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Der Totschläger

Emile Zola: Der Totschläger - Kapitel 2
Quellenangabe
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typefiction
authorEmil Zola
titleDer Totschläger
publisherKurt Wolff Verlag A.-G.
seriesDie Rougon-Macquart
volumeBand 7
printrun1.-4. Tausend
year1923
translatorFranz Blei
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110723
projectid645ee4c3
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Vorwort

Die »Rougon-Macquart« sind als Folge von zwanzig Romanen gedacht. Ihren Grundriß habe ich seit dem Jahre 1869 festgelegt und verfolge ihn mit peinlicher Genauigkeit. Zu seiner Zeit kam »Der Totschläger«, und ich habe ihn geschrieben – wie ich alle anderen Romane schreiben werde –, ohne auch nur einen Augenblick den feststehenden Plan zu verlassen. Darin liegt meine Stärke, denn ich habe ein Ziel, dem ich zustrebe.

Als »Der Totschläger« zum erstenmal in einer Zeitung erschien, wurde er mit einer beispiellosen Heftigkeit angegriffen und verleumdet, alles Üble wurde ihm nachgesagt. Soll ich nun an dieser Stelle und in wenigen Worten meine schriftstellerischen Absichten erklären? Ich wollte die verhängnisvolle und unvermeidliche Entartung einer Arbeiterfamilie schildern, auf dem verjauchten Boden unserer Vorstadtviertel. Wie inmitten von Trinkern und Müßiggängern alle Familienbande sich lösen, eine beängstigende Atmosphäre widerlicher Vermischung aufsteigt, wie alle ehrbaren Regungen allmählich in Vergessenheit geraten, das Schamgefühl schwindet, und wie der Tod alles löst. Mit einem Wort: das Walten eines sittlichen Gesetzes.

»Der Totschläger« ist zweifellos das moralischste von meinen Büchern. Oft mußte ich an viel schrecklichere Wunden rühren. Lediglich die Art, wie er geschrieben ist, hat eine Bestürzung hervorgerufen. Man hat sich gegen die Worte empört, die ich gebraucht habe. Mein Verbrechen ist, daß ich als Schriftsteller den Einfall gehabt habe, den Volksjargon in unsere durchgebildete Schriftsprache zu tragen und mit ihr zu vermischen. Wahrhaftig, der Stil – hier liegt das große Verbrechen! Wohl gibt es Wörterbücher dieser Sprache, und die Gelehrten erforschen sie und freuen sich über ihre Urwüchsigkeit, ihre Unmittelbarkeit und ihre Bildkraft. Sie ist eine Fundgrube für die Sprachforscher. Trotzdem hat man mir die Absicht einer lediglich philologischen Arbeit angedichtet und niemand hat an mein lebhaftes historisches und soziales Interesse geglaubt.

Aber ich will mich nicht verteidigen. Mein Werk wird es tun. Es ist ein Werk der Wahrheit, der erste Roman über das Volk, der nicht lügt und der den Geruch des Volkes atmet. Es ist ein Fehlschluß anzunehmen, das ganze Volk wäre schlecht; denn die Gestalten meines Romans sind nicht schlecht, sie sind nur ahnungslos, unwissend, und verdorben nur durch die brutale Umwelt der Arbeit und durch das Elend, in dem sie leben. Wenn man nur meine Romane lesen, sie verstehen, ihre Zusammenhänge richtig sehen wollte, bevor man die schon fertigen, grotesken und gehässigen Urteile verbreitete, die über mich und meine Werke im Umlauf sind. Oh, wenn es bekannt wäre, wie sehr sich meine Freunde über die verblüffenden Märchen erheitern, mit denen man der Menge ein Vergnügen zu machen glaubt. Wenn es doch bekannt wäre, wie sehr dieser Blutsauger und wilde Romanschreiber ein ehrbarer Bürger ist, ein Mann der Wissenschaft und der Künste, der brav in seinem engen Winkel dahinlebt, und dessen einziges Bestreben dieses ist: ein Werk zu hinterlassen, so groß und so lebendig, als es seine Kräfte vermögen! Keine der Erzählungen will ich widerlegen, ich bleibe bei meiner Arbeit und vertraue mich der Zeit an und dem guten Glauben der Öffentlichkeit, auf daß man mich dereinst unter einem Berg aufgehäufter Dummheit entdecke.

Paris, den 1. Januar 1877

Emil Zola

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