er sprach kein Wort von Belang. Nur so neigte er sich zu ihr, daß sein Atem ihre reine Stirn berührte. »Also gehen wir weiter, Linnerl!« Die Worte klangen nach mehr, als in ihnen war. Und eilfertig und als hätten sie etwas zu verbergen, strebten sie den anderen nach ...

Herr Franz Mayer hielt prüfend und sachkundig Umschau. Endlich betrat man ein Wirtshaus, vor dem zahlreiches Gefährt aller Gattung aufgestellt war.

Er hatte die Befriedigung, daß sein Erscheinen mit der Kathi ein großes Aufsehen erregte. Man stieß einander an, man wisperte, man deutete auf das Mädchen.

Allerdings: sie hatte sich fesch zusammengerichtet, und sie hatte ihren hübschesten Tag. Denn sie war nicht so ganz gleichgültig wie sonst. In ihren Augen lag eine bestimmte Erwartung. Herr Peter Gröger merkte das wohl.

Man schmauste: allerhand Sachen, die den Durst reizen, die Kehle austrocknen. Der Wein kam. Er war vortrefflich – Herr Franz Mayer kostete, drückte die Augen ein, schnalzte vernehmlich. Säuerlich und ganz wie er sein soll, wie mit prickelnden Stacheln erfüllt. Der erste Schluck mochte befremden. Alsdann ging er einem immer besser und glatter ein. Die Kathi trank sehr vorsichtig; in kleinen Schlückchen, eben damit sie nur etwas Farbe bekam. Mit ihrem spitzen Zeigefinger zeichnete sie aus verschüttetem Wein verschlungene Buchstaben auf den Tisch und verwischte sie hastig, sowie ein Blick sie entziffern zu wollen schien. Es ging oder bereitete sich unbedingt etwas mit ihr vor. Die Stimmung begann zu schwellen. Immer dichter qualmte der Rauch durch den Raum. Die Petroleumlampe war entzündet worden. Sie schwankte unablässig in leisen Schwingungen, und die Lichter irrten über die grüngestrichenen Tische, und die Schatten verbanden sich zu wunderlichen und schwindeligen Tänzen. Schon schlug eine geübte, nur vom vielen Weingenuß heisere Stimme einen hellen Juchezer an.

Die Kathi hatte Nüsse vor sich hingelegt. Sie schälte sie sehr sorgfältig, und immer, wenn sie einen genügenden Vorrat beisammen hatte, so schob sie's einem und dem anderen ihrer Tischgenossen zu. Sie selber nahm nichts davon: denn Nüsse machen heiser. Sie machte das allerliebst, mit spitzen Fingerchen, wies dabei die ganze Schönheit ihrer sehr gepflegten Hand, und es ließ ihr hausmütterlich und reizend.

Die Heurigenmusik begann. Ein dünner Dreiklang von Instrumenten. Das zirpte, winselte, schrillte durcheinander. Und dennoch war eine unentrinnliche Lustigkeit darinnen, und jeder Takt ging unmittelbar ins Blut und ließ es entflammter kreisen. Beringte Hände schlugen kunstgerecht aneinander und unterstrichen mit raschen und kräftigen Schlägen die Weisen. Die Hüte wurden schiefer gerückt oder gar mit einem übermütigen Aufschrei durch die Luft geschwungen. Formen und Farben begannen ineinanderzurinnen. Der Küfer in blauer Schürze schob sich unwirsch, doch eilfertig durch die Bankreihen. Hier forderte man keine Kellnerhöflichkeit. Gläser klirrten, immer heftiger angestoßen. Über allem aber, rastlos und schwirrend, schwebte die Musik, dies alles verflocht sich mit ihr, eindringlich, schwül zu einem wilden Rhythmus.

Herr Franz Mayer war rasch in eine weinselige Stimmung geraten. Er tat mit und tollte wie einer. Sogar seine Frau fühlte sich angeglüht vom allgemeinen Brand. Auch in ihr war doch Wiener Blut und regte sich mächtig. Die Gesellschaft wuchs. Bekanntschaften wurden gemacht, Bruderschaften gestiftet. Man drängte sich den Alten zu, weil man an die Kathi wollte. Alles huldigte ihr. Alte, die sich was gestatten durften, haschten ihre Hand und streichelten sie. Zu nah kam ihr doch selbst in dieser rauschten Gesellschaft keiner. Sie verstand die Abwehr und ihre Künste so gut wie die der Lockung, und das merkt jeder Mann und fühlt sich angezogen wie gebändigt. Sie blieb ganz ruhig dabei, nur bestrebt, sich nicht von ihrem Platze drängen zu lassen und ihre Ecke zu behaupten. Derlei erregte sie nicht mehr, die es nicht anders gewöhnt war. Von allenthalben ward ihr zugetrunken. Sie tat sittsam und vorsichtig Bescheid, ohne zimperlich zu tun und ohne Hoffart, spähte unablässig und unauffällig in einer bestimmten Richtung hin und neigte endlich wie in Dank oder leiser Bejahung das schöne Haupt.

Unmittelbar danach erhob sie sich. Sie müsse etwas frische Luft schöpfen. Die Weinlaune stieg höher. Man machte Kunststücke, die unsicheren Händen nicht mehr geraten wollten. Das gab endloses Gelächter. Wetten wurden gewagt, und man merkte gar nicht, wie das Mädchen eine gute Weile ausblieb. Nur Peter Gröger, der sie mit einer gefaßten, doch schmerzlichen Erregung beobachtete, gewahrte, daß sie sich rückkehrend anders, stolzer als sonst in den Hüften wiegte, daß in ihrem Auge ein siegfrohes Licht und an ihr wie ein Lauschen und Lauern war. Ein Fiaker fuhr rasselnd fort. Sie lächelte sehr befriedigt in sich und schloß die Lider.

Es war etwas Wichtiges geschehen. Mit dem Instinkt des Eifersüchtigen merkte das Peter Gröger.

Er war an diesem Tage überhaupt von einer nachdenklichen Hellsichtigkeit, über die er selber erstaunte. Mit ganz anderen, schärferen Augen sah er in die Welt, und es kam über ihn gleich Erleuchtungen, die den Begnadeten auszeichnen und so sehr erfreuen, weil sie ihm Bürgschaft einer besonderen Sendung wie Gunst vor Gott sind.

Er hatte sein Herz an dies schöne, hoffärtige Frauenzimmer gehängt. Keineswegs ohne Wunsch, aber ohne jede Erwartung auf Erfüllung – es sei denn die eines Wunders. Damit aber kann man bekanntlich keine sichere Rechnung tun.

Und nun meinte er zu merken, wohin die sorgfältig verhüllten Spuren der Kathi wiesen. Das tat ihm weh; denn er war noch in jenen Jahren, da man von der Geliebten Reinheit fordert, selbst dann, wenn man sich keinerlei Hoffnung auf ihren Besitz macht, da es wie ein physischer Schmerz wirkt, sie sich als eines anderen Mannes eigen zu denken.

Die Freude über den eigenen Scharfblick war aber größer als diese Betrübnis. Nun wußt' er etwas, wußte selbst mehr von ihr denn ihre allernächsten Angehörigen. Das Zwecklose des Gefühles, daß er so sehr verhohlen und so lange in sich genährt, wurde ihm klar, und damit war es denn auch für ihn abgetan.

Er wurde ganz aufgeräumt. So, als wär' einem eine Last von der Seele genommen oder als wär' etwas eingetreten, davor man sich lang als vor dem schlimmsten Unheil gefürchtet und es beträfe einen gar nicht so hart, wie man besorgen mußte. Es kam wie ein erlösender Übermut in ihn. Sonst immer gesittet, ja ernsthaft, trieb er nun Possen, die selbst die Kathi zum Lachen zwangen, entdeckte ganz neue gesellige Talente in sich.

Die Linnerl aber sah mit ihren guten, stillen reinen Kinderaugen zu. Dies alles gefiel ihr, riß sie mit, und dennoch war etwas darin, gegen das sich ihre Natur zur Wehr setzte. So wie gegen ein schlimmes Gift, das einen beschleichen will. Es war ein Widerstand, der immer schwächer wurde. Auch auf sie übte übrigens der Wein seine Wirkung. Er regte sie auf und bewältigte sie.

Etwas so Verzerrtes war dennoch am Ganzen! In allen den Gesichtern, die sich für sie mehr und mehr zusammendrängten, als wollten sie in eines rinnen, denen ein häßlicher, wüster Zug gemeinsam war, um die ein schwüler Nebel dampfte, der allerhand Widerwärtiges bergen müsse.

Wie eine schlimme Begierde, die sich nur nicht entladen konnte, schwelte es durch den Raum. Verhohlene Gluten, die nach allen Richtungen hin züngelten, zumeist der Kathi zu. Etwas Tierisches, das einen erschreckenden Widerhall weckte, war in jedem Juchschrei, in jedem Lachen und Grölen; im Aufstoßen der Gläser auf den Tisch ein wilder Takt. Und warum hatte man sie denn hergeführt? Warum riß dies alles so gewaltsam an ihr? Wohin wollt' es sie zerren? Sicher zu nichts Gutem. Angst und Erregung stritten in ihr.

Ihr wurde ganz schwach: »Vatter – geh'n wir?« bat sie.

Er fuhr zornig auf: »Just, wo's fesch wird?« »Vatter – mir ist net gut. Gar net gut ist mir ...«

Die Mutter wandte sich. Ein Blick in das Gesichtchen der Kleinen, und sie strich ihr mit der Hand über die feuchte Stirn und erhob sich: »Geh'n mir, Franzl!« Er hatte gar keine Neigung dazu, murrte einiges, daß man doch nie eine richtige Freude haben könne, daß es ein Unsinn sei, sich mit Fratzen zu schleppen oder ihnen hernach in allem nachzugeben, fügte sich dennoch, und man ging.

Voraus schritt Herr Mayer, der merkte, es sei an der Zeit zum Aufbruch gewesen, hoch an der Zeit, sowie er in die kühle Nacht trat und ihr Wehen empfand. Er torkelte ein weniges, als geschähe es so zum Spaß, war aber sonst sehr übermütig.

Alle möglichen Musikinstrumente ahmte er mit einer verblüffenden Natürlichkeit nach. Immer wieder stach er seine Frau und die Kathi mit anzüglichen Redensarten an, daß sie nicht aus dem Kichern kamen. Das hielt, bis sie in den Baumgang traten, den sparsame Lichter eben nur erhellten. Auch in ihre Stimmung fielen seine Schatten. Man wurde ernsthaft, und die Frau erseufzte oftmals. Sie mußte der Rosi denken, die mit ihrem Herzenskummer so einsam zu Hause saß.

Peter Gröger fühlte plötzlich, wie sich eine Hand auf seinen Arm legte. Es war in der Stille der Linnerl so bänglich geworden, daß sie nicht anders konnte, als sich an ihn lehnen. Selbst das Plappern des Vaters war verstummt. Nur ein jähes Rascheln in den Kronen der Bäume sprang manchmal schreckhaft auf. Sie fühlte das Bedürfnis der Gegenwart eines Stärkeren. Erst ließ es sich eben Gröger nur gefallen. Dann zog er sie näher an sich.

Wieder, diesmal mit unzähligen Lichtern, tat sich der Anblick der Stadt vor ihnen auf. Wieder befiel er den Studenten mit einer eigenen Gewalt, mit einer Sehnsucht nach ihr. So nah wie möglich nahm er die Linnerl an sich, daß er ihr Herz pochen zu hören meinte. Sie folgte willenlos seinem Zuge. Und ungescheut, auch vor den Eltern, behielt er ihren Arm. Die Mutter runzelte ein wenig die Stirn. Aber das mochte Heurigenbrauch sein und also hingehen. Der Vater aber schmunzelte. Schau – schau – was sich der herausnahm. Das hätt' er dem Duckmauser nie zugetraut! Na ja – halt junge Leut', halt junge Leut'! Und dann schoß ihm ein Gedanke durch das weinschwere Hirn. Im Alter stimmte das doch völlig. Und wenn's was ward, so war es nicht das Schlimmste und man hatte doch viele Exempel ähnlicher Heiraten. Ganz gut und sehr vernünftig war es alsdann. Und er rieb sich die Hände, gluckste und kicherte unablässig in sich hinein, während sie heimfuhren.

Ein kurzer Abschied mit sehr ausgiebigen Händedrücken vor dem Haustor, Beteuerungen, wie hübsch es gewesen sei und wie sehr man sich miteinander gefreut habe. Die Älteren gingen voraus. Ein Augenblickchen waren Gröger und die Linnerl allein. Er bog sich nach ihr. Sie wich bebend aus, knickste, und mit hellen, lachenden Augen, wippend von Gang wie eine Bachstelze und eitel Schelmerei um den frischen Mund, huschte sie ihm fort.

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