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Der Übergang

Jakob Julius David: Der Übergang - Kapitel 1
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authorJakob Julius David
titleDer Übergang
publisherVolk und Welt
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Erstes Buch

Die Adam-Mayer-Gasse

Erstes Kapitel

Die Adam-Mayer-Gasse

Die Gasse ist breit und ansehnlich genug. Nur sehr still ist sie. Man merkt in ihr wenig vom Verkehr und von der Betriebsamkeit, die sonst gerade in diesem Bezirk heimisch sind und sich immer noch behaupten.

Uniforme Häuser bilden sie: ein- oder höchstens zweistöckig. Ohne jeden Stil; man erkennt gleichzeitige Entstehung aus einem Willen. Aber sie sind tüchtig und für gute Dauer aufgemauert. Jedes hat einen tiefen Hof mit einigen Bäumen darin, die fröhlich gedeihen. Man wohnt wohlfeil da, und ein Wechsel der Parteien, wenn nicht eine völlig verdirbt, ist unerhört.

Geschlecht nach Geschlecht verbringt hier seinen stillen Tag. Sie merken wenig vom Gang der Dinge, deren Wandel sie doch lebhaft genug berührt. Denn einmal war hier ein allgemeiner Wohlstand zu Hause gewesen. Eine rastlose Betriebsamkeit herrschte, und sie arbeiteten sämtlich für den einen, der die Gasse erbaut. Das war vorüber. Der Handel suchte sich einen anderen Pfad, ließ sie links liegen, und man fand sich damit ab, so leidlich es gehen wollte.

Endlich – sein Brot erwarb man immer. Man strich es einmal dicker, man schnitt es wieder einmal dünner. Am Kindersegen gebrach es niemals, und in den zahlreichen Höfen tummelte sich ein kräftiges junges Volk; die Mädchen alle zierlich, ja hübsch und immer anmutig, meist dunkeläugig bei blonden Haaren, die Buben derb und rauflustig. Sie hielten zusammen und betrachteten sich wie Angehörige eines vereinzelten Stammes inmitten der Großstadt. Zuzug wurde bei groß und klein ferngehalten und lange scheel angesehen, wenn er endlich nicht mehr zu verhüten war. Die Frauen hatten ihre Zusammenkünfte beim Greißler. Dort wurde alles Nötige und einiges darüber erörtert. Ein derartiges Mundwerk, flink wie Brunnenwasser, besaßen sie durch die Bank, die Spitzigen so gut wie die Beleibten. Sie waren flink zur Arbeit und gute Mütter, nur etwas gar zu zärtlich. Dabei hatten sie stets Zeit zu einem ausgiebigen Tratsch und gerieten sehr leicht in Hitze – Flackerfeuer, das niemandem weh tat. Viel hatten sie über Leichtsinn und Untreue der Männer zu klagen. Derjenige, über den eben eine das Herz ausleerte, war immer nicht nur in dieser Gesellschaft der Schlechteste, sondern an sich ein höchst verdächtiger Patron, wobei es als eine merkwürdige Naturerscheinung verzeichnet werden muß, daß eben die, welche sich das Herz am meisten abfraß, am gedeihlichsten aussah. Eine gewisse Portion Ärger, ja Kummer schien zu ihrem Wohlbefinden notwendig, wie man von Völkerstämmen erzählt, die allerhand Unverdaulichkeiten genießen müssen, worüber sich gewissenhafte Forscher in der Fremde dann so sehr zu verwundern pflegen.

Auf der Gasse selber hatten sie es immer sehr eilig. Darüber huschten sie nur so. Was eine tüchtige Hausfrau ist, die darf niemals zeigen, daß sie eine freie Minute habe. Im Zorn überschlugen sich ihre Stimmen alle, und sie gerieten demnach sehr oft in ein übeltöniges Kreischen. Die Männer erschienen weniger in der Öffentlichkeit. Zu gewissen Stunden schlichen sie sich zum Wirte, der einen ganz vortrefflichen und weithin berufenen Tropfen schenkte, oder ins Café im Eckhaus, das die anderen Gebäude überragte wie ein stattlicher Flügelmann ein unansehnliches und verputtetes Glied. Dort saßen sie, rauchten ihre kölnischen Pfeifen und entwickelten eine erstaunliche Kunstfertigkeit, sie bei schwierigsten Stößen auf dem Billard unzerbrochen im Munde zu behalten. An linden Sommerabenden aber standen sie gern ernsthaft und hemdärmelig auf der Gasse, stierten und qualmten in die Dämmerung und schwiegen.

Alle hatten etwas Zurückhaltendes, Verdrossenes, Schwerfälliges neben ihren flinkeren und beredteren Ehehälften. Viele erschienen unreif neben ihnen, wie ewige Jungen. Aber das war angeblich nur Schein. Zu Hause trauten sie sich eben nur nicht und duckmauserten so herum. Auswärts aber, der gleichen lauteren Quelle nach, da konnten sie laut werden, daß es nur so paschte.

Die Gasse hieß nach dem reichen Seidenzeugfabrikanten Adam Mayer. Er hatte ganz klein angefangen, wußte sich was damit und hielt auch in seinem Wohlstand Einvernehmen und gute Kameradschaft mit seinen Arbeitern. Zur Kongreßzeit, da ein allgemeiner Luxus in der Stadt gewesen war, hatte er begonnen und war groß und reich geworden. Hinter seinem Hause ging ein tiefer Garten, von dessen Wundern in der Gasse immer noch ehrfürchtige Sagen waren. Dort hatte er mit seinen Freunden Gelage gehalten, die sich schon sehen lassen konnten, von denen in seinen Kreisen nicht anders gesprochen wurde wie höher oben etwa von den Festen bei der schönen Fürstin Lori Schwarzenberg. Denn das Geld strömte ihm nur so zu, daß er es unmöglich aufbrauchen konnte. Es bedurfte keiner Marken noch Zeichen. Auf den ersten Blick und mit dem Griff mußte man es heraus haben, was bei Adam Mayer gewebt worden war, und der ganze Balkan mit seinen üppigen Hospodarenfrauen, ja, die Levante kannte seine Waren. Die hatten »halt ein' eigenen Geschmack«.

Er war ein gerechter Mann gewesen. Was mit ihm in Geschäften zu tun hatte, konnte bestehen und versagte ihm dieses Zeugnis nicht. Nur markten durfte man mit ihm nicht wollen, sonst konnte er unwirrisch, ja selbst sehr deutlich werden. »Paßt's Ihnen net, so gengen S' halt woanders hin. Epper schenkt's Ihnen wer.«

Als er starb, schien der Wohlstand seines Hauses für immer begründet. Einigermaßen zerbröckelte er freilich durch Erbteilungen. Der Älteste übernahm die Fabrik. Er war in den Überlieferungen seines Vaters groß geworden und hielt sie hoch, ganz besonders was die Lebensführung und den Umgang mit der Kundschaft anlangte. Man mußte allerdings schon geringer weben. Denn die Zeiten wurden immer schlechter, und die Leute verstanden es nicht mehr wie einmal, begehrten nur einen Fetzen, der nach etwas aussah. Verlief sich ein Kunde: »No, war' eh ka Schad um den notigen Kerl.« Deswegen ließ sich Herr Franz Mayer doch nichts abgehen, und seine sehr umfängliche Frau war immer noch die erste Frau am Grund und trug das Kostbarste und hatte einen Schmuck, dessen sich keine Fürstin zu schämen gebraucht. »Denn wozu hat man's, wenn man's net herzeigen soll, han? Sollen sich die Neidigen ärgern, was halt nur Platz hat.«

Trotzdem mußte schon unter ihm der Garten in Baustellen zerschlagen werden. Da siedelten sich kleine Leute an. Denn es war erstaunlich, wie die Menschen mehr und die Zeiten ärger wurden. Da unten ward förmlich geschleudert. Ein reeller Kaufmann und Erzeuger konnte da nicht mit, und wer etwas auf sich hielt, der wartete doch, bis man zu ihm kam, und rannte nicht unablässig den Leuten mit seinen Reisenden die Tür ein, als könne er ohne ihren Auftrag nicht bestehen und es durchaus nicht erwarten.

Es kamen schlechtere und wieder bessere Zeiten, die nur niemals lange genug anhielten, um das Haus auf die alte Höhe zu heben. Geschwister mußten versorgt und Seitenverwandte, die einmal ihr Geld in das Unternehmen gesteckt, ausbezahlt werden. Das schwächte die Kapitalskraft der Firma. Gewandtere, flinker und fähiger, jeder Schwankung des Marktes nachzugehen, gerieten nach oben und behaupteten sich ein Weilchen. Die Mayerischen sahen dem verdrossen zu, und ihnen ward schwindelig vor diesem Auf und Nieder.

Das war keine Zeit, in die sie paßten. Noch wollte man nicht zeigen, auch ihnen könnten schlimme Verhältnisse etwas anhaben. So arbeitete man mit Schaden, und Haus nach Haus bröckelte von ihrem Besitze ab, wie eine immer wiederkehrende Welle Stein um Stein aus der festesten Mauer wäscht, bis sie einstürzt. Dann schränkte man endlich den Betrieb ein.

Eine Gelegenheit bot sich ihnen noch.

Es kamen die fetten Tage zu Beginn der siebziger Jahre.

Damals, nach langem Zögern und Besinnen, hatten sie die Fabrik verkauft und noch während des großen Aufschwunges in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Damals hatte doch alles seinen guten Preis, was irgendwie in Geltung oder Ansehen stand. Allerdings gab es schon Zeichen, die den nahen Zusammenbruch der ganzen luftigen Herrlichkeit ankündigten. Sie merkten nicht darauf. Die fühlten sich sicher und geborgen. Ehe sie sich aber noch ihrer papierenen Schätze entledigen konnten, kam das Ende.

Das war doch dazumal nicht anders gewesen, als habe man eine ganze Stadt, Gasse nach Gasse, aus Kartenhäusern gebaut. Ein ganz leiser Anstoß, vielleicht nur ein Lüftchen, bringt das erste zu Fall. Andere sinken ihm nach. Im Sturz aber gewinnen die losen Blätter die Wucht von Werkstücken und erschlagen alles, was sie treffen, reißen nieder, was noch so fest und sorgsam aufgemauert erschien. Eine ganze Stadt, aufhorchend in beklommener Spannung auf den dumpfen Ton niederbrechender, stolzer Gebäude, zusammenfahrend bei jeder neuen Hiobspost, jeder gewärtig, von keinem Unheil mehr überrascht. Ein allgemeines Verderben, aus dem nur spärlich einzelne entrinnen. Und selbst diese hat eigentlich nur ihr Glück bewahrt, keineswegs ihre Voraussicht, die hier so wenig vermochte wie bei einem Erdbeben. Die alte Firma Mayer entrann nicht.

Noch vor dem Ende hatte sich Franz Mayer durch einen rührigeren wie geschmeidigeren Menschen aus der Leitung des Unternehmens verdrängen lassen, die ihm vertragsmäßig gebührt hätte. Man hatte es doch nicht mehr nötig, sich an so eine Stellung zu klammern. Und dann war doch immer so viel vom modernen Geist geredet worden, mit dem man gehen müsse. Das verstand er nicht, das mißbilligte er. Denn so beschränkt er war, er fühlte doch, dieser moderne Geist bedeutete ihm nichts Gutes, wollte ihm und den Seinigen an den Kragen. So war es ihm nicht einmal so unrecht gewesen, als weder er noch ein Träger seines Namens mehr dem Unternehmen angehörte, das nach ihnen hieß. »Wo man doch so nix wie Verdrießlichkeiten mit die Leut' hat ...«

Ein anderer erstand die weitläufigen Baulichkeiten, eben erst frisch ausgestattet mit den neuesten und kostspieligsten Maschinen, um ein Butterbrot. Selber etwas zu beginnen, hatte Franz Mayer weder die Kraft noch die Mittel mehr. Auch war eine große Furcht vor jeder Verantwortlichkeit in ihm. Er wartete immer auf die besseren Zeiten mühe- und gefahrenlosen Gewinnes, wie sie einmal gewesen sein sollten, also wiederkehren mußten, und sich's dennoch so endlos lange überlegten.

Er ging noch manches Jahr, den Stock mit Silbergriff in der Linken, in der Rechten die sorgsam behütete Meerschaumpfeife – einen echten Schwanenhals! –, in sein Café und in sein Stammgasthaus, immer noch auf seinem Grund ein angesehener Bürger, »der halt vom Seinigen lebt«; immer noch geneigt, sich bei festlichen Anlässen, wie beim »Umgang« zu Fronleichnam oder bei Firmungen, nicht spotten zu lassen, weil man »sich doch nicht in den Sack schau'n lassen darf«, und nur zu Hause von der ewigen Übellaune eines Menschen, der seine Zeit vorüber weiß; der Krittelei eines Müßigen, der nichts mit sich anzufangen weiß und andere, Behendere um sich sieht, die sich trotz aller Ungunst der Verhältnisse behaupten, ja sogar vorwärts drängen. Über die schimpft, die verdächtigt man. Diese Schelten aber erleichtern das Herz nicht. Es ist denn doch ein grimmiger Neid in ihnen, der frißt.

Eines unternahm er dennoch, ehe er hinging: er ließ das eine Haus, das ihm noch so ziemlich schuldenrein verblieben war, den Sitz der Familie, umbauen und zu einem Zinshaus umgestalten.

Derlei war doch das einzige, das Bestand hatte und bleibende Geltung verbürgte. Das konnte man ihm nicht nehmen. Er griff die Sache allerdings im ungeschicktesten Zeitpunkt an, als sich das Geld noch versteckte und noch sehr, sehr teuer war. Danach aber drängte es ihn. Es wurde der Raum für ein Kaffeehaus, das doch immer die höchste Miete bringt, aus den Warensälen einer früheren, besseren Zeit gewonnen, und als es eröffnet wurde, da sprach man viel von den schönen Räumen, von der für die stille Vorstadt unerhörten Pracht seiner Einrichtung, drängte sich herbei, und Franz Mayers Name war wieder einmal im Munde der Leute, wie er's geliebt, und wie's ihm nur noch ein einzigmal werden sollte; an jenem Tage, da man ihn mit allem Pomp, der einem angesehenen Bürger, Mitglied so vieler Vereinigungen, bei denen »man schon wer sein muß, nur um dabeisein zu können«, gebührt, zugedeckt mit dem kostbarsten Bahrtuch, aus der stillen Adam-Mayer-Gasse hinaustrug zu seinem Vater auf den Schmelzer Friedhof.

Seine Sippe hatte sich inzwischen sehr vermehrt. Allenthalben in der guten Wienerstadt, die sich seither so gewaltig ausgedehnt hat, trifft man ihre Angehörigen. Und keiner, den man wie oder wo immer kennenlernt, wird nach der Vorstellung mit Bedeutung zu sagen unterlassen: »Mayer mit ay. Wissen S', von den Adam-Mayerischen am Schottenfeld, was einmal die große Fabrik g'habt haben, und wo noch eine ganze Gassen, die ihnen natürlich ganz allein gehört hat, nach ihnen heißen tut.«

Stammhalter der Familie war sein Sohn Franz Mayer. Nachdem nichts mehr dageblieben war, so mindestens Erbe seines Namens und zugleich jenes Hauses, das so überragend am Eingang der Adam-Mayer-Gasse steht ...

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