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Der Totschläger

Emile Zola: Der Totschläger - Kapitel 14
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pfad/zola/totschla/totschla.xml
typefiction
authorEmil Zola
titleDer Totschläger
publisherKurt Wolff Verlag A.-G.
seriesDie Rougon-Macquart
volumeBand 7
printrun1.-4. Tausend
year1923
translatorFranz Blei
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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12

Es war am Sonnabend nach dem Mietstermin, etwa der zwölfte oder dreizehnte Januar, Gervaise wußte das nicht so genau. Sie verlor vollständig den Verstand, denn sie hatte seit einem Jahrhundert nichts Warmes in den Magen bekommen. Das waren höllische Wochen! Eine wahre Hungerkur, zwei Laib Brot zu vier Pfund vom Dienstag auf den Donnerstag, dann eine trockene Kruste, die sie am Abend gefunden, und dann nichts mehr seit sechsunddreißig Stunden, ein Tanz vor diesem Speiseschrank! Auf ihrem Rücken spürte sie das Hundewetter draußen, schwarze Kälte, ein Himmel, der aussah wie ein verrußter Topf, so hingen die Schneewolken, die nicht fallen wollten. Wenn einem der Winter und der Hunger an den Gedärmen nagt, kann man sich schnüren soviel man will, man wird davon nicht satt.

Vielleicht brachte Coupeau am Abend Geld mit. Er sagte, er ginge auf Arbeit. Alles ist möglich, nicht wahr? Trotz all ihrer bösen Erfahrungen rechnete Gervaise mit diesem Gelde. Sie bekam nach all dem Vorgefallenen nichts mehr zu waschen im ganzen Viertel; auch eine alte Dame, für die sie Zugehedienste tat, warf sie schließlich hinaus, weil sie behauptete, daß sie ihr die Liköre austrinke. Niemand wollte mehr etwas von ihr wissen, sie war wie verfemt. Im Grunde machte sie sich nichts daraus, sie fühlte sich so verworfen, daß sie lieber vor Hunger sterben wollte, als ihre zehn Finger zu rühren. Nun, wenn Coupeau seinen Lohn nach Hause bringt, würde man etwas Warmes essen. Die Mittagsstunde war schon längst vorüber, sie blieb auf der Matratze liegen, denn so friert man weniger und spürt auch den Hunger nicht so sehr.

Gervaise nannte es eine Matratze. In Wahrheit war es ein Bündel Stroh in der Ecke. Nach und nach waren auch die Betten zu den Trödlern des Viertels gewandert. Zuerst hatte sie an Hungertagen die Matratzen aufgetrennt, einige Handvoll Wolle herausgenommen und für zehn Sous in der Rue Belhomme verkauft. Als die Matratzen leer waren, ließ sie sich noch dreißig Sous für die leeren Hüllen geben, wofür sie sich Kaffee kaufte. Die Kopfkissen waren gefolgt, schließlich auch die Keilkissen. Jetzt blieb noch das hölzerne Bettgestell übrig; das konnte sie nicht gut unter den Arm nehmen wegen der Boches, die hätten einen ganzen Aufruhr im Hause verursacht, wenn die einzige Garantie für den Mietsherrn verlorengegangen wäre. Aber eines Abends, als sie spionierte und die Boches beim Essen saßen, brachte sie auch das Bett Stück für Stück mit Coupeaus Hilfe herunter; die Seitenwände, das Hinter- und Vorderteil, die Rahmen. Mit den zehn Francs, die sie dafür bekamen, machten sie sich drei lustige Tage. War denn der Strohsack nicht geradesogut? Die Leintücher waren auch dahin gegangen, wo schon das Bett war; so kamen sie mit der Lagerstätte zu Ende. Sie hatten sich aber für den Erlös nach vierundzwanzig Stunden Fasten an dem vielen Brot den Magen verdorben. Man rührte das Stroh mit einem Besen zurecht und es war immer hergerichtet und auch nicht schmutziger als etwas anderes.

Auf diesem Strohlager lag Gervaise in ihre Kleider zusammengewickelt; die Hände unter dem Unterrock, um sie warmzuhalten. Mit offnen Augen und gekrümmt liegend, gingen ihr keine sehr lustigen Gedanken durch den Kopf. Nein, gewiß nicht lustig, denn so ohne zu essen konnte man doch nicht weiterleben! Jetzt fühlte sie den Hunger nicht mehr, es war ihr, als ob sie Blei im Magen hätte, während der Kopf wüst und leer schien. Wenn sie so ihre vier leeren Wände und diese Jammerbude mit glanzlosen Augen betrachtete, konnte sie allerdings auf keine heitern Gedanken kommen. Seit langem war alles ins Leihhaus gewandert; es blieb nur die Kommode, der Tisch und ein Stuhl. Die Marmorplatte und auch die Schubladen waren fort; ein Brand hätte nicht besser räumen können. Auch die kleinen Gegenstände waren fort, eine Uhr zu zwölf Francs, sogar die Familienporträts, von denen eine Händlerin die Rahmen kaufte. Diese war eine gefällige Frau, sie nahm ihr eine Kasserolle, ein Platteisen und einen Kamm ab, für das sie fünf Sous, drei Sous und zwei Sous erhielt, je nach dem Gegenstand; dafür kaufte sie ein Stück Brot. Es blieb ihr noch eine alte zerbrochene Lichtputzschere, für die sie keinen Sou bekam. Hätte sie nur auch den Staub und den Dreck verkaufen können, das hätte einen Handel abgegeben! Doch davon sah sie nur die Spinnweben in den Ecken; die sind vielleicht gut für Schnittwunden, aber kein Händler kauft dergleichen ab. So gab sie es denn auf, auf einen Handel zu sinnen, sie kauerte sich mehr und mehr auf ihrem Stroh zusammen und betrachtete durch das Fenster den Himmel mit seinen Schneewolken; es war ein trüber Tag, der ihr das Mark in den Knochen zum Erstarren brachte!

Alles drang nun auf sie ein! Was half es, das müde Hirn zu zerquälen und vom Schlechten ins Schlimmste zu verfallen! Wenn sie hätte wenigstens schlafen können; aber dieser ganze Zusammenbruch ging ihr zu sehr im Kopfe herum. Der Hausherr, Herr Marescot, war am Vorabend persönlich gekommen und hatte ihr gesagt, daß er sie ausquartieren müsse, wenn sie die beiden letzten Mietsraten nicht in acht Tagen bezahlen könne. Nun gut! Er soll sie hinauswerfen, auf dem Pflaster würde es ihr auch nicht viel schlechter gehen. Schau einer diesen Schweinehund an, kommt mit seinem warmen Paletot daher und wollenen Handschuhen und will ihr Mietsraten vorschlagen, als hätte sie irgendwo einen Schatz vergraben! Den Teufel auch! Eher würde sie sich doch sattessen, als sich so zu schnüren! Wahrhaftig! Dieser erbärmliche Schuft, sie wünschte ihn zu allen Teufeln. Ebenso dieses Tier Coupeau, der nichts anderes mehr konnte, als mit Schlägen über sie herzufallen. Den wünschte sie an denselben Ort wie den Hausherrn. Sie hätte am liebsten alle Welt dahin geschickt, so überdrüssig war sie der Menschen und des Lebens.

Sie wurde zu einem wahren Reservoir an Schlägen gemacht. Coupeau hatte einen Knüppel, den er seinen Fächer nannte, und mit dem bearbeitete er seine Frau abscheulich, oft bis aufs Blut. Sie blieb auch nicht zurück und kratzte und biß ihn. Dann stießen sie sich im leeren Zimmer herum, solange bis ihnen der Appetit nach Brot verging. Bald machte sie sich auch aus den Schlägen so wenig mehr wie aus allem andern. Coupeau konnte wochenlang blau machen, Saufreisen machen, die oft monatelang dauerten, nach Hause gekommen, war er vom Trunk so irrsinnig und wütend, daß er sie schlug. Doch sie hatte sich daran gewöhnt, fand ihn unausstehlich, weiter nichts. An diesen Tagen wünschte sie eben alle zum Teufel, ihn, die Lorilleux', Boches, Poissons, das ganze Viertel, das sie verachtete.

Wenn man sich an alles gewöhnen kann, so doch nicht daran, nichts zu essen. Das war das einzige, was Gervaise beunruhigte. Gleichgültig war ihr, daß sie unter den Elenden die Erbärmlichste war, daß sie so im Rinnstein lag, und wenn sie sah, daß die Leute sich abwischten, wenn sie an ihr im Vorbeigehen streiften; die schlechten Manieren der Menschen waren ihr nicht unbequem, nur der Hunger, denn der wühlte in den Därmen. Schon seit langem hatte sie von den Leckerbissen Abschied genommen, sie verschlang schon alles, was sie fand. An ihren jetzigen Festtagen kaufte sie bei den Schlachtern das Abfallfleisch, das schon schwarz vor Alter war. Das setzte sie dann mit Kartoffeln auf den Ofen und briet es zurecht; oder sie zerhackte ein Ochsenherz, das war eine Mahlzeit, nach der sie sich noch lange darnach die Finger leckte. Wenn sie Wein hatte, brockte sie sich Brot hinein; das gab eine Suppe, die sie fast betrunken machte. Für zwei Sous italienischen Käse, ein Maß weiße Äpfel oder ein Viertel trockene Bohnen, die im eigenen Fett gekocht werden mußten, konnte sie sich selten mehr leisten. Sie kaufte sich die niedrigsten Abfälle in den Garküchen; da bekam sie für ihr Geld einen Haufen Gräten, die mit dem Rest verdorbenen Bratenfleisches gemischt waren. Sie erbettelte sogar bei einem Schankwirt die Überreste von den Tellern der Gäste; davon machte sie ein Haché und ließ es lange auf dem Ofen eines Nachbarn schmoren. Sie kam soweit, morgens, wenn sie besondern Hunger hatte, mit den Hunden vor den Türen der Ladeninhaber herumzustreichen, um noch vor Antritt der Straßenreiniger Genießbares unter dem Kehricht zu suchen. So fand sie bisweilen reiche Mahlzeiten, verfaulte Melonen, schlecht gewordene Makrelen, Koteletten, deren Knochen sie prüfte, ungeachtet der Würmer, die umherkrochen. Ja, soweit war es mit ihr gekommen.

Den Empfindlichen widersteht dieser Gedanke; wenn diese aber einmal während dreier Tage von ihrem hungernden Magen geplagt würden, könnte man sehen, was sie tun würden; sie würden gewiß auch auf allen Vieren kriechen und den Abfall essen wie die andern. Ach! Über das Hinsiechen der Armen, deren leere Eingeweide Hunger schreien! Wie die Tiere sind sie, deren Kiefer klappern, sie müssen ekelerregende Sachen essen, in diesem großen, goldenen Paris! Und zu sagen, daß sich Gervaise den Magen an fetten Gänsen verdorben hatte! Jetzt konnte sie sich den Mund darnach ablecken. Eines Tages, als Coupeau ihr für zwei Sous Brot stahl, um es zu vertrinken, hätte sie ihn fast erwürgt, so wütend machte sie der Hunger und der Diebstahl.

Endlich war sie doch erschöpft eingeschlafen, aber der Schlaf war unruhig und peinigte sie. Sie träumte, daß der Himmel all seinen Schnee auf sie ausschüttete, so fror sie im Schlaf. Plötzlich richtete sie sich auf. Sie bekam eine Todesangst. Sollte sie sterben? Hohläugig und zitternd sah sie, daß es immer noch Tag war; wollte denn die Nacht nie mehr kommen? Wie doch die Zeit langsam vorbeigeht, wenn der Magen schreit! Er peinigte sie entsetzlich! Sie fiel auf den Stuhl und erwärmte ihre Hände zwischen den Beinen. Dann dachte sie daran, was sie kaufen würde, wenn Coupeau käme und das Geld bringt. Brot, einen Liter Wein, ein Frikassee, das man Gras-double à la Lyonnaise nennt. Es war erst drei Uhr! Sie bekam Angst, daß ihre Kräfte nicht mehr drei lange Stunden des Wartens ausreichen würden. Ihr ganzer Körper schüttelte sich; wie ein kleines Mädchen, das seinen großen Schmerz zu beschwichtigen sucht, so preßte sie die Arme auf den Magen. Lieber gebären als hungern! Da sie aber gar keine Erleichterung empfand, ergriff sie eine tolle Wut, sie sprang im Zimmer auf und ab. Eine Viertelstunde lang stieß sie sich so an den Wänden des leeren Zimmers. Plötzlich stand sie still und überlegte. Es koste was es wolle, was sie auch sagen sollten, sie würde ihnen die Füße küssen, wenn sie es verlangten, aber sie mußte hingehen und von den Lorilleux' zehn Sous borgen.

In diesem Winter war in diesem Winkel des Hauses unter diesen Armen ein lebhafter Verkehr im Borgen von Zehn- und Zwanzigsousstücken, ein beständiger Austausch von Gefälligkeiten, die sich die Nachbarn erwiesen. Nur wäre jeder lieber vor Hunger gestorben, ehe er sich an die Lorilleux' wandte, weil man wußte, wie geizig sie waren. Gervaise zeigte also einen großen Mut, als sie hinging und bei ihnen anklopfte. Auf dem Korridor packte sie plötzlich eine solche Angst, wie sie Leute haben, die beim Zahnarzt anläuten und plötzlich ihre Schmerzen vergessen.

»Herein«, rief die dünne Stimme des Kettenmachers.

Oh! wie war es gut da drinnen! Das Schmiedefeuer brannte und erhellte die Werkstatt mit seiner weißen Flamme, während Frau Lorilleux ein Bündel Golddraht zum Erhitzen in die Pfanne tat. Lorilleux schwitzte an seinem Arbeitstisch, so warm war ihm; er war damit beschäftigt, die Ringchen mit dem Lötrohr zusammenzulöten. Ach! es roch so gut, weil eine Kohlsuppe auf dem Feuer schmorte und die Luft mit ihrem Dampf erfüllte, so daß sich in Gervaise alles umdrehte und sie nahe daran war, ohnmächtig zu werden.

»Ach, du bist es!« brummte Frau Lorilleux, ohne ihr einen Stuhl anzubieten. »Was willst du?«

Gervaise antwortete nicht. Sie stand gerade mit den Lorilleux' nicht zu schlecht, doch blieb ihr die Bitte im Halse stecken, weil sie Boche bemerkte, der breitspurig am Ofen saß und Klatschgeschichten erzählte. Dieses Vieh sah aus, als ob ihn die ganze Welt nichts anginge. Er lachte so unflätig mit seinem runden Maul und seinen geschwollenen Backen, daß man seine Nase fast nicht mehr sah, wodurch sein Gesicht wie eine runde Fleischkugel aussah.

»Was will die denn?« fragte nun auch Lorilleux.

»Habt ihr Coupeau nicht gesehen?« stotterte nun Gervaise. »Ich glaubte, er wäre hier!«

Der Kettenmacher und der Hausbesorger höhnten lachend zugleich. Nein, durchaus nicht, sie hatten Coupeau nicht gesehen! Sie konnten nicht genug Schnäpse anbieten, um Coupeau bei sich zu halten. Gervaise nahm sich zusammen und sagte zitternd:

»Es ist nur, weil er mir versprochen hatte, nach Hause zu kommen ... Ja, er sollte mir Geld bringen ... Ich brauche etwas ...«

Peinliche Stille herrschte. Mit lebhaften Gesten fachte Frau Lorilleur das Feuer an. Lorilleur beugte seinen Kopf auf das Ende der Kette, das sich unter seinen Händen verlängerte, während Boche immer gleichmäßig breit lächelte, wobei sein Maul so rund wurde, daß man gern den Finger hineingesteckt hätte.

»Wenn ich nur zehn Sous hatte«, murmelte Gervaise.

Es blieb ebenso still wie zuvor.

»Könntet ihr mir nicht zehn Sous borgen? Oh! ich würde sie euch diesen Abend noch wiederbringen.«

Frau Lorilleur drehte sich um und schaute ihr gerade ins Gesicht. So eine Faulenzerin kommt hierher, um uns um zehn Sous anzuborgen! Gibt man ihr heute zehn, will sie morgen zwanzig haben. Es ist ja kein Grund vorhanden, daß das je aufhören sollte. Nein, nein, daraus wird nichts. Am Dienstag, wenn schön Wetter ist!

»Aber meine Liebe, ihr wißt doch, daß wir kein Geld haben! Hier ist mein Taschenfutter, schau selbst nach!... Wir würden es so herzlich gern tun.«

»Das Herz ist ja immer dabei!« brummte Lorilleux. »Aber wenn man nicht kann, dann kann man eben nicht!«

Gervaise, sehr gedemütigt, nickte nur zustimmend mit dem Kopfe. Trotzdem ging sie noch immer nicht, das Gold stach ihr in die Augen, die an der Wand aufgehängten Bündel Golddraht, der goldene Faden, den die Frau mit aller Kraft ihrer kleinen Arme mit dem Zieheisen auszog, und der Haufen kleiner goldener Ringe, die sich da unter den knotigen Fingern des Mannes zur Kette spannten. Sie dachte, ein kleines Stückchen dieses häßlichen, schwarzen Metalls würde hinreichen, ihr eine reichliche Mahlzeit zu geben. Wenn auch die Werkstatt an diesem Tage mit all ihrem alten Werkzeug, ihrem Kohlenstaub und den Ölflecken ebenso schmutzig war wie sonst, ihr erschien heute alles im Glanz des Reichtums, wie der Laden eines Geldwechslers. Sie wagte nochmals sanft zu wiederholen:

»Ich gebe sie euch ja wieder! Ich gebe sie euch ja wieder, ganz gewiß. Zehn Sous, das kann euch doch nichts ausmachen!«

Ihr war das Herz so beklommen, weil sie nicht gestehen wollte, wie wenig sie seit dem vorigen Abend gegessen hatte. Sie fühlte, daß ihre Beine sie nicht mehr lange tragen würden; sie drohte in Tränen auszubrechen und stammelte:

»Oh! es wäre ja so lieb und gut von euch, ihr wißt ja nicht ... Ja, so weit ist es mit mir gekommen! Gott! so weit ...«

Nun kniffen die Lorilleux' die Lippen zusammen und tauschten schnell einen Blick aus. Das Humpelbein bettelte jetzt! Jetzt war der Sturz vollkommen. So etwas konnten sie nicht leiden; wenn sie das gewußt hätten, würden sie ihre Türe versperrt haben, denn vor Bettlern muß man sich in achtnehmen, die kommen unter Vorwänden in die Wohnungen und lassen beim Fortgehen wertvolle Gegenstände mitgehen, um so mehr, da es bei ihnen doch etwas zu stehlen gibt; wo man die Hand hinstreckte, konnte man dreißig bis vierzig Francs haben, wenn man nur die Faust zudrückte. Sie waren schon öfter mißtrauisch gewesen, wenn sie das seltsame Gesicht von Gervaise beobachteten, mit dem sie sich das Gold ansah. Dieses Mal wollten sie sie genau beobachten. Als sie noch etwas näher trat, rief ihr der Kettenmacher, ohne auf ihre Bitte zu antworten, zu:

»Höre! paß ein wenig auf, sonst, geht noch ein Stückchen Gold an den Sohlen mit ... Wenn es wahr ist, was man sagt, so hast du dir Fett daran geschmiert, damit es besser haften bleibt!«

Gervaise wich langsam zurück. Sie stützte sich einen Augenblick auf eine Etagere, und da sie sah, daß Frau Lorilleux ihr prüfend auf die Hände sah, öffnete sie beide und zeigte sie her; dabei sagte sie mit weicher Stimme, ohne daß der Verdacht sie erzürnt hätte, wie eine tiefgesunkene Frau, die alles hinnimmt:

»Ich habe nichts genommen, ihr könnt nachsehen!«

Sie ging fort, denn der starke Kohlgeruch und die Wärme bereiteten ihr Übelkeiten.

Oh, was das betrifft, die Lorilleux' hielten sie nicht zurück. Gute Reise! Das müßte mit dem Teufel zugehen, wenn sie der noch einmal aufmachten. Sie hatten genug von dem Gesicht, sie wollten nichts von dem Elend anderer hören, besonders wenn es verdient war. Sie überließen sich einem großen egoistischen Freudenausbruch, sie fühlten sich reich, bei ihnen war es warm und die Aussicht auf eine gute Suppe war erquickend. Boche brüstete sich, daß seine Backen förmlich aufschwollen und sein Gesicht ekelhaft aussah. Nun waren sie für den Stolz des Hinkebeins gerächt, für den blauen Laden, für die Gastereien und all das Übrige.

»Was das für Manieren hat, kommt und bettelt um zehn Sous!« schrie die Lorilleux hinter Gervaises Rücken. »Jawohl, ich werde sie dir an den Kopf werfen, ich werde ihr zehn Sous leihen, damit sie hingeht und sie versäuft!«

Gervaise schleppte sich über den Gang, als drücke eine Last ihre Schultern nieder. An ihrer Tür angekommen, trat sie aber nicht ein, ihr graute vor ihrem Zimmer. Sie ging weiter und steckte im Vorbeigehen den Kopf in den Verschlag des Vaters Bru unter der Treppe. Das war auch einer, der am Verhungern sein mußte, denn seit drei Tagen bestanden seine Mahlzeiten nur aus Luft; aber er war nicht da, das Loch war leer, und sie wurde neidisch beim Gedanken, daß ihn irgend jemand eingeladen haben könnte. Dann, als sie bei Bijards ankam, hörte sie Schmerzensrufe, sie trat ein, denn der Schlüssel stak immer im Schloß.

»Was ist denn hier los?« fragte sie. Das Zimmer war sehr sauber. Man sah, daß Lalie noch am Morgen alles gefegt und geordnet hatte. Das Elend hatte gut da hereingeblasen, die Kleidungsstücke weggenommen, haufenweise Schmutz gestreut, aber Lalie kam hinterher, verwischte immer die Spuren und gab allen Dingen ein freundliches Aussehen. Die beiden Kinder Henriette und Jules hatten alte Bilder gefunden und schnitten sie in einer Ecke ruhig aus. Aber Gervaise war ganz überrascht, Lalie in ihrem engen Gurtenbettchen zu finden, die Decke bis am Kinn und sehr bleich. Lalie bettlägerig; da mußte sie sehr krank sein.

»Was fehlt dir denn?« fragte Gervaise beunruhigt.

Lalie beklagte sich nicht mehr. Sie hob langsam die bleichen Augenlider und wollte lächeln, aber ihre Lippen zuckten nur.

»Mir fehlt nichts,« flüsterte sie sehr leise, »oh! wirklich, gar nichts.«

Dann, die Augen geschlossen und mit Anstrengung:

»Ich war alle diese Tage so müde, da mach ich also die Faule, pflege mich, wie Sie sehen.«

Aber ihr Kindergesicht, das voll brauner und blauer Flecken war, nahm so einen schmerzlichen Ausdruck an, daß Gervaise, ihre eigene Not vergessend, mit gerungenen Händen auf die Knie fiel. Seit einem Monat hatte sie sie an den Wänden hinschleichen sehen, wobei sie ein Husten peinigte, der so hohl und trocken klang wie ein Schlag auf einen Sargdeckel. Jetzt konnte die Kleine nicht einmal mehr husten. Es stieß ihr auf und blutige Streifen flossen ihr aus den Mundwinkeln.

»Ich kann nichts dafür, ich fühle mich nicht kräftig,« murmelte sie wie erleichtert. »Ich hab mich zusammengenommen und etwas Ordnung gemacht ... es ist doch sauber, nicht wahr? ... Und ich wollte noch die Fenster putzen, aber die Beine trugen mich nicht mehr. Zu dumm! Schließlich, wenn man nicht mehr kann, legt man sich nieder.«

Sie unterbrach sich, um zu sagen:

»Schauen Sie doch, ob meine Kinder sich nicht mit den Scheren schneiden.«

Und sie schwieg zitternd, weil sie einen schweren Tritt auf der Treppe hörte. Brutal stieß Vater Bijard die Türe auf. Er hatte seinen Rausch wie gewöhnlich. Als er Lalie im Bett liegen sah, schlug er sich hohnlachend auf die Schenkel, ergriff die große Peitsche und wütete:

»Donnerwetter, das ist zu stark! ... Die Kühe legen sich am hellen Tag aufs Stroh jetzt! ... Du machst dich wohl über alle Heiligen lustig, verfluchte Brut? ... Vorwärts! Kneifen wir!«

Schon schwang er die Peitsche über dem Bett, als das Kind flehentlich bat:

»Nein, Papa, ich bitte dich, schlage nicht ... Ich schwöre dir, es wird dir Kummer machen ... Schlage nicht!«

»Willst du endlich hüpfen,« heulte er noch stärker, »oder ich kitzle dir die Rippen! ... Willst du wohl gleich springen, Hexe!«

Dann sagte sie leise:

»Ich kann nicht, verstehst du? ... Ich muß sterben.«

Gervaise warf sich jetzt über Bijard und entriß ihm die Peitsche. Verdutzt blieb er vor dem Bettchen stehen. Was pfeift sie da, diese Range? Stirbt man denn so jung, wenn man gar nicht krank war? Das ist ein Vorwand, um Zucker zu bekommen. Ja, er will sich überzeugen, ob sie lügt.

»Du wirst sehen, ich sage die Wahrheit!« fuhr sie fort. »Solange ich konnte, habe ich dir keinen Kummer gemacht ... Sei jetzt gut und sage mir Adieu, Papa!«

Bijard drehte an seiner Nase herum, er meinte noch immer, daß es eine Finte wäre. Aber doch, es war wahr, ihr Gesicht war so ernst und schmal wie bei einer erwachsenen Person. Der Todeshauch wehte durch das Zimmer und machte ihn nüchtern. Er schaute um sich wie jemand, der plötzlich aus einem langen Schlaf erwacht; er sah alles in bester Ordnung, die beiden Kleinen waren gewaschen und spielten und lachten in der Ecke. Da fiel er auf einen Stuhl und jammerte:

»Unsere kleine Mutter! Unsere kleine Mutter!«

Das war alles, was er sagen konnte, aber das schon kam Lalie so zärtlich vor, sie war nicht verwöhnt worden. Sie tröstete ihren Vater. Es war ihr sehr schmerzlich, daß sie die Kinder nicht aufziehen konnte. Er würde sich doch jetzt um sie kümmern, nicht wahr? Mit immer schwächer werdender Stimme unterwies sie ihn, was er machen solle, wie er sie sauber halten müsse. Stumpfsinnig saß er vor ihr und blickte sie an, wobei sein Kopf, in dem die Trunkenheit wieder aufstieg, hin und her wackelte. Manches wurde in ihm aufgewühlt, doch er fand nichts zu sagen; er war zu abgebrüht, er konnte nicht weinen.

»Hör weiter!« fing Lalie nach einer Pause wieder an. »Wir sind dem Bäcker noch vier Francs und sieben Sous schuldig, das mußt du bezahlen ... Frau Gaudron hat ein Bügeleisen von uns, laß es dir zurückgeben ... Ich habe für heute nichts kochen können. Aber es ist Brot da, und du kannst Kartoffeln aufsetzen ...«

Bis zu ihrem Todesröcheln blieb das kleine liebe Wesen eine kleine Mutter für die Ihrigen. Da ging eine fort, die war nicht zu ersetzen, diese nicht! Sie starb daran, in ihrem Alter schon den Verstand einer wahren Mutter gehabt zu haben, und daß ihre kleine schmale Brust eine so große, allumfassende Mutterliebe nicht hatte fassen können. So schwand sie dahin, dieser Schatz, unter der Schuld dieser Bestie von Vater; er, der schon die Mutter mit Fußtritten getötet hatte, hat nun auch die Tochter zerfleischt! Die beiden Engel seines Hauses hat er ins Grab gebracht; es blieb ihm nun übrig, wie ein Hund an einer Straßenecke zu verrecken!

Gervaise hielt sich zurück, um nicht in helles Weinen auszubrechen. Sie streckte die Hände aus und wollte das Kind stützen, damit es leichter atmen konnte; als dabei der Fetzen, der ihr Zudecke war, sich herabschob, versuchte sie sie aufzurichten und das Bett zu ordnen. Dabei kam der arme kleine Körper der Sterbenden zum Vorschein. Großer Gott! Wie entsetzlich! wie bejammernswert! Da hätten Steine weinen mögen! Lalie war ganz nackt, der Rest eines Nachtjäckchens hüllte ihre Schultern ein und sollte verbergen, daß sie kein Hemdchen hatte; ja, sie war nackt, und diese Nacktheit war ganz blutig wie bei einer Märtyrerin. Sie hatte kein Fleisch mehr, die Knochen traten aus der Haut. Ihr Leib war mit langen violetten Striemen bedeckt; ganz frische Peitschenhiebe. Ein schwärzlicher Fleck zog sich um den linken Arm, als ob er in einem Schraubstock gesteckt hätte. Das Bein wies eine verharschte Wunde auf, die scheinbar von einem bösen Schlag herrührte und morgens beim Herumwirtschaften immer wieder von neuem aufgebrochen war; sie war vom Kopf bis zu den Füßen mit schwarzen Flecken bedeckt. Der Anblick dieses hingemordeten Kindes, dieses gebrechlichen Engels war entsetzlich. Gervaise war aufs neue niedergekniet; sie vergaß das Laken wieder emporzuziehen, so erschütterte sie dieses jammervolle Wesen, und ihre Lippen versuchten Gebete zu stammeln.

»Frau Coupeau,« murmelte die Kleine, »ich bitte Sie ...«

Mit ihren zu kurzen Armen versuchte sie das Bettuch hochzuziehen, sie empfand, was es für eine Schande für ihren Vater sein müsse. Bijard saß noch immer stumpfsinnig vor diesem kleinen Leichnam, die Zerstörung seiner Fäuste, rollte mit dem Kopfe hin und her, mit der Bewegung eines gestörten Tieres.

Als Gervaise Lalie zugedeckt hatte, konnte sie es nicht länger aushalten. Die Sterbende wurde immer schwächer, sie sprach gar nichts mehr, nur die Augen hatten noch den alten dunklen Blick des kleinen ergebenen Mädchens, den sie auf die zwei Kinder heftete, welche noch an ihren Bildern ausschnitten. Im Zimmer wurde es dunkler. Bijard wurde ganz nüchtern im Anblick dieses Todeskampfes. Nein, das Leben war doch zu ekelhaft und jammervoll. Was für eine abscheuliche Sache! So ging Gervaise hinaus, sie stieg die Treppe hinab ohne es zu merken, am liebsten hätte sie sich unter die Räder eines Omnibusses gelegt, um ein Ende zu machen.

Im Vorwärtsschreiten, während sie so mit dem Schicksal haderte, war sie unbemerkt vor die Türe der Werkstatt gekommen, in der Coupeau angeblich arbeitete. Ihr Magen hatte sie dahin getrieben, der wieder sein Hungerlied sang in tausend Versen. Konnte sie Coupeau auf diese Art abfangen, so war sie in der Lage, einige Lebensmittel zu kaufen.

Sie mußte noch eine kleine Stunde warten, aber das würde sie wohl auch noch aushalten, da sie schon seit dem Vorabend am Daumen lutschte. Es war in der Rue de la Charbonnière, an der Ecks der Rue de Chartres, eine verdammte Straßenkreuzung, wo der Wind von allen vier Seiten blies. Nein, wirklich, es war da nicht warm, auch nicht, wenn man Pflaster treten mußte. Wenn sie noch einen Pelz angehabt hätte. Der Himmel hatte immer noch dieselbe bleigraue Farbe; der angehäufte Schnee bildete eine förmliche Kappe über dem Viertel. Es schneite nicht, aber die Luft war ganz still, wie vorbereitend: Paris sollte ein neues, weißes Ballkleid bekommen. Gervaise erhob den Kopf und bat Gott, er möge diese Decke noch nicht niederfallen lassen. Sie stapfte mit den Füßen auf, blickte nach dem Laden eines Krämers, ging und kehrte zurück, weil es keinen Sinn hatte, sich durch den Anblick von Lebensmitteln noch mehr Hunger zu machen. Die Straßenkreuzung bot nicht viel Abwechslung. Die wenigen Passanten gingen schnell vorüber; sie waren bis an die Nase in Schals gehüllt; wenn man vor Kälte klappert, geht man nicht spazieren. Gervaise bemerkte noch vier bis fünf Frauen, die ebenfalls an der Türe der Werkstatt Wache hielten, damit der Lohn der Mann er nicht in die Kneipen getragen würde. Da war eine lange Hopfenstange, die sich mit einem Gendarmengesicht an die Wand drückte und jeden Augenblick bereit schien, sich auf ihren Mann zu stürzen. Eine kleine, ganz schwarze Zarte ging mit demütiger Miene auf der andern Seite der Straße auf und nieder. Eine andere hatte zwei Kinder mitgebracht, die sie an den Händen hielt, welche rechts und links von ihr zitterten und weinten. Alle, auch Gervaise, gingen auf und ab, sie beobachteten sich mit Seitenblicken, sprachen aber kein Wort miteinander. Eine angenehme Begegnung! Sie hätten gern auf die Begegnung verzichtet. Sie hatten auch nicht nötig, Bekanntschaft zu machen, sie kannten ihr gegenseitiges Schicksal zur Genüge. Sie waren alle bei Elend und in Rudeln zu Hause, Man spürte die Kälte noch mehr, wenn man sie in dieser Jammerkälte auf und ab gehen sah.

Noch kam keine Katze aus der Türe des Meisters. Endlich erschien der erste Arbeiter, dann zwei, dann drei; diese waren ohne Zweifel gute Gesellen, die ihren Lohn treu nach Hause brachten, denn sie schüttelten die Köpfe, als sie die umherirrenden Geschöpfe sahen. Die Große drückte sich noch tiefer neben der Türe an die Wand, dann fiel sie plötzlich über einen kleinen Mann im Überrock her, der gerade vorsichtig die Nase zur Türe herausstreckte. Das war bald erledigt. Sie durchsuchte seine Taschen, nahm ihm alles Geld weg. Er war gefaßt, das Geld war fort, nicht soviel wie für einen Trunk ließ sie ihm. Der kleine Mann war wütend, und außer sich ging er hinter seinem Gendarmen her, indem helle Tränen wie bei einem Kinde ihm über die Backen liefen. Immer noch kamen Arbeiter heraus. Die dicke Mutter näherte sich mit ihren zwei Bälgen der Tür, aber ein großer Bursch mit falschem Gesichtsausdruck erkannte sie und ging schnell wieder zurück, um den Mann zu warnen. Als dieser dann endlich herangeschlendert kam, hatte er schon zwei schöne neue Fünffrancsstücke in seine Stiefelschäfte verschwinden lassen. Er nahm eines von den Kindern auf den Arm und log seiner Frau irgend etwas vor, die ihn auszankte. Einige sprangen lustig und mit großem Satz auf die Straße und konnten dann gar nicht schnell genug davonlaufen, um ihren vierzehntägigen Lohn mit Freunden durchzubringen. Andere preßten ihren Lohn in ihrer Hand zusammen und murmelten sauertöpfisch vor sich hin. Das Traurigste war der Schmerz der kleinen sanften Frau in Schwarz; ihr Mann, ein hübscher Bursche, kniff ihr vor der Nase mit solcher Roheit aus, daß er sie fast über den Haufen gerannt hätte. Sie ging allein wieder fort und aus ihren Augen flossen unaufhörlich die Tränen.

Der letzte Arbeiter war verschwunden und Gervaise starrte immer noch nach der Tür. Zwei verspätete Arbeiter kamen noch, aber von Coupeau war nichts zu sehen. Als sie die Arbeiter fragte, ob Coupeau nicht herauskäme, erklärten sie ihr scherzend, daß der Kollege gerade mit dem Laternenanzünder durch die Hintertür gegangen sei. Gervaise verstand. Wieder eine Lügerei von Coupeau; jetzt konnte sie schauen, wo sie etwas herbekam! Diesmal war es ganz aus. Nichts als Nacht und Hunger. Eine Nacht mit einem Hunger zum Verrecken.

Mit schweren Schritten stieg sie die Rue des Poissonniers hinauf, als sie plötzlich Coupeaus Stimme hörte. Er war in der Petite Civette, wo er sich von Mes-Bottes freihalten ließ. Dieser Possenreißer hatte den Pfiff weg, eine Dame zu heiraten, die allerdings schon sehr verblüht war, aber noch einige schöne Reste hatte; eine Dame aus der Rue des Martyrs, keine gewöhnliche Straßendirne. Er war sehenswert, dieser glückliche Sterbliche, wie er jetzt wie ein Bürger lebte, die Hände in der Tasche, gut gekleidet, gut genährt; er war kaum wiederzuerkennen. Die andern erzählten, daß die Frau bei den Herren ihrer Bekanntschaft soviel verdiene wie sie wolle. So eine Frau und ein Haus auf dem Lande, das ist alles, was einem noch das Leben verschönern kann. Auch Coupeau blickte mit Bewunderung zu Mes-Bottes empor. Hatte dieser Bursche nicht sogar einen goldenen Ring am kleinen Finger?

Gervaise legte Coupeau die Hand auf die Schulter, gerade als er aus der Petite Civette herauskam.

»Sag doch, ich wartete, ich ... ich habe Hunger. Hast du nichts? ...«

Da kam sie aber schön an.

»Hast du Hunger, friß deine Faust ... und heb dir die andere für morgen auf.«

»Dann willst du also, daß ich stehlen soll«, murmelte sie dumpf.

Mes-Bottes streichelte mit versöhnender Miene sein Kinn.

»Nein, das ist verboten,« sagte er. »Aber wenn eine Frau sich zu drehen weiß ...«

Coupeau unterbrach ihn, um Bravo zu schreien. Ja, eine Frau, die sich zu drehen weiß! Aber seine Frau war immer eine Scharteke gewesen, ein Waschlappen. Es war ihr Fehler, wenn sie im Stroh krepierte.

Die beiden Männer gingen gegen den äußeren Boulevard zu. Gervaise folgte ihnen. Nach einigem Schweigen fing sie hinter Coupeau wieder an:

»Ich hab Hunger, du weißt – ich hab auf dich gerechnet. Du mußt mir etwas zum Beißen geben.«

Er antwortete nicht und sie wiederholte mit dem gepreßten Ton der Todesangst:

»Also, das ist alles, was du mir zahlst?«

»Aber, Herrgott! Wenn ich doch nichts habe!« heulte er, indem er sich wütend nach ihr umdrehte. »Laß mich oder ich stoß zu!«

Er hob schon die Faust. Sie wich zurück und schien einen Entschluß gefaßt zu haben.

»Geh, ich laß dich, ich find wohl noch einen Mann.«

Da fing der Zinkarbeiter an zu scherzen. Er tat, als ob er das für Spaß hielte, er feuerte sie an, ohne daß es ihm was auszumachen schien. Das war eine glänzende Idee! Des Abends, bei Licht, da konnte sie noch Eroberungen machen. Wenn sie einen Mann kaperte, so könnte er ihr das Restaurant zum Kapuziner empfehlen, da äße man in den kleinen Kabinen ganz ausgezeichnet. Und als sie nun wirklich bleich und wütend dem äußeren Boulevard zuging, rief er ihr noch nach:

»Hör also, bring mir was vom Nachtisch mit, ich esse gern Kuchen ... und wenn dein Herr gut angezogen ist, bitt ihn um einen alten Überzieher, damit ich auch was davon hab!«

Gervaise lief vor diesen teuflischen Worten wie gejagt davon. Bald befand sie sich allein in der Menge und ging langsamer. Sie war jetzt fest entschlossen. Da sie nur zwischen Diebstahl und dem andern zu wählen hatte, zog sie das andere vor, weil dabei niemandem Unrecht geschah. Sie hatte noch nie in dieser Art über ihre Person verfügt. Sie war bis zur Chaussee Clignancourt hinaufgegangen. Noch immer wollte es nicht Nacht werden. Sie nahm daher die Miene einer Spaziergängerin an, die vor dem Abendessen noch etwas Luft schöpfen geht.

Dieses Quartier verschönerte sich jetzt so sehr, daß sich Gervaise schämte. Der Boulevard Magenta kam aus dem Herzen von Paris und der Boulevard Ornano führte hinaus aufs Land; sie beide hatten den Wall durchbrochen. Die beiden Avenuen sahen mit dem noch neuen Verputz ihrer Häuser ganz licht und hell aus, während die Rue du Faubourg-Poissonnière und die Rue des Poissonniers mit ihren verstümmelten Enden sich wie ein paar gewundene düstere Därme in die Stadt vertieften. Es war ein ungeheurer Kreuzungspunkt, von dem aus sich die Straßen in weite Fernen bis zum Horizont hinzogen, und in ihnen wogte die Menge. Der Glanz der Neubauten erdrückte das Elend der Vorstadt, das vor seinem Verschwinden den Anblick der neuen Häuser störte, die man da so eilig aufzubauen im Begriff war. Gervaise fühlte sich inmitten des Gedränges noch einsamer. Sollte man es wohl glauben, daß von diesem ganzen Menschenstrome, in dem so viele wohlhabende Leute dahinzogen, keiner ihr Elend ahnte und ihr ein Zehnsousstück in die Hand drückte? Ihre Beine gingen mechanisch weiter, aber ihr Magen tat ihr weh, daß ihr schwindelte. Gervaise geriet in den Strom der heimkehrenden Arbeiter. Sie umwimmelten die gutgekleideten Herren und Damen, die in den neuen Häusern wohnten, und stanken noch nach Schweiß und der Werkstatt, in der sie gearbeitet hatten. Zwei Arbeiter, die schnell vorwärts wollten, machten Seite an Seite lange Sprünge und gestikulierten im Sprechen lebhaft mit den Armen, ohne einander anzusehen; andere gingen einsam am Rande der Rinnsteine; wieder andere gingen zu fünf oder sechs schweigend hintereinander her; sie hatten die Hände in den Taschen und müde Blicke; Maler trugen ihre Farbentöpfe; ein Zinkarbeiter schleppte eine große Leiter, mit der er leicht jemandem ein Auge ausstoßen konnte, während ein verspäteter Brunnenbauer, seinen Handwerkskasten auf dem Rücken, auf einer Mundharmonika das Lied vom guten König Dagobert spielte. Es war eine traurige Weise, die traurig durch den gelben Pariser Nebel klang. Wiederum war ein Tag zu Ende. Wie lang war der Tag und wie kurz die Nacht. Kaum hatte man Zeit den Leib zu füllen und im Schlafe die Speisen zu verdauen, war es schon wieder hell und man mußte die Last des Elends wieder auf die Schultern nehmen. Gervaise wanderte mit dem Strome, gleichgültig gegen die Püffe der Vorübergehenden; man stieß sie rechts, man stieß sie links und gab ihr so die Richtung; denn die Männer, die sich matt und müde gearbeitet hatten und die der Hunger vorwärts zog, nahmen sich nicht mehr Zeit, noch höflich und zuvorkommend zu sein.

Auf einem Sandhaufen, der zwischen den Bänken lag, spielten Gassenbuben in der hereinbrechenden Dunkelheit. Das Volk wogte noch immer auf den Straßen. Jetzt waren es meistens Arbeiterinnen, die vorüberzogen; sie liefen eilig, um die Zeit, die sie bei den Schaufenstern verbracht hatten, wieder einzuholen; eine Große stand still und ließ ihre Hand in der eines Burschen, der sie bis zum dritten Hause vor ihrer Wohnung begleitet hatte; andere verabredeten sich für den Abend im Grand Salon de la Folie oder in der Boule Noire. Ein Töpfergeselle, der an einem Ziehgurt einen Schuttwagen zog, wäre beinahe von einem Omnibus überfahren worden. Der Strom verlief sich nach und nach; man sah nur hin und wieder eine Frau, die eilig noch einige Lebensmittel einkaufte; auch kleine achtjährige Mädchen, die zu Einkäufen fortgeschickt waren; sie gingen längs der Läden und trugen an ihre Brust gepreßt Vierpfundbrote, die fast so groß waren wie sie selbst. Bei dem flammenden Leuchten des Gaslichtes begann jetzt jenes Leben, das gleichsam die Rache der Faulheit gegen die Arbeit ist, das mit Sonnenuntergang erwacht, um erst bei Sonnenaufgang zu enden.

Auch für Gervaise war der Tag zu Ende. Sie war matter und abgehetzter als alle diese Arbeiter, mit denen sie sich soeben noch Schulter an Schulter durch die Straßen geschoben hatte. Mein Gott! Wie gut wäre es, wenn man sich jetzt behaglich ausstrecken könnte, um nie wieder aufzustehen. Aber trotz der Krämpfe, die Gervaises Magen peinigten, dachte sie unwillkürlich an die Festtage, die guten Mahlzeiten und die heiteren Stunden ihres Lebens. Besonders an einen Fastnachtsdonnerstag dachte sie, wo es abscheulich kalt gewesen war, aber wo sie die Fröhlichkeit des Lebens bis auf die Neige ausgekostet hatte. Sie war damals sehr hübsch gewesen, blond und frisch wie ein Pfirsich. Ihre Bügelanstalt in der Rue Neuve hatte sie zur Bügelkönigin ernannt, trotz ihres Hinkens. So war sie im festlichen Aufzug auf einem mit Girlanden geschmückten Wagen inmitten der vornehmen Welt über die Boulevards gefahren, wo jedermann sie ansah; ja, die Herren setzten sogar ihre Augengläser auf, als gälte es einer wirklichen Königin. Am Abend gab es dann ein Festessen, daß die Tische krachten, und bis zum lichten Morgen hatte man getanzt. Königin! mit Krone und Schärpe, volle vierundzwanzig Stunden lang, die Zeit, in der die Zeiger zweimal über das Zifferblatt dahingehen! Ihr Kopf sank ihr nach vorn, so drückte sie der Hunger; sie schien so ihre verlorene Herrlichkeit im Rinnstein zu suchen.

Als sie den Boulevard wieder hinaufgegangen war, sah sie das Hospital Lariboisière mit seiner großen Mauer. Eine Tür in der Mauer war der Schrecken des Quartiers: das war die Totentür, deren feste, eichene Planken nicht den kleinsten Riß hatten; das gab ihr den Ernst und das Schweigen eines Grabsteines. Dem Bereich dieser Türe mußte sie entfliehen, und so eilte sie verzweifelt weiter. Sie ging bis zur Eisenbahnbrücke hinab. Die hohen Brustwehren von Eisenblech hinderten sie, die Ferne zu sehen; sie erblickte nur den rötlichen Schein über Paris und eine Ecke des weiten Bahnhofes mit dem großen rauchgeschwärzten Dach. Sie hörte in dem erhellten Räume das Pfeifen der Lokomotiven, die Stöße der drehbaren Platten, auf denen die Wagen gewendet wurden, kurz all den Lärm einer Ungeheuern, zum Teil verborgenen Geschäftigkeit. Es kam ein Zug vorbei, der Paris unter Schnauben und Stampfen verließ; sie sah nur noch die weiße Dampfwolke, die einen Augenblick die Brustwehr streifte und sich dann verlor. Aber die Brücke hatte gezittert, und diese Erschütterung übertrug sich auf sie. Sie wendete sich um, als ob sie der unsichtbaren Lokomotive folgen wollte, deren Donnern und Rollen langsam starb. Nach dieser Seite hin mußte das offene Land liegen; sie sah zwischen den Häusern rechts und links ein Loch, dort mußte der freie Himmel sein. Die Häuser selbst standen vereinzelt, ohne Ordnung; ihre Fassaden zeigten Riesenreklamen in Ungeheuern Buchstaben, aber die Malereien waren von dem Ruß der vorbeisausenden Lokomotiven geschwärzt. Ach, wenn sie doch auch nur hätte so abreisen können; fortgehen, weit fort von diesen Häusern, in denen nur Elend und Leid nistete. Vielleicht hätte sie noch einmal anfangen können zu leben. Sie schaute wieder zurück und begann ganz blöde diese Plakate zu lesen, welche an die Brustwehr geklebt waren. Da gab es welche in allen Farben; ein kleiner blauer Zettel versprach fünfzig Francs Belohnung für eine verlorene Hündin. Wie mußten doch die Leute dies Tier geliebt haben!

Langsam begann sie wieder zu gehen.

In dem düstern, rauchigen Nebel, der niederfiel, wurden die Gasflammen angezündet. Diese langen Straßen und Alleen, die in Finsternis fielen, erschienen jetzt wieder strahlend; sie sahen noch länger aus als bei Tage und durchschnitten die Nacht bis zum düstern Horizont. Um diese Stunde strahlten von einem Ende bis zum andern auf den Boulevards die zahlreichen Weinkneipen und Schnapsbudiken mit ihren Lichtern lustig in die Nacht hinein. Aus dem Innern erklang das Johlen und Lachen der Trinker. Der Zahltag belebte die Trottoirs noch außergewöhnlich mit genußsüchtigen Menschen, die auf der Saufreise begriffen waren. Man roch es in der Luft; es war ein verfluchtes Bummeln und Schlemmen. Hinten in den Garküchen taten sie sich gütlich; durch die Fenster sah man in die erleuchteten Räume, wo alle mit vollem Munde aßen, sie lachten dazu und gaben sich kaum die Mühe des Kauens, sie schlangen es förmlich herunter. Bei den Weinwirten saßen die Säufer schon fest und gestikulierten. Es war ein Höllenlärm von rauhen, kreischenden Stimmen: »Du, sag, hast schon gefuttert? – Komm her, ich spendiere dir einen Schoppen« ... »Ei, sieh da, Pauline!« ... »O ja, das wäre noch schöner, heute ist nichts mit uns beiden.« Die Türen klappten auf und zu und jedesmal kam ein warmer Odem von Wein und Speisen mit heraus oder ein paar Töne einer Klarinette. Vor dem Totschläger staute sich die Menge, die Kneipe war! erleuchtet wie eine Kathedrale bei einer großen Messe; man hätte glauben können, daß da drinnen etwas Besonderes gefeiert würde, so sangen die Säufer mit vollen Backen und dicken Bäuchen; ja, sie feierten den heiligen Zahltag. So toll fing das schon zu dieser Stunde an; kleine Rentiers, die ihre Frauen am Arme spazierenführten, meinten kopfschüttelnd, es gäbe in dieser Nacht verdammt viel betrunkene Kerle in Paris. Die Nacht war dunkel und lag eisig über dem Häusermeer; nur die Linien der Boulevards streckten ihre Feuerstreifen nach allen vier Richtungen.

Festgebannt stand Gervaise vor dem Totschläger und überlegte. Wenn sie zwei Sous gehabt hätte, würde sie sie da drinnen vertrunken haben. Vielleicht hätte der Schnaps ihren Hunger gestillt. Ja, oft hatte sie nun schon getrunken! Und das Trinken schien ihr gutzutun. Von weitem sah sie zu, wie die Destilliermaschine arbeitete; dumpf empfand sie aber auch, daß all ihr Leid von da herkäme, und sie gelobte, daß sie durch den Branntwein ihrem Leben ein Ende bereiten wolle, sobald sie einmal Geld hätte, welchen zu kaufen. Als sie das so vor sich hin dachte, schüttelte sie sich vor Kälte. Es war Nacht und die gute Stunde kam. Jetzt galt es mutig zu sein, sich liebenswürdig machen, wenn sie nicht mitten in der allgemeinen Lustigkeit krepieren wollte. Sie ging nun langsamer und blickte sich um. Unter den Bäumen war es noch finsterer. Es gingen wenig Leute auf der Straße, und die wenigen hatten es eilig und gingen mit raschen Schritten. Auf dieses breite, düstere und verlassene Trottoir drang die Freude und Heiterkeit aus den benachbarten Straßen nur ganz schwach, und hier standen wartende Frauen. Lange standen sie unbeweglich, geduldig und steif wie die kleinen dürftigen Platanen, dann setzten sie sich in Bewegung und gingen zehn Schritte über den gefrorenen Boden hin und blieben wiederum stehen. Eine war darunter mit einem unförmig massigen Körper und Armen und Beinen, die wie Insektenglieder so dünn und zerbrechlich schienen; ihre überquellenden Formen waren in Fetzen eines alten schwarzen Seidenkleides gehüllt, der Kopfputz war ein gelbes Tuch. Eine andere war groß und mager und hatte sich eine weiße Schürze umgebunden wie ein Dienstmädchen. Noch andere waren alt und dafür stark geschminkt; einzelne Junge aber waren schmutzig und ekelhaft, kein Lumpensammler hätte sie aufgehoben. Gervaise wußte nicht recht, wie sie es machen sollte, sie sah den andern zu und machte es ihnen nach. Sie war sehr erregt, die Kehle schnürte sich ihr zusammen; sie fühlte, daß sie sich schämte, denn alles das kam ihr wie ein böser Traum vor. Wohl eine Viertelstunde lang blieb sie ganz ruhig stehen; es kamen Männer vorbei, schauten sie aber nicht an. Nun schritt sie vorwärts, wagte es, einen Mann, der pfeifend, die Hände in den Hosentaschen daherkam, anzusprechen:

»Mein Herr, hören Sie doch ...«

Der Mann schaute sie nur von der Seite an und pfiff stärker, indem er weiterging. Jetzt wurde Gervaise kühner. Sie vergaß alles in diesem wilden Ringen der verzweifelnden Jagd; mit schmerzlich gekrümmtem Leibe suchte sie nach einem Essen, das ganz unerreichbar schien. So ging sie immerzu, wußte weder Zeit noch Ort. Und um sie herum bewegten sich auch jene schweigenden Gestalten unter den Bäumen, als wären es wilde Tiere in einem Käfig. Verließen sie das Dunkel und traten einen Moment lang in das Licht der Laterne, so sah man ihr weißgeschminktes Gesicht, und dann verschwanden sie wieder im Schatten; sie standen wieder im schaurigen Reiz der Dunkelheit. Manchmal glückte es ihnen, Männer aufzuhalten, diese sprachen mit ihnen, gingen aber dann lachend weiter. Andere folgten einer Frau heimlich und verlegen auf zehn Schritten. Manchmal wurde die Stille durch Gesprächs unterbrochen, man stritt mit gedämpfter Stimme; oft war es ein wütendes Hin- und Herfeilschen, überall, so weit auch Gervaise ging, sah sie diese unheimlichen Schildwachen stehen, als ob die ganzen äußern Boulevards mit Frauen bepflanzt wären, von einem Ende bis zum andern; weithin erstreckte sich diese Kette, ganz Paris schien so bewacht. Ein Ekel erfaßte sie; sie wechselte wütend ihren Platz, sie ging jetzt von der Chaussee de Clingnancourt nach der Rue de la Chapelle.

»Mein Herr, hören Sie doch ...«

Aber die Männer gingen vorüber. Sie entfernte sich von den Schlachthäusern, deren Abbruchmauern nach Blut stanken. Im Vorübergehen warf sie einen Blick auf das frühere Hotel Boncoeur, es war geschlossen und öde. Am Hotel Lariboisière zählte sie mechanisch längs der Fassade die hellen Fenster, die wie ebenso viele Nachtlampen leuchteten und deren ersterbende Lichter einen bleichen, ruhigen Schein warfen. Sie überschritt die Eisenbahnbrücke, die unter der Gewalt der Züge erbebte, die Lokomotiven zerrissen die Luft mit dem verzweifelten Schrei der Dampfpfeife. Wie entsetzlich traurig sind doch diese Dinge in der Nacht. Jetzt ging sie ihren Weg wieder zurück; wohl zehn-, ja zwanzigmal durchlief sie dieses Stück Straße, ohne Ruhe, ohne auch nur eine Minute auf einer dieser Bänke zu rasten. Nein, es begehrte sie niemand. Diese Verachtung vergrößerte ihre Schande noch. Noch einmal kehrte sie bis zum Hospital und den Schlachthäusern zurück. Das war ihr letzter Spaziergang, zwischen den blutigen Höfen, wo man schlachtete, und den bleichen Sälen, wo der Tod die Menschen in den Leintüchern erstarren machte, dem Gemeingut aller. Dort hatte sich ihr Leben abgespielt.

»Mein Herr, hören Sie doch ...«

Plötzlich bemerkte sie ihren Schatten auf der Erde. Näherte sie sich einer Gasflamme, verdichtete sich der Schatten und nahm festere Formen an; der Schatten war ungeheuerlich, so rund wie sie; es floß alles in eins zusammen, der Bauch, der Hals, die Hüften. Sie hinkte so stark mit ihrem Bein, daß ihr Schatten auf dem Boden bei jedem Schritt umklappte. Je mehr sie sich von der Flamme entfernte, um so größer wurde dieser Unglücksschatten, er wurde riesig und erfüllte die Boulevards mit seinen Verbeugungen, bei denen er sich an Bäumen und Häusern die Nase stieß. Großer Gott! wie war sie komisch und erschreckend! Noch nie hatte sie begriffen, wie tief sie gesunken war. Sie konnte nicht mehr anders, sie wartete auf jede Gasflamme, um dem Tanz ihres Schattens mit den Augen zu folgen. Ja, das war etwas Schönes, was da neben ihr ging! Was für ein Wesen! Das mußte die Männer anlocken. Jetzt sank ihre Stimme, sie wagte nur noch von rückwärts den Vorübergehenden zuzuflüstern:

»Mein Herr, hören Sie doch ...«

Es mußte inzwischen sehr spät geworden sein. Im Viertel wurde es immer stiller. Die Garküchen waren geschlossen und bei den Weinkneipen brannte auch das Gas schon mit roter Flamme, und die Stimmen waren nur noch ein Lallen. Aus Scherz und Lachen entstand Streit und Faustschlag. Ein Großer, Zerlumpter schrie: »Na warte, ich schlage dir die Knochen zusammen, du kannst sie dann numerieren!« Ein Mädchen bekam Streit mit ihrem Liebhaber, sie schimpfte ihn »schmutziges Tier« und »krankes Schwein«, während er antwortete »Und deine Schwester?« Die Trunkenheit erzeugte das Bedürfnis, sich in Schlägen auszutoben; eine Wildheit überkam die Säufer, die Vorübergehenden sahen nur noch bleiche, verzerrte Gesichter. Jetzt wurde es eine regelrechte Schlägerei; einer fiel zu Boden und streckte alle Viere von sich, während der andere, der glaubte, daß er genug habe, davonlief, so schnell ihn seine Beine tragen konnten. Banden gingen vorüber, gemeine Lieder singend; dann wurde es wieder ganz still, und nur hin und wieder hörte man das Rülpsen oder einen schweren Fall eines Betrunkenen. Das war immer das Ende der Nacht vom Fünfzehnten des Monats. Ja, das Viertel war sauber! Ein Fremder, der das alles vor dem morgendlichen Ausfegen gesehen hätte, würde eine schöne Vorstellung mit sich nehmen. Aber zu dieser Stunde waren die Säufer unter sich und kümmerten sich den Teufel um die Meinung Europas. Donnerwetter! Die Messer wurden aus den Taschen gezogen und das kleine Fest endete mit Blutvergießen. Die Frauen gingen schnell und die Männer strichen mit Luchsaugen umher. Die Nacht beruhigte sich, angefüllt mit Abscheulichkeit.

Gervaise ging immerzu, schlotternd trabte sie die Straßen auf und ab, nur daran denkend, immerzu so zu gehen. Wenn sie plötzlich müde wurde, schlief sie im Gehen ein, von ihrem Bein geschaukelt; blickte sie dann um sich, sah sie, daß sie etwa hundert Schritte ohne jedes Bewußtsein gegangen war, wie eine Tote. Ihre Füße schwollen ihr an im Gehen in ihren durchlöcherten Schuhen. Sie wurde stumpf und ganz fühllos, so erschöpft und ausgepumpt war sie jetzt. Der letzte klare Gedanke, den sie noch hatte, war, ob diese Dirne, ihre Tochter, wohl jetzt Austern essen wird. Dann verwirrte sich alles; sie behielt die Augen zwar noch auf, aber denken konnte sie nicht mehr. Nur noch die Empfindung der großen Kälte war geblieben, so stark, daß sie meinte, nie etwas dergleichen gespürt zu haben. Sicher hatten es die Toten unter der Erde auch nicht kälter. Als sie den Kopf hob, spürte sie ein eisiges Prickeln im Gesicht. Es war Schnee, der nun doch entschlossen vom Himmel herunterfiel; es war ein seiner Schnee, der in dicken Massen herunterkam und der von einem leichten Wind wirbelnd herumgetrieben wurde. Seit drei Tagen stand er schon da oben, jetzt siel er gerade im richtigen Moment.

Dieser Windstoß weckte Gervaise wieder auf. Die Männer, die sich noch verspätet hatten, liefen und eilten nach Hause; ihre Schultern waren weiß. Sobald einer sie ansah, näherte sie sich und sagte nochmals:

»Mein Herr, hören Sie doch ...«

Der Mann war stehengeblieben. Aber er schien nichts gehört zu haben. Er streckte seine Hand aus und murmelte mit schwacher Stimme:

»Um Gottes Barmherzigkeit willen, bitte ...«

Beide blickten einander an. Oh, mein Gott! dahin war es gekommen! Vater Bru bettelte und Frau Coupeau war zur Straßendirne geworden. Entsetzt standen sie sich gegenüber. Jetzt konnten sie sich die Hand reichen. Den ganzen Abend war der alte Arbeiter umhergestrichen und hatte es nicht gewagt, jemanden anzusprechen; die erste Person, die er endlich ansprach, starb vor Hunger, genau so wie er selbst. Großer Gott! war das ein Jammer! Fünfzig Jahre Arbeit und dann betteln müssen! Eine der gesuchtesten Büglerinnen der Rue de la Goutte d'Or endigt im Rinnstein! Noch immer schauten sich die beiden an. Dann gingen sie auseinander, jeder seinen Weg in dem Schneetreiben, das sie vorwärts peitschte.

Jetzt wurde es ein förmlicher Sturm. Auf dieser Höhe, in diesen weiten offenen Wegen wirbelte der Schnee von allen vier Windrichtungen Hergetrieben. Nicht zehn Schritte weit konnte man sehen, alles war wie eingehüllt in diesen fliegenden Schneestaub. Alles war wie verschwunden, der Boulevard so ausgestorben, als ob die letzten Seufzer der Trunkenbolde von dieser Leichendecke zugedeckt worden wären.

Mühselig ging Gervaise immer weiter, der Schnee blendete sie und sie verlor den Weg. Sie faßte die Bäume an, um sich zurechtzufinden. Je weiter sie vorwärts schritt, desto mehr schwand das Licht der Gasflammen in der bleichen Luft, als ob es erlöschende Fackeln gewesen wären. Als sie eine Straßenkreuzung überschritt, fehlten auch diese Lichter; der Wind erfaßte sie und hüllte sie in den weißen Wirbel von Flocken, ohne daß sie etwas unterscheiden konnte, das ihr als Wegweiser gedient hatte. Unter ihr floh der Boden mit seiner unsichern Schneedecke. Ein graues Gemäuer umschloß sie. Und stand sie still, zögernd, mit scheu gewendetem Kopf, erriet sie hinter diesem eisigen Schleier die endlos sich dehnenden Straßen, die unbestimmbar entschwindenden Reihen der Gasflammen – die ganze düstere, endlos sich dehnende Einsamkeit des entschlafenen Paris.

Sie befand sich gerade an der Stelle, wo der äußere Boulevard mit dem Boulevard Magenta und dem Boulevard Ornano zusammenstieß, und träumte davon, sich dort auf die Erde niederzulegen, als sie einen Schritt hinter sich hörte. Sie lief darauf zu, der Schnee trieb ihr in die Augen, die Schritte entfernten sich, sie konnte nicht unterscheiden, ob sie nach rechts oder links gingen. Da bemerkte sie die breiten Schultern eines Mannes wie einen dunkeln, tanzenden Fleck, der sich im Nebel verlor. Oh! diesen mußte sie einholen, sie würde ihn nicht gehen lassen! Sie lief schnell, erreichte ihn und ergriff seine Bluse:

»Mein Herr, mein Herr, so hören Sie doch ...« Der Mann drehte sich um. Es war Goujet. Warum hatte sie denn Gott so schwer bestraft, daß er sie gerade jetzt, da es doch zu Ende ging, so entsetzlich peinigte? Das war der härteste Schlag, der sie treffen konnte, sich dem Schmied vor die Füße werfen zu müssen, von ihm auf dieser niedersten Stufe der Boulevarddirnen getroffen zu werden, bleich und bittend. Das trug sich gerade unter einer Gasflamme zu; sie erblickte wieder ihren unförmigen Schatten, der sich über sie lustig zu machen schien, eine wahre Karikatur. Es sah aus wie der Schatten eines betrunkenen Weibes. Mein Gott! Dabei hatte sie keinen Bissen Brot im Leib, keinen Schluck Wein, und konnte doch für betrunken gehalten werden! Es war doch aber ihre Schuld. Warum trank sie! Gewiß glaubte nun Goujet, daß sie getrunken habe und jetzt eine Orgie feierte. Inzwischen sah Goujet auf sie nieder, während der Schnee sich in dichten Massen auf seinem schönen blonden Bart festsetzte. Als sie zurückweichend den Kopf senkte, hielt er sie fest.

»Kommen Sie mit mir!« sagte er.

Und damit ging er voran. Sie folgte ihm. Beide schritten geräuschlos durch das schweigende Viertel, wobei sie dicht an den Mauern gingen. Die arme Frau Goujet war im Oktober an Gelenksrheumatismus gestorben. Goujet bewohnte immer noch das kleine Haus in der Rue Neuve, wo es jetzt düster und einsam war. An diesem Tage gerade hatte er sich verspätet, weil er bei einem verwundeten Kameraden gewacht hatte. Als er die Türe geöffnet und die Lampe angezündet hatte, stand Gervaise immer noch demütig auf der Schwelle. Er sagte leise, als ob ihn seine Mutter noch hätte hören können:

»Treten Sie näher!«

Das erste Zimmer, in dem Frau Goujet gewohnt hatte, war pietätvoll in demselben Zustande erhalten geblieben, wie sie es verlassen hatte. Beim Fenster zur Seite des Sessels war ihr Stickrahmen noch aufgestellt, als wartete er auf die alte Stickerin. Das Bett war gemacht, sie hätte sich dort niederlegen können, wenn sie den alten Kirchhof verlassen hätte, um einen Abend bei ihrem Kinde zu verbringen. Das Zimmer bewahrte diese Sammlung und den Hauch der Ehrenhaftigkeit und Güte.

»Kommen Sie näher!« sagte der Schmied noch einmal.

Sie trat jetzt furchtsam naher, mit dem Ausdruck einer Dirne, die zufällig an einen anständigen Ort gekommen ist. Er war ganz blaß und zitterte, weil er so eine Frau in die Nähe seiner toten Mutter brachte. Beide durchschritten leise das Gemach, als ob sie nicht gehört werden wollten. Als der Schmied Gervaise in sein Zimmer geschoben hatte, schloß er es. Da war er bei sich. Es war das enge Kabinett, das sie kannte, das mit der schmalen eisernen Bettstelle und den weißen Musselinvorhängen wie das Zimmer eines Pensionsfräuleins aussah. Nur an den Wänden hatten sich die ausgeschnittenen Bilder vermehrt und stiegen bis zur Decke hinauf. Gervaise wagte in dieser reinen Umgebung nicht einen Schritt vorwärts zu machen, sie trat vor der Helle der Lampe zurück. Da überkam den Schmied eine Raserei, er wollte sie nehmen und zwischen seinen Armen zerdrücken. Aber es ging vorüber und er sagte leise:

»Oh, mein Gott ... mein Gott! ...«

Das Feuer des Ofens war mit Koksstaub zugedeckt, und ein Überrest von Ragout, das er sich warmgestellt hatte, weil er dachte früher zurückzukommen, war noch warm auf der Platte. Gervaise wurde von der Wärme aus ihrer Erstarrung gerissen, hätte sich auf alle Viere gelegt, um davon essen zu dürfen. Es ging über ihre Kräfte, in ihrem Magen fühlte sie so ein schneidendes Reißen, daß sie sich mit einem Seufzer niederbeugen mußte. Da verstand sie Goujet. Er setzte das Ragout auf den Tisch, schnitt ein Stück Brot ab und goß ihr zu trinken ein.

»Danke, danke!« sagte sie. »Oh, wie gut Sie sind!«

Sie stammelte und konnte die Worte nicht mehr herausbringen. Als sie die Gabel umfaßte, zitterte sie so stark, daß sie sie fallen ließ. Der Hunger peinigte sie so stark, daß sie mit dem Kopfe wackelte. Sie mußte mit den Fingern essen; nach der ersten Kartoffel, die sie sich in den Mund schob, brach sie in Tränen aus; dicke Tropfen rollten ihr die Backen herunter und machten das Brot naß. Sie aß immerzu, heißhungrig schlang sie das Brot hinunter, das ihre Tränen erweicht hatten; dabei atmete sie so stark, ihr Kinn bewegte sich krampfhaft beim Schlucken. Goujet nötigte sie zum Trinken, damit sie nicht ersticke, das Glas klang zitternd zwischen ihren Zähnen.

»Wollen Sie noch mehr Brot haben?« fragte er halblaut.

Sie weinte. Sie sagte »nein«, sagte »ja«, sie wußte es nicht. Oh, allmächtiger Gott, wie ist es gut und traurig zugleich das Essen, wenn man krepiert!

Er stand vor ihr und betrachtete sie. Jetzt sah er sie erst deutlich unter dem hellen Licht, das unter der Lampenglocke auf sie fiel. Die Hitze taute den Schnee aus ihren Haaren und auf den Kleidern, sie war ganz naß. Ihr armer wackelnder Kopf war schon ganz mit grauen Haarlocken bedeckt, die der Wind gelöst hatte. Ihr Hals stak zwischen den Schultern, sie war häßlich und dick geworden, man hätte weinen mögen. Und er rief sich ihre Reize ins Gedächtnis zurück, als sie noch so rosig war damals, mit dem Eisen klapperte und das kleine Kindergrübchen hatte, das ihren Hals schöner schmückte als das kostbarste Halsband. Damals konnte er sie stundenlang ansehen und war zufrieden, wenn er sie nur sah. Später, als sie zur Schmiede kam, was waren das für Freuden gewesen, wenn er auf das Eisen schlug und sie dem Tanze seines Hammers mit den Augen folgte! Wie oft hatte er da in sein Kopfkissen gebissen in der Nacht und sich gewünscht, sie so bei sich zu haben wie in dieser Nacht! Oh, er hätte sie zerquetscht, wenn er sie an sich gedrückt hätte, so heftig war sein Verlangen nach ihr. Und heute gehörte sie ihm, er konnte sie nehmen. Sie aß das letzte Stückchen Brot und wischte damit ihre Tränen aus der Schüssel, die noch immer hineinfielen.

Dann stand Gervaise auf. Sie hörte auf zu essen. Einen Augenblick lang blieb sie verlegen stehen, weil sie nicht wußte, was er von ihr wolle. Als sie glaubte, in seinen Augen ein Begehren aufleuchten zu sehen, brachte sie die Hand an ihre Jacke und öffnete den ersten Knopf. Aber Goujet war in seine Knie gesunken, ergriff ihre Hände und sagte sanft:

»Ich liebe Sie, Frau Gervaise, ja, ich liebe Sie noch, trotz allem, was geschehen ist, das schwöre ich Ihnen.«

»Oh, sprechen Sie nicht so, Herr Goujet,« rief sie, es machte sie fast verrückt, ihn so zu ihren Füßen zu sehen. »Nein, sagen Sie das nicht, es ist zu schmerzlich für mich!«

Als er ihr wiederholte, daß er in seinem Leben kein zweitesmal mehr so lieben könne, wurde sie ganz verzweifelt.

»Nein, nein, ich will es nicht, ich habe zuviel Schande auf mich gehäuft ... Um der Liebe Gottes willen! Stehen Sie auf. An mir, wäre es, vor Ihnen niederzuknien!«

Nun stand er zitternd auf und sagte mit stotternder Stimme:

»Darf ich Sie küssen?«

Sie war so überrascht und bestürzt, daß sie kein Wort der Erwiderung fand. Sie nickte nur. Mein Gott! sie war sein, er konnte mit ihr machen, was er wollte. Aber er rundete nur seinen Mund zu einem Kuß.

»Das ist genug zwischen uns, Frau Gervaise,« murmelte er. »Das ist unsere ganze Freundschaft, nicht wahr?«

Er küßte sie auf die Stirn, auf eine ihrer ergrauten Haarlocken. Er hatte seit dem Tode der Mutter niemanden mehr geküßt. Nur Gervaise, seine gute Freundin, blieb ihm im Leben übrig. Als er sie so geküßt hatte, wendete er sich um und warf sich auf sein Bett, weil ihm das Schluchzen die Kehle sprengen wollte. Gervaise konnte es nicht länger ertragen, das war zu traurig, zu abscheulich, sich unter solchen Verhältnissen wiederzufinden, wenn man einander lieb hatte. Sie rief ihm zu:

»Ich liebe Sie, Herr Goujet! Ja, auch ich liebe Sie ... Das ist ja nicht möglich, ich verstehe ... Adieu, adieu, das würde uns beide erdrücken!«

Und laufend durchkreuzte sie das Zimmer der Frau Goujet und befand sich dann auf dem Pflaster. Als sie wieder bei Besinnung war, hatte sie schon in der Rue de la Goutte d'Or angeläutet.

Boche zog die Türe auf. Das Haus war ganz dunkel. Sie trat ein wie eine Witwe in ihr Trauerjahr. Seit dem Tage, wo sie ihren Fuß hierher gesetzt hatte, war es bergab mit ihr gegangen. Das mußte ja Unglück bringen, wenn man so nah beieinander wohnte in diesen großen Arbeiterhäusern; so ein Elend war ansteckend wie die Cholera. Sie hörte, wie zur Rechten die Boches schnarchten und zur Linken Lantier und Virginie schnurrten, fast wie Katzen, die nicht schlafen, sondern warm und wohlig mit geschlossenen Augen dasitzen.

Als sie die sechs Stockwerke in die Höhe stieg, konnte sie ein böses Lachen nicht unterdrücken, aber es tat ihr weh. Sie dachte an ihr früheres Ideal: ruhig arbeiten, immer genug Brot haben, seine Kinder gut erziehen, nicht geschlagen werden, ein sauberes Loch für sich zu haben und im eigenen Bett sterben. Und wie war es ihr in Erfüllung gegangen! Sie arbeitete nicht mehr, sie aß nicht mehr, ihre Tochter trieb ein Schandgewerbe, ihr Mann traktierte sie mit Schlägen, sie schlief auf Schmutz. Was blieb ihr übrig, als ihrem Leben ein Ende zu machen, und das so bald wie möglich. Wenn sie nur den Mut hatte, sich jetzt, wenn sie in ihr Zimmer käme, aus dem Fenster zu stürzen. Das, was ihr häßliches Lachen hervorgerufen hatte, war die Erinnerung an ihre schöne Hoffnung, sich auf das Land zurückzuziehen, wenn sie zwanzig Jahre geplättet hatte. Nun also, jetzt ging sie ja aufs Land. Sie wollte ihre Ecke grünen Rasens auf dem Père-Lachaise haben.

Als sie in ihren Korridor hineinging, war sie schon wie toll. In ihrem armen Kopfe wirbelte es. Ihr größter Schmerz war der, daß sie dem Schmied für ewig Lebewohl gesagt hatte. Es war aus zwischen ihnen, sie würden sich niemals wiedersehen. Im Vorbeigehen steckte sie den Kopf bei Bijards zur Tür herein; sie sah Lalie tot daliegen; oh, wie glücklich die war und wie es ihr wohl zu tun schien, daß sie nun endlich und für immer Ruhe hatte. Da aus der Türspalte bei Vater Bazouge ein Lichtstrahl fiel, trat sie entschlossen bei ihm ein, weil sie das dringende Verlangen ergriff, denselben Weg zu gehen wie die Kleine.

Der alte Spaßvogel Bazouge war in dieser Nacht besonders fidel nach Hause gekommen. Er hatte sich so stark angetrunken, daß er trotz der Kälte auf der Erde schnarchte, was ihn scheinbar nicht hinderte, recht vergnügt zu träumen, denn sein Bauch schüttelte sich förmlich vor Lachen. Die Talgkerze brannte noch und beleuchtete seinen Frack, seinen platten Zylinder, der in der Ecke lag, und seinen Mantel, den er sich über die Knie gezogen hatte.

Als Gervaise ihn sah, fing sie so laut zu jammern an, daß er aufwachte.

»Zum Teufel! mach doch die Türe zu! Da kommt eine Kälte herein! ... Ach, Sie sind es!... Nun, was gibt's denn? Was wollen Sie denn?«

Nun begann Gervaise mit ausgestreckten Armen leidenschaftlich zu bitten, ohne recht zu wissen, was sie sagte.

»Oh! Nehmt mich fort, ich hab genug, ich will fort ... Sie dürfen mir nicht mehr böse sein. Ich weiß nicht ... O Gott! Man weiß es ja nie, bis es dann soweit ist ... O ja! Dann aber ist man eines Tages zufrieden, dahin zu kommen! Nehmt mich fort! Ach! Nehmt mich fort! Ich werde auch »Danke schön« dazu sagen!«

Ganz bleich ließ sie sich auf die Knie nieder, so heftig war das Verlangen, das sie erfüllte. Nie hatte sie sich so vor den Füßen eines Mannes gewälzt. Das versoffene Gesicht von Vater Bazouge erschien ihr schön wie die Sonne. Der Alte, der noch halb im Schlaf war, glaubte an einen schlechten Witz.

»Hören Sie! Sie wollen mich wohl zum besten haben!«

»Nehmt mich mit euch!« wiederholte Gervaise ihre Bitte noch glühender. »Erinnern Sie sich noch an den Abend, als ich an die Bretterwand klopfte? Nachher hab ich gesagt, es sei nicht wahr, weil ich noch dumm war ... Geben Sie mir jetzt Ihre Hände, ich fürchte mich nicht mehr davor. Ich will zur Ruhe kommen, Sie werden sehen, ich werde mich nicht rühren ... Ach! Ich habe nur mehr diesen einen Wunsch! Ach! Ich würde Sie so lieb haben!«

Bazouge, galant wie immer, wollte eine Dame, die scheinbar eine so heftige Neigung zu ihm gefaßt hatte, nicht vor den Kopf stoßen.

»Ihr seid da schon auf dem richtigen Wege!« sagte er mit Überzeugung. »Ich habe heute schon drei eingepackt und sie hatten mir obendrein noch ein anständiges Trinkgeld gegeben, aber sie konnten leider nicht mehr die Hand in die Tasche stecken ... Na, na, kleines Mütterchen, es geht doch nicht so ohne weiteres.«

»Nehmen Sie mich mit! Nehmen Sie mich doch mit!« rief Gervaise, »ich will ja so gerne fort! ...«

»Verflucht! Da braucht's erst eine kleine Operation vorher ... wissen Sie, Knick!« Er machte bei diesem Laut eine Anstrengung mit der Kehle, als verschlucke er seine Zunge. Da er den Scherz gut fand, so lachte er.

Gervaise war langsam aufgestanden. Also auch der konnte nichts für sie tun? Stumpfsinnig ging sie in ihr Zimmer und warf sich aufs Stroh. Es tat ihr leid, daß sie gegessen hatte. Oh! nein, so ging das nicht, das Elend tötete nicht schnell genug!

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