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Der Traktat vom ewigen Frieden

Charles Irénée Castel de Saint-Pierre: Der Traktat vom ewigen Frieden - Kapitel 7
Quellenangabe
typetractate
authorAbbé Castel de Saint-Pierre
titleDer Traktat vom ewigen Frieden
publisherVerlag von Reimar Hobbing
year1922
translatorFriedrich v. Oppeln-Bronikowski
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140206
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Drittes Hauptstück.

Behauptung.

Kann der vorgeschlagene europäische Bund allen christlichen Herrschern völlige Sicherheit für den inneren und äußeren Frieden geben, so ist es für jeden von ihnen vorteilhafter, den Vertrag zur Bildung dieses Bundes zu unterzeichnen, als es nicht zu tun.

Ich will jetzt näher auf die Beweggründe eingehen, Welche die früheren Herrscher zur Bildung ihrer Bünde bestimmt haben, somit auch die jetzigen zur Bildung des europäischen Bundes bestimmen können. Diese Beweggründe sind die Vorteile, die sie davon haben sollen. Zum Beweis meiner Behauptung bedarf es also nur eines Vergleichs der Vorteile, die die christlichen Herrscher beim jetzigen System des fast dauernden Krieges haben, mit denen, die sie nach der Bildung des Systems des ewigen Friedens haben würden. Sind die letzteren größer und zahlreicher, so genügt der bloße Vergleich zum Beweis. Ich beginne mit den Vorteilen des Friedenssystems für die Herrscher im allgemeinen, dann für die Mächtigsten, und füge einige Betrachtungen über die besonderen Vorteile für die Schwächeren und für die Freistaaten hinzu. Ist der Beweis für die Vorteile der Mächtigsten, d. h. der schwierigere Teil, gelungen, so wird der Rest dem Leser leichter erscheinen.

1. Vorteil.

Vergleich zwischen der begründeten Aussicht auf Vergrößerung und der begründeten Furcht vor gänzlichem Zusammenbruch.

Der erste Unterschied zwischen beiden Systemen beruht auf der dauernden Unveränderlichkeit der Staaten und Herrscherhäuser einerseits und auf ihren Umwälzungen und Zusammenbrüchen andererseits. Im System des Krieges kann der mächtigste Herrscher Europas hoffen, daß sein Staatsgebiet sich ums Doppelte vergrößert, ja ganz Europa umfaßt, und daß er oder seine Nachkommen ihre Einkünfte durch diese Eroberungen in gleichen: Maße vermehren. Denn der Krieg erschüttert alles, und auch, was am festesten zu stehen scheint, kann ja nach den Umständen in ein paar Jahren umgestürzt werden. Aus demselben Grunde aber kann er auch fürchten, daß sein Haus Unglück hat und daß sein Gebiet und seine Einwohner, statt sich zu verdoppeln, sich eines Tages stark vermindern, ja ganz verloren gehen, sei es durch Eroberung einer mächtigeren Liga, sei es durch innere Aufstände.

Im System des Friedens hingegen sind die Grenzen jedes Staates durch die früheren Verträge und vor allem durch den gegenwärtigen Besitz begrenzt. Diese Verträge kommen unweigerlich zur Ausführung, da der Bund eine hinreichende Sicherheit dafür bietet, mithin sind die einmal bestimmten Grenzen unverrückbar. Kein innerer Aufstand ist mehr zu besorgen; ebensowenig hat ein Herrscher zu befürchten, daß die Grenzen seines Staates jemals eingeschränkt werden, noch darf er hoffen, daß er sie jemals erweitern kann.

Es bleibt also zu untersuchen, ob der mächtigste Herrscher Europas im System des Krieges mehr Anlaß hat, eine bedeutende Erweiterung an Gebiet und Einkünften für sein Haus zu hoffen, als seine völlige Schwächung und seinen Sturz zu fürchten. Ich sage: für sein Haus, denn ich habe mehrere Geschlechter und Jahrhunderte im Auge. Denn fürwahr: hätte ein Herrscher für sein Haus viel getan, wenn er während seiner Regierung zwei bis drei Provinzen erobert hätte, wenn sein Enkel auf dem gleichen Wege, d. h. im System des Krieges, vier bis fünf verlieren müßte? Hätte er viel gewonnen, wenn er seinen Staat um das Doppelte vergrößert, aber sein Urenkel ihn auf dieselbe Weise völlig verliert?

Hätte er eine besser begründete Aussicht, sein Reich zu verdoppeln, als den Sturz seines Hauses zu fürchten, so verlöre er diese Aussicht durch den Beitritt zum Völkerbund freilich, weil dieser zwar jedem sein Gebiet voll und ganz verbürgt, aber keine Gebietserweiterungen erlaubt. Dann dürfte er den Bundesvertrag nicht unterzeichnen, wofern er nicht eine andere gleichwertige Entschädigung für seinen Verzicht auf diese Aussicht findet. In Wirklichkeit aber hat er mehr Grund, den völligen Sturz seines Hauses zu fürchten, als die Verdoppelung seines Reiches zu hoffen. Er kann also durch Unterzeichnung des Vertrages nur gewinnen, denn er befreit sich und seine Nachkommen von jeder Sorge. Für den Beitritt zum Völkerbund hat er also keinen anderen Beweggrund, als den Fortfall der Sorge. Wäre die Aussicht auf Vorteil ebenso groß wie die auf Schaden, dann müßte freilich noch ein anderer Beweggrund hinzutreten, wie z. B. die Kriegskosten. Wie wir indes sehen werden, braucht der mächtigste Herrscher für den Beitritt zum Friedenssystem, wenn er klug und vorausschauend ist und den Vorteil seines Hauses liebt, keine anderen Beweggründe, obschon diese, wie wir sehen werden, so zahlreich und mächtig sind, daß man ihn für ganz töricht halten müßte, wenn er am System des Krieges festhielte.

Hat er die Aussicht, sein Gebiet auf Kosten seiner Nachbarn zu verdoppeln, so haben diese, wenn sie sich verbünden, die gleiche Aussicht, sich auf seine Kosten zu vergrößern. Glaubt er Ansprüche auf ihre Staaten zu haben, so machen sie die gleichen Ansprüche auf die seinen. Verläßt er sich auf seine Macht und auf seine Verbündeten, so tun sie ein Gleiches. Erhofft er sich Vorteile von einer Regentschaft, einer vormundschaftlichen Regierung, einem Bürgerkrieg, einem Friedensbruch zwischen seinen Nachbarn, so können diese im Laufe der Jahrhunderte auf die gleichen Ereignisse rechnen. Beseelt ihn Ehrgeiz, Eifersucht und Rachedurst, so können seine Nachbarn von denselben Gefühlen erfüllt sein. Ist er stärker als vier Verbündete, so ist er doch schwächer als fünf oder sechs; so weit steht also alles gleich.

Gäbe es in Europa nur zwei gleich starke Großmächte, so hätten beide im Laufe der Jahrhunderte von den verschiedenen Minderjährigkeitsregierungen und Kriegsereignissen das Gleiche zu fürchten und zu hoffen. Verzichteten sie also gegenseitig auf ihre Aussichten auf Gebietserweiterungen, ihre Ansprüche und Rechte auf das Gebiet der Gegenpartei, so liegt es auf der Hand, daß sie in gleichem Maße verzichteten. Könnten sie sich gegenseitig hinreichende Sicherheit geben, daß ihr Vertrag nur 150 Jahre lang ohne Krieg in Geltung bleibe, so hätten sie von den Folgen dieser gegenseitigen Verzichtleistung nichts als Gewinn. Schon die ununterbrochene Fortdauer des Handelsverkehrs und die Verringerung der Heereskosten würden die Einkünfte beider Staaten verdoppeln, wie wir weiterhin zeigen werden. Und was hätten sie von einem hundertundfünfzigjährigen Kriege mehr, als die Verdoppelung ihres Staates und der Einkünfte ihres Hauses? Nun aber setzt im System des Krieges jedes Haus alles aufs Spiel, um es zum Schaden des anderen zu verdoppeln; im System des Friedens hingegen wird nichts aufs Spiel gesetzt und die Einkünfte verdoppeln sich doch, ohne daß man deshalb seinen Nachbar zugrunde zu richten braucht.

Der Krieg ist ein System des Zufalls. Wieviele Entscheidungsschlachten sind durch Zufall verloren gegangen! Wieviele Menschen sind durch einen Zufall gefallen! Wieviel Aufstände sind durch bloßen Zufall schlimm ausgegangen! Mir scheint, wenn einer jener beiden gleich mächtigen Herrscher die Hälfte Europas für die andere aufs Spiel setzt, so wagt er mehr, als er gewinnen kann, denn er wagt seinen notwendigen Besitz für einen ebenso großen unnötigen, den er erwerben will, aber viel leichter entbehren kann, als den notwendigen. Ist aber die Möglichkeit zu gewinnen und zu verlieren die gleiche, und ist der Einsatz für ihn wertvoller als der Gewinn, so liegt es auf der Hand, daß er mehr zu verlieren als zu gewinnen hat, nicht in bezug auf den Zufall, der gleich sein mag, sondern auf das, was er aufs Spiel setzt und was an sich zwar gleichwertig, für den Einsetzenden aber mehrwertig ist. Schon hier zeigt sich bei beiden Systemen, was den Gebietszuwachs oder Verlust betrifft, ein beträchtlicher Vorteil zugunsten des Friedenssystems, ganz abgesehen von den Kriegskosten und dem Kriegselend.

Angenommen aber, in Europa beständen nicht zwei, sondern drei gleich mächtige Großstaaten, so wird der Beweis nur noch stärker. Denn im System des Krieges ist jede dieser drei Mächte durchaus gezwungen, alles aufs Spiel zu setzen, um den beiden anderen im Laufe der Zeit ihren ganzen Besitz zu nehmen. Sie trotzen den gewöhnlichen Zufällen also nicht freiwillig, sondern gezwungen. Auch die weisesten müssen wider Willen ihren ganzen Besitz aufs Spiel setzen, müssen entweder die anderen zugrunde richten oder sich von ihnen zugrunde richten lassen. Im System des Friedens dagegen ist keiner dazu gezwungen; vielmehr hat jeder den Vorteil, die Früchte seiner Sparsamkeit und seines Talents durch andere Arten von Vergrößerung zu ernten.

Angenommen, diese drei Häuser hätten 150 Jahre im System des Friedens gelebt und wollten zu dem des Krieges zurückkehren. Jeder Herrscher hoffte, die beiden anderen durch Benutzung der Zufälle auf die Dauer zu unterwerfen und Alleinherrscher von Europa zu werden. Das wäre ebenso, wie wenn drei Spieler, jeder im Besitz einer Million, übereinkämen, nicht eher mit dem Spiel aufzuhören, als bis einer von ihnen die drei Millionen in der Tasche hätte und die anderen zugrunde gerichtet wären. Sicherlich kann ein Mann, der eine Million besitzt, leichter auf die beiden anderen Millionen verzichten, als auf die eine, von der er lebt. Nun aber ist bei gleichem Glück drei gegen eins zu wetten, daß er alles verliert und nichts gewinnt. Was er gewinnen kann, ist an sich zwar dreimal so viel, als er verlieren kann, aber nicht für ihn. Seine Aussichten sind also noch weit geringer als bei dem Spiel von Zweien um das Doppelte des Einsatzes. Steht es also fest, daß zwei gleich mächtige Großstaaten, wenn sie sich hinreichende Sicherheit geben könnten, in ungestörtem Frieden zu leben, im System des Friedens unvergleichlich mehr Vorteil fänden, so wäre der Vorteil bei drei Großstaaten noch weit größer.

Aber es kommt noch ein Zweites hinzu. Bei drei gleich mächtigen Großstaaten kann keiner die beiden anderen zugrunde richten, ohne sich selbst zu vernichten. Wir werden dies im folgenden beweisen. Der Zufall bringt also noch mehr Nachteile mit sich. Denn erstens ist drei gegen eins zu wetten, daß er alles verliert; zweitens ist der Staat, der alles gewinnt, in dauernder und offenbarer Gefahr, ja er hat die völlige Sicherheit, binnen 50 Jahren nicht nur alles Gewonnene zu verlieren, sondern auch seinen ursprünglichen Besitz einzubüßen.

Ich nehme zum Beispiel an, Frankreich hätte im System des Krieges im Laufe von 200 Jahren, also 1912, die Herrschaft über Europa errungen, und Spanien, Italien, Griechenland, Ungarn, Polen, Rußland, Deutschland, Schweden, Dänemark, Holland und England wären nur noch Provinzen des französischen Weltreichs. Das Reich des Augustus und seiner Nachfolger, des Konstantin, Theodosius, Justinian und ihrer Nachfolger war sogar noch größer; aber man überlege doch einmal, wie lange diese Herrscherhäuser bestanden haben und von welchen Katastrophen sie ereilt wurden! Man begnüge sich nicht mit der Tatsache, sondern untersuche die Gründe für ihren Untergang, für all die Morde und Giftmorde gegen die Person der Kaiser und ihrer Verwandten, und man wird sehen, daß diese Herrscherhäuser sich keine 50 Jahre behauptet haben und daß diese Umstürze unvermeidlich und unausweichlich waren. Wäre das Haus Frankreich also im Jahre 1912 zur Weltherrschaft gelangt, so ist eins gegen eins zu wetten, daß es binnen 50 Jahren entthront und völlig vernichtet wäre, und zwei gegen eins, daß dies binnen 100 Jahren einträte. Kann ein Haus aber mit seinen verschiedenen Zweigen 3000, selbst 5000 Jahre, ja bis an das Ende der Zeiten den ersten Thron Europas einnehmen, was hätte es dann davon, wenn es nur 50 oder 100 Jahre auf dem Weltthrone säße? Besteht hier irgendein Verhältnis?

Welches aber ist die Ursache für den Sturz der Herrscherhäuser, und welches wirksame Mittel gibt es dagegen? Die Ursache ist der Ehrgeiz, das heftige Verlangen nach Machterweiterung. Dies Verlangen zu ersticken, seine Heftigkeit in allen Zeitaltern, an allen Höfen und bei einer großen Zahl von Hofleuten zu bezwingen, ist unmöglich. Es kann nur durch eine größere Furcht im Zaum gehalten werden, nämlich die vor dem unfehlbaren Untergang des Herrschers und seines ganzen Hauses. Ein Verschwörer, der sich eine Krone aufs Haupt setzen will, hat wohl vor allem die Furcht, daß die Nachbarn des Herrschers, dem er die Krone entreißen will, als Verwandte, Verbündete, Freunde oder bloß als Herrscher, ein Interesse daran haben, die unglücklichen Reste einer durch Verschwörung gestürzten Herrscherfamilie zu schützen und den Verschwörer zu strafen. Diese Furcht fällt weg, wenn es keine benachbarten Herrscher mehr gibt. Dieser Fall träte ein, wenn Europa nur einem Einzigen Untertan wäre. Niemand könnte dann mehr seine Nachkommen oder sein Geschlecht beschützen und seinen Tod rächen, weil er oder seine Vorfahren sie sämtlich vernichtet hätten.

Je größer aber die Macht eines Herrschers ist, um so mehr reizt sie die Verschwörer an. Ein Kaiser muß seine Brüder und Verwandten fürchten. Diese Furcht treibt Barbarenherrscher oft dazu, sich ihrer zu entledigen und somit die Dauer ihres Hauses selbst zu untergraben. Ebenso muß ein Kaiser seinen Ministern, Heerführern und Günstlingen sein Vertrauen schenken und ihnen seine Heere übergeben. Das sind meist sehr ehrgeizige Leute, und was kann man von einer so heftigen Leidenschaft wie der Ehrgeiz erwarten, wenn sie nicht mehr durch Furcht gezügelt wird? Je größer also das Reich ist, um so häufiger und leichter werden Verschwörungen gegen den Kaiser und sein Haus sein. Die Gefahr seines Unterganges wächst mithin im Verhältnis zu seiner Größe und steht ihm nie näher, als wenn er alle anderen vernichtet hat.

Ein Nachfolger dieses Kaisers ist wenig begabt, wenig arbeitsam. Er jagt dem Vergnügen nach und wird von seinen Untertanen verachtet. Ein kühner und erfolgreicher Feldherr, der am Hofe in Ansehen steht, bei Offizieren und Soldaten beliebt ist, läßt sich von seinem Heere zum Kaiser ausrufen und marschiert gegen die Hauptstadt. Ein Kopf fällt, und er ist Herr des Reiches. Er braucht nicht zu fürchten, daß er von benachbarten Herrschern entthront wird.

Eine regierende Kaiserin verliebt sich in einen ihrer Höflinge, einem geschickten und kühnen Mann. Er gewinnt sich einen Anhang, heiratet die Kaiserin, läßt den Thronerben vergiften, die Angehörigen des Herrscherhauses im Kerker enden, ergreift selbst die Regierung, und ein neues Herrscherhaus erhebt sich auf den Trümmern dessen, das alle anderen vernichtet hat.

Ein Herrscher Europas hinterläßt beim Sterben die Regentschaft seinem ersten Minister, weil er seinem Bruder oder einem Verwandten mißtraut. Dieser Minister gewinnt in aller Muße die höchsten Offiziere und Staatsbeamten, kettet sie an sein Glück, bringt die minderjährigen Thronerben um und setzt sich ohne Mühe die Kaiserkrone aufs Haupt. Wer wird ihn an seinem Vorhaben und an seiner Ausführung hindern?

Das sind keine Visionen und Hirngespinste: man braucht nur die Geschichte aller Völker nachzulesen, und man findet Beispiele genug darin. Man schlage allein Herodians römische Kaisergeschichte auf, und man wird sehen, daß im Laufe von 60 Jahren 14 Kaisergeschlechter eins von dem anderen vertrieben wurden. Man untersuche die Katastrophen der Kaiserhäuser von Konstantin bis auf Michael Paläologos, dem Mohammed II. das griechische Kaiserreich entriß: über 50 wurden durch Verschwörungen von Ministern, Feldherren oder Günstlingen gestürzt, so daß im Durchschnitt von 1200 Jahren ein einziges Haus nicht über 25 Jahre geherrscht hat. Das scheint unglaublich und ist doch wahr. Worin liegt aber der Ruhm für ein Kaiserhaus, wenn es im Laufe von 12 Jahrhunderten mit 50 anderen Häusern wechselt, deren Herrscher von niedriger Herkunft und geringem Ansehen waren?

Die Geschichte dieser Weltmonarchien läßt einen sicheren Schluß auf die Schicksale des europäischen Kaiserhauses zu. Da es sein einziges Ziel ist, seine Nachbarn zu vernichten, vernichtet es damit unbedacht die einzigen wahren Beschützer seiner Nachkommen. Es hat freilich keine äußeren Feinde mehr zu fürchten, dafür aber hat es seine inneren Feinde vervielfacht, und zwar in dem gleichen Maße, wie es die äußeren vernichtet hat. Ehrgeiz ist eine Leidenschaft, die unter gleichen Verhältnissen stets die gleiche Wirkung hat. Zudem ist der Ehrgeiz nicht der alleinige Beweggrund der Verschwörer. Haß, Rache, die Furcht, von einer feindlichen Kabale gestürzt zu werden, haben ebenso oft zu Verschwörungen geführt. Für die Herrscherhäuser sind sie tödliche Krankheiten, gegen die es kein Mittel gibt: in diesen Abgrund führt die allzugroße Macht, führt das Verlangen nach der Herrschaft über Europa. Steht also ein Herrscherhaus hoch über den anderen, wie kann es dann wünschen, so hoch zu steigen, daß seine eigene Größe in 25, 50, 100 Jahren zu seinem Sturz führen muß? Wie kann es den Wunsch haben, hundert andere von niedriger Herkunft zu Nachfolgern zu haben, die selbst das Andenken seines Namens auslöschen?

Handelt es sich aber nur um eine Macht mit geringeren Ansprüchen, die nur einige Provinzen mehr haben will, so vergleiche man den Gegenstand ihres Verlangens, der zudem höchst ungewiß ist und ihr mehr kostet, als er einbringt, mit den unendlichen, wirklichen und sicheren Vorteilen, die ein ewiger, durch den Völkerbund gesicherter Friede bietet. Bleibt dem Herrscher dann ein Rest von Vernunft, so muß er die Unsinnigkeit seines Vorhabens einsehen, denn es führt auf einem höchst hassenswerten, schwierigen und zufallsreichen Wege zum völligen Untergang seines Hauses. Zum Beweis dafür nehme ich ein Bündnis mehrerer Herrscher an, das der Macht Frankreichs gleichkäme. Ein solches Bündnis ist nicht nur möglich, sondern es besteht. Seine Macht ist der Frankreichs nicht nur gleich, sondern überlegen. Ja, es könnte sich noch eine andere Liga von Herrschern bilden, die an dem jetzigen Kriege zwischen Frankreich und Osterreich nicht teilgenommen haben und deren Macht noch weit größer sein könnte. Handelte es sich nur um eine Liga mit gleicher Macht, so träte derselbe Fall ein, wie bei zwei gleich mächtigen Herrscherhäusern. Da sie aber mächtiger ist, so hat Frankreich noch zwingendere Gründe, dem System des Friedens den Vorzug zu geben.

Ich weiß wohl, daß die anderen europäischen Mächte schwächer sind als Frankreich, ja daß die heutige Liga gesprengt werden kann. Aber ich weiß auch, daß im Laufe mehrerer Jahrhunderte etwas geschehen kann, was seit 3000 Jahren schon mehr als zehnmal geschehen ist: daß nämlich eine so unbedeutende Macht wie das heutige Savoyen oder das alte Mazedonien in wenigen Jahren die größte Weltmacht über den Haufen werfen kann. Sesostris, Cyrus, Alexander der Große, Attila, Alarich, Almansor, Dschingiskhan, Tamerlan, die Osmanen, der letzte Tatarenkhan, der vor siebzig Jahren China überfiel – sie alle waren zehn- oder zwanzigmal, ja dreißigmal weniger mächtig als die Reiche, die sie unterwarfen. Die Umstände waren ihnen freilich günstig, aber können solche günstigen Umstände nicht immer wiederkehren? Sie hatten nicht mal den Beistand der heutigen Ligen, und doch hatten sie solche Erfolge. Je weniger mächtig sie überdies sind, um so zahlreicher sind sie: und findet sich unter einer größeren Zahl nicht leichter ein wagemutiger und erfolgreicher Herrscher? Somit bleibt der ganze Beweis bestehen.

Es scheint freilich nahezu unmöglich, einem mächtigen Herrscher die begründete Furcht einzuflößen, seine Nachkommen würden eines Tages entthront und vernichtet werden. Er hat zeitlebens in völliger Sicherheit gelebt und für sich nichts gefürchtet: wie sollte er also für seine Urenkel etwas fürchten? Aber das ist kein Beweis von Klugheit. Die Herrscher, die von Cyrus und Alexander besiegt und entthront wurden, hegten zehn Jahre vor ihrem Sturz keine Sorge für sich und für ihr Haus. Die einen waren viel mächtiger als die Eroberer, die anderen weit entfernt von ihnen. Wenn sie aber auch nichts fürchteten, war dies kein Grund, unbesorgt zu bleiben. Rechtfertigt ihr. Sicherheitsgefühl etwa ihre Sorglosigkeit? Ein Herrscher, der in seinem Lande keine Spaltungen und Religionswirren erlebt hat, stellt sich nicht vor, daß sie 100 Jahre nach ihm eintreten können. Franz I. sah die Bürgerkriege nicht voraus, die infolge der Glaubensstreitigkeiten nach seinem Tode ausbrachen und die Frankreich 40 Jahre lang verheerten. Er sah nicht voraus, daß das Königshaus 15 Jahre lang zwischen Sein und Nichtsein schweben würde. Trotzdem diese Unglücksfälle weder vorausgesehen noch gefürchtet wurden, waren sie doch nicht fern und nicht weniger zu fürchten. Man denke an die letzte englische Revolution. Noch 10 Jahre vor seinem Tod fürchtete Karl I. sich nicht vor den Folgen seines Zwistes mit dem Parlament Karl I., seit 1625 König von England, geriet in Streitigkeiten mit dem Parlament, die 1642 zum Kriege führten, und wurde 1649 vom Parlament hingerichtet. (Der Übers.): waren sie darum aber weniger zu fürchten? Cromwell riß unter dem Titel eines Lord Protector die Krone an sich. Was gab ihm die Sicherheit dazu? Nur der Gedanke, daß er stark genug sei, um sich gegen die fremden Mächte zu behaupten, die den Tod des Königs etwa rächen würden. Wäre England halb so mächtig gewesen, so hätte die Regentin von Frankreich Anna von Österreich, die Gattin Ludwigs XIII., führte nach dessen Tod (1643) die Vormundschaft über ihren minderjährigen Sohn Ludwig XIV. Karl I. von England war mit Henriette von Frankreich, der Schwester Ludwigs XIII., vermählt. (Der Übers.) ihre Schwägerin gerächt. Somit war die Macht des englischen Königtums der Grund für den Umsturz und schützte den Usurpator vor Strafe.

Ohne Zweifel wird mein Beweis, der auf der Voraussetzung dreier gleich mächtiger Herrscherhäuser beruhte, durch eine Vielzahl von Herrschern, also durch die 24, die nach meiner Annahme Sitz und Stimme im Völkerbund haben sollen, in keiner Weise entkräftet. Diese Vielzahl hat vor den drei Herrscherhäusern sogar unendlich viel voraus. Denn kämen nur drei Mächte überein, ihre künftigen Streitigkeiten ohne Krieg und durch den Schiedsspruch des Dritten, Unbeteiligten zu schlichten, so fehlte diesem Vertrage die hinreichende Sicherheit der Ausführung. Zwei von ihnen könnten ihre Ansicht mit der Zeit ändern, und ihre schlecht beratenen Nachfolger könnten das Gegenteil wollen. Ohne Rücksicht auf die Verluste, denen sie sich beim Aufhören des Friedens aussetzen, könnten sich zwei von ihnen in ihrer Verblendung zum Angriff auf den Dritten verbünden. Das wäre freilich sehr töricht, denn hätten sie ihn entthront, so würde es nicht lange dauern, bis einer von ihnen den anderen vom Throne stieße. Solche großen Torheiten sind selten, aber immerhin möglich, solange sie nicht durch eine größere Furcht vereitelt werden.

Ein Bündnis zwischen 24 Herrschern hätte diese furchtbare Unzulässigkeit nicht, denn im Bundesrat wird alles mit Dreiviertelmehrheit der Stimmen entschieden. Diese Mehrheit aber bilden die schwächeren Herrscher, die weniger Hoffnung haben, einen anderen zu überfallen, als Furcht, selbst überfallen zu werden. Sie haben stets das größte Interesse am Bestehen des Bundes und werden streng auf die Durchführung des Vertrages sehen. Da sie nun alle zusammen viel stärker wären, als diejenigen, die sich in törichtem Ehrgeiz unterfangen, den Bund und den Frieden zu brechen, so wären sie völlig sicher, daß er niemals gestört wird, oder daß die Störenfriede alsbald entthront werden. Die Furcht vor einer so großen und augenscheinlichen Gefahr würde hinreichen, um die Ehrgeizigen in Schranken zu halten. Diese große Furcht also wäre eine hinreichende Sicherheit für die Vernunft aller schwächeren Herrscher, und andererseits wäre diese Vernunft der Schwächeren eine hinreichende Sicherheit gegenüber ehrgeizigen Plänen der Mächtigsten, die den Bund etwa brechen wollten.

Es ist also bewiesen:

1. Im System des Krieges ist es unvermeidlich, daß die Herrscherhäuser sich im Laufe einiger Jahrhunderte gegenseitig stürzen und vernichten oder durch Verschwörungen ihrer Untertanen gestürzt werden.

2. Das mächtigste Herrscherhaus Europas, also jetzt das französische, hat im System des Krieges zweimal mehr Grund zu der Befürchtung, von einem anderen gestürzt zu werden, als Grund zu der Hoffnung, daß es sie alle stürzen wird.

3. Hätte das Haus Frankreich alle anderen gestürzt, so wäre es der viel näheren und völlig unvermeidlichen Gefahr ausgesetzt, durch die Verschwörungen seiner Untertanen gestürzt zu werden.

Ist es hingegen im System des ewigen Friedens und des europäischen Bundes möglich, dem Hause Frankreich jeden Gebietsverlust zu ersparen und ihm alle Sorge um seinen Sturz durch fremde Mächte oder durch die eigenen Untertanen zu nehmen, unter der Bedingung, daß es auf jede Gebietserweiterung verzichtet und hinreichende Sicherheiten für diesen Verzicht bietet, so steht es fest, daß es durch den Verzicht auf das gegenwärtige System des Krieges und durch seinen Beitritt zum System des ewigen Friedens bedeutend gewinnt. Es hat also viel mehr davon, den Vertrag des Völkerbundes zu unterzeichnen, als dies nicht zu tun; was zu beweisen war.

Zweiter Vorteil.

Vergleich der gewaltsamen Mittel zur Schlichtung von Streitigkeiten mit ihrem Austrag durch ein Schiedsgericht.

Wie ich im ersten Hauptstück zeigte, hatten die europäischen Herrscher bei dem bisherigen System kein anderes Mittel zum Austrag ihrer Ansprüche und Streitigkeiten als die Gewalt. Diese Ansprüche nehmen nie ein Ende und werden nie wirklich ausgetragen, außer durch die völlige Vernichtung des einen oder anderen der Streitenden, denn in den Verträgen lassen sich nicht alle künftigen Ansprüche voraussehen und regeln. Wäre das aber auch der Fall, so haben die Herrscher bisher doch keine Bürgschaft, keine hinreichende Sicherheit für die Ausführung dieser Verträge.

Im Völkerbund und Friedenssystem dagegen bietet sich ein sicheres und wirksames Mittel zum Austrag aller künftigen Streitigkeiten ohne Krieg, nämlich in dem dauernden Schiedsgericht der europäischen Herrscher, die ihre Bevollmächtigten in einem ständigen Bundesrat haben. Denn die dort vereinigten Schiedsrichter haben ein hinreichendes Interesse daran, daß ihre Urteile vollstreckt werden, und hinreichende Macht, um deren Vollstreckung auch gegen den Willen der Widerstrebenden durchzusetzen.

Das sind zwei sehr verschiedene Mittel, und doch sind es die einzigen. Wie die Gewalt das Kennzeichen des Kriegssystems, ist das ständige und unumschränkte Schiedsgericht das Kennzeichen des Systems des Friedens und des Völkerbundes. Es fragt sich also, welches von beiden Systemen für den mächtigsten Herrscher Europas, also jetzt den König von Frankreich, das vorteilhafteste ist. Denn ist das System des Schiedsgerichts schon für den Mächtigsten vorteilhaft, das heißt für den, der von seiner Gewalt am meisten zu hoffen und von der der anderen am wenigsten zu fürchten hat, so ist es um so vorteilhafter für den Schwächeren, das heißt für den, der von seiner Gewalt weniger zu hoffen und von der der anderen mehr zu fürchten hat.

Hätte der Mächtigste die hinreichende Sicherheit, daß er und seine Nachkommen stets die Mächtigsten bleiben, trotz der Listen des Feindes, trotz des Zufalls der Schlachten, trotz der Bündnisse, die sich gegen sein Haus bilden können, trotz der Zeiten der Schwäche, die sein Haus durchmachen kann, trotz der Aufstände, die eines Tages in seinen Staaten und in seiner eigenen Familie ausbrechen können, so hätte er sicherlich mehr zu verlieren, als zu gewinnen, wenn er seine Ansprüche anders als auf dem Wege der Gewalt durchsetzen wollte. Wäre er doch stets gewiß, sie nach seinem Willen zu entscheiden, stets für die Kriegskosten so wie für die Einbuße entschädigt zu werden, die seine Untertanen durch die Feindseligkeiten wie durch die Unterbrechung des Handels erlitten haben.

Wie die Dinge in Europa jedoch liegen, fehlt viel daran, daß der mächtigste Herrscher diese Sicherheit hat. Ich bitte den Leser doch nur sein Augenmerk auf die jetzigen Vorgänge zu richten. Können die beiden Zweige des Hauses Frankreich In Frankreich und Spanien. Der Spanische Erbfolgekrieg entbrannte 1701 nach dem Tode des letzten spanischen Habsburgers, auf dessen Reich Ludwig XIV. für seinen Enkel Philipp von Anjou und Kaiser Leopold I. für seinen Sohn Karl Anspruch erhoben. Letzterer fand Unterstützung bei England, Holland und dem Reiche. (Der Übers.) je einiger sein, als sie es seit elf Jahren, das heißt seit dem Ausbruch des Krieges sind? Können sie je größere Anstrengungen machen, als sie jetzt gemacht haben? Dagegen liegt es auf der Hand, daß die Alliierten noch einiger sein, daß sie noch größere Anstrengungen machen und ihren Bund noch erweitern können. Kann die Macht Frankreichs binnen 50 Jahren noch zunehmen, so kann die Macht der anderen binnen 100 Jahren im gleichen Verhältnis wachsen. Kann aber der mächtigste Herrscher zur Zeit seiner größten Machtentfaltung nicht darauf rechnen, daß alles nach seinem Willen geht, so ergibt sich daraus, daß alle Ausgaben, die seine Nachkommen künftig machen können, um ihre Ansprüche mit Gewalt durchzusetzen, ebenso zwecklos sind wie die jetzigen.

Soweit hat also der mächtigste Herrscher Europas keinen Vorteil davon, seine Ansprüche mit Gewalt statt durch Schiedsspruch zu entscheiden, selbst bei der Annahme, daß das Urteil der Schiedsrichter ebenso sehr vom Zufall abhängt, wie das Los der Schlachten. Aber er hat beim System des Schiedsgerichts einen anderen Vorteil, den das System des Krieges ihm nicht bietet.

1. Hätte der Mächtigste jedesmal, wenn er zu den Waffen greift, hinreichende Sicherheit, daß er im Falle eines Mißerfolges nur alle Kriegskosten verlöre und alle Schäden des Krieges hinnehmen müßte, so könnte er unbesonnen genug sein, dieser Gefahr zu trotzen, ohne recht zu erwägen, was diese Verluste bedeuten, und ohne sie mit dem wirklichen Wert der Ansprüche zu vergleichen, derentwegen er den Krieg führt. Aber diese Sicherheit hat er nicht; denn sind seine Feinde ihm im Krieg hinreichend überlegen, was hindert sie dann, ihm ein Drittel oder die Hälfte seines Staates, ja den ganzen Besitz fortzunehmen, um sich für ihre Verluste schadlos zu halten? Im System des Friedens fällt dieser furchtbare Nachteil fort. Auch der mächtigste Herrscher kann nur das verlieren, was er dem Urteil des Schiedsgerichts anheimstellt. Er hat keine großen Kosten zu tragen, seine Grenzen werden nicht verheert, sein Handel nicht gestört, und er hat seinen Gegnern keine Kriegskosten zu zahlen. Wie groß ist dieser Vorteil!

2. Weiter ist im System des Krieges der mächtigste Herrscher, so friedlich und verständig er sei, wider Willen gezwungen, in den Streitigkeiten und Kriegen zwischen seinen Nachbarn Partei zu ergreifen. Er hat also nicht nur seine eigenen Streitigkeiten mit Gewalt auszutragen, sondern muß auch noch alles aufbieten, um die Streitigkeiten der anderen im Interesse seiner eigenen Sicherheit zu schlichten. Im System des Schiedsgerichts hingegen hat jeder Herrscher hinreichende und wechselseitige Sicherheit gegen das Übelwollen der anderen; er braucht sich also nur um seine eigenen Streitigkeiten zu kümmern und ist Schiedsrichter aller Streitigkeiten unter den anderen. Ich frage: ist das nicht auch ein großer Vorteil?

3. Auch der mächtigste Herrscher ist nicht völlig unabhängig. Wer Anlaß zu Besorgnis hat, ist abhängig; wer großen Anlaß zur Besorgnis vor einer großen Gefahr hat, ist sehr abhängig. Man kann also mit Bestimmtheit sagen, daß alle Herrscher, so unabhängig man sie sich denken mag, tatsächlich sehr abhängig voneinander sind, weil sie tatsächlich einander zu fürchten haben. Die Abhängigkeit eines Herrschers richtet sich nach der Macht der anderen Herrscher und ihrer Verbündeten. Sie ist im Kriegszustand um so größer, als sein Haus in beständiger Gefahr schwebt, von einem oder mehreren Feinden, die die Oberhand erlangen, gestürzt zu werden. Nur bei der Kriegserklärung selbst ist er unabhängig. Ist diese aber erfolgt, so ist er abhängig vom Erfolg, und dieser ist abhängig von der Macht seiner Feinde.

Man erwäge dagegen, was ein Herrscher im System des Schiedsgerichts zu fürchten hat. Von seinen Schiedsrichtern hat er weit weniger zu fürchten als von seinen Feinden, er ist also weit unabhängiger als im System des Krieges. Denn schließlich hat er von ihnen nur für das zu fürchten, was er ihrem Schiedsspruch anheimstellt, also nur Grenz- oder Handelsfragen oder etwa persönliche Kränkungen. Nun aber sind die Grenzen durch Verträge bestimmt, oder wo es diesen an der nötigen Klarheit fehlt, tritt der gegenwärtige friedliche Besitz dafür ein. Alles, was den Streit um Besitz lohnt, ist also heutzutage ein Besitz und trägt dessen deutliche Zeichen, wie Rechtsprechung und Abgaben. Wo diese Zeichen fehlen, ist das Ganze keinen Streit wert. Somit wird es nie Streit um eine Provinz, nicht mal um eine Stadt oder einen Flecken geben. – Die Handelsstreitigkeiten betreffen weniger den Herrscher als seine Untertanen. Da aber im Völkerbund gleiche und gegenseitige Handelsgesetze unter allen Nationen eingeführt werden, so können die Herrscher, die ihm angehören, den Untertanen dieses mächtigen Herrschers durch ihre Bevollmächtigten keinen Nachteil zufügen lassen, den sie nicht ihren eigenen Untertanen zufügen. – Was schließlich die persönlichen Streitigkeiten zwischen Herrschern betrifft so sind sie bei der großen räumlichen Entfernung sehr selten. Auch steht dem Gekränkten der Weg der Klage und Genugtuung offen, und um die Schande der Genugtuung zu vermeiden, wird jeder sich hüten, Anlaß zu Klagen zu geben. Auch betreffen solche Streitigkeiten nicht sowohl die Dynastien, als die einzelnen Herrscher. Die Dynastien bleiben, und die Herrscher sterben. Die Person des Herrschers kann also wohl für eine Weile von dem Schiedsgericht abhängig sein, sein Haus dagegen bleibt völlig unabhängig. Da er aber bei der Sühne für persönliche Kränkung notwendigerweise von der Gewalt oder von einem Schiedsspruch abhängt und die erstere Abhängigkeit weit größer und härter ist, so kann er bei dem Tausch seiner Abhängigkeit nur bedeutend gewinnen.

4. Wäre die Unabhängigkeit auch in beiden Systemen die gleiche, so gewinnt der Herrscher, der dem Friedenssystem beitritt, doch ebensoviel, wie er aufgibt. Denn tritt er den 23 anderen Herrschern das Recht ab, zur Verfechtung seiner Ansprüche, zu den Waffen zu greifen, wenn es ihm beliebt, so treten ihm diese ja in gleicher Weise das Recht ab, gegen ihn zu den Waffen zu greifen, wenn es ihnen beliebt. Tritt er ihnen durch den Vertrag das Recht ab, dauernd seine Schiedsrichter zu sein, das sie nicht hatten, so treten sie ihm in gleicher Weise das Recht ab, ihr Schiedsrichter zu sein, das er nicht hatte. Welche Machtvollkommenheit er ihnen also auch einräumt, sie räumen ihm die gleiche ein. In welche Abhängigkeit er sich ihnen gegenüber auch begibt, sie werden von ihm ebenso abhängig.

5. Abgesehen von diesen Erwägungen, die die Abhängigkeit stark einschränken, steht eins fest: Man hat seine Richter um so weniger zu fürchten, je mehr man vom Recht seiner eigenen Ansprüche oder seiner Verteidigung überzeugt ist, je sicherer man ist, daß die Richter aufgeklärt, gerecht und durch ihr eigenes Interesse zur Gerechtigkeit veranlaßt sind. Da nun die Herrscher wissen, daß die Rechtsgrundsätze ihrer Schiedssprüche auch gegen sie selbst und gegen ihre Nachkommen angewandt werden, so haben sie selbst das größte Interesse an völlig unparteiischer Rechtsprechung. Je weniger also die Richter zu fürchten sind, um so weniger wird dem Herrscher die Abhängigkeit fühlbar werden. Ja die Abhängigkeit, in die er sich durch das Schiedsgerichtsverfahren begibt, ist nur ein Schatten von der, in der er und seine Nachkommen sich im System der Gewalt befinden.

6. Wäre aber auch die Abhängigkeit in beiden Systemen die gleiche, so bestände doch stets ein gewaltiger Unterschied, schon hinsichtlich der ungeheuren Kosten des Kriegssystems, wovon wir noch weiterhin reden werden.

Kann also der europäische Bund dem mächtigsten Herrscher hinreichende Sicherheit für die Dauer des inneren und äußeren Friedens bieten, so ist es für ihn weit vorteilhafter, diesen Vertrag zu unterzeichnen, als es nicht zu tun.

Dritter Vorteil.

Vergleich der Macht und Unabhängigkeit im System des Krieges und des Friedens.

Gäbe es in Europa nur zwei gleich mächtige Herrscher, so wären sie an sich völlig unabhängig voneinander. Da sie sich aber gegenseitig zu fürchten hätten, wären sie tatsächlich abhängig voneinander, denn ein jeder hängt von dem ab, den er zu fürchten hat, und in dem Maße, wie er ihn zu fürchten hat. Da beide in diesem Falle voneinander gleichviel zu fürchten hätten, wären sie tatsächlich gleich abhängig voneinander. Könnten sie also ein Mittel finden, das sie der gegenseitigen Furcht enthebt, so wäre das außerordentlich vorteilhaft für sie und befreite sie von der gegenseitigen Abhängigkeit. Wenn aber der mächtigste Herrscher Europas stets auf Gegenbünde von gleicher Macht stoßen kann und wird, und wenn er ein Mittel fände, durch das er nie mehr etwas von diesen Gegenbünden oder einzelnen ihrer Mitglieder zu fürchten hätte, so ist es klar, daß er sich von einer tatsächlichen, harten und sehr drückenden Abhängigkeit befreit. Dies Mittel läßt sich aber niemals im System des Krieges finden wo jeder nur auf Gewalt ausgeht, dagegen ist es völlig entdeckt im System des Friedens und des Völkerbundes, wo nur der Weg des Rechts und der Gerechtigkeit beschritten wird und keiner vom anderen etwas zu fürchten hat, weil alle unter dem Schutz des Bundes stehen.

Warum sagt ein Privatmann mit Recht, er sei von seinen Mitbürgern unabhängig? Weil er nichts von ihnen zu fürchten hat. Und warum dies? Weil kein Nachbar ihm ungestraft sein Gut rauben oder ihn töten kann. Und warum kann dieser es nicht ungestraft tun, ohne das eigene Leben zu verwirken? Weil beide im Schoß einer Gesellschaft leben, die im eigenen Interesse für die Beobachtung der Gesetze sorgt, und weil diese Gesellschaft mächtig genug ist, für ihre Beobachtung trotz dem Widerstand ihrer Übertreter zu sorgen. Die Häuptlinge der Wilden leben nicht in dieser glücklichen Unabhängigkeit. Ihr Gut und Leben kann ihnen täglich ungestraft genommen werden. Mangels eines Gesetzes und einer Gesellschaft leben sie in der härtesten Abhängigkeit voneinander.

Angenommen, wie es nur zu oft geschieht, das fragliche Herrscherhaus hat ein Kind oder einen Geisteskranken zum Oberhaupt. Dann gerät es in die größte Abhängigkeit von seinen Nachbarn. Ist es also schon sehr im Vorteil, wenn es zur Zeit seiner größten Macht aus dieser Abhängigkeit befreit wird, so erst recht in der Zeit seiner Schwäche. Sein Herrscher findet also im Vertrage des Völkerbundes, und nur in ihm, das für einen klugen und vorausschauenden Fürsten so wichtige Geheimnis, sein Haus in Zeiten der Schwäche ebenso sicher zu stellen, wie zur Zeit seiner größten Macht.

Soviel von der Stellung gegen seine Nachbarn. Vergleicht man aber seine Macht über die eigenen Untertanen im System des Krieges und des Friedens und ihre Abhängigkeit von ihm, so zeigt sich ein deutlicher und sehr beträchtlicher Vorteil. Denn im System des Krieges können sie sich empören, in der Hoffnung, ihre Lage zu verbessern, und dabei auf den Beistand seiner Nachbarn rechnen oder sich doch durch eigne Kraft behaupten; ihre Abhängigkeit ist also viel geringer und die Macht des Herrschers sehr beschränkt. Im System des Friedens aber haben sie bei einem Aufstand nicht nur auf keinen Beistand zu rechnen, sondern im Gegenteil das Einschreiten des Völkerbundes zugunsten ihres Herrschers und ihre Bestrafung zu fürchten.

Mir scheint also bewiesen, daß die Unabhängigkeit an sich in beiden Systemen die gleiche bleibt. Wohl aber ist die tatsächliche Abhängigkeit, die Furcht vor der verborgenen oder offenen Gewalt der Nachbarn, untrennbar vom System des Krieges, während sie in dem des Friedens ganz fehlt. Dieser Vorteil ist für das Lebensglück eines Herrschers und die Dauer seines Hauses unschätzbar. Der Machtzuwachs gegenüber seinen Untertanen ist nicht weniger erheblich. Ja er ist so bedeutend, daß man mir vorgeworfen hat, ich erleichterte durch diesen Machtzuwachs die Tyrannei. Darauf werde ich an anderer Stelle antworten S. Seite 156 ff. hier gilt es nur zu zeigen, daß auch die Macht des mächtigsten Herrschers im System des Friedens noch beträchtlich zunähme.

Kann also die europäische Gesellschaft dem mächtigsten Herrscher hinreichende Sicherheit für den dauernden inneren und äußeren Frieden bieten, so ist es für ihn viel vorteilhafter, diesen Vertrag zu unterzeichnen, als es nicht zu tun.

Vierter Vorteil.

Vergleich der Fortschritte in Gesetzen, Verordnungen und nützlichen Einrichtungen im System des Krieges und des Friedens.

Wie jedermann weiß, vervollkommnen sich die Gesetze und Einrichtungen eines Staates, je mehr er in Blüte steht, je mehr Einnahmen und andere bedeutende Vorteile der Herrscher von ihm hat. Im Kriege aber werden die Gesetze am meisten vernachlässigt und am schlechtesten befolgt; die nützlichen Einrichtungen mehren sich nicht, sondern verfallen von Tag zu Tag mehr.

1. Zum Beispiel gibt es in den meisten Staaten gute Gesetze, um die Rechtsstreitigkeiten der Untertanen zu vermindern und sie mit geringen Kosten zu beenden. Sie ließen sich aber zweifellos noch verbessern: durch Verringerung der Prozesse um die Hälfte bei gleich gerechter Rechtsprechung und bei rascherer und billigerer Erledigung. Was ist das Haupthindernis für solche Reformen? Der Krieg. Was verhindert die Durchführung der schon gemachten Reformvorschläge? Der Krieg. Was kann dem Herrscher die Zeit und die Mittel zu ihrer Durchführung geben? Allein der Friede, der ewige Friede.

2. Nichts trüge zum Glück der Herrscher und ihrer Völker mehr bei, als wenn man das Geheimnis entdeckte, sie vermöge ihres eigenen Vorteils dahin zu bringen, die Gaben ihres Standes zu vervollkommnen, die Tugenden ihres Standes täglich mit wachsender Strenge zu üben. Man müßte dann nur ein sicheres Mittel ausfindig machen, um den Herrschern die verschiedenen Stufen des Verdienstes der Bewerber um öffentliche Ämter zu geigen. Nun hat man aber schon schwierigere Dinge ausfindig gemacht. Man könnte ja Preise für die besten Vorschläge hierüber ausschreiben. Was hindert daran? Der Krieg. Und wenn solche Vorschläge gemacht wären, was verhindert ihre Durchführung? Der Krieg. Im System des Friedens dagegen hätte man alle denkbare Zeit und Gelegenheit dazu.

3. In den großen Städten wie in den Provinzen gibt es eine große Zahl hervorragender Geister, die Zeit und Fähigkeit genug besitzen, um die schwierigsten Fragen zu erörtern und vorzügliche Vorschläge für wichtige Einrichtungen zu machen. Man könnte unter der Aufsicht jedes Ministers einen Ausschuß von Fachleuten bilden, die diesen hervorragenden Geistern ihre Arbeit zuweisen, sie leiten und unter ihren Denkschriften die verdienstvollsten und nützlichsten aussuchen. Was hindert daran? Der Krieg. Und gibt es ein besseres System für die Einführung dieser nützlichen Einrichtung, als das des Friedens?

4. Bekanntlich ist der Besitz eines bequemen und sicheren Straßennetzes für jeden Staat äußerst wichtig. Es gibt darüber gute Bestimmungen, aber sie werden schlecht befolgt. Das ist ein Zeichen, daß sie noch verbesserungsbedürftig sind. Vollkommen ist eine Bestimmung nur, wenn eine genügende Zahl von Menschen an ihrer pünktlichen Ausführung hinreichend interessiert ist. Was verhindert aber die Vervollkommnung dieser Bestimmungen? Der Krieg. Ich kenne Leute, die Vorschläge darüber ausgearbeitet haben So Saint-Pierre selbst in seinem » Mémoire sur la Réparation des Chemins« (1709). (Der Übers.). Ihre Prüfung wurde bis nach dem Kriege verschoben. Der Krieg erfüllt gegenwärtig alle Geister, und alles, was sich nicht auf den Krieg bezieht, wird aus den Frieden vertagt.

5. Bekanntlich ist es für jeden Staat ein großes Unheil, wenn er von Zeit zu Zeit von einer Hungersnot befallen wird. Die Anlage von Kornmagazinen und Speichern würde nicht ein Hundertstel von dem kosten, was der Staat auf diese Weise in jedem Jahrhundert verliert. Was hindert die Herrscher, diese Einrichtung zu treffen? Die Kriegskosten und Kriegssorgen. Im System des ewigen Friedens hingegen wäre nichts leichter einzurichten und in Gang zu erhalten Totzdem war es der Militärstaat Preußen, der diese Einrichtung alsbald schuf und trotz seinem Kriege in Gang erhielt. (Der Übers.). Die Hungersnöte sind in Kriegszeiten sogar viel gefährlicher, weil der Handel stockt; im Frieden jedoch könnte der Handel dies Unglück großenteils wettmachen, da nicht alle Länder Europas von der gleichen Teuerung befallen werden.

6. Das Gedeihen der Staaten hängt von der Zahl der guten Bürger und trefflichen Geister ab, die in den öffentlichen Ämtern sind. Einsicht und Tugend aber entwickeln sich nur nach langer Vorbereitung von Geist und Herz, insbesondere in der Jugend. Ließe sich die Jugenderziehung aber nicht verbessern? Könnten nicht in den Kleinstädten und Dörfern zahlreichere und bessere Schulen geschaffen werden? Jedermann weiß, welchen Unterschied die Erziehung bei Männern wie Frauen hervorruft. Wie viele junge Leute gehen von der Schulbank zum Heer, gerade in den Jahren, wo sie ihren Geist völlig durchbilden müßten? Wie sehr ließe sich die Unterrichtsmethode in jeder Kunst und Wissenschaft für jedes Lebensalter abkürzen. Dazu bedürfte es freilich tüchtiger Leute, dauernden Fleißes und Aufsichtsbeamter, die den Ministern Bericht erstatteten. Woran liegt es, daß die Mehrzahl dieser Maßnahmen und Einrichtungen nicht getroffen werden? An den Kriegssorgen. Der Krieg wirft die bestverwalteten Staaten in die Barbarei zurück Auch hier war es gerade der Militärstaat Preußen, der damals mit der Einrichtung der allgemeinen Volksschule der ganzen Kulturwelt vorausging. (Der Übers.). Man hat schon lange gesagt, das Gesetz verstumme im Kriege. Man kann sagen, wenn überall die Methoden für die geistige Bildung und die sittliche Erziehung vervollkommnet würden, so würden die großen Männer unseres Zeitalters nur Schulbuben im Vergleich zu denen künftiger Zeiten sein. Was aber kann Europa diese große Vervollkommnung bescheren, wenn nicht ein ungestörter Friede?

7. Jeder wird zugeben, daß sich die Einnahmen der Herrscher durch Steigerung der Einnahmen ihrer Untertanen erheblich vermehren lassen, daß die Steuern bei gerechterer Verteilung nach der Steuerkraft dem Handel weniger schaden und vor allem leichter einzuziehen sind. Dazu aber bedürfte es einer Kommission, die alle diesbezüglichen Vorschläge gründlich prüfte, und eines langen inneren und äußeren Friedens, bevor der Herrscher eine so einschneidende Veränderung vornimmt. Wie aber soll man diese Gewißheit im System des Krieges haben?

Wenn ich diese Beispiele voranstelle, so gibt es doch noch andere von gleicher Tragweite, die gute Bestimmungen erfordern. Hinzu kommt, daß man zur Ausführung guter Bestimmungen auch Mittel und Wege finden muß, um einen Teil der Untertanen an ihrer Ausführung lebhaft zu beteiligen. Das ließe sich nicht ohne neue Einrichtungen bewerkstelligen. Man müßte zu dem Zweck Einrichtungen, die im Ausland bestehen, zum Muster nehmen, müßte in aller Muße darüber nachdenken, besondere Geldmittel zur Verfügung zu haben, um sie dafür zu verwenden. Ja, um diese Einrichtungen zu treffen, müßten die Regierungen oft noch größere Macht über die Völker haben, als sie der Herrscher besitzt. Kann man sich aber im System des Krieges nur ein Zehntel der Vorteile versprechen, die das Friedenssystem unweigerlich böte?

Mehr noch: wenn zehn Herrscher hintereinander sich alle Mühe gegeben haben, einen Staat gut zu verwalten, überfällt ihn ein Eroberer an der Spitze barbarischer Völker und wirft ihn für tausend Jahre in die tiefste Barbarei zurück. An Beispielen fehlt es hier nicht. Das sind die Wirkungen des Kriegssystems einerseits, des Friedenssystems andererseits. Man versetze sich nun in die Lage des mächtigsten Herrschers Europas, dem es nahegelegt wird, mit allen übrigen Herrschern einen Weltfriedensbund abzuschließen. Wird er die Unterschrift verweigern? Wird er nicht im Gegenteil die größte Freude seines Lebens empfinden, daß er zu einer für ihn, sein Haus und seine Untertanen so vorteilhaften Einrichtung die Hand bieten kann?

Fünfter Vorteil.

Vergleich der Schwierigkeit, im System des Krieges seine Absichten zu verbergen, mit dem offenen Verfahren im System des Friedens.

Ich behaupte nicht, im System des Friedens habe ein Herrscher keine seiner Absichten zu verbergen. Aber sicher ist, daß er dreimal weniger zu verbergen braucht, sowohl seinen Nachbarn wie seinen Untertanen. Da alle künftigen Verträge mit den Nachbarn in der Stadt des Friedens unter Kenntnis und Zustimmung aller anderen Herrscher geschlossen werden, hat er keine Sorge, betrogen zu werden, und keine Hoffnung, andere zu betrügen. Somit wird niemand wagen, etwas in Vorschlag zu bringen, von dessen Berechtigung er nicht selbst überzeugt ist.

Was seine Untertanen betrifft, so könnte er ihnen seine Absichten verbergen, weil er bei ihrem Bekanntwerden fürchten müßte, daß sie sich ihnen widersetzen und sich empören würden, obwohl diese Absichten im Grunde nur auf ihr Bestes abzielen. Wenn er aber keine äußeren Kriege zu fürchten hat und des Beistandes des Völkerbundes sicher ist, so braucht er sie nicht geheim zu halten; im Gegenteil, als guter Fürst kann er sowohl Pläne, die Beifall finden, wie andere veröffentlichen und Preise für bessere Vorschläge zur Erleichterung ihrer Ausführung aussetzen. Was aber wäre für einen Herrscher vorteilhafter, als zur Förderung seiner Pläne die besten Geister seines Landes mit geringen Kosten an ihnen mitarbeiten zu lassen, sowohl zum eigenen Nutzen wie zum Wohl seiner Untertanen?

Im System des Krieges hingegen ist auch der mächtigste Herrscher durch die Geheimhaltung sehr gebunden. Kann er seine Absichten nur wenigen mitteilen, so wird er nur wenig Einsicht und Unterstützung finden. Teilt er sie aber vielen mit, so verliert er den Vorteil des Geheimnisses, denn er hat bei diesem System sowohl seine Nachbarn wie seine Untertanen zu fürchten und ist von ihnen abhängig. Ja, er ist sogar sehr häufig gezwungen, seine eigentlichen Absichten zu verbergen und diese wie jene irrezuführen, damit sie nicht über ihn herfallen. Ost genug sieht das Volk ja nicht ein, daß eine Maßregel ihm km Grunde genommen mehr Vorteil als Nachteil bringt. So muß selbst der beste Fürst heucheln und darf nur schrittweise und unmerklich auf sein Ziel losgehen. Dieser Zwang aber und diese Langsamkeit verzögern die Ausführung seiner großen Pläne unendlich. Wie anders im System des Friedens!

Sechster Vorteil.

Fortschritte der Künste Unter Künsten ist hier nach dem alten Sprachgebrauch Kunstfleiß und Technik zu verstehen. (Der Übers.) und Wissenschaften im System des Krieges und des Friedens.

Jedermann weiß, wieviel die Künste und Wissenschaften zum Reichtum und zur Blüte eines Staates beitragen können. Mit Geschick und Wissen leistet ein Mensch das Zwanzigfache dessen, was ein Ungebildeter leistet. Um sich davon zu überzeugen, braucht man nur einen Blick auf die Buchdrucker- und Kupferstechkunst oder auf die älteren Künste, Mühlen, Schiffahrt und hundert andere zu werfen. Andererseits trägt die Wissenschaft viel zur Vervollkommnung der Künste bei. Selbst die spekulativen Wissenschaften können durch ihre Methoden und Erkenntnisse viel zur Förderung der Medizin, der Rechtswissenschaft, der Moral und vor allem der Politik beitragen, von der das Glück der Könige und der Völker abhängt.

Wer aber erkennte nicht, welche gewaltige Fortschritte die Künste und Wissenschaften machen würden, wenn die Kriegskosten und Kriegssorgen sie nicht hemmten? Wie viele Familien können in Kriegszeiten nicht die Kosten für eine standesgemäße Erziehung aufbringen! Wie viele Talente, die der Krieg verschlingt, könnten sich in den Künsten und Wissenschaften nutzbringend betätigen! Wie sehr könnten Preise und Gehälter für die Tüchtigsten die anderen zum Wetteifer anspornen! Je mehr gute Köpfe sich einer Wissenschaft widmen, je mehr sie zum Wetteifer angespornt werden, desto merklicher werden die täglichen, unmerkbaren Fortschritte schon im Laufe eines Jahres. Wieviel Dinge könnte man ohne Unterbrechung des Handels vom Ausland entlehnen und vervollkommnen! Das sind die wahren Mittel, um einen Staat zu vergrößern und zu bereichern und ihm Glanz zu verleihen. Auch der mächtigste Herrscher kann aber nie Mittel zur Erleichterung und Förderung großer Fortschritte in Künsten und Wissenschaften finden, außer wenn er einen Vertrag unterzeichnet, der ihm völlige Sicherheit für einen dauernden Frieden gibt.

Siebenter Vorteil.

Dauer der Kulturdenkmäler im System des Krieges und des Friedens.

Die großen Mehreinnahmen der Herrscher, insbesondere der mächtigsten, gäben ihnen eine herrliche Gelegenheit, prachtvolle Paläste und Kirchen zu bauen, bequeme Landstraßen, Kanäle, Wasserleitungen, Hospitäler, Häfen und Brücken anzulegen, die Akademien, Schulen und Wohlfahrtseinrichtungen zu vermehren, die öffentlichen Bibliotheken und Sammlungen zu bereichern und eine Menge anderer Einrichtungen zu treffen, die nützliche Denkmäler ihrer Pracht, Güte und Weisheit wären. Was aber die Hauptsache für sie und für ihre Nachkommen wäre: diese Denkmäler wären von Dauer. Welche Dauer dagegen kann man sich im System des Krieges versprechen, wo jedes Zeitalter etwas Dauernswürdiges zerstört? Wieviel herrliche Werke der Bildhauer-, Kupferstich- und Baukunst, wieviel wertvolle Geschichtswerke und öffentliche Urkunden sind unwiederbringlich dahin! Der Krieg hat sie zerstört. Wieviel alte Bücher und andere Denkmäler gingen allein zugrunde, als die Bibliothek von Alexandria während der Bürgerkriege Caesars verbrannte. Wieviel haben die Goten, Vandalen, Türken und andere Barbaren Zum Beispiel die vandalische Verwüstung der Pfalz (Heidelberger Schloß, Dom und Kaisergräber zu Speyer) durch die Franzosen unter Ludwig XIV., nicht infolge von Kriegshandlungen, sondern aus systematischer Zerstörungssucht. (Der Übers.) vernichtet? Wer wird unsere Denkmäler vor dem gleichen Geschick retten? Nur ein dauernder Friede kann sie der Nachwelt erhalten.

Achter Vorteil.

Vergleich zwischen dem Ruf der Herrscher im System des Krieges und des Friedens.

Was tun die Herrscher im System des Krieges für ihren Ruf, ich meine selbst die besten und menschlichsten? Sie sind oft gezwungen, ihre Völker mit Abgaben zu drücken, die Länder ihrer Feinde zu verheeren und zu brandschatzen, ja selbst ihre eigenen Länder. Was ist die Folge von soviel Unglück, das sie über Unschuldige bringen? Ihr Name ist der Nachwelt verhaßt; die meisten Schriftsteller tadeln sie, nur wenige Lohnschreiber rühmen sie, aber ihr Lob ist sehr zweifelhaft und anfechtbar, und kein Mensch möchte einen solchen Ruhm haben. Dem Eroberer rechnet man seine guten Eigenschaften, seine großen Gaben fast gar nicht an; im Gegenteil, die, welche durch ihn leiden oder gelitten haben, vergrößern seine Fehler. Ein großer Eroberer wird allgemein von allen Völkern, auch von dem seinen, gehaßt; man sieht in ihm einen zweiten Attila.

Wieviel mehr gewinnt ein Fürst für seinen Nachruhm, wenn er den ewigen Frieden herbeiführt! Den Ruhm, zur größten und wünschenswertesten Einrichtung beigetragen zu haben, die je auf Erden war und sein wird. Dieser Ruhm ist zweifellos eines Fürsten mit edlen Gefühlen und hohem Sinn würdig. Es ist klar, daß von allen Herrschern derjenige, der die größte Macht hat und am eifrigsten bestrebt ist, den Weltfriedensbund zu unterzeichnen, an diesem Ruhm den größten Anteil haben wird. Denn einerseits gibt er mehr Hoffnungen und Ansprüche auf, als die anderen, und andererseits setzt er durch seine Macht und sein Ansehen mehr durch.

Sein Volk wird ihn ewig als den Herrscher ansehen, der ihm die dauerhafteste Wohltat erwiesen hat. Die anderen Völker werden ihn noch in ihren fernsten Nachkommen als Friedensbringer und größten Wohltäter der Menschheit preisen. Gibt es einen Ruhm, der dem vergleichbar wäre, etwas Gutes, sehr Gutes von langer Dauer zu tun, nicht nur vielen Menschen und Verdiensten aller Art, nicht nur seinem Volke, sondern allen Völkern der Erde und allen künftigen Geschlechtern? Kann etwas einen Menschen der Gottheit näher bringen? Gibt es etwas Glorreicheres als die Bezwingung eines Ungeheuers, das alljährlich Tausende verschlingt, soviel herrliche Städte zerstört, so viele reiche, blühende Provinzen vernichtet und das ewig aus seiner Asche wiederersteht? Was ist der Ruhm des Herkules, Theseus und aller anderen Helden, von denen man seit dreitausend Jahren spricht, neben diesem Ruhm?

Die anderen, die dem Bund beitreten, werden auch ihren Teil an diesem Ruhm haben, aber der erste, der Hand ans Werk legt, wird stets mit Recht für seinen Haupturheber gelten. Und welcher andere Plan kann ihm je soviel Ehre bringen und den Rest seiner Tage mit Freude und Genugtuung erfüllen? Welch anderes Werk und Denkmal kann sein Andenken sicherer unsterblich machen? Die Menschen bringen gern all ihre Mühe und Arbeit, all ihre Kräfte und all ihre Gefahren zum Opfer, um nur ein Hundertstel dieses Ruhmes zu erwerben; denn hier steht alles auf der höchsten Stufe, Gegenstand, Opfer, Hindernisse. Ich gehe noch weiter und über den menschlichen Ruhm hinaus. Welches Werk ist eines Weisen würdiger, eines christlichen Helden, der wohltun und die Menschen beglücken will, ohne nach dem berechtigten Lob zu fragen, das sie seiner Tugend zollen?

Neunter Vorteil.

Gemütszustand des Herrschers im System des Krieges und des Friedens.

Wie wir sehen, hat auch der mächtigste Herrscher Europas im System des Krieges weit mehr Anlaß, den Sturz seines Hauses zu fürchten, als eine Gebietserweiterung zu erhoffen. Was seinen Ruhm betrifft, so ist er auf Unglück und Untergang zahlloser Familien, auf den Mord zahlloser Unschuldiger, auf die Verzweiflung der Menschen begründet und somit recht hassenswert. Was also bleibt ihm zu hoffen? Will er, daß sein Andenken dem jenes Verbrechers Herostrat. gleiche, der ein Weltwunder wie den Tempel von Ephesos in Brand setzte? Fühlt er sich nur inmitten von Blut und Gemetzel wohl? Dann ist er kein Mensch, den man lieben kann, sondern ein Ungeheuer, das man ausrotten muß.

Führt er aber nur Krieg, um sein Recht zu erlangen, so kann er es auch im System des Friedens finden, verbunden mit der Gewißheit, daß ihm und seinen Nachkommen nie etwas genommen werden kann, was er schon besitzt. So sehr er auch auf die Zahl und Tapferkeit seiner Truppen bauen mag, der Zufall der Schlachten und anderer Kriegsereignisse hält ihn doch im Sommer in ewiger Sorge, und der Winter vergeht über den mühevollen Vorbereitungen des nächsten Feldzuges. Hat er auch stets Erfolge gehabt, so muß er doch all die Mühen abrechnen, mit denen sie erkauft sind. Aber auch der Glücklichste hat Mißerfolge, und sie sind um so empfindlicher, je mehr er an die Freuden des Erfolges gewöhnt war.

Ich weiß, das Glück eines großen Geistes, eines großen Gemüts, eines Mannes der Tat ist die Tätigkeit. Aber soviel Befriedigung ihm eine Betätigung gibt, die seinem Charakter entspricht, so unglücklich können ihn ewige Aufregungen und schwere Sorgen machen. Die Seele bedarf der Bewegung; sie soll etwas wünschen und handeln, um ihr Ziel zu erreichen, aber wenn möglich nie in der grausamen Spannung einer großen Sorge leben.

Das aber wird der Herrscher im System des Krieges oft müssen. Oft führt er ja auch wider Willen Krieg. Im System des Friedens dagegen bestimmt er seine Tätigkeit selbst. Er kann friedlich alle Freuden eines weisen Fürsten genießen, kann die Liebe seiner Völker durch seine unermüdliche Sorge für ihr Wohl erwerben, kann sie glücklicher machen als andere Völker, und wenn er den wahren Ruhm liebt, kann er derart seine Wünsche voll befriedigen.

Zehnter Vorteil.

Handelsverkehr im Krieg und Frieden.

Die Einkünfte Frankreichs an Grundvermögen einschließlich des Kirchengutes betragen 450 Millionen. Der Außenhandel zu Land und Wasser und der Binnenhandel erreicht fast die gleiche Höhe. Davon beträgt der Außenhandel allein etwa ein Drittel, also gegen 150 Millionen. Von zwanzig Jahren ist Frankreich etwa zehn Jahre im Kriege, das heißt die Hälfte eines Jahrhunderts vergeht mit Krieg, die andere mit verschiedenen Waffenstillständen. Es verliert also die Hälfte seines Außenhandels, das heißt in hundert Jahren 50 x 150 Millionen = 7500 Millionen oder im Jahresdurchschnitt 75 Millionen. Freilich treibt nicht der König Handel, sondern die Privatleute. Aber durch den Ausfall an Einfuhr- und Ausfuhrzöllen, durch die Unterbrechung des Salzhandels, durch die Konsumverminderung und die Abnahme der Binnenschiffahrt verliert er über ein Fünftel dieser Summe. Verlieren also seine Untertanen 60 Millionen, so verliert er 15 Millionen jährlich von den laufenden Einkünften.

Elfter Vorteil.

Bevölkerungszuwachs.

Die im Kriege Gebliebenen vermindern die Bevölkerungszahl und fallen für den Bevölkerungszuwachs durch Nachkommen aus. Je größer aber die Volkszahl ist, um so mehr leisten die Manufakturen, um so besser gedeiht der Ackerbau, um so mehr bringt er ein. Je mehr Menschen im Handel beschäftigt sind, um so reicher wird der Staat. In dieser Hinsicht ist also zwischen den beiden Systemen kein Vergleich.

Zwölfter Vorteil.

Einkünfte der Grenzprovinzen.

Der Leser weiß zur Genüge, daß die Gegenden, die alljährlich durch Beitreibungen und häufig durch Feuersbrünste verheert sind, die ordentlichen Steuern nicht zahlen können. Dieser Ausfall übersteigt für Frankreich im Kriegsjahr 2 Millionen. Da von zwanzig Jahren zehn Kriegsjahre sind, beträgt der Ausfall im Jahresdurchschnitt über 1 Million für den König, für die Untertanen über 5 Millionen. Im System des ewigen Friedens fallen beide Verluste ganz fort.

Dreizehnter Vorteil.

Heeresausgaben im System des Krieges und des Friedens.

Dieser Punkt ist einer der wichtigsten, oder besser, er fällt mehr in die Augen. Im System des Krieges sind alle Nachbarn eines Fürsten seine Feinde. Er ist also nicht nur zu großen Ausgaben im Kriege gezwungen, sondern auch im Frieden muß er in den Festungen, in den Hafenstädten und besonders an allen Grenzen Truppen zu seiner Sicherung halten. Angenommen, ein Staat hätte eine Jahreseinnahme von 130 Millionen und im Frieden eine Jahresausgabe von 40 Millionen für Besatzungen, Marine und andere Truppen. Dazu käme im Kriege ein Mehraufwand von 80 Millionen für das vergrößerte Heer wie für die sonstigen Kriegskosten. Diesen Mehraufwand bestreitet er freilich nicht ganz aus den laufenden Einnahmen, sondern nur aus einem Teil derselben, und wären es nur 5 Millionen. Durch den Völkerbundsvertrag hätte er nichts mehr von den Nachbarn zu befürchten und könnte seine Heeresausgaben auf 10 Millionen im Friedensjahr verringern. Das wäre ein Reingewinn von 30 Millionen jährlich, ungerechnet die 5 Millionen die im Kriegsjahr, das heißt alle zwei Jahre, hinzukämen. Im ganzen gewänne er durch das Friedenssystem also 32,5 Millionen jährlich, ungerechnet die Mehreinnahmen seiner Untertanen, die für die Mehrkosten der Kriegsjahre nicht mehr aufzukommen brauchten. Denn da dieser Mehraufwand im Jahresdurchschnitt 40 Millionen betrüge und er davon nur 15 Millionen zum Unterhalt seiner Truppen an den Grenzen Europas brauchte, so ersparte er seinem Volke alljährlich 25 Millionen.

Wenn nun nach dem zehnten Vorteil der Herrscher 15, die Untertanen 60 Millionen verdienen, nach dem zwölften er 1 Million und sie 5, nach diesem dreizehnten er 32,5 Millionen und sie 25, so ergibt dies zusammen für den Herrscher 48,5 Millionen jährliche Mehreinnahmen. Bringt man ferner den Ausfall durch Störung des Binnenhandels im Kriege, insbesondere zwischen den Küstengegenden, mit 8 Millionen im Jahresdurchschnitt in Anschlag, so kämen im Frieden über 100 Millionen Mehreinnahmen für die Untertanen heraus.

Der Ausfall dieser Summe, den die Untertanen erleiden, brächte aber auch für den König noch einen anderen Ausfall mit sich. Eine Mehreinnahme von 100 Millionen würden die meisten in Renten anlegen, denn Dreiviertel von denen, denen sie zugute käme, sind Kaufleute, die alles Geld nutzbringend anlegen. Gäbe auch die Hälfte des übrigen Viertels ihr Geld aus, statt es anzulegen, so wäre das doch nur ein Achtel vom Ganzen. Die übrigen sieben Achtel von 100 Millionen im Besitz sparsamer Kaufleute würden jährlich über 5 Millionen ergeben. Hiervon bekäme der König ein Zehntel an verschiedenen Gefällen, somit abermals eine halbe Million jährlich.

Ein jeder weiß, daß der Grund und Boden im Kriege schlechter bestellt wird und wenigstens ein Zehntel weniger abwirft. Ein Zehntel von den obigen 450 Millionen macht aber 45 Millionen, oder im Jahresdurchschnitt 22,5 Millionen. Schließlich würde der Handel sich auch noch durch die neuen Einrichtungen, durch Zunahme der Manufakturen und des Kunstfleißes um mindestens ein Zehntel jährlich heben. Ein Zehntel von 450 Millionen macht aber 45 Millionen. Die beiden Posten von 22,5 Millionen und 45 Millionen machen zusammen 67,5 Millionen. Die Zinsen davon betragen über 3 Millionen, und der König erhielte davon fast ein Zehntel an verschiedenen Gefällen, gleich 300 000 Franken jährlich.

Man sieht also auf den ersten Blick: wenn der europäische Bund dem mächtigsten Herrscher hinreichende Sicherheit für die Fortdauer des inneren und äußeren Friedens bietet, so ist es für ihn weit vorteilhafter, diesen Vertrag zu unterzeichnen, als es nicht zu tun.

 

Um die Wage zugunsten des Weltfriedensvertrages sinken zu lassen, brauchte ich nur einen einzigen, selbst geringen Vorteil, denn ist ein Vorteil bei meinem Vertrage noch so gering, wenn er nur wirklich und offenbar ist, so wird er jeden vernünftigen Menschen zum Unterzeichnen bestimmen. Ich aber biete dem mächtigsten Herrscher nicht nur einen geringen Vorteil, sondern dreizehn, darunter mehrere von fast unschätzbarem Wert. Alles an diesem Vertrage ist vorteilhaft, und er hat nichts Wirkliches und irgendwie Wichtiges zu opfern, um dieses Vorteils teilhaftig zu werden. Ich fordere jeden auf, mir einen einzigen Vorteil des Kriegssystems zu nennen: ich habe die klügsten Leute befragt, die Feinde des Völkerbundes sind, und nicht einer hat etwas vorgebracht, was nicht bei der geringsten Prüfung zu nichts zerrinnt. Aber selbst wenn man mir einen Vorteil nennt, er würde doch diese dreizehn Vorteile niemals aufwiegen. Der Vergleich beider Systeme hinsichtlich der Interessen des mächtigsten Herrschers ist also für jeden, der in der Politik etwas Bescheid weiß, ebenso zwingend wie ein mathematischer Beweis für einen Mathematiker.

Die schwächeren Herrscher und die Republiken haben meist die gleichen Gründe, die für sie hinreichend wären, um den gleichen Entschluß zu fassen. Ich will aber noch kurz auf ihre besonderen Gründe eingehen.

Besondere Gründe der schwächeren Herrscher.

1. Im System des Krieges steht es dem Stärkeren frei, die Schwächeren zu unterwerfen. Diese können sich gegen ihn nur durch Bündnisse behaupten, durch die sie ihm gewachsen sind. Nun aber gibt es ohne Bildung eines dauernden Bundes aller europäischen Herrscher niemals hinreichende Sicherheit für die Ausführung der Verträge, also auch der Bündnisverträge. Das System des Friedens ist für die eigene Erhaltung des Herrschers wie für die seines Hauses also ungleich vorzuziehen.

2. Wie wir gezeigt haben, läßt sich nach der Wahrscheinlichkeit von 6:1 eher annehmen, daß der König von Frankreich im Laufe der Zeit von einem anderen Herrscher entthront wird, als daß er alle anderen entthront, denn Frankreich bildet nur den sechsten Teil der europäischen Mächte. Für den Herzog von Savoyen würde diese Wahrscheinlichkeit sich auf 8:1 erhöhen denn seine Macht stellt nur ein Achtel der französischen dar. Es ist klar, daß ein schwächerer Fürst unendlich mehr zu fürchten hat, von seinen Nachbarn vernichtet zu werden, als zu hoffen, daß er sie vernichtet. Er verliert also durch den Friedensvertrag nur sehr geringe Aussichten und gewinnt ungleich mehr als der mächtigste Herrscher.

Man kann sich also denken, wie Dänemark, Portugal, die italienischen Fürsten, der Herzog von Lothringen, die Kurfürsten und die übrigen deutschen Reichsfürsten diesen Vertrag aufnehmen würden. Es ist fast unmöglich, daß sie das Bündnis mit den Großmächten nicht eingehen und es nicht allen Herrschern anempfehlen.

Besondere Gründe der Republiken.

1. Die Republiken fürchten noch mehr, ihr Gebiet zu verlieren, als sie es durch Krieg zu vergrößern wünschen. Jede Eroberung ist kostspielig und fast stets zehnmal teurer, als der Gegenstand wert ist. Ihnen liegt also noch weit mehr an der Erhaltung des Friedens als den Herrschern.

2. Wer etwas mit Gewalt erwerben will, setzt den ganzen Staat aufs Spiel. Ist der Kriegsbrand einmal ausgebrochen, wer wird ihn eindämmen? Man kann also nicht annehmen, daß so vorsichtige Regierungen sich freiwillig in eine so große Gefahr stürzen.

3. Republiken nehmen sehr große Rücksichten auf die Interessen ihrer Bürger, denn diese bestimmen ja selbst alles. Der Vorteil einer Eroberung ist für den einzelnen aber so klein, so fern und ungewiß im Vergleich zu den großen, sicheren und fühlbaren Einkünften, die Grenzbewohner sind so großen Verwüstungen, die Kaufleute so großen Verlusten durch den Stillstand des Handels ausgesetzt, daß die Beschlüsse der Freistaaten fast nie über die Erhaltung des Staats und des Handels hinausgehen. Diese Sicherheit aber bietet ihnen nur die europäische Gesellschaft.

4. Republiken haben innere Wirren noch mehr zu fürchten als Monarchien. Jeder sagt offen seine Meinung über die Staatsgeschäfte und kann sie mit Leidenschaft verfechten. Jeder kann Ränke spinnen, um seine Partei zu vergrößern, und sind die Parteihäupter stolze, unruhige, aufrührerische Leute, so nehmen die Parteiungen täglich zu, die Gegensätze der Meinungen verschärfen sich, und aus einer leichten Schramme wird durch allerlei Zufälle eine offene Wunde. In Monarchien ist dergleichen nur möglich, wenn die Regierung sehr schwach ist und der Herrscher nicht gegen die Andersgesinnten einschreitet. Er allein hat die Macht in Händen; in Republiken dagegen verteilt sich die Macht auf die unter sich Uneinigen. In Republiken gibt es also stets Parteien, und mächtige Parteien, besonders wenn der Staat zu großer Macht gelangt ist und die Furcht vor fremden Mächten sie nicht mehr zusammenhält.

Die Furcht der Römer vor den Karthagern, vor Pyrrhus, vor Antiochus, hat Rom lange vor Bürgerzwist bewahrt. Nachdem diese heilsame Furcht durch die Niederwerfung der Feinde geschwunden war, dachte man nicht mehr an die öffentliche Wohlfahrt und die gemeinsame Erhaltung. Die Parteileidenschaft brach hervor und führte zu den Bürgerkriegen, die für den Staat hundertmal verderblicher waren, als alle äußeren Kriege. Dagegen hätte es nur ein Mittel, ja ein Vorbeugungsmittel gegeben, wenn die Republik nämlich ein festes Bündnis mit ihren Nachbarn geschlossen hätte, wie wir es im Völkerbund vorschlagen. Rom aber hatte sich dieses großen Vorteils selbst begeben, denn es hatte alle seine Nachbarn vernichtet und sich selbst auf ihren Trümmern erhoben. So wurde die ungeheure Größe des Staates die notwendige Ursache seines Sturzes. Gegen diese Staatskrankheit bietet aber der europäische Bund hinreichende Sicherheit. Die Republiken haben also noch mehr Anlaß, ihr beizutreten, als die Monarchien.

5. Im Völkerbund finden die Republiken hinreichende Sicherheit für die Durchführung der Handelsbestimmungen. Sie brauchen also nicht zu fürchten, daß ihre Kaufleute zu Lande und Wasser von Räubern angefallen werden. Dieser Vorteil ist für sie erheblicher als für die Herrscher, die nicht selbst Handel treiben.

6. Diese Interessen sind nicht nur sehr wirklich und sehr groß, sie werden auch von den Republiken mehr beherzigt als von den Monarchien. Ihre Ratsversammlungen werden weniger von vorübergehenden Leidenschaften beherrscht, und sie gehen daher fast stets gerade auf ihr wahres und begründetes Interesse los. Durch den Widerstreit der Meinungen werden alle Dinge nach allen Seiten erörtert, und dadurch kommen die Leidenschaften weniger zur Geltung als in Monarchien, wo alle Entschlüsse von einem Einzigen abhängen, der in seinem Staatsrat keine Leute hält, damit sie ihm widersprechen.

Sollte ein Minister einer Republik aus besonderen Gründen am System des Krieges festhalten, so müßte er schon die Verbreitung dieser Schrift in seinem Lande unterdrücken. Denn wird sie erst einmal bekannt, so wird kein Minister den Mut haben, gegen alle zu behaupten, daß es für die Republik vorteilhaft sei, sich der Einrichtung des Völkerbundes zu widersetzen. Er kann ihn ohne gewichtige Gründe nicht mal für undurchführbar erklären, und wo fände er diese Gründe?

Man hat mir nun eingewandt, daß die Zunahme des Handels in Frankreich, Dänemark, Spanien und Portugal und anderwärts infolge des Völkerbundes zum Schaden Englands und besonders Hollands, das heißt der beiden Welthandelsmächte, gereichen muß. Aber dieser Einwand ist leicht zu widerlegen. Die Zunahme des Handels würde doch nur bei allen im gleichen Verhältnis erfolgen; die Haupthandelsvölker behielten also stets ihren Vorsprung, solange sie wollten, da ihnen ja die meisten Mittel zum Handeltreiben bleiben. Wenn sie es aber nicht mehr wollen, so werden ihnen die anderen Völker kein Unrecht tun, wenn sie das auflesen, was jene fallen gelassen haben.

Man kann sich also denken, wie England, Holland, Venedig, Genua, Polen und die anderen Republiken Europas diesen Vertrag aufnehmen würden. Es ist unmöglich, daß sie ihn nicht untereinander, dann mit den schwächeren Herrschern und schließlich mit allen europäischen Mächten abschließen.

Ist es bei so großen, so sinnfälligen Vorteilen nötig, sich so sehr zu bedenken, einen Vertrag zu unterzeichnen, der nach allen Seiten gleich vorteilhaft ist? Bedarf es dazu eines erhabenen Verstandes, einer leidenschaftslosen Vernunft? Im Gegenteil, dies System entspricht den verbreitetsten Leidenschaften. Die große Furcht und die große, wohlbegründete Hoffnung sprechen für uns. Ich setze keinen vollkommenen Herrscher voraus, aber jeder Herrscher, der die öffentliche Wohlfahrt will und die Gerechtigkeit liebt, steht auf unserer Seite. Selbst der unvollkommene, ja selbst der ungerechte, der seine Einkünfte steigern, seinem Hause lange die Herrschaft erhalten will, gehört noch zu uns. Liebt er den wahren Ruhm, so wird er gern sein Volk und alle Völker beglücken, nicht aber eine Geißel der Menschheit sein wollen. Liebt er prunkvolle Bauten und Aufwand, ist er tugendhaft, streng oder vergnügungssüchtig, er gehört allemal zu uns. Dies System befriedigt die verschiedensten Charaktere, und ohne Frieden wird keiner von ihnen je im entferntesten so zufrieden sein.

Wir sind also zu dem Schluß gelangt: Kann der europäische Bund allen christlichen Herrschern hinreichende Sicherheit für die Dauer des inneren und äußeren Friedens bieten, so ist es für jeden von ihnen weit vorteilhafter, den Vertrag zur Bildung desselben zu unterzeichnen, als es nicht zu tun. Das wollte ich in diesem Hauptstück beweisen.

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