Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Emile Zola >

Der Totschläger

Emile Zola: Der Totschläger - Kapitel 4
Quellenangabe
pfad/zola/totschla/totschla.xml
typefiction
authorEmil Zola
titleDer Totschläger
publisherKurt Wolff Verlag A.-G.
seriesDie Rougon-Macquart
volumeBand 7
printrun1.-4. Tausend
year1923
translatorFranz Blei
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110723
projectid645ee4c3
Schließen

Navigation:

2

Drei Wochen später, an einem schönen Sonnentag, gegen halb zwölf, saßen Gervaise und Coupeau der Zinkarbeiter zusammen und aßen Pflaumen im »Totschläger« des Vater Colombe. Von Coupeau, der nur gerade eine Zigarette auf dem Trottoir geraucht hatte, war sie gezwungen worden einzutreten, als sie über die Straße kam; sie hatte Wäsche ausgetragen; ihr großer viereckiger Büglerinnenkorb stand auf dem Boden neben ihr hinter dem kleinen Blechtisch.

Der »Totschläger« des Vater Colombe lag an der Ecke der Rue des Poissonniers und des Boulevard Rochechouart. Das Schild zeigte in langen blauen Buchstaben das eine Wort Destille, von einem Ende zum andern. Es standen zweiseitig vor der Tür verstaubte Lorbeerbäume. Das überaus große Büfett mit seinen Gläsern, seinem Spülhahn und seinen Zinntassen war links beim Eingang; und der ganze große Raum war garniert mit dicken Fässern, die gelb gestrichen vorglänzten und deren Reifen und Hähne aus Kupfer blinkten. Höher auf Gestellen standen Likörflaschen, Fruchtschalen; allerlei Sorten Flaschen in guter Ordnung verdeckten die Mauern, spiegelten sich im Spiegel hinter dem Büfett wie grelle Flecken von apfelgrüner, goldener oder zartbrauner Farbe. Aber die große Sehenswürdigkeit der Destille war hinten auf der andern Seite einer Barre aus Eichenholz, in einem Hof mit Glasdach, der Destillationsapparat, den die Gäste funktionieren sehen konnten; Retorten mit langen Hälsen, Serpentinen, die unter die Erde gingen, mit einem Wort eine Teufelsküche, vor der die trunksüchtigen Arbeiter träumen kamen.

Zu dieser Stunde blieb der »Totschläger« leer. Der Vater Colombe, ein dicker Vierziger in der Ärmelweste, bediente ein kleines zehnjähriges Mädchen, das um vier Sous Korn in einer Tasse verlangte. Durch die Türe brach ein Sonnenstrahl und erwärmte den Boden, der immer naß von der Spucke der Raucher war. Vom Büfett und von all den Tonnen her kam ein dicker Schnapsgeruch.

Coupeau rollte sich eine neue Zigarette. Er war sehr sauber, trug eine Bluse und eine kleine Mütze aus blauem Leinen und zeigte lachend seine weißen Zähne. Der Unterkiefer etwas vortretend und mit etwas geplatteter Nase, hatte er schöne kastanienbraune Augen und das Aussehen eines vergnügten Hundes, eines guten Kindes. Seine dicken gelockten Haare standen hoch. Er hatte noch die zarte Haut seiner sechsundzwanzig Jahre. Ihm gegenüber saß Gervaise, in schwarzem Lüster, ohne Hut, und beendete ihre Pflaume, die sie mit den Fingerspitzen am Stengel hielt. Sie saßen ganz nahe der Straße, am ersten der vier vorderen Tische, längs der Tonnen vor dem Büfett.

Als der Schweißer seine Zigarette angezündet hatte, stellte er den Ellenbogen auf den Tisch und schaute mit vorgebeugtem Kopf die junge Frau einen Augenblick lang an ohne etwas zu sagen; ihr hübsches Blondinengesicht hatte an diesem Tage eine milchige Durchsichtigkeit wie feines Porzellan. Dann in Anspielung auf eine ihnen beiden allein bekannte, schon durchgesprochene Sache fragte er einfach, mit halblauter Stimme:

»Also nein? Sie sagen nein?«

»Ganz bestimmt nein, Herr Coupeau«, antwortete Gervaise ruhig lächelnd. »Sie werden mir doch nicht hier davon sprechen? Sie hatten mir außerdem versprochen, vernünftig zu sein... Wenn ich das gewußt hätte, wäre ich nicht hereingekommen.«

Er sagte nichts darauf, schaute sie nur immerfort ganz nah an, mit einer etwas verwegenen Zärtlichkeit sich anbietend; seine Leidenschaft zeigte sich zumal in seinen kleinen Mundwinkeln, die zart rosa, etwas feucht waren und das lebhafte Rot der Lippen sehen ließen, sobald er sie öffnete. Sie wich jedoch nicht zurück, sie blieb still und freundlich. Nach einer Weile sagte sie: »Sie denken hoffentlich nicht ernstlich daran. Ich bin jetzt eine alte Frau; ich habe einen Buben von acht Jahren ... Was würden denn wir zwei zusammen machen?«

»Na«, brummte Coupeau, »halt das, was auch die andern machen!«

Aber sie wehrte gelangweilt ab.

»Gott, wenn Sie glauben, daß das immer amüsant ist? Man sieht schon, daß Sie noch nie einen Haushalt hatten ... Nein, Herr Coupeau, ich muß an ernste Dinge denken. Das Spaßmachen führt zu nichts, verstehen Sie? Ich habe zwei Mäuler zu Haus zu stopfen, und die verschlingen tüchtig! Wie wollen Sie denn, daß ich meine kleine Welt aufziehe, wenn ich mich leichtsinnig amüsiere? ... Und dann, wissen Sie, war mein Unglück eine gute Lehre für mich. Sie wissen ja, jetzt liegen mir die Männer nicht mehr. Man wird mich auf lange hinaus nicht mehr dafür haben können.«

So erklärte sie ohne Erregung, mit einer großen Klugheit, sehr kühl, als ob es sich um eine Arbeit gehandelt hätte.

Man sah, daß sie sich das in den Kopf gesetzt hatte, und nach reiflicher Überlegung.

Coupeau wiederholte betrübt:

»Sie machen mir viel Kummer, wirklich viel Kummer ...«

»Ja, das sehe ich, und es tut mir leid für Sie, Herr Coupeau ... Es darf Sie nicht verletzen. Wäre mir zum Lachen zumute, dann sicherlich lieber mit Ihnen als mit jedem andern. Sie sehen wie ein guter Junge aus und Sie sind auch hübsch. Man würde sich zusammentun, nicht? Und es würde eben dauern, solange es dauert. Ich spiele ja nicht die Prinzessin, sage auch nicht, daß es hätte so kommen können ... Aber wozu soll's denn? Wo ich doch gar keine Lust dazu habe? Seit zwei Wochen arbeite ich bei Frau Fauconnier. Die Kleinen gehen zur Schule. Ich arbeite, bin zufrieden ... Wie? Ist es darum nicht besser so wie es ist?«

Und sie beugte sich hinunter, um ihren Korb aufzunehmen.

»Ich sitze und schwatze, man wird mich im Geschäft erwarten ... Sie werden schon eine andere finden, Herr Coupeau, eine Schönere als ich, die nicht zwei Bälge mit sich herumziehen muß.«

Er schaute nach der runden Uhr unter Glas. Er hieß sie wieder niedersitzen und rief:

»So warten Sie doch! Es ist ja erst halb zwölf Uhr ... Ich habe noch fünfundzwanzig Minuten ... Sie fürchten doch nicht, daß ich Dummheiten mache, es steht ja der Tisch zwischen uns ... Oder hassen Sie mich so sehr, daß Sie nicht einmal ein bißchen mit mir plaudern wollen?«

Wieder setzte sie ihren Korb hin, um ihn nicht zu kränken; und sie sprachen wie gute Freunde. Sie hatte bereits gegessen, ehe sie ihre Wäsche austrug; er hatte sich beeilt, seine Suppe und das Rindfleisch hinunterzuschlucken, um sie abpassen zu können. Gervaise, die liebenswürdig antwortete, schaute gleichzeitig durch die Fenster zwischen den Obstschalen und den Schnäpsen hindurch auf die Straße, wo die Essenszeit eine große Menschenmenge zusammenführte. Auf beiden Trottoirs, zwischen den eng stehenden Häusern war ein Geschiebe von Schritten, ein Schlenkern von Armen, ein Ellenbogenstoßen ohne Ende. Die Verspäteten, welche die Arbeit zurückgehalten hatte, kamen die Straße mit großen Sprüngen daher; mit der verdrießlichen Miene des Hungers traten sie beim Bäcker ein; wenn sie wieder herauskamen, ein Pfundbrot unter dem Arm, gingen sie drei Häuser weiter zum »Zweiköpfigen Kalb«, wo sie für zwei Sous ein gewöhnliches Essen verlangten. Neben dem Bäcker war eine Hökerin, die Bratkartoffeln in Petersilie und gekochte Miesmuscheln verkaufte; ein Defilee von Arbeiterinnen in langen Schürzen, die Kartoffeln in hohen Tüten und Miesmuscheln in Tassen davontrugen; andere hübsche Mädchen mit bloßen Köpfen, von zartem Aussehen, kauften Radieschen in Bündeln. Wenn Gervaise sich vorbeugte, konnte sie auch noch einen Schweinemetzgerladen voll mit Menschen sehen; Kinder kamen heraus, die in fettigem Papier eine panierte Kotelette trugen, eine Wurst oder heiße Blutwürste. Selbst bei schönem Wetter war die Chaussee voll von schwarzem Dreck durch das Gestampfe der hin und her wogenden Menge; einige Arbeiter verließen schon die Garküchen; schlendernd zu Gruppen verteilt, klopften sie sich mit offenen Händen auf die Schenkel, vollgegessen, langsam und ruhig inmitten des Gedränges.

Vor der Türe zum »Totschläger« war eine Gruppe stehengeblieben:

»Sag mal, Bibi-la-Grillade,« fragte eine heisere Stimme, »zahlst du eine Runde Vitriol?«

Fünf Arbeiter traten ein, sie blieben stehen.

»Dieser Dieb, der Vater Colombe!« nahm die Stimme wieder auf. »Du weißt doch, wir müssen vom alten haben, und nicht in so kleinen Nußschalen, gib wirkliche Gläser!«

Der Vater Colombe bediente mit ruhigem Gleichmut. Eine andere Gesellschaft von drei Arbeitern trat ein. Nach und nach häuften sich die Blusen, am Rande des Trottoirs machten sie kurze Station, um sich schließlich stoßend in den Salon zu drängen, zwischen den beiden grauverstaubten Lorbeerbäumen durch.

»Sie sind nicht gescheit! Sie denken nur an die Schweinereien,« sagte Gervaise zu Coupeau. »Gewiß habe ich ihn gern gehabt ... Aber natürlich, nachdem er mich auf so ekelhafte Art verlassen hat ...«

Sie sprachen von Lantier. Gervaise hatte ihn nicht wiedergesehen; sie glaubte, er lebe mit Virginies Schwester bei diesem Freunde, der die Hutfabrik errichten wollte auf der Glacière. Übrigens dachte sie nicht daran, ihm nachzulaufen. Zuerst habe sie ja großes Leid empfunden; wollte sich sogar ins Wasser werfen; aber dann habe sie Vernunft angenommen, sei ruhig geworden und es befände sich jetzt alles im besten. Vielleicht hätte sie mit Lantier niemals die Kleinen ordentlich erziehen können, so viel Geld hat er für sich verbraucht. Er könne kommen und Claude und Etienne küssen, sie würde ihn nicht hinauswerfen. Was sie aber selbst beträfe, so ließe sie sich lieber in Stücke hauen, ehe sie sich auch nur mit einem Finger wieder anrühren lasse. Das alles sagte sie wie eine resolute Frau, die ihren Lebensplan sich gesteckt hat; Coupeau aber, immer unter dem Wunsche, sie zu besitzen, scherzte und verdrehte alles in Scherz, stellte rohe und freche Fragen über Lantier, immer lustig mit seinen weißen Zähnen lachend, so daß Gervaise nicht daran dachte, sich verletzt zu fühlen.

»Sie haben ihn geschlagen,« sagte er. »Oh, Sie sind nicht gut! Sie geben allen Leuten die Peitsche!«

Sie unterbrach ihn mit einem langen Lachen. Es war ja wahr, sie hatte dieser Stange, der Virginie, die Peitsche gegeben. An jenem Tage hatte sie leichten Herzens jemanden erwürgen können. Und sie lachte noch stärker, als Coupeau ihr erzählte, daß Virginie das Stadtviertel verlassen hätte, außer sich darüber, alles gezeigt zu haben. Ihr Gesicht behielt jedoch das kindliche sanfte Aussehen; sie streckte ihre gepolsterten runden Hände vor und versicherte, sie könne keiner Fliege etwas zuleide tun; sie kenne Schläge nur daher, weil sie in ihrem Leben schon genug davon bekommen habe.

Dann sprach sie von ihrer Jugend in Plassans. Sie sei nie eine Läuferin hinter den Männern gewesen; die Männer langweilten sie; als Lantier sie vierzehn Jahre alt nahm, fand sie das ganz hübsch, weil er sagte, er wäre ihr Mann und weil sie glaubte, sie spielten nun Ehe zusammen. Ihr einziger Fehler wäre, versicherte sie, daß sie so leichtgläubig wäre, alle Leute liebe und sich für Menschen einsetze, die ihr alsdann übel mitspielten. Wenn sie einen Mann liebhabe, denke sie gar nicht an Dummheiten, ihr Traum sei, immer nur glücklich mit ihm zusammen zu leben. Als Coupeau Witze machte und von ihren beiden Kindern sprach, die sie doch wohl nicht unter dem Kopfkissen ausgebrütet hätte, gab sie ihm einen Klaps auf die Finger und sagte, sie sei gewiß so gemacht wie alle andern Frauen; aber es wäre ein Irrtum zu glauben, daß die Frauen nur immer hinter dem her wären; die Frauen dächten an ihren Haushalt, arbeiteten sich zuschanden und gingen zu müde am Abend zu Bett, um nicht gleich einzuschlafen. Sie gleiche ganz ihrer Mutter, die, eine harte Arbeiterin, vor Mühsal gestorben sei, nachdem sie dem Vater Macquart zwanzig Jahre als Arbeitstier gedient hätte. Sie wäre daneben ganz schmächtig, während ihre Mutter Schultern gehabt hätte, mit denen sie Türen einrennen konnte, aber das verhindere nicht, daß sie ihr gleiche in der Sucht, sich an Menschen anzuschließen. Sogar daß sie ein wenig trinke, habe sie von ihr, der armen Frau, die der Vater Macquart mit Schlägen traktierte. Hundertmal wohl habe sie ihr erzählt, von Nächten, in denen der Vater betrunken nach Hause kam und sich dann von einer so rohen Zärtlichkeit zeigte, daß es ihr fast die Knochen zerbrach; und sicher verdanke sie so einer Nacht ihr Dasein und das hinkende Bein.

»Oh, das ist ja fast nichts, man sieht ja kaum was«, sagte Coupeau, um sich angenehm zu machen.

Sie schüttelte den Kopf. Sie wüßte wohl, daß man das sehe; mit vierzig Jahren würde sie zusammenbrechen.

Dann mit sanftem Lächeln:

»Sie haben einen komischen Geschmack, eine Hinkende zu lieben.«

Er aber, immer noch die Ellbogen aufgestützt, brachte sein Gesicht naher heran; er sagte ihr Artigkeiten, indem er Worte riskierte, die sie betäuben sollten.

Aber sie schüttelte immer nur den Kopf, ohne sich verführen zu lassen, wenn auch geschmeichelt durch die lockende Stimme. Sie horchte zu und sah dabei hinaus, als ob sie sich für die noch immer wachsende Menge draußen interessierte. Jetzt wurde in den leeren Läden ausgekehrt; die Hökerin zog ihre letzte Pfanne mit Bratkartoffeln herein, nur der Metzger stellte seine in Unordnung geratenen Teller wieder auf dem Ladentisch zurecht. Aus allen Garküchen kamen Trupps von Arbeitern, bärtige Burschen gaben sich freundschaftliche Rippenstöße, spielten wie die Gassenjungen, mit ihren genagelten Schuhen einen Lärm auf dem Pflaster vollführend; andere wieder, die Hände in den Hosentaschen, rauchten nachdenklich, die Augen halb geschlossen, gegen die Sonne gerichtet. Trottoir, Fahrdamm und alle Querwege waren überflutet von Menschen, träge wälzte sich die Masse aus den offenen Türen, hielt inmitten des Wagengedränges an, bildete einen langen Zug von Blusen, Kapotten und alten Paletots, und das helle Licht der Laternen, die die Straße säumten, blendete von ihren bleichen, verschossenen Farben. In der Ferne pfiffen die Sirenen der Fabriken; doch die Arbeiter beeilten sich nicht; sie steckten ihre Pfeifen nochmals an, ehe sie mit rundem eingezogenem Rücken sich von einer Weinschenke zur andern zuriefen und endlich sich entschlossen, den Weg zur Werkstatt mit schleppendem Schritt zu machen.

Gervaise schaute vergnügt drei Arbeitern, einem größeren und zwei kleineren, zu, die sich jeden zehnten Schritt lang umsahen; endlich kamen sie die Straße herunter und traten in den »Totschläger« des Vater Colombe.

»Schauen Sie, da sind drei, die nicht gern arbeiten«, sagte sie.

»Ich kenne den Großen,« sagte Coupeau; »es ist Mes-Bottes, ein Kamerad.

Der »Totschläger« hatte sich ganz gefüllt. Man sprach sehr laut, das allgemeine heisere Murmeln wurde von schreienden Stimmen übertönt. Faustschläge auf das Büfett ließen zeitweilig alles Glas darauf erzittern. Alle standen, die Hände gekreuzt auf dem Bauch oder auf dem Rücken. Die Trinker bildeten kleinere Gruppen, eng beieinander; bei den Tonnen standen ganze Ansammlungen, die wohl eine Viertelstunde warten mußten, ehe sie ihre Bestellung an Vater Colombe machen konnten.

»Was! Das ist ja der Aristokrat Cadet-Cassis!« schrie Mes-Bottes, indem er Coupeau einen ordentlichen Schlag auf die Schulter versetzte. »Ein schöner Herr das, der Papier raucht und Wäsche trägt! Man will seiner Freundin imponieren und zahlt ihr Süßigkeiten!«

»Hol dich der Teufel!« sagte Coupeau wütend. Der andere aber grinste.

»Laß nur! Wir sind schon im Bilde, mein Bester! Flegel bleibt Flegel.« Und er drehte dem Paar den Rücken, nachdem er Gervaise angeglotzt hatte. Diese lehnte sich etwas erschreckt zurück. Der Pfeifenrauch, der starke Geruch all dieser Männer verband sich mit der alkoholgeschwängerten Luft, verlegte ihr den Atem und machte sie husten.

»Wie häßlich ist das Trinken!« sagte sie leise. Und sie erzählte, daß sie ehemals mit ihrer Mutter in Plassans Anisette getrunken habe. Aber fast wäre sie daran eines Tages vor Übelkeit gestorben, und seither widerstrebte es ihr; sie könne keinen Schnaps mehr sehen.

»Sehen Sie,« fügte sie hinzu, indem sie auf ihr Glas zeigte, »ich habe meine Pflaume gegessen; die Sauce aber werde ich stehen lassen, denn es würde mir davon übel werden.«

Coupeau seinerseits konnte es auch nicht verstehen, wie man Schnaps gläserweise hinuntergießen könne. Aber eine Pflaume hin und wieder, das wäre nicht schlecht. Aber Vitriol, Absinth oder andere Schweinereien, gute Nacht! Das brauchte man nicht. Seine Kameraden mochten ihn hänseln wie sie wollten, er bliebe hübsch an der Türe, wenn diese Süfflinge in Schnapsbudiken gingen.

Der Vater Coupeau, der auch Zinkarbeiter wie er gewesen wäre, der habe sich an einem solchen Sauftag den Kopf zerschmettert auf dem Pflaster der Rue Coquenard, er sei von der Dachrinne des Hauses Nummer 25 heruntergefallen; diese Erinnerung habe sie alle in der Familie nüchtern gemacht. Wenn er durch die Rue Coquenard ginge und an die Stelle käme, möchte er eher Wasser aus dem Rinnstein trinken als umsonst ein Glas Schnaps in der Kneipe. Er endete mit den Worten:

»Bei unserm Handwerk muß man feste Beine haben.«

Gervaise hatte ihren Korb wieder ergriffen, stand jedoch nicht auf, sondern hielt ihn auf den Knien, die Augen verloren träumend, als ob die Worte des jungen Arbeiters in ihr entfernte Erinnerungen geweckt hätten. Langsam sagte sie ohne scheinbare Beziehung:

»Mein Gott, ich bin nicht ehrgeizig, ich verlange nicht viel für mich ... Mein Ideal wäre es, ruhige Arbeit, immer Brot haben, ein sauberes Loch zum Schlafen, wissen Sie, ein Bett, ein Tisch und zwei Stühle, nicht mehr ... Ach, ich würde auch meine zwei Kinder gut erziehen, gute Menschen daraus machen, wenn es möglich wäre ... Und noch ein Ideal hätte ich, das ist, nicht geschlagen zu werden, wenn ich mich je wieder mit jemandem zusammentäte; nein, das würde mir nicht passen, geschlagen zu werden ... Das, sehen Sie, das ist alles, ist alles ...« Sie suchte und untersuchte noch ihre Wünsche, fand aber nichts Erwähnenswertes mehr. Doch sagte sie noch nach einigem Zögern:

»Ja, am Ende könnte man auch noch den Wunsch haben, in seinem Bett zu sterben ... Wenn ich mein Leben lang genug geschuftet habe, möchte ich gern in meinem eigenen Bett bei mir sterben.«

Und damit stand sie auf. Coupeau hatte mit dem Kopf lebhaft nickend zugestimmt; er stand schon, die Zeit drängte. Aber sie gingen noch nicht gleich fort; sie war neugierig auf die große Maschine im Hintergrund, den großen Destillator aus rotem Kupfer, der auf dem kleinen Glashof arbeitete. Der Zinkarbeiter war ihr gefolgt, erklärte ihr, wie das lief und deutete mit dem Finger auf die verschiedenen Teile des Apparates, zeigte ihr die große Retorte, aus der ein durchsichtiger dünner Streifen Alkohol lief. Der Apparat mit all seinen gewundenen Röhren und sonderbaren Aufsaugern hatte ein düsteres Aussehen; kein Wölkchen Dampf entwich, kaum hörte man ein unterirdisches Geräusch, nur so ein leises Schnarchen; das war wie ein Nachtgeschäft bei hellichtem Tag, ausgeführt von einem düstern, stummen, doch mächtigen Gesellen. Auch Mes-Bottes war mit seinen beiden Kameraden herangetreten; an die Eichenbarriere gelehnt, warteten sie darauf, daß eine Ecke des Büfetts frei würde. Er lachte knarrend wie eine schlechtgeschmierte Winde, schüttelte leise den Kopf und betrachtete mit zärtlichen Augen die Maschine. Donnerwetter! Das war eine nette Sache! In diesem Kupferbauch war genug, sich acht Tage lang die Kehle frisch zu halten. Er möchte wohl, daß man ihm das Ende der Röhre zwischen die Zähne lötete, damit der heiße Branntwein ihn fülle bis zu den Fersen hinunter, immerfort, immerfort, wie ein kleiner Bach. Verdammt noch eins! Da wäre er nicht mehr weggegangen und das wäre doch was besser als diese kleinen Fingerhüte dieses rotköpfigen Vater Colombe! Seine Kameraden lachten und sagten, daß dieses Tier Mes-Bottes doch einen verfluchten Schlund habe. Die Retorte fuhr leise, ohne Flamme, ohne Frohsinn in den ausgelöschten Reflexen ihres Kupfers fort zu arbeiten und ließ den Alkohol fließen, gleich einer langsamen eigensinnigen Quelle, die sich mit der Zeit des Raumes bemächtigen wird, sich ausgießend über die Boulevards, ausfüllend das große Loch Paris.

Gervaise bekam einen leichten Schüttelfrost, sie zog sich zurück, lächelte gezwungen und sagte:

»Das ist dumm, diese Maschine macht mir kalt, das Getränk macht mich kalt ...«

Dann kam sie wieder auf ihre Idee eines vollkommenen Glücks zurück:

»Nicht wahr? Das ist doch besser. Arbeiten, Brot essen, ein Loch für sich, seine Kinder erziehen und in seinem Bett sterben ...«

»Und nicht geschlagen werden,« fügte Coupeau lustig hinzu. »Ich würde Sie nicht schlagen, Frau Gervaise. Keine Angst, ich trinke nie, liebe Sie auch zu sehr ... Na, heute abend werden wir uns die Füßchen wärmen.«

Er sprach leise an ihrem Hals, während sie sich, mit dem Korbe voran, einen Weg bahnten durch all die Männer. Aber sie sagte immer noch nein mit dem Kopfe, verschiedene Male. Dann drehte sie sich um und lächelte ihn an, ganz glücklich darüber, daß er nicht trank. Sie hätte sicher ja gesagt, wenn sie sich nicht geschworen hätte, nie mehr mit einem Manne zusammenzugehen. Endlich erreichten sie die Tür und gingen hinaus. Den »Totschläger« ließen sie voll Menschen zurück; der Lärm der heiseren Stimmen und der Schnapsgeruch drang bis auf die Straße hinaus. Man hörte Mes-Bottes den Vater Colombe als Gauner behandeln, ihn anklagend, daß er die Gläser nur zur Hälfte fülle. Das war ein Rechter! Eine Windfahne, ein Gauner. Laus' mich der Affe, er kehre nie mehr in diese Boutique ein, er hatte es satt. Und er schlug seinen beiden Kameraden vor, mit ihm zum »Kleinen guten Mann der trinkt« zu gehen, einem Schnapsladen der Barriere Saint-Denis, wo man puren Schnaps trinkt.

»Ah! Hier atmet man wieder,« sagte Gervaise, auf dem Trottoir. »Also, adieu, und danke, Herr Coupeau ... Ich muß laufen.« Sie wollte den Boulevard entlang gehen. Aber er nahm sie bei der Hand, ließ sie nicht los und wiederholte:

»Machen Sie den Umweg mit mir, gehen Sie durch die Rue de la Goutte-d'Or, das ist keine Verlängerung ... Ich muß zu meiner Schwester gehen, bevor ich zum Bauplatz zurückkehre. Wir begleiten uns gegenseitig.«

Sie nahm an, und sie stiegen langsam die Rue des Poissonniers hinauf, Seite an Seite, ohne einzuhängen. Er erzählte von seiner Familie. Die Mutter, Mama Coupeau, eine ehemalige Westenarbeiterin, half jetzt in einzelnen Haushalten aus, wegen ihrer Augen, die schlecht wurden. Sie war am dritten des letzten Monats zweiundsechzig Jahre alt geworden. Er war der Jüngste. Eine seiner Schwestern, Frau Lerat, eine Witwe von sechsunddreißig Jahren, war Blumenarbeiterin und wohnte in der Rue des Moines in Batignolles. Die andere sei dreißig Jahre alt, habe einen Kettenmacher geheiratet, diesen Duckmäuser Lorilleur. Zu diesem ginge er, in der Rue de la Goutte-d'Or. Sie wohnten in dem großen Haus, links. Am Abend aß er seine Fleischbrühe bei den Lorilleur; das war eine Ersparnis für alle drei. Er gehe hin sich zu entschuldigen, weil er heute abend bei einem Freunde eingeladen sei.

Gervaise, die zuhörte, unterbrach ihn plötzlich, um ihn lächelnd zu fragen:

»Sie heißen also Cadet-Cassis, Herr Coupeau?«

»Oh,« antwortete er, »das ist ein Nebenname, den mir meine Kameraden gegeben haben, weil ich gewöhnlich Cassis verlange, wenn sie mich mit Gewalt zum Weinhändler mitnehmen ... Lieber noch Cadet-Cassis heißen als Mes-Bottes, nicht wahr?«

»Sicherlich, es ist nicht häßlich, Cadet-Cassis«, erklärte die junge Frau.

Und sie fragte ihn nach seiner Arbeit. Er arbeite immer da, hinter der Mauer des Octroi, am neuen Spital. Oh, die Arbeit gehe nicht aus, er würde sicherlich nicht vor Ende des Jahres den Bauplatz verlassen. Es gab viele Meter Dachrinnen zu machen!

»Wissen Sie, ich sehe das Hotel Boncoeur, wenn ich da oben stehe ... Gestern waren Sie am Fenster, ich schwenkte mit den Armen, aber Sie haben mich nicht gesehen.«

Sie waren schon eine Weile in der Rue de la Goutte-d'Or gegangen, als er aufschaute und sagte:

»Da ist das Haus ... ich bin weiter, auf Nummer 22 geboren ... Aber dieses Haus ist ein großer Steinkasten! Es ist so groß wie in einer Kaserne, da drinnen!«

Gervaise streckte das Kinn vor und musterte die Front. Auf die Straße hinaus hatte das Haus fünf Stockwerke, die fünfzehn Fenster in der Reihe zeigten, deren schwarze Fensterläden, teils zerbrochen, einen ruinenhaften Eindruck machten. Unten waren vier Läden: rechts von der Türe ein großer Saal, in dem sich eine Garküche befand, links ein Kohlenhändler, ein Spezereiladen und ein Regenschirmhändler. Das Haus sah deshalb so mächtig aus, weil es sich zwischen zwei niedrigen elenden Baulichkeiten erhob, die sich daran anlehnten. Viereckig, ein Mörtelblock roh zugehauen, faulend und abbröckelnd, stach es in den blauen Himmel hinein; ein brutaler Würfel, mit unbeworfenen Wänden aus Dreckfarbe und mit der Nacktheit einer langen Gefängnismauer ins Leere gähnend.

Aber Gervaise schaute ganz besonders nach dem Tor, das bis zum zweiten Stockwerk ging, einen breiten Eingang bildete und am andern Ende einen düstern Himmel über einem großen Hofe sehen ließ. Mitten in diesem Eingang, der gepflastert wie die Straße war, lief ein Rinnsal, in dem ein Wasser von zarter blauer Farbe floß.

»Gehen Sie doch hinein,« sagte Coupeau, »man wird Sie nicht auffressen.«

Gervaise wollte auf der Straße auf ihn warten. Doch konnte sie sich nicht enthalten, bis zur Wohnung der Hausmeisterin zu gehen, die rechts davon war. An dieser Treppe schaute sie wieder in die Höhe. Innen hatte die Fassade sechs Stockwerke, vier umgaben regelmäßig das große Viereck des Hofes. Es waren graue Mauern, von einer gelben Flechte zerfressen, vom Schmutzwasser der kaputten Dachrinnen gestreift, die ohne Unterbrechung vom Pflaster an bis an das Gesims führten. Da wo die eisernen Klammern die Rinnen an der Mauer festhielten, machten sich braune rostige Flecken breit. Die Fenster ohne Läden blickten nackt und das Glas war grün wie trübes Wasser. Einige standen offen, in diesen lagen blaue Matratzen zum Auslüften; vor andern waren Schnüre gespannt, an denen Wäsche zum trocknen hing, die ganze Wäsche des Haushalts: Männerhemden, Frauenjacken, Kinderhosen. Im dritten Stock lag ein ausgebreitetes verdrecktes Kinderbett. Von unten bis oben hing den zu kleinen Wohnungen ihr ganzes Elend zum Fenster heraus. Unten war eine schmale hohe Tür ohne Holzrahmen in den nackten Mörtel eingebaut. Am Ende des langgestreckten Eingangs war eine schmutzige Treppe mit eisernem Geländer. Die vier Stockwerke waren durch die vier Anfangsbuchstaben des Alphabets bezeichnet. Im Halbstock war ein Atelier mit Fenstern, die schwarz vor Ruß waren; das Schmiedefeuer eines Schlossers brannte darin; unweit davon pfiff der Hobel eines Schreiners. Bei der Hausmeisterwohnung war eine Färberei, die den Bach zart blau färbte, ehe er unter dem Hauseingang hervorkam. Auf dem Hof wechselten Kohlenreste, Auswurf, Dreck und Farbwasser ab mit schlechtgefügten Pflastersteinen, zwischen denen Gras wuchs. Durch Sonne und Schatten war er in zwei Teile geschnitten. Auf der Schattenseite, wo der Lauf eines Brunnenhahnes immerwährende Feuchtigkeit schuf, scharrten drei kleine Hühner mit schmutzigen Füßen und suchten Regenwürmer. Langsam glitten Gervaises Augen vom sechsten Stock zur Erde und wieder hinauf, erstaunt vor dieser Größe, die ihre Phantasie erregte, als hätte sie einen Riesen vor sich.

»Sucht Madame jemand?« schrie die Hausmeisterin, die geärgert aus ihrer Loge kam.

Die junge Frau erklärte, daß sie auf jemand warte, und kehrte zur Straße zurück. Als Coupeau immer noch nicht kam, ging sie nochmals, von all dem Gesehenen angezogen, zurück. Das Haus erschien ihr nicht häßlich. Zwischen all diesen Lumpen, die an den Fenstern hingen, gab es Winkel, die voller Freundlichkeit waren, eine blühende Levkoie in einem Blumentopf, ein Vogelkäfig, aus dem es schmetterte, schräge Spiegel, die aus der Tiefe heraus wie runde Sterne leuchteten. Unten sang der Schreiner, begleitet vom regelmäßigen Pfeifen seines Hobels, während aus der Schlosserei die regelmäßig fallenden Hammer wie silbernes Geläute klangen. Dann, an fast allen offenen Fenstern, inmitten all dieses Elends, zeigten sich lachende verschmierte Kinderköpfe und Frauen, die ruhig nähten, mit gesenktem Profil.

Es war die Wiederaufnahme der Arbeit nach dem Frühstück, die Männer arbeiteten außerhalb, das Haus lag in großer Ruhe, nur durch das Geräusch des Handwerks oder den durch Stunden hindurch gesungenen Refrain eines Liedes unterbrochen. Der Hof war etwas feucht. Wenn Gervaise da wohnen würde, möchte sie eine Wohnung auf der Sonnenseite haben. Sie hatte fünf bis sechs Schritte gemacht und atmete die Wohnung der Armen ein, ein Geruch von altem Staub und ranzigem Dreck. Weil aber die Schärfe des Färbereiwassers vorherrschte, fand sie, daß es weit weniger schlecht rieche wie im Hotel Boncoeur. Und sie suchte schon ihr Fenster aus, im linken Winkel, wo eine Kiste mit spanischen Bohnen bepflanzt stand, deren Stengel schon anfingen sich um gespannte Fäden zu ranken.

»Ich habe Sie warten lassen, nicht wahr?« sagte Coupeau, den sie plötzlich neben sich hörte. »Das ist immer eine ganze Geschichte, wenn ich nicht bei ihnen esse, um so mehr, als meine Schwester gerade heute Kalbfleisch gekauft hat.«

Als sie, von ihrem Erstaunen erholt, etwas zitterte, ließ auch er seinen Blick herumschweifen und fuhr fort:

»Sie haben sich das Haus angeschaut? Immer ist es vermietet von oben bis unten. Ich glaube, es sind dreihundert Mieter ... Wenn ich Möbel hätte, hätte ich geschaut, ob ich ein Kabinett erwische ... Hier hätte man es ganz gut, nicht wahr?«

»Ja, man wäre gut aufgehoben,« murmelte Gervaise. »In Plassans waren nicht so viele Menschen in unserer Straße ... Schauen Sie, das ist nett, dieses Fenster im fünften Stock mit den Bohnen.«

Dann wieder mit dem frühern Eigensinn fragte er sie, ob sie wolle. Sobald er ein Bett hätte, würde er da mieten. Da lief sie davon, eilte durch das Tor, indem sie ihn bat, nicht mehr mit diesen Dummheiten anzufangen. Und wenn das Haus zusammenstürzte, sie würde nicht unter einer Decke mit ihm schlafen. Als Coupeau sie vor dem Atelier der Frau Fauconnier verließ, durfte er jedoch ihre Hand einen Augenblick in der seinen halten, die sie ihm in aller Freundschaft überließ.

Während eines Monates dauerten die guten Beziehungen des Zinkarbeiters mit der jungen Frau. Er fand, daß sie sehr tapfer war, wenn er sah, wie sie sich in der Arbeit erschöpfte, ihre Kinder pflegte und abends noch die Zeit fand, an allen möglichen Fetzen zu nähen. Es gab genug unsaubere Frauen, die immer Hochzeit machten und schmutzige Redensarten führten; aber zum Teufel, denen war sie nicht gleich, sie nahm das Leben zu ernst! Dann lachte sie, verteidigte sich bescheiden. Zu ihrem Unglück war sie nicht immer so brav gewesen. Und sie bezog das auf ihre erste Niederkunft mit vierzehn Jahren; sie kam auf den Absinth zu sprechen, den sie ehemals mit ihrer Mutter literweise getrunken. Die Erfahrung habe sie etwas klüger gemacht, das ist alles. Man tue unrecht anzunehmen, daß sie einen festen Willen habe; im Gegenteil, sie war sehr schwach; sie ließ sich stoßen, wohin man sie haben wolle, nur um niemandem weh zu tun. Ihr Traum gehe dahin, in einer ehrlichen Gesellschaft leben zu dürfen, denn, die schlechte Gesellschaft, sagte sie, war wie ein Totschläger, der einem das Hirn einschlägt – und eine Frau gar, die schlage hin wie nichts. Der Schweiß bräche ihr aus bei dem Gedanken an die Zukunft, sie käme sich vor wie ein hingeschleuderter Sou, der Kopf oder Wappen zeigt, je nach der Laune des Schicksals. Alles was sie schon gesehen habe, das böse Beispiel vor ihren Kinderaugen, das war ihr eine gute Lektion. Aber Coupeau machte sich über ihre schwarzen Gedanken lustig, brachte ihr wieder Mut bei und versuchte sie um die Hüften zu fassen; sie stieß ihn zurück, gab ihm Schläge auf die Finger, schrie lachend, und er sagte, daß sie, als eine so zarte Frau, gar nicht bequem wäre. Er wäre ein Leichtlebiger und kümmere sich gar nicht um die Zukunft. Der Tag brachte den Tag! Man wird wohl immer das Nest und die Pastete haben. Das Viertel käme ihm ganz sauber vor, abgesehen von einer guten Hälfte Betrunkener, die man hätte entfernen können. Er war kein böser Teufel, hielt manches Mal ganz gescheite Vorträge, hatte sogar etwas Feineres an sich, einen sehr gepflegten Scheitel auf dem Kopf, schöne Krawatten, ein paar Lackschuhe für den Sonntag. Dabei die Geschicklichkeit und Verwegenheit eines Affen, eine Pariserische Drolligkeit, ein tüchtiges Mundwerk, das ganz gut zum jungen Schnabel paßte.

Alle beide hatten sich im Laufe der Zeit eine Menge guter Dienste geleistet im Hotel Boncoeur. Coupeau holte ihr die Milch, machte ihr Kommissionen und trug ihr Wäschepakete; oft, wenn er am Abend als erster zurückkam, ging er mit den Kindern auf dem äußern Boulevard spazieren. Um seine Höflichkeiten zu erwidern, stieg Gervaise in das kleine enge Zimmer hinauf, das unter dem Dach war, in dem er schlief; sie untersuchte seine Kleider, nähte Knöpfe an die Blusen und flickte seine Leinenwesten. Eine große Vertraulichkeit trat zwischen die beiden. Sie langweilte sich nicht in seiner Gegenwart, seine Lieder unterhielten sie und diese ewigen Späße der Pariser Vorstadt waren ihr neu. Da er immer um sie herum war, wurde ihm von Tag zu Tag heißer. Er war ganz eingenommen von ihr. Bald wurde ihm dieser Zustand unerträglich. Er lachte zwar immer, aber es wurde ihm so eng um den Magen herum, daß ihm das nicht mehr spaßig vorkam. Die Dummheiten hörten nicht auf. Er konnte sie nicht mehr sehen, ohne sie anzurufen: »Wann wird es sein?« Sie verstand, was er sagen wollte, und versprach es ihm auf die Woche, in die vier Donnerstage fallen würden. Dann neckte er sie wieder damit, daß er, Pantoffeln in der Hand, hereinkam, als wolle er nun einziehen. Sie lachte darüber und verbrachte dabei ihre Tage sehr gut und ohne Erröten bei diesen ewigen Anspielungen, mit denen er sie umgab. Solange er nicht brutal wurde, ließ sie ihm alles durchgehen. Einmal nur wurde sie ernstlich böse, als er sie mit Gewalt küßte. Er hatte ihr dabei Haare herausgerissen.

Ende Juni verlor Coupeau seine Lustigkeit. Er wurde ganz anders. Gervaise, beängstigt durch gewisse Blicke, verbarrikadierte sich des Nachts. Nachdem sie halbböse zwei Tage nicht miteinander gesprochen hatten, klopfte er nachts um elf Uhr an ihre Türe. Sie wollte nicht öffnen; doch seine Stimme klang so zart und zitternd, daß sie die Kommode von der Tür wegrückte. Als er eingetreten war, erschien ihr sein Gesicht blaß und fleckig; sie glaubte, er wäre krank. Er blieb stehen, stotterte und schüttelte den Kopf. Nein, er war nicht krank. Er weine seit zwei Stunden oben in seinem Zimmer; er weine wie ein Kind und biß in sein Kopfkissen, damit ihn die Nachbarn nicht hören sollten. Jetzt sind es drei Nächte, daß er nicht geschlafen habe. So könne es nicht weitergehen.

»Hören Sie, Frau Gervaise,« sagte er mit zugeschnürtem Hals, denn er wollte wieder zu weinen anfangen, »das muß ein Ende haben, nicht wahr? ... Wir werden uns verheiraten; ich will gerne und bin entschlossen.«

Gervaise tat sehr erstaunt. Sie wurde ernst.

»Aber, Herr Coupeau,« flüsterte sie, »was tun Sie da! Das habe ich doch nie von Ihnen verlangt, das wissen Sie ... Das wollte ich einfach nicht, das ist es ... Oh, nein, nein, jetzt ist es ernst, überlegen Sie sich das, ich bitte Sie.«

Aber er schüttelte immer wieder den Kopf mit entschlossener, unwiderruflicher Miene. Es war alles überlegt. Deshalb war er herunter gekommen, weil er endlich wieder einmal schlafen wollte. Sie würde ihn doch nicht wieder fortschicken! Sobald sie ja gesagt haben würde, könne sie sich ruhig schlafen legen. Er wollte sie nur ja sagen hören, morgen könne man weiter darüber sprechen.

»Sicher werde ich nicht auf einmal ja sagen,« antwortete Gervaise. »Ich will nicht, daß Sie später einmal sagen, ich hätte Sie dazu verleitet, eine Dummheit zu machen. Sehen Sie, Herr Coupeau, Sie tun unrecht, so eigensinnig zu sein. Sie wissen selbst nicht, was Sie für mich empfinden. Wenn Sie mich acht Tage nicht sehen werden, ich wette, dann ginge das vorüber. Die Männer heiraten oft um einer Nacht willen nur, – die erste, doch dann folgen mehr Nächte, die Tage werden lang, das ganze Leben, dann wird's ihnen langweilig ... Setzen Sie sich dorthin, ich will lieber gleich mit Ihnen sprechen.«

Daraufhin diskutierten sie, im halbfinstern Zimmer bei einer Kerze sitzend, die sie zu putzen vergaßen, bis ein Uhr in der Nacht. Sprachen über ihre Hochzeit, mit leiser Stimme, um die Kinder nicht aufzuwecken, die mit ihrem leichten Atem auf demselben Kopfkissen schliefen. Gervaise sprach auch von ihnen, zeigte sie Coupeau; das war doch eine komische Hochzeitsgabe, die sie ihm mitbrächte, sie konnte ihm doch nicht zwei kleine Bälge anhängen. Dann schämte sie sich für ihn. Was würde man im Viertel sagen? Man hat sie mit ihrem Geliebten gekannt, wußte um ihre Geschichte; das wäre doch nicht sauber, wenn sie sich schon nach zwei Monaten heirateten. Bei all diesen guten Einwänden zuckte Coupeau nur die Schultern. Das sei kein Grund! Er stecke auch nicht seine Nase in anderer Leute Angelegenheiten; da würde sie schön dreckig werden! Wo war ein Unrecht? Sie führte kein schlechtes Leben und brachte keine Männer zu sich hinauf wie so viele Frauen, sogar von den Reichsten! Was die Kinder anbelangt, die werden wachsen, man erzieht sie, zum Teufel! Er würde nie mehr eine Frau finden, die so viel Mut hätte, so gut wäre und überhaupt solche Eigenschaften hätte wie sie. Und übrigens, sie hätte sich in den Gossen wälzen können, häßlich, widerwärtig, faul sein, einen Rudel dreckiger Kinder haben, das hätte ihm alles nichts ausgemacht: er wolle sie haben.

»Ja, ich will Sie haben,« wiederholte er, mit der Faust immerfort heftig auf sein Knie schlagend. »Sie hören es, ich will Sie haben ... Dagegen läßt sich wohl nichts sagen, denke ich?«

Nach und nach wurde Gervaise weich. Eine Schwäche des Geistes und Herzens kam über sie, mitten in einem ganz brutalen Verlangen, dem sie sich unterworfen fühlte. Sie versuchte nur noch schüchterne Einwände, die Hände in ihrem Schoß liegend, das Gesicht voller Zärtlichkeit. Durch die geöffneten Fenster kam die laue Juninacht mit warmem Atem und bewegte die Kerzenflamme hin und her; der lange Docht war schwarz und rauchte. Durch die Stille des schlafenden Viertels hörte man das Greinen eines Betrunkenen, der mitten auf dem Boulevard am Rücken lag. Ganz ferne spielte eine Violine zu einer verspäteten Hochzeit eine leichte Quadrille; eine kleine kristallhelle Musik, einfach und gebunden wie der Klang einer Ziehharmonika. Coupeau, der die junge Frau am Ende ihrer Einwände sah, leise lächelnd, nahm ihre beiden Hände und zog sie zu sich heran. Sie befand sich in einem Zustand der Hingabe, vor der sie sonst so Angst hatte, gewonnen, und nicht imstande, sich zu versagen oder jemandem weh zu tun. Coupeau verstand das aber nicht, er begnügte sich damit, ihr die Hände zu zerdrücken, zu pressen, auf diese Art Besitz von ihr nehmend; beide stießen einen Seufzer aus bei dem leichten Schmerz, der sie etwas befriedigte.

»Also ja, nicht wahr?« fragte er.

»Wie Sie mich so plagen«, murmelte sie. »Sie wollen es so? ... Also dann, ja ... Mein Gott, wir machen da wahrscheinlich eine große Dummheit.«

Er war aufgestanden, nahm sie um die Taille und gab ihr einen herzhaften Kuß auf das Gesicht, wo es gerade hintraf. Aber da dies einen großen Lärm machte, beunruhigte er sich als erster, indem er auf Claude und Etienne sah; auf Fußspitzen gehend, sagte er leise:

»Still, laß uns brav sein, man muß die Kleinen nicht aufwecken, bis morgen also.«

Und er stieg wieder in sein Zimmer hinauf. Gervaise blieb noch fast eine Stunde lang zitternd auf ihrem Bettrand sitzen, ohne daran zu denken sich auszuziehen. Sie war gerührt, sie fand Coupeau sehr ehrlich; denn wirklich, einen Augenblick lang dachte sie, alles wäre aus, er würde da zum Schlafen bleiben.

Der Betrunkene auf der Straße stieß einen heisern Laut aus wie ein verlaufenes Tier. In der Ferne schwieg die Violine.

Eines Abends wollte Coupeau Gervaise bestimmen, mit ihm zu seiner Schwester in die Rue de la Goutte d'Or zu gehen. Aber die junge Frau war so eingeschüchtert, sie zeigte eine arge Furcht vor diesem Besuch bei den Lorilleux. Sie bemerkte, daß der Zinkarbeiter eine dumpfe Angst vor diesem Haushalt habe. Gewiß war er nicht von seiner Schwester abhängig, die nicht einmal seine älteste war. Mama Coupeau würde vollen Herzens ihre Einwilligung geben, denn sie betrübte ihren Sohn niemals. Nur, in der Familie galten die Lorilleux am meisten, weil sie zehn Francs am Tage verdienten, deshalb waren sie zu dieser Autorität gekommen. Coupeau hätte es nicht gewagt zu heiraten, wenn sie nicht als erste seine Frau anerkannt hätten.

»Ich habe ihnen von Ihnen erzählt, sie kennen unser Vorhaben,« erklärte Coupeau. »Mein Gott, seien Sie nicht so kindisch, kommen Sie heute abend ... Ich habe Sie angemeldet, nicht wahr? Sie werden meine Schwester etwas steif finden. Auch Lorilleux ist nicht immer liebenswürdig. Im Grunde sind sie böse, weil, wenn ich heirate, ich dann nicht mehr zu ihnen essen komme, und diese Ersparnisse fallen für sie weg. Aber das macht nichts, sie werden Sie nicht hinauswerfen ... Tun Sie das für mich, es ist wirklich notwendig.«

Diese Worte erschreckten Gervaise nur noch mehr. An einem Samstagsabend jedoch gab sie nach. Coupeau holte sie um halb neun Uhr. Sie hatte sich angezogen: ein schwarzes Kleid, ein Schal aus Wollmusselin mit gedruckten gelben Palmen, und eine weiße Haube mit Spitzen garniert. Seit sechs Wochen, solange sie arbeitete, hatte sie sich die sieben Francs erspart für den Schal und zwei Francs fünfzig für die Haube; das Kleid war ein altes Kleid, geputzt und neu hergerichtet.

»Sie erwarten Sie,« sagte Coupeau zu ihr, als sie durch die Rue des Poissonniers gingen. »Sie fangen nun an, sich an die Jahre zu gewöhnen, mich verheiratet zu sehen. Heute abend sehen sie aus, als wollten sie nett sein.« Und dann: »Wenn Sie noch nie gesehen haben, wie man goldene Ketten macht, wird Sie das unterhalten zuzusehen. Sie haben gerade eine eilige Bestellung, die bis Montag fertig sein soll.«

»Sie haben Gold bei sich?« fragte Gervaise.

»Das will ich glauben! Auf den Mauern, am Boden, überall.«

Endlich waren sie durch das runde Tor durchgegangen und in den Hof eingetreten. Die Lorilleux wohnten im sechsten Stock, Treppe B. Coupeau rief ihr lachend zu, sie möchte das Geländer fest anfassen und nicht mehr loslassen. Sie erhob die Augen, blinzelte hinauf in diesen hohlen hohen Turm, der wie ein Käfig war. Er war durch drei Gaslaternen erhellt, je eine nach zwei Etagen; die letzte ganz oben sah aus wie ein vibrierender Stern am schwarzen Himmel, während die beiden andern langgezogene Helligkeit verbreiteten, die merkwürdig geschnitten schien, längs der unendlichen Spirale der Stufen.

»Na,« sagte der Spengler als sie auf dem ersten Stockwerk angekommen waren, »das riecht schön nach Zwiebelsuppe. Sicher hat man hier Zwiebelsuppe gegessen.«

Diese Treppe B war grau, dreckig, das Geländer und die Trittbretter fettig, die abbröckelnden Mauern ließen den Gips sehen. Auf jedem Stockwerk bogen Gänge ab, voller Lärm, Türen öffneten sich, die gelb gestrichen und an den Türklinken schwarz von schmutzigen Händen waren. Am Rande der Fenster stanken die Abflußrohre, deren Ausdünstung sich mit dem sauern Zwiebelgeruch vermischte. Vom ersten bis zum sechsten hörte man das Waschen von Geschirr, Scheuern von Töpfen und das Geräusch von Kasserollen, die mit Löffeln ausgekratzt wurden. Im ersten Stock bemerkte Gervaise an einer halb offnen Tür das Wort: »Zeichner« mit großen Buchstaben geschrieben. Zwei Männer saßen an einem mit altem Wachstuch bezogenen Tisch und unterhielten sich lebhaft im Qualm ihrer Tabakspfeifen. Der zweite und dritte Stock war ruhiger und ließ nur das Geräusch von geschaukelten Wiegen durch die Holzverkleidung hören oder ersticktes Kinderweinen, einmal eine rohe Frauenstimme, die bei laufendem Wasser unbestimmte Worte schimpfte. Sie konnte auch die verschiedenen Namen lesen: Herr Madinier, Atelier für Pappendeckelarbeit, Frau Gaudron, Wollkämmerin. Im vierten prügelte man sich; ein Gestampfe, von dem der Fußboden zitterte, Möbel fielen um, Schläge, Flüche hörte man; es war ein entsetzlicher Lärm; was die Nachbarn gegenüber nicht hinderte, bei offener Tür Karten zu spielen, um Luft hereinzulassen. Als sie im fünften Stock waren, mußte sich Gervaise verschnaufen; sie war gar nicht gewohnt zu steigen; diese Mauer, die immer rund herum ging, all diese Wohnungen, die sie gesehen hatte, verdrehten ihr den Kopf. Eine Familie verstellte den Durchgang vollkommen; der Vater wusch die Teller auf einem kleinen Kachelofen beim Ausguß, die Mutter säuberte das Wickelkind, ehe sie es schlafen legte. Coupeau ermutigte die junge Frau. Sie gingen weiter. Als sie auf dem sechsten Stock angekommen waren, drehte sich Coupeau um, sie mit einem Lächeln zu ermutigen. Mit aufgehobenem Kopf suchte sie, woher die Stimme kam, die sie schon von unten gehört hatte und die klar und durchdringend alle übrigen Geräusche übertönte. Sie kam unter dem Dach hervor, es war die Stimme einer kleinen alten Frau, die Puppen zu dreizehn Sous das Stück anzog. Ferner sah Gervaise ein ungemachtes Bett in einem benachbarten Zimmer, in das ein großes Mädchen einen Eimer Wasser trug, worin ein Mann in Hemdärmeln sitzend auf sie wartete, zusammengekauert, die Augen erhoben; an der Tür las man auf einer Karte mit der Hand geschrieben: Fräulein Clemence, Büglerin. Endlich ganz oben angekommen, mit müden Beinen und kurzem Atem, schaute sie über die Rampe hinunter; jetzt sah die untere Laterne wie ein Stern aus, im engen Brunnen sechs Stock hoch; und die Gerüche, das schreckliche und kreischende Leben in dem großen Hause war wie ein einziger Atem, der wie Hitze ihr ängstliches Gesicht traf am Rande eines Abgrundes.

»Wir sind immer noch nicht angekommen,« sagte Coupeau. »Oh, es ist eine ganze Reise!« Er trat zur Linken in einen langen Gang. Zweimal bog er ab, das erstemal links, das zweitemal rechts. Der Gang wurde immer länger, verengte sich wie eine Eidechse und war ganz verfallen und von Zeit zu Zeit von einer schmalen Gasflamme erleuchtet; aus den gleichmäßigen Türen, nebeneinander liegend wie Gefängnis – oder Klostertüren, lugte immer wieder das Antlitz von Elend und Arbeit, überschattet mit dem schweißigen Brodem eines heißen Juniabends. Endlich gelangten sie an das Ende dieses ganz finsteren Schlauches.

»Da sind wir,« sagte Coupeau. »Achtung! halten Sie sich an der Mauer an, es sind noch drei Treppen.«

Gervaise machte noch ungefähr zehn Schritte vorsichtig in der Finsternis. Sie strauchelte, zählte drei Treppen. Am Ende des Ganges hatte Coupeau ohne anzuklopfen eine Tür aufgestoßen. Eine Helligkeit strömte auf den Boden. Sie traten ein.

Es war ein ganz enger, schlauchartiger Raum, der wie die Fortsetzung des Ganges schien. Im selben Augenblick wurde dieser Schlauch entzweigeschnitten von einem alten verblaßten Vorhang, den jemand an einer Schnur zurückzog. Die erste Hälfte enthielt ein Bett, das unter die Abschrägung der Zimmerdecke der Mansarde gerückt war, einen gußeisernen Herd, der noch vom Abendessen her warm war, zwei Stühle, einen Tisch und einen Schrank, dessen eine Ecke abgesägt worden war, damit er zwischen dem Bett und der Türe Platz hatte. Im zweiten Abteil befand sich das Atelier: im Hintergrund eine schmale Schmiede mit einem Blasebalg; rechts ein Schraubstock an die Mauer genietet, unter einer Etagère, auf der die Werkzeuge herumlagen; links beim Fenster ein ganz kleiner Werktisch, vollgelegt mit Pinzetten, Scheren, mikroskopisch kleinen Sägen, alles fettig und dreckig.

»Wir sind es«, sagte Coupeau, indem er bis zum Wollvorhang vorging.

Aber es wurde nicht sofort geantwortet. Gervaise war bedrückt, denn sie glaubte an einen Ort voll lauteren Goldes zu kommen, sie hielt sich hinter dem Arbeiter, versuchte mit dem Kopfe zu nicken, um zu grüßen. Die große Helligkeit, eine Lampe brannte über der Hobelbank, ein Kohlenbecken mit glühenden Kohlen gloste auf der Schmiede – das alles vermehrte noch ihre Verwirrung. Endlich sah sie Frau Lorilleux. Sie war klein, rötlich und ziemlich dick. Sie zog mit aller Gewalt und mit Hilfe einer dicken Zange an einem schwarzen Metallfaden, den sie durch das Loch einer Schnurreihenfolge durchführte, die am Schraubstock befestigt war. Vor dem Schraubstock arbeitete Lorilleux, ebenfalls klein von Gestalt, jedoch mit breiten Schultern. Er hielt eine Pinzette und arbeitete mit der Geschwindigkeit eines Affen an einer Arbeit, die ganz zwischen seinen verknorpelten Fingern verschwand. Lorilleux erhob zuerst den Kopf, ein Kopf mit spärlichem, langem, kränklichem Haar von blaßgelber Farbe, wie altes Wachs.

»Ah, ihr seid es, gut, gut!« brummelte er. »Wir sind in Eile, wißt ihr ... Kommt nicht ins Atelier herein, das würde uns stören, bleibt draußen im Zimmer.«

Und er nahm wieder seine Arbeit auf, das Gesicht im Reflex eines grünlichen Lichtes, das durch eine Glaskugel, die mit Wasser gefüllt war, auf seine Arbeit ein rundes helles Licht warf.

»Nehmt euch Stühle!« schrie ihrerseits Frau Lorilleux. »Das ist die Dame, nicht wahr? Sehr gut, sehr gut!«

Sie hatte den Faden gezogen, brachte ihn zur Schmiede und fachte dort mit Hilfe eines Holzfächers die Kohlen wieder an; sie erhitzte den Draht aufs neue, bevor sie ihn durch die letzten Löcher der Reihenfolge zog.

Coupeau holte die Stühle und hieß Gervaise neben den Vorhang sitzen. Das Zimmer war so schmal, daß er keinen Platz mehr neben ihr hatte. Er setzte sich hinter sie, beugte sich auf ihren Hals herab, um ihr die Erklärungen über die Arbeit zu geben. Die junge Frau war durch den eigentümlichen Empfang der Lorilleux eingeschüchtert und fühlte sich unter den mißtrauischen Blicken so unbehaglich, daß sie Ohrensausen bekam, was sie am Hören hinderte. Die Frau kam ihr sehr alt vor für dreißig Jahre, spröde und unsauber, mit Haaren, die wie ein Kuhschweif über ihre offene Nachtjacke fielen. Der Mann war nur ein Jahr älter, hatte etwas Greisenhaftes, mit bösen schmalen Lippen, hemdärmelig und barfuß in ausgetretenen Pantoffeln. Was sie aber am allermeisten erstaunte, war das kleine Atelier, die beschmierten Wände, der verrostete Zustand des Handwerkszeugs, der ganze Schmutz eines Alteisenwarenhändlers. Es war entsetzlich heiß, Schweißtropfen perlten auf Lorilleux' grünlichem Gesicht, während Frau Lorilleur sich entschloß, ihre Nachtjacke auszuziehen und mit nackten Armen dastand. Das Hemd ließ ihre eingefallenen Brüste sehen.

»Und das Gold?« fragte Gervaise mit leiser Stimme.

Ihre geängsteten Blicke untersuchten die Wände, suchten unter all dem Schmutz die erträumten Herrlichkeiten. Coupeau lachte.

»Das Gold! Nun hier, und dort, und da zu Ihren Füßen.«

Er zeigte auf den Faden, den seine Schwester bearbeitete, und ein anderes Bündel voller Faden, das an der Mauer hing in der Nähe der Schmiede; dann bückte er sich auf alle Vier hinunter auf den Boden und hob ein kleines Stück auf, das aussah wie eine verrostete Nadel. Gervaise rief: »Das kann doch kein Gold sein, dieses schwärzliche Metall, häßlich wie Eisen!« Er mußte das Ende abbeißen und ihr den glänzenden Einschnitt an den Zähnen zeigen. Und er fuhr in seiner Erklärung fort: die Geschäftsaufträger lieferten das Gold in Faden, ganz gleich lang. Die Bearbeiter zögen sie durch die Drahtziehbank, damit sie gleichmäßig und die erwünschte Dicke bekommen, zu welchem Zweck man den Faden fünf- bis sechsmal während der Operation glüht, damit er nicht bricht. Oh, dazu müsse man eine feste Faust und sehr viel Übung haben! Seine Schwester hinderte ihren Mann, die Drahtziehbank anzurühren, weil er hustete. Sie hatte starke Arme, er hat sie schon Faden ziehen sehen, die so dünn waren wie ein Haar!

Lorilleur wurde so vom Husten geschüttelt, daß er sich auf dem Hocker krümmte. Mitten hinein sprach er mit erstickter Stimme, ohne Gervaise anzusehen, als spräche er nur mit sich selbst:

»Ich, ich bin die Säule.«

Coupeau zwang nun Gervaise aufzustehen. Sie könne schon näher herankommen und zuschauen. Der Kettenmacher gab durch Kopfnicken seine Einwilligung. Er wickelte den von seiner Frau präparierten Faden um einen Formklotz, ein sehr dünnes Stahlstäbchen. Dann ein leichter Schnitt mit der Schere, der den Faden am Ende des Formklotzes abschnitt, dessen jeweilige Wendung eine Masche bildete. Dann lötete er. Die Maschen wurden auf ein großes Stück Holzkohle gelegt. Er netzte sie mit einem Tropfen Borar, der in einem zerbrochenen Glase neben ihm stand; endlich brachte er sie in der horizontalen Flamme des Lötrohrs rasch zum Glühen. Nachdem er so ungefähr hundert Maschen gelötet hatte, setzte er seine minutiöse Arbeit fort, auf den Rand des Blockes gestützt, ein Brettchen, durch das Reiben seiner Hände blank poliert. Er bog die Masche mit der Zange, verengte sie an einer Stelle und fädelte sie in die obere, bereits vorhandene Masche ein, die er mit einer Spitze geöffnet hatte; und so fort mit einer immerwährenden Regelmäßigkeit, Masche an Masche schließend, und so schnell, daß sich die Kette unter den Augen Gervaises verlängerte, ohne daß sie richtig folgen noch etwas davon verstehen konnte.

»Das ist die Reihenfolge,« sagte Coupeau. »Es gibt die Panzerkette, die Gabelkette, die Kinnkette, die Schnur und die Säule. Lorilleur macht nur die Säule.«

Dieser lachte vor Vergnügen. Er schrie, indem er fortfuhr seine Maschen zu drehen, die ganz unsichtbar zwischen seinen schwarzen Nägeln waren.

»Hör einmal, Cadet-Cassis! ... Ich habe heute früh eine Rechnung aufgestellt. Ich habe mit zwölf Jahren angefangen, nicht wahr? Weißt du, wie lang meine Kette ist bis zum heutigen Tag?«

Er hob sein blasses Gesicht und zwinkerte mit den geröteten Augenlidern.

»Achttausend Meter, hörst du! Zwei Meilen! ... Was sagst du! Eine Reihenfolge zwei Meilen lang! Damit kann man allen Weibern des Viertels den Hals umwickeln ... Und weißt du, das Ende wird immer länger. Ich hoffe noch von Paris bis Versailles zu kommen.«

Gervaise drehte sich um und setzte sich wieder, enttäuscht; sie fand alles sehr häßlich. Sie lächelte, um den Lorilleux Freude zu machen. Was sie ganz besonders bedrückte war, daß sie über ihre Heirat schwiegen, diese für sie einzige bedeutende Sache und um deretwillen sie hergekommen war. Die Lorilleux fuhren fort, sie wie eine lästige Zudringliche zu behandeln, die von Coupeau hergeführt wurde. Als endlich eine Unterhaltung stattfand, erstreckte sie sich einzig nur auf die Bewohner des Hauses. Frau Lorilleux fragte ihren Bruder, ob er im Heraufgehen nicht im vierten Stock Leute gehört habe, die sich schlagen. »Diese Benards prügeln sich täglich; der Mann kommt so betrunken wie ein Schwein nach Hause; die Frau ist auch nicht besser, sie schreit ganz abscheuliche Dinge!« Dann sprach man vom Zeichner im ersten Stock, dieser große Schnapphahn Baudiquin, ein Poseur voller Schulden, der immer rauchte und mit Kameraden johlte. Die Madinier mit ihrer Pappschachtelwerkstatt bliesen auch am letzten Loch. Gestern abend hat der Besitzer drei Arbeiterinnen entlassen; es wäre nur ein Glück, wenn er ganz fallierte, denn sie essen alles auf und die Kinder liefen mit nacktem Hintern herum. »Frau Gaudron liegt ihre Matratzen durch; schon wieder ist sie in andern Umständen, das ist bei ihrem Alter wenig anständig. Der Besitzer hat soeben den Coquet im fünften Stock gekündigt; sie waren schon drei Termine schuldig, dann versteiften sie sich, ihren Herd auf dem Gang anzuzünden; am vorhergehenden Samstag kam die Alte, Fräulein Remanjou aus dem sechsten Stock, die die Puppen macht, gerade noch recht, um zu verhindern, das der kleine Linguerlot nicht verbrüht wurde. Was Fräulein Clémence, die Büglerin betrifft, sie benimmt sich auch recht übel, dabei hat sie ein goldenes Herz, ist aber ganz mannstoll. Schade, ein so schönes Mädchen und geht mit jedem Schwein. Die wird auch einmal in der Gosse enden.«

»Da hast du eine,« sagte Lorilleux zu seiner Frau, indem er ihr die Kette gab, an der er seit dem Frühstück gearbeitet hatte. »Du kannst sie fertigmachen.«

Und er machte wieder seinen alten Scherz:

»Noch vier und einen halben Fuß ... Ich komme Versailles schon näher.«

Nachdem Frau Lorilleux sie nochmals erhitzt hatte, richtete sie die Keite, indem sie sie durch die Drahtziehbank zum regulieren brachte. Dann legte sie sie in eine kleine Kupferkasserolle mit langem Stiel, in dem Scheidewasser war, und beizte sie am Feuer der Schmiede ab. Gervaise wurde wieder von Coupeau gestoßen, damit sie diese letzte Behandlung sehe. Als die Kette gebeizt war, hatte sie eine tiefrote Farbe. Sie war fertig zum Abliefern.

»Man liefert unpoliert,« sagte Coupeau. »Die Poliererinnen müssen sie mit Tüchern blank reiben.«

Nun war aber Gervaise am Ende ihrer Kraft. Die immer zunehmende Hitze schien sie zu ersticken. Man mußte die Türe zubehalten, weil der geringste Durchzug Lorilleux erkältete. Als man immer noch nichts von ihrer Heirat sprach, wollte sie gehen, und zog Coupeau leicht an der Weste. Dieser verstand. Denn auch er fing an durch dieses affektierte Stillschweigen geärgert zu sein.

»Jetzt gehen wir,« sagte er. »Wir lassen euch arbeiten.«

Er stand noch einen Augenblick, wartete, hoffte noch auf ein Wort, auf irgendeine Anspielung. Endlich entschloß er sich, die Sache selbst zur Sprache zu bringen.

»Sag, Lorilleux, wir rechnen auf euch, du wirst der Zeuge meiner Frau sein.«

Der Kettenmacher erhob den Kopf, spielte den Überraschten mit Grinsen, während seine Frau die Drahtziehbank verließ und sich mitten ins Atelier stellte.

»Ist es denn Ernst?« brummte er. »Dieser verfluchte Cadet-Cassis, bei ihm weiß man nie, ob er einen nicht anschmiert.«

»Aber ja, Madame ist die bewußte Person,« sagte nun ihrerseits die Frau, Gervaise betrachtend. »Mein Gott, wir haben euch keinen Rat zu geben ... Es ist immerhin eine sonderbare Idee, zu heiraten. Na, wenn es dem einen und andern paßt. Wenn es mißlingt, hat man selbst die Schuld, das ist alles. Und es gelingt nicht oft, nicht oft, nicht oft ...« Bei den letzteren Worten verlangsamte sie ihre Stimme, zuckte mit dem Kopf, betrachtete das Gesicht der jungen Frau, ihre Hände, Füße, als hätte sie sie ausziehen wollen, um ihre Muttermale zu suchen. Sie schien sie besser zu finden als sie erwartete.

»Mein Bruder ist ganz frei,« sagte sie mit zusammengekniffenen Lippen. »Zweifellos, die Familie hätte vielleicht gewünscht ... Man macht ja immer Projekte. Aber die Angelegenheiten gehen gewöhnlich sehr komisch ... Ich, vor allem, will nicht streiten. Hätte er uns die letzte der letzten gebracht, ich hätte ihm gesagt ... Heirate sie, nur laß mich in Ruh ... Es ging ihm doch nicht schlecht bei uns. Er ist doch fett genug, man sieht, daß er nicht hungern mußte. Immer hatte er auf die Minute seine warme Suppe ... Sag mal, Lorilleux, findest du nicht, daß Madame der Therese ähnlich sieht, du weißt doch, diese Frau von vis-à-vis, die brustkrank gestorben ist?«

»Ja, es ist etwas Ähnlichkeit«, antwortete der Kettenmacher.

»Und Sie haben zwei Kinder, Madame. Meiner Seel, ich habe zu meinem Bruder gesagt: ich verstehe nicht, wie du eine Frau heiraten kannst, die zwei Kinder hat ... Seien Sie nicht böse, wenn ich seine Interessen vertrete; das ist doch ganz natürlich ... Sie sehen nicht stark aus ... Nicht wahr, Lorilleux, Madame sieht nicht sehr stark aus?«

»Nein, nein, sie ist nicht stark.«

Sie sprachen nichts von ihrem Bein. Aber Gervaise verstand an ihren boshaften Blicken und eingezogenen Lippen, daß sie darauf hindeuteten. Sie stand, in ihren armseligen Schal mit gelben Palmen gehüllt, einsilbige Antworten wie vor dem Richterstuhl gebend. Coupeau, der sah, daß sie litt, schrie:

»Das heißt gar nichts ... Was ihr sagt, ist immer dasselbe. Die Hochzeit ist am Samstag, den 29. Juli. Ich habe das mit dem Kalender ausgerechnet. Einverstanden? Paßt euch das?«

»Oh, es wird uns immer passen,« sagte seine Schwester. »Es war nicht nötig, uns zu fragen ... Ich werde Lorilleux nicht abhalten, Zeuge zu sein. Ich will meine Ruhe haben.«

Gervaise, mit gesenktem Kopfe dastehend, wußte nicht mehr, was zu tun, sie verwickelte ihren Fuß in ein Quadrat des Gittersiebs aus Holz, das über den Fußboden gebreitet war; aus lauter Angst, daß sie beim Zurückziehen etwas zerstört habe, bückte sie sich, um mit der Hand nachzufühlen. Lorilleux kam rasch mit der Lampe heran. Mißtrauisch betrachtete er ihre Finger.

»Man muß acht geben,« sagte er, »die kleinen Stücke heften sich an die Fußsohlen, und man trägt sie fort ohne es zu wissen.«

Es war eine ganze Geschichte. Die Leute verloren kein Milligramm. Er zeigte die Hasenpfote, mit der er die Goldteilchen von seinen Knöcheln und auf eine Haut bürstete, die auf seinen Knien ausgebreitet lag, um sie aufzufangen. Zweimal in der Woche wurde das Atelier sorgsam gekehrt; man hob den Staub auf, verbrannte ihn und siebte die Asche durch. Im Monat fand man oft für fünfundzwanzig bis dreißig Francs Gold.

Frau Lorilleux schaute immerfort auf Gervaises Schuhe.

»Aber darüber brauchen Sie sich doch nicht kränken«, sagte sie mit liebenswürdigem Lächeln.

»Madame kann doch auf ihre Sohlen schauen.«

Gervaise war sehr rot geworden, setzte sich nieder und zeigte ihre Sohlen, an denen nichts war. Coupeau hatte bereits die Türe aufgerissen und schrie: Gute Nacht! mit brüsker Stimme. Er rief nach Gervaise schon vom Gang aus. Dann ging auch sie, nachdem sie noch eine Höflichkeitsphrase gestammelt hatte: sie hoffe, daß man sich wiedersehen und gut auskommen würde, alle miteinander. Die Lorilleux hatten sich aber bereits wieder an ihre Arbeit gesetzt, in ihrem finstern Loch, wo die kleine Schmiede schwelte wie ein letztes Stück zum Weißglühen gebrachter Kohle. Der Frau war ein Zipfel ihres Hemdes über die Schulter herabgefallen, die Haut war gerötet durch den Widerschein des Feuers. Sie zog neuerdings einen Faden, bei jeder Anstrengung den Hals schwellend, dessen Muskeln sich wie Schnüre spannten. Der Mann, herabgebeugt – unter den grünen Schein der Wasserkugel, fing eine neue Kette an, hielt die Masche mit der Zange, führte sie in eine obere ein, öffnete sie, schloß sie wieder mechanisch, ohne durch unnötige Gesten Zeit zu verlieren, sogar ohne sich den Schweiß abzuwischen. Als Gervaise von den Gängen auf die Treppe des sechsten Stockes kam, konnte sie sich nicht enthalten und sagte, indem ihr die Tränen in den Augen standen:

»Das verspricht nicht viel Glück.«

Coupeau schüttelte ärgerlich den Kopf. Er würde Lorilleux diesen Abend schon heimbezahlen. Hatte man denn schon je einen solchen Knauser gesehen! Zu glauben, daß man ihm drei Gramm Goldstaub davontragen würde! Diese ganzen Geschichten waren nichts anderes als reiner Geiz. Seine Schwester hatte vielleicht geglaubt, daß er sich nie verheiraten würde, um vier Sous an ihrer Fleischbrühe zu sparen? Sie würde trotzdem am 29. Juli stattfinden. Sie können ihm am Buckel runterrutschen!

Aber Gervaise hatte immer noch ein bedrücktes Herz, als sie die Treppe hinabstieg, sie war von einer dummen Angst ergriffen, die sich zugleich mit den Schatten der Treppe vergrößerte. Zu dieser Stunde schlief die Treppe, vereinsamt, nur von einer Gaslaterne im zweiten Stock erleuchtet, deren herabgeschraubte Flamme in diesem finstern Brunnen wie der Tropfen Licht einer Nachtlampe leuchtete. Hinter den geschlossenen Türen war es still. Dort schlief man den gedrückten Schlaf des Arbeiters, der sich gleich nach dem Essen niederlegt. Nur aus dem Zimmer der Büglerin lachte es leise und aus dem Schlüsselloch bei Fräulein Remanjou, die noch Kleider aus Gazestoff für Puppen zu dreizehn Sous zuschnitt, drang ein kleiner Lichtstrahl und das Klinkern der Schere. Bei Frau Gaudron weinte ein Kind. Aus den Ausgüssen stank es in die dicke schwarze Ruhe.

Im Hof sang Coupeau die Hausmeisterin aus dem Schlaf, und während sie aufsperrte, schaute Gervaise noch ein letztesmal zurück. Das Haus sah unter dem sternenlosen Himmel noch größer aus. Die nachtdunklen Mauern schienen, ihrer Lumpen beraubt, noch nackter und platter. Die fest geschlossenen Fenster schliefen.

Einige weiter entfernte Fenster waren noch erleuchtet, schielten in ihren Winkeln wie Augen, über dem Eingang, vom Boden bis unters Dach, die ganze Höhe entlang, warfen die Stiegenfenster der sechs Stockwerke einen blassen Schein. Licht aus dem Atelier der Pappschachtelwerkstatt im zweiten Stockwerk breitete einen gelben Schweif auf das Pflaster des Hofes, riß Lichtflecken in das Dunkel der im Erdgeschoß verdämmernden Ateliers. Im Hintergrund all dieser Schatten, im feuchten Winkel, klang in die Stille das Fallen der Wassertropfen aus dem schlecht zugedrehten Hahn des Brunnens. Dann schien es Gervaise, daß das Haus auf sie herabkam, sie zu zerdrücken. Eisig rieselte es durch ihre Schultern.

Es war immer noch ihre dumme Angst, über die sie später lachte.

»Nehmen Sie sich in acht!« rief Coupeau. Und sie mußte, um hinauszukommen, übel eine große Lache springen, die aus der Färberei herauskam.

An diesem Tage war die Farbe wieder blau, glich dem tiefblauen Himmel im Sommer; und die kleine Nachtlampe der Hausmeisterin entzündete in dieser Lache ihre Sterne.

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.