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Der Traum ein Leben

Franz Grillparzer: Der Traum ein Leben - Kapitel 9
Quellenangabe
typedrama
booktitleDer Traum ein Leben
authorFranz Grillparzer
year1995
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-004385-9
titleDer Traum ein Leben
pages1-93
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1840
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Vierter Aufzug

Saal im Königlichen Schlosse, links und rechts Seitentüren. Im Hintergrunde links der Haupteingang, daneben ein alkovenartiger Raum, durch einen Vorhang bedeckt. Rechts im Vorgrunde ein Tisch und Stuhl.

Rustan, kostbar gekleidet, einen goldenen Reif im Haar, kommt hastig durch den Haupteingang. In demselben Augenblicke tritt Zanga durch die Seitentüre links ein. Rustan bedeutet ihm mit auf den Mund gelegtem Finger, umzukehren. Zanga zieht sich durch die Tür zurück. Rustan selbst tritt in den durch den Vorhang abgeschlossenen Raum. Karkhan und zwei seiner Verwandten kommen durch den Haupteingang.

Karkhan.
Hierher kommt, und folgt mir, Freunde!
Was ich längst bei mir beschlossen,
Jetzt und jetzo führ ich's aus.
Könnt ihr länger es mit ansehn,
Wie der eingedrungne Fremde
Eurer und der Euren spottet?
Jeden Tag an Kühnheit wachsend,
Jede Stunde an Gewalt?
Schwinden täglich nicht die Besten,
Denen seine Furcht mißtrauet,
Unbemerkt aus unsrer Mitte?
Wie? Wohin? Wer kann es wissen?
Und sein Helfer, jener Schwarze,
Den der Abgrund ausgespien,
Stachelt tückisch seine Kühnheit
Bis zu selbstvergeßner Wut.
Wo ist Recht noch und Gericht?
Schmachtet nicht mein alter Ohm,
Er, der sprachlos Unglücksel'ge,
Schwarzer Frevel falsch beschuldigt,
Ungehört und unvernommen,
Rechtlos hinter schwarzen Mauern,
Überwiesen, weil verklagt?
Oh, daß ein gerechter Richter
Mit den Augen, statt den Ohren,
Hörte seine stumme Sprache,
Die er spricht, der Unglücksel'ge,
Statt mit Lippen, mit der Hand;
Manche Zweifel würden schwinden,
Manche Rätsel würden klar;
Die jetzt, richtend, andre binden,
Stellten selbst sich schuldig dar.

Ha, ihr schweigt? Blickt auf den Boden?
Seid ihr Männer, wagt's zu sein!
Folgt mir! Hier der Fürstin Zimmer,
Wir zu drei, wir treten ein,
Klagen ihr des Landes Nöten,
Klagen ihr die eigne Not,
Zeigen ihrem Schamerröten,
Wie so machtlos ihr Gebot.
Oh, ich weiß, sie seufzet selber
Unter jener Ketten Last,
Die der Fremde um sie herschlingt
Wie um eine Sklavin fast.
Laßt uns auf die Hohe richten,
Meinem Oheim werde Recht;
Frei und laut vor allem Volke
Tue sich Verborgnes kund,
Und wer schuldig, und wer schuldlos,
Richte weiser Richter Mund.
Einen Schritt schon tat ich selber,
Einen schon hab ich gewagt –
Doch ein Tor, der früher sagt,
Was getan erst nützt und frommt.
Kommt und folget mir zur Fürstin,
Dort allein ist Schutz und Halt;
Dieser Tag, er sei der letzte
Eingedrungner Machtgewalt.

(Sie gehen auf die Seitentüre rechts zu.)

Rustan (der während der letzten Worte hinter dem Vorhange hervorgetreten ist, verstellt ihnen den Weg).
Halt noch erst! Gebt euch gefangen!

Karkhan.
Welchen Rechtes?

Rustan.
        Hochverräter!
Zanga! Wachen! Wachen! Zanga!

(Die drei ziehen die Dolche.)

Rustan.
Zieht nur aus die feigen Waffen,
Nicht ein Heer von euresgleichen
Fürcht ich, einzeln, wie ich bin.

(Aus der Seitentüre links kommt Zanga, durch die Mitteltüre ein Hauptmann mit Soldaten.)

Rustan.
Schafft sie fort, die Hochverräter!

Karkhan.
Hochverräter? Wir?

Rustan.
        Ihr leugnet's?
Blinkt nicht noch in euren Händen
Der Empörung frecher Stahl?
Oh, ich kenne euer Treiben!
In dem Innern eurer Häuser
Lauern meine wachen Späher,
Was ihr noch so leis gesprochen,
Reicht von fern bis an mein Ohr.
Fort mit ihnen, ohne Zaudern!

Ich will dieses Land durchflammen
Wie ein reinigend Gewitter,
Niederschmettern seine Stämme,
Aus dem Grund die Wurzeln haun
Und dem Boden, wenn gereutet,
Neuen Samen anvertraun!
Fort mit ihnen!

(Der Hauptmann hat sich Karkhan genähert, der mit einer bittenden, stummen Gebärde, auf die Tür der Königin zeigend, ihn einzuhalten bittet.)

Rustan (zu Zanga im Vorgrunde, leise).
        Aber du
Geh zum Kerker jenes Alten,
Den ich selbst dem Licht erhalten,
Die Notwendigkeit gebeut:
Schaff ihn fort!

Zanga.
        Wohl, Herr, doch wie?

Ein Kämmerer (kommt aus der Seitentür rechts).
Herr, die Königin läßt fragen,
Welch Geräusch in ihren Zimmern –?

Rustan.
Früh genug soll sie's erfahren,
Wenn getan, was not zu tun.

(Der Kämmerer geht wieder ab.)

Rustan (zu Zanga leise).
Schaff ihn fort aus diesen Mauern!
Laß mit vorgehaltnem Dolch
Ihn geloben teure Eide;
Aber, von Gefahr bedrängt,
Besser er, als – merk – wir beide!

(Zanga zieht sich zurück, während des Folgenden geht er leise fort.)

Rustan (die Gefangenen erblickend).
Ihr noch hier? Fort mit den Frevlern!

Hauptmann.
Herr, die Königin naht selber.

(Er zieht sich zurück.)
(Zwei Kämmerlinge haben die Seitentüre geöffnet. Gülnare tritt heraus mit Begleitung.)

Gülnare.
Man verweigert die Erklärung
Dem von mir gesandten Diener.
Hier bin ich, mein eigner Bote,
Um zu fragen, was geschah.

Rustan (auf Karkhan zeigend).
Führt sie fort!

Gülnare.
        Wer sind die Leute?

Rustan.
Hochverräter.

Karkhan.
        Unterdrückte,
Die zu deinen Füßen flehn.

(Die drei knien.)

Gülnare.
Laßt sie sprechen.

Rustan.
        Einverstanden
Mit dem alten grauen Frevler,
Der nur allzu leicht gebüßt –

Karkhan.
Einverstanden, wenn er schuldlos,
Doch sein Feind, wenn er der deine.
Nicht Verzeihung und nicht Schonung,
Nur Gehör bitt ich für ihn;
Was Verbrechern selbst zuteil wird,
Eines Richters Aug' und Ohr.

Gülnare.
Billig scheint, was sie begehren.

Rustan.
Wär' es so, würd' ich's gewähren.

Gülnare.
Und wenn ich's nun selber wünsche?

Rustan.
Wünsche! Wünsche!

Gülnare.
        Und befehle.

Rustan.
Ließe gleich sich mancherlei
Noch entgegnen diesem Spruche,
Der ein Wunsch und ein Befehl;
Doch, gefällig gegen Damen,
Füg ich gern mich unbedingt.
Und schon sandt' ich meinen Diener,
Der den vielbesprochnen Alten
Hin vor seinen Richter bringt.

Karkhan.
Trifft ihn der, ist er verloren.
Sende selbst nach seinem Kerker,
Leih ihm selbst ein gnädig Ohr.

Gülnare (zum Kämmerer).
Geh denn hin, und führ ihn vor.

Rustan.
Halt! (Dem Kämmerer den Weg vertretend.)

Gülnare.
        Ich sprach!

(Der Kämmerer geht ab.)

Rustan.
                Nun wohl, ich sehe,
Was ein Bund mir schien der Kleinen,
Und ein Anschlag in geheim,
Ist ein offenkundig Bündnis
Zwischen Hohen, zwischen Niedern,
Gift von Schlangen und Insekten
Auf des Leuen Untergang.
Und auf nichts Geringres zielt man,
Als den überläst'gen Vormund,
Der mit seines Armes Walten
Weiberhafter Launen Willkür
Fern von diesem Reich gehalten,
Einzuschüchtern, wenn nicht mehr.

Gülnare.
Was es sei, es wird sich zeigen,
Bringt man erst den Alten her.

Rustan.
Eines nur hast du vergessen:
Daß des weiten Landes Beste
Meinem Arm ihr Heil vertraun.
Meinem Rufe folgt dein Krieger,
Und dein Höfling meinem Wort;
Zutraunsvoll der stille Bürger
Sieht nach mir, als seinem Hort.
Ja, der Diener, den du sandtest,
Jenen Alten zu befrein,
Kehrt erfolglos von der Pforte,
Läßt nicht mein Geheiß ihn ein.
Denn des festen Turmes Wache
Steht in meiner Fahnen Eid,
Mit dem Kopf bezahlt der Schwache,
Der ihn ohne mich befreit.
Längst schon dieses Tags gewärtig,
Sah ich so mich weise vor:
Wer von Gnade lebt, ist zaghaft,
Wer auf Dank zählt, ist ein Tor.

Gülnare.
Wie nur allzu schnell enthüllst du,
Was die Ahnung längst befürchtet.
Vater, Vater! Welchem Schützer
Gabst dein Liebstes du in Haft!

Rustan.
Er wohl wußte, wem zu trauen:
Nicht der blöden Scheu, der Kraft.

Karkhan.
Fürstin, sei du nicht beklommen,
Noch ist alles nicht verloren,
Mancher Helfer bleibt dir noch.
Meine Freunde stehn in Waffen,
Und was lange still beschlossen,
Frei und offen künd ich's nun.
Während hier zu dir ich spreche,
Sprechen sie zu deinem Volke,
Schütteln ab das feige Joch.
Und schon, dünkt mich, hat's begonnen,
Denn der Helfer seiner Taten,
Sieh, verschüchtert, stumm, beklommen,
Wie nach schlecht vollbrachtem Auftrag,
Kehrt er wieder, ist er da.

Zanga (ist mit allen Zeichen der Verwirrung eingetreten und hat sich in Rustans Nähe gestellt).

Karkhan.
Und herauf die weiten Stiegen
Dringt ein bunt verworrnes Rauschen,
Wie von Tritten, wie von Stimmen.
Ja, dein Volk führt deine Sache,
Und es kam der Tag der Rache.
Siehst du dort? Mein Ohm ist frei!

(Der alte Kaleb erscheint an der Türe. Bewaffnetes Geleite hinter ihm.)

Rustan (zu Zanga).
Tor und Schurke!

Zanga.
        Herr, gar alt
Ist der Spruch: vor Recht Gewalt.

(Der alte Kaleb ist eingetreten. Da er Rustan erblickt, will er wieder zurück.)

Gülnare.
Bleib du nur und fürchte nichts.
Ich bin hier zu deinem Beistand.
Ja, man braucht dein einfach Zeugnis
Über einen wicht'gen Punkt,
Den noch Nebel dicht umwallen,
Und nur dir bekannt von allen:
Deut uns deines Königs Tod.

Rustan.
Er ihn deuten? Raserei!
Er, der selbst der Tat verdächtig,
Überwiesen wohl sogar,
Der in jener grausen Stunde
Schuldig hieß in jedem Munde,
Stellt sich jetzt, ein Kläger, dar?

Gülnare.
Der Verdacht der ersten Stunde
Ist darum nicht immer wahr.
Wohl hab ich seitdem vernommen,
Daß der König, als er hinging
In den letzten, tiefen Schlaf,
Diesen hier als Freund umfangen,
Ihm vertraut die letzten Worte;
Und er wußte, wer ihn traf.

(Der alte Kaleb ist auf die Knie gesunken, und streckt flehend die Hände empor.)

Rustan.
Ha, vortrefflich ausgesonnen,
Nur nicht auch so leicht vollbracht.
Du vergißt, daß hier dein Zeuge,
Daß er lautlos wie die Nacht,
Und mit Blicken und mit Mienen,
Die ihr schlau ihm beigebracht,
Kann vor Kindern er bestehen,
Nicht vor der Gesetze Macht.

Gülnare.
Und du selber hast vergessen,
Daß der Mensch in seiner Weisheit
Längst ein Mittel ausgedacht,
Zu verkörpern seine Laute,
Festzuhalten, was gedacht.
Dort ein Tisch, Papier und Feder,
Mit zwei Zügen ist's vollbracht,
Und ein ärmlich Blatt erhellet
Des Geschehnen dunkle Nacht.
Setzt ihn hin und laßt ihn schreiben,
Ihn beschützet meine Macht.

(Der Alte ist von seinen Verwandten an das Tischchen rechts im Vorgrunde gesetzt worden. Man hat ihm Schreibgeräte gegeben.)

Rustan.
Mag er schreiben, mag er lügen,
Gleichviel wen, ob mich es trifft.
(Den Säbel in der Scheide emporhaltend.)
Meine Feder birgt die Scheide,
Blut'ge Wunden meine Schrift.
Geifre Wurm! ich geh, zu ordnen,
Was unschädlich macht dein Gift.

(Er geht nach dem Hintergrunde zu, bleibt aber in der Mitte, halb gegen den Alten gewendet, erwartend stehen.)

Karkhan (zu dem Alten).
Zittre nicht, sei nicht beklommen,
Ist es doch schon halb vollbracht!
Silben bilden sich und Worte. (Lesend.)
»Eures Königs Mörder –«

Rustan (mit heftiger Bewegung, den Säbel halb aus der Scheide gezogen).
        Halt!

(Der Alte fährt erschreckt empor und hält sich zitternd am Tische fest, die Feder entsinkt seiner Hand und fällt auf der rechten Seite des Tisches zur Erde.)

Rustan.
Ich verbiete, daß er schreibe!

Gülnare.
Ich befehle, daß er's soll!

Rustan.
Stellt ihn mir! Mir fest ins Auge
Mag er schauen und vergehn!
Oder ihr, die ihr so eifrig
Seine Meuterkünste fördert.
Ist hier Landes denn nicht Sitte,
Daß in Fällen dunklen Rechts,
Wo's an Licht fehlt und Beweisen,
Beide Teile sich zum Zweikampf
Stellen mit geschärften Eisen?
Auf! Wer ficht für diesen Alten?
Ich will Gegenpart ihm halten.

Gülnare.
Nicht wer stärker, wer im Recht,
Zeige Einsicht, statt Gefecht!
Schreib du nur! Wo ist die Feder?
Er verlor sie, bringt ihm neue.

Zanga (der während des Vorigen, in Absätzen sich von seinem Herrn entfernend, von rückwärts auf die rechte Seite des Vorgrundes gekommen ist).
Neu ist gut, doch alt ist besser.
(Er hebt die am Boden liegende Feder auf.)
Hier die Feder!
(Rasch nach dem Eingange blickend.)
        Doch wer naht?

(Die Blicke der Nächststehenden folgen den seinigen und wenden sich nach der Türe.)

Zanga.
Alter, hier!
(Er reicht ihm die Feder mit der linken Hand. Während der Alte zögernd darnach greift, fährt Zanga mit der Rechten, in der er den Dolch verborgen hält, ihm entgegen und verwundet ihn.)
        Doch sieh dich vor!

Der Alte sinkt mit einem unartikulierten Schmerzenslaut in den Stuhl zurück, die verwundete Rechte mit der Linken, später mit einem Tuche bedeckend.)

Gülnare (nach dem Alten blickend).
Ha, was ist? Du bist verwundet?

(Zanga hat die Hand, in der er den Dolch hält, rasch auf den Rücken gelegt, und sucht den Hintergrund und die Seite zu gewinnen, wo sein Herr steht.)

Gülnare.
Wo der Täter? Schließt die Türen!

Karkhan.
Dieser war's! Seht ihr das Blut?
Seht den Dolch in seinen Händen!
Greift ihn!

Zanga.
        Herr, errett, beschütze!

Gülnare.
Schütz ihn, ja, und hab's nicht Hehl!
War die Tat doch dein Befehl!

Rustan.
Mein Befehl? Der ich vor allen
Wünschen muß, daß dieser Mann,
Der allein den gift'gen Argwohn
Mir vom Haupt entfernen kann,
Daß er lebe, daß er fähig –
Mit der Hand, wenn stumm sein Mund
Auszusagen, was ihm kund;
Und ich sollt' ihn selbst verletzen,
Selbst Unmöglichkeit mir setzen,
Mich zu reinen hier zur Stund'?
Hat ihn dieser hier verwundet,
Steh dafür er selber ein;
Wer des Zeugen Worte scheuet,
Fühlt am mindesten sich rein.
War denn er nicht auch zugegen,
Als der alte Fürst erblich?
Warum einen nur beschuld'gen,
Teilt der Schein in viele sich?
Hat sein Arm es nicht vollzogen,
Tat's vielleicht sein Wort, sein Rat;
Oh, es gibt der Arten viele,
Zu begehen eine Tat!
Und so kehr ich ihm den Rücken,
Wende ab von ihm den Blick;
Ist er schuldlos, sei's zum Glücke,
Schuldig, hab ihn sein Geschick.

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