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Der Traum des Herrn Brick

Adolph Freiherr Knigge: Der Traum des Herrn Brick - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorAdolph (Friedrich Ludwig) Freiherr Knigge
titleDer Traum des Herrn Brick
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Fünftes Kapitel

Fortsetzung des vorigen. Kurze Schilderung einiger großen afrikanischen Höfe, die der Verfasser bei seiner Durchreise besuchte

Mein Herr Vetter hatte mir geschrieben, ich sollte von Barkan aus an der Grenze von Ägypten hinauf und dann durch Nubien reisen, woselbst ich an den Höfen der Könige, die dem Monarchen von Abyssinien zinsbar sind, wichtige Geschäfte zu besorgen hatte. Es gehört nicht zu dem Plane meines Werks, eine weitläuftige Beschreibung dieser in der Tat sehr beschwerlichen Reise zu liefern; ich fand übrigens, als ich nach Tolomita kam, daß man dort von Gondar aus alles so eingerichtet hatte, daß ich mir die möglichste Gemächlichkeit und Sicherheit auf meinem Wege versprechen konnte. Jetzt bedurfte ich nun auch kaum noch eines Dolmetschers, und so reisete ich denn mit meinen Leuten getrost längs dem Nil fort, der, in einer Entfernung von einigen Meilen, mir zur linken Seite hinfloß. Ich ritt auf einem Elefanten; hinter mir saß ein schwarzer Sklave, der mir, sooft mich dürstete, in einem Becher Met oder Hydromel reichte, wovon ein großer Vorrat in Schläuchen auf den Kamelen, welche meine Leute ritten, mitgeführt wurde. - Was nicht aus einem Menschen werden kann! Wer hätte ein paar Jahre vorher denken sollen, daß der Advokat Benjamin Noldmann, der in Goslar kaum das liebe Brot hatte, jetzt, mit einem glänzenden Gefolge, als Gesandter, an den afrikanischen Höfen herumziehen würde?

Obgleich ich mir nun vorgesetzt habe, keine ausführliche Schilderung von diesen Höfen zu liefern, so will ich doch im Vorbeigehen über einige derselben etwas sagen; einst aber denke ich geographische, politische, statistische, kameralistische, philosophische, theologische, physikalische, medizinische und andre Bemerkungen über Nubien und dessen Könige und Fürsten herauszugeben. Da ich ein ganzes Jahr lang an den Höfen in Nubien herumgereiset bin, so habe ich Gelegenheit genug gehabt, diese Bemerkungen zu machen.

Der erste König, den ich sah, war der von Sennar. Er ist unumschränkt in seiner Macht, aber ganz blödsinnig. Bei der Audienz, welche ich bei ihm hatte, war er auf dem Throne festgebunden, weil ihn sonst zuweilen in der Narrheit die Grille anwandelte, den Gesandten oder andern Fremden auf die Schultern zu springen oder mit Gewalt einen Schleifer mit ihnen zu tanzen. Wie das Land unter dem Zepter eines solchen Monarchen regieret wird, das kann man sich leicht einbilden. Die Personen seiner Familie und die Großen des Reichs reißen ihm diesen Zepter wechselsweise aus der Hand, suchen einer den andern zu stürzen; oft läßt ihn dieser etwas unterschreiben, das dem widerspricht, was jener eine Stunde vorher hat ausfertigen lassen; das Glück der Untertanen ist ein Spielwerk der Kabale; Gunst und Gabe und Privatleidenschaften, Nepotismus, Rachsucht - das sind die Triebfedern, und an ein festes System ist nicht zu denken.

Der König von Dequin war ein großer Liebhaber der Fischerei. Zwei seiner schönsten Provinzen hatte er, mit ungeheuern Kosten, ausgraben und in Seen ummodeln lassen; ja, ein Schmeichler hatte ihm einst den Vorschlag getan, das ganze Reich in ein Meer zu verwandeln, auf demselben mit seinem Volke in großen Schiffen herumzufahren und nur vom Fischfange zu leben; folglich ein ganzes neues schwimmendes Reich zu stiften und sich den Beherrscher aller Gewässer der Welt und deren Bewohner zu nennen. In seinen Schlössern hatte er in allen Zimmern große und kleine Teiche anlegen lassen. Da saß er denn mit seinen Lieblingen und Weibern, die Angelrute in der Hand, indes die Statthalter und Minister das Volk plünderten. Wollte dieses mit seinen Klagen bis zum Könige dringen, so gebot man ihm, unter fürchterlichen Drohungen, Stillschweigen, weil durch lautes Reden die Fische verscheucht wurden und nicht anbissen. Jedermann wurde daher vom Schlosse entfernt gehalten. Alles ging in demselben in größter Stille zu, außer bei den Mahlzeiten, wo jedoch nichts als Fische gespeiset wurden. Ich erreichte den Zweck meiner Sendung dadurch, daß ich Seiner Majestät, durch Seine Exzellenz den Geheimen Hof-Fischer, eine neue Art von Köder (oder Lockspeise für die kleinern Fische) überreichen ließ, durch dessen Hülfe ich, in meinen Knabenjahren, manche Forelle aus den Harzbächen gestohlen hatte. Dies gefiel dem Monarchen ungemein, und er unterschrieb auf der Stelle den Handlungstraktat mit Abyssinien, ohne ihn gelesen zu haben.

Den König von Bugia fand ich beschäftigt, Zahnstocher aus Sandelholz zu schnitzeln. Dies war seine einzige Beschäftigung, vom Morgen bis zum Abend. Er hatte einem benachbarten Volke kürzlich zweiundzwanzig einträgliche Ämter gegen einen kleinen Wald von Sandelbäumen abgetreten; denn schon fing es an, ihm an Materialien zu Zahnstochern zu fehlen. Er beschenkte jedermann mit diesen Kostbarkeiten. Die Beamten mußten die Untertanen zwingen, Sandelbäume zu pflanzen, und unter diesem Vorwande wurden sie denn schrecklich gedrückt; denn wenn unter andern ein solcher Geld brauchte, so befahl er dem Bauer, seine besten Felder in einen Wald zu verwandeln, und dann war kein andres Mittel da, als sich mit einer Summe Geldes den kleinen Tyrannen vom Halse zu schaffen.

Als ich nach Fungia kam, war der Monarch dieses Volks in einen blutigen Krieg mit seinen Nachbarn, den Barbirini, verwickelt. Der Gegenstand dieses Kriegs war die Auslieferung der heiligen Knochen eines Priesters, der am Aussatze gestorben war. Der König war nämlich im höchsten Grade andächtig und abergläubisch. Er war von Pfaffen erzogen worden, die ihn in der äußersten Dummheit erhalten hatten, damit sie desto despotischer das Land regieren könnten. Die Hälfte aller Güter im Lande gehörte den Priestern, und bei diesem Kriege war es eigentlich auf nichts angelegt, als gewisse hell sehende Köpfe, zu denen der König einige Zuneigung gefaßt hatte und die sich listig, und um sicher zu sein, in das Gewand der Religiosität gehüllt hatten, dadurch zu entfernen, daß man sie mit der Armee fortschickte. Meine Unterhandlung an diesem Hofe ging dadurch gut vonstatten, daß ich dem Könige drei ganze Körper von Einsiedlermönchen aus den Gebirgen Waldubba in Abyssinien versprach. Solche Mönche werden für Wundertäter und Heilige gehalten und pflegen ein hohes Alter zu erreichen, wenn sie nicht von venerischen Krankheiten aufgerieben werden, welches sehr oft der Fall ist. Schwerlich würden indessen diese Gebeine mein Wort geredet haben, wenn ich nicht dem Oberpriester ein großes Geschenk an abyssinischem Golde versprochen hätte.

Der König von Tasi war ein warmer Freund der Beredsamkeit. Den sehr gedrückten Untertanen, die um Brot baten, pflegte er lange Reden zu halten, worin er ihnen bewies, daß es unpatriotisch sei, soviel Hunger zu haben. Bei meiner ersten Audienz erinnerte ich mich der Aktus, denen ich in meiner Jugend auf der Schule in Holzmünden beigewohnt hatte. Es ging ungefähr ebenso dabei her, und wurden im großen Rittersaale sieben Reden gehalten; auch wurde da viel unnütze Feierlichkeit angestellt. Den Allianztraktat unterschrieb man unter Absingung von Hymnen; doch baueten sie in Abyssinien nicht viel auf die Treue des Königs von Tasi, und der Erfolg rechtfertigte dies Mißtraun. Beim Abschiede beschenkte ich den König mit neun Bänden von Freimaurer-Reden, die ich ins Arabische hatte übersetzen lassen und die sehr gnädig aufgenommen wurden.

In Hab mußte alles durch Weiber durchgesetzt werden. Der Monarch war mit neun wirklichen Gemahlinnen und fünfunddreißig Kebsweibern versehen, deren jede ihren Anhang, ihre Kreaturen, ihre Grillen und ihr Privatinteresse auf Kosten der andern gelten machen wollte. Der entnervte Wollüstling war das Spielwerk aller dieser Parteien. Sie verleiteten ihn zu tausend Torheiten und Ungehörigkeiten, und das ehemals so mächtige Reich war seinem Sturze nahe, als, gleich nach meiner Abreise von dort, der schwache Regent starb und sein Sohn zur Regierung kam, von welchem man, wie von allen Thronfolgern in der Welt, die besten Hoffnungen hatte.

In Omazib, einem der größten Reiche in Nubien, und in welches vor mir, und vielleicht auch bis jetzt, noch kein andrer Europäer gekommen ist, regierte ein König oder wurde vielmehr ein König von seiner Gemahlin regiert, deren Herz über alle Maßen an Glanz, Pracht, an der Bewundrung des Pöbels und an Feierlichkeiten hing. Statt für den innern Flor des Landes zu sorgen, machte man, mit ungeheurem Kostenaufwande, ohne Unterlaß Plane zu Eroberung fremder Provinzen, nicht sowohl, um dadurch wahre Vorteile für die übrigen eignen Länder zu ziehen, als vielmehr, um das Vergnügen zu haben, große Huldigungsfeste zu feiern, den königlichen Titel um einige Zeilen zu verlängern und in den Jahrbüchern, von kurzsichtigen und knechtischen Geschichtschreibern, unter die mächtigen Eroberer gezählt zu werden. Die unnützen Kriege und die Summen, welche man der weibischen Eitelkeit opferte, erschöpften die Kassen; der Staat wurde mit großen Schulden belastet, und den armen Bedienten blieb man den Gehalt schuldig.

In Agazan herrschte ein Monarch, der allen guten Willen hatte, sein Land glücklich zu machen, verjährte Vorurteile auszurotten und eine vernünftige Gleichheit unter allen nützlichen Ständen in seinem Reiche einzuführen; allein der Ungestüm, mit dem er das alles trieb, Mangel an weiser, nüchterner Übersicht, an Überlegung und Festigkeit, verdarben auch seine edelsten Absichten. Er mußte oft Schritte zurückgehen, die er übereilt getan, oft widerrufen, was er befohlen hatte, weil es nicht ausführbar war. Dabei respektierte er zuwenig die Freiheit der Menschen und ihr Eigentum, rechnete zuwenig auf ihre verschiednen Stimmungen und Vorstellungen von Glückseligkeit, denen der Weise zur rechten Zeit in Kleinigkeiten nachgibt, um größere Zwecke zu erreichen. Er wollte alles gewaltsam, nach Willkür, mit der eisernen Hand des Despotismus durchsetzen; und so erbitterte er denn die Gemüter des Volks, so wie er von einer andern Seite die Großen durch zuviel Popularität vor den Kopf stieß und demütigte, die Andächtler gegen sich aufbrachte und die strengen Moralisten durch seine unreinen Sitten empörte. Er war krank, als ich ihm vorgestellt wurde, aber ich konnte mich nicht enthalten, Interesse für ihn zu empfinden, und wenn er länger in der Welt lebt und nicht durch seinen Ungestüm mehr verdirbt, als wiedergutzumachen möglich ist, so kann noch einst sein Reich sehr glücklich unter seiner Leitung werden.

Der König von Nemas hatte keinen Sinn für andre Freuden als für die elenden Freuden der Jagd. Das Land wimmelte von Löwen und Hyänen, welche ungeheure Verwüstungen anrichteten, aber nicht geschossen werden durften, damit der Monarch seine rasende Mordlust befriedigen konnte, sooft er wollte, das heißt: täglich, vom Morgen bis zum Abend. Er sähe sein ganzes Land nur als einen großen Park an, der ihm zum Vergnügen vom Schöpfer angelegt wäre. Seine Untertanen, nebst ihrem Viehe und ihren Früchten, betrachtete er als das bestimmte Futter für die Tiere, unter denen er sein Wesen trieb. Was aber die Löwen und Hyänen nicht fraßen, das nahmen die Beamten und Statthalter weg. Die Klagen der Bauern über Not, Druck und Armut zu hören, dazu hatte er weder Muße noch Lust. Es fand sich kein Augenblick, wo man ihm eine Bittschrift überreichen konnte, als wenn er durch die Galerie ging, um sein Jagdpferd zu besteigen; dann nahm er kalt und unteilnehmend die Papiere an, achtete der Tränen nicht, lachte über die komischen Figuren, welche die um Hülfe Flehenden machten, wenn sie vor ihm niederfielen und seine Knie umfassen wollten, oder befahl den Leuten, wenn er einmal recht gnädig war, aufzustehen, indem er hinzufügte, er sei ja nicht der liebe Gott (welches sie nun freilich wohl merkten), übrigens wolle er die Sache seinen Räten empfehlen. Und dabei blieb es. Die Bittschriften wurden an die verschiednen Departements abgeliefert; - und wehe dem, der darin über Ungerechtigkeit und Bedrückung geklaget hatte! Ihm wußten es die Bassen einzudrängen! Wurde aber einer, dem man es recht arg gemacht und der nun nichts mehr zu verlieren, nichts mehr zu fürchten hatte, gar zu laut, ging hin zu dem Könige und wußte sich Gehör zu verschaffen, so daß Seine Majestät etwa einmal aus ihrem Seelenschlafe erwachten und ernstlich befohlen, dem Armen zu helfen, dann verbanden alle sich gegen ihn; er wurde dem Monarchen als ein Querulant, als ein unruhiger Kopf geschildert, der nie zufrieden wäre, den man gar nicht anhören müßte. Zugleich machte man ihn dem Volke verdächtig, brachte allerhand böse Gerüchte von ihm in Umlauf, als sei er ein gefährlicher, boshafter Mann; und so fand denn der Unglückliche weder Gehör noch Glauben, noch Beistand.

Der König von Orawad schien eine unförmliche Fleischmasse ohne Geist und Leben zu sein; unfähig, an irgendeiner Sache wahres Vergnügen zu finden, für irgendeinen Gegenstand Interesse zu fassen, irgendein paar Begriffe zu verbinden und zu ordnen, war er nicht nur weit entfernt, seine Regentenpflichten erfüllen zu können, sondern auch ungeschickt, mitten in dem Schlaraffenleben, das er führte, einen Augenblick von Genuß zu haben und eine leidlich anständige, ernsthafte Miene anzunehmen, wenn seine Hinterviertel den Thron seiner Väter ausfüllten. Echte Stupidität und Langeweile dehnten sich auf seiner Stirne, und wenn er den Mund öffnete, so geschah es, um eine Albernheit zur Welt zu bringen. Unter seinen Weibern das wollüstigste und ränkevollste beherrschte ihn, und das auf eine so verächtliche, erniedrigende Weise, daß sie ihn bei jeder Gelegenheit öffentlich zu einem Gegenstande des Spottes machte. So unersättlich wie ihre körperlichen Begierden, so grenzenlos war ihr Hang zur Pracht und Verschwendung. Da war keine Art von Auflage zu erdenken, womit man nicht das arme Land heimsuchte, um den unvernünftigen Aufwand der Königin zu bestreiten und ihre niederträchtigen Sklaven, Lieblinge und Buhler zu bereichern. Der höchste Grad von Verderbnis der Sitten herrschte in allen Ständen und verhinderte das an Leib, Seele und Vermögen zugrunde gerichtete Volk, sich dem abscheulichen Despotismus entgegenzustemmen, womit es geschunden wurde. Ein zweideutiges Wort, ja, nur ein lauter Seufzer war hinlänglich, den, welchem dies Wort oder dieser Seufzer entfahren war, auf seine Lebenszeit im Kerker schmachten zu lassen. Verhaftbefehle und Todesurteile wurden, unter mutwilligen Scherzen, in der Garderobe und im wollüstigen Taumel ausgefertigt, indes man dem seelenlosen Monarchen, in dessen Namen man dies Unwesen trieb, kleine Nüsse hinwarf, womit er spielen mußte, und ihn mit Hohn in die Schranken seiner Dummheit zurückwies, wenn er es einmal wagte, nach etwas zu fragen. Ein glücklicher Leichtsinn und die Gabe, mit Lebhaftigkeit die kleinen guten Seiten an jedem Dinge zu entdecken und die Augenblicke von frohem Genuß zu erhaschen, hatte denn auch die Nation bis jetzt abgehalten, ernsthaft über ihren traurigen Zustand nachzudenken und kräftige Mittel zu wählen, ihre schimpflichen Fesseln abzuschütteln; allein ich sahe doch feste, edle Männer mit finsterm Blicke umherschleichen, sich zuweilen verstohlen die brüderliche Hand drücken und sich mit dem großen, wohltätigen Plane beschäftigen, der auch nachher ist ausgeführet worden.

Von dem Könige von Tafak habe ich wenig zu sagen. Er ist den Türken zinsbar, welche ihm die Krone auf den Kopf gesetzt haben, die auf diesem leeren Haupte nur so lange festsitzt, als er der demütige Diener der Pforte bleibt. Er ist aber von dieser gekrönten Sklavenrolle sehr zufrieden, insofern ihn seine Königsbedienung nur in den Stand setzt, ungestört in Völlerei und Wollust zu leben.

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