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Der Traktat vom ewigen Frieden

Charles Irénée Castel de Saint-Pierre: Der Traktat vom ewigen Frieden - Kapitel 2
Quellenangabe
typetractate
authorAbbé Castel de Saint-Pierre
titleDer Traktat vom ewigen Frieden
publisherVerlag von Reimar Hobbing
year1922
translatorFriedrich v. Oppeln-Bronikowski
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140206
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Einleitung.

Der beglückende Traum vom Frieden auf Erden ist so alt wie die Geschichte der Menschheit. Die antiken Dichter haben, in ihrem Wunsche, das, was nie gewesen, dennoch als Wirklichkeit erscheinen zu lassen, ein goldenes Zeitalter gemalt, darin es nicht Helm, nicht Schwert gab,

»... und sorglos lebten und friedsam
Ohne des Kriegers Bedarf in behaglicher Ruhe die Völker.«

Auch die edelsten Geister des Mittelalters und der Neuzeit haben der großen Frage ihre Teilnahme gewidmet. Dante meint, das Kaisertum müsse es sein, das, indem es den ganzen Erdball umspanne, den Menschen auch den Weltfrieden gebe. Kant fordert einen Föderalismus freier Staaten, der sich allmählich auf alle erstrecken und endlich zum ewigen Frieden führen möge.

Das Ziel ist bis heute nicht erreicht. Denn auch durch die ernsthaften Versuche der Staatsmänner scheint es der Verwirklichung kaum näher gebracht zu sein.

So wird die friedensbedürftige Menschheit immer von neuem hingewiesen nicht allein auf das Studium des historischen Lebens, sondern auch auf die Vertiefung in jene so zahlreichen Schriften, die im Laufe der Jahrhunderte dem Thema vom ewigen Frieden gewidmet worden sind. Ihre Lehren, ihre Gründe, vor allem ihre Irrtümer gilt es kennen zu lernen, um die ungeheuren Schwierigkeiten zu ermessen, die der Lösung des Problems im Wege stehen.

Eine dieser Schriften, die Arbeit eines Franzosen, ist es, die hier dem deutschen Publikum vorgelegt wird. Die Bedeutung derselben im Rahmen der Geschichte ihrer Zeit darzulegen, soll die Aufgabe der folgenden einleitenden Abschnitte sein.

* * *

Das einst so viel genannte Friedensprojekt des Abbé Saint-Pierre ist heute fast vergessen. In allen seinen Teilen und Ausgaben ist es kaum noch auf einigen öffentlichen Bibliotheken vollständig zu finden. Und nicht als eine schöpferische Leistung verdient es der Vergessenheit entrissen zu werden. Es ist überhaupt nicht schöpferisch, es wiederholt, es erweitert, es umschreibt nur fremde Ideen, und endlich erklärt der Autor selbst, er wolle nur eine vor seiner Zeit berühmtere Behandlung desselben Themas zum Allgemeingut machen. Auch von künstlerischer Darstellung ist nicht viel zu spüren. Saint-Pierre ist zwar einer der fruchtbarsten Schriftsteller seiner Zeit, aber sein literarisches Können tritt in keinem seiner Werke weniger zutage als in diesem. Und was vollends den praktischen Erfolg seines Planes betrifft, so haben die Staatsmänner der Epoche kaum Notiz davon genommen. Der Versuch, ihn zu verwirklichen, ist nie gemacht worden, und selbst bei den großen Schriftstellern des Aufklärungszeitalters, die doch allen Fragen des Staates und der Gesellschaft so kritisch gegenüberstanden, sie so gründlich zu durchleuchten, die alle Neuerungsvorschläge so begierig zu ergreifen pflegten, auch bei ihnen hat der Plan Saint-Pierres mehr Staunen als Bewunderung erregt und meist nur lächelnde Ablehnung gefunden.

Was aber dem Werke Saint-Pierre einen besonderen Platz innerhalb der gesamten Literatur über den ewigen Frieden zu sichern scheint, das ist die ungeheure Energie, mit der er den Stoff erfaßt und als ein breit ausgearbeitetes System den Zeitgenossen vorgelegt hat. Es gibt wahrscheinlich keine andere Schrift von gleicher Ausführlichkeit über dasselbe Thema. Saint-Pierre war ein Fünfziger, als der Plan des Werkes in seinem Geiste entstand. Von da an hat er über drei Jahrzehnte lang dafür geeifert, geschrieben, gekämpft, er hat die Gelehrten wie die Staatsmänner dafür zu gewinnen gesucht und hat geduldig ihren Spott ertragen, ohne an seiner Sache jemals irre zu werden. Und so vielen anderen Gegenständen er auch seine nie rastende Feder noch geliehen hat, immer wieder kommt das große Projekt zum Vorschein. Er ward nicht müde, es der Welt als das Allheilmittel anzupreisen, so lange, bis der Tod dem Fünfundachtzigjährigen die Feder aus der Hand nahm.

* * *

Europa stand, als man 1712 von dem Plane Saint-Pierres zum ersten Male hörte, am Ende eines Kriegszeitalters. Seit mehr als vier Jahrzehnten war der Friede immer wieder gestört worden durch den Ehrgeiz Ludwigs XIV. und die Vergrößerungsabsichten der französischen Nation. Die absolute Monarchie hatte die Kräfte Frankreichs gesammelt und in einer Reihe von Kriegen und Friedensschlüssen das Staatsgebiet ausgedehnt, abgerundet, militärisch gesichert. Dieses Frankreich, mit seinen Armeen von Hunderttausenden, den besten Truppen der Zeit, mit dem eisernen Gürtel der Vaubanschen Festungen an seinen Grenzen im Süden, im Osten und im Norden, geführt von dem Einen, dem die besten Köpfe der Nation als seine Diener und Gehilfen zur Seite standen, war unstreitig die erste Macht der Zeit. Aber es hatte auch den Widerstand des gesamten Weltteils herausgefordert. Seit 1688 hatten sich, geführt von dem Oranier Wilhelm III., dem Staatsoberhaupte beider Seemächte, Koalitionen gebildet, um dem lastenden Übergewicht Frankreichs und seiner gefährlichen Eroberungssucht entgegenzutreten. 1697 war der Friede zu Rijswijk geschlossen worden, der den Wendepunkt bezeichnet, dessen Bedeutung ein deutscher Historiker in die Worte gefaßt hat: »Nach mehreren Jahrzehnten kehrten französische Heere zum ersten Male aus einem Feldzuge heim, ohne ihrem Könige die Schlüssel gewonnener Festungen und die Huldigungen eroberter Provinzen zu überliefern.« Aber die kurzen Jahre des Friedens, welche folgten, galten nur der Sammlung der Kräfte zu neuem Kampfe. Als der letzte der spanischen Habsburger starb, entzündete sich durch die allerseits erhobenen Ansprüche auf die Erbschaft ein wahrer Weltkrieg. Er ist in vielen Ländern Europas und jenseits des Atlantischen Ozeans geführt worden, er hat der Macht Frankreichs die ersten schweren Niederlagen gebracht. Ludwig XIV. hat sich zum Verzicht auf manchen seiner stolzen Pläne bequemt, und die ersten Friedensverhandlungen führten nur deshalb nicht zum Ziel, weil seine Gegner ihre Forderungen überspannten. Aber das Schicksal selbst fällt ihnen in den Arm und mahnt sie zur Mäßigung. Der Stimmungsumschwung im englischen Volke, der die dem Frieden geneigte Partei der Tories ans Ruder bringt, der Tod Josephs I., der die Reiche der österreichischen wie der spanischen Habsburger wieder, wie in Karls V. Zeiten, in eine Hand bringen zu sollen scheint, das waren die Ereignisse, die den sinkenden Stern Frankreichs vor dem Verlöschen bewahrten. In dieser Lage der Dinge begannen die Utrechter Friedensverhandlungen. Und das war auch die Zeit, wo unser Abbé Saint-Pierre zum erstenmal einen Einblick erhielt in das diplomatische Treiben. Wir dürfen ihn uns vorstellen, wie er zwar mit gespannter Aufmerksamkeit, aber doch ohne tieferes Verständnis dem Schauspiel beiwohnte, wie das, was er vernahm, gerade hinreichte, um ihm eine oberflächliche Kenntnis des Staatenlebens zu verschaffen und ihn den großartigen Gedanken eines auf ewige Zelten vorhaltenden Friedens unter den Völkern fassen zu lassen, während doch die Natur der Staaten damals wie zu anderen Zeiten eine ganz andere war, als wie sie sich im Kopfe eines Saint-Pierre malte.

* * *

Treten wir der Person unseres Autors ein wenig näher. Charles-François – er selbst nannte sich seit seiner Konfirmation nur noch vielversprechend Charles-Irénée – Castel von Saint-Pierre, der Sprößling einer alten normännischen Adelsfamilie, war am 13. Februar 1658 geboren in dem kleinen Orte Saint-Pierre-Eglise, der zwischen Cherbourg und Barfleur in der Normandie gelegen ist. Als jüngerer Sohn des Hauses hätte er zwischen dem Stande des Geistlichen und des Offiziers zu wählen gehabt, wäre ihm nicht die militärische Laufbahn durch seine zarte Gesundheit verschlossen gewesen. Aber dieser Mann im geistlichen Gewande, wie die Welt ihn sah, hatte sich innerlich früh vom Katholizismus, ja von jeglicher Religion kühl losgesagt. Wissenschaft in jeglicher Gestalt war es, die ihn anzog und der er sich widmete. Die Naturwissenschaften halten ihn nicht lange fest, er wendet sich der Sittenlehre zu, aber neben dieser ist es die Politik, die Lehre vom Staat und der Gesellschaft, der er sich mit völliger Hingebung, ja mit wahrer Leidenschaft widmete und die ihn sein ganzes langes Leben hindurch in ihren Fesseln gehalten hat. Werfen wir schon hier einen Blick auf die ungeheure Zahl und Mannigfaltigkeit der Schriften, die er während seines langen Lebens verfaßt hat, so ist allen gemeinsam die Liebe zur Menschheit, der Wunsch, sie zu erretten aus aller Not. Nicht als Geistlicher will er den Weg weisen zum Heil der Seelen: hienieden will er helfen als irdischer Reformer, er ergreift das Wort über alle Verhältnisse seiner Mitmenschen, über Steuern und Finanzen, über Sprache und Rechtschreibung, über Erziehung und Armenpflege, über die Regierung des Staates und seine Beziehungen zum Auslande, über alles, was nur die Schriftsteller der Aufklärung behandeln, denn er selbst ist einer der frühesten und vielseitigsten aus der ganzen Schar.

Sein Verkehr in dem berühmten Salon der Frau von Lambert öffnete ihm die Pforten der französischen Akademie, eine Stelle bei Hofe sollte ihm Einblick gewähren in das Leben der Großen. Er ward 1692 der erste Almosenier von Madame, d. h. der Herzogin von Orleans, der Schwägerin des Königs. Die hohe Frau, der er also nahe trat, war keine andere als Elisabeth Charlotte, die berühmte pfälzische Prinzessin und Briefschreiberin, deren freundliche und kluge Art auch Saint-Pierre immer wieder rühmen mußte. Aber noch wichtiger war ihm die Berührung mit dem höchsten Kreise der französischen Gesellschaft. »Ich habe,« schrieb er später scherzend an Frau von Lambert, »nur eine kleine Loge gekauft, um aus nächster Nähe die Schauspieler beobachten zu können, die oft, ohne es zu wissen, auf dem Welttheater jene für die anderen so wichtigen Rollen agieren.«

So hat er sich mit den verschiedensten Kreisen der französischen Gesellschaft, hinauf bis zur höchsten Sphäre, am wenigsten wohl mit ihren untersten Schichten, vertraut gemacht. Er will alles schauen, kennen lernen und kritisieren. So wagt er es auch, als zufälliger Teilnehmer an den Utrechter Verhandlungen den dilettantischen Vorschlag zu machen, nicht nur für dieses Mal Frieden zu schließen, sondern das Kriegführen gleich für alle Zeiten aus der Welt zu schaffen.

* * *

Die dem Aufklärungszeitalter eigene Leidenschaft der Kritik beginnt schon unter Ludwig XIV. die Geister zu erfüllen. Die Stimme Saint-Pierres ist nur eine einzelne aus dem bald immer stärker anschwellenden Chor. Auf politischem, aus religiösem, auf wirtschaftlichem Gebiete hat diese Kritik sich bemerkbar gemacht. Sie tritt noch nicht so offen, so ungeschminkt hervor, wie nachher in der Zeit der großen Schriftsteller des 18. Jahrhunderts, sie vermeidet es oft noch, die Dinge beim richtigen Namen zu nennen, die Autoren verbergen sich gern hinter Pseudonymen, und an die hohe Figur des Herrschers wagen sie sich kaum heran.

Von den Fragen der inneren und der Kirchenpolitik brauchen wir hier nicht zu reden. Auch die Schriften, in denen Vauban und Boisguillebert das herrschende Wirtschaftssystem kritisierten, interessieren uns nicht. Die große auswärtige Politik, die vielen Kriege mit ihren verhängnisvollen Folgen, sie sind das wichtigere Thema. Fénelon ist der erste berühmte Schriftsteller, der es behandelt. Freilich kommt es ihm nicht in den Sinn, um das gleich hervorzuheben, den Krieg an sich verwerflich zu finden. Ein Verteidiger des ewigen Friedens ist Fénelon nicht gewesen, nur ein Verurteiler des ungerechten Krieges und der Eitelkeit der Fürsten. Diesen Gedanken hat Fénelon, der Prinzenerzieher, in seinen Gesprächen der Toten oft zum Ausdruck gebracht. Er läßt etwa die Schatten zweier Könige, Heinrichs III. und Heinrichs IV., einander begegnen. Beide haben zu ihren Lebzeiten Kriege geführt und rühmen sich ihrer Siege. Aber Heinrich IV. darf nicht nur behaupten, daß er den Kampf kraftvoll geführt und einen soliden Frieden geschlossen habe. Er hat auch seinen Staat gut verwaltet und ihn zur Blüte gebracht, er hat den Edelgesinnten vertraut und seinen Ruhm darin gesucht, die Lasten der Völker zu erleichtern. Oder man liest einen Dialog zwischen Philipp II. von Spanien und seinem Sohne Philipp III. »Während meines Lebens«, sagt der Vater, »haben die Höflinge mich zum Himmel erhoben.« Zu spät erkennt er seine falsche Politik und daß es nichts Schlimmeres für die Könige gibt, als durch Ehrgeiz und Schmeichelei verführt zu werden.

Auch im Telemach, der berühmten Erziehungsschrift Fénelons, kehren dieselben Gedanken wieder. Da ist ein König Idomeneus, der gerührt und dankbar die Ratschläge vernimmt, die ihm in Mentors Gestalt die Göttin der Weisheit selbst erteilt. »Wie Minerva höher steht als Mars, so ist kluge und weitblickende Tapferkeit wertvoller als zügelloser, wilder Kampfesmut ... Zuerst, o Idomeneus, sage uns, ob der Krieg gerecht ist; dann, gegen wen du ihn führst, und endlich, ob deine Kräfte ausreichen, um ihn zu glücklichem Ausgang zu bringen.« Aber noch besser ist es freilich, den Krieg ganz zu vermeiden. Idomeneus klagt, daß die Götter nicht aufhören, ihn zu verfolgen. Er habe noch nicht gelernt, erwidert ihm Mentor, was er zu tun habe, um es nicht zum Kriege kommen zu lassen (Buch 9). Gewiß ist es nicht richtig, wie manche wollten, in Idomeneus das Abbild Ludwigs XIV. zu erblicken, viel eher soll er ein Gegenstück des Sonnenkönigs sein, ein Fürst, der gierig nach Wahrheit schmachtet. »Habe Mitleid«, so sagt er zu Mentor, »mit einem Könige, den die Schmeichelei vergiftet hat und der nicht einmal im Unglück edle Menschen gefunden hat, die ihm die Wahrheit sagen.« (Buch 10.)

Es ist das Schicksal Ludwigs XIV., das hier warnend angedeutet wird. Und wenn anders Fénelon wirklich auch jenen ihm zugeschriebenen anonymen Brief verfaßt hat, worin dem Könige die bittersten Wahrheiten herausgesagt werden, so hat er auch dem Herrscher selbst gegenüber die Rolle des Mentor anzunehmen gewagt. Er stellt ihm vor, daß der holländische Krieg von 1672 aus einem Motiv des Ruhmes und der Rache entsprungen, daß er darum nicht ein gerechter Krieg und eben deshalb die Quelle aller folgenden gewesen sei. »Es folgt daraus, daß alle Grenzerweiterungen, die Sie durch diesen Krieg gewonnen haben, in ihrem Ursprung ungerechte Erwerbungen darstellen.«

Solche Wahrheiten mögen dem absoluten Monarchen wohl auf Umwegen zu Ohren gekommen sein. Seinen Sinn haben sie nicht gewandelt. Erst vom letzten Krankenlager Ludwigs XIV. weiß uns Saint Simon jene ergreifende Szene zu berichten, wie der sterbende König seinen Nachfolger, den fünfjährigen Dauphin zu sich kommen läßt und zu ihm die Worte spricht: »Mein Kind, du wirst bald ein mächtiger König sein; folge nicht meinem Beispiel in dem Hange, den ich für die Errichtung von Bauten gehabt habe und nicht in der Leidenschaft für den Krieg. Versuche lieber, Frieden zu halten mit deinen Nachbarn.«

* * *

Kehren wir zu den Utrechter Verhandlungen zurück. Sie spielen sich durchaus in den gewohnten Formen ab. Das Bedürfnis nach dem Frieden ist auf allen Seiten stark, nicht nur bei dem gedemütigten Frankreich, sondern kaum weniger bei dem siegreichen, aber finanziell erschöpften England. Noch kurz vor dem Abschlusse schreibt der sehr wohlunterrichtete Jonathan Swift Correspondence ed. F. C. Ball 1911. 2, 17.: »Es war unmöglich, den Krieg länger fortzusetzen; wer das nicht zugibt, weiß entweder nichts von den Schulden der Nation, oder er leugnet es aus Parteigeist.« Aber trotz aller Friedenssehnsucht findet man bei keinem der beteiligten Staaten, bei keinem ihrer Beauftragten etwas von der Auffassung, als ob es sich um etwas anderes handle, als um einen gewöhnlichen Friedensschluß, als ob es etwa darauf ankomme, den zu schließenden Frieden zu einem ewigen zu machen. Und als man fertig ist, beherrscht keine andere Stimmung die Geister als die übliche offizielle Glückseligkeit über den eben erreichten Abschluß. Selbst Fénelon, der ehedem so strenge Kritiker der Kriegspolitik Ludwigs XIV., empfindet dieses Mal nur noch Stolz und Genugtuung. »Sie haben«, schreibt er an Villars nach der Unterzeichnung des Rastatter Friedens Mémoires du Maréchal de Villars, ed. Vogüé. 4, 384., »das größte Werk des Jahrhunderts zum Abschlusse gebracht. Unsere Feinde, nachdem sie uns den Frieden verweigert hatten, sind gezwungen worden, uns darum zu bitten. Alle Nationen zollen uns ihre Hochachtung. Der Ruhm der Waffen des Königs erstrahlt hell. Man erkennt seine ehrliche Mäßigung.«

Auch bei den Gegnern Frankreichs ist man froh und zufrieden. Prinz Eugen legt dem Kaiser seine Glückwünsche zu Füßen und betet, »daß dieser Friede so beständig als dero unsterblichen Namen glorreich und dem Wachstum und Aufnahme des römischen Reiches sowohl, als Ihrer getreuesten Vasallen, Untertanen und Erblanden mehr und mehr gedeihlich und vorteilig sein möge.« Der englische Staatssekretär Lord Bolingbroke erhebt sich zu einer Wendung, die man eher von dem Lord Protector des 17. Jahrhunderts als von dem Aufklärungsschriftsteller des 18. Jahrhunderts zu hören erwarten würde, wenn er schreibt Corr. 4, 70.: »Ich kann nur sagen, dies ist das Werk des Herrn und es ist wie ein Wunder vor unseren Augen.« Auch im englischen Volke war der Jubel groß. Der zu Utrecht geschlossene Friede wurde am 5. Mai 1713 in London proklamiert, »aber mit lauteren Akklamationen und stärkeren Freudenkundgebungen des Volkes als man es je bei ähnlichen Gelegenheiten erlebt hatte Swift, history of the four last years of the Queen. Prose Works, ed. F. Scott. 10, 191.

Das ist die allgemeine Freude über das im Augenblick Erreichte. Immerhin bemerkt man bei den Staatsmännern dieser Epoche auch gelegentlich die Neigung, sich mit den Wirkungen des einmaligen Friedensschlusses nicht zu begnügen, sondern etwas Dauerndes zu schaffen und eine Saat des Friedens auszustreuen, deren Frucht noch in späterer Zeit der Ruhe des Erdteils zugute kommen möge. Als die beiden großen Feldherren Eugen und Villars, das Schwert mit der Feder vertauschend, das Friedenswerk zu Rastatt und Baden zu Ende gebracht haben, findet auf den Wunsch Eugens noch eine vertrauliche Besprechung der beiden Häupter statt. Kein anderer, auch keiner ihrer ersten Sekretäre, ist anwesend. Prinz Eugen deutet an, man wisse am Kaiserhofe, daß Ludwig XIV. ein Testament gemacht habe. Man sei gewiß, daß ein so weiser Fürst bei diesem Schritte von der Absicht geleitet wurde, die Ruhe ganz Europas zu befestigen. Diesen Wunsch hat auch der Kaiser. »Wäre es nicht das sicherste Mittel zu seiner Erfüllung, wenn Seine Kaiserliche Majestät in den Inhalt des Testaments eingeweiht würde?« Aber Villars lehnt ab. Der König hat erklärt, daß niemand von diesem Testamente Kenntnis besitze und es solle geheim bleiben bis nach seinem Tode.

Derselbe Gedanke der dauernden Sicherung des Friedens lag ferner den zwischen beiden Männern gepflogenen Erörterungen einer engen Verbindung der Häuser Bourbon und Habsburg zugrunde. »Sie entwarfen«, so erzählt Villars in seinen Memoiren ed. Vogüé. 4, 36 ff. Feldzüge des Prinzen Eugen. 15, 490., »die ersten Pläne einer Union, welche, allem Anschein zufolge, den Ruhm und die Machterhöhung der erlauchten Häuser von Frankreich und Österreich gefördert haben würde.«

Aber die einzige Wirkung dieser Gespräche bestand in der Wiedereröffnung der lange unterbrochenen diplomatischen Beziehungen zwischen den beiden großen Staaten, der baldigen Entsendung von Botschaftern, die in Wien und Paris beglaubigt wurden. An dauernde Einrichtungen, an eine internationale Organisation zur Erhaltung des Friedenszustandes in Europa, haben auch Eugen und Villars und andere Staatsmänner dieser Epoche niemals gedacht.

* * *

Es muß gesagt werden, daß diesen praktischen Politikern gegenüber der Abbé Saint-Pierre doch nur der weltfremde Schwärmer ist, der von den Anschauungen im Kreise der Staatsmänner und auch der Völker nichts ahnt. An einen ewigen Frieden denken diese so wenig nach den Utrechter Verträgen wie vorher. Im Gegenteil: In England erwägt der Staatssekretär Stanhope noch 1714, gleich nach der Thronbesteigung Georgs I., eine Erneuerung des Krieges. Und ein Jahr später, beim Tode Ludwigs XIV., findet der englische Gesandte in Paris, Lord Stair Michael, Englische Geschichte im 18. Jahrhundert. I. Zweite (Titel) Ausgabe. 1821, S. 498., die Lage Frankreichs reduziert genug, um einen neuen Waffengang zu lohnen und die Unvollkommenheiten des Utrechter Friedens auszugleichen. Wieder ein paar Jahre später richtet sich die Politik Spaniens, geleitet von dem ehrgeizigen Alberoni, auf die Rückeroberung der durch den Erbfolgekrieg verlorenen Nebenlande ein. Nun raffen sich die anderen Mächte, England, Frankreich, Osterreich auf, um Spanien in seine Schranken zurückzuweisen und es zur Beobachtung der geschlossenen Verträge zu zwingen. Sie erreichen es in der Tat durch ihre Politik und durch die Erfolge ihrer Waffen. Die genannten drei Mächte, vereinigt in der fälschlich sogenannten Quadrupel-Allianz, geben sich als die Fortsetzer der Friedenspolitik von 1713. Sie stellen einen neuen Plan auf zur Herstellung des allgemeinen Friedens in Europa, eine Ordnung, mit der sich alle Staaten, die großen wie die kleinen, zufrieden geben sollen. Aber einen pazifistischen Charakter, um die Idee Saint-Pierres schon einmal mit dem modernen Namen zu bezeichnen, nimmt auch diese Friedenspolitik nicht an. Sie versteigt sich wohl einmal Ebd. II. 1920, S. 135 ff. zur Verkündung der Theorie, daß die Notwendigkeit der Herstellung und Sicherung eines dauernden Friedenszustandes den großen Mächten das Recht gebe, auch über das Schicksal der kleineren, selbst gegen ihren Willen, zu verfügen. Aber diese Behauptung wird nur von englischer Seite aufgestellt. Sie wird zwar von Frankreich angenommen, aber von Österreich prompt abgelehnt. Und selbst der darin ausgesprochene Gedanke ist kein pazifistischer. Es sollen nicht Vorkehrungen getroffen, nicht ein System gefunden werden, um jeden Krieg unmöglich zu machen. Man will den Frieden nur sichern, solange es eben möglich ist.

Überhaupt ist zu unterscheiden zwischen praktischer Friedenspolitik, welche im einzelnen Falle die Kriegsgefahr zu beschwören sucht, und der grundsätzlichen Friedenspolitik, die den Krieg überhaupt aus der Welt schaffen möchte. Die erstere arbeitet mit Friedensschlüssen und Verträgen, die letztere mit lustigen Projekten.

* * *

Die Theoretiker der Weltfriedensidee konnten auf den Boden von Dantes Schrift » De Monarchia« nicht mehr zurückkehren. Die Verwirklichung der Universalmonarchie, sei sie von weltlichem oder geistlichem Charakter, war an der Schwelle der Neuzeit durch das Aufkommen nationaler Staaten unmöglich geworden. Daß damit auch die Vermeidung der Kriege nur noch schwerer geworden als früher, haben jene Schriftsteller nicht einsehen wollen. Angesichts der Vielheit der Staaten suchen sie die Lösung des Problems fortan in irgendwelchen Formen der Zusammenfassung aller, wenigstens wo es auf die friedliche Beilegung kriegsdrohender Streitigkeiten ankommt. Der Gedanke des Schiedsgerichts als einer dauernden oder vorübergehenden Einrichtung entsteht. Die Organisierung aller Staaten in einer föderativen Gemeinschaft, sagen wir: der Völkerbundsgedanke, kommt hinzu. Und damit sind die Elemente gegeben, auf denen die im einzelnen noch vielfach voneinander abweichenden Systeme sich aufbauen. Der Originalität der politischen Denker ist nicht mehr allzu viel Raum gelassen. Von einem gewissen Schema kommen sie nicht los. Es ist denn auch wenig verlockend, bei jedem von ihnen zu forschen, wieviel er etwa von seinen Vorgängern übernommen habe.

Bei Saint-Pierre hat man gefunden Vgl. Drouet, L'abbé de Saint-Pierre.122, daß sein großer Friedensplan nur die Fortentwicklung der 1623 erschienenen Schrift »Der neue Kineas«, verfaßt von einem Mönche namens Crucé, gewesen sei. Saint-Pierre selbst beruft sich freilich nicht auf diesen, sondern aus den in Sullys Memoiren mitgeteilten angeblichen » Grand Dessein« Heinrichs IV., und dieses offensichtlich nur, um den für jedes französische Ohr wohlklingenden Namen des berühmten Königs für die Richtigkeit seiner Idee ins Feld führen zu können, wie er auch nicht unterläßt, hinzuzufügen, daß Elisabeth von England und viele andere hochfürstliche Zeitgenossen den Plan des Königs von Frankreich vortrefflich gefunden hätten. Merkwürdig genug ist freilich dieser Plan, der die Völker Europas in einem Bunde vereinigen, sein Friedenswerk aber mit der Niederwerfung des allzu mächtigen Hauses Habsburg beginnen, dazu die Türken und, wenn sie nicht etwa dem Bunde beitreten werden, auch die Russen aus Europa vertreiben will. Was aber Saint-Pierre, wie wir gleich hören werden, vorschlug, war doch von diesem » Grand Dessein« sehr verschieden. Der Abbé ist überdies, wie wir heute wissen, das Opfer einer Täuschung geworden. Nicht Heinrich IV., sondern Sully allein ist der Erfinder des »Grand Dessein«. Denn so scheint das letzte Ergebnis der neueren Forschungen Besonders: Th. Kükelhaus, der Ursprung des Planes vom ewigen Frieden in den Memoiren des Herzogs von Sully. 1893. zu sein, aus dem wir zugleich die beruhigende Gewißheit schöpfen, daß ein so kluger Fürst wie Heinrich IV. nicht als der Urheber eines so chimärischen Planes anzusehen ist.

* * *

Saint-Pierre hat sich mit den Hauptgedanken seines Werkes lange beschäftigt, ehe er sie niederschrieb. Ein Unfall, den er bei einer Reise durch seine normannische Heimat im Jahre 1707 erlebte, ein zerbrochener Wagen und ein unfreiwilliger Aufenthalt wurden nicht nur die sehr verständliche Veranlassung zu einer Schrift über die Verbesserung der Straßen, sondern gaben ihm plötzlich die Überzeugung ein von dem Werte eines dauernden Schiedsgerichtshofes für die europäischen Souveräne Vgl. Drouet. L´abbé Saint-Pierre. 108.. Den anfangs still im Busen verschlossenen Gedanken beginnt er erst 1711 zu Papier zu bringen, wird von den Leuten ausgelacht, läßt sich aber von der Fortsetzung nicht abhalten Aus den Briefen der Herzogin Elisabeth Charlotte von Orleans an die Kurfürstin Sophie von Hannover. Her. Bodemann. II. 1891, S. 279, 281.. 1712 läßt er in Köln ein » Mémoire pour rendre la paix perpétuelle en Europe« drucken. Ein Jahr später erscheinen in Utrecht, in der Stadt, wo eben der Friede geschlossen wurde, zwei Bände mit dem aus der früheren Schrift fast wörtlich wiederholten Titel: » Projet pour rendre la paix perpétuelle en Europe«. Auf dem Titelblatt fehlt der Name des Autors. Aber der Herausgeber will ihn, wie sein Avis au lecteur erzählt, noch kurz vor der Vollendung des Druckes erfahren haben, und der zweite Band, obwohl noch anonym, ist bereits mit dem Bilde Saint-Pierres geschmückt. 1716 läßt der Abbé den beiden erschienenen Bänden noch einen dritten folgen. Dann wird er freilich gewahr, daß schon der Umfang des Werkes seiner Verbreitung im Wege stehe. 1729 gibt er einen nach seiner Meinung knappen Abriß des Stoffes in einem Abrégé heraus, und endlich läßt er diesen in verbesserter und vermehrter Gestalt noch einmal 1738 erscheinen.

Wenn wir im folgenden den Leser mit den Hauptgedanken Saint-Pierres bekannt zu machen und eine Würdigung derselben zu geben versuchen, so halten wir uns dabei vorzüglich an die ersten zwei Bände. Denn sie enthalten die volle Darlegung des Stoffes, das eigentliche System des Werkes.

* * *

Auch Saint-Pierre gehört zu jenen Geistern, die sich innerlich von dem System Ludwigs XIV. abgewendet haben. Er lebt in einer andern Welt. Wie er einer der frühen Bewunderer Englands und seiner Verfassung ist, so ist er, ähnlich wie Fénelon, zu einer scharfen Verurteilung der Kriegspolitik des Sonnenkönigs gelangt. Aber er bleibt nicht bei dem Standpunkte Fénelons, der nur den ungerechten Krieg verwirft. Es soll überhaupt in Zukunft keine Kriege mehr geben. Nicht daß Saint-Pierre weitblickender wäre als Fénelon. Er ist im Grunde ein unpolitischer Kopf. Er ist nicht einer von denen, die mit überlegener Kritik die Verhältnisse ihrer Zeit durchschauen, er ist auch nicht ein großer Schriftsteller wie Montesquieu, der im Prophetenton neue Wahrheiten verkündet, oder wie Voltaire, der mit witziger Kritik vorhandene Schäden beleuchtet. Saint-Pierre ist der Fanatiker einer Idee, die ihn so ganz beherrscht, daß ihm alle Zweifel schwinden an ihrer Kraft und Durchführbarkeit.

Er lebt in einem Zeitalter, das er als guerre presque inaltérable nicht unrichtig bezeichnet. Er ist erschüttert von dem Unglück, das dadurch in die Welt gekommen ist, und er meint, es bessern zu können. Nicht mit dem von jedermann im Munde geführten Gleichgewichtssystem kann der Friede gesichert werden. Bei einem Gleichgewicht zweier oder auch dreier mächtiger Fürstenhäuser würden Ruhe und Sicherheit auf die Dauer der Zeit nicht zu erhalten sein. Ehrgeiz und Machthunger lassen sich nicht stillen, jedes dieser Fürstenhäuser würde zuletzt danach trachten, den ganzen Besitz der anderen an sich zu reißen, und der Autor nimmt sogar den ihm naheliegenden Fall an, daß Frankreich selbst es wäre, das nach Ablauf von 200 Jahren, also im Jahre 1913, Herr von ganz Europa würde, alle anderen nur Provinzen Frankreichs. Er kann sich ein solches Europa wohl vorstellen, denn Augustus und seine Nachfolger haben ein noch größeres Reich besessen. Aber was würde weiter erfolgen? Nun käme die Auflösung von innen heraus. Katastrophen innerhalb der herrschenden Häuser, Gift und Dolch, Intrige und Verschwörung würden ihr unheimliches Werk vollbringen, und die Allmacht des einen großen Staates würde in sich zusammenbrechen. Oder ein anderes Bild, und wieder geht Saint-Pierre von dem Frankreich seiner Zeit aus. Eine Liga, wir würden sagen eine Koalition steht gegen Frankreich auf. Auch diese Möglichkeit haben die Zeitgenossen gesehen, denn sie ist seit 1688 Ereignis geworden und beherrscht die europäische Geschichte. Und wie leicht könnte Frankreich daran zugrunde gehen.

Um aber auf Saint-Pierres eigenen Vorschlag zu kommen, so stellt er einmal zur Kennzeichnung des bestehenden Zustandes eine eindrucksvolle Erwägung an. Der einzelne Privatmann innerhalb eines Staates, sagt er, ist besser daran als der Herrscher. Sein Besitz, seine Familie, sein Leben sind in Sicherheit, nicht so die des Herrschers. Der Grund dafür: jener lebt in einer societé permanente, dieser in einer non-societé. Die Lage der Herrscher (sie sind ihm schlechthin die Repräsentanten des Staates) wird sich nicht bessern, bis sie zu Gliedern einer societé nouvelle entre pareils geworden sind. So will er einen Bund unter allen christlichen Staaten schaffen, die gleichgeordnet nebeneinander stehen. Dieser Bund ist zu denken als Ersatz für die höhere Gewalt, ohne die, wie er wohl weiß, die Erfüllung aller Verträge unsicher bleibt.

Für die Bildung dieser societé permanente de l'Europe hat er ein Vorbild. Es ist kein anderes als das Heilige Römische Reich, das Deutschland seiner Zeit, so wie er es sich vorstellt.

Wer den Sinn, oder sagen wir lieber den fehlenden Sinn Saint-Pierres für die Wirklichkeit des Lebens, für die Tatsachen der Geschichte erkennen will, der möge nur alle die Stellen nachlesen, wo der Autor über Deutschland spricht, über Kaiser und Fürsten, über deutsche Verfassung und deutsche Geschichte. Hier ist so ziemlich alles Phantasie. Ein deutsches Reich, wie es hier erscheint, hat nie existiert. Saint-Pierre weiß von der Gegenwart, von dem Deutschland seiner Zeit, so wenig wie von deutscher Vergangenheit. Auch in dem großen Plan Heinrichs IV. war von Deutschland die Rede gewesen, auch hier las man sehr verschwommene Formulierungen, und die Wiedergabe deutscher Verfassungsfragen war so völlig mißlungen, daß man den wahren Tatbestand in dem Bilde gar nicht wiedererkennt, und daß der deutsche Übersetzer in Schillers Sammlung Historischer Memoiren sich nicht einmal herabließ, an dieser Stelle sich in Anmerkungen und Berichtigungen zu ergehen, weil, sagt er, gewiß niemand seine Kenntnis des deutschen Staatsrechts aus fremden Memoiren werde sammeln oder berichtigen wollen. Aber durch Saint-Pierre wird Sullys Unkenntnis noch weit übertroffen. Dennoch dürfen wir an den fraglichen Partien des Saint-Pierreschen Werkes nicht so rasch vorübereilen. Denn sie bilden einen zu wichtigen Bestandteil des ganzen Systems, ja sie sind recht eigentlich die Grundlage desselben.

Die deutsche Reichsverfassung, so wie Saint-Pierre sie versteht, ist aber nicht nur das Vorbild seiner künftigen Staatenordnung. Sie soll auch den Kern derselben bilden, denn sie soll einfach zur europäischen Staatenordnung erweitert werden. Das deutsche Reich – er nennt es Union des Allemands oder noch häufiger Union Germanique – stellt er sich vor als einen Staaten- oder Fürstenbund, zu dem seine Glieder sich eines Tages frei vereinigt haben. Er schätzt die Zahl der Reichsmitglieder auf etwa 200. Zu verschiedenen Zeiten, zu verschiedenen Malen, nacheinander haben diese 200 sich vereinigt und einen Vertrag ( le traité Germanique) unterzeichnet. Ihre eigenen Souveränitäten haben sich auf den Trümmern der Kaisermacht erhoben. Ehedem waren sie in unaufhörlichen Streitigkeiten und Kämpfen im Innern und nach außen begriffen. Bald war diese, bald jene Gegend, bald das ganze Land ein Bild der Verwüstung. Dem Kaiser aber fehlte es am Willen wie an der Macht, Abhilfe zu schaffen. In dieser allgemeinen Not war es geschehen, daß der Plan der Union Germanique gefaßt wurde. Fortan sollten alle eine einzige Körperschaft miteinander bilden, zum Schutze des Friedens und der Verträge, zur Sicherheit ihrer Staaten und zum Wohle ihrer Untertanen.

Fragt man nach dem wirklichen historischen Vorgange, der so umschrieben sein könnte, so würde man etwa an die sogenannten Reformen Maximilians zu denken haben, an die Begründung des Landfriedens und des Reichskammergerichts, an die Versuche eines Reichsregiments und an die Kreiseinteilung, überhaupt an jene Periode, in der das Reich, nach einer durch Jahrhunderte fortgesetzten Schwächung der Zentralgewalt, auf ständischer Grundlage neu begründet wurde. Das ist aber keineswegs die Meinung Saint-Pierres. Er gibt zwar ebenso wenig ein genaues Datum, wie er von bestimmten gesetzgeberischen Handlungen redet. Aber die Vorgänge, die er im Auge hat, sollen sich vor 500-600 Jahren, das wäre im Laufe des 12. Jahrhunderts, abgespielt haben. Er wisse nicht, so sagt er, ob der Plan im Kopf eines Fürsten oder eines Privatmannes entsprungen sei. Doch redet er immer wieder von dem »klugen Erfinder«, dem »großen Genius«, »dem weisen Deutschen«, dem »Solon Deutschlands«. Also ein einziger ist es doch gewesen. (S. 160.)

Aber dieser Eine, meint Saint-Pierre, hat leider nicht ganze Arbeit getan. Er ist zufrieden gewesen, das Kaisertum wählbar gemacht, den Übergriffen eines erblichen Monarchen gesteuert zu haben. Die Monarchie gänzlich zu beseitigen, konnte er sich nicht entschließen. Es ging ihm wie dem Architekten, der seinen Neubau selbst verdirbt, indem er zuviel von dem alten Bau übernimmt. Ein verhängnisvoller Fehler. Hätte Deutschland statt des Kaisers, d. h. eines dauernden Oberhauptes, einen wechselnden Präsidenten erhalten, den man aus der Zahl der Deputierten seiner verschiedenen Mitglieder hätte nehmen können, so würde der Bund sich längst erweitert haben. Die Schweiz nebst Genf, die meisten Fürsten und Staaten Italiens, die Republik Holland, England in der Zeit des Bürgerkrieges unter Karl I., sie alle würden den Eintritt begehrt haben. Und Frankreich selbst: ist es nicht im 16. Jahrhundert am Rande des Abgrundes gewandelt? Hätte Heinrich III., um allen Nöten zu entgehen, nur einem Bunde beizutreten brauchen, der ihn von aller Furcht befreit und ihn dazu mit offenen Armen ausgenommen hätte, würde er einen Augenblick geschwankt haben? Nicht anders Polen, Dänemark, Schweden oder auch Portugal. Wäre der Bund der deutschen Staaten in einer Form konstituiert worden, daß er seit fünf oder sechs Jahrhunderten von allen großen Ereignissen der Staatengeschichte Europas hätte Vorteil ziehen können, so würde dieser Bund unmerklich zu eben dem europäischen Bunde geworden sein, den Saint-Pierre empfiehlt. Aber da jene Staaten und Herrscher gewahr wurden, daß sie in den deutschen Bund nicht anders Aufnahme finden konnten, als indem sie den Kaiser als ihren Herrn oder doch dauernd als einen Höheren anerkannten, so hat diese Erwägung, und sie allein, sie von diesem Beitritt abgehalten. Und so geschah es, daß die Union Germanique sich nicht erweitert, sondern im Gegenteil Einbuße erlitten hat an seinen Gliedern und an seinem Territorium.

Auf einer so barocken Geschichtskonstruktion baut sich Saint-Pierres Plan auf, der ganz Europa zu einer Gemeinschaft vereinigen und den ewigen Frieden gewährleisten soll.

Dabei ist Saint-Pierre nicht ohne Stolz auf seine Kenntnis der Geschichte. Hier wirkt er manchmal komisch. Die historischen Tatsachen, die er braucht, sind einmal die Entstehung des deutschen Staatenbundes und ferner die Motive, die einen Heinrich IV. von Frankreich, Elisabeth von England und 16 oder 17 weitere Potentaten des 17. Jahrhunderts bestimmt haben, den Plan des europäischen Bundes zu entwerfen oder ihn anzunehmen. Nun ist zu seinem Unglück das erste Phantasie und das zweite Legende. Die Schwierigkeiten, mit diesen geglaubten Tatsachen zu operieren, erblickt er nur nach der Seite ihrer Motive. Sie gilt es wiederzufinden. Nun, die Sache liegt für ihn einfach genug. Die Motive sind dieselben, die er für seinen eigenen Plan geltend macht. Er selbst hat jene wiedergefunden, indem es ihm gelungen ist, diesen so überzeugend, wie er meint, in seiner Wahrheit und Unfehlbarkeit zu entwickeln und zu beweisen. »Sehet nur,« so ruft er aus, »hier sind sie alle in ihrer glücklich wiedergefundenen Wesenheit.«

* * *

Die Verfassung des Bundes soll enthalten sein in zwölf Fundamentalartikeln, die Saint-Pierre selbst entwirft. Er will damit denjenigen, die eines Tages den Vertrag zu entwerfen haben, die Arbeit ersparen. Er will eine Skizze, ein Schema geben, an dem sie, wie er hofft, wenig zu ändern finden, nur hier und da ein Wort hinzuzufügen oder wegzunehmen haben werden. Ihr grundlegender Charakter aber geht schon daraus hervor, daß sie nur durch den einstimmigen Beschluß aller Mitglieder abgeändert werden dürfen.

Wir werden nicht umhin können, diesen zwölf Artikeln eine kurze Betrachtung zu widmen, denn das Wesen des Bundes und die Schwächen des Saint-Pierreschen Planes können wir aus ihnen am leichtesten erschließen. Doch soll diese Betrachtung weder abschließend sein, noch soll sie sich streng an die Reihenfolge der Artikel halten, da diese bei Saint-Pierre in der Tat etwas willkürlich ist.

Die Mitglieder des Bundes werden, wie der erste Artikel besagt, durch ihre Deputierten auf einem Kongresse oder Senat vertreten.

Ganz Europa wird dem Bunde angehören, die einzelnen Staaten sind seine Mitglieder. Auch der russische Zar, so fern er auch dem inneren Leben der abendländischen Staatenwelt noch gegenüberstand, wird als Mitglied gedacht. Etwas anders ist das Verhältnis zur Türkei. Sie kann nicht einem Bunde angehören, der nur christliche Souveräne und Republiken umfaßt. Doch wird mit den benachbarten, mohammedanischen Herrschern ein System von Offensiv- und Defensivverträgen in Aussicht genommen, wodurch auch sie dem großen Friedenssystem angegliedert werden. Der eigentliche Bund aber umfaßt 24 Mitglieder.

Der neunte Artikel beschäftigt sich mit der Rolle, die die Einzelnen auf dem Kongresse spielen werden, nämlich mit der Stimmenverteilung. Saint-Pierre unterscheidet große und kleinere Staaten. Die großen erhalten je eine Stimme, die kleineren werden zu Truppen zusammengefaßt, von denen jeder eine Stimme zukommt. So erhalten wir das aus der deutschen Verfassungsgeschichte wohlbekannte System der Viril- und Kuriatstimmen. Saint-Pierres Vorbild ist offenbar der deutsche Reichstag, dem ja auch sein ganzer Staatenbund nachgebildet ist. Eine Virilstimme erhält jeder Staat von mindestens 1 200 000 Einwohnern. Aber er erhält auch nicht mehr, selbst wenn er dieses Mindestmaß der Einwohnerzahl um ein Vielfaches übertrifft. So werden freilich die kleineren Gebilde mit ihren Viril- oder Kuriatstimmen eine viel wichtigere Rolle spielen, als es ihrer Bevölkerungszahl entspricht. Aber, meint Saint-Pierre, sie bedürfen dessen auch mehr, denn der ganze Bund hat für sie mehr Bedeutung als für die großen. Dies mag richtig sein, doch ist damit die Frage nicht beantwortet, und Saint-Pierre hat wirklich keine Antwort darauf, warum denn die großen Mächte sich eine solche Gleichstellung mit den kleinen gefallen lassen müssen. Warum der König von Frankreich bereit sein sollte, sich, ebenso wie der Herzog von Savoyen, mit einer einzigen Stimme zu begnügen, ist wirklich nicht einzusehen.

Einiges Kopfzerbrechen hat es Saint-Pierre gekostet, die Form zu finden, wie das Heilige Römische Reich in seinem Staatenbunde unterzubringen sei. Er hat auf die Lösung zuletzt ganz verzichtet. Statt des Ganzen nimmt er nur die Teile, und zwar wiederum entweder einzeln oder in Gruppen zusammengefaßt. Österreich, Preußen und Sachsen erhalten je eine eigene Stimme, die übrigen, also z. B. auch Bayern, Hannover, die geistlichen Kurfürsten, werden sich mit Anteilen an einer Kuriatstimme zu begnügen haben.

Die Begabung auch der größten Staaten mit nur je einer Stimme, und die Zusammenfassung aller übrigen zu den beschriebenen Staatenbünden, ergibt nun eine Gesamtzahl von 24 Teilnehmern. Nicht viel für ganz Europa. 24 Deputierte, 24 Stimmen auf dem Kongreß, eine so mäßige Zahl, daß man an ihre Fähigkeit, zu regieren, weit eher glauben könnte, als bei einer zahlreicheren Versammlung – natürlich unter der Voraussetzung, daß Saint-Pierres europäischer Bund und sein Kongreß überhaupt lebensfähig gewesen wären, was heute niemand mehr behaupten wird.

Nach Artikel 4 übernimmt der Bund die Garantie für den Territorialbestand seiner Mitglieder. Von ihren Gebieten darf nichts abgetrennt, es darf auch nichts hinzugefügt werden, also auch Erwerbungen durch Erbschaft, Schenkung, Abtretung, Kauf, Eroberung, Unterwerfung sind ausdrücklich ausgeschlossen. Kein Souverän darf auch in Zukunft ein anderes Gebiet besitzen, als das er zur Zeit des Vertragsschlusses inne hat. Nur ein Austausch von Gebieten darf unter den einzelnen Mitgliedern sich vollziehen, aber auch das nur mit Zustimmung einer Dreiviertelmajorität des Bundes.

Was damit bewirkt wird, ist die für alle Zeiten geltende Festlegung der augenblicklichen, zeitlichen Grenzen. Es kann nichts geben, was mehr als bloßes Schema, als weltfremde, papierene Weisheit erschiene. Die Frage, wodurch denn die politischen Grenzen entstehen oder wechseln, wird nicht einmal gestreift. Nationale Übereinstimmung, Gemeinschaft der Geschichte, des Rechtes, der Kultur, vor allem die Gesamtheit der wirtschaftlichen Fragen, lauter staatenbildende Elemente – Saint-Pierre weiß nichts von ihnen, er bedenkt nicht, daß Welt und Menschen sich fortwährend verändern. Er weiß nicht, daß der Wechsel das einzig Dauernde im Leben der Völker ist. So vermißt er sich, den zufälligen Stand der Staatenwelt von 1713 zur ewigen Norm zu erheben und zur Versteinerung zu verdammen. Das historische Leben soll stille stehen, weil der Abbé Saint-Pierre es so befiehlt.

Fast noch willkürlicher, als der vorhergehende, greift der fünfte Artikel in die Rechte der Staaten und der Dynastien ein. Er besagt, daß kein Souverän in Zukunft zwei souveräne Staaten besitzen darf, weder durch Erbrecht, noch auf Grund einer Wahl. Ein Souverän, dem durch Erbrecht ein größerer Staat zufällt, kann diese Erbschaft annehmen oder ablehnen. Nimmt er sie an, so verzichtet er damit auf seinen bisherigen Besitz.

Wie sehr auch dieser Artikel aller Wirklichkeit spottet, dafür möge nur ein zeitgenössisches Beispiel genannt werden. Durch die Act of Settlement war 1701 die künftige Thronfolge Großbritanniens der Kurfürstin Sophie von Hannover und ihrer Nachkommenschaft übertragen worden. In Gemäßheit dieser Bestimmung bestieg Sophiens Sohn, Kurfürst Georg Ludwig, 1714 als Georg I. den englischen Thron. Er hätte, nach Saint-Pierres Artikel 5 damals auf sein deutsches Stammland verzichten müssen. Doch niemand hat gewagt, ihm dergleichen zuzumuten, so wenig froh die Herzen der Engländer auch über die Personalunion mit Hannover waren. Unter dem Zwange, auf Hannover zu verzichten, wäre der Kurfürst sicherlich nicht nach England gegangen. Überhaupt wendet sich ja dieser Artikel 5 gegen jegliche Personalunion. So hätten denn, wenn die Société Européenne verwirklicht wurde, auch die schon bestehenden aufgehoben werden müssen. August II. hätte sich zu entscheiden gehabt, ob er König von Polen oder Kurfürst von Sachsen bleiben wolle. Die Stellung des Königs von Dänemark in Holstein, Schwedens in Pommern, hätten, um von anderen zu schweigen, leicht unter den Zwang des Artikels 5 gebracht werden können. Und wenn nicht zufällig schon einige Jahre zuvor die englisch-schottische Union zum Gesetz erhoben worden wäre, so hätte vielleicht noch Königin Anna es erlebt, daß man sie vor die Wahl stellte, ob sie auf England oder auf Schottland verzichten wolle.

Hat also der Autor im fünften seiner 12 Grundartikel jede Personalunion grundsätzlich abgelehnt Die Unmöglichkeit dieser Bestimmung erkennend, hat er sie später, in den veränderten Grundartikeln von 1716, wenigstens für England und Polen wieder aufgehoben. Vgl. S. 182., so kommt er im sechsten auf einen besonderen Fall zu sprechen, auf das Verhältnis von Frankreich zu Spanien. Hier ist er ganz Franzose, ganz Diener der Politik Ludwigs XIV., ja er gibt sich auch als Mitarbeiter des Utrechter Friedenskongresses. Das wichtigste Thema desselben, die Behauptung der Bourbonischen Dynastie in Spanien, um die in Utrecht noch gestritten wurde, – Saint-Pierre erhebt sie zu einem der Fundamentalsätze seines europäischen Bundes. »Das Königreich Spanien wird niemals dem Hause Bourbon, der heute in Frankreich herrschenden Dynastie, entzogen werden, solange es zwei männliche Vertreter dieses Hauses gibt.« Die ganze Politik der Bourbonischen Sekundogenituren in Spanien und Italien scheint hier in ihrem Kern bereits angedeutet. Saint-Pierre gibt in der Erläuterung dieses Artikels auch offen zu, daß in demselben ein mächtiger Antrieb für das Haus Frankreich liegen würde, den Europäischen Bund zu errichten. Andererseits fällt er freilich mit diesem Artikel vollkommen aus der Rolle. Denn das europäische Interesse an dieser Frage ist nicht zu erkennen, und mit welchem Rechte der unter die Fundamentalartikel versetzt wird, ist noch weniger einzusehen.

Das wichtige Kapitel der Wirtschafts-, insbesondere der Handelspolitik bildet den Gegenstand des siebenten Grundartikels. Schon an den hier getroffenen Bestimmungen würde wahrscheinlich der ganze europäische Bund gescheitert sein. Die Deputierten aus dem Kongresse werden sowohl den Charakter der allgemeinen Handelspolitik wie die besonderen Handelsbeziehungen zwischen den einzelnen Nationen gesetzlich festlegen. Von seiten des Bundes werden Handelskammern in verschiedenen Städten eingesetzt, um den Handel der Nationen zu überwachen und etwa zwischen den Mitgliedern entstehende Streitigkeiten von größerer Bedeutung zu schlichten. Die Entscheidung ist, wenn es nottut, mit Gewalt zu erzwingen.

Diese Anordnung bedeutet einen so gewaltigen Eingriff in die Rechte der einzelnen Staaten, daß von der Souveränität nicht mehr viel übrig bleiben würde. Das ganze Gebiet der Wirtschaftspolitik wird den Einzelstaaten aus der Hand genommen und an den Bund verwiesen. Und das im Zeitalter des Merkantilismus, wo der Staat so tief eingreift in das Wirtschaftsleben der Gesellschaft, wo die Nationen sich durch unübersteigliche Zollschranken, durch Ein- und Ausfuhrverbote gegeneinander absperren. Es sei nur daran erinnert, daß eben 1713, in dem Erscheinungsjahr des Saint-Pierreschen Werkes, außer dem in Utrecht geschlossenen Frieden zwischen England und Frankreich auch ein Handelsvertrag zwischen denselben Mächten ins reine gebracht wurde. Er sollte einen freieren Verkehr der beiden Nationen auf Grund der gerade jetzt aufkommenden Meistbegünstigungsklausel eröffnen. Aber siehe da: Die Staatsmänner waren den Anschauungen ihrer Zeit vorausgeeilt. Der Vertrag war ordnungsgemäß von den Bevollmächtigten unterzeichnet und von den Souveränen – Ludwig XIV. und Königin Anna – ratifiziert worden. Als aber dem englischen Parlamente ein Gesetzesvorschlag zu entsprechender Beschlußfassung über die neuen Tarife vorgelegt wurde, lehnte das Parlament die Bill ab und brachte damit das ganze Vertragswerk nachträglich zum Scheitern.

So dachten in Wahrheit die Zeitgenossen Saint-Pierres, der unschuldig kühn das ganze Wirtschaftsleben der Nationen an die Entscheidungen eines internationalen Gesandtenkongresses binden zu können vermeinte.

Mit der Unterzeichnung dieser Grundartikel – er hat sie später in seinem Abrégé von 1729, in fünf kürzere zusammengedrängt, als das » Elixir merveilleux« des ganzen Probleme bezeichnet – möchte Saint-Pierre seinen europäischen Staatenbund ins Leben einführen. Er ist sicher, daß der letzte Zweck, der ewige Friede, damit unfehlbar erreicht wird. »Man sage mir doch,« so ruft er triumphierend aus, »wie es zugehen sollte, daß nach der Unterzeichnung eines solchen Vertrages jemals wieder ein Krieg in Europa entstehen könnte.«

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Seinen 12 Grundartikeln will Saint-Pierre den Charakter des Unabänderlichen geben, wenigstens in ihrem Inhalt, nicht ihrer Zahl, da man im Laufe der Zeiten wohl noch den einen oder anderen Artikel hinzufügen könnte, wenn man nämlich zu einstimmigem Beschlusse darüber auf dem Kongresse zu gelangen vermöchte. Weniger feierlich treten die anderen Sätze auf, die teils als Articles importants, teils als Articles utiles aufgeführt werden. Sie zu ändern bedarf es nicht der Einstimmigkeit, sondern nur des Beschlusses einer Dreiviertel-Majorität.

In ihrer Gesamtheit geben diese »wichtigen« und »nützlichen« Artikel ein vollständiges Bild davon, wie Saint-Pierre sich die Einrichtung des Bundes, des Kongresses und sein Wirken vorstellt. Sie lesen sich nicht schlecht, diese Artikel, es ist mancher praktische Vorschlag darin enthalten, und es hätte sich, wenn der Bund je ins Leben getreten wäre, viel leichter über diese Punkte reden und verhandeln lassen, als über die so viel bedenklicheren Grundartikel, die dazu noch mit ihrem unumstößlichen Charakter der künftigen Erörterung fast völlig entzogen waren.

Zum Sitz des künftigen permanenten Friedenskongresses wird Utrecht vorgeschlagen, also dieselbe Stadt, in der soeben die Diplomaten tagten, die sich um den Friedensschluß nach dem spanischen Erbfolgekriege bemühten. Aber Saint-Pierre will nicht erst dadurch zur Wahl des Ortes bestimmt worden sein. Er hat eine große Vorliebe für die Stadt Utrecht. In seinen politischen Annalen hat er später behauptet, sie schon in einer Denkschrift von 1710 zur Stätte eines dauernden Schiedsgerichts für alle Souveräne Europas im Sinne des großen Plans Heinrichs IV. vorgeschlagen zu haben. Das freie Holland, das nach aller Welt Handel treibende Volk, die Atmosphäre der Arbeit, die Nähe des großen Weltmarktes Amsterdam, endlich der in Utrecht bereits tagende Diplomatenkongreß, auch die religiöse Toleranz der Holländer, die der katholische Abbé rühmend hervorhebt, nicht zu vergessen, das sind lauter Gründe, die ihn für Utrecht einnehmen.

Ein anderer Artikel ordnet an, daß der Kongreß oder Senat seinerseits bei den einzelnen Mitgliedern des Bundes diplomatisch vertreten sein soll. Er wird bei jedem derselben einen Ambassadeur und ferner in jeder größeren Provinz von mindestens zwei Millionen Seelen einen Residenten unterhalten. Die Aufgabe dieser Beamten wird es sein, sich zu überzeugen, daß alle zum Bunde gehörigen Souveräne auch den Gedanken des Bundes, Erhaltung von Frieden und Ruhe treu beobachten. Daß eine solche Maßregel in der Praxis eine höchst lästige Kontrolle, ja einen unerträglichen Eingriff in das Recht der Souveränität bedeuten würde, kommt dem Autor nicht in den Sinn. Und es sind mehr solcher Artikel vorhanden, die den Einzelstaat in seinen Rechten schwer beeinträchtigen mußten. Für den Fall eines Krieges werden alle Teilnehmer die gleichen Truppenkontingente stellen. Weil nun die Kleineren dabei mit den Größeren nicht Schritt halten können, so sollen die Größeren es jenen durch entsprechende Geldleistungen ermöglichen. Bestimmungen wie diese hätten sich in der Praxis wohl nur durch Zwang, d. h. beim Vorhandensein einer übergeordneten Gewalt durchführen lassen. In wessen Händen aber hätte diese Gewalt sein sollen, wer hätte die großen Mächte zwingen können, einer Verbindung beizutreten, die so stark in ihre staatlichen Rechte eingriff, überhaupt die Tendenz einer für sie unerträglichen Gleichmacherei unter allen staatlichen Gebilden verfolgte?

Daß der Bund es übernehmen soll, die Entscheidung unsicherer Thronfolgefragen in den Einzelstaaten und, wenn es beliebt wird, auch den Übergang von der Monarchie zur Republik zu bestimmen, wird man vernünftig finden. Auch ein anderer Satz, der einmal das sonst wenig behandelte Gebiet der Kolonialpolitik berührt, entspricht den Bedürfnissen der Zeit. Er fordert, daß von seiten des Bundes Kommissare ernannt werden sollen, um ein für allemal über die Grenzen der überseeischen Besitzungen der verschiedenen Nationen Klarheit zu gewinnen. Auf Grund des Berichts der Kommissare würde der Bund mit seiner Dreiviertelmajorität die etwa strittigen Fragen autoritativ entscheiden. In der Tat spielten in den Utrechter Friedensverhandlungen und noch während der folgenden Jahre die zwischen den englischen und französischen Besitzungen in Nordamerika strittigen Grenzen eine wichtige Rolle. Der Utrechter Friede gab keine endgültige Lösung, sondern schob sie künftigen kommissarischen Verhandlungen zu. Aber der Abbé Dubois, der sich 1716 in London der Sache annahm, machte die Erfahrung, daß es leichter sei, sich über Spanien und Italien zu verständigen, als über Neu-Schottland und die Hudsons-Bai. Und als im Jahre 1719 zwei britische Kommissare nach Paris gesandt wurden, um zwischen den beiden nunmehr befreundeten und verbündeten Staaten die amerikanischen Grenzfragen zu schlichten, da endete auch diese Kommission ohne Ergebnis. Der andauernde Streit um die transozeanischen Interessen gehört vielmehr zur Vorgeschichte der ferneren englisch-französischen Kriege des 18. Jahrhunderts. Soll man da glauben, daß ein Völkerbund die vergeblich gesuchte Lösung gefunden und sie den souveränen Staaten England und Frankreich aufgezwungen haben würde?

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Harmloserer Natur sind die acht » Articles utiles«. Sie gehen recht weit in Bestimmungen für die Sicherheit und die Rechte der Friedensstadt, über den Generalissimus der Unionstruppen im Falle eines Krieges, in Anordnungen über die Führung der Geschäfte im Senat, über die Personen der Deputierten, die z. B. mindestens vierzig Jahre alt sein und durch hervorragende Eigenschaften für ihre Aufgabe geeignet sein müssen. »Die Fürsten, welche sie ernennen,« heißt es im Artikel 3, »werden bei der Wahl der Personen zu achten haben auf die Überlegenheit des Geistes, auf Gewandtheit in den Geschäften, Kenntnis des öffentlichen Rechts und aller Arten des Handels, auf einen Charakter voller Maßhaltung, Geduld und voller Eifer für die Erhaltung des ewigen Friedens, auf die Kenntnis der Sprache des Senats, vor allem auf Hingabe an die Arbeit.«

Doch wir wollen nicht weitschweifig werden wie Saint-Pierre und aus dem Inhalt der »nützlichen Artikel« nur noch mitteilen, daß als die Sprache des Senates nicht ausdrücklich das Französische, sondern einfach diejenige gefordert wird, welche am meisten und am allgemeinsten unter den lebenden Sprachen Europas verwendet wird, womit denn freilich das Lateinische ausgeschlossen ist, obwohl es damals seine internationale Bedeutung als die Sprache der Staatsverträge noch nicht eingebüßt hatte.

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Man erkennt in allen diesen Darlegungen, in den formulierten Artikeln, wie in den Argumenten, die fast rührende Liebe des Autors für seine Idee. Er möchte alles tun, um ihr zum Siege zu verhelfen, auch alle Hindernisse aus dem Wege räumen. Möchte nur erst ein Anfang gemacht sein. Möchten nur einmal die 24 bedeutendsten Souveräne Europas seine 12 Fundamentalartikel kennen lernen. Es kann ja nicht fehlen, daß wenigstens zwei sich zur Unterzeichnung bereit finden, daß sie mit der Zeit einen dritten und einen vierten hinzugewinnen, und ehe ein halbes Jahrhundert verflossen ist, wird der ganze Bund fertig dastehen.

Wir wissen genug, um nicht noch fragen zu müssen, warum es nicht so kam. Die Zeitgenossen haben es wohl gewußt, Saint-Pierre aber sah es nicht. Er ist wahrhaft erfinderisch in der Formulierung von immer neuen Einwänden, und er weiß sie alle siegreich zu widerlegen. Die drei Bände seines Werkes sind voll davon. Nur die wirklich durchschlagenden, die das ganze Gebäude seiner Beweisführung umstürzenden, sie hat er nicht gesehen. Die wirklichen Kräfte der Staaten und der Gesellschaft zu entdecken, Ernst zu machen mit dem Versuch, ihnen vollaufgerecht zu werden und die Durchführbarkeit seines Planes an diesen Kräften zu messen, zu solcher Leistung war seine Urteilskraft zu schwach. Die » Société Européenne«, von der er träumte, hätte, wenn sie der Welt den ewigen Frieden geben sollte, ein alle umfassender Weltstaat sein müssen, ausgestattet nicht nur mit aller Vollkommenheit physischer Gewalt, sondern auch mit dem Willen und der Fähigkeit, die Interessen der Länder und Nationen unter ihrer aller Mitwirkung zu vertreten und über alle so unbedingt zu gebieten, wie irgendeiner der historischen Staaten es in seinem Herrschaftsbereiche nur je getan hat. Von der Souveränität der einzelnen Glieder, vom eigenen Leben der Nationen und von nationaler Kultur würde freilich in einem solchen Gebilde weit weniger übrig geblieben sein als in dem Saint-Pierreschen Bunde. Wie aber zu solchem Ziel zu gelangen sei und ob den Nationen und den Menschen, ob der Gesittung der Welt letzten Endes damit gedient sein würde, das sind Fragen, von denen Saint-Pierre nichts ahnte und die auch heute noch kein Lebender zu entscheiden vermag.

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Saint-Pierre lebte in einer Atmosphäre der Selbsttäuschung, seiner Sache gewiß und unberührt von dem Spotte der anderen. Nur einen Mangel seines Werkes hat er später erkannt. Ihm hat er auch, sehr mit Unrecht, das Ausbleiben des Erfolges zugeschrieben. Er empfand es als einen Fehler, daß er nicht angenehmer geschrieben habe. »Ich bin zu sehr am Stoffe kleben geblieben, habe mich zu ängstlich auf die Beweisführung beschränkt und die Form darüber ein wenig vernachlässigt.« Vgl. Drouet, in der Einleitung zur Ausgabe der Annales politiques, p. XXVl ff.

Dabei war Saint-Pierre nicht ganz ohne schriftstellerische Begabung. In jenen späteren Jahren seines Lebens, aus denen seine eben mitgeteilten Worte stammen, hat er auch politische Annalen als eine Art Geschichte seiner Zeit verfaßt. Hier weiß er vortrefflich zu erzählen, zu schildern, hier malt er lebensvolle Porträte, mögen sie auch nicht alle richtig sein. Er hat innere Wärme und er flicht auch gedankenvolle Erwägungen ein, so wenn er zum Jahre 1711 den Tod des Dauphins erzählt. Wir erwähnen diese Stelle, weil auch das Thema seiner berühmteren Schrift hier wieder anklingt. Er verweilt bei der Erwägung, welch ein vortrefflicher Fürst und friedlicher König dieser Dauphin hätte werden können, ganz anders wie sein Vater Ludwig XIV. Er schildert das Glück für Frankreich, wenn dieser Prinz mit 30 Jahren – er hat ein Alter von 50 erreicht – den Thron bestiegen hätte, denn dann würde der furchtbare spanische Erbfolgekrieg gewiß nicht entstanden sein. Mit beweglichen Worten malt er ein Frankreich, in dem in langer Friedenszeit der Handel zur See und im Innern geblüht hätte. Man würde fleißiger Kanäle und gepflasterte Straßen gebaut haben. Künste und Wissenschaften hätten eine herrliche Blüte erlebt. Statt dessen hat Frankreich das Elend unter der Regierung des Vaters erfahren, den seine Schmeichler Ludwig den Großen nennen. Der Sohn wäre ein Ludwig der Friedliche geworden, und »wenn er es sich zur Aufgabe gemacht hätte, den Krieg unter seinen Nachbarn zu verhindern, oder ihn durch Verträge und durch Schiedsgerichte rasch zu beendigen, so würde man ihn den Friedensbringer genannt haben« Annales politiques, ed. Drouet, 244 ff..

Wir sehen, er kämpft auch hier noch einmal für das alte Ideal, für den ewigen Frieden, aber nicht mehr trocken und weitschweifig und mit ermüdender Häufung der Argumente, sondern mit volleren Tönen und mit dem wehmutvollen Gefühl getäuschter Hoffnung.

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Wir haben noch ein paar Worte von den literarischen wie von den praktischen Erfolgen Saint-Pierres zu reden. Hier läuft man leicht Gefahr, mißverstanden zu werden. Die gebildeten französischen Kreise des 18. Jahrhunderts, mit ihrer starken Empfänglichkeit für alle literarischen Produktionen, die die Verhältnisse in der Gesellschaft, in der Kirche, im Staate, in Europa kritisch zu beleuchten unternahmen, griffen gierig auch nach den Schriften Saint-Pierres. Auch in diesen war ja alles Reformgedanke, Aufklärung, Wirken für einen ganz neuen Zustand. Und nun vollends sein wichtigstes Thema, der ewige Friede. Er konnte sich ja nicht genug darin tun, er schien es nicht erschöpfen zu können, es kommt unter verschiedenen Titeln und in mannigfacher Verkleidung immer wieder. Wie hätte man einem Autor gegenüber kalt bleiben sollen, welcher der von Kriegen kranken Welt den köstlichen Trank eines immerwährenden Friedens kredenzen zu wollen versprach. Daß freilich die Menschen des rationalistischen Zeitalters, an gute Lektüre gewöhnt, die trockenen Darlegungen Saint-Pierres mit größerem Genuß gelesen hätten, als wir Heutigen, brauchen wir nicht zu glauben, denn durch Rousseau wird uns das Gegenteil bezeugt. »Diese Werke«, sagt er, »enthielten ausgezeichnete Dinge, doch so schlecht vorgebracht, daß die Lektüre schwer zu ertragen war.« Aber unzweifelhaft interessierte man sich für die Schriften und auch für den Mann. Er ist von bester Herkunft, hat gute Beziehungen zum Hofe und war lange Jahre Almosenier von Madame. Er spielt eine Rolle in den Pariser Salons, man trifft ihn bei der schönen Madame Dupin, in deren Hause alle Berühmtheiten, die Helden der Feder, der hohe Adel, die Diplomaten zusammenkommen Confessions, Partie II, Livre Vll. . Ja sie ist, sagt Rousseau, nur eine der drei oder vier schönen Pariserinnen, bei denen der alte Abbé enfant gâté war. Drücken wir es einmal so aus: sein literarischer Erfolg wird erklärt weniger durch die Bedeutung seiner Leistung als durch sein Thema und durch seine Stellung in der französischen Gesellschaft.

Aber die Sache sieht anders aus, wenn wir fragen, was seine Gedanken, um mit Goethe zu reden, ins Jahrhundert gewirkt haben, ob sie fortgeführt wurden, ob sie zum festen Bestandteil der Weltanschauung des Rationalismus oder wenigstens der französischen Aufklärung geworden sind. Die Frage ist zu verneinen. Keiner der großen Geister des Jahrhunderts ist den Bahnen Saint-Pierres gefolgt. Er ist von allen abgelehnt und noch dazu oft über Gebühr verspottet worden. Mit ein paar höflich nichtssagenden Worten hat Leibniz die Übersendung des Projekts durch den Abbé beantwortet. Und einem andern gegenüber erinnert er sich der Inschrift, die et einmal über dem Tor eines Friedhofes gelesen und die gelautet habe: Pax perpetua. Auf das Leben der Menschen und der Staaten schienen ihm die Ideen Saint-Pierres nicht zu passen, denn nur »die Toten schlagen sich nicht mehr, die Lebenden aber sind anderer Stimmung und die Mächtigsten unter ihnen zollen den Aussprüchen der Gerichtshöfe keine Achtung« Vgl. Drouet, Saint-Pierre 1912, 133 ff.. Mit grimmigem Hohn behandelt Voltaire den Abbé. Zu einem Porträt desselben verfaßte er das bissige Epigramm:

»Zum Glücke sehn wir nur ein stummes
Porträt des Abts in diesem Saal,
Denn hätten wir das Or'ginal,
Da hörten wir gewiß was Dummes.« Die Übersetzung bei Borner, Das Weltstaatsprojekt des Abbé de Saint-Pierre. 1913, 67.

Oder er findet, es sei ebenso schwierig, den Menschen das Kriegführen abzugewöhnen wie den Wölfen das Fressen der Lämmer.

Aber man kennt ja Voltaire. Es ist ihm oft mehr darum zu tun, ein gelungenes Scherzwort anzubringen, als ein sachliches Urteil zu fällen. Ganz anders Rousseau. Er ist in der Tat unter den großen Schriftstellern Frankreichs derjenige, der sich am tiefsten in die Werke Saint-Pierres versenkt und dasjenige, was ihm am merkwürdigsten erschien, in verkürzter Form der Welt noch einmal mitgeteilt hat. Er ist nicht aus eigenem Antrieb zur Beschäftigung mit Saint-Pierre gekommen. Er erzählt uns in den Confessions Partie II, Livre IX. , man habe ihn darum gebeten, sich der Sache anzunehmen. Abbé Mably hat es gewünscht, Madame Dupin hat es ihm nahegelegt, denn es schmeichelte ihrer Eigenliebe, »die totgeborenen Werke ihres Freundes zu neuem Leben erweckt zu sehen«. Aber 23 Bände waren zu lesen, zu überdenken, zu excerpieren. Die Darstellung oft unklar, voller Längen und Wiederholungen; es gilt die großen, edlen Ideen herauszuholen, sie von den geringen, verworrenen zu scheiden. Eine lange, mühselige Arbeit, und dazu hat Graf Saint-Pierre, ein Neffe des Abbés, auch noch den ganzen handschriftlichen Nachlaß des Oheims in Rousseaus Hände gelegt. Dieser ist manchmal nahe daran, die Arbeit, verzweifelnd, aufzugeben, aber dann hält er sich doch für verpflichtet, sie fortzusetzen.

Als das Ergebnis dieser Studien finden wir neben der Polysynodie, mit der wir es nicht zu tun haben, unter Rousseaus Werken einen Auszug aus dem großen Friedensplan Saint-Pierres. Er gibt alle Hauptgedanken des Abbé wieder, aber mit Rousseauschem Geist und mit viel besseren Worten, als Saint-Pierre sie gefunden hatte. Rousseau beginnt damit, daß er dem Leser etwas von der tiefen Empfindung mitzuteilen versucht, die die Beschäftigung mit dieser höchsten Angelegenheit aller Menschen in ihm selbst hervorrief. Er denkt an einen edlen und friedlichen Bruderbund, in ewiger Eintracht, alle von denselben Grundsätzen geleitet, alle dieselbe Seligkeit genießend; und indem er vor sich selbst das Bild eines Glückszustandes entwirft, der nicht ist, meint er es wenigstens für einen Augenblick als Wirklichkeit zu empfinden. Dann aber, zur Sache kommend, will er »kalten Blutes« sein Thema abhandeln. Nun kehren, in knapper Fassung, wirklich die wichtigsten Gedankengänge Saint-Pierres wieder, und Rousseau spart auch so wenig wie jener mit starken Worten, um die Richtigkeit des Satzes zu erhärten, daß, wenn der vorgeschlagene große Staatenbund erst einmal ins Leben getreten wäre, auch der Zweck, nämlich der nie mehr gestörte Friede Europas, unfehlbar zur Tatsache werden würde. »Nichts Chimärisches ist dabei,« ruft er am Schlusse aus, »und wenn aus der Sache nichts wird, so sind eben nur die Menschen ohne Einsicht, und vielleicht ist es Torheit, unter Narren der einzige Weise sein zu wollen.«

Doch das ist nicht Rousseaus letztes Wort. Er hängt dem » Projet« noch eine Abhandlung an, in der er zwar von dem Gesagten nichts zurücknimmt, aber die Schwierigkeiten in den Vordergrund rückt, die sich der Einführung des Systems entgegenstellen. Das System ist gut, aber diejenigen, denen seine Aufrichtung obliegen würde, sind schlecht. Der ewige Friede stellt das wahre Interesse der Menschen dar, der absolute Staat aber vertritt das scheinbare, das vorgeschützte Interesse aller. Die Könige denken nur an zwei Dinge, an die Erweiterung ihrer Herrschaft nach außen und die Erhöhung ihres absoluten Regiments im Innern. Ihre Wünsche, ihre politischen Absichten streben dazu nach lauter verschiedenen Richtungen und streiten gegeneinander. Unmöglich, sie durch Vernunft und Gesetz zu gemeinsamer Durchführung der großen » Confédération« zu bewegen. Es könnte höchstens durch Gewalt geschehen. Das aber würde im Augenblick vielleicht mehr Unheil über die Welt bringen als es für die kommenden Jahrhunderte zu verhüten gilt.

So wird dieses » lugement sur la paix perpétuelle« im Munde Rousseaus zur Anklage, zum Kampfmittel gegen das Staatswesen seiner Zeit. Das System Saint-Pierres war gut, ja es war nur zu gut, um durchführbar zu sein. Denn von der Basis des Absolutismus aus war das Problem nicht zu lösen. Darüber sieht Rousseau nicht hinaus. Das wahre Hindernis, das in der Natur der Staaten, der Völker, der Menschen liegt, und das mit ihrer Verfassung gar nichts zu tun hat, dieses Hindernis hat auch Rousseau nicht erkannt.

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Wie steht es aber mit der praktischen Wirkung des großen Friedensplanes von Saint-Pierre, und ist die Geschichte Europas merklich von ihm beeinflußt worden?

Wir folgen dem Gange der europäischen Politik noch durch ein paar Jahrzehnte, d. h. durch die Zeit, in der Saint-Pierre noch lebte und fortfuhr, seinen Friedensplan aller Welt ans Herz zu legen. Da lernen wir an der historischen Wirklichkeit so recht den Unterschied ermessen zwischen einer undurchführbaren Idee und dem Walten praktischer Staatskunst. Denn auch diese blieb vorläufig fest auf die Erhaltung des Friedens gerichtet. Und es ist ihr wirklich zwei Jahrzehnte lang gelungen, den Frieden im Weltteil zu bewahren. Freilich darf man auch diese Behauptung nicht ganz ohne Ausnahme und Einschränkungen stehen lassen. Sie betreffen zunächst den schon erwähnten, nicht allzu ernsthaften Feldzug gegen Spanien im Jahre 1719, sodann den ungefähr gleichzeitigen Türkenkrieg der Republik Venedig und Österreichs, und endlich den noch nicht ganz bis zum Ende durchgefochtenen großen nordischen Krieg. Aber von diesen Ereignissen abgesehen und wenn wir nur die alte Staatenwelt Europas betrachten, oder nennen wir sie mit Ranke den Kreis der romanisch-germanischen Nationen, so hat der Historiker hier auf zwanzig Friedensjahre zu verweisen und auf die Segnungen, die für die europäische Menschheit daraus geflossen sind.

Frankreich, beim Tode Ludwig XIV. am Rande des Abgrundes, hat in diesen zwanzig Jahren die schlimmsten Folgen des vorangegangenen Kriegszeitalters überwunden. Die Verwaltungen des Herzogs von Orleans, des Herzogs von Bourbon, des Kardinals Fleury, sehr ungleich an Verdienst, haben doch die eine von der anderen die Friedenspolitik übernommen. Fleury zumal galt als der friedlichste Mann in Europa. »Am Frieden hängt mein Herz – nicht Fleury kann ihn tiefer lieben,« so dichtet der Engländer Pope Ähnlich heißt es in Herveys Memoiren 1, 84: » His great principle in politics was to keep peace in Europe as long as it was possible.«.

Auch in England steht der Sinn des Volkes nicht mehr nach militärischen Triumphen. Es will in Frieden leben. Seine Wirtschaft, seine materielle Kultur heben sich rasch und mächtig. Geräuschlos werden die Kräfte gesammelt, mit denen nachher die größten Aufgaben ergriffen und gelöst worden sind. Unter den britischen Staatsmännern dieser Epoche hat zwar Stanhope, wie wir hörten, noch den Krieg erwogen und hat ihn auch nicht ganz vermeiden können. Der nach ihm kam, Robert Walpole, hat sein England durch Klippen und Stürme hindurchgeführt und hat jeden feindlichen Zusammenprall vermieden. Er ist ein echter Held des Friedens.

Auch bei den grundsätzlich friedliebenden Holländern, unter ihrem Ratspensionär Slingelandt, in Osterreich unter Karl VI., in Preußen unter Friedrich Wilhelm I., überall herrschte der Wunsch, jeden Krieg zu vermeiden. Am wenigsten war dasselbe etwa in Spanien der Fall, dessen Politik noch durch die Erinnerung an die verlorene Größe erfüllt und von dem unruhigen Geiste der launischen Elisabeth Farnese beherrscht war.

Dabei war trotz der allgemeinen Friedenssehnsucht noch Zündstoff genug in Europa vorhanden. Nachdem Spanien sich der Quadrupel-Allianz unterworfen hat, wird ein allgemeiner Friedenskongreß in Aussicht genommen, um alle noch streitigen und unklaren Fragen zu entscheiden. Langsam versammeln sich die Diplomaten in Cambrai, langsam rücken sie ihrem Ziele näher. Die Westmächte sollen zwischen Österreich und Spanien, den vom Erbfolgekriege her noch unversöhnten Staaten, vermitteln. England hat die Führung und es strebt ehrlich danach, wie es in einem Aktenstücke von 1724 heißt, »wenn möglich einen allgemeinen Frieden zu schließen, in einer Form, wie sie am meisten geeignet wäre zur Befestigung der gegenwärtigen Ruhe Europas, so weit es durch eine papierene Sicherheit überhaupt möglich ist«. Und es sieht der Lösung der verhandelten Fragen mit dem beruhigenden Empfinden entgegen, »daß das allgemeine Gleichgewicht der Mächte Europas wenig davon berührt wird, wie immer auch die Lösung ausfallen möge« Bericht der Bevollmächtigten Polwarth und Whitworth vom 9./20. Mai 1724. Very private. – Weisung des Staatssekretärs Newcastle an die Gesandten in Cambrai vom 18. Mai 1724, a. St. Private. Beide Stücke handschriftlich im Record Office, London..

Aber die Mühe ist umsonst, der Kongreß scheitert. Österreich und Spanien spotten der Vermittlung, versöhnen sich selbst, schließen ein festes Bündnis miteinander und nehmen eine kriegerische Haltung gegenüber den Westmächten an. Notgedrungen müssen auch diese zunächst auf ihre diplomatische, dann auf militärische Sicherung bedacht sein. Ein Moment tritt ein, wo selbst der holländische Staatsmann Slingelandt seinen Verbündeten, England und Frankreich, eine Politik empfiehlt, die zum Kriege führen könnte Goslinga, Slingelandts Efforts toward European Peace 1915. 1, 105 u. 6. . England geht darauf ein, doch Fleury. lehnt ab, denn noch ist die Finanznot Frankreichs nicht überwunden. Die Feindseligkeiten beginnen wirklich, Gibraltar wird von den Spaniern, aber vergeblich, belagert. Bei allen seinen friedlichen Neigungen blickt das englische Volk mit Befriedigung auf jene Methode starker Selbstverteidigung, »die nach menschlichem Ermessen die einzige Hoffnung bietet, alle gefährlichen Anschläge auf unsere höchsten Interessen zu verhindern oder zu vereiteln« (B. Hoadly) An Enquiry into the Reasons of the Conduct of Great Britain. 1727. 122. .

Und doch wird noch einmal der Krieg vermieden, einfach aus dem Grunde, weil niemand ihn will. Ein neuer Kongreß wird einberufen, er tagt zu Soissons, aber auch dieser führt zu derselben Enttäuschung wie sein Vorgänger. Dieses Mal war es ein Meisterstück der Politik Walpoles, als es ihm gelang, den Bund zwischen Osterreich und Spanien zu sprengen. Der günstige Moment trat ein, wo England sich von beiden Mächten umworben sah und die Wahl hatte, welche von beiden es auf die Seite der Westmächte herüberziehen sollte. Es wählte Spanien und schloß den Vertrag von Sevilla. Das isolierte Osterreich sieht sich zur Nachgiebigkeit gezwungen und schließt 1731 den Wiener Frieden, durch den endlich alle Streitfragen, über die man sich jahrlang aufgeregt hatte, friedlich geschlichtet wurden. Es ging damals ein Gefühl der Erlösung durch die Herzen der friedensseligen Völker Europas. Alle Gefahren sind überwunden, alle Klippen sind umschifft. Man glaubt endlich am Ziele zu sein. Sätze wie die folgenden geben die Stimmung jener Tage deutlich wieder: »Wir genießen jetzt die vollkommenste allgemeinste und am besten gesicherte Ruhe.« »Fast jeder frühere Friedensschluß in Europa erscheint nach seiner Natur, wie in seinen Folgen nicht besser als wie ein kurzer Waffenstillstand.« »Jetzt haben wir das Glück, die Verteilung der Macht so wohl geordnet zu sehen, die Grenzen so gut gezogen und so stark geschützt, die Fürsten Europas mit ihrer Lage so vollkommen zufrieden, so ganz erfüllt von dem Entschlüsse, im Frieden zu leben, und so entfernt von dem Bedürfnis oder der Neigung, überzugreifen auf das Gebiet ihrer Nachbarn, daß wir uns voll der Freude hingeben dürfen, die edle Geister bei einem so lieblichen Anblick empfinden.« »So ist unsere gegenwärtige Lage, und keine Zeit hat jemals bessere Aussichten für einen dauernden Frieden geboten als die heutige.« Aus einer anonymen Flugschrift: The natural Probability of a Lasting Peace in Europe. 1732.

Hier sehen wir die Ära praktischer Friedenspolitik auf ihrem Höhepunkte. Es ist nicht unsere Aufgabe, die Geschichte Europas weiter zu verfolgen. Nur soviel möge hier gesagt werden: Die Welt hat sich damals getäuscht.

Zwei Jahre später ist der Krieg um die polnische Thronfolge entbrannt. Und von nun an hat die fernere Geschichte des 18. Jahrhunderts immer wieder von Kriegen und Schlachten, von Kämpfen zu Wasser und zu Lande in allen Erdteilen und auf allen Meeren zu berichten, bis sie endlich ausklingt in dem Waffengetöse der Napoleonischen Ära.

Wollen wir aber die eben geschilderte Periode von 1713 bis 1731 richtig verstehen, so haben wir uns eine Generation vorzustellen, die mit Schaudern an die Zerstörungen eines langen und nun überwundenen Kriegszeitalters zurückdenkt. Sie ist bereit, manches hinzunehmen, manchen Streitpunkt unausgetragen zu lassen, nur um die stille Arbeit des Friedens nicht unterbrechen zu müssen. Dabei hat es an reichlichem Zündstoff, wie wir sahen, nicht gefehlt. Er hätte zu anderen Zeiten vielleicht genügt, um eine Reihe von europäischen Kriegen hervorzurufen. Manche Gegensätze werden überbrückt – denken wir z. B. an die belgisch-ostindischen Handelspläne, auf die Karl VI. verzichten mußte, oder an die von Spanien geforderte Auslieferung Gibraltars, von der nachher nicht mehr die Rede ist. Andere, die man einstweilen ruhen läßt, sind später dennoch durch die Waffen entschieden worden. So geschah es mit der Pragmatischen Sanktion, d. h. der Frage der Unteilbarkeit des Habsburger Staates, so mit der Festsetzung der Bourbonen in Italien, so geschah es besonders mit den einander entgegenstrebenden Interessen englischer und französischer Kolonialpolitik.

Staatsmänner wie Fleury und Walpole vertreten also mit ihren friedlichen Tendenzen so recht den Geist ihrer Zeit. Bei Fleury kann man wohl auch beobachten, wie er selbst, zusammen mit dem Geiste Frankreichs, sich nachher gewandelt hat. Das wiedererstarkte Frankreich der dreißiger Jahre ist auch wieder kriegslustig und Fleury ist es mit ihm. Nun ward er geradezu als der Wiederhersteller der militärischen Größe Frankreichs gefeiert. Anders Walpole. Er ist sich treu geblieben bis zuletzt, ja er blieb derselbe, auch als die Stimmung des Landes sich zu ändern begann. Er suchte alle auswärtigen Verwickelungen zu vermeiden. Er möchte sich die Hände frei halten. »Meine Politik ist es, uns von allen Verpflichtungen fern zu halten, so lange wir irgend können.« Den auswärtigen Fragen im Anfang fremd gegenüberstehend, hat er sich auch mit ihnen vertraut gemacht, nachdem er erfahren hatte, wie leicht seine Friedensarbeit durch sie gestört werden könnte. Über die Kritik der Opposition, die sich z. B. mit besonderer Schärfe gegen den Vertrag von Sevilla wendete, setzte er sich seelenvergnügt hinweg. Viel schwerer war seine Aufgabe im Jahre 1733, als der polnische Thronfolgerkrieg begann. Georg II. empfand als Deutscher, und wollte zum Schutze des Kaisers auch England in den Krieg gegen Frankreich hineinziehen. Der größte Teil des Kabinetts stand auf der Seite des Königs. Die Opposition im Parlamente erklärte, daß die nationale Ehre engagiert sei. Walpole allein widerstand und setzte es durch, daß England neutral blieb. »Madame,« so sprach er 1734 stolz zur Königin, »in diesem Jahre sind 50 000 Menschen in Europa erschlagen worden, aber darunter nicht ein einziger Engländer.« Und auch 1739, als die Verwickelung mit Spanien begann, hat Walpole sich solange wie möglich gegen den Krieg gesträubt. Es war wie eine persönliche Niederlage des leitenden Ministers, als man dennoch gezwungen war, den Kampf zu beginnen. So hat zwar die Laufbahn Walpoles wie diejenige Fleurys im Frieden begonnen und im Kriege geendet. Und doch kann hier von einem krassen Widerspruch nicht die Rede sein. An einen ewigen Frieden haben Fleury und Walpole niemals geglaubt. Und sie erlebten es noch, daß die Jahrzehnte, da die europäischen Völker die Erhaltung des Friedens über alles stellten, abgelöst wurden durch eine Epoche neuer Kriege. Denn nun folgten die Zeiten Friedrichs des Großen und des älteren Pitt.

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Wir haben über diesen historischen Erinnerungen unseren Autor fast aus den Augen verloren. Wir wenden uns wieder zu ihm. Europa hatte, wie wir nun wissen, seinen Weg ohne ihn zurückgelegt, Frieden oder Krieg gewählt nach dem Willen der Völker und der Staatsmänner. Wie weit aber hat das alles nun wiederum auf Saint-Pierre gewirkt und sein Denken beeinflußt?

Um es gleich zu sagen, seine Überzeugung von der Richtigkeit seines Planes ist nie erschüttert worden, in friedlichen so wenig wie in kriegerischen Zeitläuften. Nie hat er aufgehört, den Völkern Europas, vor allem aber den Großen der Erde, seine Lehre von der Société Européenne anzupreisen. Er zweifelt auch nicht daran, daß ihr die Zukunft gehören werde. Er wird immer mehr zum Fanatiker seiner Idee. Er mißt an ihr den Wert alles politischen Geschehens und aller historischen Personen. Sie begleitet ihn und bildet auch in den politischen Annalen das immer wiederkehrende Leitmotiv.

Beim Tode Ludwigs XIV. vergleicht er diesen Fürsten mit seinem Großvater Heinrich IV. Er gibt diesem in allen Stückenden Vorzug, insbesondere aber wegen des großen Friedensplanes, den der Abbé selber von Heinrich IV. übernommen zu haben meint. Im Jahre 1727 erwähnt er den Präliminarfrieden, den Karl VI. mit England, Frankreich und Holland schloß und findet, daß ihm zur Herstellung eines dauernden Friedenszustandes besonders noch der europäische Reichstag fehle, der ohne Krieg und durch Schiedsgericht alle zukünftigen Streitigkeiten unter den Souveränen beendigen werde. Und er fügt auch gleich seine Fundamentalsätze hinzu, ohne die es keine Sicherheit für die Ausführung der Verträge und zur Vermeidung neuer Kriege geben könne. Dieselben Betrachtungen und dieselben Sätze hängt er wieder an seine Erzählung des Vertrages von Sevilla. Nicht anders nach dem Wiener Frieden von 1731. »Man mag sich drehen und wenden wie man will, es gibt nur ein einziges Mittel, welches Europa dauernd in Frieden halten kann, die Errichtung des europäischen Reichstages, der als ein Tribunal die Streitigkeiten zwischen den Souveränen Europas beilegt, wie das deutsche Tribunal seit 600 Jahren die Differenzen zwischen den Souveränen Deutschlands ohne Krieg entscheidet.« Und wieder 1738, als gerade 25 Jahre seit dem Erscheinen seines Werkes vergangen sind, der Friede nach dem polnischen Thronfolgekriege ist soeben geschlossen, Frankreich und Österreich haben eine politische Annäherung vollzogen, die kleineren Staaten sind beunruhigt, denn das europäische Gleichgewicht ist gestört: »So werden sie nun, ohne es zu wollen, durch die Furcht dazu gebracht werden, die fünf Fundamentalartikel der europäischen Union zu unterzeichnen.« Er spricht, als müsse nun nach 25 Jahren sein alter Traum zur Wirklichkeit werden. »Freilich,« so fügt der unverbesserliche Friedensapostel traurig hinzu, »der Kardinal Fleury, so friedlicher Gesinnung er auch ist, hat von jeher die europäische Union für eine Unmöglichkeit erklärt; er hat mein Werk ja nicht einmal gelesen.« Im nächsten Jahre berichtet er über die Verbindung der beiden Zweige des Hauses Bourbon in Frankreich und Spanien. Sie verheißt einen lange dauernden Frieden. Um ihn zu einem ewigen zu machen, fehlt nur noch der Abschluß des europäischen Bundes. Und so geht es bis zum Schlüsse, wo noch einmal Heinrich IV. hoch über Ludwig XIV. erhoben wird. » Paradis aux Bienfaisants.«

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So redet Saint-Pierre in den politischen Annalen. Aber noch wichtiger als das lesende Publikum sind unserem Autor die handelnden Staatsmänner. In ihren Händen ruht die Zukunft seines Projekts. Als er den dritten Band seines Werkes herausgibt, ist Ludwig XIV. gestorben und der Herzog von Orleans steht als Regent an der Spitze Frankreichs. Sofort widmet ihm Saint-Pierre seinen neuen Band. Er beginnt mit einer an den Regenten gerichteten Epistel, die, das so oft Gesagte zusammenfassend, eine kleine Abhandlung für sich bildet. In dem Bande selbst hebt zuerst wieder das alte Spiel der selbsterhobenen und siegreich widerlegten Einwände an. Der wichtigste Inhalt aber besteht in einer ausführlichen Darlegung des Interesses, das jeder einzelne Fürst in Europa an der Unterzeichnung des Bundesvertrages haben müsse. Saint-Pierre sucht seinem Thema eine neue Seite abzugewinnen. Und zugleich erscheint ihm diese Betrachtungsweise vorzüglich geeignet, um auf den neuen Herrn von Frankreich Eindruck zu machen. Das gibt uns Gelegenheit, auch auf diesen besonderen Inhalt des dritten Bandes mit ein paar Worten einzugehen.

Ansätze zu solcher Betrachtungsweise waren schon im zweiten Bande enthalten. Hier ist sie wie eine besondere Arbeit dem Körper des Gesamtwerkes angehängt.

Saint-Pierre folgt damit nur einem vorhandenen Schema. Man hatte im 16. und besonders im 17. Jahrhundert begonnen, die Natur und die politische Stellung der europäischen Staaten zu studieren und zu schildern, nicht allein aus wissenschaftlichem Interesse, sondern aus politischem Bedürfnis. Die lebendigeren Beziehungen der Staaten zueinander, sei es freundlicher oder feindlicher Natur, die unausgesetzte gegenseitige Beobachtung und Berichterstattung durch die Organe der nunmehr ständigen Diplomatie haben diese besondere literarische Gattung ins Leben gerufen Über die Entstehung, die Bedeutung und die frühere Entwicklung dieser Literaturgattung vergleiche man jetzt die grundlegende Abhandlung von F. Meinecke, Die Lehre von den Interessen der Staaten im Frankreich Richelieus. Hist. Zeitschrift 123. 1920.. Am berühmtesten ist der Traktat des Herzogs von Rohan » De l'Interest des Princes et Estats de la Chrestienté«, erschienen 1638, Richelieu gewidmet und bestimmt, dem Staatsmanne und seiner Politik zu dienen. Ohne der Entstehung und der Geschichte der Staaten allzu ängstlich nachzuforschen, will er nur zeigen, wie sie gegenwärtig dastehen, will ihre Kräfte und ihre Schwächen darlegen, ihre Beziehungen zueinander, was sie einander zu bieten und was sie voneinander zu fürchten haben. Spanien und Frankreich sind wie die Pole, von denen innerhalb der Christenheit Krieg und Frieden auf die anderen Staaten hinüberfließen. Alle übrigen werden aus einem größeren Abstande und mit geringerer Teilnahme betrachtet. Spanien strebt nach der (Universal-)Monarchie, Frankreich hält ihm das Gegengewicht. In diesem Gegensatze, der in der Tat, wie man historisch zu sagen pflegt, bis zum Pyrenäischen Frieden von 1659 das politische Bild Europas beherrschte, bewegt sich die Geschichte der Staaten.

Später ist dieses Schema verlassen worden. Man sieht in Holland den Kernstaat Europas Ich denke z. B. an die Schrift De la Courts von dem Interesse von Holland und an Ker v. Kerslands Memoiren., um, wieder einige Zeit später, es als die Hauptangelegenheit Europas zu betrachten, dem übermäßigen Ehrgeiz des Hauses Bourbon entgegenzutreten. Wandlungen der Anschauung, wie sie naturgemäß der Abwandlung der Machtverhältnisse unter den Staaten folgten.

Saint-Pierre ergreift auch seinerseits den Gedanken dieser Literaturgattung, aber er gibt ihm eine neue Prägung. Rohan hatte gesagt: »Die Fürsten befehlen den Völkern und das Interesse befiehlt den Fürsten.« Saint-Pierre hängt sich etwas äußerlich an den Begriff des Interesses, um nun auch seinerseits die ganze Reihe der Fürsten, d. h. der Staaten, durchzugehen und den Nachweis zu führen, daß gerade ihr wohlverstandenes »Interesse« sie bewegen müsse, sein Friedensprojekt anzunehmen. Jene Schriftsteller, sagt er, gehen von der Voraussetzung aus, daß es für die Fürsten zur Beendigung ihrer Streitigkeiten keinen anderen Weg gäbe, als den des Krieges. »Ich aber, ich nehme an, daß sie als Glieder eines und desselben Bundes zwar gemeinsame oder entgegengesetzte Interessen haben können. Die entgegengesetzten Interessen können sie zu Feinden machen, doch ohne daß sie deshalb zum Kriege greifen müssen, denn sie können ihre Streitigkeiten durch Schiedsgerichte beenden, ohne Einbuße zu erleiden an den ihnen allen gemeinsamen Interessen.« Und so geht er daran, auf seine Art die übliche Staatenschau vorzunehmen, um, wie er es so oft für die Allgemeinheit getan, nun auch für jeden einzelnen die Heilsamkeit seines Friedensprojektes zu erweisen. Was er hier treibt, ist aber im Grunde nur ein Zugeständnis an die seiner Zeit geläufigen Gedankengänge.

Was Rohan getan, will also Saint-Pierre befolgen. Er möchte das Schema von den Interessen der Staaten gleichsam einfangen für seinen Zweck. Aber Saint-Pierre hat nicht viel von dem Geiste Rohans, und seine immer mechanischer werdende Beweisführung hat auch durch das Schlagwort von den Interessen der Staaten nicht an Überzeugungskraft gewonnen. Und die Wirkung auf den Herzog von Orleans? Er ist sicher kein Anhänger der Idee Saint-Pierres geworden und auch nicht ein persönlicher Gönner des Schriftstellers. Er hat sogar, wenn wir recht berichtet sind, selbst Anstoß gegeben, als Saint-Pierre 1718 wegen einer Schrift gegen das Andenken Ludwigs XIV. aus der französischen Akademie ausgestoßen wurde.

Saint-Pierre scheint auch an Kardinal Fleury häufig herangetreten zu sein, aber immer nur, um kühle Abweisungen oder verletzenden Spott zu ernten. Doch der bescheidene Abbé hält die Abweisung nicht für das letzte Wort des Ministers, und den Spott will er nicht verstehen. 1734 hat er ihm in einer Denkschrift seine »Beobachtungen« vorgetragen. »Sicherlich«, antwortet ihm Fleury Drouet, L'abbé de Saint-Pierre. 1912. 1833., »sind sie sehr weise und sehr scharfsinnig, aber um sie in die Tat umzusetzen, wäre es nötig, daß die Mächte Europas nach Grundsätzen der Gerechtigkeit handelten, und von diesem Ziele sind wir wahrhaftig noch weit entfernt.« Noch charakteristischer ist eine vollständig erhaltene Korrespondenz zwischen Fleury und Saint-Pierre aus dem Jahre 1740 Ebd. 137 u. 138.. Fontenelle, ein Gönner Saint-Pierres, hatte in einem Briefe an Fleury den zwischen England und Spanien entbrannten Krieg erwähnt und den Kardinal aufgefordert, die erhitzten Geister zu beruhigen. Fleury antwortete scherzend, daß zuvor die Herrscher einige Dosen von dem Friedenselixier seines alten Freundes Saint-Pierre zu sich nehmen müßten. Fontenelle ist grausam genug, Fleurys Brief dem Abbé selbst zu zeigen. Dieser aber nimmt in aller Unschuld die Sache vollkommen ernst, schreibt in begeisterten Worten an Fleury und überreicht ihm noch einmal seine fünf Artikel. Aus seiner Hand, sagt er, werden die Kranken das Heilmittel für dieses und für alle künftigen Abel dankbar entgegennehmen. Hinter dem Größeren, hinter dem Staatsmanne, will er gern zurückstehen. »Ich bin der Apotheker Europas,« fügt er kühn scherzend in einem Nachwort hinzu, »Sie sind der Arzt. Dem Arzte kommt es zu, die Medizin zu verordnen und zu verabreichen.« Fleury antwortet voller Hohn, man sollte den Herrschern vor der Überreichung der fünf Artikel einen Trupp von Missionaren ins Haus schicken, um ihre Herzen zu besänftigen und sie mit einem milden Tränklein auf das Kommende vorzubereiten. Und Saint-Pierre bekommt es fertig, in seiner Antwort noch die Güte des Ministers zu bewundern und ihm eine neue Denkschrift über den alten Stoff zu überreichen.

In demselben Jahre 1740 versuchte Saint-Pierre noch einen Größeren für seinen Plan zu gewinnen. In Preußen ist ein junger König zur Herrschaft gelangt. Die Thronbesteigung eines neuen Fürsten ist im Zeitalter des Absolutismus schon an und für sich ein bedeutungsvolles Ereignis. Und was hatte man nicht schon für Wunderdinge vernommen von dem jungen Philosophen, der nun die preußische Krone trug. Alle Welt sah voller Erwartung seinen Taten entgegen. Da machte auch der alte Abbé Saint-Pierre – er hatte soeben sein 82. Lebensjahr zurückgelegt – sich auf. Auch er war unter denen, die an den Berliner Hof wallfahrteten, um den aufgehenden Stern zu erblicken. Er kam mit guten Empfehlungen, aber der Empfang, den er fand, war enttäuschend J. G. Droysen, Über die Schrift Anti-Saint-Pierre und deren Verfasser. Monatsberichte der Königl. Preuß. Akademie der Wiss. 1878. 711 ff.. Immerhin muß der soeben erscheinende Antimachiavel den Abbé hoffnungsvoll gestimmt haben. Er möchte so gern in dem Könige von Preußen den Auserwählten erblicken, der dem Friedensplan zur Wirklichkeit verhelfen wird. Aber Friedrich macht es ihm schwer, daran zu glauben. Gleich in den ersten Monaten seiner Regierung läßt er seine Soldaten drohend in das Gebiet des Bischofs von Lüttich einrücken. Und dann kommt der Einmarsch in Schlesien. Saint-Pierre will an die böse Absicht nicht glauben. Er scheint, wie anfangs viele in Frankreich, ein geheimes Einverständnis Friedrichs mit Maria Theresia anzunehmen. Und wie, um ihn nicht für verloren halten zu müssen, veröffentlicht er die » Reflexions sur l'Antimachiavel«. Sie sind im Tone eines liebevollen Vorwurfs gehalten, aber auch noch voller Vertrauen und Zuversicht. »Wir brauchen, um den ewigen Frieden durch das Institut des permanenten Schiedsgerichts zu gründen, einen kühnen Fürsten, den Schwierigkeiten mehr reizen als abschrecken.« Aber der preußische König machte noch immer keine Miene, der von Saint-Pierre geträumte Friedensfürst zu werden. Er schlug die Österreicher bei Mollwitz und verbündete sich mit Frankreich zu weiterem Kampfe.

Saint-Pierre glaubt, vor einem politischen Rätsel zu stehen. Ein Fürst, so voll von Gerechtigkeitssinn, der Verfasser des Antimachiavel, ist dennoch mit bewaffneter Hand und als Eroberer in eine der Provinzen der Königin von Ungarn eingebrochen. Kein Zweifel, er hat nur den rechten Weg nicht gefunden. Es gilt, ihn aufzuklären, ihm nahezulegen, ein Schiedsgericht, z. B. das der Holländer und Engländer anzurufen. Dann wird er auch reif sein für die hohe Rolle, die Saint-Pierre ihm zugedacht hat. In denselben Tagen, da er diese Betrachtungen niederschrieb, hat er sie ganz ähnlich auch in einer besonderen kleinen Schrift unter eben dem Titel l'énigme politique veröffentlicht. Sie ist vom 10. April 1741, dem Tage der Schlacht bei Mollwitz, datiert Die eigene Datierung dieser Schrift vom 10. April 1741 ist eine vollkommen ehrliche Datierung. Es liegt keinerlei Mystifikation vor, wie Droysen (Monatsberichte der Königl. Preuß. Akademie der Wiss. 1878) S. 714 ff. annimmt. Gegen Droysen ist ferner zu bemerken, daß die Ausdrücke › bel ouvrage‹ und › grand ouvrage‹ in Friedrichs Briefen sich unmöglich auf die énigme politique, d. h. auf eine Schrift von ein paar Seiten, beziehen können. Worauf sie sich beziehen, was also Friedrich im April 1742 von Saint-Pierre gesandt erhielt, das ist einfach der uns wohlbekannte, große Friedensplan selbst, wahrscheinlich in der Form des Abrégé.. Saint-Pierre warnt noch einmal. Der König möge den begangenen Fehler wieder gut machen. Er möge etwa die Engländer und Holländer zu Schiedsrichtern wählen. Und Saint-Pierre weist noch hin auf das Beispiel des alten, friedlichen Römerkönigs Numa Pompilius, der eine Kompagnie von Priestern errichtete und sie in Feindesland sandte, daß sie um Ersetzung des Schadens bäten, der im Gebiete Roms angerichtet worden sei.

König Friedrich wird beim Anblick der enigme politique gelächelt haben. Doch als ihm Saint-Pierre ein Jahr später auch sein Werk selbst – es wird der » Abrégé« von 1729 gewesen sein – zusandte, begann er wohl, sich ein wenig mit dem Stoffe zu beschäftigen. Wir kennen seine spottenden Äußerungen in den Briefen an Voltaire und Jordan: »Eine höchst einfache Sache; es fehlt, um ihr den Erfolg zu sichern, nichts weiter als die Zustimmung Europas, nebst ein paar anderen ähnlichen Kleinigkeiten.« Immerhin hielt er es nun doch für geraten, die seine Person betreffende Schrift nicht unerwidert zu lassen. Unter dem Datum des 17. Juni 1742 erschien eine » Réponse à l'énigme politique de l'Abbé de Saint Pierre«. Man hat über die Person des Verfassers gestritten. Sie interessiert uns wenig. Wichtiger ist die Tatsache, daß die Schrift vom Könige selbst inspiriert war und daß er auch bei der Abfassung seine Hand im Spiele hatte. Sie gibt Punkt für Punkt eine ernsthafte Widerlegung der énigme politique und zieht auch die Réflexions sur l'Antimachiavel in die Erörterung. Bei der Erwähnung des großen Friedensplanes aber wird Friedrich sarkastisch. »Dieses Elixier des Planes für den ewigen Frieden wird aus dem Apothekerladen, in dem es entstanden ist, niemals herauskommen.«

Enttäuschend genug für Saint-Pierre, wird man sagen. Aber der kennt ihn schlecht, der glauben würde, er habe nun an dem Preußenkönige verzweifelt und alle Hoffnungen aufgegeben. Im Gegenteil, seine Hoffnung ward neu belebt durch den Abschluß des Breslauer und Berliner Friedens. Noch einmal schrieb er am 3. April 1743 an den König und sprach die Zuversicht aus, Friedrich werde dereinst der Vater seines Vaterlandes werden. Es ist einer der letzten Briefe, die Saint-Pierre geschrieben hat. Drei Wochen später Haider Fünfundachtzigjährige auf immer die Augen geschlossen, um in einer anderen Welt den ewigen Frieden zu finden, den er hienieden vergeblich zu schaffen versucht hatte.

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In der Geistesgeschichte des 18. Jahrhunderts hat auch Saint-Pierre seinen Platz. Auch er gehört zu den Trägern der Aufklärung, die durch ihre Arbeit den Boden gelockert und ihn empfänglich gemacht haben für die Saat der Revolution. Er steht mitten inne in dem großen Chor, dessen Stimmen laut wurden gegen den alten Staat und seine Gesellschaft. Gleichwohl hat er mit seinem Friedensgedanken die Welt nicht bewegt, und die französische Revolution ist darüber hinweggeschritten. Im Rahmen der Geschichte des 18. Jahrhunderts kann man ihn nicht ernster nehmen, als Fleury und Friedrich der Große es getan haben. Aber in der Geschichte einer großen, die Menschheit bewegenden Idee wird sein Name und sein Werk unvergessen bleiben.

Ein Plan, um den Frieden in Europa zu verewigen.

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