Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Charles Irénée Castel de Saint-Pierre >

Der Traktat vom ewigen Frieden

Charles Irénée Castel de Saint-Pierre: Der Traktat vom ewigen Frieden - Kapitel 9
Quellenangabe
typetractate
authorAbbé Castel de Saint-Pierre
titleDer Traktat vom ewigen Frieden
publisherVerlag von Reimar Hobbing
year1922
translatorFriedrich v. Oppeln-Bronikowski
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140206
projectid
Schließen

Navigation:

Fünftes Hauptstück.

Behauptung.

Wird dieser Vorschlag den Herrschern im Kriege gemacht, so erleichtert er den Frieden.

Erfolgt er während der Friedenskonferenz, so erleichtert er den Friedensschluß.

Erfolgt er im Frieden, so verbürgt er dessen Dauer.

Der Beweis für den ersten Satz ergibt sich unschwer aus dem dritten Hauptstück. Zu Beginn der meisten Kriege steht auf der einen Seite ein Herrscher oder eine Liga als Angreifer und Forderer, auf der anderen ein Herrscher oder eine Liga, die sich bloß verteidigen und nichts verlangen. Im Verlauf des Krieges aber erhebt auch die Partei, die anfangs nichts verlangte, ihre Forderungen, weil sie Kosten und Verluste gehabt hat. Somit fordert ein jeder entweder alles, was er beansprucht, oder, da er es nicht bekommen kann, einen Teil davon, oder schließlich ein Äquivalent für seine Forderungen.

Jeder Anspruch, so bedeutend er sei, verliert an Wert, je mehr Kosten seine Erlangung macht und je ungewisser der Erfolg des Krieges wird. Aus diesem Grunde kann man manche Ansprüche, so groß sie an sich seien, für nichts oder für fast nichts ansehen. Man kann also sagen, daß auch der Wert der Äquivalente für die Kriegführenden wechselt, je nach den augenblicklichen Erfolgen und den nächsten, vorauszusehenden Umständen. Ja es ist auch für den Scharfsichtigsten schwer, den Wert dieser Ansprüche und Äquivalente richtig einzuschätzen. Immerhin ist im Krieg, wie im Glücksspiel, eine ungefähre Schätzung möglich, und wenn man einem Spieler, der im Vorteil ist, ein Äquivalent bietet und ihm etwas zuviel bietet, so soll er es annehmen, wenn er seinen Vorteil kennt.

Zum Glück brauchen die, denen ich hier Äquivalente für ihre Ansprüche biete, nicht den genauen Wert ihrer Ansprüche zu kennen. Sie brauchen nur einzusehen, daß die Vorteile des Friedens, falls man Mittel findet, ihn dauernd zu machen, weit größer sind als alle ihre Ansprüche. Es ist, als ob ihr Feind sich erböte, sie nicht nur zu entschädigen, sondern ihnen alljährlich eine bedeutende Summe zu zahlen, nicht nur in den ersten zehn Friedensjahren, sondern während der ganzen Dauer des Friedens. Und diese Zahlungen sind völlig sicher, da jeder sie sich selbst leistet: durch die Kostenersparnis, die Vermehrung des Handels und die anderen unversieglichen Quellen, die ich im dritten Hauptstück angab. Was liegt daran, ob diese Summen vom Feinde kommen oder aus einem Schatz, den man bei sich selber entdeckt, in dessen Genuß man aber nur mit seiner Erlaubnis kommt.

Haben sich einige der Alliierten nur deshalb am Kriege beteiligt, um Sicherheit für ihren Besitz und Handel zu erlangen, so finden sie diese Sicherheit, die sie im Kriege umsonst suchen, in meinem Plan. Sie werden durch ihn also nicht nur zum Frieden bewogen, vorausgesetzt, daß er von Dauer ist, sondern sie werden auch ihre Verbündeten dazu bestimmen, indem sie erklären, sie wollten keinen Krieg mehr, und ihnen begreiflich machen, daß sie nicht mehr um Bedingungen markten sollen, wo sie die Segnungen des ewigen Friedens genießen können.

Der Beweis für den zweiten Satz meiner Behauptung ist noch leichter, denn man setzt sich doch erst an den Konferenztisch, wenn beide Teile kriegsmüde sind und in ihren Bedingungen nachgeben. Wenn aber die beiderseitigen Ansprüche geringer geworden sind, als zu Beginn oder im Laufe des Krieges, so sinkt auch der Wert der Äquivalente, die man vorschlagen kann und die sie annehmen würden. Und doch sind die Äquivalente, die ihnen mein Plan bietet, gleich groß geblieben: es sind die dreizehn Vorteile des dritten Hauptstückes. Gab es ja Äquivalente, die unendlich mehr wert sind als die Ansprüche, so sind es diese. Ich glaube also sagen zu können: sobald sie der Konferenz vorgeschlagen sind, wird man nicht mehr über das Mehr oder Weniger streiten, sondern jeder wird sich bemühen, zu einem raschen und nützlichen Abschluß zu kommen.

Was den dritten Satz meiner Behauptung betrifft, so scheint es auf den ersten Blick, als ob der Friede die günstigste Zeit für die Verwirklichung meines Planes sei. Ich bin aber ganz anderer Ansicht. Man spürt das Elend des Krieges nie mehr, als wenn er schon Jahre gedauert hat, und ist nie empfänglicher für die Segnungen des Friedens, als wenn man sie lange entbehrt hat. Überdies ist gerade der Friede die Zeit, wo die meisten Herrscher Ansprüche gegeneinander ausklügeln; manche denken sogar an den letzten Friedensschluß zurück, wo sie wider Willen mehr Gebiet preisgegeben haben, als sie beanspruchen zu können glaubten. Der anscheinende Friede ist also nichts als eine wirkliche Kriegsvorbereitung, zwar heimlich und verborgen, aber nicht minder tatsächlich und um so mehr zu fürchten.

Trotzdem glaube ich, wenn die Herrscher diesen Plan kennen lernen, werden sie anfangen, den Frieden als wichtiger, die Kriegskosten als gewisses Übel, die Erfolge als zweifelhafter zu betrachten. Sie werden anfangen, die wirklichen Vorteile eines ungestörten Friedens abzuwägen, und sind sie einmal erst soweit, so sind die Vorteile so greifbar, so zahlreich, so groß und so gegenwärtig, daß sie aus eigenem Entschluß oder auf Anraten ihrer Minister, auf Wunsch ihrer Verbündeten und ihrer Untertanen, das vorteilhafte Äquivalent ihrer Ansprüche in Gestalt des ewigen Friedens annehmen.

* * *

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.