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Der Totschläger

Emile Zola: Der Totschläger - Kapitel 15
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pfad/zola/totschla/totschla.xml
typefiction
authorEmil Zola
titleDer Totschläger
publisherKurt Wolff Verlag A.-G.
seriesDie Rougon-Macquart
volumeBand 7
printrun1.-4. Tausend
year1923
translatorFranz Blei
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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13

Coupeau machte in dieser Nacht eine seiner Saufreisen. Am nächsten Tage erhielt Gervaise von ihrem Sohn Etienne, der Mechaniker bei einer Eisenbahn war, zehn Francs geschickt. Der Kleine schickte ihr manchmal fünf Francs, weil er wußte, wie knapp es zu Hause zuging. Sie setzte einen Topf mit Fleisch und Gemüse ans Feuer und aß alles ganz allein auf, denn das Vieh, Coupeau, war auch am folgenden Tage nicht zurückgekommen. Der Montag ging vorüber, Dienstag, er kam nicht. Und die ganze Woche verging. Ach, den Teufel, wenn ihn eine Dame entführt hat, wäre das ein wahres Glück. Aber am Sonntag bekam Gervaise ein amtliches Schreiben, das sie erst sehr erschreckte, weil es wie ein Schreiben von der Polizei aussah. Als sie es las, beruhigte sie sich; es war nur die Mitteilung, daß ihr Schwein im Begriff wäre, ins Spital Sainte-Anne vor die Hunde zu gehen. In dem Schriftstück stand das höflicher, aber es kam doch auf dasselbe hinaus. Ja, es war also doch eine Dame gewesen, die Coupeau entführt hatte, und diese Dame hieß Sophia Drehauge, die letzte Freundin der Trunkenbolde.

Nein, deshalb beunruhigte sich Gervaise nicht. Er kannte ja den Weg, er würde vom Asyl schon allein wieder nach Hause finden; er war ja dort schon so oft geheilt worden, man würde ihn diesmal wieder heilen, um ihr einen Tort anzutun. Hatte sie nicht heute morgen noch erfahren, daß man ihn acht Tage lang, rund wie eine Kugel, bei allen Weinkneipen von Belleville herumkugeln gesehen hätte? In seiner Gesellschaft war Mes-Bottes; und Mes-Bottes bezahlte auch alles; er mußte einen tiefen Griff in die Kasse seiner saubern Ehehälfte getan haben, die ihre Ersparnisse mit schönen Spielen gewann. Das war sauberes Geld, das sie da vertranken, kein Wunder, wenn sie davon krank wurden. Um so besser, wenn Coupeau Leibschmerzen davon bekommen hat! Gervaise wurde ganz wütend bei dem Gedanken, daß diese beiden Egoisten nie daran gedacht hatten, sie einmal abzuholen, um ihr auch einen Schluck zu gönnen. Hat man je so etwas gesehen? Eine Orgie von acht Tagen und nicht eine Galanterie für eine Dame? Hat man allein getrunken, kann man auch allein krepieren!

Am Montag hatte Gervaise eine kleine Mahlzeit für den Abend, es war ein Rest Bohnen und ein Schoppen Wein. Sie sagte sich, ein kleiner Spaziergang würde ihren Appetit heben. Der Brief auf der Kommode war ihr unbequem. Der Schnee war geschmolzen, das Wetter angenehm, der Himmel zwar bewölkt, aber die milde Luft hatte etwas Erfrischendes, in ihrem leisen Winde lag schon ein Frühlingsahnen. Ein solches Wetter ist hoffnungsreich auch für ein bedrücktes Menschenherz. Sie machte sich schon am Nachmittag auf, denn der Weg war lang; man mußte quer durch ganz Paris, und ihr Bein schleppte nach; dabei waren viele Menschen auf der Straße, alle waren heiter und guter Dinge; so kam auch sie dort munter an. Als sie ihren Namen genannt hatte, erzählte man ihr eine ganz tolle Geschichte: es schien, man habe Coupeau bei dem Pont-Neuf aufgefischt; er hatte sich über die Brustwehr gestürzt, weil er im Wahn war, ein bärtiger Mann verstelle ihm den Weg. Ein schöner Sprung, nicht wahr? Wie Coupeau auf den Pont-Neuf gekommen war, konnte er nicht erklären.

Ein Wärter führte Gervaise. Als sie eine Treppe hoch gestiegen, hörte sie ein Geheul, das ihr das Mark gefrieren machte.

»Nicht wahr, der vollführt eine Musik?« sagte der Wärter.

»Wer denn?« fragte sie.

»Na, Euer Mann! So heult er schon seit vorgestern. Und dabei tanzt er, Sie werden ja sehen!«

Mein Gott, was war das für ein Anblick! Sie blieb wie versteinert stehen. Die Zelle war von oben bis unten gepolstert, auf der Erde lagen zwei Strohsäcke, einer auf dem andern, und in der Ecke eine Matratze und ein Keilkissen, weiter nichts. In diesem Räume tanzte und heulte Coupeau. Er sah aus wie eine Karnevalsmaske mit seiner zerfetzten Bluse und den Gliedern, die in der Luft herumfuchtelten. Aber diese Maske war nicht komisch. Diese Maske tanzte einen Tanz, der einem die Haare zu Berg stehen machte. Er stellte einen Sterbenden dar. Heiliger Himmel! war das ein » Cavalier seul«. Er hüpfte auf das Fenster zu; wenn er dann rückwärts schreitend von dort fortging, so schlug er mit den Armen den Takt und schüttelte die Hände, als wolle er sie von sich schleudern, damit sie den Leuten ins Gesicht fliegen sollten. Man sieht manchmal in den Tanzkneipen Spaßmacher, die das nachahmen, aber sie machen es schlecht; wenn man sich eins wahre Vorstellung von dieser Säuferquadrille machen will, dann muß man einen ansehen, der das ernsthaft ausführt. Auch das Lied hat seinen eigenen Charakter, ein immerwährendes Karnevalsgeheul, wobei aus dem weit geöffneten Munde stundenlang dieselben Noten wie aus einer heißen Trompete kommen. Coupeau schrie wie ein Hund, dem man eine Pfote zerquetscht hat. Und dabei sang er immer: »Vorwärts, die Herren! Schaukelt eure Damen!«

»Heiliger Gott! Was ist denn das? Was hat er denn?« fragte wiederholt Gervaise, die ganz erstarrt war.

Ein junger Mediziner, ein starker, blonder, rosiger Bursche mit einer weißen Schürze, saß ruhig und machte Notizen. Der Fall war interessant, der junge Mann ließ den Kranken nicht aus den Augen.

»Bleiben Sie einen Augenblick hier, wenn Sie wollen!« sagte er zu Gervaise. »Aber verhalten Sie sich ruhig ... Versuchen Sie einmal ihn anzureden, er wird Sie nicht erkennen.«

Coupeau bemerkte seine Frau gar nicht. Sie sah ihn beim Eintreten nur undeutlich, weil er sich so hin und her bewegte. Als sie ihm nun in das Gesicht sah, sanken ihr die Arme vor Schreck herunter. Wie war das um Gottes willen nur möglich, daß er ein solches Gesicht hatte, blutunterlaufene Augen und dicke Krusten auf den Lippen? Sie hätte ihn nicht wiedererkannt. Er schnitt immerfort Grimassen, man wußte nicht warum; den Mund zog er schief, die Nase zog sich zusammen, die Backen spannten sich, ein wahres Tiergesicht. Seine Haut war so heiß, daß es um ihn herum förmlich dampfte, alles Fleisch glänzte an ihm und dicke Schweißtropfen rannen herunter. Wenn er auch diesen rasenden Tanz aufführte, so konnte man doch sehen, daß ihn Kopf und Glieder dabei schmerzten.

Gervaise näherte sich dem jungen Mediziner, der mit seinen Fingern einen Marsch auf der Stuhllehne trommelte.

»Sagen Sie, mein Herr, jetzt ist es wohl sehr ernst?«

Der Mediziner nickte, ohne Antwort zu geben, mit dem Kopfe.

»Sagen Sie, er spricht doch etwas, ganz leise, nicht wahr? Was sagt er denn?«

»Das sind Dinge, die er sieht,« antwortete der junge Mann in demselben Tone. »Seien Sie ruhig, ich will hören.«

Coupeau sprach ruckweise. Dann kam ein Zug von Lustigkeit in seinen Ausdruck. Er schaute nach rechts und links auf den Boden, drehte sich um, als ob er im Gehölz von Vincennes spazieren ginge und mit sich selbst spräche.

»Ei, das ist ja hübsch ... so schöne Buden, ein ganzer Jahrmarkt voll ... Und die schöne Musik! Die tanzen ja wie toll! Sie zerbrechen alles Geschirr, wie an einem Polterabend ... Herrlich, da steigen auch rote Luftballons, wie die springen ... Auf und ab ... Viele Laternen hängen an den Bäumen! ... Es ist verdammt hübsch hier! ... Überall Springbrunnen und Wasserfälle ... und das Wasser plätschert und murmelt ... ach! ... wie Kinder im Chor singen ... Wieviel Wasserfälle ... kolossal!«

Er richtete sich auf, als ob er besser hören möchte; in starken Zügen sog er die Luft ein, weil er vermeinte, die Frische des Wassers zu spüren. Nach und nach nahm sein Gesicht das Zeichen der Angst an. Nun krümmte er sich zusammen und ging an den Wänden hoch, wobei er dumpfe Drohungen ausstieß.

»Noch immer diese Schufte, und all das andere! Oh! ich traute ihnen nicht... Ruhe da! Ihr Haufen von Schurken; ja, kümmert euch nicht um mich! Ihr wollt euch über mich lustig machen, wenn ihr da drin mit euren Weibsleuten sauft ... Ich werde euch in Stücke schlagen, euch und eure Bude! ... In drei Teufels Namen! Wollt ihr mich in Ruhe lassen?«

Er ballte die Fäuste. Rauhe Schreie kamen aus seinem Munde und er lief, sich duckend, an den Wänden entlang. Dann stolperte er, und seine Zähne klapperten dabei vor Entsetzen.

»Ich soll wohl ein Ende mit mir machen? Nein, ich werfe mich nicht da hinein ... Soviel Wasser, das heißt, daß ich keinen Mut habe. Nein, ich stürze mich doch nicht da herein.«

Die Wasserfälle flohen und rückten näher, wenn er zurückwich. Plötzlich blickte er ganz stumpfsinnig um sich und stammelte mit deutlicher Stimme: »Ärzte? Das ist ja unmöglich, man hat die gegen mich gehetzt!«

»Jetzt gehe ich, mein Herr, guten Abend!« sagte Gervaise. »Es erschüttert mich zu sehr, ich werde wiederkommen.«

Sie war ganz weiß vor Schreck. Coupeau fuhr in seinem Gange fort, vom Fenster zur Matratze und umgekehrt; er schwitzte, spannte all seine Kräfte an und schlug noch den Takt dazu. Nun lief sie fort. So schnell sie gehen konnte, die Treppe hinunter, bis unten hörte sie den Mann noch schreien und heulen. Wie gut war es draußen, da atmete man die frische Luft. Am Abend dieses Tages sprach man in der ganzen Rue de la Goutte d'Or nur von der sonderbaren Krankheit Coupeaus. Die Boches, die das Hinkebein jetzt förmlich über die Schultern ansahen, regulierten sie mit Johannisbeerschnaps in der Loge, nur um Näheres von ihr zu erfahren. Frau Lorilleux und Frau Poisson kamen dazu. Da gab es dann lange Erklärungen. Boche hatte einen Tischler gekannt, der ganz nackt auf die Rue Saint-Martin ging; beim Polkatanzen ist er gestorben; er trank Absinth. Die Damen lachten, weil ihnen das komisch vorkam, obgleich es eigentlich traurig sei. Als sie immer noch nicht begriffen, wie denn das zugehe, schob Gervaise alle beiseite und rief, man solle ihr Platz machen; und nun ahmte sie mitten in der Loge Coupeau nach, während die andern ihr zusahen, wie er brüllte und hopste und dazu gräßliche Grimassen schnitt. Ja, auf Ehre, ganz so war es. Alle wunderten sich, das wäre ja nicht möglich, ein solches Toben hält doch der Stärkste keine drei Stunden aus. Sie beschwor, daß Coupeau das schon sechsunddreißig Stunden lang so mache, seit dem vorigen Morgen. Wenn man ihr nicht glauben wolle, könne man ja hingehen und nachsehen. Aber Frau Lorilleux sagte, sie danke dafür, sie wäre schon einmal in Sainte-Anne zu Besuch gewesen und sie würde auch nicht erlauben, daß Lorilleux dahin ginge. Virginie, deren Laden von Tag zu Tag schlechter ging und die eine richtige Leichenbittermiene aufsetzte, begnügte sich damit zu erklären, daß das Leben nicht immer lustig wäre. Man trank den Johannisbeerschnaps aus und Gervaise wünschte der Gesellschaft einen guten Abend. Wenn sie nicht mehr sprach, nahm ihr Gesicht einen närrischen Ausdruck an, wobei ihre Augen weit offen standen. Immer sah sie im Geiste ihren Mann tanzen. Am nächsten Morgen, als sie aufgestanden war, nahm sie sich vor, nicht wieder dahin zu gehen. Wozu auch? Sollte sie auch noch das bißchen Verstand verlieren? Doch alle zehn Minuten fing sie von neuem an, darüber nachzudenken. Es wäre doch zu merkwürdig, wenn er immer noch seine Tanzübungen machen würde. Als es zwölf Uhr schlug, konnte sie sich nicht mehr länger halten, sie bemerkte nicht einmal die Länge des Weges, so groß war ihr Verlangen und zugleich die Furcht, zu sehen, was sie erwartete.

Ja, sie brauchte sich gar nicht nach dem Befinden des Patienten erst zu erkundigen. Schon unten an der Treppe hörte sie Coupeaus Lied, dasselbe vom Tage zuvor. Sie hätte annehmen können, sie wäre nur eine Minute lang hinuntergegangen und zurückgekommen. Derselbe Wärter ging über den Hausgang und trug Medizingläser in der Hand, er nickte ihr zu, als er sie wiedererkannte.

»Also immer noch!« sagte sie.

»Oh, noch immer«, antwortete er, ohne stehenzubleiben.

Sie trat ein, blieb aber an der Türe stehen, denn es waren Leute bei Coupeau. Der blonde rosige Mediziner stand, er hatte seinen Stuhl einem alten, dekorierten Herrn angeboten, der ganz kahlköpfig war und ein Gesicht wie ein Fuchs hatte. Das war wohl der Chefarzt, denn er warf schnelle, scharfe, durchbohrende Blicke um sich. Alle diese Totenhändler haben solche Blicke an sich.

Da Gervaise nicht dieses Herrn wegen gekommen war, stellte sie sich hinter ihm auf und verschlang Coupeau mit den Augen. Dieser Rasende tanzte und brüllte noch stärker als am vorhergehenden Tage. Sie hatte früher gesehen, wie die strammen Burschen, die Hausdiener der Waschanstalt, auf Fastnachtsbällen ganze Nächte hindurch sich solchem Tanze hingegeben hatten; aber sie konnte sich nicht vorstellen, daß ein Mann so lange daran Vergnügen finden könne. Doch es konnte ja doch niemandem Spaß machen, wider Willen wie ein Karpfen zu springen, als hätte man ein Pulverfaß verschluckt. Coupeau, immer noch in Schweiß gebadet, dampfte noch heftiger, sonst war nichts verändert; sein Mund schien vom vielen Schreien vergrößert zu sein. Schwangere Frauen taten wohl daran, solchen Anblick zu meiden. Er war zwischen der Matratze und dem Fenster so viel hin und her gegangen, daß man seine Spuren am Boden sah; auch die Strohsäcke am Boden waren von seinen Schuhen zertreten.

Dieser Anblick war so abscheulich, daß Gervaise sich fragte, warum sie eigentlich gekommen war. Man hatte am Abend bei den Boches behauptet, sie hätte stark übertrieben. Ja! sie hatte es noch nicht zur Hälfte nachgemacht, wie es in Wirklichkeit war. Jetzt sah sie besser, wie Coupeau das machte; das würde sie nie mehr vergessen, wie er seine Augen weit aufriß und ins Leere starrte. Sie griff einiges von dem Gespräch auf, das zwischen dem alten und dem jungen Arzte gewechselt wurde. Der Jüngere gab in Ausdrücken, die sie nicht verstand, den Bericht über den Verlauf der Nacht. Die ganze Nacht hindurch hat er gesprochen und getanzt, was das eigentlich nur wäre? Jetzt erst bemerkte der alte kahlköpfige Herr Gervaises Anwesenheit. Der junge Mann sagte, daß das die Frau des Kranken wäre, worauf dieser in nicht sehr höflichem Tone ein Verhör wie ein Polizeikommissar mit ihr begann:

»Hat der Vater dieses Mannes auch getrunken?«

»Ja, mein Herr, ein klein wenig, wie jedermann ... Er hat sich das Genick gebrochen, als er eines Tages in der Trunkenheit vom Dache fiel.«

»Hat seine Mutter auch getrunken?«

»Aber, mein Herr, so wie am Ende jeder trinkt. Sie wissen schon, hin und wieder einen Schluck ... Oh, die Familie ist sehr anständig! ... Es war noch ein Bruder da, der ist sehr jung an Krämpfen gestorben.«

Der Arzt sah sie mit seinen durchdringenden Augen an. Dann sagte er brutal:

»Und Sie, Sie trinken auch?«

Gervaise stotterte einige entschuldigende Worte und legte die Hand aufs Herz, um das, was sie sagte, glaubhafter zu machen.

»Sie trinken, nehmen Sie sich in acht; Sie sehen, wohin das führt, wenn man trinkt ... Eines schönen Tages werden Sie ganz ebenso daran sterben!«

Jetzt blieb sie an die Wand gelehnt stehen. Der Arzt hatte ihr wieder den Rücken zugedreht. Er bückte sich, ohne Beunruhigung, so daß seine Rockschöße den Staub des Strohsackes am Boden berührten, und studierte lange das Zappeln von Coupeaus Füßen; er wartete, bis er wieder vorüberkam, und folgte ihm immer wieder mit den Augen. An diesem Tage zappelten nur die Beine, das Zittern hatte sich mehr nach unten verbreitet, von den Händen war es auf die Füße übergegangen; er war wie ein Hampelmann, den man an der Schnur zog. Der Anfall nahm langsam zu. Wie eine Musik, die unter der Haut wütete. Alle drei bis vier Sekunden begann es aufs neue, dann hielt es an, begann wieder wie das Zittern kleiner verlorengegangener Hunde, die unter einem Torweg frieren. Der Bauch und die Schultern zitterten wie kochendes Wasser in einem Topfe. Eine merkwürdige Art der Zerstörung, sich so winden zu müssen wie ein Mädchen, das man kitzelt.

Manchmal beklagte sich auch Coupeau mit dumpfer Stimme. Er schien mehr zu leiden als tags zuvor. Seine Klagen ließen nur die Schmerzen vermuten, die er hatte. Tausende von Nadeln prickelten ihn. Überall lag ihm etwas Schweres auf der Haut, etwas, das ihn drückte; ein nasses, kaltes Tier wand sich um seine Schenkel und biß nach ihm. Dann wieder andere Tiere, die sich ihm auf die Schultern setzten und ihm den Rücken zerkratzten.

Unaufhörlich rief er: »Ich habe Durst ... Oh, ich habe Durst!«

Der junge Mediziner nahm einen Topf mit Limonade von einem Brett herunter und gab ihn ihm. Er ergriff den Topf gierig mit beiden Händen und schlang einen Schluck hinunter, wobei die Hälfte der Flüssigkeit ausfloß; aber gleich spie er den Schluck mit Ekel wieder heraus, indem er wütend schrie:

»Pfui Teufel! Das ist ja Branntwein!«

Nun wollte, auf ein Zeichen des Arztes, der junge Mann ihm Wasser geben, ohne jedoch die Flasche loszulassen. Diesmal schluckte er die Flüssigkeit hinunter, aber er heulte hinterher, als ob er Feuer getrunken hätte:

»Das ist ja Branntwein! Pfui, das ist Branntwein!«

Seit dem vorigen Abend schien ihm alles, was er zu trinken bekam, Branntwein zu sein. Das verdoppelte noch seinen Durst, er konnte aber nicht trinken, weil alles ihn wie Feuer brannte. Man brachte ihm eine Suppe, er wollte sie aber nicht essen, denn er meinte, man wolle ihn vergiften, denn sie roch nach Vitriol – sagte er. Das Brot war sauer und verdorben. Er sah nur Gift um sich herum. Die Zelle roch nach Schwefel. Er beschuldigte die Wärter, daß sie Schwefelhölzer ansteckten, damit er verdorbene Luft einatmen solle.

Der Arzt stand jetzt auf, um Coupeau besser zuhören zu können, der wieder neue Phantasien hatte. An den Wänden sah er Spinnweben, die ganz groß waren. Dann wurden die Gewebe Maschen, die sich zusammenzogen und ausdehnten, ein komisches Spielzeug! In den Netzen rollten schwarze Kugeln, wie die Gaukler sie haben; zuerst waren es Billardkugeln, dann Kanonenkugeln, sie schwollen an und verkleinerten sich wieder, alles das, um ihn zu ärgern. Plötzlich schrie er:

»Oh, die Ratten! Da sind Ratten, um diese Zeit!«

Die Kugeln hatten sich in Ratten verwandelt. Diese ekelhaften Tiere wurden wieder größer, kletterten aus den Netzen, sprangen auf die Matratze oder verschwanden wieder. Er sah auch einen Affen, der aus der Wand kam und auch wieder hineinging, er kam ihm so nahe, daß er zurückwich, weil er fürchtete, er würde ihn in die Nase beißen. Plötzlich änderte sich alles; er mußte annehmen, die Mauern wären ins Wanken geraten, denn er wiederholte mit schreckhafter Stimme:

»Da ist es schon wieder! Ach! haltet mich doch ... stützt mich. O weh! – na, mir kann's recht sein, jetzt stürzt die ganze Bude ein! ... Alles fällt ein ... Ja, läutet nur die Glocken, schwarzes Volk! ... Spielt nur die Orgel, damit ich nicht nach der Wache rufen muß! ... Sie haben eine Maschine hinter die Mauer gestellt, dieses Lumpengesindel! Ich höre es doch, sie pustet, sie wollen uns in die Luft sprengen ... Feuer! Um Gottes willen! Feuer! Alle rufen jetzt Feuer... Ha! das flammt! Ach! wie hell das wird, wie hell! Der ganze Himmel flammt in rotem Feuer... jetzt ist es gelb ... Hierher! Zu Hilfe! Feuer!«

Sein Geschrei erstarb in einem Röcheln. Nur noch unzusammenhängende Worte waren hörbar, vor seinen Mund trat Schaum, der troff an seinem Kinn herunter. Der Arzt rieb sich mit dem Zeigefinger seine Nase, eine Bewegung, die ihm in schwierigen Fallen eigen war, dann wandte er sich an den jungen Kollegen und fragte:

»Und die Temperatur ist immer noch vierzig Grad, nicht wahr?«

»Ja, mein Herr!«

Der Arzt machte eine Grimasse.

Noch zwei Minuten blieb er, schaute Coupeau nochmals an, zuckte die Schultern und ging, indem er sagte:

»Fahren Sie mit derselben Behandlung fort: Bouillon, Limonade, Milch, einen leichten Extrakt Chinarinde in Dosen ... Verlassen Sie ihn nicht; wenn eine Änderung eintritt, lassen Sie mich rufen.«

Er ging. Gervaise folgte ihm, sie wollte ihn fragen, ob denn gar keine Hoffnung mehr wäre. Aber er ging so steif den Gang hinunter, da wagte sie es nicht, ihn anzusprechen. Sie blieb stehen und wollte ihren Mann noch einmal sehen; aber als sie hörte, wie er noch immer schrie, daß die Limonade nach Branntwein röche, da machte sie, daß sie fortkam. Als sie auf der Straße war, den Galopp der Pferde sah und die Wagen rollen hörte, glaubte sie, Sainte-Anne sei ihr auf den Fersen. Die Drohung des Arztes fiel ihr ein. Wirklich, sie glaubte, sie hatte die Krankheit auch schon!

In der Rue de la Goutte d'Or wurde sie von den Boches und den andern natürlich schon erwartet. Sowie sie im Torweg erschien, rief man sie in die Loge. Nun, hielt Vater Coupeau immer noch aus? Ach Gott, ja, es ging noch. Boche war bestürzt: er hatte ein Liter gewettet, daß es Coupeau nicht mehr bis zum Abend machen würde. Wie! Er lebte also noch! Die ganze Gesellschaft war aufs höchste erstaunt. Das war ein zäher Bursche! Die Lorilleux zählte die Stunden: sechsunddreißig Stunden und vierundzwanzig Stunden, macht sechzig Stunden. Heiliger Vater! Schon sechzig Stunden zappelte er mit den Beinen und strapazierte er seine Kehle! Nie hatte man solche Kraftleistung gesehen! Boche wollte es ihr noch nicht glauben, wegen seinem Liter, und er fragte sie, ob sie auch ganz sicher sei, daß er sich hinter ihrem Rücken nicht doch noch schnell davongemacht habe. O nein! Er hopste zu stark, er wird nicht abgehen. Nun bat Boche, sie möchte doch zeigen, wie er es machte, damit man einen Begriff davon bekäme. Ja, nur ein wenig, auf allgemeines Verlangen! Sie meinten, es wäre doch nett von ihr, gerade wären zwei Nachbarinnen da, die es am Abend vorher nicht gesehen hätten und die eigens deshalb hergekommen wären, um dieser Vorstellung beizuwohnen. Der Portier rief den Leuten zu, sie sollen Platz machen; man ließ nun die Mitte der Loge frei und stieß sich an, ganz von Neugier besessen. Aber Gervaise senkte den Kopf. Wahrhaftig, sie hatte Angst, daß sie ernstlich krank würde. Sie wollte aber zeigen, daß sie sich nicht nötigen lasse, und machte zwei bis drei Sprünge; aber es wurde ihr schlecht und sie mußte sich niedersetzen; Ehrenwort, sie konnte einfach nicht. Alle waren enttäuscht, das war schade, sie machte es so gut nach! Mein Gott, sie konnte es nicht mehr. Da Virginie in ihren Laden zurückkehrte, vergaß man schnell den Vater Coupeau, um sich über das Ehepaar Poisson zu unterhalten. Dort ging jetzt alles drunter und drüber; am vorhergehenden Abend waren die Gerichtsvollzieher gekommen; der Polizist würde wohl seinen Posten verlieren. Was Lantier betraf, so scharwenzelte er schon um die Kellnerin im Gasthaus nebenan. Das war eine tüchtige Person, die davon sprach, einen Kaldaunenhandel zu eröffnen. Darüber war des Lachens kein Ende. Man sah schon den Kaldaunenhandel in dem Laden; nach der Leckerei etwas Solides. Der Hahnrei von Poisson machte zu allem ein gutes Gesicht; wie, zum Teufel, war es nur möglich, daß ein Mann, dessen Handwerk es war, gerieben zu sein, in seinem eigenen Hause so dumm war? Aber man schwieg plötzlich, weil man bemerkte, wie Gervaise, mit Händen und Füßen zitternd, Coupeau nachzuahmen versuchte. Bravo! So war's, mehr konnte man schon nicht verlangen. Sie war entsetzt und schien aus einem Traume zu erwachen. Dann ging sie schnell fort. »Guten Abend, die Herrschaften!« Sie stieg nach oben, um sich schlafen zu legen.

Am andern Tage sahen sie die Boches zu Mittag fortgehen, wie an den vorhergehenden. Sie wünschten ihr viel Vergnügen. An diesem Tage dröhnte der ganze Gang in Sainte-Anne von dem Geheul und Fußstampfen Coupeaus. Sie hörte schon am Treppengeländer, wie er schrie:

»Pfui, dieses Gesindel, diese Wanzen! ... Kommt her, damit ich euch erschlage! ... Ah! sie wollen mich angreifen! Ich bin schlauer! Schert euch fort, im Namen Gottes!«

Einen Augenblick atmete sie vor der Türe; schlug er sich denn mit einer ganzen Armee? Als sie eintrat, wurde es noch schlimmer, Coupeau war tobsüchtig geworden. Er stand mitten in der Zelle und marterte sich ab, schlug mit den Händen um sich herum, sich selbst, an die Wände und auf den Fußboden; schwankend führte er seine Hiebe ins Leere; er wollte das Fenster öffnen, versteckte sich, rief und antwortete sich selbst wie ein Mensch, der in einem schweren Traume sich gegen eine Menge Angreifer verteidigt. Da verstand Gervaise, daß er meinte, auf einem Dache zu sein und Zinkplatten zu legen. Er machte das Pusten des Blasebalges nach, er wendete die Eisen auf dem Kohlenfeuer um, legte sich auf die Knie, um mit dem Daumen auf der Naht des Strohsackes entlangzufahren, dort wollte er angeblich löten. Noch einmal flackerte sein Handwerk in ihm auf, im Moment, wo es mit ihm zu Ende ging; er schrie jetzt so entsetzlich, weil eine Bande von Schweinehunden ihn hinderte, seine Arbeit ordentlich fertigzumachen. Auf allen Nachbardächern waren Spitzbuben, die ihn foppten. Dabei jagten ihm die Schwätzer eine ganze Rattengesellschaft zwischen die Beine. Immerfort sah er diese ekelhaften Tiere! Wenn er auch noch so viele davon mit den Füßen zerstampfte, es kamen immer wieder neue scharenweise, das ganze Dach war schwarz davon. Und auch große Spinnen waren da. Er zerrte an seiner Hose und zerdrückte sie an seinen Schenkeln, da sie hineingekrochen waren. Er konnte mit seinem Arbeitstag gar nicht fertig werden, man wollte ihn durchaus verderben, sein Meister würde ihn ins Arbeitshaus schicken! Als er jetzt schneller arbeiten wollte, glaubte er eine Dampfmaschine im Leibe zu haben; er öffnete den Mund weit und ließ Dampf ausströmen, eine dicke Rauchwolke erfüllte die Zelle und ging durch das Fenster; nun beugte er sich vor und sah dem Rauche nach, der am Himmel aufstieg und die Sonne verfinsterte.

»Halt!« schrie er, »da ist die Bande der Chaussee Clignancourt; sie sind als Bären verkleidet und machen einen Lärm ...«

Er blieb vor dem Fenster gekauert sitzen und blickte hinaus, als schaute er einem Umzug von der Höhe eines Daches aus zu.

»Da sind auch die Löwen und die Panther, die Grimassen schneiden ... Da sind Kinder als Hunde und Katzen verkleidet ... Da ist auch die große Clemence, sie hat die Perücke voller Federn. Ei! Sapristi! Sie purzelt und zeigt alles! Hör mal, Liebchen, wollen wir zusammen durchgehen? ... Du, schuftiger Kerl, willst du sie wohl nicht wegnehmen! ... Zieh' doch nicht so, Donnerwetter! So zieh' doch nicht so! ...«

Seine Stimme wurde lauter und klang rauh und fürchterlich, dann bückte er sich schnell und sagte, daß da unten die Polizei wäre und Rothosen, die mit Flinten auf ihn zielten. An der Wand sah er den Lauf einer Pistole, die auf seine Brust angelegt war. Wieder raubte man ihm das Mädchen.

»Zieht doch nicht so! In Teufels Namen! Ihr sollt nicht so ziehen ...!«

Dann stürzten alle Häuser ein, er ahmte das Krachen eines ganzen Quartiers nach, das zusammenstürzt; dann verschwand alles, alles war weg. Aber er hatte keine Zeit, Atem zu schöpfen, andere Bilder zogen schnell vorüber. Eine starke Sucht zu sprechen erfüllte ihn, und er sprach Worte, die er ohne jeden Zusammenhang hervorstieß. Er sprach immerzu:

»Ah, sieh da! Du bist es! ... Mach doch keinen Unsinn, du stopfst mir ja deine Haare in den Mund!«

Dabei fuhr er mit der Hand über das Gesicht und pustete, um die Haare los zu werden. Der junge Mann fragte:

»Was sehen Sie jetzt?«

»Nun, wen sonst, meine Frau!«

Während er das sagte, sah er die Wand an und drehte Gervaise den Rücken zu. Sie bekam einen großen Schreck, schaute ebenfalls zur Wand hin, ob sie sich wohl noch einmal sähe. Er fuhr fort:

»Du weißt, du darfst mir nichts vormachen ... Ich will nichts aufgebunden bekommen ... Donnerwetter, wie schön du aussiehst! Wo hast du denn diese schicke Toilette her? Wo hast du sie verdient, Kuh? Du kommst vom Boulevard, Ziege! Warte, daß ich dich bearbeite! ... Wie, du versteckst wohl deinen Herrn hinter deinen Röcken? Wer ist es denn? Dreh dich doch um, in Gottes Namen! ... Immer er!«

Mit einem schrecklichen Satze, stieß er den Kopf gegen die Wand; die Polsterung milderte aber den Stoß, man hörte nur den Fall seines Körpers auf die Matratze, wohin ihn der Stoß geworfen hatte.

»Was sehen Sie jetzt?« fragte wieder der Mediziner.

»Den Hutmacher! Den Hutmacher!« heulte Coupeau.

Der junge Mann fragte Gervaise, was er damit meine, sie stammelte nur einige verlegene Worte, ohne eine richtige Antwort geben zu können. Denn diese Szene weckte in ihr die ganze Misere ihres Lebens wieder auf. Der Zinkarbeiter ballte die Fäuste.

»Komm nur heran, Kadett! Muß dir endlich eines ausputzen. Ah! du kommst so ohne weiteres mit diesem Geschöpf am Arm, um mich vor allen Leuten lächerlich zu machen? Nun, so will ich dich jetzt erwürgen; und dazu werde ich mir auch keine Handschuhe anziehen! Tu' nicht so großspurig ... Da, steck das ein, noch mehr! ... noch mehr!«

Er hieb mit den Fäusten ins Leere. Eine tolle Wut kam über ihn. Da er sich beim Rückwärtsgehen an der Wand gestoßen hatte, glaubte er, man wolle ihn von hinten angreifen; so wendete er sich wütend der Wand zu. Er sprang vorwärts und setzte von einer Ecke in die andere, dabei schlug er sich auf den Bauch, den Hintern und die Schultern, wälzte sich auf dem Boden und sprang wieder auf. Seine Knochen wurden mürbe und sein Fleisch weich, jeder Schlag klang, als schlüge er auf nasses Werg. Diese unsinnigen Drohungen begleitete er mit wilden rauhen Kehltönen. Die Schlacht schien für ihn ein schlechtes Ende zu nehmen, sein Atem wurde kurz, seine Augen traten aus den Höhlen und es überkam ihn nach und nach die Furchtsamkeit eines Kindes.

»Ah, der Mörder ... der Mörder! ... Macht beide, daß ihr fortkommt!... Oh, die Hunde, sie lachen noch! Da streckt sie alle Vier in die Luft, dies liederliche Weib! Sie muß auch daran glauben, das ist gewiß ... Ach! der Räuber, jetzt zerfleischt er sie! Er schneidet ihr mit einem Messer ein Bein ab! Das andere liegt am Boden, der Bauch ist entzwei, alles ist voller Blut! Mein Gott ... mein Gott ...«

In Schweiß gebadet, mit gesträubten Haaren und entsetztem Gesichtsausdruck wich er mit Abwehrbewegungen der Arme zurück, wie um das Fürchterliche abzustoßen. Zwei entsetzliche klagende Schreie rangen sich aus seiner Brust und er stürzte auf die Matratze nieder, denn er war mit den Füßen darüber gestolpert.

»Mein Herr, mein Herr, er ist tot!« sagte Gervaise mit gerungenen Händen.

Der Mediziner trat näher und zog Coupeau auf die Mitte der Matratze. Nein, er war nicht tot. Die Schuhe hatte man ihm ausgezogen, seine nackten Füße staken aus den Hosen hervor, die tanzten ganz von allein, einer neben dem andern, immer im Takt, einen schnellen, regelmäßigen Tanz.

In dem Moment trat der Chefarzt herein und brachte noch zwei Kollegen mit, einen Magern und einen Dicken, beide dekoriert wie er. Alle drei beugten sich über den Kranken und sprachen nichts; sie betrachteten ihn genau; dann tauschten sie, schnell sprechend, ihre Meinungen aus. Sie entblößten ihn von den Hüften bis zu den Schultern, und Gervaise sah seinen nackten Oberkörper. Ja, jetzt war das Zittern von den Armen in die Füße übergegangen und von da hatte es sich auf den ganzen Körper ausgebreitet. Dieser Hampelmann lachte jetzt auch mit dem Bauch. An den Seiten krampften sich die Muskeln zusammen und über den Bauch zog es, wenn er mühsam atmete, wie tolles Gelächter, das das Bauchfell zu sprengen drohte. Alles bewegte sich, es war nicht wiederzugeben. Die Muskeln tanzten sich ein Gegenüber, die Haut zitterte wie eine Trommel, selbst die Haare bewegten sich und grüßten einander. Das mußte nun endlich der große Kehraus sein, der Galopp am Ende, wenn der Tag graut und sich die Tänzer noch an den Händen halten und mit den Füßen trampeln.

»Er schläft«, sagte der Chefarzt leise.

Er machte die beiden andern auf das Gesicht aufmerksam. Coupeau lag mit geschlossenen Augen da und hatte kleine nervöse Zuckungen, die ihm das Gesicht verzogen. Er war so ermattet, wie er dalag, noch abscheulicher, mit seinem herabhängenden Unterkiefer und dem Antlitz eines Toten. Als die Ärzte die Füße angesehen hatten, beugten sie sich voller Interesse darauf nieder. Die Füße tanzten noch immer. Coupeau konnte schlafen soviel er wollte, die Füße tanzten! Ja, wenn der Herr und Meister auch schnarchte, das kümmerte sie nicht, sie fuhren fort zu zittern, ohne sich zu beeilen oder langsamer zu werden. Es waren rein mechanische Füße; Füße, die nur ihrem Vergnügen nachgingen, wie es ihnen beliebte.

Als Gervaise sah, wie die Ärzte die Hände auf den Körper ihres Mannes legten, wollte sie ihn auch anfühlen. Sie trat vorsichtig näher und legte ihm ihre Hand auf die Schulter. Mein Gott! Was ging denn in diesem Körper vor? Das tanzte bis auf die Knochen, sogar die Knochen tanzten mit. Wenn sie ein wenig aufdrückte, so fühlte sie das schmerzliche Zucken bis ins Mark. Was war das für ein verdammtes Arbeiten da drin, wie Maulwurfswühlen! Das war das Vitriol des Totschlägers, das seine Unterminierungsarbeit verrichtete. Der ganze Körper war damit durchtränkt und es war höchste Zeit, daß diese Arbeit zu Ende kam.

Die Ärzte gingen fort und es verging eine Stunde. Da sagte Gervaise, die mit dem jungen Mediziner allein geblieben war, mit leiser Stimme:

»Mein Herr, mein Herr, er ist tot ...« Aber der junge Mann sah nach den Füßen und schüttelte den Kopf; die nackten Füße ragten über die Matratze hinaus und tanzten noch immer. Sie waren schmutzig und hatten lange, überwachsene Nägel. Es vergingen noch zwei Stunden. Da wurden sie plötzlich still und bewegten sich nicht mehr. Da wendete sich der Mediziner zu Gervaise und sagte:

»Nun ist es zu Ende!«

Der Tod allein konnte die Füße anhalten.

Als Gervaise nach Hause kam, fand sie bei den Boches eine Menge Frauen, die alle lebhaft durcheinanderschwatzten. Sie glaubte, man hätte auf sie gewartet wie an den vorigen Tagen, um zu hören wie es ging.

»Es ist aus mit ihm«, sagte sie ruhig, machte die Türe zu und setzte sich müde. Aber niemand beachtete sie. Das ganze Haus befand sich in großer Aufregung. Es war eine unbezahlbare Geschichte! Poisson hatte seine Frau mit Lantier erwischt. Man wußte nicht genau, wie es zugegangen war, und jeder erzählte die Geschichte auf seine Art. Aber darin waren alle einig: er war in einem Augenblick über sie hergefallen, wo sie es am wenigsten erwartet hatten. Man erzählte sich Einzelheiten, bei denen die Damen rot wurden. Poisson schien aus seiner gewöhnlichen Ruhe beim Anblick so einer Tatsache aufgerüttelt. Er sprang umher wie ein wilder Tiger und gebärdete sich ganz unsinnig; dieser Mann, der sonst daherkam, als hätte er einen Ladestock verschluckt! Weiter hatte man nichts mehr gehört. Lantier mußte die Sache dem Ehemann erklärt haben. Wie dem auch sei, so ging es nicht mehr weiter ... Boche erzählte, daß das Mädchen im Gasthaus nebenan ganz bestimmt den Laden mietete, um darin einen Kaldaunenhandel zu führen. Dieser Gauner, der Lantier, wird sich jetzt über Kaldaunen hermachen!

Gervaise sah Frau Lorilleux und Frau Lerat ankommen und sagte leise zu ihnen:

»Er ist dahin ... mein Gott! vier Tage zu springen und zu heulen ...«

Die beiden Schwestern konnten nicht anders, sie mußten ihre Schnupftücher ziehen. Ihr Bruder hatte viele Fehler, aber es war doch immerhin ihr Bruder. Boche zuckte die Schultern und sagte laut genug, um von jedem gehört zu weiden:

»Wenn schon, eben ein Säufer weniger!«

Seit diesem Tage verlor Gervaise zeitweise den Verstand; es wurde eine der Merkwürdigkeiten des Hauses, sie Coupeau nachahmen zu sehen. Man brauchte sie gar nicht mehr darum zu bitten, sie gab diese Vorstellungen gratis; sie zitterte mit Händen und Füßen und stieß kleine Schreie aus. Sie hatte diese Manie von Sainte-Anne her, wo sie zu lange ihrem Mann zugesehen hatte. Sie wurde nicht so glücklich, sie ging nicht zugrunde wie ihr Mann. Bei ihr blieb es auf Grimassen beschränkt, an die sie sich wie ein entwischter Affe gewöhnt hatte, daß ihr die Gassenjungen Kohlstrünke auf den Straßen nachwarfen. Gervaise vegetierte so noch Monate lang. Sie sank immer tiefer, den letzten Schimpf nahm sie hin, tagtäglich starb sie ein wenig vor Hunger. Sowie sie vier Sous hatte, vertrank sie sie und taumelte dann längs der Mauer wieder heim. Man mißbrauchte sie zu den schmutzigsten Geschäften im Quartier. Eines Abends hatte jemand gewettet, daß sie etwas Bestimmtes, Ekelhaftes nicht essen würde; sie hatte es doch gegessen, um zehn Sous zu bekommen. Herr Marescot wollte sie aus ihrem Zimmer im sechsten Stock hinausjagen; aber da man gerade Vater Bru in seinem Verschlag unter der Treppe tot aufgefunden hatte, so überließ man ihr dieses Loch. Dort lag sie auf faulem Stroh, mit leerem Bauch und steifgefrorenen Knochen und klapperte mit den Zähnen. Anscheinend wollte sie die Erde nicht mehr haben. Sie wurde blödsinnig und es fiel ihr nicht mehr ein, sich vom sechsten Stock auf das Pflaster zu werfen, um ein Ende zu machen. Der Tod nahm sie kleinweise, Stück für Stück, und schleppte sie bis ans Ende dieses jammervollen Zustandes, den sie sich selbst bereitet hatte. Man kam nicht recht drauf, woran sie eigentlich gestorben war. Man sprach von einem Fieber. In Wahrheit machten der Schmutz und das Elend ihrem Leben ein Ende. Sie krepierte an ihrer Vertiertheit, sagten die Lorilleux'. Eines Morgens stank es so auf dem Gang; da erinnerte man sich, daß man sie zwei Tage nicht mehr gesehen hatte. Man fand sie in ihrem Verschlag; sie war schon ganz grün.

Vater Bazouge kam mit einem Sarg. Er war wieder etwas berauscht, aber es war ein gutmütiger Rausch und er war lustig wie ein Fisch im Wasser. Als er seine Kundschaft erkannt hatte, erging er sich, während er sein Geschäft besorgte, in philosophischen Betrachtungen:

»Alle Welt kommt dahin ... man braucht nicht zu drängeln, es ist Platz für alle da ... Wenn's einer aber so eilig hat, kommt er gewöhnlich später an. Ich bin gern aller Welt gefällig; die einen wollen, die andern wollen nicht. Macht das untereinander aus und seht, wer dann recht hat ... Da ist auch eine, die wollte nicht, dann wollte sie wieder. Da hat man sie warten lassen ... Nun endlich ist sie zur Ruhe, und wahrhaftig, sie hat gewonnen! Mag sie nun lustig ihren letzten Weg gehen!«

Und als er nun Gervaise mit seinen großen schwarzen Händen anfaßte, überkam ihn eine seltsame Zärtlichkeit, er hob sie sanft auf, diese Frau, die so lange eine heftige Feindschaft gegen ihn gehegt hatte. Als er sie väterlich besorgt auf dem Boden der Bahre niedergelegt hatte, stammelte er unter Schluchzen:

»Weißt du ... hör gut zu ... ich bin es, Bibi der Lustige, den man auch den Tröster der Damen nennt ... Gehe hin, du bist glücklich. Schlafe sanft, meine Schöne!«

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