Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Emile Zola >

Der Totschläger

Emile Zola: Der Totschläger - Kapitel 7
Quellenangabe
pfad/zola/totschla/totschla.xml
typefiction
authorEmil Zola
titleDer Totschläger
publisherKurt Wolff Verlag A.-G.
seriesDie Rougon-Macquart
volumeBand 7
printrun1.-4. Tausend
year1923
translatorFranz Blei
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110723
projectid645ee4c3
Schließen

Navigation:

5

Gerade zum Apriltermin hatten die Boches die Rue des Poissonniers verlassen und die Hausmeisterstelle in dem großen Hause Rue de la Goutte d'Or angetreten.

Wie sich das nun wieder traf! Eine Unannehmlichkeit weniger! Gervaise hatte so lange ruhig ohne Hausmeisterin in ihrem Loch in der Rue Neuve gelebt und nun sollte sie unter die Herrschaft irgendeines bösen Tieres gestellt werden, mit dem man sich herumschlagen müßte wegen eines Tropfens ausgeschüttetem Wasser, einer Türe, die zu fest zugeschlagen wurde am Abend. Die Hausmeister sind doch eine so dreckige Gattung Menschen! Aber nun, mit den Boches, das war etwas anderes, das würde ein Vergnügen sein. Man kannte sich und würde sich immer verstehen. Das wäre wie in einer Familie.

Am Tage, da die Coupeaus den Mietvertrag unterzeichneten, hatte Gervaise ein schweres Herz, als sie unter dem großen Tor durchging. Sie würde nun in diesem großen Hause wohnen, das wie eine kleine Stadt war, seine Gänge und unendlichen Straßen und Treppen hatte. Die grauen Mauern mit den zerbrochenen Fensterrahmen, die in der Sonne dörrten, der Hof mit dem eingetretenen Pflaster eines öffentlichen Platzes, dieses Schnarchen der Arbeit, das aus allen Mauern drang, das alles bedrängte sie und machte ihr zugleich Freude, endlich ihren Ehrgeiz befriedigt zu sehen, aber auch Angst, es möchte nicht gelingen und sie könnte in diesem Kampf gegen den Hunger unterliegen, dessen Hauch sie zu spüren vermeinte. Sie glaubte etwas sehr Waghalsiges zu tun, sich mitten in eine gehende Maschine zu werfen, während der Hammer des Schlossers, der Hobel des Schreiners klopfte und pfiff hinten in den Werkstätten des unteren Stockes. An diesem Tage floß das Wasser des Färbers unter dem Tor in zarter grüner Farbe. Sie sprang lächelnd darüber hinweg; sie sah in dieser Farbe ein gutes Vorzeichen.

Die Zusammenkunft mit dem Hauseigentümer war in der Portierloge der Boche. Herr Marescot, ein großer Messerschmied aus der Rue de la Paix, hatte ehemals den Schleifstein längs der Gehwege gedreht. Heute, behauptete man, habe er Millionen. Er war ungefähr fünfzig Jahre alt, knochig, dekoriert, hatte große Arbeiterhände; eines seiner Hauptvergnügen bestand darin, die Messer und Scheren seiner Mieter mitzunehmen und selber zu seinem Vergnügen zu schleifen. Er galt nicht für stolz, denn er verbrachte Stunden bei seinen Hausmeistern in den Portierlogen und ließ sich die Abrechnungen geben. Da wurden alle seine Geschäfte abgewickelt. Die Coupeaus trafen ihn am schmutzigen Tische der Frau Boche; er hörte zu, wie die Schneiderin des zweiten Stockes, Stiege A, unter gemeinen Worten erklärte, nicht bezahlen zu wollen. Nachdem der Kontrakt unterzeichnet war, gab er dem Spengler seine Hand. Er liebe die Arbeiter. Früher habe er tüchtig schuften müssen. Aber die Arbeit führe zu allem. Als er die zweihundertfünfzig Francs des ersten Termins in seine große Tasche eingesteckt hatte, erzählte er von seinem Leben und zeigte seine Auszeichnung.

Gervaise war etwas geniert durch die Haltung, die die Boches annahmen. Sie taten, als kannten sie sie nicht. Sie bemühten sich um den Hausherrn, ganz krumm gebogen vor Ergebenheit, hörten auf seine Worte und bejahten alles mit dem Kopfe. Frau Boche sprang heraus, jagte eine Bande Kinder vom Brunnen weg, die da plantschten, den Hahn stark aufdrehten und das ganze Pflaster überschwemmten; als sie dann über den Hof zurückkam, aufrecht und streng mit den Augen über alle Fenster streifend, um sich von der guten Ordnung des Hauses zu überzeugen, da hatte sie zugekniffene Lippen, die andeuteten, daß sie Autorität besaß, über dreihundert Mieter zu regieren. Wieder begann Boche von der Schneiderin im zweiten Stock; er meinte, man solle sie an die Luft setzen; er zählte all die rückständigen Termine auf mit der Wichtigkeit eines Intendanten, dessen Amtsverwaltung auf dem Spiele steht. Herr Marescot bestätigte den Gedanken des Hinauswerfens; aber er wolle noch bis zum Halbtermin warten. Es wäre hart, die Leute auf die Straße zu werfen, um so mehr, da das auch dem Eigentümer keinen Sou einbrächte. Gervaise fröstelte bei dem Gedanken, daß man sie auch an dem Tage hinaussetzen würde, an dem ein Unglück es ihr nicht möglich machen würde zu bezahlen. Die verrauchte Portierloge mit ihren schwarzen Möbeln war voller Feuchtigkeit und hatte fahles Licht wie in einem Keller; vor dem Fenster stand der Werktisch des Schneiders, auf den das ganze Licht fiel; auf dem Tische lag ein alter Gehrock zum Wenden; während Pauline, das vierjährige rothaarige Kind der Boches, auf dem Boden saß und artig zuschaute, wie ein Stück Kalbfleisch im Topf kochte, der seinen starken Küchengeruch ausströmte.

Herr Marescot gab dem Spengler nochmals die Hand. Als dieser von den Reparaturen sprach und ihn daran erinnerte, daß er bei der Mietung das mündliche Versprechen gegeben hätte, alles später besprechen zu wollen, wurde der Hauseigentümer böse; er hätte sich zu nichts verpflichtet, nie würde man in den Läden Veränderungen machen. Doch willigte er ein, die Räume anzusehen, von Coupeau und Boche gefolgt. Der kleine Kaufmann hatte alle Gestelle und Ladenbänke mitgenommen; der leere Laden zeigte eine schwarze Decke, zerrissene Mauern, an denen herabgerissene alte gelbe Tapeten hingen. In diesen leeren Räumen, in denen die Worte hallten, fand nun eine sehr geärgerte Unterhaltung statt. Herr Marescot schrie, daß es den Mietern zukomme, ihre Räume auszustatten, denn einer könne überall Gold haben wollen, und er, der Eigentümer, könne nicht überall Gold anbringen; dann erzählte er von seiner eigenen Ausstattung Rue de la Paix, die ihn zwanzigtausend Francs gekostet habe. Gervaise wiederholte mit der eigensinnigen Art der Frauen ihre Einwände, die ihr selbstverständlich schienen. In einer Wohnung, nicht wahr, ließe er doch Tapeten anbringen? Also, warum könne er denn den Laden nicht auch als Wohnung betrachten? Sie verlange nichts weiter als die Decke weißen und neue Tapete.

Boche blieb undurchdringlich und würdig; drehte sich um, schaute in die Luft, sagte gar nichts. Coupeau machte ihm umsonst Zeichen mit den Augen; er tat so, als wolle er seinen großen Einfluß auf den Besitzer nicht ausnutzen. Endlich ließ er ein kleines Physiognomiespiel durchblitzen, ein leises dünnes Lächeln mit Achselzucken vermischt. Herr Marescot war außer sich, zeigte ein unglückliches Gesicht, streckte alle zehn Finger von sich wie im Krampf eines Geizhalses, dem man das Gold entwindet, als er Gervaise nachgegeben hatte und den Plafond und die Tapeten zu der Bedingung versprach, daß sie die Hälfte der Tapete bezahle. Und rasch lief er davon, er wolle nichts mehr hören.

Als Boche dann allein mit den Coupeaus war, gab er ihnen ausreichend viel Klapse auf die Schultern. Nicht wahr, das habe er doch sein gemacht? Ohne ihn hätten sie niemals weder Decke noch Wände gemacht bekommen. Hätten sie nicht bemerkt, wie der Hausbesitzer ihn mit den Augen gefragt und wie er auf sein Lächeln hin »ja« gesagt habe? Dann vertraute er ihnen an, daß eigentlich er der wahre Herr im Hause wäre; er entschiede die Kündigungen, vermiete, wenn die Leute ihm gefielen, holte den Mietzins, den er oft vierzehn Tage lang in seiner Kommode aufbewahre.

Abends fanden es die Coupeaus schicklich, zwei Liter Wein den Boches als Dank zu schicken. Das Geschenk wäre verdient.

Schon am folgenden Montag kamen die Arbeiter. Die Wahl der Tapete war eine große Angelegenheit; Gervaise wollte eine graue mit blauen Blümchen darin, der Helligkeit wegen und um die Wände zu beleben. Boche bot sich an, sie zu führen; sie solle auswählen. Aber er hatte strikte Weisung vom Hausbesitzer, die Rolle dürfe nicht mehr kosten als fünfzehn Sous. Eine Stunde verbrachten sie beim Händler, und immer wieder kam die Büglerin auf ein persisches Muster zu achtzehn Sous zurück, ganz verzweifelt, weil sie alle andern abscheulich fand. Endlich gab der Hausmeister nach; er würde die Sache einrichten; im Notfalle würde er eine Rolle mehr verrechnen. Im Heimgehen kaufte Gervaise Kuchen für die kleine Pauline; sie wollte nicht zurückstehen, hätte mehr davon, wenn sie entgegenkommend war.

In vier Tagen sollte der Laden fertig sein; aber die Arbeiten dauerten drei Wochen lang. Erst wollte man das Gestrichene nur abwaschen. Aber diese alte Farbe war so schmutzig und sah so traurig aus, daß Gervaise sich entschloß, die ganze Auslage in Lichtblau mit gelben Streifen streichen zu lassen. So zogen sich die Arbeiten hin. Coupeau, der noch immer nicht arbeitete, kam des Morgens um nachzusehen, wie weit man war. Boche ließ seinen Rock oder die Hose, an der er die Knopflöcher erneuerte, und stellte sich zu ihm, auch seinerseits Wache haltend. So standen die beiden bei den Arbeitern, rauchend, spuckend, die Hände auf dem Rücken, den ganzen Tag und verfolgten jeden Pinselstrich. Unermeßliche Überlegungen, tiefe Betrachtungen über jeden Nagel, der aus der Wand gezogen werden sollte. Die zwei Zimmermaler, große gutmütige Kerle, stiegen von den Leitern herunter und stellten sich ebenfalls mitten in den Laden, nahmen an der Unterhaltung teil, stundenlang, mit nachdenklichem Gesicht ihre angefangene Arbeit betrachtend. Die Decke war schnell geweißt. Aber die Maler konnte man nicht mehr herausbringen. Es wollte nicht trocknen. Gegen neun Uhr kamen sie, schauten, stellten ihre Farbtöpfe in einen Winkel und gingen wieder; und man sah sie nicht wieder. Sie gingen frühstücken oder sie mußten eine Kleinigkeit in einer Nachbargasse fertigmachen. Andere Male wieder nahm Coupeau die ganze Bande mit, einen Schoppen trinken, Boche, die Maler und die Kameraden, die vorbeigingen; wieder ein verpfuschter Nachmittag. Gervaise drehte sich das Herz um. Aber auf einmal, in zwei Tagen war alles fertig, die Auslage gestrichen, die Tapeten geklebt, der Schmutz in die Tonnen geworfen. Die Arbeiter machten das spielend, pfeifend auf ihren Leitern; sie sangen, daß es die ganze Gasse hörte.

Der Umzug fand sofort statt. Gervaise verbrachte Glücksstunden wie ein kleines Kind, wenn sie von einer Besorgung heimkam. Sie blieb stehen und lächelte ihr Heim an. Von weitem schon, in der Länge der schwarzen Auslagen anderer Läden, stach ihr Laden hell und heiter heraus mit dem lichtblauen Schild, darauf »Feinbüglerin« in großen gelben Buchstaben gemalt war. In der Auslage, die mit weißen Musselinvorhängen abgeschlossen und die in Blau tapeziert war, um die Weiße der Wände besser hervorstechen zu lassen, lagen die Herrenhemden zur Schau, Frauenhäubchen, deren Bänder zu Schleifen verknüpft waren, hingen von dünnen Messingstäben herunter. Sie fand ihren himmelblauen Laden herrlich schön. Innen kam man wieder ins Blaue; das Papier imitierte ein persisches Pompadour, eine fliegende Brücke darstellend, von Winden umflochten; der Werktisch, ein unendlich großer Tisch, nahm zwei Drittel des Raumes ein; darauf lag eine dicke Decke; Kretonnevolants verdeckten die Tischbeine. Gervaise setzte sich auf einen Hocker, verschnaufte und betrachtete mit Vergnügen all ihr neues Handwerkszeug. Ihr erster Blick jedoch galt ihrem Ofen, ein Bügelofen aus Gußeisen, auf dem zehn Eisen zugleich auf den dazu passenden Platten stehen und erhitzt werden konnten. Sie kniete nieder und schaute in immerwährender Angst auf den Ofen, ob ihr dummes kleines Lehrmädchen ihr ihn nicht zum Platzen bringen würde durch zu vieles Kokseinschieben.

Hinter dem Laden war die Wohnung; sehr ordentlich. Die Coupeaus schliefen im ersten Zimmer, wo auch gekocht und gegessen wurde; im Hintergrund öffnete sich eine Türe, die auf den Hof hinausging. Nanas Bett befand sich im rechten Kabinett, einem Raum, der sein Licht durch ein rundes Fenster oben in der Nähe der Decke erhielt. Etienne mußte den linken Raum mit der schmutzigen Wäsche teilen, von der immer große Haufen auf dem Boden herumlagen. Aber es gab doch eine große Unannehmlichkeit, die sie sich anfangs nicht eingestehen wollten; die Mauern troffen vor Feuchtigkeit, und von Nachmittag drei Uhr an sah man nicht mehr ordentlich.

Das ganze Viertel sprach von dem neuen Laden. Man warf den Coupeaus vor, daß sie zu schnell vorwärts machten. Sie hatten in der Tat die ganzen fünfhundert Francs der Goujets in die Einrichtung gesteckt und behielten nicht so viel übrig, daß sie vierzehn Tage zu leben hatten, wie es ausgemacht gewesen war. An dem Morgen, an dem Gervaise ihren Laden zum ersten Male öffnete, hatte sie gerade noch sechs Francs in der Tasche. Aber sie machte sich keine Sorge. Die Kundschaft kam, die Geschäfte singen ganz gut an. Acht Tage später, an einem Samstag, ehe sie sich schlafen legte, überzählte sie zwei Stunden lang auf einem Stückchen Papier; sie weckte Coupeau wieder auf und sagte ihm, wenn man vernünftig wäre, könne man Tausende und Hunderte verdienen.

»Na also!« schrie Frau Lorilleux in der Rue de la Goutte d'Or herum, »mein Dummkopf von Bruder wird was erleben! Das fehlte gerade noch dem Hinkebein, so ihr Leben einzurichten. Das steht ihr gut, nicht?«

Die Lorilleux' waren Gervaises Todfeinde geworden. Schon während der Herstellung des Ladens waren sie fast krepiert vor Wut; als sie die Maler von weitem kommen sahen, gingen sie schon auf den andern Gehweg und kamen mit verbissenen Zähnen heim. Ein blauer Laden für diese Habenichtse, sollten nicht darüber die ehrlichen Leute zerspringen! Am andern Tag, als das Lehrmädchen eine Schüssel mit Stärkewasser in einem vollen Schwung auf die Gasse schüttete, im Moment, als Frau Lorilleux vorbeiging, brachte diese die Gasse in Aufruhr mit der Klage, ihre Schwägerin ließe sie durch ihre Arbeiterinnen beleidigen. Und jede Beziehung war abgebrochen; man warf sich nur noch schreckliche Blicke zu, wenn man sich traf.

»Jawohl, ein schönes Leben!« wiederholte Frau Lorilleux. »Man weiß, woher sie das Geld hat für ihren Laden. Das hat sie mit dem Grobschmied verdient. Saubere Leute auch, diese Grobschmiedischen! Hat sich der Vater nicht den Hals abgeschnitten, um der Guillotine zu entgehen? Irgend so eine schmutzige Geschichte war dahinter.«

Sie behauptete, Gervaise schlafe mit Goujet. Sie log, die beiden eines Abends auf einer Bank der äußeren Boulevards getroffen zu haben. Der Gedanke an diese Verbindung, die Freuden, die ihre Schwägerin dabei empfinden würde, regten sie noch mehr auf in ihrer Anständigkeit einer häßlichen Frau. Jeden Tag kam ihr aus dem Herzen der Schrei auf die Lippen:

»Aber was hat sie denn nur an sich, dieser Krüppel, daß man sie liebt? Liebt man denn mich?«

Es gab endlosen Klatsch und Tratsch mit den Nachbarsleuten. Sie erzählte die ganze Geschichte. Nicht? An ihrem Hochzeitstag, was hat sie da für einen spaßigen Kopf gemacht! Sie hatte schon die Nase in der Luft, wußte schon, wie das gehen würde! Später, du lieber Gott! da war das Hinkebein so süß, so bescheiden, so falsch, daß sie und ihr Mann einwilligten, Patin und Pate bei Nana zu sein; und was das kostet, so eine Taufe! Aber jetzt, kann ich Ihnen sagen, jetzt könnte das Hinkebein auf dem Totenbette liegen, ich würde ihr nicht ein Glas Wasser reichen! Sie könnte diese freche, ausgelassene, schamlose Person nicht ausstehen. Was Nana betrifft, die wäre immer willkommen, wenn sie ihren Paten und die Patin besuchen käme. Die Kleine, nicht wahr, die könnte man doch für die Verbrechen der Mutter nicht verantwortlich machen. Dem Coupeau, dem kann man keinen Rat geben; jeder andere Mann hätte seiner Frau ein paar Tritte in den Hintern versetzt und Watschen dazu; das aber ginge ihn allein an; man erwarte von ihm nur, daß er seine Familie respektiere. Herrgott, wenn Lorilleux sie, Frau Lorilleux, auf frischer Tat ertappen würde! Das ginge nicht gut aus, er würde ihr seine Schere in den Bauch gestoßen haben.

Die Boches, sonst strenge Richter in den Streitereien im Hause, gaben den Lorilleux unrecht. Zweifellos, die Lorilleur waren rechtschaffene Leute, ruhig, arbeiteten die ganze Woche hindurch und bezahlten regelmäßig ihren Zins. Aber hier, aufrichtig gesagt, machte sie die Eifersucht so blind, daß sie ein Ei geschoren hätten. Leute, die ihren Wein versteckten, wenn man kam, um ja kein Glas anbieten zu müssen; nein, das seien keine seinen Leute. Eines Tages zahlte Gervaise den Boches Cassis mit Selterwasser, das man in der Portierloge trank, gerade als Frau Lorilleux vorbeiging, sich steif machte und vor der Türe der Hausmeistersleute ausspuckte. Von da ab ließ Frau Boche jeden Samstag, wenn sie die Treppe reinigte, einen Haufen Dreck vor der Türe der Lorilleux' liegen.

»Wahrhaftiger Gott,« schrie Frau Lorilleux, »das Hinkebein stopft diese Fresser! Ja, die passen zueinander. Daß sie mich aber nur nicht reizen! Ich gehe einfach zum Hausherrn ... Gestern erst noch sah ich diesen falschen Boche sich an den Röcken der Frau Gaudron reiben. Sich an eine solche Frau heranmachen, von diesem Alter und dem halben Dutzend Kinder, was? Ist das nicht die reinste Schweinerei? Noch eine solche Sauerei und ich sage es der Frau Boche, damit sie ihm eine Tracht Prügel versetzt ... Man hätte etwas zu lachen.«

Mama Coupeau ging zwischen den beiden Haushaltungen hin und her, gab allen recht, und so gelang es ihr öfters, zu einem Abendessen eingeladen zu werden, indem sie entgegenkommend einmal ihrer Tochter, dann wieder an einem andern Tag ihrer Schwiegertochter zuhörte. Frau Lerat kam jetzt nicht mehr zu den Coupeaus, weil sie sich einmal mit dem Hinkebein zerzankt hatte wegen eines Zuaven, der die Nase seiner Geliebten mit einem Rasiermesser abgeschnitten hatte; sie war für den Zuaven, fand diesen Rasiermesserschnitt, ohne den Grund angeben zu können, sehr verliebt. Sie hatte auch Frau Lorilleux außer sich vor Zorn gebracht, indem sie ihr erzählte, daß das Hinkebein in der Unterhaltung vor fünfzehn und zwanzig Personen sie stets Kuhschweif nenne, ohne sich zu genieren. Mein Gott, ja, die Boches, die Nachbarn, alle nannten sie nun Kuhschweif.

Inmitten aller dieser Tratschereien stand Gervaise unbekümmert und lächelnd auf der Schwelle ihres Ladens und grüßte freundlich durch Kopfnicken alle Bekannten, die vorübergingen. Es gefiel ihr, zeitweilig zwischen zwei Bügelstrichen hinauszugehen, um der Straße zuzulachen, mit der Eitelkeitsschwellung einer Ladenbesitzerin, der ein Stück Gehweg gehört. Die Rue de la Goutte d'Or gehörte ihr, auch die nebenliegenden Gassen und überhaupt das ganze Viertel. So stand sie an ihrer Ladentür in weißer Jacke, mit nackten Armen, den Kopf leicht vorgestreckt, das blonde Haar von der Hitze des Ofens gesträubt, den Blick nach rechts und links drehend, links und rechts mit einem Zug alles sehend, die Vorübergehenden, die Häuser, das Pflaster und den Himmel. Links kroch die Rue de la Goutte d'Or hin, friedlich einsam in einen Provinzwinkel hinunter, in dem die Frauen leise miteinander unter den Türen sprachen; nahebei, in der Rue des Poissonniers, war ein ewiger Wagenlärm, ein immerwährendes Laufen, Kommen, Gehen der Menge wie in einem Durchhaus. Gervaise liebte die Gasse, das von den Wagen ausgefahrene Pflaster, das Ellbogenstoßen der Leute auf den schmalen, abschüssigen, mit Kieselsteinen bedeckten Gehwegen; ihre drei Meter Gosse vor ihrem Laden bekam große Wichtigkeit, wurde zu einem breiten Fluß, den sie sauber haben wollte, – ein fremder und lebendiger Fluß, der von der Färberei im Hause alle möglichen Farben in den apartesten Tönen bekam, mitten in dem schwarzen Dreck. Dann interessierten sie die Läden: eine große Spezereihandlung, die in der Auslage getrocknete Früchte hatte, geschützt von dünnen Netzen; ein Wäsche- und Leinengeschäft für Arbeiter, – die Blusen und Hosen baumelten vor der Auslage beim geringsten Winde mit den ausgebreiteten Armen und Beinen. Bei der Obstfrau und Kaldaunenhändlerin sah sie die Enden der Ladentische, auf denen herrliche Katzen schnurrten. Ihre Nachbarin, Frau Vigourour, die Kohlenhändlerin, erwiderte ihren Gruß; eine kleine fette Frau mit schwarzem Gesicht und leuchtenden Augen, die, gegen ihre Auslage gelehnt, faulenzte und mit den Männern lachte; diese Auslage bestand aus einer Malerei von Holzscheiten auf einem Hintergrund von Weinlaub um ein Bauernhaus. Die Cudorge, Mutter und Tochter, ihre andern Nachbarn, zeigten sich nie; sie hatten den Schirmladen, eine finstere Auslage, und über der geschlossenen Tür waren zwei kleine Sonnenschirme aus Zinkblech angebracht, die eine dicke Lage von Schmutz und Grünspan deckte. Bevor Gervaise wieder in ihren Laden zurücktrat, warf sie immer erst noch einen Blick auf ihr Gegenüber, eine große weiße Mauer ohne jedes Fenster und nur durchbrochen von einer großen Stalltüre, durch die man das Leuchten einer Schmiede und in einem ungeheuren Hof Wagen und Karren mit nach oben stehenden Rädern liegen sah. Auf die Mauer war das Wort ›Hufschmiede‹ gemalt, in großen Buchstaben, von einem Fächer von Hufeisen umgeben. Den ganzen Tag über hörte man den Hammer auf dem Amboß, die Funken leuchteten in die Schatten auf dem Hof. Und am Ende dieser Mauer, in einem Loch, groß wie ein Kleiderschrank, zwischen einem Eisenwarenhändler und einer Händlerin mit gebratenen Kartoffeln hauste ein Uhrmacher, ein Herr in einem Gehrock, von sauberem Aussehen; stocherte immer in Uhren mit kleinen Instrumenten herum vor einem Werktisch, wo zarte Dinge unter kleinen Glasstürzen schliefen, während hinter ihm die Pendel von etwa zwei bis drei Dutzend kleinen Kuckucksuhren hin und her fuhren in diesem schwarzen Elend der Gasse und dem regelmäßigen Lärm der Hufschmiede.

Im Viertel fand, man Gervaise niedlich. Gewiß, es wurde viel über sie geschwatzt, aber über ihre großen Augen, um ihren kleinen Mund mit weißen Zähnen war nur eine Stimme. Es wäre eine schöne Blondine, konstatierte man, und hätte zu den Allerschönsten gerechnet werden können ohne dieses Unglück mit dem Bein. Sie war jetzt achtundzwanzig und fing an, dicker zu werden. Ihre seinen Züge verfetteten, ihre Bewegungen bekamen eine glückliche Ruhe und Langsamkeit. Sie vergaß sich selbst öfters auf einem Stuhle sitzend in der Zwischenpause, bis das Eisen wieder heiß wurde, und hatte ein vages Lächeln und das Gesicht voller Gefräßigkeit. Ja, sie wurde gefräßig, alle sagten es, aber das war ja schließlich keine schlechte Eigenschaft, im Gegenteil. Wenn man schon so viel verdient, daß man sich was Gutes bezahlen konnte, wäre man doch dumm, würde man Kartoffelschalen essen. Um so mehr als sie sehr hart arbeitete; sie vierteilte sich ihrer Kundschaft wegen, die ganze Nacht bei geschlossenen Läden arbeitend, wenn es die Not erforderte. Man redete von ihr, was sie für Glück habe, wie alles ihr gelinge. Sie bügelte für das ganze Haus, für Herrn Madinier, Fräulein Remanjou, die Boche; sie bekam selbst Kunden von ihrer früheren Meisterin, Frau Fauconnier, Pariser Damen, die in der Vorstadt Poissonière wohnten. Nach weiteren vierzehn Tagen mußte sie noch zwei Arbeiterinnen aufnehmen, Frau Putois und die große Clementine, jenes Mädchen, das damals im sechsten Stock gewohnt hatte; das waren nun drei Personen mit dem Lehrmädchen, der kleinen schielenden Augustine, häßlich wie der Arsch eines armen Mannes. Andern wäre es zu Kopf gestiegen, so viel Glück. Es war darum verzeihlich, wenn sie am Montag etwas blau machte, nachdem sie die ganze Woche hindurch geschuftet hatte; übrigens brauche sie das; sie würde, schlaff bleiben und zusehen, wie die Hemden sich allein bügelten, wenn sie sich nicht was Samtenes auf die Brust gelegt hätte, etwas Gutes, nach dem es sie gelüstete.

Noch niemals hatte sich Gervaise so gefällig gezeigt. Sie war sanft wie ein Lamm, gut wie Brot. Außer gegen Frau Lorilleux, die sie heute und stets Kuhschweif nannte, um sich zu rächen; sonst verachtete sie niemand; entschuldigte jedermann. In ihrer leichten Hingabe an die Schleckerei war sie nachgiebig und zur allgemeinen Nachsicht geneigt, zumal nach einem guten Essen und dem Kaffee hinterher. Dann sagte sie: »Man muß einander verzeihen, wenn man nicht wie die Wilden leben will, nicht?« Sprach man von ihrer Güte, lachte sie. Ihr fehle ja nichts, warum also böse sein! Sie verteidigte sich, sagte, daß sie gar kein Verdienst daran hätte. Seien denn nicht all ihre Träume in Erfüllung gegangen? Was wollte sie zu ihrem Glück denn noch anstreben? Sie erinnerte an ihr Ideal von ehemals, als sie noch auf dem Pflaster lag: arbeiten, Brot essen, ein Loch für sich haben, seine Kinder erziehen, nicht geschlagen werden und im eigenen Bette sterben. Und jetzt wäre ihr Ideal schon überschritten; sie hätte alles und vom Schönsten. Was das Sterben im Bett betreffe, so rechne sie damit, das möglichst spät zu tun, natürlich.

Besonders gegen Coupeau zeigte sich Gervaise freundlich. Nie ein böses Wort, keine Klage hinter dem Rücken des Mannes. Der Mann hatte sich endlich wieder an die Arbeit gemacht; und da seine Werkstätte am andern Ende von Paris lag, so gab sie ihm jeden Morgen vierzig Sous für sein Essen, seinen Trunk und den Tabak. Aber immer zwei Tage von sechsen blieb Coupeau unterwegs liegen, vertrank seine vierzig Sous mit einem Freunde und kam zum Mittagessen zurück, ihr irgendeine Geschichte erzählend. Eines Tages war er gar nicht einmal sehr weit gegangen, hatte sich mit Mes-Bottes und drei andern ein ausgesuchtes Mahl geleistet, Weinbergschnecken, Braten und Flaschenwein, bei Capucin, an der Barrière de la Chapelle; als aber seine vierzig Sous nicht ausreichten, schickte er einfach die Rechnung durch einen Kellner seiner Frau und ließ ihr sagen, er wäre blank. Sie lachte und zuckte die Schultern. Wo ist denn ein Unrecht, wenn ihr Mann sich ein wenig amüsiere? Man muß die Männer an langem Strick halten, wenn man in Frieden mit ihnen leben will. Sonst gibt ein Wort das andere und es endet mit Schlägen. Mein Gott, man müsse alles verstehen, Coupeau litt noch an seinem Bein; und dann wurde er mitgezogen, und man müsse doch machen wie die andern, wenn man nicht für einen Dummkopf gehalten werden wolle. Das hätte ja auch keine weiteren Folgen; käme er angetrunken heim, würde er im Bett liegen, und zwei Stunden später merke man ihm nichts mehr an.

Die heiße Jahreszeit kam. An einem Samstagnachmittag, als die Arbeit besonders eilig war, hatte Gervaise selbst den Ofen stark mit Koks gefüllt, an dem zehn Eisen sich unter Schnurren des Rohres erhitzten. Zu dieser Stunde schien die Sonne glühend auf das Auslagefenster, der Gehweg blendete, große Lichtflecken tanzten an der Decke; dieser Lichtstrahl war blau gefärbt vom Widerschein des Papieres der Stellagen und der Vitrine und legte über den Arbeitstisch einen blendenden Schein gleich gesiebtem Staub über all die feine Wasche. Es war eine Temperatur zum Umkommen. Man hatte die Türe auf die Gasse offen gelassen, aber kein bißchen Wind regte sich; die Wäschestücke, die man zum Trocknen an Schnüren aufgehängt hatte, dampften und waren in weniger als einer Viertelstunde steiftrocken wie Hobelspäne. Schon seit einiger Zeit war alles still in dieser Schwere der Hitze, die Eisen klappten dumpf erstickt durch die dicke, mit Kaliko wattierte Bügeldecke.

»Herrgott,« sagte Gervaise, »wenn wir heute nicht zerschmelzen! Man möchte sein Hemd ausziehen!«

Sie kauerte am Boden vor einer Schüssel und zog Wäschestücke durch die Stärke. Im weißen Unterrock, die Ärmel der Jacke zurückgeschlagen und über die Schultern hängend, die Arme nackt, der Hals nackt, ganz rosig und schwitzend, daß ihr gelöstes blondes Haar an der Haut klebte. Sorgfältig tauchte sie in das milchige Wasser Hauben, Brüste der Herrenhemden, ganze Unterröcke, Hosengarnituren der Frauen. Dann rollte sie die Stücke und legte sie in einen viereckigen Wäschekorb, nachdem sie die Teile der Hemden und Hosen, die nicht gestärkt waren, mit Wasser eingespritzt hatte.

»Dieser Korb ist für Sie, Frau Putois,« sagte sie. »Eilen Sie sich, nicht wahr? Das trocknet sofort wieder und man müßte in einer Stunde wieder anfangen.«

Die Putois war eine Frau von fünfundvierzig Jahren, mager, klein, bügelte ohne einen Tropfen Schweiß, eingeknöpft in ein altes braunes Mieder. Sie hatte nicht einmal ihre Haube abgenommen, eine schwarze Haube, garniert mit grünen, ins Gelbliche verblichenen Bändern. Und sie stand steif vor dem Arbeitstisch, der zu hoch für sie war, die Ellbogen in der Luft, ihr Eisen mit Bewegungen gleich einer Marionette stoßend. Auf einmal rief sie:

»Aber nein, Fräulein Clementine, ziehen Sie Ihre Jacke wieder an. Sie wissen, daß ich Unanständigkeiten nicht liebe. Schon stehen drei Männer da drüben.«

Die große Clementine brummte etwas wie alte Ziege. Sie ersticke hier und könne es sich wohl bequem machen; alle hätten nicht eine und dieselbe Haut. Übrigens sehe man gar nichts. Sie hob ihre Arme, die starke Brust des schönen Mädchens zersprengte fast ihr Hemd, ihre Oberarme brachten die kurzen Ärmel zum Platzen. Clementine hatte sich mit dreißig Jahren völlig ausgegeben; am Morgen nach einer nächtlichen Orgie meinte sie den Boden unter ihren Füßen nicht mehr zu spüren; sie schlief über ihrer Beschäftigung ein, Kopf und Leib wie verdreht. Aber man behielt sie dennoch, denn keine Arbeiterin konnte sich rühmen, ein Männerhemd mit so viel Schick zu bügeln wie sie. Es war ihre Spezialität, Männerhemden bügeln.

»Das geht bloß mich an!« erklärte sie, sich kleine Klapse auf die Brust gebend. »Das beißt nicht und tut auch niemand weh.«

»Clementine, ziehen Sie Ihre Jacke an,« sagte Gervaise. »Frau Putois hat recht, das ist nicht anständig ... Man wird mein Haus für etwas halten, was es nicht ist.«

Darauf zog sich die große Clementine wieder brummend an. Was ist das für eine Faxerei! Als ob die Passanten noch niemals Weiberbrüste gesehen hätten! Sie machte ihrem Zorn Luft an der schielenden Augustine, die neben ihr glatte Wäsche bügelte, Strümpfe und Taschentücher, und stieß sie mit dem Ellbogen. Augustine war zänkisch und voll der unterdrückten Bosheit einer Ausgeburt und Schmerzen erduldenden Frau; sie rächte sich, indem sie der andern heimlich von rückwärts, ohne gesehen zu werden, aufs Kleid spuckte.

Gervaise hatte gerade eine Haube angefangen, die Frau Boche gehörte und die sie selbst Herrichten wollte. Sie stellte gekochte Stärke zurecht, um sie auf neu zu bügeln. Leise drehte sie ein kleines Eisen, das an beiden Enden abgerundet war, im Innern der Haube, als eine Frau eintrat, knochig, mit roten Flecken im Gesichte und nassen Röcken. Eine Wäscherin, die drei Arbeiterinnen im Waschhaus der Rue de la Goutte d'Or beschäftigte.

»Sie kommen zu früh, Frau Bijard,« rief Gervaise, »ich sagte Ihnen doch, am Abend ... Sie stören mich nur zu dieser Stunde.«

Als aber die Wäscherin jammerte, sie könne die Wäsche an demselben Tage nicht mehr einweichen, so wollte Gervaise ihr die schmutzigen Wäschepakete gleich geben. Sie holten die Bündel aus dem linken Zimmer, in dem Etienne schlief, und kamen mit großen Haufen auf den Armen zurück, die sie im Hintergrund des Ladens auf den Boden warfen. Das Sortieren dauerte eine lange halbe Stunde. Gervaise machte lauter Haufen um sich herum, warf Männerhemden, Frauenhemden, Taschentücher, Socken und Fetzen auf je einen Haufen. Wenn ihr ein Stück einer neuen Kundschaft unter die Hand kam, machte sie ein Kreuz mit rotem Faden hinein, um es wiederzuerkennen. In der warmen Luft stieg ein Gestank all dieser aufgewirbelten schmutzigen Wäsche auf.

»Teufel, das stinkt!« sagte Clementine und hielt sich die Nase zu.

»Wenn das alles sauber wäre, würde man es uns nicht geben,« sagte Gervaise ruhig. »Alles riecht nach seiner Art. Wir zählten also vierzehn Frauenhemden, nicht wahr, Frau Bijard? Fünfzehn, sechzehn, siebzehn ...«

Sie zählte ganz laut weiter. Ohne Widerwillen und an den Gestank gewöhnt; sie steckte ihre nackten und rosigen Arme mitten in diese fettiggelben Hemden, die Lumpen, die steif von fettigem Spülwasser waren, in die Socken, halb verfault und aufgefressen vom Schweiß. Aber inmitten dieses scharfen Gestanks, der ihr ins Gesicht schlug, das über diese Haufen gebeugt war, überkam sie ein Sichgehenlassen. Sie setzte sich auf den Rand eines Hockers, vorgeneigt, ihre Hände nach rechts und links ausstreckend, mit verlangsamten Bewegungen, als ob sie betrunken würde von all dem unendlichen Duft, lächelnd, die Augen geschlossen. Es schien, als ob ihre ersten Trägheiten von dieser Zeit her kamen, von einer Art Vergiftung aus alter Wäsche, die die ganze Luft um sie herum verpestete.

Gerade in dem Augenblick, als sie eine arg verpißte Kinderunterlage, die sie nicht gleich erkannte, beutelte, kam Coupeau herein.

»Kreuzsapperment!« lallte er, »was für ein Sonnenstich! Das gibt dir eins auf den Kopf!«

Der Mann hielt sich am Arbeitstisch, um nicht hinzufallen. Das war das erstemal, daß er einen solchen Rausch hatte. Bis dahin war er immer nur leicht angeheitert nach Hause gekommen. Aber dieses Mal hatte er eine Schramme über dem Auge, ein freundschaftlicher Klaps, der sich bei einer Schlägerei verirrt hatte. Seine gelockten Haare, in denen sich schon einige weiße Fäden zeigten, mußten den Winkel irgendeines verdächtigen Raumes beim Weinwirt abgestaubt haben, denn ein Spinnweb hing ihm an einer Strähne übers Gesicht. Aber er blieb spaßhaft, seine Züge etwas auseinandergezogen und gealtert, der Unterkiefer stärker vortretend, aber noch immer ein guter Junge, wie er sagte, die Haut noch zart genug, um einer Herzogin Lust zu machen.

»Ich will dir das erklären,« sagte er zu Gervaise. »Es war der Selleriefuß, du kennst ihn doch, der mit dem Holzbein ... Er geht in seine Heimat zurück, er hat uns eingeladen ... Es ging uns gut, ohne diesen Sonnenstich! ... Auf der Straße sind die Menschen krank. Wirklich, das Volk feiert Feste.«

Als die große Clementine sich darüber lustig machte, daß er die Straße betrunken sah, wurde er so lustig, daß er fast daran erstickte. Er schrie:

»Nicht wahr? Diese verfluchten Trunkenbolde! Die sind zu komisch! ... Aber es ist nicht ihre Schuld, es ist die Sonne.«

Der ganze Laden lachte, selbst Frau Putois, die gewiß die Trunkenbolde nicht liebte. Die schielende Augustine krähte wie ein Hahn, den Mund offen, halb erstickt. Gervaise äußerte zu Coupeau den Verdacht, daß er nicht gleich nach Hause gekommen sei, sondern erst bei den Lorilleux' eine Stunde verbracht hätte, wo er schlechte Ratschläge bekam. Aber er schwur nein, und dann lachte auch sie herzlich und voll Nachsicht; machte ihm keinen Vorwurf, daß er wieder einen Arbeitstag verloren habe.

»Was er doch für Dummheiten spricht,« sagte sie. »Wie kann man denn solche Dummheiten reden!«

Dann mit mütterlicher Stimme:

»Geh ins Bett, nicht? Du siehst ja, wir sind beschäftigt; du störst uns nur ... Das sind zweiunddreißig Taschentücher und noch zwei, macht vierunddreißig ...«

Aber Coupeau hatte keinen Schlaf. Er blieb da, drehte sich wie ein Uhrpendel herum, lachte und meckerte eigensinnig. Gervaise wollte Frau Bijard wieder draußen haben, rief nach Clementine, damit diese zähle, während sie einschrieb.

Bei jedem Stück jedoch stieß dieser große Nichtsnutz ein schmutziges oder rohes Wort aus; sie zeigte das Elend der Klienten, die Abenteuer der Alkoven, hatte einen stummen Witz für jedes Loch und jeden Fleck, der ihr unter die Hände kam. Augustine tat, als wenn sie von all dem nichts verstände, öffnete aber die Ohren eines kleinen lasterhaften Mädchens. Frau Putois kniff die Lippen zusammen, fand es albern, vor Coupeau solche Dinge zu sagen; ein Mann solle keine Wäsche sehen; das sei eines jener Dinge, die man bei wohlerzogenen Leuten vermeide zu zeigen. Gervaise, in Arbeit vertieft, schien nichts zu hören. Indem sie schrieb, verfolgte sie jedes der Stücke aufmerksam, damit sie sie wiedererkenne, wenn sie zurückkommen; sie irrte sich nie, zeichnete jedes Stück, je nachdem in irgendeiner Farbe. Diese Servietten gehörten den Goujets; da sah man sofort, sie haben nicht dazu gedient, das Innere der Töpfe auszuputzen. Hier war ein Kopfbezug, der sicher den Boches gehörte, wegen der Pomade, womit Frau Boche all ihre Wäsche beschmierte. Auch in die Baumwollwesten des Herrn Madinier brauchte man die Nase nicht zu stecken, um zu wissen, daß sie ihm gehörten; dieser Mann färbte die Wolle, so fettig war sein Schweiß. Und sie kannte noch andere Eigenheiten, die Geheimnisse der Sauberkeit eines jeden, die Unterwäsche der Nachbarinnen, die in seidenen Kleidern über die Straße gingen, die Zahl der Strümpfe, Taschentücher, Hemden, die man in einer Woche schmutzig machte, die Art, wie gewisse Leute gewisse Wäschestücke zerreißen, immer am selben Fleck. Sie war voller Anekdoten. Die Hemden des Fräuleins Remanjou lieferten unendliche Kommentare; sie wurden oben abgenutzt, das alte Mädchen müsse also recht spitze Knochen auf den Schultern haben; und nie wären sie schmutzig, auch wenn sie sie vierzehn Tage lang trug; was beweist, daß man in diesem Alter sozusagen trocken wie ein Stück Holz ist, aus dem man schwerlich eine Träne herausziehen könnte. Im Laden wurde bei jedem Auslesen der Wäsche das ganze Viertel der Goutte d'Or ausgezogen.

»Das ist doch Scheiße!« schrie Clementine, als sie ein neues Paket öffnete.

Gervaise wurde plötzlich von einem solchen Ekel geschüttelt, daß sie zurücksprang.

»Das Paket der Frau Gaudron,« sagte sie. »Das will ich nicht mehr arbeiten, ich finde schon einen Vorwand ... Nein, ich bin nicht empfindlicher als eine andere; ich habe schon recht ekelhafte Wäsche in meinem Leben angerührt, aber wahrhaftig, das kann ich nicht mehr. Da stößt sich mir das Herz ab ... Aber was macht sie denn nur, diese Person, um ihre Wasche in einen solchen Zustand zu versetzen!«

Und sie bat Clementine, sich zu beeilen. Aber die Arbeiterin fuhr mit ihren Bemerkungen fort, steckte die Finger in die Löcher mit Witzen auf jedes Stück, das sie wie eine Schmutzfahne schwenkte. Und die Haufen wuchsen um Gervaise. Wieder saß sie auf dem Hocker und verschwand fast zwischen den Bergen von Hemden und Unterröcken; vor ihr lagen Leintücher, Hosen, Tischtücher, ein Gebirge von Unsauberkeit und Dreck; und mitten in dieser anwachsenden Masse behielt sie ihre Arme nackt, ihren Hals nackt, mit kleinen blonden Löckchen voll Schweiß fest an die Schläfen geklebt, ganz rosig und süß erschlafft. Sie fand wieder ihre ruhige Art, das Lächeln der Meisterin, aufmerksam und sorgsam; die Wäsche der Frau Gaudron vergessend und sie nicht mehr riechend, wühlte sie in dem Haufen, um sich zu überzeugen, daß kein Irrtum geschehe. Die schielende Augustine, die es ganz besonders liebte, große Schaufeln Koks in den Ofen zu werfen, hatte ihn so vollgestopft, daß die Platten rot vor Glut waren. Die Sonne brannte auf die Außenwand, der ganze Laden glühte. Coupeau, den diese Hitze noch betrunkener machte, bekam einen Zärtlichkeitsanfall. Er ging mit offenen Armen auf Gervaise zu und war ganz gerührt.

»Du bist eine gute Frau,« lallte er, »ich muß dir einen Kuß geben.«

Er verwickelte sich in die Unterröcke, die ihm den Weg verlegten, und wäre fast hingefallen.

»Du bist lästig,« sagte Gervaise ohne böse zu sein. »Bleib doch ruhig, wir sind gleich fertig.«

Er wollte sie ja nur küssen, das hätte er nötig, denn er liebe sie so sehr. Bei all dem Reden stapfte er in den Haufen Röcke und tappte zwischen den Hemden; schließlich blieb er mit dem Absatz hängen und fiel mit der Nase mitten in die Lumpen hinein. Gervaise wurde nun doch etwas ungeduldig, gab ihm einen Stoß, weil er alles durcheinander bringe. Aber Clementine und auch Frau Putois gaben ihr unrecht. Er wäre doch so nett, der Mann, trotz allem. Er wolle ihr ja nur einen Kuß geben, und sie könne sich doch von ihrem Mann küssen lassen.

»Sie sind glücklich, Frau Coupeau,« sagte Frau Bijard, deren versoffener Mann, ein Schlosser, sie jeden Abend mit Schlägen traktierte, wenn er heimkam. »Wenn der meine so wäre, wenn er etwas zu viel hat, ja dann war es eine Freude!«

Beruhigt bereute Gervaise schon ihre Lebhaftigkeit, half Coupeau in die Höhe. Dann streckte sie ihm lächelnd ihre Wange hin. Der Mann aber, ohne sich vor den andern zu genieren, packte sie derb an den Brüsten.

»Das muß man ihr ja lassen, deiner Wäsche,« stotterte er, »sie stinkt kräftig! Aber, siehst du, ich habe dich trotzdem gern!«

»Laß doch, du kitzelst mich,« rief sie und lachte auf. »Was für ein Kerl, nein, was für ein Kerl! Man macht doch nicht solche Dummheiten!«

Er hielt sie umarmt und ließ sie nicht mehr los. Sie gab nach, ganz betäubt von dem leichten Schwindel, den ihr der Haufen Wäsche machte, und ohne Ekel vor dem Weinatem Coupeaus. Und der dicke Kuß, den sie sich gaben, mitten in der Unsauberkeit des Handwerks, war wie ein erster Fall im langsamen Erschlaffen ihres Lebens.

Frau Bijard band währenddem die Wäsche zu Paketen. Sie sprach von ihrer Kleinen, einem Kind von zwei Jahren, das Eulalie hieß und schon so viel Verstand hätte wie ein Großes. Man könnte sie ruhig allein lassen; sie weine nie, spiele nie mit Zündhölzern. Dann trug sie die Pakete einzeln fort, ihr langer Leib wie gebrochen unter der Last; ihr Gesicht bekam violette Flecken.

»Es ist nicht mehr auszuhalten, wir braten«, sagte Gervaise, sich den Schweiß vom Gesicht wischend, ehe sie sich wieder an Frau Boches Haube machte.

Man sprach davon, Augustine Ohrfeigen zu geben, als man merkte, daß der Ofen ganz rot war. Auch die Eisen löteten sich. Ob sie denn den Teufel im Leib habe! Nicht den Rücken durfte man drehen, ohne daß sie einem einen Streich spielte. Jetzt müsse man eine Viertelstunde warten, bis man wieder ein Eisen benutzen könne. Gervaise deckte das Feuer mit zwei Schaufeln Asche zu. Sie kam darauf, über die Schnur ein paar Leintücher zu hängen, die als Vorhänge dienen sollten, um die Sonne abzuhalten. Dann befand man sich wohler im Laden. Die Temperatur war noch sehr hoch, aber man glaubte sich in einem Alkoven, in einem weißen Tag, ganz wie bei sich, fern von der Welt, obschon man hinter den Leintüchern die Leute rasch über das Pflaster schreiten hörte; und man hatte die Freiheit, es sich bequem zu machen. Clementine zog gleich ihre Jacke wieder aus. Coupeau wollte immer noch nicht zu Bett gehen und man erlaubte ihm zu bleiben; er mußte aber versprechen, sich ruhig in einem Winkel zu verhalten, denn man dürfe in dieser Stunde der Bruthitze nicht einschlafen.

»Was hat dieses Mistvieh wieder mit dem kleinen Plätteisen gemacht?« sagte Gervaise und meinte Augustine.

Immer suchte man nach diesem kleinen Eisen, das man oft an den eigentümlichsten Orten fand, wohin das Lehrmädchen es aus Bosheit versteckte, wie man sagte. Endlich war die Haube der Frau Boche fertig. Gervaise hatte die Spitzen sein herausgebügelt, sie mit der Hand ausgezogen, und wieder mit dem Eisen nachgefahren. Es war eine Haube mit einer reich garnierten Passe; schmale Fältchen wechselten mit gestickten Einsätzen. Die Fältchen und Einsätze bemühte sie sich mit einem bestimmten Eisen herauszutreiben, einer Art Eisen an einem Stiel, der in einem Holzgriff steckt.

Es war jetzt alles still. Man hörte nur mehr den dumpfen Schlag der Eisen auf der Decke. Zu beiden Seiten des großen viereckigen Arbeitstisches standen die Meisterin, die beiden Arbeiterinnen, das Lehrmädchen, aufrecht, sich beugend, ganz in ihre Beschäftigung vertieft, mit gerundeten Schultern, die Arme in einem fortwährenden Hin und Her. Jedes hatte zur Seite zum Abstellen der Eisen einen flachen Ziegelstein, der durch zu heiße Eisen ganz ausgebrannt war. Mitten auf dem Tisch stand eine Schüssel mit frischem Wasser, in dem ein Fleck Leinen und eine kleine Bürste lagen. Ein Strauß aus großen Lilien stand in einem alten Glasgefäß, das einmal Kirschen in Branntwein enthalten hatte; die großen duftenden Kelche brachten eine Ecke königlichen Gartens in die Werkstatt. Frau Putois nahm gerade den von Gervaise hergerichteten Korb in Angriff, Servietten, Hosen, Jacken, Ärmel. Augustine bearbeitete Strümpfe und Küchenwäsche, mit der Nase in der Luft; sie interessierte sich für eine große Fliege, die an der Decke brummte. Clementine war seit frühmorgens an ihrem fünfunddreißigsten Herrenhemd.

»Immer nur Wein, keinen Schnaps!« sagte plötzlich Coupeau, dem es Bedürfnis war, diese Erklärung abzugeben. »Der Schnaps macht mich besoffen und das will ich nicht.«

Clementine nahm ein Eisen vom Ofen, dessen Griff mit einem Lumpen umwunden war, brachte es in die Nähe der Wange, um sich vom Grad der Hitze zu überzeugen. Sie putzte es auf ihrer Unterlage ab und an einem Tuch, das sie am Gürtel hängen hatte; sie nahm das fünfunddreißigste Hemd vor, zuerst dessen zwei Ärmel und Vorbrust.

»Ah was, Herr Coupeau,« sagte sie nach einer kleinen Weile, »ein kleines Glas Branntwein ist nichts Schlechtes. Mir macht es Mut ... Und dann, wissen Sie, je schneller man betrunken ist, um so drolliger ist einem. Ich mache mir keine Illusion, ich weiß, ich werde nicht alt.«

»Sind Sie langweilig mit Ihren Kirchhofsgedanken!« unterbrach sie Frau Putois, die traurige Unterhaltungen nicht leiden konnte.

Coupeau war aufgestanden und wurde böse, weil er glaubte, daß man dächte, er habe Branntwein getrunken. Er schwur auf den Kopf seiner Frau und seines Kindes, daß er keinen Tropfen Schnaps in den Adern hätte. Und er nahte sich Clementine, um ihr den Atem ins Gesicht zu blasen, damit sie sich am Geruch überzeugen könne. Als er aber seine Nase über ihrer nackten Schulter hatte, fing er an zu lachen. Er wolle sehen. Nachdem Clementine den Rücken des Hemdes gelegt und auf beiden Seiten einen Bügelstrich gemacht hatte, ging sie an die Manschetten und den Kragen. Als der Mann an sie anstieß, machte sie eine Querfalte; und sie mußte die Bürste vom Teller nehmen, um damit die Stärke herauszuplätten.

»Madame,« sagte sie, »verhindern Sie ihn doch, daß er hinter mir her ist!«

»Laß sie in Ruh, du hast keinen Verstand,« sagte Gervaise ganz ruhig. »Wir haben es eilig, hörst du?«

Sie hätten es eilig, na ja, was denn? Das wäre doch nicht seine Schuld. Er täte doch nichts Böses. Er rühre nichts an, er schaue nur. Oder wär es nicht mehr erlaubt, die schönen Dinge anzusehen, die der Herrgott gemacht hat? Sie hätte doch verfluchte Spitzchen da, diese Clementine! Sie könnte sich für zwei Sous sehen und befühlen lassen, und niemand würde sein Geld bereuen. Die Arbeiterin verteidigte sich nicht mehr, lachte über die plumpen Komplimente des Mannes, der im Zuge war. Und fing an, mit ihm zu scherzen. Er zog sie auf wegen der Herrenhemden. Also, sie wäre immer unter Männerhemden. Aber ja, sie lebe darin. Mein Gott, sie kenne sie gut, sie wüßte, wie sie gemacht wären. Viele seien unter ihrer Hand durchgegangen, solche und andere! Alle Blonden und Braunen des Viertels trügen ihre Arbeit auf dem Leibe. Und so redete sie weiter und ihre Schultern schüttelten sich vor lauter Lachen; sie machte fünf große Falten auf dem Rücken, indem sie das Eisen durch die Brustöffnung schob; sie ordnete den vordern Teil, legte ihn mit langen Bügelstrichen glatt.

»Das, das ist das Banner!« sagte sie, noch stärker lachend. Die schielende Augustine platzte heraus bei diesem Wort. Man zankte sie aus. Diese Rotznase lache über Dinge, die sie noch gar nicht verstehen sollte! Clementine gab ihr das Eisen; das Mädel nutzte die noch warmen Eisen über Strümpfen und Tüchern aus, wenn sie für Starkwäsche nicht mehr heiß genug waren. Aber sie griff so ungeschickt darnach, daß sie sich einen Streifen brannte, einen langen Strich am Handgelenk.

Sie fing an zu weinen und behauptete, Clementine habe sie absichtlich gebrannt. Die Arbeiterin, die inzwischen ein frisches Eisen geholt hatte, das sehr heiß war und für die Hemdbrust dienen sollte, tröstete sie, indem sie ihr drohte, ihr die zwei Ohren zu bügeln, wenn sie nicht still wäre. Sie legte einen Flanellfleck unter die Brust; langsam glitt das Eisen, der Starke Zeit lassend herauszukommen und zu trocknen. Die Brust bekam eine Steifheit und einen Glanz wie Papier.

»Verfluchtes Weibsbild!« fluchte Coupeau, der noch immer hinter ihr stand, mit dem Eigensinn des Betrunkenen. Und streckte sich vor, lachte wie ein schlecht gefüttertes Huhn. Clementine drückte fest auf den Tisch auf, mit gebogenem Handgelenk und abstehenden Ellbogen, spannte den Nacken mit aller Kraft; ihr ganzes nacktes Fleisch war wie angeschwollen, die Schultern bewegten sich aufwärts; unter dem Muskelspiel klopften die Adern unter der feinen Haut, der Hals schwoll an, feucht vor Schweiß im rosigen Schatten ihres offenen Hemdes. Dann streckte er die Hände vor, er wollte fühlen.

»Frau, Frau!« schrie Clementine, »machen Sie doch endlich, daß er Ruh gibt! ... Ich gehe, wenn das so weiter geht. Ich laß mich nicht beleidigen.«

Gervaise hatte soeben die Haube der Frau Boche auf ein Gestell gesetzt und frisierte die Spitzen behutsam mit dem kleinen Eisen. Sie hob gerade die Augen auf, als der Mann wieder die Hände vorstreckte und im Hemd des Mädchens wühlte.

»Sicher, Coupeau, du bist nicht bei Trost«, sagte sie gelangweilt, so als ob sie ein Kind zankte, das Konfitüre ohne Brot aß.

»Du gehst jetzt schlafen.«

»Ja, gehen Sie schlafen, Herr Coupeau, das wird besser sein«, erklärte Frau Putois.

»Also ja, ihr seid schön blöd«, lallte er und lachte immerzu. »Darf man denn keinen Spaß mehr machen? Die Frauen, die kennen mich, ich habe ihnen noch nie nicht was zerbrochen. Man zwickt eine Dame, nicht? aber man geht nicht weiter; man ehrt das Geschlecht ... Und dann, wenn man seine Ware ausstellt, ist's, daß man die Wahl trifft, nicht? Warum zeigt diese große Blonde da alles, was sie hat? Das gehört sich eben nicht.« Und er drehte sich zu Clementine:

»Du weißt, mein Viecherl, du hast unrecht, spröd zu tun ... Bloß weil Leute dabei sind ...«

Aber er konnte nicht weiterreden. Ohne Heftigkeit nahm ihn Gervaise und legte ihm die Hand auf den Mund. Zum Scheine verteidigte er sich, während sie ihn in den rückwärtigen Teil des Ladens schob, zum Zimmer hin. Er befreite seinen Mund, sagte, er wolle schlafen gehen, aber die große Blonde solle mit ihm kommen, ihm die Füßchen wärmen. Dann hörte man, wie Gervaise ihm die Stiefel abzog. Sie zog ihn aus, hätschelte ihn ein wenig mütterlich. Als sie ihm die Hosen abzog, platzte er vor Lachen und wälzte sich mitten ins Bett; er strampelte, behauptete, daß sie ihn kitzle. Endlich wickelte sie ihn ein wie ein Kind. »Ist es wenigstens gut so?« Er antwortete nicht, sondern schrie zu Clementine hinein:

»Nun, Kleine, ich bin drin, ich erwarte dich.«

Als Gervaise zurückkam, erhielt Augustine gerade eine Ohrfeige von Clementine wegen eines schmutzigen Eisens, das Frau Putois auf dem Ofen fand; die hatte es nicht bemerkt und eine ganze Jacke schwarz gebügelt. Da Clementine sich verteidigte, sie habe ihr Eisen geputzt und Augustine beschuldigte und schwur, das Eisen sei nicht das ihre, trotz der verbrannten Stärke, die am Eisen unten haften geblieben war, da hatte Augustine, ohne sich diesmal zu verstecken, ihr vorn aufs Meid gespuckt, beleidigt über diese Ungerechtigkeit. Dafür diese gesalzene Ohrfeige. Das Schielauge schluckte ihre Tränen; sie putzte das Eisen, indem sie es abkratzte und abwischte, nachdem sie es mit einem Stückchen Kerze bestrichen hatte; aber sooft sie hinter Clementine vorbei mußte, sammelte sie etwas Speichel im Munde und spuckte sie an, heimlich lachend, wenn die Spucke nur so am Rock hinunterlief.

Gervaise machte sich wieder über die Haubenspitzen her. In der plötzlich eintretenden Stille hörte man die Stimme Coupeaus. Er blieb ganz braves Kindlein, lachte vor sich hin und redete kurze Sätze.

»Ist sie nicht dumm, meine Frau! ... Ist sie nicht dumm, mich ins Bett zu legen! ... Was? ... Zu dumm, mitten am Tag, wenn man keinen Schlaf hat!«

Aber plötzlich schnarchte er. Dann erleichterte sich Gervaise mit einem Seufzer, glücklich, ihn endlich in Ruhe zu wissen und seinen Rausch auf zwei guten Matratzen ausschlafend. Und leise sprach sie und langsam, ohne mit den Augen das kleine Eisen zu verlassen, das sie rasch handhabte.

»Was wollen Sie, er hat seine Vernunft nicht, man muß ihm nicht böse sein. Wenn ich ihn herumstoßen würde, gewänne ich gar nichts dabei. Lieber rede ich wie er und leg ihn schlafen; wenigstens ist das schnell fertig und ich hab Ruh ... Er ist ja nicht schlimm und liebt mich sehr. Sie haben das ja selber gerade gesehen, er hätte sich zerhacken lassen, nur um mich zu küssen. Das ist doch nett von ihm, nicht? Denn es gibt genug solche, die, wenn sie getrunken haben, zu Frauen gehen ... Er, er kommt gleich direkt heim. Er macht so Spaß mit den Arbeiterinnen, aber das geht nicht weit. Hören Sie, Clementine, Sie müssen nicht beleidigt sein. Sie wissen doch, was das ist, ein Betrunkener. So einer bringt Vater und Mutter um, und weiß es nicht ... Oh, ich verzeihe ihm aus ganzem Herzen. Er ist halt wie die andern.«

Sie sagte solche Dinge leichthin, ohne Leidenschaft; sie war ja an diese Ausflüge Coupeaus schon gewöhnt, verteidigte nur noch seine Aufmerksamkeiten für sie, sah schon kein Unrecht mehr darin, wenn er in ihrer Gegenwart die Mädchen in die Hüftenbacken zwickte. Als sie schwieg, wurde wieder alles still. Frau Putois zog jedesmal, wenn sie ein neues Stück vornahm, den Korb hervor unter dem kretonnegarnierten Tisch, und jedes fertige Stück legte sie mit hochgestreckten kleinen Armen auf die Stellage. Clementine vollendete ihr fünfunddreißigstes Männerhemd. Die Arbeit wurde nicht weniger; man rechnete damit, daß man bis um elf Uhr nachts arbeiten müsse, wenn man sich beeilte. Die ganze Büglerei, die jetzt keine Ablenkung mehr hatte, arbeitete hart, stieß fest auf. Die nackten Arme kamen und gingen, leuchteten mit ihrem rosa Fleisch über das weiße Linnen. Wieder war der Ofen aufgefüllt, und da die Sonne unter die Leintücher glitt und den Ofen voll traf, so sah man die Hitze wie eine unsichtbare Flamme die Luft durchzittern. Das erstickende Gefühl wurde so groß unter den zum Trocknen gehängten Röcken und Tischtüchern an der Decke, daß Augustine am Ende ihres Speichels war und ihr ein Stück Zunge zwischen den Lippen heraushing. Es roch nach überheiztem Ofen, saurer Stärke, Ruß der Eisen, ein fader Badegeruch, in dem die vier Arbeiterinnen sich die Schultern ausrenkten und dem Geruch den noch heftigeren ihrer Haare und verschwitzten Achseln und Brüste beimengten, während der Lilienstrauß im grünlich gewordenen Wasser des Glases verwelkte und seinen dünnen Duft verhauchte. In das Geräusch der Eisen und das Knattern im Ofen tönte das regelmäßige Schnarchen Coupeaus, das wie das Ticktack eines großen Uhrpendels die Arbeit der Frauen regulierte.

Am nächsten Tage hatte Coupeau Katzenjammer, aber so heftig, daß er den ganzen Tag ungekämmt, mit stinkendem Mund, das Gesicht geschwollen und schief herumging. Er stand spät auf, beutelte erst gegen acht Uhr seine Flöhe aus, spuckte, schlürfte im Laden herum und konnte sich nicht entschließen, zum Werkplatz zu gehen. Wieder ein verlorener Tag. Mittags beklagte er sich über seine Watte im Hirn und fand sich zu dumm, so reichlich zu futtern, weil das einen ganz aus den Fugen brächte. Man begegne eben immer einem ganzen Haufen Faulenzer, die einem den Ellbogen nicht mehr frei geben; man tränke gegen seinen Willen, treibe allen möglichen Unfug und endete damit, betrunken zu sein, und das wie! Aber, Donnerwetter! Das würde ihm nun bestimmt nicht mehr passieren; er wolle doch nicht im besten Mannesalter seine Stiefel beim Kneipwirt lassen. Aber nach dem Essen erholte er sich wieder und stieß ein paar fröhliche Grunzlaute aus, um sich – wie er sagte – zu überzeugen, daß er noch eine gute Gurgel habe. Dann hub er an, die Sauferei des Vortages abzuleugnen, ein wenig angesäuselt gewesen sei er nur. So einen wie er gab's keinen mehr, solid, auf dem Posten, Faust von Eisen, und alles saufend ohne Wimperzucken. Den ganzen Nachmittag lungerte er hemm. Als er die Arbeiterinnen genug belästigt hatte, gab ihm seine Frau vierzig Sous, damit er Platz mache. Ei wischte davon, ging seinen Tabak in der »kleinen Civette« der Rue des Poissonniers kaufen, wo er auch ein Zwetschgenwasser zu trinken pflegte, wenn er einen Freund traf. Dann brachte er den Rest des Geldes bei Francis an, an der Ecke der Rue de la Goutte d'Or, wo es einen schönen Wein gab, einen ganz jungen, der den Hals kitzelte. Es war eine Weinschenke alten Schlages, ein schwarzes Loch mit niedriger Decke, ein ganz verrauchter Salon daneben, wo man Suppe bekam. Da hockte er bis zum Abend, trank seinen Wein, den er auswürfelte; zudem hatte er Kredit bei François, der versprach, niemals die Rechnung der Ehefrau zu präsentieren. Nicht? Man müsse doch seinen Schlund ausschwenken vom Fett des vorhergegangenen Tages. Ein Glas Wein läßt das andere wachsen. Er, immer ein guter Kerl, gebe den Weibern keinen Nasenstüber, liebe den Spaß, sicher, aber Verachtung habe er für die Schweinereien der Alkoholiker, die man nie nüchtern sehe! Vergnügt und galant wie ein Fink kam er heim.

»Ist dein Liebhaber gekommen?« fragte er Gervaise öfters, um sie zu necken. »Man sieht ihn ja gar nicht mehr, ich muß ihn holen gehen.«

Der Liebhaber war Goujet. Wirklich kam er auch nicht zu oft, hatte Angst zu stören und zum Schwatzen zu verleiten. Doch benutzte er jede Gelegenheit, brachte die Wäsche; zwanzigmal ging er wohl über die Gasse. Es gab einen Winkel im Laden, wo er gern stundenlang sitzen blieb, ohne sich zu rühren und seine kurze Pfeife rauchend. Am Abend, nach dem Essen, alle zehn Tage vielleicht, entschloß er sich und blieb; er war kein Schwätzer, hielt den Mund geschlossen, die Augen auf Gervaise gerichtet; nahm nur die Pfeife aus dem Mund, um über alles zu lachen, was sie sagte. Wenn am Samstag abend noch gearbeitet wurde, vergaß er sich, blieb sitzen und unterhielt sich, als wäre er in einem Theater. Ein paarmal bügelten die Weiber bis um drei Uhr in der Früh. Eine Lampe hing an der Decke an einem Draht; der Lampenschirm warf ein klares rundes Licht, in dem die Wäsche ein schneeweißes weiches Aussehen bekam. Das Lehrmädchen legte die Läden an; da aber diese Julinächte noch sehr heiß waren, ließ man die Türe zur Gasse hinaus offen. Und je weiter die Stunde vorschritt, um so mehr öffneten die Arbeiterinnen ihre Kleider, um sich zu erleichtern. Sie hatten eine feine Haut, ganz vergoldet war sie unter dem Lampenlicht, besonders Gervaise, die fett geworden war, die blonden Schultern leuchtend wie Seide, mit der kleinen Falte am Halse, wie bei einem kleinen Kinde die Grübchen – das alles hätte er auswendig zeichnen können, so gut kannte er das. Er war benommen von der großen Hitze des Ofens und der unter den Eisen dampfenden Wäsche; er überließ sich einer leisen Hingabe; die Gedanken schlichen nur mehr und die Augen hingen an diesen Frauen, die sich beeilten und die nackten Arme schlenkerten und die Nacht damit verbrachten, das Viertel in sonntäglichen Staat zu versetzen. Draußen schliefen die Häuser, das große Schweigen des Schlafes fiel langsam nieder. Mitternacht schlug, dann ein Uhr, zwei Uhr. Wagen und Menschen waren fort. In diese schwarze und verlassene Gasse sandte die offene Türe einen Lichtstrahl heraus, wie ein Stück gelben ausgebreiteten Stoffes sah es aus. Manchmal hörte man einen Schritt in der Ferne, ein Mensch kam näher; überschritt er diesen Tagesstreifen, dehnte sich sein Hals, überrascht von den Stößen der Eisen, die er hörte, und eine rasche Vision entblößter Arbeiterinnen in rotem Dunst mit sich nehmend. Goujet hatte bemerkt, daß Gervaise Etiennes wegen in Verlegenheit war, die ihn vor den Fußtritten Coupeaus retten wollte; er nahm ihn also mit in die Bolzenfabrik, daß er dort den Blasebalg ziehe. Wenn auch das Geschäft der Nagelschmiede nichts besonders Angenehmes hatte, wegen der Unsauberkeit der Schmiede und der Einförmigkeit, immer auf das gleiche Stücke Eisen zu klopfen, so war es trotzdem ein einträgliches Geschäft; man verdiente doch zehn bis zwölf Francs am Tage.

Der Kleine wäre jetzt zwölf Jahre alt, er könne sich bald daran halten, wenn ihm das Handwerk zusage. Und so wurde Etienne ein Band mehr zwischen der Büglerin und dem Grobschmied. Dieser brachte das Kind nach Hause und belichtete über sein gutes Verhalten. Alle Leute sagten lachend zu Gervaise, daß der Goujet was für sie übrig hätte. Sie wußte es und errötete wie ein junges Madchen, mit der Blume der Schamhaftigkeit, die ihren Wangen die lebhafte Farbe eines Zuckerapfels verlieh. Ja, der arme liebe Junge, er wäre nie aufdringlich! Niemals spreche er zu ihr von solchen Dingen; nie eine anzügliche Bewegung oder ein solches Wort. Man begegne nicht vielen, die aus diesem Teig gemacht find. Ohne es sich eingestehen zu wollen, genoß sie es, so geliebt zu werden wie eine Heilige. Hatte sie Kummer oder Sorgen, so dachte sie an den Grobschmied; das tröstete sie. Waren sie zusammen allein, war keine Befangenheit in ihnen; sie schauten sich gegenseitig lächelnd an, ohne sich zu sagen, was sie dabei empfanden. Es war eine vernünftige Zärtlichkeit; sie dachten nicht an häßliche Dinge, denn man könne seine Ruhe besser bewahren und glücklich sein, wenn man ruhig bleibt.

Am Ende des Sommers stellte Nana das Haus auf den Kopf. Sie war jetzt sechs Jahr alt und zeigte sich als vollkommener Nichtsnutz. Ihre Mutter führte sie jeden Morgen, um sie nicht immer zwischen den Füßen zu haben, in eine kleine Pension in die Rue Polonceau zu Fräulein Josse. Da knüpfte sie den Kameradinnen die Kleider rückwärts zusammen, stopfte Asche in die Schnupftabaksdose der Lehrerin und erfand noch weniger reinliche Dinge, die man nicht wiedererzählen konnte. Zweimal schon hatte sie Fräulein Josse hinausgeworfen, nahm sie jedoch wieder zurück, um die sechs Francs im Monat nicht zu verlieren. Sobald Nana aus der Klasse heimkam, rächte sie sich für diese Freiheitsberaubung, indem sie unter dem Haustor oder im Hofe einen Höllenlärm machte, wohin sie die Büglerinnen, deren Ohren schmerzten, zum Spielen schickten. Dort traf sie Pauline, die Tochter der Boches, und Victor, den Sohn der frühern Meisterin von Gervaise, einen großen Bengel von zehn Jahren, der gern mit kleinen Mädchen hemmgaloppierte. Frau Fauconnier hatte sich mit Gervaise nicht verzankt und schickte ihren Sohn selber hinunter zum Spielen. Übrigens gab's im Hause einen Überfluß von kleinem Geschmeiß, ganze Scharen von Kindern, die zu jeder Tagesstunde die vier Treppen herunterpurzelten und sich auf die Straße ergossen wie ein Schwärm Spatzen, schreiend und plündernd. Frau Gaudron allein schon ließ neun los, blonde und braune, schlecht gekämmt und die Nasen nicht geputzt, die Hosen bis an die Augen hochgezogen, die Strümpfe über die Schuhe herunterhängend, geplatzte Westen, durch die man unter Dreck die weiße Haut schimmern sah. Eine andere Frau, eine Brotausträgerin aus dem fünften Stock, schickte sieben. Aus allen Türen brachen ganze Rudel. Und unter diesem Gezücht mit rosigen Schnauzen, die nur an den Regentagen abgewaschen wurden, gab es welche, die schon langgewachsen wie Gerten waren, dicke wieder mit Bäuchen wie die Alten, kleine, kaum der Wiege entsprungen, und ganz Dumme, die noch auf allen Vieren gingen. Nana herrschte über die ganze Bande; sie kopierte ihr Fräulein Josse und kommandierte Mädchen, die noch einmal so groß waren wie sie; sie gab nur an Pauline und Victor etwas von ihrer Macht ab, ihre intimen Vertrauten, die aber ganz ihrem Willen nachgaben. Die kesse Göre spielte immer Mama, zog die Allerkleinsten aus, um sie wieder anzuziehen, untersuchte die Größeren überall am Leibe, befühlte sie und übte einen fanatischen Despotismus wie eine lasterhafte erwachsene Person. Unter ihrer Leitung wurden Spiele eingeführt, in denen geohrfeigt wurde. Die Bande plätscherte im Abfluß der Färberei, stieg mit Füßen heraus, blau oder rot gefärbt bis zu den Knien; dann sprangen sie zum Schlosser, wo sie Nägel und Feilspäne stahlen, und liefen mitten unter die Hobelspäne des Schreiners, ganze Berge großer Spane, in denen sie sich balgten und rollten, den blanken Hintern in der Luft. Der Hof gehörte ihnen; er widerhallte vom Lärm der Kinder; und an manchen Tagen reichte er nicht aus. Dann stürzte sich die Bande in die Keller, kroch die Treppen hinauf, flog durch die Gänge, kam eine andere Treppe zurück, sprang mit Geschrei nieder in andere Korridore, und das stundenlang ohne müde zu werden, das riesenhafte Haus mit dem Gebrüll und dem Gestampf schädlicher Tiere, in alle Winkel losgelassen, erschütternd.

»Was für Kinder, Gott, was für Kinder!« schrie die Frau Boche. »Die Menschen haben wirklich wenig zu tun, um so viele Kinder in die Welt zu setzen ... und das beklagt sich noch, daß es nichts zu fressen hat!« Und Boche bemerkte, die Kinder wüchsen auf dem Elend wie die Pilze auf dem Misthaufen. Die Portiersfrau wetterte den ganzen Tag und drohte mit dem Besen. Eines Tages verschloß sie die Türe zum Keller, weil sie von Pauline gehört hatte, der sie dafür eine Ohrfeige verabfolgte, daß Nana in der Dunkelheit unten Arzt spiele; der lasterhafte Fratz verteilte Arzneimittel mit einem Stock.

Eines Nachmittags gab's eine schreckliche Szene. Das mußte ja kommen. Nana hatte ein sehr drolliges Spiel erfunden. Sie stahl aus der Loge einen Holzschuh der Frau Boche, band ihn an eine Schnur und zog ihn wie einen Wagen. Victor kam auf den Einfall, den Schuh mit Apfelschalen aus dem Mistkübel zu füllen. Dann bildeten alle eine Prozession, Nana voran zog den Schuh. Rechts und links von ihr gingen Pauline und Victor. Dann folgten die übrigen, zuerst die Großen, dann wackelnd die Kleinen; ein Bébé im Hemd, groß wie ein Fuß, kam als letztes. Und die Prozession sang etwas Trauriges, lauter Ohs und Ahs. Nana hatte ihnen erklärt, daß man Beerdigung spielen würde; die Apfelschalen waren der Tote. War man einmal um den Hof herum, so wurde wieder von vorn angefangen. Man fand das sehr lustig.

»Was treiben sie denn da«, brummte die Boche, die aus der Loge kam, um nachzusehen, immer mißtrauisch und auf der Lauer.

Und als sie endlich verstand:

»Aber das ist ja mein Holzschuh!« rief sie, »ah, diese Saubande! Diese elenden Bankerten!« Und sie verteilte Watschen rechts und links, Nana empfing zwei, Pauline einen Fußtritt in den Hintern, die große Gans, die ihrer Mutter den Schuh nehmen ließ. Gerade kam Gervaise daher, um ihren Eimer am Brunnen zu füllen. Als sie sah, daß Nana das Blut aus der Nase lief und sie sich vor Heulen schüttelte, wollte sie der Boche an den Hals springen.

»Ist das erlaubt, auf ein Kind wie auf einen Ochsen zu schlagen?« Da müßte man kein Herz haben und die letzte der letzten sein. Natürlich gab die Frau Boche Antwort. Wenn man einen solchen Unflat von Tochter habe, so hielte man sie hinter Schloß und Riegel. Dann kam auch der Herr Boche dazu und schrie seiner Frau zu: zum Dreck mache man nicht so viele Erklärungen. Und es gab als Ende einen vollkommenen Krach zwischen den beiden Familien. Schon seit einem Monat war es zwischen den Coupeaus und den Boches nicht mehr recht zugegangen. Gervaise war sehr freigebig gewesen, jeden Augenblick spendierte sie Wein, Orangen, Fleischbrühe und Stücke Kuchen. Eines Abends hatte sie eine tiefe Schüssel in die Portiersloge gebracht mit Gartenzichorie und Runkelrüben, weil sie wußte, für einen solchen Salat würde die Hausbesorgerin jede Gemeinheit begehen. Am andern Tag aber wurde Gervaise ganz blaß vor Erregung, als ihr Fräulein Remanjou erzählte, Frau Boche habe den Salat vor den Leuten ausgeschüttet und gesagt, sie wäre Gott sei Dank noch nicht verurteilt, sich von Dingen zu ernähren, in denen andere herumgedreckt hätten. Von da ab unterließ Gervaise alle Geschenke: keinen Wein mehr, keine Fleischbrühe, keine Orangen, keine Kuchenstücke, nichts. Da mußte man sehen, was für Gesichter die Boches machten! Es kam ihnen vor, als ob die Coupeaus sie direkt beraubt hatten. Gervaise sah ein, was sie für eine Dummheit begangen hatte; wenn sie ihnen nicht soviel zugesteckt hätte, wären sie nett geblieben. Von jetzt ab redete ihr die Hausmeisterin das übelste vom Übeln nach. Zum Oktobertermin konnte sie kein Ende finden, Herrn Marescot, dem Hausbesitzer, zu erzählen, daß die Büglerin, die ihre sieben Sachen auffräße, um einen Tag mit der Bezahlung des Zinses zurück wäre; und Herr Marescot, auch keiner von den Feinen, kam in den Laden, den Hut auf dem Kopf, und verlangte sein Geld, das man ihm übrigens sofort gab.

Natürlich reichten die Boches jetzt wieder die Hand den Lorilleux'. Es wurde in der Loge mit den Lorilleux' Wiederaussöhnung gefeiert. Ohne das Hinkebein hätte man sich ja nie verzankt. Na, die Boches kennten sie jetzt, sie verständen, wieviel die Lorilleux' zu leiden gehabt hätten. Ging Gervaise vorüber, lachte die Gesellschaft unter der Türe höhnisch auf.

Eines Tages ging Gervaise zu den Lorilleux' hinauf. Es handelte sich um die Mutter Coupeau, die jetzt siebenundsechzig Jahre alt war. Sie hatte das Augenlicht fast gänzlich verloren. Auch ihre Beine wollten nicht mehr recht. Sie müßte soeben auf ihren letzten Platz verzichten und müßte vor Hunger sterben, wenn man ihr nicht beistände. Gervaise fand es eine Schande, daß eine Frau, die drei Kinder habe, bei diesem Alter von Himmel und Erde verlassen wäre. Coupeau wollte nicht hinaufgehen mit den Lorilleux' sprechen, er meinte, Gervaise könne das wohl selber, und so ging sie, ganz unter dem Eindruck der Entrüstung, unter der ihr Herz zitterte.

Oben trat sie ein wie der Wind, ohne anzuklopfen. Nichts war in dem Raum geändert seit dem Abend, an dem die Lorilleux ihr den wenig entgegenkommenden Empfang bereitet hatten. Derselbe verschossene Fetzen trennte das Zimmer vom Arbeitsraum, ein Raum so langgestreckt, daß er für einen Aal gebaut schien. Im Hintergrund saß Lorilleux an seinem Arbeitstisch und kniff die Maschen einer Kette zusammen, während Frau Lorilleux stehend einen Goldfaden durch die Drahtziehbank zog. Die kleine Schmiede warf einen rosa Schein.

»Ja, ich bin's!« sagte Gervaise. »Das wundert euch, denn wir bekämpfen uns ja aufs Messer. Aber ich komme weder für mich noch Ihretwegen wie Sie sich denken können... Ich komme für Mutter Coupeau. Ja, ich komme schauen, ob wir darauf warten, daß andere ihr ein Stück Brot geben.«

»Nein, so ein Auftreten!« kreischte die Lorilleur, »das ist eine Unverschämtheit!« Und drehte ihr den Rücken und zog an ihrem Goldfaden weiter; tat so, als sehe sie ihre Schwägerin gar nicht. Aber Lorilleur hatte sein blaßgewordenes Gesicht erhoben und schrie: »Was sagen Sie?«

Da er aber sehr wohl verstanden hatte, fuhr er fort:

»Wieder nur Schwätzereien, nicht wahr? Sie ist ja sehr nett, die Mama Coupeau, überall ihr Elend herumzuschreien! ... Vorgestern noch hat sie hier auf dem Stuhl gegessen. Wir tun, was wir können, wir! Wir haben keinen Goldschatz im Topf. Aber wenn sie zu den andern schwatzen geht, kann sie auch bei denen bleiben, wir lieben die Spione nicht.«

Er nahm seine Kette wieder auf und drehte den Rücken, wobei er noch wie bedauernd hinzufügte:

»Wenn jedes hundert Sous gibt im Monat, geben wir auch hundert Sous.«

Gervaise war nun wieder ganz beruhigt, abgekühlt an diesen falschen Gesichtern der Lorilleux. Noch nie war sie bei ihnen gewesen, ohne ein Unbehagen zu verspüren. Mit niedergeschlagenen Augen, auf die Quadrate des Gittersiebes schauend, redete sie nun ganz ruhig und vernünftig. Mama Coupeau hätte drei Kinder; wenn jedes hundert Sous gebe, dann waren das nur fünfzehn Francs im Monat, und das wäre doch nicht genug, damit könne man nicht leben; verdreifachen müßte man wenigstens die Summe. Aber Lorilleux schrie, wo er denn fünfzehn Francs hernehmen solle im Monat? Die Leute wären doch zu komisch, glaubten, man wäre reich, weil Gold bei ihnen wäre. Dann schimpfte er auf Mama Coupeau: sie könne natürlich nicht ohne Kaffee am Morgen sein, tränke auch Schnaps und stelle Forderungen ans Leben wie Leute, die Geld haben! Donnerwetter noch einmal! Jedermann wolle wohlleben; aber, nicht wahr, wenn man es nicht verstanden hat, etwas auf die Seite zu legen, schnürt man sich eben den Leibriemen zusammen, übrigens wäre Mama Coupeau noch nicht in dem Alter, in dem man nicht mehr arbeiten könne; sie sehe noch ganz gut, wenn es sich darum handle, ein gutes Stück aus der Schüssel zu holen; sie wäre mit einem Wort eine alte Spitzbübin, die sich gern päppeln lassen möchte. Selbst wenn sie die Mittel hätten, würden sie es für ein bares Unrecht ansehen, jemanden in seiner Faulheit zu unterstützen!

Aber Gervaise blieb immer noch, vertrauend, und widerlegte ruhig die schlechten Gründe. Sie wollte die Lorilleux' erweichen. Der Mann gab ihr endlich gar keine Antwort mehr. Die Frau stand vor der Schmiede, im Begriff, ein Stück Kette in der kleinen Kupferpfanne mit dem langen Griff im Scheidewasser abzubeizen. Sie drehte immer noch den Rücken her, als wäre sie tausend Meilen weit weg. Und Gervaise schaute die beiden immer noch an, wie sie sich in die Arbeit versteiften, mitten im schwarzen Staub der Werkstatt, den Leib gekrümmt, die Kleider geflickt und fettig, hart und stumpf geworden in ihrer engen und maschinenartigen Beschäftigung. Dann kam ihr plötzlich der Zorn und Gervaise rief:

»Recht so! Das ist mir lieber! Behaltet euer Geld! ... Ich nehme Mutter Coupeau zu mir, hört ihr! Ich habe neulich eine kranke Katze von der Gasse aufgehoben und zu mir genommen, ich kann auch eure Mutter aufnehmen. Es wird ihr an nichts fehlen, sie wird ihren Kaffee bekommen und den Schnaps! Mein Gott, was für eine schmutzige Familie!«

Mit einem Satz drehte sich Frau Lorilleux um. Sie schwang ihre Kasserolle, als ob sie das Scheidewasser ihrer Schwägerin ins Gesicht schütten wollte. Sie zischte:

»Aus dem Weg oder es geschieht ein Unglück! ... Und rechnen Sie nicht auf die hundert Sous, ich gebe keinen Heller, nein, keinen Heller! ... Natürlich! Hundert Sous! Die Mama würde bei Ihnen als Dienstmagd dienen und Sie würden sich mit meinen hundert Sous anfressen! Sagen Sie ihr, wenn sie zu Ihnen geht, kann sie krepieren, ich schicke ihr kein Glas Wasser ... Und jetzt, hinaus! Da geht der Weg!«

»Was für eine entsetzliche Person!« sagte Gervaise, indem sie die Türe zuschlug.

Schon am andern Tage nahm sie die alte Coupeau zu sich. Sie stellte ihr Bett in das große Kabinett, in dem Nana schlief und wo das Tageslicht durch ein rundes Fenster in der Nähe der Decke einfiel. Die Übersiedlung brauchte nicht viel Zeit, denn Mama Coupeau hatte außer ihrem Bett nur einen alten Schrank aus Nußbaumholz, den man in das Zimmer der schmutzigen Wäsche stellte, einen Tisch und zwei Stühle; man verkaufte den Tisch und ließ die zwei Stühle mit neuem Stroh beziehen. Und die alte Frau, schon am Tage ihres Einzuges, kehrte aus, wusch das Geschirr, machte sich nützlich, froh, heraus zu sein aus der Sorge. Die Lorilleux' waren außer sich vor Wut, um so mehr, als Frau Lerat wieder zu den Coupeaus hielt. Eines schönen Tages gerieten die beiden Schwestern, die Blumenmacherin und Kettenmacherin, in bezug auf ein Gespräch über Gervaise aneinander; die erstere wagte es, das Betragen dieser der Mutter gegenüber zu loben; als sie die andere darüber außer sich sah, wollte sie sie noch mehr reizen, indem sie sagte, daß die Augen der Büglerin so leuchteten, daß man Papier daran anzünden könnte, worauf sie sich ohrfeigten und schwuren, sich nie mehr sehen zu wollen. Jetzt verbrachte Frau Lernt ganze Abende im Laden, wo sie sich heimlich über die schweinischen Witze der großen Clementine sehr amüsierte.

Drei Jahre vergingen. Man war sich böse, man söhnte sich noch öfters wieder aus. Gervaise lachte über die Lorilleux', die Boches und alle die, die nicht wie sie redeten. Wenn sie nicht zufrieden waren, was machen, nicht? Sie verdiene soviel sie wolle, das wäre die Hauptsache. Im Viertel hatte man großen Respekt vor ihr, denn man fand nicht oft so gute Kundschaft, die immer sofort bezahlte, nicht nörgelte und herumredete. Sie bekam ihr Brot von Frau Coudeloup in der Rue des Poisonniers, das Fleisch vom dicken Karl, einem Fleischer aus der Rue Polonceau, die Spezereien bei Lehongre, Rue de la Goutte d'Or, beinahe gegenüber von ihr. Francis, der Weinhändler, brachte ihr den Wein in Fünfliterflaschen ins Haus. Der Nachbar Vigoureur, dessen Frau blaue Flecken auf den Hinterbacken haben mußte, so kniffen sie die Männer, verkaufte ihr den Koks zum Preis der Gasgesellschaft. Und man konnte sagen, ihre Lieferanten bedienten sie gewissenhaft, weil man wußte, daß man nur gewinnen konnte, wenn man nett zu ihr war. Ging sie aus, in Pantoffeln und ohne Hut, grüßte man sie von allen Seiten; die benachbarten Gassen waren ihr wie Dependancen ihrer eigenen Wohnung, die offen direkt auf die Gasse hinausging. Manchmal kam es vor, daß sie jetzt draußen blieb, einen Gang hinauszuziehen, glücklich, draußen zu sein unter ihren Bekannten. An den Tagen, an denen sie nicht Zeit hatte, etwas auf das Feuer zu stellen, holte sie das Essen vom Wirt, schwätzte mit dem Manne, der seinen Laden am andern Ende des Hauses hatte, ein großer Salon, durch dessen verstaubte Fensterscheiben man im Hintergrund den trüben Tag im Hofe sah. Oder auch, sie blieb, die Hände voller Teller und Schüsseln, vor einem Fenster eines Ladens stehen, schaute in das Innere eines Schuhflickers in ungemachte Betten, auf dem Boden Lumpen, zwei Krüppel in Wiegen und den Pechtopf voll schwarzen Wassers. Der Nachbar, den sie noch am meisten achtete, war der Uhrmacher gegenüber, der Herr im Gehrock, der so sauber aussah, ewig mit zarten kleinen Instrumenten in Uhren herumstocherte. Und oft ging sie über die Gasse, um ihn zu grüßen und mit kindlichem Vergnügen in seinem Laden, der nur so groß war wie ein Schrank, die lustigen Kuckucke zu betrachten, deren Perpendikel sich so beeilten, und die Stunden alle zu gleicher Zeit schlugen.

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.