Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Emile Zola >

Der Totschläger

Emile Zola: Der Totschläger - Kapitel 9
Quellenangabe
pfad/zola/totschla/totschla.xml
typefiction
authorEmil Zola
titleDer Totschläger
publisherKurt Wolff Verlag A.-G.
seriesDie Rougon-Macquart
volumeBand 7
printrun1.-4. Tausend
year1923
translatorFranz Blei
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110723
projectid645ee4c3
Schließen

Navigation:

7

Gervaises Namenstag fiel auf den 19. Juni. An Festtagen stellte man bei Coupeaus alles auf den Kopf; das waren Gelage, bei denen man dick wie Bälle herauskam und den Bauch für den Rest der Woche voll hatte. Generalwünsche im Geldbeutel. Sobald man vier Sous in diesem Haushalt hatte, wurde es hinausgeschmissen. Man erfand Heilige im Kalender, damit man Vorwände für Schlemmereien hatte. Virginie gab Gervaise vollkommen recht, daß sie sich gute Stücke unter die Nase schob. Wenn man einen Mann habe, der alles vertrinkt, nicht wahr? Es ist besser, erst den Magen zu stopfen, ehe man das Haus in Getränke verschwinden läßt. Da das Geld doch davonläuft, kann man ebensogut den Metzger wie den Weinhändler verdienen lassen. Die schleckhaft gewordene Gervaise ließ diese Entschuldigungen gelten. Um so schlimmer, Coupeau war schuld daran, er spare keinen Heller. Sie war noch dicker geworden, sie hinkte stärker, weil das Bein, je dicker es wurde, um so kürzer schien.

Schon einen Monat lang früher sprach man in diesem Jahre von dem Fest. Man suchte Platten aus, leckte sich die Lippen. Der ganze Laden hatte eine verfluchte Lust zu tadeln. Es mußte zum Sterben lustig sein, etwas Außergewöhnliches und Gelungenes. Mein Gott, nicht jeder Tag war Festtag. Die große Sorge der Büglerin war, wen sie alles einladen wollte; sie wollte zwölf Personen bei Tisch haben, nicht weniger, nicht mehr. Sie und ihr Mann, Mama Coupeau und Frau Lerat, schon vier Personen von der Familie. Sie würde auch die Goujets und die Poissons einladen. Zuerst wollte sie ihre Arbeiterinnen Frau Putois und Clementine ausschließen, damit sie nicht zu familiär würden; aber da man immer von dem Feste vor ihnen sprach und ihre Nasen immer länger wurden, so sagte sie ihnen, sie möchten kommen. Vier und vier sind acht und zwei sind zehn. Da sie ihre zwölf komplett haben wollte, entschloß sie sich, sich mit den Lorilleux' auszusöhnen, die seit einiger Zeit wieder um sie herumliefen; so wurde beschlossen, daß die Lorilleux' zum Essen herunterkommen, und mit dem Glas in der Hand würde man sich versöhnen.

Man kann in der Familie nicht ewig böse sein. Dann erweichte auch der Gedanke an das Fest alle Herzen. Es war eine Gelegenheit, die man nicht vorbeigehen lassen konnte. Als die Boches von der bevorstehenden Aussöhnung mit den Lorilleux' hörten, näherten sie sich sofort Gervaise wieder unter Höflichkeitsbezeugungen und entgegenkommendem Lächeln; nun man mußte auch sie zum Essen bitten. So, nun wäre man vierzehn, ohne die Kinder zu zählen. Noch nie hatte sie ein solches Essen gegeben, sie war ganz stolz darauf.

Das Fest fiel gerade auf einen Montag. Das war ein Glück: Gervaise rechnete damit, am Sonntag nachmittag mit dem Kochen zu beginnen. Am Samstag, während die Büglerinnen ihre Arbeit vollendeten, entstand eine lange Diskussion darüber, was gegessen werden solle. Eines stand schon seit drei Wochen fest: eine Gans, eine fette gebratene Gans. Man sprach mit lüsternen Augen darüber. Auch war die Gans schon gekauft. Mama Coupeau holte sie, um Clementine und Frau Putois das Gewicht probieren zu lassen. Und es war ein Ausruf des Entzückens, so groß kam allen das Tier vor mit seiner festen Haut, die ganz über gelbem Fett gepolstert war.

»Vorher die Fleischbrühe, nicht wahr?« sagte Gervaise. »Die Suppe und etwas Fleisch, das ist immer gut ... Dann brauchten wir eine Platte mit einer Sauce.«

Die große Clementine schlug ein Kaninchen vor; aber das bekam man überall; jedem stand es schon zum Hals heraus. Gervaise wollte etwas Distinguierteres haben. Frau Putois sprach von einer Kalbskeule, alle schauten sich mit wachsendem Grinsen an. Das war eine gute Idee; nichts Feineres wie eine Kalbskeule.

»Nachher brauchten wir noch eine Platte mit einer Sauce.«

Mama Coupeau schlug einen Fisch vor. Aber alle andern machten Grimassen und schlugen heftiger mit den Eisen auf. Niemand liebte Fisch; das hielt nicht im Magen und war voller Gräten. Die schielende Augustine wagte zu sagen, sie liebe die Gräten, was ihr eine Ohrfeige von Clementine zuzog. Endlich fand die Meisterin einen Schweinsrücken mit Kartoffeln, der die Gesichter wieder leuchten ließ, als Virginie wie ein Wirbelwind mit gerötetem Gesicht eintrat.

»Sie kommen gerade recht!« rief Gervaise. »Mama Coupeau, zeigen Sie ihr doch einmal das Tier.«

Und Mama Coupeau holte zum zweiten Male die fette Gans, die Virginie auf den Arm nehmen mußte. Sie rief aus: »Sapperlot! wie schwer sie ist!« Aber sie setzte sie gleich an den Rand des Arbeitstisches, zwischen einen Unterrock und ein Paket Hemden. Sie hatte ihr Hirn anderswo; sie zog Gervaise in das hintere Zimmer.

»Meine Kleine,« sagte sie leise und schnell, »ich komme Sie warnen ... Wissen Sie, wem ich am Ende der Straße begegnete? Lantier. Da steht er herum und spioniert ... Daraufhin bin ich hergelaufen. Ich ängstigte mich für Sie.«

Die Büglerin war ganz blaß geworden. Was will er denn von ihr, dieser Unglückliche? Und gerade jetzt, mitten in die Vorbereitungen zum Fest. Nie hatte sie Glück; nie durfte sie in Ruhe sich freuen. Aber Virginie sagte, sie wäre schön dumm, daß sie sich darüber Sorge mache. Wenn Lantier sich erdreisten würde, ihr nachzulaufen, solle sie einen Polizisten rufen und ihn einsperren lassen. Seit einem Monat, seitdem ihr Mann die Stelle als Polizist erhalten hatte, nahm die große Braune sehr herrenmäßige Manieren an und sprach davon, jedermann verhaften zu lassen. Sie sprach lauter, wünschte in der Straße angesprochen zu werden, zu dem einzigen Zweck, um den Unverschämten selbst auf die Polizei und zu Poisson führen zu können; so daß Gervaise erschreckt halt gebot, weil die Arbeiterinnen schon horchten. Sie kam zuerst in den Laden zurück; sie sagte ganz ruhig:

»Und jetzt brauchen wir noch ein Gemüse!«

»Ja, grüne Erbsen in Speck,« sagte Virginie. »Ich esse nur davon.«

»Ja, ja, Erbsen in Speck!« bestätigten alle zusammen, während Augustine vor lauter Enthusiasmus mit dem Schürhaken in den Ofen hineinfuhr.

Am folgenden Tag, Sonntag, zündete Mama Coupeau schon um drei Uhr nachmittag beide Öfen in der Wohnung an und noch einen dritten, eine Gußschale, die sie sich von den Boches ausgeliehen hatten. Um halb vier kochte schon die Fleischbrühe in einer großen Kasserolle, die sie sich vom Restaurant nebenan ausgeborgt hatten, denn die ihre war doch zu klein. Man hatte beschlossen, auch die Kalbskeule und den Schweinerücken am Vorabend zu machen, weil diese Gerichte aufgewärmt besser schmeckten; doch wird man die Weißweinsauce erst im Moment anmachen, wenn man sich zu Tisch setzte. Es blieb für Montag noch genug zu tun, die Suppe, die Speckerbsen und die Gans zu braten. Das Hintere Zimmer war vom Feuer der drei Öfen ganz beleuchtet; braune Buttersauce briet in der Pfanne und ein starker Geruch von gebranntem Mehl stieg auf, während der große Fleischtopf ganze Dampfstöße ausstieß wie bei einer Dampfmaschine, in den Seiten geschüttelt von dem Gluglu des Siedens. Mama Coupeau und Gervaise hatten beide weiße Schürzen vorgebunden, sie erfüllten den ganzen Raum durch ihr Hin und Her nach Salz, Pfeffer, putzten Petersilie und wendeten mit dem Kochlöffel das Fleisch. Coupeau hatten sie hinausbefördert, um mehr Platz zu haben. Aber trotzdem waren den ganzen Nachmittag Leute bei ihnen. Die Küche roch so gut durch das ganze Haus, daß die Nachbarinnen eine nach der andern herunterkamen unter irgendeinem Vorwand, doch nur, um zu sehen, was gekocht würde; und sie blieben stehen, bis die Büglerin notgedrungen einmal den Deckel heben mußte. Gegen fünf Uhr kam Virginie; sie hatte Lantier wieder gesehen; man konnte schon keinen Fuß mehr vor die Türe stellen, ohne ihm zu begegnen. Auch Frau Boche sah ihn am Ende des Gehweges und streckte betroffen den Kopf vor. Gervaise, die gerade eine gebrannte Zwiebel für die Bouillon holen wollte, traute sich nicht mehr hinaus, so sehr zitterte sie; um so mehr, als die Hausbesorgerin und Virginie sie noch mehr erschreckten, indem sie schreckliche Geschichten erzählten von Männern, die Pistolen und Messer unter ihren Röcken versteckt hielten, die auf die Frauen warteten. Ja, gewiß, jeden Tag konnte man das in der Zeitung lesen; wenn so ein Lump eine alte Liebe glücklich sieht, wird er wütend und ist zu allem fähig. Virginie bot sich dienstbereit an, die gebrannten Zwiebeln zu holen. Man muß sich doch – Frauen untereinander – helfen, man konnte diese Kleine doch nicht umbringen lassen. Als sie zurückkam, sagte sie, daß Lantier nicht mehr da wäre; er ist gewiß fortgelaufen, als er merkte, daß er entdeckt sei. Die Unterhaltung um die Kochtöpfe herum drehte sich nichtsdestoweniger bis zum Abend um ihn.

Frau Boche schlug vor, Coupeau zu unterrichten, aber Gervaise bat erschrocken, man möge vor ihm nichts davon erwähnen. Ach, das wäre schön! Ihr Mann müsse ohnehin schon etwas bemerkt haben, denn seit einigen Tagen fluche er abends, wenn er schlafen ginge, und gebe Faustschläge auf die Wände. Sie zittere, wenn sie daran denke, daß zwei Männer ihretwegen sich aufessen würden; sie kannte Coupeau: er ist so eifersüchtig, er würde sich mit einer Blechschere auf Lautier stürzen. Während sich alle vier in dieses Drama vertieften, verdichteten sich langsam die Saucen auf den Ofen, die mit Asche bedeckt waren; als Mama Coupeau die Weinsauce und den Schweinsrücken aufdeckte, hörte man ein leises und diskretes Knistern; die Bouillon behielt ihr Schnarchen wie ein Kantor, der, den Bauch an der Sonne, eingeschlafen ist. Sie endeten damit, daß sich jede eine Tasse davon einschenkte, um sie zu versuchen.

Endlich kam der Montag. Da Gervaise jetzt vierzehn Personen unterbringen mußte, fürchtete sie, nicht genug Platz zu haben. So entschloß sie sich, im Laden aufzudecken; schon am frühen Morgen maß sie mit dem Zentimetermaß, um herauszubekommen, in welcher Richtung sie den Tisch stellen würde. Dann mußte man die Wäsche wegtun, den Werktisch abräumen, die Teile auf andere Stützen legen, damit er als Eßtisch dienen könne. Aber mitten in all dieser Umräumung kam eine Kundschaft herein und machte eine schreckliche Szene, weil sie ihre Wäsche seit dem Freitag erwartete; man mache sich wohl lustig über sie, sie wolle ihre Wäsche, sofort. Dann entschuldigte sich Gervaise und log seelenruhig; es war nicht ihre Schuld, sie putze ihren Laden, die Arbeiterinnen kämen erst am folgenden Tage wieder; und so schickte sie die Kundschaft wieder beruhigt fort, ihr versprechend, daß sie sich als erste um sie kümmern würde. Als sie aber draußen war, sprach sie ihr böse Worte nach. Wirklich, wenn man nur auf seine Kunden hören würde, käme man nicht einmal zum Essen, sein ganzes Leben brächte man nur damit zu, für sie zu arbeiten. Man war doch kein Kettenhund! Ja, und wenn der Großtürke selbst in Person kommen würde und ihr einen Kragen brächte, bei dem sie hunderttausend Francs verdient hatte, sie hätte an diesem Montag keinen Bügelstrich getan, weil das nun ihr Recht wäre, sich einmal zu amüsieren.

Der ganze Morgen ging darauf, die Einkäufe zu vollenden. Dreimal ging Gervaise aus und kam jedesmal wie ein Maulesel beladen heim. Als sie dann wieder gehen wollte, um den Wein zu bestellen, bemerkte sie, daß sie nicht mehr genug Geld hatte. Sie hätte auch den Wein auf Kredit nehmen können; doch konnte das Haus auch nicht ohne einen Sou bleiben, der tausend Kleinigkeiten wegen, an die man nicht immer denkt. Und im Hinterzimmer rechnete sie mit Mama Coupeau; sie verzweifelten, denn sie brauchten dazu wenigstens zwanzig Francs. Wo sie finden, diese vierhundert Sousstücke? Mama Coupeau, die den Haushalt einer kleinen Schauspielerin am Theater Batignolles besorgt hatte, sprach zuerst vom Leihhaus. Gervaise lachte erleichtert. Wie war sie doch dumm, sie dachte gar nicht mehr daran. Schnell tat sie ihr schwarzes Seidenkleid in eine Serviette und steckte sie mit Stecknadeln zusammen. Dann versteckte sie das Paket selbst unter der Schürze der Mama Coupeau, ihr einschärfend, sie möge es, der Nachbarn wegen, sehr flach auf ihren Bauch angedrückt tragen, es brauche das niemand zu wissen; sie trat selbst auf die Schwelle, um nachzusehen, ob der alten Frau niemand nachfolge. Aber noch war sie nicht bis zur Kohlenhändlerin gekommen, als sie ihr zurief:

»Mama, Mama!«

Sie hieß sie nochmals in den Laden zurückkommen, nahm ihren Ehering vom Finger, indem sie sagte:

»Hier, tue das noch dazu. Wir werden umsomehr haben.«

Als Mama Coupeau ihr fünfundzwanzig Francs zurückbrachte, tanzte sie vor Freude. Sie ging nun sechs Flaschen mehr bestellen, vom Gesiegelten, den wolle man zum Braten trinken. Die Lorilleux' würden platzen.

Seit vierzehn Tagen träumten Coupeaus nur davon, die Lorilleux' zum Platzen zu bringen. Schlossen sich denn diese Duckmäuser, der Mann sowie die Frau, ein schönes Paar, wirklich nicht ein, wenn sie etwas Gutes aßen, als wenn man sie bestehlen würde? Ja, sie stopften die Fenster mit einer Decke zu, damit man denken solle, sie schliefen. Das hinderte die Leute hinaufzugehen; sie stopften sich allein voll, sie beeilten sich und sprachen kein lautes Wort. Und am andern Tage hüten sie sich, die Knochen auf den Kehricht zu werfen, weil man sonst gewußt hätte, was sie gegessen haben; Frau Lorilleux trug sie bis ans Ende der Straße, da warf sie sie in den Kehricht; eines Morgens hatte sie Gervaise überrascht, als sie den Korb voller Austernschalen ausleerte. Nein, sicher nicht, diese Geizhälse hatten keine breiten Schultern, sie taten alles, um arm zu erscheinen. Nun, jetzt würde man ihnen eine gute Lektion geben, man würde ihnen zeigen, wie wenig geizig man ist. Gervaise hätte ihren Tisch mitten auf die Straße gestellt, wenn sie es gekonnt hätte, sie hätte dann jeden, der vorüber ging, eingeladen. Das Geld, nicht wahr? ist nicht erfunden worden, damit es schimmle. Es ist schön, wenn es neu an der Sonne leuchtet. Jenen sah sie so wenig ähnlich; an den Tagen, an denen sie nur zwanzig Sous hatte, richtete sie es so ein, daß man glauben solle, sie hätte deren vierzig.

Von drei Uhr ab, während sie den Tisch deckten, sprachen Mama Coupeau und Gervaise von den Lorilleux'. Sie hatten hinter dem Schaufenster große Vorhänge aufgehängt; da es aber heiß war, ließ man die Türe offen, die ganze Straße konnte den Tisch sehen. Die beiden Frauen stellten keine Flasche, keine Karaffe, kein Salzfaß auf den Tisch, ohne eine boshafte Bemerkung über die Lorilleux' zu machen. Sie setzten sie so, daß sie das ganze herrliche Gedeck übersehen konnten, das schöne Geschirr war für sie, denn die Porzellanteller würden ihnen einen Stoß versetzen.

»Nein, nein, Mama,« schrie Gervaise, »geben Sie ihnen diese Servietten nicht! Ich habe zwei aus Damast.«

»Gut,« erwiderte die Alte, »darüber werden sie sicher platzen.«

Und sie lachten, zu beiden Seiten des großen Tisches stehend, der ganz weiß gedeckt war mit den vierzehn aufgelegten Gedecken; sie blähten sich vor Stolz. Das war wie eine Kapelle mitten im Laden.

»Ja, warum sind sie denn so filzig! ... Du weißt, sie haben im letzten Monat gelogen, als die Frau überall herumerzählte, sie habe ein Stück Kette verloren, die sie in die Arbeit forttragen wollte! ... Als ob diese jemals etwas verlieren würde! ... Sie wollte nur bemitleidet werden und einen Vorwand haben, dir die hundert Sous nicht geben zu müssen.«

»Ich habe sie erst zweimal gesehen, meine hundert Sous«, sagte Mama Coupeau.

»Willst du wetten? Im nächsten Monat werden sie eine andere Geschichte erfinden ... Das erklärt, warum sie ihre Fenster verstopfen, wenn sie ein Kaninchen essen. Nicht wahr? man könnte ihnen mit Recht sagen: Wenn ihr Kaninchen eßt, könnt ihr auch hundert Sous eurer Mutter geben. Oh, sie haben Laster! ... Was wäre aus dir geworden, wenn ich dich nicht zu uns genommen hätte?«

Mama Coupeau zuckte mit den Schultern. An diesem Tage war sie gänzlich gegen die Lorilleux', wegen des großen Essens, das die Coupeaus gaben. Sie liebte das Kochen, das Schwatzen um die Kasserollen herum, die Häuser auf den Kopf gestellt an Festtagen, an denen gefeiert wird. Übrigens verstand sie sich für gewöhnlich ganz gut mit Gervaise. An Tagen, an denen sie sich verzankten, wie das in jedem Haushalt einmal vorkommt, bockte die alte Frau, sagte, sie wäre sehr unglücklich, so auf die Gnade ihrer Schwiegertochter angewiesen zu sein. Im Grunde behielt sie eine Neigung für Frau Lorilleux, die doch ihre Tochter war.

»Nun, wärst du so fett bei ihnen geworden? Und keinen Kaffee, keinen Tabak, keine Süßigkeiten! ... Sag, hätten sie dir zwei Matratzen auf das Bett gelegt?«

»Nein, gewiß nicht,« antwortete Mama Coupeau. »Wenn sie hereinkommen, stelle ich mich an die Türe, damit ich ihre Nasen sehe.«

Die Nasen der Lorilleux' erheiterten sie im voraus. Aber jetzt handelte es sich darum, nicht stehenzubleiben und den Tisch anzugaffen. Die Coupeaus hatten sehr spät gefrühstückt, erst um ein Uhr, etwas Wurstwaren, weil die drei Öfen schon besetzt waren und weil sie das gewaschene Geschirr für den Abend nicht wieder schmutzig machen wollten. Um vier Uhr waren die Frauen im vollsten Eifer. Die Gans briet vor einer Gußschale, die auf dem Boden stand, gegen die Mauer gelehnt, neben dem offenen Fenster; und das Tier war so fett, daß man es mit Gewalt in die Pfanne stoßen mußte. Die schielende Angustine saß auf einem Bankchen neben der Gußschale, mit vollem Flammenschein im Gesicht, und begoß sehr ernst die Gans mit einem langstieligen Löffel. Gervaise beschäftigte sich mit den Speckerbsen. Mama Coupeau hatte einen ganz verdrehten Kopf unter all den kochenden Gerichten, sie wartete auf den Moment, bis sie die Kalbskeule und die Weinsauce aufstellen mußte. Gegen fünf Uhr kamen die ersten geladenen Gäste. Es waren die beiden Arbeiterinnen, Clementine und Frau Putois, beide im Sonntagsstaat, die erste in Blau, die zweite schwarz: Clementine brachte einen Geranienstock, Frau Putois ein Heliotrop; und Gervaise, die gerade ihre Hände voll Mehl hatte, mußte ihnen, mit nach rückwärts gehaltenen Händen, jeder zwei große Küsse geben. Dann kam auch sofort Virginie, aber wie eine Dame aussehend, in einem gedruckten Musselinkleid mit einer Schärpe und im Hut, obschon sie fast nur die Straße zu kreuzen brauchte. Sie brachte einen Topf mit roten Nelken. Sie nahm die Büglerin von selbst zwischen ihre starken Arme und drückte sie heftig an sich. Endlich kam Boche mit Stiefmütterchen, Frau Boche brachte einen Topf mit Reseden, Frau Lerat Zitronenkraut, dessen Topf ihr das violette Merinokleid befleckt hatte. Alle diese Leute umarmten sich und stopften das Zimmer voll, mitten unter den drei Öfen und der Gußschale, von denen eine Hitze zum Umkommen ausströmte. Das Geräusch der Bäckereien übertönte die Stimmen. Ein Kleid, das an der Bratröhre hängen blieb, verursachte großen Schrecken. Die Gans roch so stark, alle Nasen verlängerten sich. Und Gervaise war sehr liebenswürdig und bedankte sich für all die Blumen; sie unterbrach ihre Beschäftigung nicht, sie richtete die Weinsauce in einem tiefen Teller her. Sie hatte die Blumentöpfe heraus auf den Tisch gestellt ans Ende des Tisches, ohne ihnen die hohen weißen Manschetten abzunehmen. Ein sanfter Blumengeruch vermischte sich mit dem der Küche.

»Wollen Sie, daß man Ihnen hilft?« fragte Virginie. »Ich glaube, Sie arbeiten schon seit drei Tagen an all dieser Nahrung, die man in so kurzer Zeit verschlungen haben wird.«

»Aber«, antwortete Gervaise, »das macht sich doch nicht alles von selbst ... Nein, machen Sie sich keine schmutzigen Finger. Sie sehen, alles ist gerichtet, fehlt nur noch die Suppe ...«

Dann machte man es sich bequem. Die Damen legten ihre Schals und Hauben auf das Bett, steckten ihre Röcke mit Stecknadeln auf, damit sie nicht schmutzig wurden. Boche hatte seine Frau in die Loge zurückgeschickt, damit sie aufpasse, bis es Zeit zum Essen war; er drängte schon Clementine in den Winkel hinter den Ofen, indem er fragte, ob sie kitzelig wäre; und Clementine schnaufte, beugte sich und entwand sich, ihre Brüste brachten ihr Mieder fast zum Platzen, denn schon der Gedanke allein, gekitzelt zu werden, machte ihr Gänsehaut über den ganzen Körper. Die andern kamen alle in den Laden zurück, um die Köchinnen nicht zu belästigen; da stellten sie sich gegen die Mauer auf, dem Tisch gegenüber; und da die Unterhaltung nach hinten durch die offene Türe weiterging und man sich nicht immer verstand, ging man wieder nach hinten und versperrte so den ganzen Raum unter lautem Schwatzen und Lachen, Gervaise umgebend, die mit rauchendem Löffel in der Hand zu antworten vergaß. Man machte Witze. Virginie sagte, sie hätte seit zwei Tagen nichts gegessen, um Platz zu haben; die schmutzige Clementine erzählte ganz Unanständiges; sie habe sich ausgeweitet, indem sie am Morgen einen Bischof trank, so wie die Engländer es machen. Boche gab ein Mittel an, wie man sofort verdaut, man stellt sich nach jedem Gericht zwischen eine Tür und läßt sich drücken; das machten die Engländer auch, dabei könne man zwölf Stunden lang essen, ohne den Magen zu beschweren. Nicht wahr? die Höflichkeit erfordert, daß man ißt, wenn man eingeladen ist. Man stellt nicht Kalb, Schwein und Gans auf für die Katze. Oh! die Meisterin könne zufrieden sein, man würde ihr das so sauber ausputzen, daß sie morgen nicht einmal die Platten waschen müsse.

Und die ganze Gesellschaft holte sich immer wieder Appetit, indem sie über den Kasserollen und Bratöfen schnüffelten. Die Damen spielten nach junger Mädchen Art, sprangen von einem Raum in den andern, erschütterten den Boden, verbreiteten die Gerüche in einem entsetzlichen Lärm mit ihren Röcken, und darein mischte sich das Geräusch des Schneidemessers der Mama Coupeau, die Speck schnitt.

Gerade kam Goujet herein, im Augenblick, wo alles zum Spaß schreiend herumsprang. Eingeschüchtert, wagte er gar nicht hereinzukommen; er hatte einen großen, weißen Rosenbaum im Arm, eine prachtvolle Pflanze, deren Stengel bis zu seinem Gesicht reichte und deren Blumen sich in seinen gelben Bart mischten. Gervaise sprang ihm entgegen, ganz vom Feuer der Ofen gerötet. Er konnte nicht damit zurechtkommen, seinen Blumentopf abzugeben; und als sie ihn abgenommen hatte, stotterte er etwas und wagte nicht, sie zu umarmen. Sie mußte sich auf die Zehen stellen und ihm ihre Wangen an die Lippen legen; da war er so benommen, daß er sie aufs Auge küßte, hart zum Zerdrücken. Beide blieben zitternd stehen.

»Oh! Herr Goujet, das ist ja schön!« sagte sie, indem sie den Rosenstock neben die andern Blumen stellte; er überragte mit seiner Krone die andern alle.

»Aber nein, aber nein«, wiederholte er, ohne andere Worte zu finden.

Und als er wieder etwas zu sich gekommen und einen großen Seufzer ausgestoßen hatte, sagte er, daß man auf seine Mutter nicht rechnen solle; sie habe ihre Ischiasschmerzen. Gervaise war bekümmert; sie sprach davon, ein Stück Gans für sie auf die Seite legen zu wollen, weil sie darauf hielt, daß Frau Goujet unbedingt etwas von der Gans essen solle. Jetzt erwartete man niemand mehr. Coupeau wird sich mit Poisson da irgendwo im Viertel herumtreiben, den er nach dem Frühstück holen wollte; sie würden bald kommen, sie hatten versprochen, auf sechs Uhr pünktlich zu sein. Als die Suppe beinahe fertig war, rief Gervaise Frau Lerat, ihr zu sagen, daß der Moment jetzt da wäre, zu, den Lorilleux' zu gehen. Frau Lerat wurde sofort ernst: sie war es gewesen, die die ganze Geschichte gedeichselt hatte, wie sich die beiden Haushalte wieder versöhnen sollten. Sie legte den Schal um und setzte ihre Haube auf; stieg hinauf, ganz steif in ihren Röcken, mit wichtigem Gesicht. Unten rührte die Büglerin die Suppe, italienische Teigware, ohne etwas zu sagen. Die Gesellschaft, plötzlich ernst geworden, wartete in Feierlichkeit.

Frau Lerat kam zurück. Sie war von der Straße hereingekommen, um dieser Aussöhnung größere Feier zu geben. Sie hielt mit der Hand die Türe weit offen, während Frau Lorilleux im Seidenkleid auf der Schwelle stehenblieb. Alle Gäste waren aufgestanden, Gervaise kam vor, umarmte ihre Schwägerin, so wie es vereinbart war, indem sie sagte:

»Nun kommt herein. Es ist vorüber, nicht wahr? ... Wir werden beide artig sein.«

Und Frau Lorilleux antwortete:

»Es wird mir nichts lieber sein, als wenn es immer so bleibt.«

Als sie eingetreten war, blieb Lorilleux ebenfalls stehen, er erwartete auch geküßt zu werden, ehe er in den Laden eintrat. Keines hatte einen Strauß gebracht; sie haben sich das geschenkt, es hätte zu sehr danach ausgesehen, als hätten sie sich der Hinkenden untergeordnet, wenn sie beim ersten Male mit Blumen bei ihr angekommen wären.

Doch Gervaise schrie zu Augustine, sie möge zwei Liter Wein bringen. Dann am Ende des Tisches schenkte sie Gläser voll, rief alle zusammen. Jeder nahm sein Glas, man trank auf die gute Freundschaft in der Familie. Darauf Schweigen, alle tranken, die Damen mit erhobenem Arm auf einen Zug bis auf den letzten Tropfen.

»Nichts Besseres vor der Suppe,« sagte Boche, mit der Zunge schnalzend. »Das ist besser als ein Tritt in den Hintern.«

Mama Coupeau hatte sich der Türe gegenüber aufgestellt, um die Nasen der Lorilleux' zu sehen. Sie zog Gervaise am Rock und ging mit ihr in den hintern Raum. Und beide, über die Töpfe gebeugt, sprachen leise und lebhaft miteinander.

»Nun! die Nasen!« sagte die alte Frau. »Du hast sie nicht sehen können; aber ich, ich habe sie beobachtet ... Als sie den Tisch sah, da hat sich das Gesicht so zusammengezogen, die Mundwinkel gingen bis zu den Augen hinauf; und er ist fast erstickt. Er fing an zu husten ... Jetzt, schau sie da unten an; sie haben keinen Speichel mehr, sie essen ihre Lippen auf.«

»Das tut einem weh, Leute die so eifersüchtig sind«, murmelte Gervaise.

Ja, wirklich. Die Lorilleux' schauten sehr komisch drein. Niemand natürlich ist gerne erdrückt: besonders in den Familien; wenn die einen prosperieren, wüten die andern, das ist ganz natürlich. Doch muß man sich beherrschen, nicht wahr? Man läßt das doch nicht so sehen. Aber die Lorilleux' konnten es nicht verbergen. Es war stärker als sie; sie schielten, der Mund war ihnen schief gerückt. So deutlich war das sichtbar, daß die andern Gäste fragten, ob ihnen etwas fehle. Nie würden sie den Tisch mit den vierzehn Gedecken verwinden, die weiße Wäsche, das weiße, in Stücke geschnittene Brot. Man glaubte in einem Boulevardrestaurant zu sein. Frau Lorilleux ging um den Tisch herum, steckte die Nase an den Blumen vorbei, um sie nicht ansehen zu müssen; versteckt befühlte sie das Tischtuch, besorgt, es möge neu sein.

»Jetzt sind wir fertig!« rief Gervaise, lächelnd eintretend mit nackten Armen, und die kleinen Härchen flogen an den Schläfen.

Die Gäste trippelten um den Tisch herum. Alle hatten Hunger, gähnten leicht, etwas gelangweilt.

»Wenn der Meister kommen würde, könnten wir anfangen.«

»Ach, gut,« sagte Frau Lorilleux, »die Suppe hat Zeit kalt zu werden ... Coupeau vergißt sich immer. Man hätte ihn nicht hinausgehen lassen sollen.«

Es war schon halb sieben Uhr. Alles verbrannte jetzt; die Gans verschmorte. Verzweifelt sagte Gervaise, sie wolle jemand im Viertel herumschicken, beim Weinhändler, vielleicht ist er dort. Als Goujet sich anbot, wollte sie mit ihm gehen; Virginie, um ihren Mann besorgt, begleitete sie. Alle drei, ohne Hut, verstellten den Gehweg. Der Schmied im Gehrock hielt Gervais am linken Arm und Virginie am rechten: er macht den Henkelkorb, sagte er, worüber sie so lachten, daß sie stehen bleiben mußten. Sie sahen sich im Spiegel des Wurstladens, und da lachten sie noch stärker. Goujet im schwarzen Anzug kam es vor, als hätte er zwei Kokotten am Arm, die Näherin mit ihrem Musselinkleid voller kleiner rosa Blümchen, die Büglerin im weißen Perkalkleid mit blauen Punkten, nackten Armen, ein kleines graues Samtband um den Hals gebunden. Alle Leute schauten sich nach ihnen um, die so lustig, sauber und frisch aussahen im Sonntagsstaat an einem Wochentag, die Menschen stoßend, die die Rue des Poisonniers bevölkerten an diesem lauen Juniabend. Aber sie spaßten nicht. Sie gingen schnurgerade zu jedem Weinhändler, streckten den Kopf zur Türe hinein. Sollte dieses Tier Coupeau bis zum Triumphbogen gegangen sein, um seinen Tropfen zu trinken? Schon hatten sie die ganze obere Straße durchlaufenen alle Gelegenheiten hineingeschaut: zur kleinen Civette, berühmt durch ihren Schnaps; bei der Mutter Baquet, die Orleanswein zu acht Sous verkaufte; zum Pupillon, dem Stelldicheinplatz der Herren Kutscher, sehr empfindliche Leute. Nirgends Coupeau. Als sie gegen den Boulevard kamen und bei François, dem Kneipwirt an der Ecke, vorbeikamen, stieß Gervaise einen leichten Schrei aus.

»Was ist denn?« fragte Goujet. Die Büglerin lachte nicht mehr. Sie war sehr blaß und aufgeregt, fast wäre sie gefallen. Virginie verstand sofort, als sie bei François an einem Tisch Lantier sitzen sah, der da ganz ruhig aß. Die beiden Frauen zogen Goujet weiter.

»Den Fuß habe ich mir verstaucht«, sagte Gervaise, als sie wieder reden konnte.

Endlich, am Ende der Straße, entdeckten sie Coupeau und Poisson im »Totschläger« des Vaters Colombe. Sie standen mitten unter einer Menge Männer; Coupeau in seiner grauen Bluse schrie mit wütenden Gesten und schlug wiederholt mit den Fäusten auf den Schenktisch; Poisson, der an diesem Tage keinen Dienst hatte, war in einen alten braunen Paletot gezwängt, hörte ihm zu, mit stummer und ernster Miene sträubte er seinen Zwickel- und roten Schnurrbart. Goujet ließ die beiden Frauen auf dem Gehweg stehen und legte seine Hand auf die Schulter des Spenglers. Als dieser Gervaise und Virginie draußen stehen sah, wurde er böse. Wer jagte ihm die Weiber nach? Jetzt laufen ihm schon die Röcke nach! Gut, er würde sich nicht fortbewegen, sie können ihre Schweinerei von Essen allein aufessen. Um ihn zu beruhigen, mußte Goujet irgendein Getränk annehmen; dann blieb er noch aus Bosheit fünf Minuten länger am Schenktisch. Als er herauskam, sagte er zu seiner Frau:

»Das paßt mir gar nicht ... Ich bleibe, wo ich zu tun habe, verstehst du?«

Sie antwortete nichts. Sie zitterte. Sie muß mit Virginie über Lantier gesprochen haben, denn diese ließ ihren Mann und Goujet vorausgehen; die beiden Frauen stellten sich dann zu Seiten des Spenglers, um ihn zu beschäftigen und ihn am Sehen zu verhindern. Er war kaum beschwipst, vielmehr betäubt vom Schreien anstatt vom Trinken. Aus Spaßmacherei, als sie den linken Gehweg einnehmen wollten, stieß er sie an und ging auf dem rechten Gehweg. Sie liefen erschreckt und versuchten die Türe von François zu verstellen. Aber Coupeau mußte wissen, daß Lantier drinnen war. Gervaise war konsterniert, als sie ihn murren hörte:

»Ja, nicht wahr, meine Kleine, es ist ein alter Bekannter von uns. Mußt mich nicht für einen Dummkopf halten ... wenn ich dich beim Flanieren erwische mit deinen seitwärts schielenden Augen!«

Und er sagte ihr rohe Worte. Nicht ihn suche sie, die Ellbogen in der Luft, die Fresse gepudert; es war ihr ehemaliger Geliebter. Dann wurde er plötzlich von einem wütenden Zorn auf Lantier erfaßt. Ah, der Räuber, der Lump! Einer von ihnen muß auf dem Platze bleiben, ausgenommen wie ein Karnikel. Lantier tat, als gehe ihn das alles nichts an, er aß ruhig Kalbfleisch mit Sauerampfersauce. Schon kamen Leute herbei. Virginie gelang es endlich, Coupeau mit fortzuziehen, der sofort ruhig wurde, als er um die Straßenecke gebogen war. Doch kam man etwas weniger vergnügt zurück als man gegangen war.

Um den Tisch herum warteten die Gäste mit langgezogenen Gesichtern. Der Spengler gab jedem die Hand und tänzelte vor den Damen. Gervaise, noch immer etwas gedrückt, sprach leise und ordnete die Plätze an. Aber plötzlich merkte sie, daß Mutter Goujet nicht da war, ein Platz war leer, der Platz neben Frau Lorilleux.

»Wir sind dreizehn«, sagte sie traurig, in diesem Zufall ein neues böses Vorzeichen von Unglück witternd, von dem sie sich seit einiger Zeit bedroht glaubte.

Die Damen, die bereits Platz genommen hatten, standen geärgert und zugleich geängstigt wieder auf. Frau Putois bot sich an fortzugehen, weil man, nach ihrer Meinung, mit so etwas nicht spielen solle; sie würde doch nichts anrühren, es würde ihr auch nicht anschlagen. Was Boche anbelangt, er lachte: ihm wäre lieber dreizehn statt vierzehn; die Teile würden größer, das ist alles.

»Wartet!« erwiderte Gervaise, »es wird sich einrichten.«

Sie ging hinaus, sah Vater Bru über die Straße gehen und rief ihn. Der alte Arbeiter kam herein, gebückt, steif, mit stummem Gesicht.

»Setzen Sie sich hierher, mein Braver,« sagte die Büglerin. »Sie wollen doch gern mit uns essen, nicht wahr?«

Er schüttelte nur die Schultern; er wolle schon, es wäre ihm ganz gleich.

»Nicht wahr? ebensogut er wie einen andern,« fuhr sie mit leiserer Stimme fort. »Er ißt sich nicht oft satt. Wenigstens wird er noch einmal genug bekommen... Jetzt werden wir keine Angst mehr haben, uns vollzuessen.«

Goujet hatte feuchte Augen bekommen, so rührte ihn das. Die andern sagten, sie fänden das sehr gut, das würde ihnen Glück bringen. Nur Frau Lorilleux schien nicht einverstanden damit zu sein, neben dem Alten sitzen zu müssen; sie rückte weg, schaute voller Abscheu auf seine rauhen Hände, auf seine geflickte und verschossene Bluse. Vater Bru blieb mit gesenktem Kopfe sitzen, besonders geniert durch die Serviette, die den Teller vor ihm versteckte. Endlich nahm er sie fort und legte sie zart auf den Rand des Tisches, ohne daran zu denken, sie auf die Knie zu legen.

Nun servierte Gervaise die Suppe mit italienischen Nudeln; die Gäste nahmen die Löffel, als Virginie bemerkte, daß Coupeau wieder verschwunden war. Er ist vielleicht wieder zum Vater Colombe zurückgegangen. Aber die Gesellschaft wurde nun böse. Diesmal um so schlimmer! Man wird nicht mehr nach ihm laufen, er soll auf der Straße bleiben, wenn er keinen Hunger habe. Und da die Löffel klapperten in der Tiefe der Teller, kam Coupeau wieder zurück, mit zwei Blumentöpfen unter jedem Arm, einer Levkoie und einer Balsamine. Alle klatschten in die Hände. Er stellte galant je einen Topf zur Rechten und einen zur Linken von Gervaises Glas; dann beugte er sich herunter und küßte sie.

»Ich hatte dich ganz vergessen, meine Kleine! Aber, macht nichts, man hat sich doch gern, an einem Tag wie dem heutigen.«

»Er ist sehr gut, Herr Coupeau, diesen Abend,« sagte Clementine Boche ins Ohr. »Er hat alles, was man braucht, gerade genug, um liebenswürdig zu sein.«

Das gute Benehmen des Meisters stellte die ganze Harmonie des Tisches wieder her. Gervaise war beruhigt und strahlte wieder. Die Gäste beendeten die Suppe. Dann zirkulierten die Liter Wein, man trank das erste Glas, vier Finger hoch reinen Wein, um die Teigsachen hinunterzuspülen. Im Nebenraum hörte man die Kinder streiten. Da saßen Etienne, Nana, Pauline und der kleine Victor Fauconnier. Man hatte sich entschlossen, einen Tisch für die vier allein aufzustellen, und ihnen eingeschärft, daß sie sehr brav sein müßten. Augustine, die die Öfen überwachen mußte, sollte auf den Knien essen.

»Mama, Mama,« schrie plötzlich Nana, »Augustine wirft ihr Brot in die Bratpfanne!«

Die Büglerin sprang hinzu und fand gerade Augustine dabei, wie sie sich ihren Hals an einer heißen Pastete, ganz im kochendem Gänsefett getränkt, verbrannte. Sie ohrfeigte sie, weil dies teuflische Ding schrie, es wäre nicht wahr.

Nach dem Rindfleisch, als die Kalbskeule kam, die in einer Salatschüssel serviert wurde, da keine große Platte vorhanden war, lachte man unter den Gästen.

»Das wird nun ernst«, erklärte Poisson, der selten sprach.

Es war jetzt siebeneinhalb Uhr. Sie hatten die Türe zum Laden geschlossen, um von der Nachbarschaft nicht ausspioniert zu werden; besonders von drüben, der kleine Uhrmacher machte schon Augen so groß wie eine Tasse und zog ihnen das Stück aus dem Munde, so gefräßig war sein Blick – und das hinderte sie am Essen. Die Vorhänge vor den Fenstern spiegelten ein helles weißes Licht, das gleichmäßig und ohne jeden Schatten war; darin glänzte der Tisch mit seinen noch symmetrischen Gedecken, die vielen Blumentöpfe mit den hohen Papiermanschetten; dieses blasse Licht, die langsam eintretende Dämmerung gaben den Gästen ein distinguiertes Aussehen. Virginie fand das Wort: sie schaute im geschlossenen Raume herum, behangen mit weißen Musselinvorhängen, und erklärte, es wäre lieblich. Wenn ein Karren vorbeifuhr, tanzten die Gläser auf dem Tischtuch, die Damen mußten genau so laut schreien wie die Männer. Aber man sprach wenig, man hielt sich gut und sagte sich gegenseitig Artigkeiten. Coupeau allein saß in seiner Bluse da, denn er sagte, unter Freunden brauche man sich nicht zu genieren, und daß übrigens die Bluse das Ehrenkleid des Arbeiters wäre. Die Damen, die in ihre Taillen hineingequetscht waren, trugen pomadisierte Stirnbänder, in denen sich das Tageslicht spiegelte, während die Herren, die etwas weiter weg vom Tische saßen, die Brust aufbliesen, die Ellbogen herausstellten, aus Angst, sich die Röcke zu beschmieren. Donnerwetter! da ist schon ein Loch in der Buttersauce! Wenn man wenig spräche, so haute man dafür um so mehr ein. Die Salatschüssel wurde leerer und der Löffel stak in der dicken Sauce, einer guten gelben Sauce, die wie Gelee zitterte. Und man fischte die Kalbfleischstücke heraus, die sich immer noch darin fanden; die Salatschüssel wanderte von Hand zu Hand, die Gesichter beugten sich und suchten Pilze. Die großen Brote, die gegen die Wand hinter den Gästen aufgestellt waren, schienen zu schmelzen. Deutlich vernehmbar wurden zwischen den einzelnen Gängen die aufgenommenen Gläser wieder auf den Tisch gestellt. Die Sauce war etwas zu sehr gesalzen, man brauchte vier Liter Wein, um diese Keule mit Buttersauce hinunterzuspülen, die wie Creme hinunterläuft und einem eine Feuersbrunst in die Därme wirft! Man hatte kaum Zeit zu schnaufen, da kam auch schon der Schweinerücken in einer großen tiefen Platte, ganz umgeben von großen Kartoffeln, in eine Dampfwolke gehüllt. Es war ein Schrei: Zum Teufel! Das war eine Sache! Alle liebten das. Da würde man einhauen! Und jeder verfolgte die Platte mit liebendem Blick, und wischte das Messer am Brot ab, um parat zu sein. Als alle herausgenommen hatten, stieß man sich mit den Ellbogen, man sprach mit vollem Munde. Nun, wie Butter, dieser Rücken! So etwas Zartes und Solides, das man durch den ganzen Körper bis in die Stiefel hinein spürte. Die Kartoffeln waren wie Zucker. Das war nicht versalzen; aber gerade recht, wegen der Kartoffel, es verlangte ein Begießen nach jeder Minute. Wieder wurden vier neue Liter gebracht. Die Teller wurden so sauber geputzt, daß man sie zu den Erbsen mit Speck nicht zu wechseln brauchte. Oh! Gemüse, das hat keine Konsequenzen. Das löffelt man so spielend hinein. Das beste bei den Erbsen ist der grillierte Speck, der nach Pferdehuf riecht. Zwei Liter Wein reichten.

»Mama, Mama,« schrie wieder Nana, »Augustine steckt ihre Finger in meinen Teller.«

»Du langweilst mich schon! gib ihr eine Ohrfeige«, erwiderte Gervaise, indem sie sich mit Erbsen vollstopfte.

Im Nebenzimmer machte Nana die Hausfrau am Kindertisch. Sie setzte sich neben Victor, und Etienne war neben die kleine Pauline gesetzt; so spielten sie Ehepaare, die auf einer Landpartie sind. Zuerst hatte Nana ihre kleinen Gäste bewirtet, lächelnd wie eine große Person; aber jetzt gab sie ihrer Neigung für Speck nach, sie hatte allen für sich allein behalten. Die schielende Augustine, die tückisch um die Kinder herumlief, profitierte davon, sie griff in den Speck hinein, in der Absicht, wie sie sagte, die Teilung nochmals vornehmen zu wollen. Nana, darüber wütend, biß sie in den Daumen.

»Ah, du weißt,« sagte Augustine, »ich werde deiner Mutter nachher sagen, daß du zu Victor gesagt hast, er solle dich abschlecken.«

Alles ordnete sich wieder, Gervaise und Mama Coupeau kamen herein, um sich mit der Gans zu beschäftigen. Am großen Tisch atmete man auf, alle lagen auf den Stühlen zurückgelehnt. Die Männer machten ihre Knöpfe auf, die Damen putzten sich den Schweiß vom Gesicht mit den Servietten. Das Mahl war wie unterbrochen; nur einige kauten noch an großen Stücken Brot weiter, ohne es zu merken. Man ließ das Essen sich setzen, man wartete. Die Nacht kam heran; eine schmutzige Dämmerung, grau wie Asche, kam draußen herauf. Als Augustine zwei Lampen angezündet und an beiden Seiten des Tisches aufgestellt hatte, da sah man das Gedeck beschmutzt, Teller und Gabeln fettig, das Tischtuch voll Weinflecken und mit Brotkrumen bedeckt. Es war zum Ersticken in dem aufsteigenden Geruch. Doch drehten sich die Nasen nach der Küche hin bei jedem hereinkommenden Duft.

»Darf man helfen kommen?« schrie Virginie. Sie verließ ihren Stuhl und kam ins anstoßende Zimmer; nach und nach kamen alle Frauen hinterdrein. Sie umstanden den Bratofen, sie schauten mit tiefem Interesse zu, wie Gervaise und Mama Coupeau das Tier bearbeiteten. Dann erhob sich ein Geschrei der Kinder, die vor Freude hüpften. Es war ein Triumphzug: Gervaise trug die Gans mit gesteiftem Arm, Schweiß im Gesicht, ganz aufgeblasen unter einem schweigenden Lächeln: die Frauen kamen hinter ihr drein, ebenfalls lächelnd, während Nana hinter ihnen mit übergroßen Augen, auf den Fußspitzen stehend, schaute. Als die Gans auf dem Tische stand, gewaltig, golden, von Sauce triefend, ging man nicht sofort daran, sie zu essen. Es war ein Staunen und eine respektvolle Überraschung, daß ihnen die Stimmen versagten. Man zeigte sie sich durch Augenzwinkern und Kinnbewegungen. Verflucht! welche Dame! welche Schenkel, was für ein Bauch!

»Die ist nicht fett geworden vom Mauerabkratzen«, sagte Boche.

Dann ging man in die Einzelheiten. Gervaise erzählte, sie war das schönste und fetteste Tier, das bei der Geflügelhändlerin aufzutreiben war in der Vorstadt Poisonnière; sie wog zwölf Pfund und ein halbes auf der Wage der Kohlenhändlerin; so viel Kohle hat sie gebraucht und gab drei Tassen Fett. Virginie unterbrach sie, erzählend, sie habe die Gans roh gesehen; man hätte sie so essen mögen, so zart und weiß wäre die Haut gewesen, die Haut einer Blondine, wie? Alle Männer lachten mit fresserischen Begierden und mit geblähten Lippen. Aber Lorilleur und Frau Lorilleur zogen die Nasen ein bei dem Gedanken, eine solche Gans auf dem Tische der Hinkenden zu sehen.

»Nun denn! man wird sie doch nicht ganz essen,« sagte die Büglerin. »Wer tranchiert? Nein, nein, ich nicht. Sie ist zu dick, das macht mir Angst.«

Coupeau bot sich an. Mein Gott, das war doch einfach: man packte die Glieder, ziehe sie aus; die Stücke blieben deshalb gleich gut. Aber alles schrie zugleich. Man nahm dem Spengler das Messer aus der Hand; er hätte einen Kirchhof auf der Platte gemacht. Einen Augenblick lang schaute man nach dem Manne, der willig gewesen wäre. Endlich sagte Frau Lerat mit liebenswürdiger Stimme:

»Hört, das kann nur Herr Poisson machen ... ja, Herr Poisson ...«

Als die Gesellschaft nicht verstand, was sie damit sagen wollte, da sagte sie in schmeichlerischer Absicht:

»Aber sicher, weil Herr Poisson in Waffen geübt ist.«

Und sie überreichte dem Stadtpolizisten das Küchenmesser, das sie in der Hand hielt. Die ganze Tisch war befriedigt und lachte. Poisson verneigte sich mit militärischer Steifheit und zog die Gans vor seinen Platz. Seine Nachbarinnen, Gervaise und Frau Boche, machten Platz, damit seine Ellbogen frei würden. Er tranchierte langsam, mit ausholender Geste, die Augen auf das Tier gerichtet, als ob er es auf den Grund der Platte hätte heften wollen. Als er das Messer zwischen das Gerippe stieß, das krachte, bekam Lorilleur einen patriotischen Anfall. Er schrie:

»Hm! wenn das ein Kosak wäre!«

»Haben Sie sich mit Kosaken geschlagen, Herr Poisson?« fragte Frau Boche.

»Nein, mit Beduinen,« antwortete der Sergeant, der einen Flügel löste. »Es gibt keine Kosaken mehr.«

Dann wurden alle wieder still. Die Köpfe verlängerten sich, die Blicke verfolgten das Messer. Poisson hatte eine Überraschung vorbereitet. Rasch machte er einen letzten Schnitt, das Hinterteil trennte sich ab, blieb mit dem Bürzel in die Luft gestreckt stehen: das war die Bischofsmütze. Alle bewunderten sie. Nur alte Militärpersonen konnten in Gesellschaft so liebenswürdig sein. Die Gans stieß eine Flut Fett aus dem Hinterteil, was Boche veranlaßte zu sagen:

»Oh, ich würde mich ruhig einem solchen Guß in den Mund unterwerfen.«

»Dieser Schweinkerl!« riefen die Damen alle zugleich.

»Ach, ich kenne keinen andern Mann, der so unappetitlich wäre wie er,« sagte Frau Boche, wütender als die andern. »Sei still, hörst du? Du könntest es einer ganzen Armee verleiden ... Aber, wissen Sie, er möchte alles allein essen!« In diesem Augenblick wiederholte in den Lärm hinein Clementine öfters:

»Herr Poisson, hören Sie doch, Herr Poisson ... Heben Sie mir doch den Bürzel auf, nicht wahr?«

»Meine Liebe,« sagte Frau Lerat mit bezeichnender Miene, »der Bürzel gehört Ihnen zu Recht.«

Und die Gans war zerteilt. Der Polizist, nachdem er die Bischofsmütze einige Augenblicke lang hatte betrachten lassen, schnitt die Stücke davon herunter und legte sie auf die Platte. Man konnte sich bedienen. Die Damen beklagten sich über die Hitze und knöpften ihre Taillen auf. Coupeau schrie, man wäre bei sich daheim, er pfeife auf die Nachbarn, und öffnete die Türe sperrangelweit; die Feier ging weiter unter dem Rollen der Wagen und dem Drängen der Gehenden auf der Straße. Da die Kinnbacken sich ausgeruht hatten und das Loch im Magen wieder da war, fing man wieder an und warf sich auf die Gans. Beim bloßen Zuschauen des Tranchierens, sagte Boche, wäre ihm die Buttersauce und der Schweinerücken in die Waden gesunken.

Das war nun ein famoses Gabelessen; das heißt keiner von der Gesellschaft konnte sich erinnern, sich je eine solche Indigestion zugezogen zu haben. Gervaise, ganz breit sitzend, die Ellbogen auf den Tisch gestützt, aß große weiße Stücke; sie sprach nichts, aus Angst, daß ihr etwas davon entgehe; nur vor Goujet schämte sie sich ein wenig, sich so gefräßig wie eine Katze zu zeigen. Übrigens aß Goujet selbst zuviel, da er sie so rosig vor lauter Nahrung sah. Dann blieb sie auch trotzdem so gut und liebenswürdig! Sie sprach nichts, stand aber alle Augenblicke auf, um Vater Bru zu versorgen und ihm etwas Zartes auf den Teller zu legen. Es war geradezu rührend mit anzusehen, wie sie sich eines Flügels beraubte, um ihn dem Alten zu geben, der kein Kenner zu sein schien, der alles verschlang, mit gesenktem Kopf, vertiert durch die Gewohnheit, alles zu essen, und dessen Schlund selbst den Geschmack fürs Brot verloren hatte. Die Lorilleux' verlegten ihren Zorn auf den Braten; sie nahmen sich für drei Tage Vorrat, sie hätten die ganze Platte aufgegessen, den Tisch und den Laden, um die Hinkende auf einmal zu ruinieren. Alle Damen wollten vom Gerippe haben; das Gerippe wäre das Stück für die Damen. Frau Boche, Frau Lerat, Frau Putois kratzten Schenkel ab, während Mama Coupeau, die den Hals liebte, mit ihren zwei letzten Zähnen davon Fleisch herunterriß. Virginie liebte die Haut, wenn sie gebräunt und knusperig war, und jeder Gast steckte ihr Haut zu aus Galanterie, so daß Poisson seiner Frau strenge Blicke zuwarf, ihr befehlend, sie solle aufhören, weil sie auch so genug habe; sie habe schon einmal vierzehn Tage mit geschwollenem Bauch im Bett bleiben müssen, weil sie zuviel gebratene Gans gegessen habe. Aber Coupeau wurde böse, er gab Virginie einen obern Schenkel und schrie: Donnerwetter! wenn sie den nicht abschabe, wäre sie keine Frau. Hat je eine Gans jemandem Schaden zugefügt? Im Gegenteil, die Gans kuriert Krankheiten der Milz. Man knappert das ohne Mühe wie ein Dessert. Er hätte das die ganze Nacht hindurch machen können, ohne davon bedrückt zu werden; und des Spaßes halber stopfte er eine ganze Keule in den Mund. Clementine beendete ihren Bürzel, saugte unter Schnalzen mit den Lippen, sich über den Stuhl beugend vor Lachen, denn Boche sagte ihr leise Unanständigkeiten in den Hals hinein. Ja, mein Gott, ja, man berauscht sich halt, wenn man schon einmal dabei ist. Wenn man nur alle Jahre einmal zu einem ordentlichen Essen kommt, da wäre man doch schön dumm, wenn man sich nicht bis an die Ohren vollfressen wollte. Ja, man sah in Wirklichkeit, wie die Bäuche der Damen mehr und mehr anschwollen; sie rülpsten und verdauten wie Vielfraße. Mit offenem Munde und das Kinn von Fett glänzend saßen sie da, ihre Gesichter waren so glatt und rund, daß man sie für Ärsche hätte halten können, und dabei so rot, daß man fürchtete, sie würden platzen.

Und der Wein erst, meine Kinder, der floß unter den Tisch wie das Wasser in die Seine; ein wahrer Rinnstein, wenn es geregnet hat und die Erde durstig ist. Coupeau schenkte von oben ein, damit er den roten Strahl schäumen sehen konnte; sooft ein Liter leer war, machte er zum Scherz die Handbewegung, den Hals der Flasche zu drücken, wie die Frauen Kühe melken. Und die Rotweinflasche flog in eine Ecke des Ladens. Dort türmten sie sich, ein wahrer Kirchhof von Flaschen, auf die man noch die Abfälle des Mahles warf. Frau Putois verlangte nach einem Glas Wasser; doch der Zinkarbeiter war so entrüstet darüber, daß er alle Wasserkaraffen vom Tische fortnahm. »Trinken denn ehrliche Leute Wasser?« fragte er. Sie wolle wohl Frösche in den Magen bekommen! Die Gläser wurden auf einen Zug geleert, man hörte, wie die Flüssigkeit in den Hals floß mit dem Geräusch, das an Gewittertagen Regenwasser in abwärtsfließende Rinnen macht. Es regnete jungen Wein, nicht wahr? Jungen Wein, der erst den Geschmack vom alten Faß hatte, hatte man sich aber daran gewöhnt, schmeckte er wie Haselnüsse. Herrgott! die Jesuiten hatten gut reden, der Traubensaft war doch eine gute Erfindung. Alles lachte und klatschte Beifall, denn schließlich, der Arbeiter ohne Wein, so was gibt's nicht. Vater Noë mußte den Rebstock für die Spengler, Schneider und Schmiede pflanzen. Der Wein putzt und erholt uns von der Arbeit, bringt Feuer in den Leib der Faulenzer; und wenn der Spaßmacher einem schon einen Streich spielt, was liegt daran, Paris gehörte einem doch. Ja, der Arbeiter ist ausgebeutet, ohne Sous, vom Bourgeois mißachtet, aber er hat doch seine Späße, und soll ihm dann keiner vorwerfen, wenn er sich manchmal einen auf den Hut steckt, um die Welt rosig zu sehen. Und eben jetzt, was macht man sich schon aus dem Kaiser? Vielleicht hat er auch seinen Fetzen, das ist egal, es ist egal, er ist einem doch Wurst; und wenn er auch noch viel besoffener wäre, er wäre einem noch mehr egal.

Den Teufel hol die Aristos! Coupeau jagte die ganzen Aristos zum Teufel. Er fand die Frauen allerliebst, er klopfte auf seine Taschen, darin drei Sous klimperten, er lachte, als wenn es hundert gewesen wären. Selbst Goujet, der sonst so Nüchterne, hatte die Nase voll. Die Augen Boches verkleinerten sich; Lorilleux' wurden blaß, während Poissons Blick im bronzenen Gesicht eines alten Soldaten immer strenger wurde. Sie waren alle schon total betrunken. Auch die Damen hatten einen Spitz; erst einen leichten Rausch, wie Wein in den Wangen; sie nahmen ihre Halstücher ab, sie hatten das Verlangen, sich auszuziehen; und Clementine fing an unanständig zu werden. Aber plötzlich erinnerte sich Gervaise der sechs gesiegelten Flaschen; die hatte sie vergessen, mit der Gans zugleich zu servieren; sie brachte sie und man füllte die Gläser. Poisson stand auf; das Glas in der Hand, sagte er:

»Ich trinke auf das Wohl der Gastgeberin!«

Die ganze Gesellschaft stand unter geräuschvollem Stuhlrücken auf; Arme streckten sich, Gläser schlugen an, da hörte man jemand schreien:

»Nach fünfzig Jahren!« – es war Virginie.

»Nein, nein,« antwortete Gervaise lachend und gerührt, »dann bin ich zu alt. Geht, es kommt der Tag, an dem man gern geht.«

An der offenen Türe nahm das ganze Viertel an diesem Gelage teil. Vorübergehende blieben in diesem Lichtkegel der Türe stehen, sie lachten gutmütig, als sie die Leute so frohen Herzens essen sahen. Kutscher, auf ihren Sitzen gebeugt, schlugen auf ihre Rosse, und warfen lustige Worte herein beim Vorüberfahren: »Sagt mal, bezahlt ihr nichts?« ... »O je, die dicke Mutter; ich hole die Hebamme.« Der Geruch der Gans erfreute die ganze Straße; die Verkäufer des Spezereiladens drüben glaubten von dem Tier mitzuessen; die Obst- und Kuttelhändlerin kamen alle Augenblicke und stellten sich vor die Türe hm, um die Luft einzuatmen, sich die Lippen leckend. Im wahren Sinne des Wortes hatte die ganze Straße eine Indigestion. Die Damen Cudorge, Mutter und Tochter, die Regenschirmhändlerinnen, die man sonst nie sah, liefen hintereinander über die Straße mit schielenden Augen, so rot, als hatten sie beim Backofen gestanden.

Der kleine Furelier an seinem Werktisch konnte nicht mehr arbeiten, betrunken vom Zählen all der vielen Liter, ganz erregt zwischen seinen lustigen Kuckucksuhren. »Ja, die Nachbarn krepieren daran!« rief Coupeau. Aber, warum sollte man sich verstecken? Die halbbetrunkene Gesellschaft schämte sich nicht mehr, daß man sie bei Tisch sah; im Gegenteil, sie fühlten sich geschmeichelt und erhitzt, diese zusammengedrängte verfressene Truppe; sie hatten gern die Vorderwand hinausgedrückt, das Gedeck bis auf die Straße getragen, das Dessert draußen eingenommen, unter den Augen all dieser Leute, mitten in der Erschütterung der Straße. Man war doch nicht ekelhaft anzusehen? Nicht wahr? Dann hatte man es auch nicht nötig, sich wie Egoisten einzusperren. Coupeau, der sah, daß der kleine Uhrmacher da drüben Durst hatte, zeigte ihm eine Flasche; als der andere mit dem Kopfe nickte, brachte er ihm seine Flasche und ein Glas. Jetzt wurde auch die Straße brüderlich beigezogen. Man trank allen Vorübergehenden zu. Man nannte jeden Kamerad, der ein gutes Gesicht machte. Die Fresserei nahm so zu, daß das ganze Viertel der Rue de la Goutte d'Or teilnahm, sich vor Lachen den Bauch hielt, in einem Teufelsbacchanal.

Seit einiger Zeit kam auch Frau Vigouroux, die Kohlenhändlerin, hin und wieder vorbei.

»Ohé, Frau Vigouroux, Frau Vigouroux«, brüllte die Gesellschaft.

Sie kam herein mit tierischem Lachen. Sie war gewaschen und so fett, daß ihre Taille fast platzte. Die Männer kniffen sie gern, weil sie das überall durften, ohne je auf einen Knochen zu treffen. Boche hieß sie zu sich setzen; und sofort nahm er ihr Knie unter dem Tisch. Sie aber, an dergleichen gewöhnt, trank ruhig ihr Glas leer, erzählte, daß alle Nachbarn an den Fenstern wären und daß einige Leute im Hause anfingen böse zu werden.

»Oh, das ist unsere Sache,« sagte Frau Boche. »Wir sind die Hausmeister, nicht wahr? Wir verantworten die Ruhe ... Sie sollen nur kommen und sich beklagen, wir werden sie schön empfangen.«

Im hintern Zimmer fand eine schreckliche Schlacht statt zwischen Nana und Augustine wegen der Bratenpfanne, die jedes austunken wollte. Während einer Viertelstunde hörte man diese Pfanne auf dem Boden hin und her rutschen, mit dem Geräusch einer alten Kasserolle. Jetzt pflegte Nana den kleinen Victor, der einen kleinen Knochen in der Kehle stecken hatte; sie steckte ihm die Finger unter das Kinn, ihn zwingend, große Stücke Zucker zu schlucken, als Kur. Das hinderte sie aber nicht, den großen Tisch zu überwachen. Jeden Augenblick kam sie Wein holen, Brot verlangend, Fleisch für Etienne und für sich.

»Hier! Krepier!« sagte zuletzt ihre Mutter. »Willst du mich endlich in Ruhe lassen!«

Die Kinder konnten nicht mehr schlucken, aber sie aßen doch immerfort, mit der Gabel eine Melodie auf dem Teller klopfend, um sich gegenseitig anzuregen. Mitten in all dem Lärm entstand eine Unterhaltung zwischen Vater Bru und Mama Coupeau. Der Alte, der von all der Nahrung und dem Wein ganz fahl geworden war, erzählte von seinen Söhnen, die in der Krim gefallen waren. Ah, wenn die Kleinen am Leben geblieben wären, hatten sie jeden Tag Brot gehabt. Aber Mama Coupeau, deren Zunge etwas schwer war, beugte sich zu ihm und sagte:

»Man hat doch rechte Sorge mit seinen Kindern! Sehen Sie, ich scheine doch ganz glücklich hier zu sein, nicht wahr? Zur Linken schwamm in einem tiefen Teller ein Stück weißer Käse, während auf der rechten Seite in einer Schüssel zerdrückte Erdbeeren standen, aus denen der Saft auslief. Und es blieb noch Salat übrig, breite römische Blätter in Öl getaucht.

»Nun, Frau Boche,« sagte Gervaise verbindlich, »noch etwas Salat? Es ist eine Passion von Ihnen, ich weiß es.«

»Nein, nein, danke!« antwortete die Hausmeisterin, »ich bin bis oben voll.«

Die Büglerin drehte sich gegen Virginie, diese steckte aber den Finger in den Mund, als wollte sie zeigen, wie weit die Nahrung ginge.

»Ja, wahrhaftig, ich bin voll,« sagte sie; »es ist kein Platz mehr da, kein Bissen geht mehr hinein.«

»Oh, wenn Sie sich etwas zwingen,« wiederholte Gervaise fröhlich. »Ein kleines Plätzchen ist immer noch da. Salat, das ißt sich ohne Hunger ... Lassen Sie doch diesen römischen Salat nicht umkommen.«

»Du wirst ihn morgen eingemacht essen,« sagte Frau Lerat. »Eingemacht ist er besser.«

Die Damen schnauften, mit Bedauern nach der Salatschüssel schauend. Clementine erzählte, sie habe eines Tages zum Frühstück drei Bündel Kresse gegessen. Frau Putois vermochte noch mehr, sie aß die Köpfe römischen Salats ohne ihn zu putzen; sie blättere sie nur ab und esse sie mit Salz. Alle wollten nur noch von Salat leben, ganze Zuber voll. Und während dieser Unterhaltung aßen sie die Schüssel leer.

»Ich würde mich vierfüßig ins Grüne legen«, wiederholte die Hausmeisterin mit vollem Mund.

Dann lachten und scherzten sie vor dem Dessert. Das zählt nun einmal gar nicht, der Nachtisch. Er kam zwar etwas spät, aber das mache nichts, man würde ihm doch Ehre antun. Auch wenn man wie Bomben platzen würde, man kann doch nicht Erdbeeren und Kuchen stehen lassen. Auch pressierte es ja gar nicht, man hatte, wenn man wolle, die ganze Nacht vor sich. Währenddessen füllte man die Teller mit Erdbeeren und weißem Käse. Die Männer zündeten ihre Pfeifen an; und da die gesiegelten Flaschen leer waren, tranken sie wieder den Literwein, während sie rauchten. Gervaise sollte aber den Savoyer Kuchen sofort anschneiden. Poisson stand sehr galant auf, nahm die Rose und bot sie Gervaise an, unter dem Applaus der ganzen Gesellschaft. Sie mußte sie mit einer Stecknadel über ihrem linken Busen befestigen, auf der Seite des Herzens. Bei jeder Bewegung flatterte der Schmetterling daran.

»Sagt einmal!« rief Lorilleux, der scheinbar eine Entdeckung gemacht hatte, »wir essen wohl auf dem Werktisch? ... Ach, man hat vielleicht noch niemals soviel daran gearbeitet!«

Diese boshafte Bemerkung hatte einen großen Erfolg. Es regnete jetzt geistreiche Anspielungen: Clementine schluckte keinen Löffel voll Erdbeeren mehr, ohne zu bemerken, daß sie einen Bügelstrich mache, Frau Lerat behauptete, der weiße Käse schmecke nach Stärke, während Frau Lorilleux zwischen den Zähnen hervorstieß, es wäre sehr angenehm, das Geld so schnell zu verschlingen, das man auf diesen Brettern mit so vieler Mühe verdient habe. Ein Heiterkeitsausbruch und Gelächter brach los.

Plötzlich gebot eine starke Stimme Ruhe. Es war Boche, er stand auf, nahm eine nachlässige und vergnügte Haltung an und sang: »der Liebesvulkan oder der verführerische Kommissoldat.«

Ich, Blavin, verführ die schönen Damen ...

Ein donnerndes Bravo quittierte diese erste Strophe. Ja, man wolle singen! Jeder das Seine. Das war das Schönste von allem. Die einen stützten ihre Ellbogen auf den Tisch, andere warfen sich auf die Stuhllehnen zurück, mit dem Kinn ihre Zustimmung gebend, nickten mit dem Kopfe bei hübschen Stellen und tranken bei den Refrains einen Schluck. Boche, dieses Vieh, kannte besonders viel komische Lieder. Alles lachte, wenn er mit gespreizten Fingern, den Hut im Nacken, sein »Trou-la-la« sang. Nach dem »Liebesvulkan« sang er sein Hauptstück: »Die Baronin von Follebiche«. Als er an die dritte Strophe kam, beugte er sich zu Clementine und sang ihr mit wollüstiger Stimme ins Ohr:

»Wer speist bei der Gräfin Kusine?
Es sind vier Schwesterlein,
Drei Braune und eine Blondine
Die haben acht Äugelein.«

Die andern sangen den Refrain. Die Männer schlugen mit den Hacken den Takt. Die Damen nahmen ihre Messer zur Hand und schlugen damit an die Gläser. Alle heulten:

»Ei der Tausend! wer wird wohl zahlen
Den Wein für die Pa ... für die Pa ... für die Pa ...
Ei der Tausend, wer wird wohl zahlen
Den Wein für die Patrou-ou-ouille!«

Die Fenster im Laden klangen und der Atem der Sänger machte selbst die Musselinvorhänge erzittern.

Aber Virginie war schon zweimal verschwunden und hatte sich zu Gervaises Ohr hinübergebeugt, um ihr eine leise Mitteilung zu machen. Als sie das drittemal zurückkam, sagte sie ihr:

»Meine Liebe, er ist immer noch bei François, er tut, als lese er die Zeitung ... aber ganz bestimmt, es steckt etwas dahinter.«

Sie sprach von Lantier. Sie spionierte ihn aus. Bei jedem neuen Bericht wurde Gervaise ernster.

»Ist er betrunken?« fragte sie Virginie.

»Nein,« antwortete die große Braune. »Er scheint sehr nüchtern zu sein. Das ist ja gerade so beunruhigend. Warum bleibt er dann beim Weinwirt, wenn er gesättigt ist? ... Ach Gott, wenn nur nichts geschieht.«

Die geängstigte Büglerin bat sie, nichts zu sagen. Plötzlich wurde es ganz still. Frau Putois war aufgestanden und sang: A L'abordage! Die Gäste betrachteten sie stumm und gesammelt; selbst Poisson hatte seine Pfeife an den Rand des Tisches gelegt, um besser zu hören. Sie hielt sich steif, klein und zornig, das Gesicht blaß unter ihrer schwarzen Haube; sie stieß ihre linke Faust mit überzeugendem Stolz aus und schmetterte mit einer Stimme, die größer war als sie selbst:

»Wenn ein fürchterlicher Räuber
Vor uns jagt mit vollen Segeln,
Sitzt der Tod in seinen Raaen,
Denn Pardon gibt man ihm nicht.
An die Stücke! meine Burschen!
Sauft den Rum in vollen Zügen!
Raubgesindel auf dem Meere
Stirbt von eurer Rächerhand!«

Das war etwas Ernsthaftes, Donnerwetter! Das gab einen richtigen Begriff von der Sache. Poisson, der auf dem Meere gefahren, wiegte seinen Kopf hin und her, um die Einzelheiten zu bestätigen. Man fühlte, daß dieses Lied nach dem Geschmack der Frau Putois war. Coupeau beugte sich vor und erzählte, wie Frau Putois eines Abends vier Männer geohrfeigt hatte, die sie entehren wollten.

Gervaise, von Mama Coupeau unterstützt, reichte den Kaffee herum, obgleich man noch immer vor der Savoyer Torte saß. Man ließ sie gar nicht sich niedersetzen, denn man sagte, daß die Reihe nun an ihr wäre. Sie weigerte sich, sie sah blaß aus und fühlte sich nicht wohl; man fragte sie, ob sie vielleicht die Gans belästigte. Darauf antwortete sie mit dem Lied: »Ach, laßt mich schlafen!« mit sanfter und zarter Stimme; als sie an den Refrain kam, an diesen Wunsch des Schlafes, mit schönsten Träumen bevölkert zu sein, schlossen sich ihre Lider etwas, ihr Blick glitt in die Dunkelheit, zur Straße hin. Gleich darauf grüßte Poisson die Damen mit heftigem Kopfnicken und sang ein Trinklied, »Frankreichs Weine«; aber er sang wie ein Einfaltspinsel; nur die letzte Strophe, der patriotische Teil, hatte Erfolg, weil er, als er von der Trikolore sprach, sein Glas hoch erhob, es schaukelte und auf einen Zug in seinen weit aufstehenden Mund schüttete. Dann folgten Romanzen; in der Barkarole der Frau Boche war die Rede von Venedig und den Gondolieri; von Sevilla und den Andalusiern im Bolero der Frau Lorilleux, während Lorilleur sogar von den Düften Arabiens erzählte, im Zusammenhang mit Fatma, der Tänzerin. Um diesen fettigen Tisch herum, in der durch das Ausströmen des Atems vom Übermaß des Genusses verdickten Luft, öffneten sich goldene Horizonte, elfenbeinerne Hälse, ebenholzfarbene Haare wurden gepriesen, Küsse unter dem Mond beim Klang der Gitarre getauscht, Bajaderen, die unter ihrem Schritt Regen von Perlen und Edelsteinen säten; und die Männer rauchten dabei ganz fromm ihre Pfeifen, die Frauen behielten ihr Lächeln ungeahnter Genüsse, alle versetzten sich dahin und atmeten die Wohlgerüche. Als Clementine mit einem Tremolo »Macht ein Nest« gurrte, machte das auch viel Spaß; denn das zauberte das Land herauf, die leichten Vögel, Tanz unter den Bäumen, Blumen mit Honigkelchen – alles, was man im Walde Vincennes an den Tagen sah, an denen man Kaninchen essen ging. Virginie brachte wieder Humor durch ihr » Mon petit riquiqui« hinein; sie machte die Marketenderin, eine Hand auf die Hüfte gelegt, den Ellbogen gerundet; mit der andern Hand schenkte sie ins Leere ein, mit ausgebogenem Daumen. Nun bat man Mama Coupeau, » La Souris« zu singen. Die alte Frau wehrte sich, sie kenne solche Scherze nicht. Doch fing sie gleich mit einer gebrochenen Stimme, dünn wie ein Faden, an; ihr gerunzeltes Gesicht, kleine lebhafte Augen unterstrichen die Angst des Fräuleins Lise, die ihre Röcke an sich riß beim Anblick der Maus. Der ganze Tisch lachte; die Frauen konnten nicht ernst bleiben, sie schauten sich gegenseitig mit leuchtenden Augen an; es war übrigens nichts Schlüpfriges dabei, kein einziges rohes Wort. Um wahr zu sein, muß man sagen, daß Boche die Maus an den Waden der Kohlenhändlerin machte. Das hätte nun böse ausarten können, wenn nicht Goujet auf einen Wink Gervaises Ruhe und Respekt zurückgebracht hatte mit seinem Gesang: » Adieux d'Abd-el-Kader«, das er mit seiner Baßstimme herausschmetterte. Der hatte einen soliden Baß! Das kam aus seinem schönen gelben Bart heraus wie aus einer Messingtrompete. Als er den Ruf ausstieß: » O ma, noble compagne!«, von der schwarzen Kriegsstute sprechend, hatten alle Herzklopfen, man klatschte, ohne erst das Ende abzuwarten, so sehr hatte er durch den Schrei begeistert.

»Jetzt zu Ihnen, Vater Bru, es ist Ihre Reihe!« sagte Mama Coupeau. »Singen Sie das Ihre. Die alten Sachen sind die Schönsten. Nun!«

Und alle drehten sich zum Alten hin, nötigten und ermutigten ihn. Er schaute ganz unverständlich die Leute an mit seiner unbeweglichen Maske wie gegerbte Haut. Man fragte ihn, ob er das » Cinq voyelles« kenne. Er nickte mit dem Kinn; er erinnerte sich aber nicht mehr; alle Gesänge der alten Zeit mischten sich in seinem Kopfe. Als man beschlossen hatte, ihn in Ruhe zu lassen, schien er sich zu erinnern, er stotterte mit einer Grabesstimme:

»Trou la-la, trou la-la, Trou la-la ...«

Sein Gesicht bekam Leben, dieser Refrain erweckte in ihm entfernte Lustbarkeiten, die er allein genoß, auf seine immer mehr und mehr verschwindende Stimme mit Kinderentzücken horchend:

»Trou la-la, Trou la-la, Trou la-la ...«

»Höre meine Liebe,« sagte jetzt Virginie leise am Ohr Gervaises. »Ich komme gerade wieder von da, Lantier ist von François weg. Es hat mir keine Ruhe gelassen.«

»Sind Sie ihm nicht draußen begegnet?« fragte die Büglerin.

»Nein, ich bin so schnell gegangen, es fiel mir nicht ein, mich umzuschauen.«

Aber Virginie, die aufsah, unterbrach sich mit einen Seufzer:

»Ach, mein Gott! ... Er ist da, auf dem Gehweg gegenüber; er schaut herein.«

Gervaise, ganz verstört, schaute hinüber. Draußen stauten sich Menschen, die die Gesellschaft singen hören wollten. Die Verkäufer des Spezereiwarengeschäfts, die Kuttelhändlerin, der kleine Uhrmacher standen alle in Gruppen, schienen mit dazu zu gehören. Es gab auch Soldaten, Bürger in Gehröcken, drei kleine Mädchen von fünf bis sechs Jahren hielten sich an den Händen, alle ernst und entzückt. Und Lantier, wirklich auch er, stand in erster Reihe, schaute und horchte ganz ruhig. Das war stark. Gervaise ging ein Kälteschauer von den Füßen bis zum Herzen, sie wagte sich nicht mehr zu rühren, während Vater Bru fortfuhr:

»Trou la-la, Trou la-la, Trou la-la ...«

»Aber nein, mein lieber Alter, davon ist's genug!« sagte Coupeau. »Kennen Sie das Ganze? ... Das singen Sie uns dann an einem andern Tag, nicht wahr! wenn wir nicht so lustig sind.«

Man lachte. Der Alte hörte gleich auf, schaute mit seinen blassen Augen um den Tisch herum und verfiel wieder in sein träumerisches Brüten. Der Kaffee war ausgetrunken. Der Spengler verlangte wieder Wein. Clementine fing wieder an Erdbeeren zu essen. Einen Augenblick lang hörten die Gesänge auf, man sprach von einer Frau, die man am Morgen aufgehängt gefunden hatte im Nebenhaus. Jetzt war die Reihe an Frau Lerat, sie brauchte aber Vorbereitungen. Sie tauchte das Ende ihrer Serviette in ein Glas Wasser und betupfte sich damit die Schläfen, weil ihr zu warm war. Dann verlangte sie einen Tropfen Schnaps, trank ihn und putzte sich lange die Lippen ab.

»Das Kind des lieben Gottes, nicht wahr!« murmelte sie, »das Kind des lieben Gottes.«

Groß, männlich, mit knochiger Nase und vierschrötigen Schultern wie ein Gendarm, richtete sie sich auf und fing nun an:

»Du armes Kind, von Mutterlieb verla-a-assen.
An heil'ger Stätte nimmt man gern dich auf,
Gott selbst wird schützend deine Hand erfa-a-assen,
Gott Vater nimmt dich in den Himmel auf!«

Ihre Stimme zitterte bei gewissen Worten, die sich wie in nassen Noten hinzogen; sie hob ihre Augenwinkel gegen den Himmel, während ihre rechte Hand sich mit überzeugender Geste auf Brust und Herz legte. Gervaise, durch Lantiers Gegenwart so bedrückt, konnte ihre Tränen nicht zurückhalten; ihr war, als wenn dieser Gesang ihr ganzes Leid ausspreche, daß sie dieses verlorene, verlassene Kind wäre, das der liebe Gott in Verteidigung nehmen würde. Clementine war so betrunken, daß sie in Tränen ausbrach, den Kopf auf den Tisch legte und ihr Schluchzen im Tischtuch erstickte. Ein fröstelndes Schweigen entstand. Die Damen zogen ihre Taschentücher vor, wischten sich die Augen vor sich hinsehend, den nachbarlichen Schmerz respektierend. Die Männer schauten mit geneigten Stirnen vor sich hin, die Augenlider gesenkt. Poisson erstickte fast, zweimal schon hatte er die Enden seiner Pfeife zwischen den gepreßten Zähnen abgebissen, er spuckte die Stücke auf den Boden, ohne daß er zu rauchen aufhörte. Boche, der seine Hand auf dem Knie der Kohlenhändlerin liegen hatte, kniff sie nicht mehr, in unbewußtem Respekt und Reuegefühl, während zwei große Tränen seine Backen herunterrollten. Diese Kneipbrüder waren steif wie die Gerechtigkeit und zart wie Lämmer. Der Wein sprang ihnen zu den Augen heraus! Wenn der Refrain verlangsamte und noch weinerlicher wiederkehrte, ließen sie sich los, heulten wie die Kettenhunde über ihre Teller, knöpften sich über dem Bauch auf, lösten sich vor Mitleid auf.

Aber Gervaise und Virginie, gegen ihren Willen, verließen mit ihren Augen den gegenüberliegenden Gehweg nicht mehr. Jetzt gewahrte auch Frau Boche Lantier, sie stieß einen leichten Schrei aus, wischte sich aber trotzdem die Tränen weiter aus den Augen. Alle drei zeigten geängstigte Gesichter und schauten sich unwillkürlich an. Mein Gott, wenn Coupeau sich umdreht, wenn Coupeau den andern sieht. Welche Schlächterei! Das Gemetzel! Und sie machten es so gut, daß der Zinkarbeiter endlich fragte:

»Was schaut ihr denn?«

Er drehte sich um und erblickte Lantier.

»Gott im Himmel! das ist zuviel,« murmelte er; »ah, das schmutzige Schwein, das Schwein ... das ist zu stark, es muß ein Ende haben.«

Und als er aufstand, indem er schreckliche Drohungen aussprach, bat ihn Gervaise mit leiser Stimme.

»Höre, ich bitte dich ... laß das Messer... Bleib auf deinem Platz, verursache kein Unglück.«

Virginie mußte ihm das Messer aus der Hand nehmen, das er vom Tisch aufgegriffen hatte. Aber sie konnte nicht verhindern, daß er aufstand, hinausging und sich Lantier näherte. Die Gesellschaft sah und hörte nichts, so war deren Erregung gesteigert; sie weinten noch heftiger, als Frau Lerat mit herzzerreißendem Ausdruck weitersang:

»Die arme Waise war verloren,
Und ihre Stimme kam zu Ohren
Nur den Bäumen und dem Wind.«

Der letzte Vers war nur noch ein kläglicher Hauch des Sturmes. Frau Putois, die gerade trinken wollte, wurde so gerührt, daß sie ihren Wein aufs Tischtuch ausleerte. Doch Gervaise blieb ganz erstarrt, eine geballte Faust gegen den Mund gedrückt, um nicht hinauszuschreien, vor Entsetzen mit den Augenlidern blinzelnd; sie erwartete jeden Augenblick einen der beiden Männer da draußen erstochen auf das Pflaster fallen zu sehen. Virginie und Frau Boche verfolgten ebenfalls sehr interessiert die Szene da draußen. Coupeau, von der Luft überrascht, wäre fast in den Bach gefallen, als er sich auf Lantier stürzen wollte. Dieser hatte sich nur abgewandt, die Hände in den Hosentaschen. Jetzt beschimpften sich die beiden Männer, besonders der Spengler sagte ihm Wahrheiten, nannte ihn krankes Schwein, er wolle seine Eingeweide aufessen. Man hörte die wütenden Stimmen, sah die bedrohlichen Bewegungen, als wollten sie sich die Arme ausrenken. Gervaise schwindelte, sie schloß die Augen, weil es schon zu lange dauerte und weil sie glaubte, sie würden sich die Nasen abbeißen, so nahe kamen sie sich, Gesicht an Gesicht. Dann, als sie nichts mehr hörte, öffnete sie die Augen wieder und blieb ganz dumm sitzen, da sie die beiden so ruhig miteinander reden sah.

Die Stimme der Frau Lerat erhob sich wieder, schmachtend vor Weinerlichkeit, eine neue Strophe anfangend:

»Am nächsten Morgen, schon halb entseelt,
Da fand man das arme Kind.«

»Es gibt doch recht seelenlose Frauen«, sagte Frau Lorilleux unter allgemeiner Bestätigung.

Gervaise hatte mit Frau Boche und Virginie Blicke gewechselt. Das mache sich also? Coupeau und Lantier sprachen immer noch zusammen auf dem Gehweg. Sie beschimpften sich gegenseitig immer noch, aber in freundschaftlicher Weise. Sie nannten sich »verfluchtes Tier« in einem Ton, aus dem ein Funke Zärtlichkeit sprach. Als man sie anstarrte, gingen sie leise nebeneinander auf und ab längs der Häuser, alle zehn Schritte umkehrend. Schnell hatte sich eine Unterhaltung angebahnt. Da schien plötzlich Coupeau wieder zornig zu werden, während der andere sich weigerte, sich bitten ließ. Und da war es der Zinkarbeiter, der Lantier schob und ihn zwang, über die Straße zu kommen und einzutreten.

»Wenn ich schon sage, es geschieht aus gutem Herzen!« schrie er. »Sie werden ein Glas Wein trinken ... Männer sind doch Männer, nicht wahr? ... Man versteht sich ...« Frau Lerat vollendete den letzten Refrain. Die Frauen wiederholten, ihr Taschentuch zerdrückend:

»Verlorner Kinder nimmt ein Gott sich an.«

Man komplimentierte die Sängerin sehr, die sich, scheinbar ganz erschöpft, niedersetzte. Sie bat um irgendein Getränk, weil, wie sie sagte, sie so viel Gefühl in dieses Lied lege, sie habe immer Angst sich einen Nerv zu verrenken. Alle schauten nun auf Lantier, der ganz ruhig neben Coupeau saß, schon am letzten Stück vom Savoyer Kuchen essend, das er in ein Glas Wein tunkte. Außer Frau Boche und Virginie kannte ihn niemand. Die Lorilleux' rochen wohl irgendeine Machination; aber sie wußten nichts Bestimmtes und sahen daher gekniffen aus. Goujet, der wohl bemerkt hatte, wie erregt Gervaise war, sah ihn deshalb schief an. Da sich ein unangenehmes Schweigen bemerkbar machte, sagte Coupeau einfach:

»Es ist ein Freund.«

Und zu seiner Frau:

»Nun, so rühr dich doch! ... Vielleicht ist noch warmer Kaffee da.«

Gervaise sah den einen und dann den andern an, sanft und dumm. Erst, als ihr Mann ihren frühern Geliebten hereinschob, nahm sie ihren Kopf zwischen beide Hände, ganz instinktiv, so, wie sie es an Gewittertagen bei jedem Donnerschlag machte. Das schien ihr unmöglich; die Mauern stürzten ein und erdrückten alle. Dann, als sie die beiden Männer sitzen sah, ohne daß sich selbst der Musselinvorhang bewegt hätte, fand sie es ganz natürlich.

Die Gans bedrückte sie ein wenig; sie hatte zuviel davon gegessen, ganz entschieden, und das hinderte sie am Denken. Eine glückliche Faulheit überkam sie und hielt sie am Ende des Tisches fest, mit dem einzigen Bedürfnis, nicht gestört zu werden. Mein Gott! warum sich soviel Ärger bereiten, wenn die andern es auch nicht tun und wenn diese Geschichten sich von selbst machten zur allgemeinen Zufriedenheit? Und sie stand auf, um nachzusehen, ob noch Kaffee übriggeblieben war. Im hintern Raume schliefen die Kinder. Diese Augustine hatte sie während dem ganzen Nachtisch terrorisiert, ihnen die Erdbeeren weggenommen, sie mit schauerlichen Drohungen eingeschüchtert. Jetzt war sie sehr krank, saß auf ihr Bäuchchen gekauert, mit weißem Gesicht, ohne zu sprechen. Pauline lag mit dem Kopf auf Etiennes Schulter, der auch am Ende des Tisches schlief. Nana saß auf der Bettvorlage neben Victor, den sie an sich zog, einen Arm um seinen Hals gelegt; und schläfrig, mit geschlossenen Augen, wiederholte sie mit schwacher Stimme:

»Oh, Mama, mir tut's weh... oh! Mama, mir tut's weh...«

»Ja,« murrte Augustine, deren Kopf auf die Schultern fiel, »sie sind betrunken; sie haben gesungen wie die großen Leute.«

Etienne verursachte Gervaise einen neuen Schlag. Sie meinte ersticken zu müssen, wenn sie daran dachte, daß der Vater dieses Jungen draußen sitze, Kuchen essend, ohne den Wunsch zu haben, den Kleinen zu küssen. Sie war nahe daran, Etienne zu wecken und ihn ihm auf die Arme zu legen.

Da fand sie noch einmal, daß es doch sehr gut sei, wenn sich alles ruhig abmache; es wäre auch nicht anständig gewesen, das Ende des Festes zu stören.

Da kam sie mit der Kaffeekanne zurück und goß Lantier, der sich im übrigen gar nicht um sie zu kümmern schien, ein Glas Kaffee ein.

»Jetzt bin ich an der Reihe!« lallte Coupeau mit rauher Stimme. »Ja, mich haben sie bis zuletzt aufgehoben. Zum Nachtisch ... Nun denn, dann werde ich euch singen: ›Was ist das Kind für ein Schwein!‹«

»Ja, ja«, schrie man allerseits auf ihn ein.

Nun begann der Lärm aufs neue und Lantier war vergessen. Die Damen rückten Gläser und Messer zurecht, um den Refrain zu begleiten. Man lachte schon im voraus beim Anblick des Zinkarbeiters, der sich fest auf seine Beine zu stellen versuchte. Er begann mit der heisern Stimme einer alten Frau:

»Wenn man des Morgens früh aufsteht,
Sind Herz und Beutel stets gleich leicht;
Das Kind dann zum Budiker geht.
Der mir den Schnaps auf Pump noch reicht.
Drei Viertelstunden bleibt die Range,
Eh' sie bringt den Branntwein 'rein,
Säuft die Hälfte auf dem Gange:
Oh! was ist das Kind ein Schwein!«

Nun schlugen die Damen an ihre Gläser und wiederholten im Chor unter ungeheurer Heiterkeit:

»Oh! was ist das Kind ein Schwein!
Oh! was ist das Kind ein Schwein!«

Die ganze Rue de la Goutte d'Or mischte sich jetzt hinein. Alles sang mit: »Oh! was ist das Kind ein Schwein!« Der Uhrmacher, die Ladenburschen des Kaufmanns, die Krämerin und Kaldaunenhändlerin, alle kannten das Lied, sangen den Refrain und schlugen sich gegenseitig zum Spaß im Takt auf den Rücken. Es schien, als wäre die ganze Straße betrunken; der Geruch allein, der von dem Gastmahl der Coupeaus ausging, ließ die Leute Feierabend machen. Sie waren da drinnen schon hübsch angeheitert. Von dem ersten Schluck reinen Weines an nach der Suppe steigerte sich die Betrunkenheit und hatte jetzt ihren Höhepunkt erreicht. Sie waren bis zum Platzen voll; so saßen sie im rötlichen Dampf, den die zwei blakenden Lampen erzeugten. Der Lärm übertönte das Rollen der letzten Wagen. Zwei Stadtsergeanten, die glaubten, daß da ein Auflauf entstanden sei, eilten herbei; als sie aber Poisson mitten in dieser Gesellschaft sahen, nickten sie ihm verständnisinnig zu. Sie gingen langsam an den dunklen Häusern weiter.

Coupeau sang sein Couplet weiter:

»Des Sonntags in Petit-Villette,
Wenn die Glut vorbei,
Besuch ich meinen Onkel Tinette,
Von der Abfuhrkompanei.
Kirschenkerne dort zu sammeln,
Wagen wir uns tief hinein,
Kind läßt drin die Beine bammeln,
Oh! was ist das Kind ein Schwein!
Oh! was ist das Kind ein Schwein!«

Nun aber kam das Haus ins Wackeln, ein solches Geheul dröhnte durch die milde, stille Nacht; diese Schreihälse klatschten sich selber Beifall, denn sie konnten nicht hoffen, daß es ihnen gelingen würde, noch stärker zu brüllen.

Keiner der Gäste konnte sich später daran erinnern, wie dieses Gastmahl endete. Es mußte sehr spät gewesen sein, das ist alles, denn keine Katze ging mehr auf der Straße. Es kann auch sein, daß man um den Tisch herum tanzte, indem man sich die Hände gab. Das alles versank in einem gelben Nebel, rote Gesichter die tanzten, den Mund bis zu den Ohren gespalten. Sicher hatte man den Wein à la française zum Schluß getrunken; nur wußte man nicht mehr, ob nicht jemand aus Spaß Salz in die Gläser geschüttet hatte. Die Kinder müssen sich allein ausgezogen und ins Bett gelegt haben. Am nächsten Tage rühmte sich Frau Boche, ihrem Mann zwei Ohrfeigen in einem Winkel versetzt zu haben, weil er mit der Kohlenhändlerin zu nahestehend gesprochen habe; da aber Boche sich an nichts dergleichen erinnerte, sagte er, es wäre Verleumdung. Jeder aber war sich einig, daß das Betragen Clementines nicht sehr anständig war; dieses Mädchen könne man nicht mehr einladen; sie hatte zum Schluß alles gezeigt, was sie hatte; es ist ihr übel geworden, so daß sie einen Musselinvorhang vollständig verdorben hat. Die Männer sind wenigstens auf die Straße hinaus gegangen; Lorilleux und Poisson, deren Magen sich drehte, sind bis zum Laden des Wursthändlers gelaufen. Wenn man gut erzogen wurde, sieht man das immer. So die Damen: Frau Putois, Frau Lerat und Virginie, durch die Hitze belästigt, sind einfach in den hintern Raum gegangen und haben das Korsett ausgezogen; Virginie wollte sich einen Augenblick auf das Bett legen, um die schlechten Folgen zu vermeiden. Dann schien die Gesellschaft einfach zu schmelzen. Die einen begleiteten die andern, versanken im schwarzen Viertel, in einem letzten Lärm, einem wütenden Streit zwischen den Lorilleux', einem eigensinnigen »Trou la-la« des Vater Bru. Gervaise glaubte, daß Goujet geschluchzt habe beim Fortgehen; Coupeau sang immerzu; Lantier blieb bis zum Schluß, sie glaubte noch einen Hauch in ihrem Haar von ihm zu spüren, einen Augenblick lang. Sie konnte aber nicht sagen, ob er von Lantier kam oder der heißen Nacht.

Doch als Frau Lerat sich weigerte, zu dieser Stunde nach Batignolles zurückzugehen, nahm man eine Matratze aus dem Bett und legte sie in einen Winkel im Laden, nachdem man den Tisch weggerückt hatte. Da schlief sie, unter all den Resten des Essens. Und die ganze Nacht, während dem festen Schlaf der Coupeaus, die das Fest ausbrüteten, kam die Katze der Nachbarin, die ein offenes Fenster gefunden hatte, und krachte die Knochen der Gans zusammen und half so das Fest mit dem kleinen Geräusch ihrer scharfen Zähne begraben.

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.