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Der Totschläger

Emile Zola: Der Totschläger - Kapitel 6
Quellenangabe
pfad/zola/totschla/totschla.xml
typefiction
authorEmil Zola
titleDer Totschläger
publisherKurt Wolff Verlag A.-G.
seriesDie Rougon-Macquart
volumeBand 7
printrun1.-4. Tausend
year1923
translatorFranz Blei
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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4

Vier Jahre schwerer Arbeit waren vorübergegangen. Gervaise und Coupeau galten im ganzen Viertel als ein gutes Ehepaar, das ohne jede Schlägerei für sich lebte und Sonntags seinen regelmäßigen Spaziergang in die Gegend von Saint-Ouen machte. Die Frau arbeitete bis zu zwölf Stunden am Tage bei Frau Fauconnier und fand noch dazu die Zeit, ihr Heim sauber wie einen Nickel zu halten und ihren Leuten morgens und abends ihr Essen zu geben. Der Mann betrank sich nicht, brachte seinen vierzehntägigen Lohn nach Hause, rauchte seine Erholungspfeife im Fenster am Abend vor dem Schlafengehen. Man redete über sie ihres netten Benehmens wegen. Da sie bis zu acht Francs im Tage zu zweien verdienten, so rechnete man sich aus, daß sie noch ein gutes Stück auf die Seite legen konnten.

Aber in der ersten Zeit mußten sie sehr sparen, um die beiden Enden zusammenzubringen. Ihre Hochzeit hatte ihnen eine Schuld von nahezu zweihundert Francs aufgelastet. Dann grauste ihnen vor dem Hotel Boncoeur; sie fanden diesen schmutzigen Umgang dort widerlich und träumten von einem eigenen Heim mit wohlgepflegten Möbeln. Zwanzigmal überzahlten sie die nötige Summe; die machte in runder Zahl dreihundertundfünfzig Francs, wenn sie nicht sofort in Verlegenheit geraten sollten um eine Kasserolle oder einen Topf, den man gerade brauchte. Sie hatten Zweifel, daß sie vor zwei Jahren eine so große Summe ersparen könnten. Da bot sich ihnen plötzlich eine gute Gelegenheit. Ein alter Herr aus Plassans bat sie um Claude, den ältesten der Kleinen, er wolle ihn dort in die Schule schicken – die Freigebigkeit eines Originals und Liebhabers von Gemälden, der einmal kleine Männchen gesehen hatte, die der Junge früher schmierte und die ihn lebhaft interessiert hatten. Claude kostete sie schon einen guten Teil. Als sie dann nur noch den Jüngsten bei sich hatten, scharrten sie die dreihundertundfünfzig Francs in sieben und einem halben Monat zusammen. An dem Tage, an dem sie die Möbel bei einem Wiederverkäufer der Rue Belhomme kauften, machten sie vor dem Heimweg einen Spaziergang auf den äußern Boulevard, voll freudigen Herzens. Es war ein Bett, ein Nachtkästchen, eine Kommode mit Marmorplatte, ein Schrank, ein runder Tisch mit Wachstuch darauf und sechs Stühle, und das alles in altem Mahagoni; mit eingerechnet das Bettzeug, Tischwäsche und fast neue Küchengeräte. Es war für sie wie der Anfang eines ernsten und definitiven Lebens, etwas, das sie zu Eigentümern stempelte und ihnen Wichtigkeit gab inmitten der gutsituierten Leute des Viertels.

Seit zwei Monaten hatte sie die Wahl der Wohnung beschäftigt. Sie wollten vor allem eine Wohnung in dem großen Hause der Rue de la Goutte d'Or. Aber dort war lein Zimmer frei und sie mußten auf diesen alten Traum verzichten. In Wahrheit war Gervaise nicht allzu böse darüber: die Nachbarschaft der Lorilleux' Tür an Tür erschreckte sie sehr. Sie suchten anderswo. Coupeau hielt darauf, daß sie nicht allzu entfernt von der Werkstatt der Frau Fauconnier wohnten, damit Gervaise zu jeder Zeit schnell zu Hause sein könne. Endlich machten sie den Fund: ein großes Zimmer mit einem Kabinett und einer Küche in der Rue Neuve de la Goutte d'Or, beinahe gegenüber der Büglerin. Es war ein kleines Haus mit nur einer Etage, einer steilen Treppe und nur zwei Wohnungen, eine rechts, eine links. Das Untergeschoß bewohnt von einem Wagenvermieter, der seine Fuhrwerke in einem Schuppen des großen Hofes hielt, dessen Mauer längs der Straße lief. Die junge Frau war entzückt; sie glaubte wieder in die Provinz zurückgekehrt zu sein; keine Nachbarn, kein Klatsch zu befürchten, ein Eckchen Ruhe, das sie an eine kleine Straße in Plassans erinnerte, hinter den Festungen; und das schönste war, sie konnte von ihrer Arbeit aus das Fenster der Wohnung sehen, wenn sie den Kopf streckte.

Der Einzug geschah zum Apriltermin. Gervaise war im achten Monat ihrer Schwangerschaft. Aber sie war voll guter Zuversicht und behauptete lachend, daß ihr das Kind bei der Arbeit helfe; sie fühlte seine kleinen Fäustchen wachsen und ihr Kraft verleihen. Sie empfing Coupeau schön, als er eines Tages von ihr verlangte, sie solle sich niederlegen und schonen. Sie würde sich bei den großen Schmerzen schon ins Bett legen, das wäre noch früh genug; denn dann, mit einem Munde mehr, würde man noch tüchtig sich rühren müssen. Sie putzte die Wohnung ehe sie dem Manne half, die Möbel an ihren Platz zu stellen. Diese Möbel waren ihnen heilig; sie putzte sie mit mütterlicher Sorge und war bei dem geringster Kratzer außer sich. Wenn sie an Schrank oder Tisch anstieß beim Kehren, war ihr, als hätte sie sich selbst gestoßen. Besonders lieb war ihr die Kommode; sie fand sie schön, solide und voll strengem Aussehen. Einen Traum hatte sie noch, den sie nicht zu äußern wagte: sie wünschte sich eine Uhr! Die hätte auf dem Marmor der Kommode einen fabelhaften Effekt gemacht! Ohne das Kleine, das sie nun erwartete, hätte sie es vielleicht riskieren können, solch eine Uhr zu kaufen. Die mußte nun mit einem Seufzer auf später verschoben werden.

Das Ehepaar lebte voller Entzücken in dieser neuen Wohnung. Etiennes Bett stand im Kabinett, wo man noch ein Kinderbett hineinstellen konnte. Die Küche war so groß wie eine Hand und ganz schwarz; wenn man aber die Türe offen ließ, sah man ganz gut darin. Gervaise mußte ja auch nicht für dreißig Personen kochen, es genügte ihr, soviel Platz zu haben, um ihr Rindfleisch zu sieden. Das große Zimmer aber, das war ihr Stolz. In aller Frühe zogen sie die Vorhänge des Alkovens zu, Vorhänge aus weißem Perkal, und so war das Zimmer in ein Speisezimmer verwandelt, mit dem Tisch in der Mitte, die Kommode und der Schrank einander gegenüber. Da der Kamin bis fünfzehn Sous Kohlen verbrannte im Tag, so hatten sie ihn zugestopft; ein kleiner Ofen aus Gußeisen stand auf der Steinplatte davor, und der gab für sieben Sous Wärme an Tagen großer Kälte. Coupeau hatte die Wände geschmückt so gut er konnte; er versprach sich noch Verschönerungen, wie einen großen Stahlstich, der einen Marschall von Frankreich darstellte, einen Kommandostab in der Hand und zwischen einer Kanone und einem Haufen Kugeln; er sollte über dem Kamin den Platz des Spiegels vertreten. Über der Kommode hingen die Familienbilder in zwei Reihen, links und rechts von einem alten Weihwasserkessel aus vergoldetem Porzellan, in dem man die Streichhölzer aufbewahrte. Auf der einen Ecke des Schrankes machte eine Büste Pascals das Gegenstück zu einer von Béranger auf der andern Ecke, der eine ernst, der andere heiter neben der Kuckucksuhr, auf deren Ticktack die zwei Köpfe zu horchen schienen. Es war wirklich ein schönes Zimmer.

»Ratet, wieviel wir für das alles bezahlen«, fragte Gervaise jeden Besucher.

Und wenn man die Wohnung höher einschätzte, triumphierte sie, schrie auf und war entzückt, für so wenig Geld so gut logiert zu sein.

»Hundertfünfzig Francs, nicht mehr! Nicht, das ist doch geschenkt!«

Die Rue Neuve de la Goutte d'Or selbst befriedigte sie noch mehr. Gervaise lebte auf; sie ging gern zwischen ihrer Wohnung und Frau Fauconnier hin und her. Coupeau ging abends hinunter und rauchte seine Pfeife an der Türe. Die Straße ohne Gehweg, mit gesenktem Pflaster, stieg aufwärts. Oben an der Rue de la Goutte d'Or waren dunkle Läden mit schmutzigen Fenstern, Schuster, Faßbinder, ein Spezereiladen, ein Weinwirt, der falliert hatte und dessen seit Wochen geschlossene Läden sich mit Plakaten füllten. Am andern Ende der Straße, gegen Paris zu, wurde der Himmel durch vierstockhohe Häuser versperrt, deren Erdgeschosse waren von Büglerinnen bewohnt, eine neben der andern; einzig die Auslage eines Perückenmachers erheiterte diesen dunkeln Winkel: sie war grün gestrichen, voller Flaschen von zarten Farben, und das Messing blitzte. Aber die Heiterkeit der Straße lag in deren Mitte, wo die Gebäude seltener waren und die niedrigeren Sonne und Luft durchließen. Die Ställe des Lohnfuhrwerkers, das benachbarte Gebäude, wo Selterswasser fabriziert wurde, das Waschhaus gegenüber, ließen eine lange, freie, stille Aussicht; die Stimmen der Wäscherinnen erstarben unter dem regelmäßigen Stampfen der Dampfmaschine, welche die Stille noch stiller machte. Tiefe Baugründe, Alleen zwischen den schwarzen Mauern bildeten hier ein Dorf. Coupeau unterhielten die seltenen. Passanten dieser Straße, die über das Seifenwasser, das da ewig floß, hinwegspringen mußten; er meinte sich an das Land zu erinnern, wohin man ihn im Alter von fünf Jahren zu einem Onkel gebracht hatte. Gervaise wieder hatte ihre Freude an einem Baum im Hofe unten, der links von ihrem Fenster stand – eine Akazie, deren einer herausgesteckter Ast von magerem Grün genügte, die ganze Straße zu beleben.

Am letzten Apriltag kam die Frau nieder. Die Schmerzen übermannten sie am Nachmittag gegen vier Uhr, als sie gerade an einem Vorhang für Frau Fauconnier bügelte. Sie wollte nicht gleich fortgehen und blieb, sich krümmend, auf einem Stuhl sitzen. Und immer wieder machte sie einen Bügelstrich, wenn der Schmerz vorüber war, denn die Vorhänge sollten fertiggemacht werden und eigensinnig wollte sie es selber besorgen; auch sei es vielleicht nur eine Kolik, man müsse auf Bauchweh nicht so achten. Als sie sagte, sie wolle noch die Herrenhemden bügeln, wurde sie ganz blaß. Sie mußte das Bügelzimmer verlassen; hielt sich an den Wänden; ganz gekrümmt ging sie über die Straße; eine Arbeiterin bot sich an, sie zu begleiten; aber sie nahm es nicht an, sondern bat sie nur, zur Hebamme in die Rue de la Charbonniere zu laufen. Noch wäre ja das Feuer nicht auf dem Dach, gewiß nicht; die ganze Nacht würde es sicher noch dauern. Nach Hause gekommen, wollte sie noch Coupeaus Essen bereiten; dann sich etwas aufs Bett legen, ohne sich auszuziehen. Aber auf der Treppe wurde sie von einer so starken Wehe befallen, daß sie sich niedersetzen mußte; sie drückte sich die Fäuste auf den Mund, um nicht zu schreien, denn sie schämte sich, falls Männer die Stiege heraufkämen. Der Schmerz ging vorüber; sie konnte etwas erleichtert die Türe öffnen, dachte immer noch, sie hätte sich getäuscht. Sie machte an diesem Abend Ragout mit Hammelkoteletten. Alles ging noch ganz gut, während sie die Kartoffeln schälte. Die Koteletten brieten in der Pfanne, als ihr der Schweiß ausbrach und die Schmerzen zunahmen. Sie rührte die braune Butter, stieg vor dem Ofen von einem Fuß auf den andern und dicke Tränen verdunkelten ihr den Blick. Wenn sie jetzt auch niederkam, nicht? das war doch kein Grund, daß Coupeau sein Essen nicht haben sollte. Endlich dünstete das Ragout auf einem mit Asche gedeckten Feuer. Dann ging sie wieder ins Zimmer und wollte noch auf einer Tischecke das Besteck für ihn auflegen. Sie mußte aber den Wein schnell wieder hinstellen; sie hatte nicht mehr die Kraft, bis zum Bett zu gehen, fiel nieder und gebar auf dem Boden, auf einer Strohmatte. So fand sie die Hebamme eine Viertelstunde später und tat, was zu tun war.

Coupeau arbeitete immer noch am Spital und Gervaise verbot, daß man ihn störe. Als er um sieben Uhr nach Hause kam, fand er seine Frau im Bett, fest zugedeckt und sehr blaß. Das Kind weinte, in einen Schal eingebunden, zu Füßen der Mutter.

»Meine arme Frau!« sagte Coupeau, indem er sie küßte. »Und ich hab Witze gemacht, während du zu Hause vor Schmerz schreien mußtest! Sag, liegst du auch bequem? Du machst das wahrhaft in der Zeit, die man zum Niesen braucht.« Sie hatte ein schwaches Lächeln; dann sagte sie leise:

»Es ist ein Mädchen.«

»Ganz recht so!« erwiderte der Zinkarbeiter; er wollte lustig sein, um sie zu trösten. »Ich hatte ja eine Tochter bestellt. Siehst du, wie ich bedient werde? Du machst alles, wie es ich will.«

Er hob das Kind auf und sagte:

»Laß dich ein wenig anschauen, Fräulein. Du hast eine kleine schwarze Fratze. Die wird schon weiß werden, habe nur keine Angst. Du mußt brav sein, nicht eine Hur machen, vernünftig aufwachsen, so wie Papa und Mama ...«

Gervaise betrachtete ernst ihre Tochter, mit großen offenen Augen, die sich leise trübten vor Traurigkeit. Sie hob leise die Schultern; sie hätte lieber einen Knaben gehabt, weil Knaben sich leichter fortbringen und nicht so viele Gefahren bestehen müssen in diesem Paris. Die Hebamme mußte ihm die kleine Coupeau aus den Händen nehmen. Sie verbot auch der Frau, so viel zu sprechen; das wäre schon schlecht, daß man so viel Lärm um sie herum mache. Dann sagte Coupeau, man müsse Mama Coupeau und die Lorilleux' benachrichtigen; aber er sterbe vor Hunger, er wolle vorher essen. Das war eine große Sorge für die Kindsmutter, als sie ihn sich selbst bedienen sah. Er mußte in die Küche rennen, sein Ragout holen, aus einem hohlen Teller essen, und er fand das Brot nicht. Trotz des Verbotes sorgte sie und wälzte sich unter den Leintüchern. Wie dumm, daß sie den Tisch nicht mehr hatte richten können! Die Kolik hat sie wie einen Stock auf den Boden geschmissen. Ihr Mann müsse doch bös sein, wenn er sehe, daß sie sich faul im Bett strecke, während er so schlecht zu essen bekäme. Sind wenigstens die Kartoffeln gebraten? Sie könnte sich nicht erinnern, ob sie sie auch gesalzen habe.

»Schweigt doch schon still!« schrie die Hebamme.

»Ja, wenn es Ihnen gelingt, daß sie sich still hält,« sagte Coupeau mit vollem Mund. »Ich wette, wenn Sie nicht da wären, sie stände auf und würde mir das Brot schneiden ... Bleib doch schon auf dem Rücken liegen, du dicke Pute! Darfst dir nicht weh tun, sonst brauchst du vierzehn Tage, um wieder auf den Füßen zu sein ... Es ist ausgezeichnet, dem Ragout! Madame will mitessen, oder?«

Die Hebamme dankte, doch wolle sie gern ein Glas Wein trinken, weil sie sich sehr aufgeregt habe, als sie die arme Frau mit dem Kinde auf der Strohmatte fand.

Endlich ging Coupeau, um der Familie die Geburt zu melden. Eine halbe Stunde später kam er mit all seinen Leuten an, Mama Coupeau, die Lorilleux', Frau Lerat, die er gerade bei den letzteren getroffen hatte.

Die Lorilleux' waren angesichts des guten Fortkommens des Haushaltes sehr liebenswürdig, lobten übertrieben Gervaise, wobei sie kleine einschränkende Gesten machten, das Kinn vorschoben, mit den Augendeckeln klapperten – wie um damit ihr Urteil zu bekräftigen. Nun, sie wußten was sie wußten, aber wollten sich nicht gegen die Meinung des ganzen Viertels stellen.

»Hier bring ich dir die Sippschaft!« schrie Coupeau. »Na ja, sie wollten dich sehen ... Mach den Schnabel nicht auf, es ist dir verboten. Sie sind nur da, um dich ruhig anzuschauen, ohne Formalitäten, nicht wahr? ... Ich mach ihnen Kaffee!«

Er verschwand in der Küche. Mama Coupeau hatte Gervaise geküßt und wunderte sich nun über die Stärke des Kindes. Die beiden andern Frauen hatten sie ebenfalls geküßt. Dann stellten sich alle drei vor das Bett und diskutierten über die Niederkunft. Komische Niederkunft, meinten sie, nicht länger als man braucht, einen Zahn zu ziehen. Frau Lerat untersuchte das Kleine nach allen Seiten und fand es wohlgebaut; sie fügte noch betont hinzu, daß es eine ganz famose Frau abgeben würde; da sie aber fand, daß der Kopf zu spitz wäre, fing sie an, ihn zu drücken, trotzdem das Kind zu schreien begann. Frau Lorilleux ärgerte sich darüber und riß ihr das Wurm aus den Händen: so drücken genüge, um einem Wesen alle Laster anzuhängen! Es so zu nudeln, wenn der Schädel noch so weich wäre! Dann suchte sie Ähnlichkeiten. Bald hätte man sich darüber gezankt. Lorilleux, der mit vorgestrecktem Hals hinter den Frauen stand, sagte, daß das Kind gar nichts von Coupeau hätte; vielleicht ein wenig die Nase; aber es wäre doch ganz die Mutter, nur mit andern Augen; aber sicher kämen die Augen nicht von der Familie.

Coupeau erschien nicht mehr. Man hörte ihn in der Küche sich mit dem Herde und der Kaffeemühle herumschlagen. Gervaise wurde böse; das wäre keine männliche Beschäftigung, Kaffee machen. Und sie rief ihm hinaus, wie er es zu machen habe, und horchte nicht auf die Hebamme, die ihr energisch still zu sein gebot.

»Tut das Bündel da weg!« rief Coupeau, der mit der Kaffeekanne eintrat. »Natürlich, das muß sich aufregen ... Wir trinken das aus Gläsern, nicht wahr, – weil, ja, die Tassen sind nämlich noch beim Geschirrhändler.«

Sie setzten sich um den Tisch herum, der Zinkarbeiter wollte selber den Kaffee einschenken. Er roch hübsch stark, der war weiß Gott nicht aus Zichorie gebraut. Als die Hebamme ihr Glas ausgeschlürft hatte, ging sie; alles ginge ganz glatt, sie sei nicht mehr nötig; wenn die Nacht nicht gut gewesen wäre, solle man sie am andern Morgen holen lassen. Sie war noch auf der Treppe, da nannte sie Frau Lorilleux ein Freßmaul und Faulpelz. So was tat sich vier Stück Zucker in den Kaffee, nimmt fünfzehn Francs und läßt einen allein entbinden. Aber Coupeau verteidigte das Weib; er gäbe die fünfzehn Francs gern; schließlich verbrauchten diese weisen Frauen ihre Jugend mit Studieren, und so müßten sie hernach sich das bezahlen lassen. Dann stritt sich Lorilleux mit Frau Lerat; er behauptete, um einen Knaben zu bekommen, müßte man das Kopfende des Bettes gegen Norden stellen; sie zuckte nur die Schultern und erklärte das für Dummheiten und gab ein anderes Rezept an: man müsse, ohne es der Frau zu sagen, unter deren Matratze eine Handvoll frischer Brennesseln tun, die an der Sonne gepflückt sind.

Man hatte den Tisch zum Bett hingeschoben. Bis zehn Uhr blieb Gervaise lächelnd und dumpf, mit dem Kopf auf dem Kissen, wurde aber nun nach und nach von einer entsetzlichen Müdigkeit erfaßt; sie sah und hörte alles, hatte aber keine Kraft mehr, weder zu einer Bewegung noch zu einem Wort; es war ihr, als wenn sie tot wäre, wie eines ganz leisen Todes gestorben, in dem sie aber glücklich war, die andern leben zu sehen. Von Zeit zu Zeit hörte man ein Wimmern des Kindes aus diesen groben Stimmen heraus, die unaufhörliche Betrachtungen über einen Mord anstellten, der am Abend vorher in der Rue du Bon-Puits am andern Ende von la Chapelle verübt worden war.

Als die Gesellschaft endlich ans Heimgehen dachte, fing man an von der Taufe zu sprechen. Die Lorilleux' hatten es angenommen, Pate und Patin zu werden; im Hintergedanken wollten sie es eigentlich nicht, hätten aber doch komische Gesichter geschnitten, wenn man sich nicht an sie gewendet hätte. Coupeau sah die Notwendigkeit nicht ein, daß die Kleine getauft werden müsse; davon kriegt sie ganz sicher keine zehntausend Francs Rente. Und dann riskierte sie zudem noch einen Schnupfen. Je weniger man mit Pfarrern zu tun hätte, desto besser. Aber Mama Coupeau sagte, er wäre ein Heide. Die Lorilleux', die auch nicht den lieben Gott in den Kirchen auffressen gingen, bestanden darauf, Religion zu haben.

»Also dann auf Sonntag, wenn ihr wollt«, sagte der Kettenschmied.

Gervaise hatte mit dem Kopf dazu genickt; alle küßten sie und empfahlen ihr, sich gut aufzuführen. Auch dem Bébé sagte man gute Nacht. Einer nach dem andern beugte sich über diesen armen kleinen fröstelnden Körper, lächelte und sagte ihm zärtliche Worte, als ob er hätte verstehen können. Man nannte es Nana, der Kosename von Anna, nach dem Vornamen der Patin.

»Gute Nacht, Nana ... Nana, sei ein schönes Mädchen.«

Als sie fort waren, rückte Coupeau seinen Stuhl an das Bett und rauchte seine Pfeife fertig, Gervaises Hand in der seinen. Er rauchte langsam, zwischen jedem Zug Worte hervorstoßend und sehr gerührt.

»Na, Alte, haben sie dir den Kopf eingeschlagen? Du verstehst, ich konnte sie nicht hindern, herzukommen. Es beweist immerhin ihre Freundschaft. Aber, nicht wahr, schöner ist's schon, man ist allein. Mir war so danach, mit dir allein zu sein, so wie jetzt. Der Abend wollte gar nicht rumgehen ... Armes Huhn! Hast viel gelitten. Ja, ja, diese Gören da haben keine Ahnung, wie weh das tut, wenn sie auf die Welt kommen. Das muß doch wahrhaftig sein, als öffnete man euch die Seiten ... Wo ist das Wehweh, ich will's küssen!«

Leise schob er eine seiner großen Hände unter den Rücken und zog die Frau an sich, küßte ihren Bauch durch die Tücher, gepackt von der Zärtlichkeit eines rauhen Mannes für diese noch schmerzhafte Fruchtbarkeit. Er fragte, ob er ihr nicht weh täte, und wollte das Weh durch Drüberblasen wegnehmen. Und Gervaise war sehr glücklich. Sie beschwor, daß sie gar nicht mehr leide. Sie dächte nur daran, sobald wie möglich wieder aufzustehen; man dürfe jetzt nicht daran denken, die Arme über den Leib zu legen. Aber er beruhigte sie. Würde er nicht für das Brot der Kleinen sorgen? Er wäre ein großer Schurke, wenn er jemals ihr die Kleine zur Last fallen ließe. Das wäre gar nicht schwer, ein Kind, zu machen; das Verdienstliche aber wäre, es zu erhalten nicht?

Diese Nacht schlief Coupeau wenig. Er hatte das Feuer abgedeckt. Jede Stunde mußte er aufstehen, um der Kleinen einen Löffel warmes Zuckerwasser zu geben. Trotzdem ging er in der Früh in die Arbeit wie gewöhnlich. Während seiner Frühstückspause ging er aufs Bürgermeisteramt, die Geburtsanzeige zu machen. Über die Zeit kam Frau Boche, die man benachrichtigt hatte, und verbrachte den Tag bei Gervaise. Nach zehn Stunden tiefen Schlafes jammerte Gervaise schon und behauptete, ganz zerschlagen vom Betthüten zu sein. Sie würde krank werden, wenn man sie nicht aufstehen ließe. Am Abend, als Coupeau zurückkam, erzählte sie ihm ihre Plagen; gewiß habe sie alles Vertrauen in Frau Boche; aber sie gerate außer sich, wenn sie eine Fremde sich in ihrem Hause festsetzen sehe, die in den Schubladen wühle und ihre Sachen alle anrühre. Am andern Morgen, als die Hausmeisterin von einer Besorgung zurückkam, fand sie Gervaise auf, angezogen, kehrend und sich um das Mahl ihres Mannes kümmernd. Und sie wollte sich durchaus nicht wieder hinlegen. Wolle man sich denn über sie lustig machen? Das wäre gut genug für die Damen, die aussehen wollten, als wären sie davon zerbrochen. Aber wenn man nicht reich ist, hat man für so was keine Zeit. Drei Tage später plättete sie Unterröcke bei Frau Fauconnier, klopfte die Plätteisen, ganz in Schweiß gebadet von der Ofenhitze.

Am Samstag Abend brachte Frau Lorilleux ihr Patengeschenk: ein Häubchen, fünfunddreißig Sous Wert, ein plissiertes Taufkleidchen mit einer kleinen Spitze garniert, das sie für sechs Francs bekommen hatte, weil es nicht mehr ganz frisch war. Am andern Morgen brachte Lorilleux als Pate der Mutter des Kindes sechs Pfund Zucker. Sie machten alles ganz brav. Selbst am Abend beim Essen, das bei den Coupeaus stattfand, kamen sie nicht mit leeren Händen. Der Mann kam mit zwei Flaschen Wein, rotgesiegelt, unter jedem Arm, und die Frau trug eine große Torte, die sie bei einem renommierten Bäcker der Chaussee Clignancourt gekauft hatte. Nur erzählten die Lorilleux' im ganzen Viertel von ihrer noblen Freigebigkeit; sie hatten ungefähr zwanzig Francs ausgegeben. Als Gervaise von ihrem Geschwätz erfuhr, war sie außer sich und hielt nichts mehr von ihren guten Manieren.

Bei diesem Taufschmaus freundeten sich die Coupeaus mit ihren Nachbarsleuten an. Die andere Wohnung des kleinen Hauses war von zwei Personen bewohnt, Mutter und Sohn, die Goujets, wie sie sich nannten. Bisher hatte man sich auf der Stiege oder auf der Straße gegrüßt, nichts weiter; die Nachbarn schienen ein wenig langweilig. Als die Mutter ihr aber einen Eimer Wasser hinauftrug am Tag nach der Niederkunft, fanden sie es schicklich, sie einzuladen, zumal sie die beiden sehr anständig fanden. Da hatte man dann natürlicherweise Bekanntschaft gemacht.

Die Goujets waren aus Nordfrankreich. Die Mutter flickte Spitzen; der Sohn war Grobschmied von Beruf; er arbeitete in einer Fabrik, in der Bolzen gemacht werden. Sie wohnten schon seit fünf Jahren auf der andern Seite des Bodens. Hinter ihrem friedlichen äußern Leben verbarg sich ein alter Kummer: der Vater Goujet schlug in der Trunkenheit eines Tages einen Kameraden nieder mit einer Eisenstange, worauf er sich mit seinem Taschentuch im Gefängnis erwürgte. Die Witwe kam dann nach dem Unglück mit dem Kinde nach Paris, sie fühlten immer dieses Drama über sich schweben; kauften sich von ihm los durch große Ehrlichkeit, Sanftmut und unveränderlichen Lebensmut. Sie waren beinahe stolz auf ihren Fall, denn sie glaubten, sie waren etwas besser als die andern. Frau Goujet war immer schwarz angezogen und trug die Stirn eingehüllt in eine klösterliche Haube; sie hatte ein blasses Gesicht und das gut ausgeruhte Aussehen einer Matrone; es schien, als ob die Blässe der Spitzen, diese sorgliche Arbeit ihrer Finger, ihr einen Widerschein von Zufriedenheit geben würde. Der junge Goujet war ein Koloß von dreiundzwanzig Jahren, stolz, das Gesicht rosa angehaucht, blaue Augen, herkulische Kraft. In der Werkstatt nannten ihn die Kameraden wegen seines schönen blonden Bartes die Goldschnauze.

Gervaise fühlte sofort große Freundschaft für diese Leute. Als sie das erstemal bei ihnen war, war sie von der großen Sauberkeit ganz betroffen. Man konnte nichts sagen, überall konnte man hinblasen, kein Stäubchen flog auf. Und der Boden leuchtete wie ein Spiegel. Frau Goujet zeigte ihr auch das Zimmer ihres Sohnes. Es war lieblich und weiß wie ein Mädchenzimmer: ein schmales eisernes Bett mit Musselinvorhängen, ein Tisch, eine Waschtoilette, ein schmales Bücherregal an der Wand; dann Bilder von oben bis unten, ausgeschnittenes Zeug aus illustrierten Zeitungen. Frau Goujet sagte lächelnd, daß ihr Sohn noch ein großes Kind wäre; am Abend wurde er müde vom Lesen; dann unterhielt er sich, indem er seine Bilder anschaute. Gervaise vergaß sich und blieb eine Stunde lang bei der Nachbarin, die sich mit ihrem Stickrahmen an den Fensterplatz gesetzt hatte. Sie interessierte sich für gewisse Stiche an der Spitze, glücklich da zu sein und die frische Luft der Sauberkeit einatmend, wo diese zarte Beschäftigung eine sanfte Stille verbreitete.

Die Goujets gewannen noch beim Verkehr. Sie machten Überstunden und trugen ein Viertel ihres vierzehntägigen Einkommens auf die Sparkasse. Im Quartier grüßte man sie, erzählte sich von ihren Ersparnissen. Goujet hatte nie durchlöcherte Kleider, ging mit sauberer Jacke aus, immer ohne Flecken. Er war sehr höflich, fast schüchtern, trotz seiner breiten Schultern. Die Büglerinnen am Ende der Straße lachten über ihn, wenn er vorüberging, weil er die Nase so hängen ließ. Er liebte ihr grobes Gerede nicht, fand es ekelhaft, wenn Frauen immer Schweinereien redeten. Eines Tages kam er betrunken nach Hause. Da führte ihn Frau Goujet ohne jeden andern Vorwurf vor das Porträt seines Vaters, eine schlechte Malerei, die pietätvoll unten in einer Schublade der Kommode verborgen war. Seit dieser Lektion trank Goujet nie mehr als nötig; ohne den Wein zu hassen, denn er ist für einen Arbeiter nötig. Sonntags ging er mit seiner Mutter aus, führte sie am Arm; oft brachte er sie in die Gegend von Vincennes; ein andermal führte er sie ins Theater. Seine Mutter blieb seine Leidenschaft. Er sprach mit ihr, als wäre er noch ganz klein. Der viereckige Kopf, das Fleisch von schwerer Arbeit mit dem Hammer gestählt, hatte er etwas von einem großen Tier: von hartköpfiger Intelligenz, aber rührend gutmütig.

Die ersten Tags beunruhigte ihn Gervaise sehr. Nach einigen Wochen gewöhnte er sich an sie. Er paßte ihr auf und half ihr Pakete hinauftragen; er behandelte sie wie eine Schwester, mit starker Familiarität; er schnitt jetzt Bilder für sie aus. Eines Morgens jedoch trat er ein, ohne vorher angeklopft zu haben, und traf Gervaise halbnackt, sich den Hals waschend; acht Tage lang konnte er ihr darauf nicht ins Gesicht sehen, bis sie es endlich merkte und rot wurde.

Cadet Cassis fand mit seiner pariserischen Suada die Goldschnauze dumm. Es wäre schon recht, wenn man nicht trinke und auf den Gehwegen den Mädchen nicht in die Nase schaue; aber ein Mann müsse doch ein Mann sein, sonst könnte man ja gleich Unterröcke tragen. Er frotzelte ihn vor Gervaise, indem er ihn beschuldigte, sich nach allen Frauen im Viertel umzusehen; und der Regimentstrommler von einem Goujet mußte sich heftig verteidigen.

Das hinderte die beiden Arbeiter aber nicht, gute Kameraden zu sein. Sie riefen nacheinander des Morgens, gingen zusammen und tranken manchmal ein Glas Bier vor dem Heimgehen. Seit dem Taufessen sagten sie sich du, weil das Sie die Sätze so verlängere. Bis dahin war ihre Freundschaft ihr Du gewesen; da erwies die Goldschnauze ihm eines Tages einen Dienst, den man sein ganzes Leben lang nicht vergißt. Es war am 2. Dezember. Zum Spaß schlug der Zinkarbeiter vor, man solle sich den Aufstand ansehen gehen; ihm war die Republik ganz gleichgültig, ebenso Bonaparte und der ganze Schwindel; aber er liebte das Pulver, und Flintenschüsse kamen ihm komisch vor. Er wäre hinter einer Barrikade gefangengenommen worden, hätte ihn der Grobschmied nicht mit seinem großen Körper gedeckt, hinter dem er fliehen konnte. Als Goujet die Vorstadt Poissonnière durcheilt hatte, wurde er sehr ernst. Er dachte ernsthaft über die Politik nach; er war Republikaner im Namen der Gerechtigkeit und zum Wohle aller. Er hatte nicht geschossen und gab seine Gründe dafür an: das Volk wäre es müde geworden, für die Bourgeois die Kastanien aus dem Feuer zu holen und sich dabei die Finger zu verbrennen; Februar und Juni waren gute Lehren; künftig sollten die Vorstädte die Stadt machen lassen was sie wolle. Als er auf der Höhe der Rue des Poissonniers kam, schaute er zurück auf Paris; es wurde heiß gekocht; das Volk würde es vielleicht eines Tages bereuen, die Arme gekreuzt zu haben. Aber Coupeau lachte, nannte sie dumme Esel, die ihre Haut riskierten, letzten Endes nur, damit die verfluchten Faulenzer in der Kammer ihre fünfundzwanzig Francs behalten dürfen. Abends luden die Coupeaus Goujets zum Essen ein. Beim Nachtisch küßten sich Cadet-Cassis und die Goldschnauze auf die Backen. Das war Freundschaft auf Leben und Tod.

Drei Jahre lang verlief das Leben der beiden Familien auf beiden Seiten des Ganges ohne besonderes Ereignis. Gervaise hatte die Kleine selber aufgezogen, und das kostete sie nur etwa zwei Tage Arbeit in der Woche. Sie wurde eine gute Feinbüglerin, verdiente bis zu drei Francs im Tage. Sie hatte sich entschlossen, Etienne, der jetzt acht Jahre alt war, in eine kleine Pension der Rue des Chartres zu geben; sie bezahlte hundert Sous dafür. Und trotz der Last der beiden Kinder legten sie zwanzig bis dreißig Francs im Monat zurück. Als ihre Ersparnisse die Höhe von siebenhundert Francs erreicht hatten, bereitete ein ehrgeiziger Traum der jungen Frau schlaflose Nächte: sie wollte sich selbständig machen, einen kleinen Laden mieten und ihrerseits Arbeiterinnen beschäftigen. Nach zwanzig Jahren, ginge das Geschäft gut, könnten sie eine Rente haben, die sie dann irgendwo auf dem Lande aufessen konnten. Noch durfte sie es nicht wagen. Sie wollte das Lokal suchen, um dann Zeit zum Überlegen zu haben. Das Geld war auf der Sparkasse gut aufgehoben; ja es trug sogar Zinsen. Während dreier Jahre hatte sie sich nur einen einzigen Wunsch erfüllt: sie hatte sich eine Uhr gekauft; auch würde diese Uhr, die aus Palisanderholz war und gedrehte Säulen und einen Perpendikel aus vergoldetem Kupfer hatte, erst in einem Jahr bezahlt sein, in Raten von zwanzig Sous jeden Montag. Sie wurde böse, wenn Coupeau sie aufziehen wollte; sie nur durfte den Glassturz aufheben; sie putzte mit einer Frömmigkeit die Säulen ab, als wenn der Marmor der Kommode sich in eine Kapelle verwandelt hätte. Unter dem Sturz, hinter der Uhr, verbarg sie das Sparkassenbuch. Oft, wenn sie sich in Gedanken vergaß, stand sie vor diesen Zeigern, die sich drehten, und sie dachte an ihren Laden und glaubte einen besonders feierlichen Moment zur Entscheidung gekommen. Die Coupeaus gingen fast jeden Sonntag mit den Goujets aus. Es waren kleine hübsche Ausflüge, ein Gebackenes in Saint-Ouen oder ein Kaninchen in Vincennes in der Laube einer Wirtschaft gegessen. Die Männer tranken je nach Durst, kamen aufgefrischt zurück und boten den Frauen ihren Arm. Am Abend vor dem Schlafengehen überzählte man die Ausgaben und teilte sich darein; nie gab es Streit um einen Sou mehr oder weniger. Die Lorilleur wurden eifersüchtig auf die Goujets. Es schien ihnen komisch, daß Cadet-Cassis und sein Hinkebein immer mit Fremden ausgingen, wo sie doch Familie hatten! Aber was kümmerten sich diese Leute um ihre Familie! Seitdem sie vier Sous auf der Seite hätten, meinten sie wunder was. Als Frau Lorilleux sah, daß ihr Bruder für sie verloren war, fing sie wieder an, Gervaise mit Bosheiten zu traktieren. Frau Lerat aber verteidigte die junge Frau, nahm Partei für sie und erzählte außerordentliche Geschichten von Versuchungen und Verführungen am Abend auf dem Boulevard, in denen sie als große Heroine vorkam, als welche sie Ohrfeigen an diese Verführer austeilte. Mama Coupeau versuchte alles zu versöhnen und sich zu all ihren Kindern gut zu stellen; ihre Augen wurden immer schlechter; sie konnte nur noch einen Haushalt versehen und war froh, wenn sie bei dem einen oder andern hundert Sous bekam.

An Nanas drittem Geburtstage fand Coupeau Gervaise ganz aufgelöst, als er nach Hause kam. Sie wollte nicht sprechen, erklärte ihm, daß sie nichts hätte. Als sie aber den Tisch verkehrt deckte, mitten in der Arbeit stehen blieb, wollte er durchaus alles wissen.

»Also gut,« sagte sie, »der Laden des kleinen Krämers, an der Rue de la Goutte d'Or ist zu vermieten ... Ich habe mir das vor einer Stunde angeschaut, als ich Garn holen ging. Es hat mir einen Stich gegeben.«

Es war ein sauberer Laden in demselben großen Hause, von dem sie früher einmal geträumt hatten, daß sie darin wohnen wollten. Der Laden selbst lag an der Frontseite und hatte einen Hinterraum mit zwei weiteren Zimmern rechts und links; gerade das, was sie nötig hatten; wenn die Zimmer auch klein waren, so waren sie gut gelegen. Nur war's zu teuer. Der Besitzer sprach von fünfhundert Francs.

»Du hast das angesehen und nach dem Preise gefragt?« sagte Coupeau.

»Weißt du, nur aus Neugierde! So, als ob es mir ganz gleichgültig wäre. Man sucht, geht auf den Vermietzettel hinein, das verpflichtet zu nichts ... Aber es ist wirklich zu teuer. Und dann ist's vielleicht auch eine Dummheit, mich selbständig zu machen.«

Nach dem Essen kam sie wieder auf den Laden des Krämers zu sprechen. Sie zeichnete die Anordnung auf den Rand einer Zeitung. Und nach und nach sprach sie lebhafter davon, maß die Wände aus, richtete die Zimmer ein, als ob sie am nächsten Tage hätte einziehen müssen. Sie drängte Coupeau zu mieten, und er sah, wie sehr sie Lust danach hatte; sicherlich würde sie nichts Anständiges unter fünfhundert Francs finden; vielleicht könnte man auch eine kleine Ermäßigung erreichen. Die einzige Unannehmlichkeit bestand darin, in demselben Hause wie die Lorilleux' zu wohnen, die sie nicht ausstehen könnte; aber sie hasse niemand. Im Feuer ihres Wunsches verteidigte sie sogar die Lorilleux'; im Grunde wären sie nicht schlecht, man würde schon mit ihnen auskommen. Als sie im Bette lagen und Coupeau schon schlief, richtete sie noch immer den Laden ein, ohne jedoch die Mietung beschlossen zu haben. Als sie am andern Morgen allein war, konnte sie sich nicht enthalten, den Glassturz der Uhr aufzuheben und in das Sparkassenbuch zu schauen. Komisch, daß ihr Laden in diesem kleine Buche stecke, das ganz verdreckt ist mit häßlichen Schriftzeichen und Stempeln. Ehe sie zur Arbeit ging, fragte sie noch Frau Goujet um ihren Rat; diese gab ihr vollkommen recht, sie solle sich nur selbständig machen; wenn man einen Mann habe wie sie, einen braven Kerl, der nicht trinke, da müsse sie unbedingt gute Geschäfte machen und nicht Angst haben, alles zu verlieren. Zum Frühstück stieg sie sogar zu den Lorilleux' hinauf, um auch sie zu befragen; sie wollte nicht als eine erscheinen, die etwas hinter dem Rücken der Familie tue. Frau Lorilleux war baff. Was? Das Hinkebein sollte einen Laden haben? Mit bitterem Herzen mußte sie zufrieden scheinen und sie stotterte: gewiß wäre dieser Laden sehr bequem, sie solle ihn nur nehmen. Als sie und ihr Mann sich aber vom ersten Schrecken erholt hatten, sprachen sie von der Feuchtigkeit des Hofes, der Düsterheit der untern Räume. Es sei ein Loch für den Rheumatismus. Aber, wenn sie schon so entschlossen wäre zu mieten, nicht wahr? ihre Bemerkungen würden sie doch nicht abhalten.

Am Abend bekannte Gervaise aufrichtig, daß sie krank geworden wäre, wenn man sie verhindert hätte, diesen Laden zu mieten. Aber sie wolle, ehe sie Vertrag mache, Coupeau die Räume zeigen und darauf dringen, daß ihnen etwas nachgelassen wird.

»Dann also auf morgen, wenn's dir recht ist,« sagte der Mann. »Du kommst gegen sechs Uhr mich von der Arbeit abholen, wenn es dir so paßt, und wir gehen von da durch die Rue de la Goutte d'Or nach Haus.«

Coupeau arbeitete gerade am Dach eines neuen dreistöckigen Hauses. An diesem Tage sollte er die letzten Zinkplatten legen. Da das Dach beinahe flach war, hatte er seinen Werktisch da aufgestellt, einen Schrägen auf zwei Fußböcken. Eine schöne Maisonne ging nieder und vergoldete die Kamine. Und ganz hoch oben, unter klarem Himmel, schnitt der Arbeiter ruhig sein Zink mit der großen Schere, über den Werktisch gebeugt, ganz wie ein Schneider, der ein paar Hosen zuschneidet. An der Mauer des Nachbarhauses unterhielt sein Gehilfe, ein Bursch von siebzehn Jahren, blond und schlank, das Feuer im Ofen mittels eines großen Blasebalges, dessen jeweiliger Atem einen Regen Funken herausblies.

»Zidore, tu die Eisen hinein!« rief Coupeau.

Der Gehilfe steckte die Löteisen mitten in die Glut, die ganz blaßrosa im hellen Tageslicht war. Dann zog er wieder den Balg. Coupeau hielt die letzte Zinkplatte. Sie sollte an dem Rande des Daches angebracht werden, beim Regenablauf; an dieser Stelle war das Dach stark abschüssig, das große gähnende Loch der Straße stand offen. Als wäre er bei sich zu Hause, mit Pantoffeln an den Füßen, schlürfte der Spengler übers Dach und pfiff einen Gassenhauer. Vor dem Loch ließ er sich nieder, stützte sich mit einem Knie gegen das Mauerwerk eines Kamines; so hing er halb über dem Pflaster. Eins seiner Beine baumelte hinunter. Als er sich nach dieser Blindschleiche von Zidore umsah, um ihn zu rufen, hielt er sich an einer Ecke der Mauer, denn die Straße gähnte unterhalb in der Tiefe.

»Verfluchter Trödler, so komm schon mit den Eisen! Und wenn du ewig in die Luft stierst, dumme Latte, es werden dir keine gebratenen Lerchen ins Maul fliegen.«

Aber Zidore beeilte sich nicht. Er interessierte sich für die benachbarten Dächer, für einen dicken Rauch, der am Ende von Paris aufstieg in der Gegend von Grenelle; das könnte gut eine Feuersbrunst sein. Endlich kam er und legte sich auf den Bauch, mit dem Kopf über dem Loch der Straße; und so gab er Coupeau die Eisen. Der verlötete nun die Platte. Er beugte sich, dehnte sich, fand immer sein Gleichgewicht, saß auf einer Hinterbacke, stützte sich auf einen Fuß, wurde von einem Finger gehalten. Er war schon verflucht tapfer, beschwor ganz sicher die Gefahr. Ja ja, die Straße hatte Angst vor ihnen. Da er seine Pfeife nicht aus dem Munde ließ, drehte er sich von Zeit zu Zeit um und spuckte ganz ruhig in die Gasse hinunter.

»Frau Boche!« schrie er auf einmal. »Heh! Frau Boche!«

Er sah die Hausmeisterin über die Straße gehen. Die hob den Kopf und erkannte ihn. Und eine Unterhaltung Hub an zwischen Straße und Dach. Sie hielt ihre Hände unter die Schürze und streckte die Nase in die Höh. Jetzt stand er, hielt seinen linken Arm um ein Kaminrohr und beugte sich hinab. »Haben Sie vielleicht meine Frau gesehen?« schrie er hinunter.

»Nein,« antwortete die Boche, »ist sie in der Nähe?«

»Sie soll mich holen kommen ... Alles wohl bei Ihnen?«

»Ja, danke, ich bin am meisten krank ... Ich geh nach der Rue Clignancourt, eine kleine Hammelkeule holen. Der Metzger neben der Moulin-Rouge verkauft sie um sechzehn Sous.«

Er schrie stärker, weil gerade ein Wagen vorbeifuhr In dieser breiten, verlassenen Straße lockte ihr lautes Reden nur eine kleine Alte ans Fenster; und diese Alte blieb nun, die Ellbogen aufgestützt, unter dem Fenster liegen, sich eine Zerstreuung und zugleich ein Gruseln damit bereitend, diesen Mann auf dem Dache da oben zu beobachten, fast als hoffte sie, ihn von einem Augenblick zum andern herunterfallen zu sehen.

»Also dann guten Abend,« rief nun Frau Boche, »ich will Sie nicht länger stören.«

Coupeau drehte sich um und nahm Zidore die Eisen ab. Im Augenblick, als sich die Hausmeisterin entfernte, kam Gervaise mit der kleinen Nana an der Hand auf der andern Seite der Straße daher. Die Kleine streckte den Kopf hoch, um dem Papa zuzurufen, da hielt ihr die junge Mutter energisch den Mund zu. Leise, als ob es der Mann oben hören könnte, erklärte sie dem Kinde, der Papa könne leicht einen Schreck bekommen und herunterfallen, wenn er sie so unverhofft sehen würde. Während der vier Jahre war sie nur noch ein einziges Mal ihn von der Arbeit abholen gegangen. Dies war das zweitemal. Sie konnte den Anblick nicht vertragen, ihren Mann zwischen Himmel und Erde zu sehen, da, wo sonst nur Finken und Spatzen hinkommen; das Blut kochte ihr.

»Sicher ist es nicht angenehm,« flüsterte Frau Boche. »Der meine ist Schneider, ich kenne Gott sei Dank diese Schrecken nicht.«

»Wenn Sie wüßten, liebe Frau Boche, in der ersten Zeit kam ich aus dem Entsetzen nicht heraus von morgens bis abends. Immer sah ich ihn mit zersprungenem Schädel auf einer Bahre liegen. Jetzt denke ich nicht mehr so oft daran. Man gewöhnt sich an alles. Man muß sein Brot verdienen. Aber, das ist ein teures Brot ... man riskiert öfter als man sollte seine Knochen dabei.«

Sie schwieg, Nana in ihre Röcke duckend, um einen Ausruf der Kleinen zu verhindern. Gegen ihren Willen schaute sie hinauf und war ganz blaß geworden. Gerade lötete Coupeau am äußersten Ende der Platte, bei der Dachrinne; er streckte sich vor soweit er konnte und vermochte das Ende nicht zu erreichen. Jetzt riskierte er mit verlangsamten Bewegungen sich noch weiter vorzubeugen. Einen Augenblick lang schwebte er über dem Pflaster; ganz ruhig, ohne sich anzuhalten, arbeitete er; von unten sah man das Eisen und die kleine weiße Flamme an der Lötstelle. Gervaise stand stumm, den Hals mit Grauen zugeschnürt, verschränkte die Hände und erhob sie wie zu einer Bitte. Nun atmete sie auf – Coupeau war auf das Dach zurückgestiegen, ganz ohne Eile; er nahm sich die Zeit, ein letztes Mal auf die Straße zu spucken.

»Man spioniert also!« rief er lustig, als er sie sah. »Sie hat's mit der Angst gekriegt, nicht wahr, Frau Boche? Wollte mir nicht zurufen ... Warte ein Weilchen, in zehn Minuten bin ich fertig.«

Er mußte noch einen Kopf auf den Kamin setzen, eine kleine, ganz unbedeutende Sache. Die Büglerin und die Hausmeisterin blieben auf dem Gehweg, sprachen über das Viertel, überwachten Nana, damit sie nicht im Rinnsal herumstieg, in dem sie kleine Fische suchte; sie sahen aber immer zum Dach hinauf, lächelten, gaben ihm zu verstehen, daß sie nicht ungeduldig wurden. Gegenüber lag die Alte immer noch im Fenster, schaute auf den Mann und wartete.

»Was hat sie nur zu gucken, diese Alte,« sagte Frau Boche. »Einen bösen Hexenblick hat sie.« Oben hörte man den Spengler singen. Jetzt beugte er sich über seinen Werktisch und schnitt das Zink zurecht wie ein Künstler. Mit dem Zirkel hatte er einen Kreis gezogen, löste einen großen Fächer mit der Zinkschere; dann gab er ihm durch leichte Hammerschläge die Form eines spitzen Pilzes. Zidore machte sich wieder an den Blasebalg. Die Sonne ging hinter dem Hause unter, groß, rot, dann blasser und nun leise ins zarte Violett vergehend. In diesem großen Lichte wuchsen die Silhouetten der beiden Männer ins Unermeßliche, hoben sich von dem Hintergrund der durchsichtigen Luft ab mit dem Werktisch und dem eigentümlichen Profil des Blasebalges. Als der Kopf fertig war, rief Coupeau:

»Zidore, die Eisen!«

Aber Zidore war gerade verschwunden.

Der Spengler suchte ihn fluchend mit den Augen, rief in die offen gebliebene Klappe des Speichers. Endlich sah er ihn, zwei Häuser entfernt, auf dem Dach. Der Schlingel ging da spazieren und kundschaftete die Umgebung aus, seine schüttern blonden Haare flatterten im Winde, seine Augen blinzelten angesichts des weiten Paris.

»Was heißt denn das, du Bummler! Glaubst du, du bist auf dem Lande!« rief Coupeau wütend. »Oder bist du vielleicht wie Herr Béranger und machst Verse? ... Willst du mir endlich die Eisen reichen! Hat man je so etwas gesehen! Auf den Dächern herumlungern! Du kannst ja deine Geliebte da herausführen, um ihr Liebeslieder vorzusingen... Willst du mir schon die Eisen geben, verfluchte Kröte!« Er lötete. Dann rief er zu Gervaise hinunter:

»Nun ist's fertig... ich komme.«

Das Rohr, an dem er den Kopf befestigen sollte, war mitten auf dem Dach. Gervaise war beruhigt und lächelte. Nana, die jetzt ihren Vater sah, klatschte in die kleinen Hände. Sie setzte sich auf den Gehweg, um ihn besser sehen zu können.

»Papa, Papa,« schrie sie aus Leibeskräften, »Papa, so schau doch!«

Der Spengler beugte sich vor, wollte herunterschauen; sein Fuß glitt aber aus. Und dann rutschte er ganz plötzlich und dumm wie eine Katze, deren Füße sich verwickeln, von dem leicht abschüssigen Dach, ohne sich mehr anhalten zu können.

»Herrgott«, sagte er mit erstickter Stimme.

Und er fiel. Sein Körper beschrieb eine sanfte Kurve, überschlug sich zweimal und klatschte auf die Mitte der Straße mit dem Geräusch, das ein heruntergeworfenes Paket mit Wäsche macht.

Gervaise stand, die Arme in der Luft, mit einem einzigen Schrei. Vorübergehende sprangen zu, es gab einen Auflauf. Frau Boche, ganz erschüttert, konnte sich nicht auf den Füßen halten, sie nahm Nana in den Arm und verbarg ihr das Gesicht, damit sie nicht sehen sollte. Gegenüber schloß die Alte beruhigt ihr Fenster.

Vier Männer trugen endlich Coupeau zu einem nahen Apotheker an der Ecke der Rue des Poissonniers; hier blieb er auf einer Decke über eine Stunde lang liegen, während man nach dem Lariboisière-Spital lief, eine Tragbahre zu holen. Er atmete noch, doch zuckte der Apotheker die Schultern. Jetzt kniete Gervaise neben ihm auf dem Boden, weinte immerzu, ganz in Tränen, blind erschüttert. In mechanischer Bewegung strich sie leise über seine Glieder hin. Dann hörte sie damit auf einen Wink des Apothekers auf; einige Minuten später fing sie wieder an; sie mußte sich ja überzeugen ob er warm blieb, glaubte ihm dadurch Gutes zu tun. Als endlich die Tragbahre ankam und man davon sprach, ihn ins Spital zu bringen, stand sie auf und rief hastig:

»Nein, nein, nicht ins Spital!... Wir wohnen in der Rue Neuve de la Goutte d'Or.«

Vergebens suchte man ihr zu erklären, daß die Krankheit ihr sehr teuer zu stehen kommen würde, wenn sie ihren Mann heimnähme.

Eigensinnig wiederholte sie:

»Rue Neuve de la Goutte d'Or, ich werde die Türe zeigen. Was kann euch das ausmachen? Ich habe Geld... Es ist mein Mann, nicht wahr? Er gehört mir. Ich will ihn.«

Und man mußte Coupeau nach Hause tragen. Als die Tragbahre durch die Menge getragen wurde, die sich vor der Boutique des Apothekers staute, sprachen die Frauen lebhaft über Gervaise: sie hinke, das Mensch, aber sie sei doch ein Blitzmädel; ganz sicher wird sie ihren Mann retten, wahrend im Spital die Arzte die armen Kranken sterben lassen, damit sie nicht die Mühe damit haben, sie wieder gesund zu machen.

Frau Boche hatte Nana zu sich nach Hause gebracht und war zurückgekommen und erzählte, noch ganz geschüttelt vor Entsetzen, alle Nebenumstände dieses Unglücks.

»Ich wollte gerade eine Hammelkeule holen, ich stand da, ich sah ihn fallen. Seine Kleine war schuld daran, er wollte sie sehen und schon... Ach Gott, ach Gott! ich möchte keinen zweiten mehr fallen sehen... Ich muß doch jetzt meine Keule holen.«

Acht Tage lang ging es Coupeau sehr schlecht. Seine Frau, die Nachbarn, alle Leute erwarteten jeden Augenblick seinen Tod. Der Arzt, ein sehr kostspieliger Arzt, der sich hundert Sous für die Visite zahlen ließ, fürchtete, er habe innere Verletzungen davongetragen, und dieses Wort war sehr furchterregend; man erzählte sich im Viertel, dem Spengler hätte sich durch den Fall das Herz ausgerenkt. Nur Gervaise, durch die Nachtwachen sehr blaß und ernst, aber entschlossen, zuckte die Achseln. Ihr Mann hätte das rechte Bein gebrochen; das wußte jedermann; man wird es wieder einrenken, das ist alles. Und das übrige, das ausgerenkte Herz, das wäre nichts. Sie würde es ihm schon wieder einhängen, sein Herz. Sie wüßte, wie man die Herzen wieder richtigstellt, mit Sorge, Sauberkeit und solider Freundschaft. Sie zeigte eine strahlende Überzeugung, sie war ganz sicher, daß sie ihn gesund kriegen würde, nur dadurch, daß sie einfach bei ihm blieb, ihn mit ihren Händen berührte, wenn er Fieber hatte. Sie zweifelte keinen Augenblick lang. Eine ganze Woche sah man sie immer auf den Füßen; sie sprach wenig, ganz eingenommen von dem Gedanken, ihn zu retten, die Kinder und die ganze Stadt vergessend. Am neunten Tag, am Abend, als der Arzt ihn für gerettet erklärte, fiel sie auf einen Stuhl, die Beine versagten ihr, ganz gebrochen und in Tränen. Diese Nacht willigte sie ein, zwei Stunden zu schlafen, den Kopf auf dem Fußende des Bettes.

Coupeaus Unglück brachte die ganze Familie auf die Beine. Mama Coupeau verbrachte Nächte bei Gervaise: aber schon um neun Uhr schlief sie auf dem Stuhle ein. Jeden Abend kam Frau Lerat über einen großen Umweg von der Arbeit und holte Erkundigungen ein. Die Lorilleux' kamen zuerst zwei- bis dreimal am Tage, brachten sogar einen Sessel für Gervaise und erboten sich zu wachen. Dann fingen sie an zu streiten über die Art und Weise, wie man Kranke behandelte. Frau Lorilleux behauptete, sie habe genug Leuten das Leben gerettet, sie wisse, wie man das mache. Sie klagte die junge Frau an, daß sie sie gestoßen hätte, sie wolle sie vom Bett ihres Bruders vertreiben. Gewiß, das Hinkebein hätte allen Grund, Coupeau zu heilen; denn hätte sie ihn nicht bei der Arbeit gestört, wäre er nicht heruntergefallen. Aber in der Art und Weise, wie sie ihn behandelte, würde sie ihn sicher umbringen.

Als sie Coupeau außer Gefahr wußte, hörte Gervaise auf, sein Bett mit so hartnackiger Eifersucht zu hüten. Jetzt konnte man ihn ihr nicht mehr töten, sie ließ die Leute ohne Mißtrauen an sein Bett treten. Die Familie machte sich im Zimmer breit. Die Wiederherstellung würde sehr lange dauern, der Arzt sprach von vier Monaten. Wahrend Coupeau schlief, behandelten die Lorilleux' Gervaise wie eine dumme Gans. Das brachte sie vorwärts, den Mann bei sich zu haben. Im Spital wäre er zweimal so schnell wieder gesund geworden. Lorilleux hätte mögen krank sein an irgendeiner Krankheit, er hätte ihnen gezeigt, ob er eine Minute gezögert hätte, ins Spital Lariboisière zu gehen. Frau Lorilleux kannte eine Dame, die gerade von da käme, sie habe da mittags und abends Hühner gegessen. Und alle beide machten zum zwanzigstenmal die Rechnung und sagten ihr, was diese vier Monate Rekonvaleszenz sie kosten würden: zunächst die verlorenen Arbeitstage, dann der Arzt, die Arzneimittel, später der gute Wein, das saftige Fleisch. Wenn die Coupeaus nur ihre vier ersparten Sous verzehrten, dann dürften sie noch recht froh sein. Aber sie würden sicher Schulden machen müssen, das sei klar. Aber das ginge nur sie an. Jedenfalls dürften sie da nicht mit der Familie rechnen, die nicht vermögend genug wäre, einen Kranken bei sich zu behalten. Um so schlimmer für das Hinkebein, nicht? Sie könnte aber doch tun wie andere auch, ihren Mann einfach ins Spital bringen lassen. Das fehlte ihr gerade noch, die Stolze zu spielen.

Eines Abends hatte Frau Lorilleux die Bosheit, sie ganz grob heraus zu fragen:

»Und Ihren Laden, wann werden Sie ihn denn mieten?«

»Jawohl,« lachte Lorilleux, »der Hausverwalter wartet noch immer auf Sie.«

Gervaise war bestürzt. Sie hatte den Laden vollständig vergessen. Aber sie sah die Schadenfreude dieser Leute darüber, daß aus dem Laden nichts würde. Seit diesem Abend benutzten sie jede Gelegenheit, über ihren Traum, der zu Wasser geworden, Witze zu machen. Redete man von einer unerfüllbaren Hoffnung, so schob man es hinaus auf den Tag, an dem sie als Meisterin in ihrem schönen Laden stünde, nach der Straße hinaus. Und erstickte heimlich vor Lachen. Sie wollte ihnen ja keine bösen Absichten unterlegen, aber wahrhaftig, die Lorilleux' sahen aus, als freuten sie sich über das Unglück an Coupeau, weil es Gervaise verhinderte, sich in der Rue de la Goutte d'Or als Büglerin niederzulassen. Dann wollte sie selber lachen und ihnen damit zeigen, wie gern sie das Geld für Coupeaus Gesundheit opfere. Und jedesmal, wenn sie in ihrer Gegenwart das Buch unter dem Glassturz der Uhr hervorholte, sagte sie lustig:

»Ich gehe jetzt meinen Laden mieten.«

Sie wollte das ganze Geld nicht auf einmal abheben. Sie holte es hundertfrancsweise, weil sie keine große Summe zu Hause in der Kommode haben wollte; und dann hoffte sie auf irgendein Wunder, eine schnelle Hilfe, die ihr erlaubte, nicht die ganze Summe zu beheben. Wann immer sie auf die Sparkasse ging oder davon zurückkehrte, rechnete sie auf einem Stück Papier, wieviel noch übrigblieb. Nur der guten Ordnung wegen. Das Loch in ihrem Gelde mochte immer größer werden, sie hielt vernünftig und mit ruhigem Lächeln die Rechnungen in Ordnung über den Schwund ihrer Ersparnisse. War das nicht auch schon ein Trost, daß man das Geld so gut anwendete und es überhaupt unter der Hand hatte im Augenblick ihres Unglückes? Und ohne Bedauern, mit sorgfältiger Hand, legte sie das Buch wieder hinter die Uhr unter den Sturz.

Die Goujets waren sehr liebenswürdig zu Gervaise während Coupeaus Krankheit. Frau Goujet stellte sich ihr ganz zur Verfügung; nie ging sie hinunter ohne sie zu fragen, ob sie Zucker, Butter oder Salz brauche; sie bot ihr stets die erste Fleischbrühe an den Abenden, wo sie Rindssuppe machte; sah sie sie sehr beschäftigt, besorgte sie ihr die Küche, wusch das Geschirr. Jeden Morgen nahm Goujet die Eimer der jungen Frau und füllte sie am Brunnen der Rue des Poissonniers; das war eine Ersparnis von zwei Sous. Dann, nach dem Abendessen, wenn nicht gerade die Familie das Zimmer belagerte, kamen die Goujets und leisteten Coupeaus Gesellschaft. Während zweier Stunden bis zehn Uhr rauchte der Grobschmied seine Pfeife, wobei er Gervaise zuschaute, wie sie um den Kranken herum sich beschäftigte. Er sprach kaum zehn Worte am Abend. Sein großes blondes Gesicht, ganz vergraben zwischen seinen beiden Riesenschultern, war er gerührt, ihr zuzusehen, wie sie Tee in eine Tasse goß und den Zucker umrührte, ohne mit dem Löffel Lärm zu machen. Stellte sie sich ans Bett und ermutigte Coupeau mit ihrer sanften Stimme, war er ganz erschüttert. Nie noch hatte er so eine tapfere Frau gesehen. Es kleidete sie sogar das Hinken gut, denn ihr Verdienst war davon um so größer, sich den ganzen Tag abzuschinden für ihren Mann. Man konnte nichts sagen, sie setzte sich kaum eine Viertelstunde am Tage hin, während des Essens. Unaufhörlich lief sie zum Apotheker, steckte ihre Nase in nicht ganz saubere Dinge, gab sich eine Mordsmühe, dieses Zimmer in Ordnung zu halten, in dem man alles machte; dabei keine Klage, immer liebenswürdig, selbst an Abenden, wo sie stehend schlief, mit offenen Augen – so müde war sie. Und der Grobschmied faßte, inmitten dieser Arzeneien, die auf allen Möbeln herumstanden, eine große Zuneigung zu Gervaise, ihr nur zusehend, wie sehr sie Coupeau pflegte und von ganzem Herzen liebte.

»Nun, mein Alter, jetzt bist du wieder geflickt,« sagte er eines Abends zum Rekonvaleszenten. »Ich habe mir auch keine Sorge gemacht, denn deine Frau ist ja der liebe Gott!«

Er selber solle sich nun verheiraten. Jedenfalls wünschte das seine Mutter so, hätte ein sehr anständiges junges Mädchen für ihn gefunden, die ebenfalls Spitzennäherin war wie sie, und die solle er heiraten, möchte sie. Um ihr keinen Kummer zu machen, hatte er ja gesagt, und die Hochzeit war sogar schon auf die ersten Septembertage festgesetzt. Das ersparte Geld für den Anfang der neuen Ehe schlief schon lange auf der Sparkasse. Aber er schüttelte den Kopf, wenn Gervaise ihm von der Hochzeit sprach, und sagte mit seiner langsamen Stimme:

»Alle Frauen sind nicht wie Sie, Frau Coupeau. Wenn alle Frauen wie Sie waren, würde man zehn heiraten.«

Coupeau konnte schon nach zwei Monaten anfangen aufzustehen. Er spazierte nicht weit, vom Bett bis zum Fenster, und von Gervaise unterstützt. Da setzte er sich in Lorilleux' Sessel, das rechte Bein auf einem Hocker ausgestreckt. Dieser Spaßmacher, der bei Glatteis über gebrochene Glieder lachte, war über sein eigenes Mißgeschick sehr aufgebracht. Er hatte nicht die Spur Philosophie. Seine zwei Monate im Bett hatte er fluchend und die Leute ganz verrückt machend verbracht. Das sei doch keine Existenz, so auf dem Rücken leben zu müssen, mit einem gebundenen Bein und steif wie eine dürre Wurst. Er kenne nun die Zimmerdecke genau; in der Nähe des Alkovens wäre ein Riß, den er mit geschlossenen Augen zeichnen könnte. Saß er im Sessel, war es wieder eine andere Geschichte. Würde er noch lange wie eine Mumie da angenagelt sitzen müssen? Die Straße sei nicht so lustig anzusehen, es ginge ja fast niemand vorbei und es stänke den ganzen Tag nach Fisch. Er würde hier alt und gäbe zehn Jahre seines Lebens darum, wenn er die Befestigungen sehen könnte. Immer klagte er wieder und wieder gegen sein Schicksal. Das wäre nicht gerecht, dieses Unglück; das hätte ihm nicht passieren dürfen, ihm, einem guten Arbeiter, weder faul noch trunken. Einem andern vielleicht, das hatte er verstanden.

»Der Vater Coupeau,« erklärte er, »der hat sich den Hals gebrochen an einem Freßtag. Ich will nicht sagen, er habe es verdient, aber erklärlich ist es... Ich war nüchtern, still, ruhig wie ein Karthäuser, ohne einen Tropfen Alkohol im Leib, und ich stürzte, weil ich Nana zulächeln wollte! Findet ihr das nicht zu stark? Wenn es einen lieben Gott gibt, so richtet er die Dinge höchst merkwürdig ein. Das werde ich nie überwinden.«

Und als ihm die Kräfte zurückkamen, behielt er eine merkwürdige Abneigung gegen die Arbeit. Es wäre ein unglückliches Gewerbe, seine Tage wie die Katzen auf den Dächern zu verbringen längs der Dachrinnen. Sie sind nicht dumm, die Bürger! Schicken euch in den Tod, selber zu ängstlich, auch nur auf eine Leiter zu steigen. Da sitzen sie daheim im Ofenwinkel und lachen euch eins. Jeder, erklärte er, müsse dahin gebracht werden, sein Zink selber auf das Dach zu legen. Donnerwetter noch einmal! Aus Gerechtigkeit müßte man dahin kommen! Wenn du nicht naß werden willst, decke dich zu. Dann bedauerte er, kein anderes Gewerbe gelernt zu haben, ein schöneres und weniger gefährliches, Ebenholztischler zum Beispiel. Das wäre auch ein Fehler vom Vater Coupeau gewesen; die Väter hätten diese blödsinnige Eigenschaft, ihre Kinder immer wieder in ihr Gewerbe zu stecken.

Zwei Monate lang ging Coupeau noch auf Krücken. Erst konnte er auf die Straße hinunter, seine Pfeife rauchen; dann ging er bis zum äußern Boulevard, schleppte sich in der Sonne herum und blieb stundenlang auf einer Bank sitzen. Seine Lustigkeit kam zurück und sein höllisches Mundwerk schärfte sich während diesen langen nichtstuerischen Stunden. Er bekam mit der wiederkehrenden Lebensfreude einen Geschmack am Nichtstun, die Glieder gelöst, die Muskeln einem sanften Schlaf entgegengestreckt; es war ein langsamer Sieg der Faulheit, die von seiner Rekonvaleszenz profitierte, in seine Haut eindrang, um ihn zu betäuben und zu kitzeln. Er kam heim mit Wohlgefühlen, höchst gefräßig, fand das Leben schön und sah nicht ein, warum das nicht immer so weitergehen sollte. Als er ohne Krücken gehen konnte, machte er weitere Spaziergänge, lief in die Werkstätten, um seine Kameraden wiederzusehen. Er blieb mit untergeschlagenen Armen vor Neubauten stehen, lachte und schüttelte die Schultern; hänselte die Arbeiter, die sich da schinden mußten; zeigte auf sein Bein, um ihnen zu beweisen, wohin es führe, wenn man sein Temperament nicht zügelt. Diese faulen Stationen des Spottes über die Arbeit anderer befriedigten seinen Haß gegen die Arbeit. Gewiß, er wird sich ja schon auch wieder dahinter machen, er müßte wohl; aber so spät wie möglich. Er war ja dafür bezahlt, so ganz ohne Begeisterung für die Arbeit zu sein. Aber es war ihm so wohl dabei!

Die Nachmittage, an denen er sich langweilte, stieg er zu den Lorilleux' hinauf. Diese beklagten ihn sehr und suchten ihn durch alle möglichen Zuvorkommenheiten an sich zu fesseln. In den ersten Jahren seiner Ehe war er ihnen entkommen, dank Gervaises Einfluß. Jetzt holten sie sich ihn wieder zurück, indem sie sich über ihn lustig machten, er hätte Angst vor seiner Frau. Ware er denn kein Mann? Doch gingen die Lorilleux' sehr diplomatisch vor, lobten die Verdienste der Büglerin über alle Maßen. Coupeau erzählte ihr wieder zurück, wie seine Schwester sie bewundere, und sie möge doch etwas weniger böse zu ihr sein. Der erste Streit in diesem Haushalt fand eines Abends Etiennes wegen statt. Der Spengler hatte den Nachmittag bei den Lorilleux' verbracht. Beim Nachhausekommen, als das Essen noch etwas auf sich warten ließ, schrien die Kinder nach der Suppe. Da stürzte er auf Etienne und verabfolgte ihm ein paar tüchtige Ohrfeigen. Und eine Stunde lang murrte er: dieser Junge gehöre ihm nicht, er wisse gar nicht, warum er ihn im Hause duldete; er würde ihn zum Haus hinauswerfen. Bis dahin hatte er den Knaben ohne ein Wort hingenommen. Am nächsten Tage sprach er von seiner Würde. Drei Tage später bekam der Junge Fußtritte in den Hintern, früh und spät; sobald das Kind ihn kommen hörte, flüchtete es zu den Goujets, wo ihm die alte Spitzennäherin eine Ecke des Tisches frei hielt, damit er seine Aufgaben machen könne.

Gervaise hatte längst ihre Arbeit wieder aufgenommen. Sie hatte keine Mühe mehr damit, den Glassturz aufzuheben, denn alle Ersparnisse waren aufgegessen. Und man mußte hart arbeiten, jetzt galt es vier Münder bei Tisch zu stopfen. Und sie allein ernährte alle ihre Leute. Wenn andere sie bedauerten, so entschuldigte sie Coupeau aufs lebhafteste. Bedenkt doch! Was hat er alles aushalten müssen! Da ist es doch nicht verwunderlich, wenn sein Charakter sich verbittert hat! Mit der rückkehrenden Gesundheit wird das vorübergehen. Und wenn man ihr zu verstehen gab, daß Coupeau doch nun wieder ganz beisammen wäre und jetzt wohl wieder in die Werkstatt zurückkehren könnte, widersprach sie. Nein, nein, noch nicht! Sie wolle ihn nicht gleich wieder im Bett liegen haben! Sie wisse doch, was ihr der Arzt alles gesagt habe. Sie war es, die ihn von der Arbeit zurückhielt; jeden Morgen wiederholte sie ihm, er möge sich Zeit lassen und sich nicht anstrengen. Und sie steckte ihm zwanzig Sousstücke in die Westentasche. Coupeau nahm das wie eine selbstverständliche Sache an; er klagte über allerhand Schmerzen, um beklagt zu werden; nach sechs Monaten war er immer noch Rekonvaleszent. An den Tagen, an denen er andern bei der Arbeit zuschaute, trank er einen Schoppen mit den Kameraden. Man fühlte sich wohl in der Kneipe; man lachte, machte Späße und blieb fünf Minuten. Das entehre niemand. Nur die Poseure sagten, daß sie an der Tür vor Durst verreckten. Früher war man im Recht, wenn man ihn auslachte; ein Glas Wein habe noch keinen umgebracht. Er schlug sich auf die Brust und tat sich zugute, daß er nur Wein trinke; immer nur Wein, nie Schnaps; der Wein verlängere das Leben, das schade nicht und mache nicht besoffen. Jedoch zu verschiedenen Malen, nach Tagen vollkommenen Nichtstuns, an denen er von Werkstatt zu Werkstatt, von Kneipe zu Kneipe gegangen war, kam er angeheitert nach Hause. An diesen Tagen schloß Gervaise ihre Türe vor den Goujets, angeblich weil sie Kopfweh hatte, in Wahrheit aber wollte sie es verhindern, daß die Goujets Coupeaus besoffenes Geschwätz mit anhörten.

Nach und nach aber wurde die junge Frau traurig. Morgens und abends ging sie in die Rue de la Goutte d'Or schauen, ob der Laden immer noch zu vermieten wäre; und sie tat es heimlich, weil sie glaubte, sie begehe eine einer erwachsenen Person unwürdige Kinderei. Der Laden begann ihr schon wieder den Kopf zu verdrehen. Nachts, wenn das Licht gelöscht war, fand sie Zeit darüber nachzudenken, träumte mit offenen Augen ein verbotenes Glück. Wieder stellte sie ihre Berechnungen an: zweihundertfünfzig Francs für die Miete, hundertundfünfzig Francs für Handwerkszeug und Installation, hundert Francs im voraus, damit man vierzehn Tage leben könne, im ganzen fünfhundert Francs zum wenigsten. Wenn sie nicht laut davon sprach, war es aus Furcht, man könne denken, sie bedaure die Ersparnisse, die Coupeaus Krankheit aufgegessen hatte. Sie wurde oft ganz blaß vor Schreck, wenn ihr ein Wort entschlüpft war, holte den Satz zurück, als hätte sie etwas Häßliches gesagt. Jetzt mußte man vier bis fünf Jahre warten, bis wieder eine so große Summe zusammengespart wäre.

Ihre Verzweiflung bestand gerade darin, sich nicht sofort selbständig machen zu können; sie hätte den Haushalt ohne Hilfe Coupeaus halten können, ihm noch Monate Zeit lassend, bis er die Lust zur Arbeit wieder gefunden hätte; sie wäre über die Zukunft beruhigt gewesen, und diese geheime Angst, die sie nun manchmal beschlich, wäre von ihr gewichen, wenn sie ihn öfter so lustig nach Hause kommen sah und er singend von einigen guten Späßen erzählte, die dieser Viechskerl von Mes-Bottes gemacht, nachdem er ihm einen Liter bezahlt hatte.

Eines Abends, Gervaise war allein zu Hause, trat Goujet ein und ging nicht mehr fort, wie er es sonst tat. Er setzte sich, rauchte und sah sie an. Er mußte etwas Außerordentliches zu sagen haben; er drehte den Satz immer hin und her, ließ ihn reifen, ohne die richtige Form dafür zu finden. Endlich, nach langem Schweigen entschloß er sich, zog die Pfeife aus dem Mund, um in einem Satz alles zu sagen:

»Frau Gervaise, würden Sie mir erlauben, Ihnen Geld zu leihen?«

Sie war gerade über die Schublade ihrer Kommode gebeugt und suchte nach Flicksachen. Sie erhob sich, ganz rot im Gesicht. Er hatte sie also gesehen heut morgen, wie sie in Ekstase vor dem Laden gestanden hatte, zehn Minuten lang? Er lächelte verlegen, als wenn er etwas sehr Beleidigendes gesagt hätte. Sie lehnte energisch ab. Niemals würde sie Geld annehmen, solange sie nicht wüßte, wann sie es zurückgeben könnte. Dann handele es sich auch wirklich um eine zu große Summe. Als er aber drängte und ganz bestürzt aussah, rief sie:

»Aber Ihre Heirat, ich kann doch nicht das Geld für Ihre Hochzeit nehmen, nicht?«

»Oh, genieren Sie sich nicht,« sagte er, seinerseits errötend. »Ich heirate nicht mehr. Sie wissen, es war nur so eine Idee ... Wirklich, ich will Ihnen lieber das Geld leihen.«

Dann senkten sich beider Köpfe. Es entstand zwischen ihnen etwas sehr Zartes, das sie nicht aussprachen. Und Gervaise nahm an, Goujet habe seine Mutter eingeweiht. Sie gingen über den Hausgang sofort zu ihr. Die Spitzenarbeiterin war ernst, ein wenig traurig, saß mit ruhigem Gesicht über ihr Tambourin gebeugt. Sie wollte ihren Sohn nicht betrüben, aber sie war für Gervaises Plan nicht mehr eingenommen und sagte ganz aufrichtig weshalb: Coupeau ginge einen schlechten Weg, er würde ihr den Laden auffressen. Sie verzieh ihm nicht, daß er wahrend seiner Rekonvaleszenz es abgelehnt hatte, lesen zu lernen; der Grobschmied hätte sich angeboten, es ihm zu zeigen, der andere habe ihn aber heimgeschickt, indem er sagte, daß die Weisheit die Leute mager mache. Das hatte die beiden Arbeiter fast entzweit; jeder ging seinen Weg. Als Frau Goujet die bittenden Augen ihres großen Jungen sah, wurde sie gut zu Gervaise. Man kam überein, den Nachbarn fünfhundert Francs zu leihen; sie würden sie zurückbezahlen in monatlichen Raten von zwanzig Francs; das würde eben dauern, solange es dauern würde.

»Sag mal, der Grobschmied macht dir schöne Augen,« rief Coupeau lachend, als er die Geschichte hörte. »Oh, ich bin sehr ruhig, er ist ja doch zu dumm ... Man wird ihm sein Geld zurückgeben. Ja, wenn er es mit Lumpenkerlen zu tun hatte, da wäre er allerdings schön hereingefallen.«

Gleich am andern Morgen mieteten die Coupeaus den Laden. Gervaise lief den ganzen Tag zwischen der Rue Neuve und der Rue de la Goutte d'Or hin und her. Als man sie so herumlaufen sah, so leicht und so entzückt, daß sie nicht einmal mehr hinkte, sagten die Leute, sie habe sich operieren lassen.

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