Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Emile Zola >

Der Totschläger

Emile Zola: Der Totschläger - Kapitel 13
Quellenangabe
pfad/zola/totschla/totschla.xml
typefiction
authorEmil Zola
titleDer Totschläger
publisherKurt Wolff Verlag A.-G.
seriesDie Rougon-Macquart
volumeBand 7
printrun1.-4. Tausend
year1923
translatorFranz Blei
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110723
projectid645ee4c3
Schließen

Navigation:

11

Nana wuchs heran und wurde eine Hure. Mit fünfzehn Jahren war sie so groß wie ein Kalb, fett und üppig wie ein Ball. Ja, fünfzehn Jahre, alle Zähne und kein Korsett. Ein richtiges Hurengesicht, wie in Milch getaucht, samtweiche Haut wie ein Pfirsich, eine lustige Nase, ein rosiger Schnabel und Guckaugen so hell, daß die Männer Lust bekamen ihre Pfeifen daran anzuzünden. Ein Haufen blondes Haar, wie reifer Hafer aussehend, das Goldstaub auf die Schläfe zu werfen schien, rötliche Lichter im Haar umgaben sie manchmal wie mit einer Krone von Sonnenstrahlen. Ja, sie war eine nette Pflanze! wie die Lorilleux' sie nannten, eine Rotznase, der man noch hätte die Nase putzen sollen; ihre reifen Schultern waren rund und voll und zeigten die Reife einer erwachsenen Frau. Jetzt steckte sich Nana keine Papierkugeln mehr in die Taille, sie hatte jetzt ihre Kugeln bekommen, ein Paar ganz neue von weißem Atlas. Das war ihr nicht unbequem, sie hätte einen ganzen Armvoll davon haben mögen, sie träumte von der Fülle einer Amme, so unüberlegt und gefräßig ist die Jugend. Was sie ganz besonders lüstern erscheinen ließ, war eine häßliche Gewohnheit, die sie angenommen hatte: sie streckte ihre Zungenspitze zwischen ihren weißen Zähnen etwas vor. Wahrscheinlich hat sie das vor dem Spiegel eingeübt und schön gefunden. Nun streckte sie sie den ganzen Tag lang heraus.

»Verstecke doch deine Lügnerin!« rief ihr die Mutter zu. Oft mußte sich Coupeau dazwischenlegen, er schlug mit der Faust auf und fluchte:

»Willst du wohl deinen roten Lappen einziehen!«

Nana wurde immer gefallsüchtiger. Sie wusch sich zwar nicht immer die Füße, kaufte sich aber so enge Schuhe, daß sie Höllenqualen ausstand; wenn sie jemand fragte, was ihr denn wäre, wenn sie ganz violett aussah, antwortete sie, sie hätte Leibschmerzen; sie wollte diese Eitelkeit nicht eingestehen. Wenn das Brot im Hause fehlte, konnte sie sich nicht gut herausputzen. Dann verrichtete sie Wunder, sie brachte Bänder aus dem Atelier mit, machte sich Toiletten zurecht, schmutzige Kleider besetzte sie mit Schleifen und Quasten. Der Sommer war die Jahreszeit ihrer Triumphe. Jeden Sonntag erschien sie mit einem Perkalkleidchen für sechs Francs und entzückte damit das ganze Viertel de la Goutte d'Or mit ihrer blonden Schönheit. Ja, sie war bekannt von den äußeren Boulevards bis zu den Befestigungen, von der Chaussee Clignancourt bis zur Rue de la Chapelle. Man nannte sie »das kleine Hühnchen«, weil sie in Wahrheit einen zarten, frischen Teint hatte wie ein junges Hühnchen.

Ein Kleid stand ihr ganz besonders gut. Das war ganz weiß, mit erbsengroßen rosa Punkten, sehr einfach und ohne jede Garnierung. Der etwas kurze Rock ließ ihre Füße frei; die weit offenen Hängeärmel zeigten ihre Arme bis zum Ellbogen; den Halsausschnitt öffnete sie auf der Treppe herzförmig mit Stecknadeln, weil sie Vater Coupeaus Schläge fürchtete. Keinen weiteren Schmuck, die Enden eines rosa Bandes durch das Haar geschlungen, flatterten lustig im Nacken. Sie war so frisch wie ein Blumenstrauß. Der Duft der Jugend lag auf ihrer ganzen Erscheinung, die ein Kind und doch schon eine Frau war.

In dieser Zeit waren die Sonntage für sie die Zeit des Stelldicheins mit der Menge und den Männern, die sie im Vorübergehen anstierten. Die ganze Woche hindurch wartete sie sehnlichst auf den Sonntag, schon im voraus von all dem Vergnügen gekitzelt, das ihr begegnen würde. Während der Woche erstickte sie fast, der Sonntag erfüllte ihr Verlangen nach Luft und Freiheit. Schon ganz früh fing sie an sich anzuziehen; stundenlang blieb sie im Hemd vor dem kleinen Stückchen Spiegel, das über der Kommode aufgehängt war, stehen; und da das ganze Haus sie sehen konnte, ärgerte sich ihre Mutter und fragte, ob sie nicht schon lange genug nackt herumspaziert wäre. Aber ruhig machte sie sich kleine Löckchen mit Zuckerwasser auf der Stirn, nähte die Knöpfe an ihren Stiefeln fest oder heftete etwas an dem Kleide. Ihre Beine waren nackt, ihr Hemd glitt ihr von den Schultern herunter und die offenen blonden Haare umgaben unordentlich ihren Kopf. Ja, sie war hübsch so! sagte Vater Coupeau, der sie neckte und hänselte, eine wahre büßende Magdalena! Sie hätte sich für zwei Sous als wilde Frau sehen lassen können! Manchmal rief er ihr zu: »Versteck doch dein Fleisch, damit ich mein Brot essen kann.« Sie war bewundernswürdig, so weiß und fein unter ihrem blonden Dach von Haaren, so rosig, wenn sie zürnte. Sie wagte es nicht, ihrem Vater eine Antwort zu geben, sie zerbiß nur vor Wut ihren Faden zwischen den Zähnen, dieser kleine Knacks ging ihr wie ein Schauer über ihre nackte Schönheit.

Gleich nach dem Frühstück ging sie hinunter in den Hof. Im sonntäglichen Frieden schlief das Haus; die Werkstätten waren geschlossen; von den Wohnungen gähnten die offenen Fenster hinaus ins Freie, hinter denen man die schon für den Abend gedeckten Tische sah, während die Bewohner draußen auf den Wällen sich Appetit für das Abendmahl holten. Eine Frau im dritten Stock scheuerte ihr Zimmer, sie rückte Bett und Möbel und sang dabei stundenlang dasselbe sanfte, weinerliche Lied. Der Lärm des Werktags schwieg, der Hof war still und heimlich. Dann begannen Nana, Pauline und andere große Mädchen Fangball zu spielen; es waren sechs oder sieben, die zusammen aufgewachsen und jetzt die Königinnen des Hauses waren. Sie teilten sich in die verliebten Blicke der Herren. Wenn ein Mann über den Hof ging, ertönte ihr silberhelles Lachen, und mit dem Rauschen ihrer gestärkten Unterröcke flogen sie wie vom Wind getrieben hin und her. Über ihnen lag die Luft des Feiertages weich und mild wie die Faulheit und erfüllt vom Staube, den die Menge der Spaziergänger aufwirbelte.

Aber die Fangballpartien waren nur ein Vorwand, sich davonzumachen. Dann fiel das Haus in die Stille zurück, sie hatten sich auf die Straße geschlichen, um auf die äußern Boulevards zu gelangen. Nun faßten sich alle sechs unter und nahmen die halbe Breite der Chaussee ein; alle waren hell gekleidet und hatten nur ein Band um den bloßen Kopf gebunden. Ihre lebhaften Augen, die aus den Ecken der Wimpern verstohlene Seitenblicke warfen, sahen alles; sie warfen beim Lachen die Köpfe nach hinten und zeigten ihren Hals und die Fülle des Unterkinns. Mit großem Gelächter machte sich ihr Übermut Luft, wenn ein Buckliger vorüberkam, oder wenn eine alte Frau an einer Ecke ihrem Hunde pfiff; dann sprengte das Lachen ihre Reihe, die einen blieben zurück, während die andern sie heftig hinter sich her zogen; dabei wiegten sie sich in den Hüften, bildeten einen Knäuel, stoben wieder auseinander, nur um das Aufsehen der Fußgänger zu erregen und bei den lebhaften Bewegungen ihre schönen schmiegsamen Figuren recht zur Geltung zu bringen, deren jugendliche Frische die Mieder krachen machte. Die Straße gehörte ihnen, darin waren sie aufgewachsen, da hatten sie ihre Röcke längs der Läden gerafft; auch jetzt hoben sie ihre Röcke auf, um die Strumpfbänder zu befestigen; zwischen all den Leuten, die ruhig und blaß unter den dürftigen Bäumchen der Boulevards spazierengingen, trieb diese lose Bande ihr Spiel; sie zogen von der Barrière Rochechouart bis zur Barrière Saint-Denis, sie stießen die Leute, trennten im Zickzack die Gruppen der Spaziergänger, wendeten sich um und sagten unter großen Lachsalven übermütige Dinge. Aus den flatternden Falten ihrer Kleider entschlüpfte die Unverschämtheit ihrer Jugend, in voller freier Luft, unter dem Licht des Tages entfalteten sie die lüsterne Keckheit junger Luderfratzen und waren dabei begehrenswert und frisch wie Jungfrauen, die mit noch feuchtem Nacken soeben dem Bade entstiegen sind.

Nana war in ihrem rosigen Kleide, das in der Sonne leuchtete, immer in der Mitte. Sie gab Pauline den Arm, deren weißes, mit gelben Blumen übersätes Kleid ebenfalls in der Sonne strahlte. Diese beiden waren die Größten und Entwickeltsten von allen, aber auch die Frechsten, die die Bande anführten, und erhielten auch die bewunderndsten Blicke und schmeichelhaftesten Redensarten zugeworfen. Die andern waren jünger und marschierten an den Flanken und am Ende; sie blähten sich und gaben sich die größte Mühe, auch beachtet zu werden. Nana und Pauline hatten sehr komplizierte und kokette Pläne im Hintergrund. Wenn sie liefen, bis ihnen der Atem ausging, so wollten sie ihre weißen Strümpfe zeigen und ihre Haarbänder im Winde flattern lassen. Wenn sie dann plötzlich anhielten und so taten, als ob sie ausschnauften, so war sicher ein Bekannter aus dem Viertel in ihrer Nähe; dann gingen sie langsamer, flüsterten und lachten miteinander und warfen ihm heimliche Blicke zu. Sie gingen immer in der Absicht, solche zufällige Begegnungen zu machen. Große, sonntäglich geputzte Burschen in Ärmelwesten und mit runden Hüten hielten sie manchmal an den Übergängen auf, sie scherzten mit ihnen und versuchten sie um die Taillen zu fassen. Junge, zwanzigjährige Arbeiter in grauen Blusen, die Hals und Brust unbedeckt hatten, plauderten langsam und mit verschränkten Armen mit ihnen und bliesen rücksichtslos den Rauch ihrer Tonpfeifen von sich. Diese Vorgänge waren ohne Folgen, die Burschen waren mit ihnen aufgewachsen. Aber sie wählten schon unter ihnen. Pauline traf stets mit einem der Söhne der Frau Gaudron zusammen, das war ein siebzehn Jahre alter Tischler, der ihr Äpfel schenkte. Nana sah Victor Fauconnier schon von weitem daherkommen, den Sohn der Büglerin, mit dem sie sich in dunkeln Ecken küßte.

Aber weiter ging das alles nicht; sie waren doch zu gerieben, um unbewußt eine Dummheit zu machen; nur mit Worten gingen sie sehr weit.

Ging die Sonne unter, so war es ihr größtes Vergnügen, einem Taschenspieler zuzuschauen. Gaukler und Herkulesse kamen dann auf die Avenuen, breiteten ein Stück mottenzerfressenen Teppich aus; dann sammelten sich Gaffer genug an, sie bildeten einen Kreis darum herum und der Clown ließ in seinem verschossenen Trikot seine Muskeln spielen. Nana und Pauline blieben oft stundenlang im dichtesten Kreise stehen; ihre schönen, frisch gewaschenen Kleider wurden zwischen schmutzigen Blusen und Überziehern zerdrückt; ihre nackten Arme, der bloße Hals und die gelösten Haare glühten unter dem Atem ihrer Umgebung, von der ein mit Schweiß und Schnaps verpesteter Branntweingeruch ausging. Sie lachten und freuten sich und zeigten gar keinen Ekel; ihr Aussehen wurde immer rosiger, sie befanden sich auf ihrem natürlichen Misthaufen. Denn um sie wurden gemeine Bemerkungen gemacht, böse Worte fielen, die Sprache der Betrunkenen; die kannten sie zur Genüge, sie schauten sich ohne Schamröte um.

Unangenehm wurde es nur, wenn sie ihre Väter trafen, besonders wenn diese getrunken hatten. Da paßten sie genau auf und warnten sich gegenseitig.

»Du, Nana!« rief dann plötzlich Pauline, »da kommt Vater Coupeau!«

»O weh! er ist besoffen, ich werde ihm was blasen,« sagte Nana ärgerlich. »Ich werde kneifen. Ich habe keine Lust, mir die Flöhe von ihm ausbeuteln zu lassen! Hat er wieder ein Gesicht aufgesetzt! Wenn er sich doch endlich den Hals brechen wollte!«

Ein anderes Mal, als Coupeau geradeswegs auf sie zukam und sie nicht mehr weglaufen konnte, duckte sie sich und stotterte:

»Versteckt mich doch, ihr Leute! ... Er sucht mich und hat mir gedroht, er wolle mir die Röcke herunterreißen, wenn er mich wieder beim Herumtreiben trifft!«

Wenn der Trunkenbold an ihnen vorüber war, richtete sie sich wieder auf und alle lachten hinter ihm her. Er findet sie! Er findet sie nicht! Das war das reine Versteckspiel. Eines Tages aber war Boche mitgekommen, um Pauline abzuholen und am Ohrläppchen heimzuführen, da traktierte Coupeau Nana mit Fußtritten auf dem Heimwege.

In der Dämmerung machten sie noch einen letzten Rundgang und kamen mit einbrechender Nacht müde unter der Menge Spaziergänger zurück. Der aufgewirbelte Staub verdichtete die Luft und verfinsterte den Himmel. Die Rue de la Goutte d'Or sah wie ein Stück Provinz aus mit den schwatzenden Müttern, die in den Haustüren standen und deren Stimmen nur hin und wieder die lauschige Ruhe störten, welche das Viertel befiel, wenn der Wagenverkehr aufhörte. Noch einen Augenblick blieben sie auf dem Hofe, nahmen die Ballschläger wieder auf und taten, als wären sie nie fortgewesen; dann gingen sie nach ihrer Wohnung, machten sich unterwegs irgendeine Geschichte zurecht, die sie oft gar nicht vorzubringen brauchten, denn sie fanden die Eltern im Streit oder damit beschäftigt, sich gegenseitig Ohrfeigen auszuteilen wegen einer zu stark gesalzenen Suppe.

Nana war jetzt Arbeiterin, sie verdiente bei Titreville, dem Hause in der Rue du Caire, wo sie ihre Lehrzeit verbracht hatte, täglich ihre vierzig Sous. Coupeaus wollten nicht, daß sie von dort fortging, denn sie war da unter der Aufsicht der Frau Lerat, die schon seit zehn Jahren Ateliervorsteherin war. In der Früh sah ihre Mutter nach der Zeit auf der Kuckucksuhr, wenn die Kleine fortging, nett und artig in ihr altes, zu eng gewordenes schwarzes Kleidchen gepreßt, und Frau Lerat mußte nachsehen, wann sie ankam, und das berichtete sie dann Gervaise. Sie hatte zwanzig Minuten Zeit, um von der Rue de la Goutte d'Or bis zur Rue du Caire zu gehen; das war genau, denn diese Dämchen haben Beine wie die Hirsche. Manchmal kam sie zur Zeit, war aber so rot und erhitzt, daß sie sicher von der Barriere ab in zehn Minuten gelaufen war, weil sie unterwegs irgendwo gebummelt hatte. Meistens hatte sie sieben bis acht Minuten Verspätung; dann war sie aber bis zum Abend so liebenswürdig mit ihrer Tante und warf ihr viel bittende Blicke zu, bis sie gerührt war und nichts davon erzählte. Frau Lerat kannte die Jugend, sie log auch die Coupeaus an, aber sie zankte trotzdem mit Nana und sprach ihr von den Gefahren, die einem jungen Mädchen auf dem Pariser Pflaster drohen, und ihrer eigenen Verantwortlichkeit ihr gegenüber. Großer Gott! Würde sie denn nicht auch verfolgt! Sie betrachtete ihre Nichte mit zärtlichen Blicken, sie war voller Eifer bei dem Gedanken, über die Unschuld dieser kleinen Katze wachen zu müssen.

»Du weißt doch,« sagte sie ihr oft, »daß du mir alles sagen mußt. Ich bin zu gut zu dir; wenn dir ein Unglück zustoßen würde, müßte ich mich in die Seine stürzen. Hörst du, mein kleines Kätzchen? Wenn dich Männer ansprechen, mußt du mir das sagen, alles, ohne etwas zu vergessen ... Nicht wahr? Hat man schon einmal etwas zu dir gesagt?«

Nana lachte so eigentümlich, daß es ihr förmlich den Mund verzog. Nein, nein; die Männer sprechen sie nicht an, dazu ginge sie zu schnell ... Und was sollten sie auch zu ihr sagen? Hatte sie denn etwas mit ihnen zu tun? Ihre Verspätungen erklärte sie, sie wäre zu lange vor einem Schaufenster stehengeblieben, sie habe sich Bilder angesehen, oder hätte Pauline begleitet, die immer komische Geschichten erzählte. Man könne ihr doch nachgehen, wenn man das nicht glauben wolle; sie ging nie vom linken Trottoir herunter und überholte stets alle andern Mädchen wie ein Wagen. Eines Tages faßte sie Frau Lerat wirklich ab, wie sie in der Rue du Petit Carreau mit drei andern leichtfertigen Blumenmacherinnen in die Höhe guckte und lachte, weil ein Mann sich dort am Fenster rasierte; aber die Kleine ärgerte sich und schwur, sie wollte gerade beim Bäcker an der Ecke ein Soubrot kaufen gehen.

»Oh, ich wache schon über sie, habt keine Angst,« sagte die Witwe zu den Coupeaus. »Wenn ein Schmutzian sie auch nur kneifen wollte, ich würde mich dazwischenwerfen.«

Das Atelier bei Titreville war ein großer Raum im Zwischenstock, mit einem großen Arbeitstisch, auf Böcken stehend, der die ganze Mitte des Raumes einnahm. Längs der Wände, die graue, verschossene Tapeten hatten, an deren zerrissenen Stellen der Kalk hervorsah, waren Gestelle angebracht, in denen alte Schachteln, Pakete, Modelle und alter vergessener Hausrat unter einer Lage von dickem Staub schlummerten. Die Decke über den Gasflammen war schwarz angerußt. Die beiden Fenster standen so weit offen, daß die Arbeiterinnen ohne vom Tisch aufzustehen die Vorübergehenden auf der andern Seite der Straße beobachten konnten.

Frau Lerat, die mit gutem Beispiel voranging, kam immer zuerst. Dann erst kamen die kleinen Blumenmacherinnen truppweise, schwitzend und mit halb gelösten Haaren. Eines Julimorgens kam Nana als letzte, was übrigens durchaus ihre Gewohnheit war.

»Ach,« sagte sie, »es wäre kein Unglück, wenn ich einen Wagen hätte!«

Ohne ihren Hut abzunehmen, der ein schwarzer Deckel war und den sie ihren Helm nannte, ging sie ans Fenster und schaute rechts und links die Straße hinunter.

»Was schaust du denn da?« fragte sie Frau Lerat mißtrauisch. »Hat dich etwa dein Vater begleitet?«

»Nein, warum nicht gar,« antwortete Nana ruhig. »Ich schau nach gar nichts ... ich seh' nur, daß es hübsch warm ist. Wirklich, man kann sich noch einen Schaden holen, wenn man heute so läuft!«

Diesen Morgen herrschte wirklich eine erstickende Hitze. Die Arbeiterinnen hatten die Holzjalousien heruntergelassen, zwischen deren Stäben hindurch sie noch ganz gut auf die Straße schauen konnten, und setzten sich endlich an die Arbeit. Es waren acht, von denen jede ihren Gummitopf, ihre kleine Zange, Schere und andere Werkzeuge neben ihrem Modellierknäuel vor sich liegen hatte. Auf dem Werktisch lagen große Haufen Eisendraht, Garnknäuel, Watte, grünes und kastanienbraunes Papier, grüne Blätter, Blütenblätter, die aus Seide, Atlas oder Samt geschlagen waren. Mitten auf dem Tische stak in einer großen Wasserflasche das Zweisousbukett einer Blumenmacherin, welches schon am Abend vorher an ihrem Busen zu verwelken angefangen hatte.

»Ach, wißt ihr noch nicht,« sagte Leonie, eine hübsche Brünette, während sie sich aus ihrem Blätterknäuel Rosenblatter herauszupfte, »na! die arme Karoline ist schön unglücklich dran mit dem Burschen, den sie gestern abend kennengelernt hat.«

»Das glaube ich! Das ist so einer, der jeden Tag um eine andere herumschwänzelt!«

Des ganzen Ateliers bemächtigte sich eine geile Lustigkeit und Frau Lerat mußte ihre ganze Strenge zeigen. Sie rümpfte die Nase und brummte:

»Du bist ja sauber, meine Tochter, du gebrauchst hübsche Worte! Ich werde das deinem Vater erzählen, mal sehen, wie ihm das gefällt!«

Nana schwollen die Backen, so hielt sie das Lachen zurück. Ihr Vater! der sagte noch ganz andere Sachen! Aber Leonie flüsterte plötzlich leise und schnell:

»Paßt auf! Die Besitzerin!«

Und wirklich trat schon Frau Titreville, eine lange dürre Frau, ein. Sie machte niemals Scherze im Magazin und war sehr gefürchtet. Sie ging langsam um den Arbeitstisch herum, auf den sich jetzt alle Nacken schweigend und tätig niederbeugten. Sie kanzelte eine Arbeiterin ab und hieß sie eine Marguerite noch einmal anfangen. Dann ging sie ebenso steif wieder fort, wie sie gekommen war.

»Hopla! Hopla!« rief Nana, während ein Seufzer der Erleichterung durch den Saal ging.

»Meine Damen,« sagte Frau Lerat und wollte eine strenge Miene aufsetzen, »sie werden mich zu Maßregeln zwingen, die ...«

Aber man hörte nicht auf sie und fürchtete sie nicht. Sie war viel zu nachsichtig; das Leben mit diesen jungen Dingern reizte sie viel zu sehr. Sie nahm sie beiseite und forschte sie über ihre Liebhaber aus oder legte ihnen auf einer freien Ecke des Arbeitstisches die Karten. Ihre harte Haut und ihre ganze Gendarmenfigur zitterte vor Freude, wenn von Liebesabenteuern die Rede war. Nur die gemeinen Worte konnte sie nicht ausstehen; sobald diese vermieden wurden, konnte man ihr alles sagen.

Wirklich, Nanas Erziehung wurde in diesem Atelier die Krone aufgesetzt. Sie hatte viel natürliche Anlage, das war sicher. Daß sie jeden Tag mit einer Menge von Mädchen zusammenkam, die durch Elend und Laster schon ausgepicht waren, gab ihr den Rest. Sie saßen so dicht beieinander, daß es ansteckte, gerade wie in einem Korb Apfel, wenn einige faule dabei sind. Es war Sitte, sich nach außen hin wie anständige Damen zu benehmen. Und vom Mund zum Ohr und in den Ecken da gingen die Unanständigkeiten lustig ihren Weg. Sowie zwei beieinander waren, schütteten sie sich vor Lachen aus über die Schweinereien, die sie einander zuflüsterten. Und dann begleitete eine die andere abends, und da nahmen dann die vertraulichen Mitteilungen und haarsträubenden Geschichten kein Ende, so daß die beiden Dirnen sich auf der Straße mitten im Drängen und Stoßen der Vorübergehenden verspäteten. Für Madchen, die wie Nana noch unschuldig waren, brachte schon die Luft des Ateliers das Verderbende mit sich. Es war der Geruch der Tanzböden und der durchschwärmten Nächte, den die Arbeiterinnen in ihren schlecht aufgesteckten Haaren und zerdrückten Unterröcken, in denen sie geschlafen zu haben schienen, mit dahinbrachten. Diese eindämmernde Faulheit nach durchschwärmter Nacht, die matten Augen mit den dunklen Rändern, Frau Lerat nannte sie Faustschläge der Liebe, dieses Gähnen und Sichstrecken und dazu die heiseren Stimmen – das alles wehte wie ein Hauch des Verderbens über den Arbeitstisch in die zarte Gebrechlichkeit der künstlichen Blumen hinein. Nana sog diesen Duft ein und berauschte sich daran, wenn sie ein Mädchen zur Nachbarin bekam, das die erste Schlacht der Liebe schon geschlagen hatte. Lange Zeit hatte sie sich neben die große Lisa gesetzt, von der das Gerücht ging, daß sie schwanger sei, und sie betrachtete ihre Nachbarin so aufmerksam und mit so leuchtendem Blick, als ob sie sie vor ihren Augen anschwellen und zerplatzen sehen könnte. Etwas Neues zu finden, wäre schwer gewesen; dieser Nichtsnutz wußte alles. Alles hatte sie auf dem Pflaster der Rue de la Goutte d'Or gelernt. Nur daß sie im Atelier erfuhr, wie das gemacht wurde und nun die Lust in ihr erwachte, auch mitzutun.

»Man erstickt hier!« murmelte sie und näherte sich dabei einem Fenster, als ob sie die Jalousie noch mehr herunterlassen wollte.

Aber sie beugte sich hinaus und blickte wieder rechts und links die Straße hinab. In diesem Augenblick rief Leonie, die drüben auf der andern Seite einen Herrn beobachtete, der da stehengeblieben war:

»Was macht denn der Alte da? Der spioniert da schon eine volle Viertelstunde umher!«

»Irgendein verliebter Kater;« sagte Frau Lerat. »Nana, wirst du dich gleich setzen! Ich hab dir verboten, am Fenster zu bleiben!«

Nana ergriff wieder die Veilchenstengel, an denen sie rollte, und das ganze Atelier beschäftigte sich mit dem Herrn. Er war sehr gut gekleidet, trug einen Überrock und schien in den Fünfzigern; sein Gesicht war bleich, sehr ernst und sehr würdig, mit einem grauen Bart, der tadellos gestutzt war. Eine Stunde schon stand er vor dem Laden eines Kräutlers und blickte von Zeit zu Zeit nach den herabgelassenen Jalousien des Ateliers. Die Blumenmacherinnen kicherten untereinander, aber das unterdrückte Lachen wurde von den Geräuschen auf der Straße übertönt. Sie beugten sich alle sehr geschäftig über ihre Arbeiten, blickten aber immer wieder auf die Straße, um den Herrn nicht aus den Augen zu verlieren.

»Seht doch!« bemerkte Leonie, »er hat ein Lorgnon. Oh, das ist ein fescher Mann ... Er wartet sicher auf Augustine!« Aber Augustine, eine häßliche Blondine, antwortete spitz, daß sie die Alten nicht leiden könne. Frau Lerat schüttelte den Kopf und murmelte mit gekniffenem Lächeln, das voller Anzüglichkeiten war:

»Du hast unrecht, meine Liebe, die Alten sind die Zärtlichsten.«

In diesem Augenblick flüsterte eine Nachbarin Leonies dieser etwas ins Ohr, worüber diese wie unsinnig zu lachen anfing. Sie warf sich in ihren Stuhl zurück und schüttelte sich förmlich, dabei sah sie wiederholt zu dem Herrn hinüber und lachte noch stärker. Sie stotterte:

»O ja! So muß es sein! So muß es sein! ... Ach! diese Sophie, ist die ein Schwein!«

»Was hat sie gesagt? Was hat sie gesagt?« fragte das ganze Atelier, brennend vor Neugierde.

Leonie trocknete sich die Tränen aus den Augen, ohne zu antworten. Als sie sich wieder beruhigt hatte, klebte sie weiter an ihren Blättern und erklärte:

»Das kann man nicht wiederholen.«

Alle bestanden darauf, doch sie schüttelte mit dem Kopfe und fing wieder an zu lachen. Jetzt bat sie Augustine, ihre linke Nachbarin, es ihr doch ins Ohr zu sagen, ganz leise. Leonie wollte es ihr sagen, mußte aber ihre Lippen dicht an ihr Ohr legen. Jetzt wand sich auch Augustine vor Lachen und gab es weiter an ihre Nachbarin. So machte es den Weg durch das ganze Atelier und rief einen Sturm der Erheiterung und des Gelächters hervor. Als nun alle das Geheimnis Sophiens kannten, blickten sie sich alle gegenseitig an und lachten ein wenig rot und verlegen geworden. Nur Frau Lernt wußte es nicht, und darüber wurde sie ganz böse.

»Das ist eine sehr unhöfliche Art, meine Damen!« sagte sie. »Man sagt sich nichts in die Ohren, wenn man in Gesellschaft ist. Es ist gewiß etwas sehr Unanständiges, nicht wahr? Das ist ja nett!«

Trotz ihrer großen Neugierde wollte sie doch nicht danach fragen. Sie tat nun sehr würdig, senkte den Kopf und horchte auf die Unterhaltung, die die Arbeiterinnen untereinander führten; sie verlor kein Wort davon. Wenn eine irgend etwas sagte, und wäre es auch das Unschuldigste der Welt gewesen, eine Bemerkung über die Arbeit genügte, so hörten alle eine Zweideutigkeit heraus; jedem Wort legten sie einen andern Sinn unter, gaben ihm eine unanständige Bedeutung und suchten die außergewöhnlichsten Anspielungen in den einfachsten Sätzen, wie zum Beispiel: »Meine Zange ist zersprungen« oder »Wer hat in meinem Topf gerührt?« Alles bezogen sie auf den Herrn, der da unten Schildwache stand. Oh, wie mußten ihm die Ohren klingen! Sie sagten jetzt die dümmsten Sachen, weil sie durchaus geistreich sein wollten; doch sie fanden dieses Spiel reizend, es regte sie so auf, daß ihre Reden immer anzüglicher wurden. Frau Lernt hatte keinen Grund böse zu werden, häßliche Ausdrücke wurden nicht gewechselt. Sie erregte dann die größte Heiterkeit, als sie sagte:

»Fräulein Lisa, mein Feuer ist aus, borgen Sie mir doch das Ihrige!«

»Ach! Frau Lerats Feuer ist erloschen!« hallte es durch das ganze Atelier.

Sie wollte nun eine Erklärung machen:

»Wenn sie erst alle so alt sind wie ich, meine Fräuleins! ...«

Aber man horchte nicht auf sie, sie schrien immerzu, man solle den Herrn von da drüben holen, damit er Frau Lerats Feuer wieder anzünde.

Nana lachte fast am stärksten bei all diesen Scherzen. Kein zweideutiges Wort entging ihr, sie gab auch welche zum besten, die sie mit Gesten betonte. Sie schwamm wie ein Fisch im Wasser in all dem Laster. Trotzdem drehte sie ihre Veilchenstengel ganz nett und sie beugte sich dabei auf die Rücklehne des Stuhles vor Lachen. Sie war von einer verblüffenden Geschicklichkeit, sie machte das in kaum so viel Zeit, die man braucht, um eine Zigarette zu drehen. Nur eine Bewegung war es, den grünen Papierstreifen ergreifen, ihn um den Draht wickeln, und die Sache war schon fertig; obenauf noch einen kleinen Tropfen Gummi zum Kleben; alles kam aus ihren Händen wie ein grüner Zweig, den man hätte an eine Damentoilette stecken können. Die Geschicklichkeit lag in ihren Fingern, die so schlank und zart waren, so weich und wollüstig gepolstert, fast schienen sie keine Knochen zu haben. Nur das lernte sie in ihrem Beruf; man ließ sie alle Stengel machen, die im Atelier vorkamen, so gut konnte sie das.

Endlich war der Herr von drüben weggegangen. Nun beruhigten sich alle wieder und sie arbeiteten in der großen Hitze weiter.

Als die Mittagsstunde schlug, gerieten sie in Bewegung. Nana hatte sich schnell dem Fenster genähert, sie rief den Mädchen zu, daß sie jetzt die Besorgungen machen wolle. Leonie bestellte für zwei Sous Krabben, Augustine eine Düte Bratkartoffeln, Lisa ein Bündel Radieschen und Sophie eine Wurst. Frau Lerat hatte Nanas Vorliebe für das Fenster bemerkt und sonderbar gefunden, sie holte sie mit ihren langen Beinen ein und sagte:

»Warte doch, ich gehe mit dir, ich brauche auch etwas.«

Als sie in der Allee ankamen, sah sie denselben Herrn wie eine Wachskerze aufgepflanzt stehen; er hielt seine Augen auf Nana gerichtet. Und Nana wurde sehr rot. Ihre Tante nahm sie fest beim Arm und ließ sie auf dem Pflaster traben, während der Kavalier seine Schritte den ihrigen anpaßte. Ah, so! Dieser Kater kam also Nanas wegen! Nun, das war ja recht nett, schon mit fünfzehn Jahren die Herren nach sich ziehen! Nun wurde sie aber sehr lebhaft ausgefragt. Aber, mein Gott! Nana wußte von nichts. Sie konnte nicht mehr die Nase vor die Türe strecken, ohne ihn zu treffen; sie glaube, er wäre Kaufmann oder Knopffabrikant. Frau Lerat war sehr aufgeregt. Sie sah sich um und musterte den Herrn mit verstohlenen Blicken:

»Man sieht ihm an, daß er Geld hat,« sagte sie. »Höre, mein Kätzchen, du mußt mir alles sagen. Du hast jetzt nichts mehr zu fürchten.«

So gingen sie plaudernd von Geschäft zu Geschäft, vom Wursthändler zum Krämer und zu dem Mann mit den Bratkartoffeln. Und die Pakete in fettigem Papier häuften sich in ihren Händen. Sie blieben liebenswürdig, zierten sich, lachten zusammen und ihre Blicke leuchteten. Frau Lerat kokettierte, spielte selbst das junge Mädchen, wegen des Knopffabrikanten, der ihnen immerzu folgte.

»Er macht einen ganz vornehmen Eindruck!« erklärte sie, »wenn er nur ehrenhafte Absichten hat ...«

Als sie die Treppe hinaufgingen, schien sie sich plötzlich an etwas zu erinnern.

»Ja, sage doch einmal! Was war denn das, was sich die Mädchen vorhin ins Ohr flüsterten, du erinnerst dich doch? Diese Unanständigkeit von Sophie.«

Nana machte keine Umstände. Nur daß sie Frau Lerat um den Nacken nahm und sie zwang, zwei Stufen zurückzugehen, weil man das nicht laut wiederholen könne. Nun sagte sie es ihr. Die Tante begnügte sich damit, mit dem Kopfe zu nicken, sie riß dabei die Augen auf und kräuselte den Mund. Jetzt wußte sie es, es belästigte sie nicht mehr.

Die Blumenmacherinnen frühstückten auf ihrem Schoß, damit der Arbeitstisch nicht schmutzig werde. Sie aßen eilig, das Essen langweilte sie, sie zogen es vor, die freie Zeit damit zu verbringen, den Leuten auf der Straße nachzugaffen oder in den Ecken zu stehen und zu schwatzen. An diesem Tage wollten alle wissen, wo der Herr vom Vormittag geblieben war; denn er war verschwunden. Frau Lerat und Nana schauten sich nur verständnisvoll an. Es war schon ein Uhr vorüber, und noch immer machten die Arbeiterinnen keine Miene, wieder an die Arbeit zu gehen, als Leonie ein deutliches Geräusch mit den Lippen vollführte, das etwa klang wie: Prrzut! – es war das Signal, das sich die Malergehilfen gaben, wenn Gefahr im Anzug war, soviel wie »der Meister kommt«. Sogleich saßen alle auf ihren Stühlen und hatten die Nasen auf der Arbeit. Frau Titreville war eingetreten und machte mit strengem Gesicht die Runde.

Von diesem Tage an erfrischte sich Frau Lerat an der ersten Liebesgeschichte ihrer Nichte. Sie ließ sie nicht mehr aus, gab vor, sie hätte die Verantwortung, und begleitete sie vom Morgen bis zum Abend. Das war Nana schon langweilig, aber es schmeichelte ihr auch wieder, daß sie wie ein Schatz bewacht wurde. Die Unterhaltungen, die sie auf den Straßen mit dem Knopffabrikanten immer hinter sich hatten, erhitzten sie und machten ihr Lust, den Sprung zu wagen. Oh, die Tante kannte das Gefühl; dieser Knopffabrikant, der schon bei Jahren und sehr anständig war, rührte sie sehr, denn Gefühle bei reifen Menschen sind inniger und gehen mehr in die Tiefe wie bei Jungen. Aber sie wachte, nur über sie hinweg ging der Weg zu dieser Kleinen. Eines Abends ging sie auf ihn zu und erklärte ihm, daß das, was er tue, nicht recht wäre. Er grüßte sie artig, ohne zu antworten, er war ein alter Routinier, an elterliche Ermahnungen schon gewöhnt. Sie konnte ihm gar nicht böse werden, weil er zu höflich war. Durch all ihre Unterhaltungen und Reden und Geschichten über Dirnen, denen es später leid tat, soviel durchgemacht zu haben, machte sie Nana nur noch neugieriger und ihre Augen sahen ruchlos aus in ihrem weißen Gesicht.

Eines Tages in der Rue du Faubourg-Poissonnière steckte der Knopffabrikant plötzlich seinen Kopf zwischen die Tante und die Nichte und sagte ganz unerhörte Dinge. Frau Lerat war darüber so erschreckt, daß sie meinte, nicht mehr Schutz genug zu sein, und erzählte alles ihrem Bruder. Dort wurde die Sache anders aufgefaßt, es richtete eine heillose Verwirrung an. Zuerst bekam Nana eine ordentliche Tracht Prügel. Was mußte er da erfahren! Diese Krabbe ließ sich mit alten Herren ein! Das war ja schön! Sie solle sich nur einmal von ihm abfassen lassen, da könne sie sich auf ein Kopfzurechtsetzen gefaßt machen! Hat man jemals so etwas erlebt? Eine solche Rotznase wollte ihre Familie entehren? Er schüttelte sie und sagte, sie müsse auf dem rechten Wege bleiben, denn er würde in Zukunft über sie wachen. Sobald sie nach Hause kam, wurde, sie examiniert; er schaute ihr in die Augen, auf die Stirne und suchte nach Spuren von Küssen, die alte Wollüstlinge besonders da zu rauben pflegen. Er besah sie von allen Seiten und beroch sie, ob sie keinen Fehltritt begangen habe. Eines Abends fand er auf ihrem Nacken einen dunkeln Fleck, er machte ihr deshalb eine heftige Szene. Die Dirne wagte zu sagen, es wäre kein Kußmal, sondern Leonie hätte ihr das aus Scherz gemacht. Er wolle sie lehren, sich blaue Flecken machen zu lassen, und wenn er ihr die Pfoten zerbrechen müsse. Ein andermal, wenn er bei guter Laune war, neckte und hänselte er sie. Wahrhaftig! sie war ein schönes Stück für die Mannsbilder, platt wie eine Scholle und mit Salzfässern an den Schultern, so groß, daß man die Fauste hineinlegen konnte. Nana war für Dinge geschlagen worden, die sie nicht begangen hatte, heruntergerissen durch rohe Beschuldigung ihres Vaters, deshalb zeigte sie die Unterwürfigkeit einer von Treibern umstellten Bestie.

»Laß sie doch in Ruhe!« sagte Gervaise oft, die viel vernünftiger war. »Du wirst ihr nur die Lust zu alledem wecken, wenn du immer davon sprichst!«

Oh ja! So kam es auch, die Lust fing an, ihren ganzen Körper zu beherrschen, sich zu beeilen und da hineinzugehen, wie Vater Coupeau sagte. Er prägte ihr diese Gedanken förmlich ein, das anständigste Mädchen hätte Feuer fangen müssen. Gerade durch die Art, wie er sie abkanzelte, lehrte er sie Dinge, die sie bis dahin noch nicht gewußt hatte, was doch sehr erstaunlich war. So nahm sie denn nach und nach ganz sonderbare Manieren an. Eines Morgens sah er, daß sie an einem Papier herumwühlte und sich etwas ins Gesicht schmierte. Es war Reispuder, mit dem sie sich ihren Teint verdarb, um nur die herrschende Mode mitzumachen. Er wischte sie nun mit dem Papier so heftig ab, daß er ihr die Backen fast blutig schabte, und nannte sie eine Müllerstochter. Ein anderes Mal brachte sie rote Bänder nach Hause, um ihre alte Mütze, deren sie sich so schämte, wieder aufzufrischen. Er fragte wütend, woher sie kämen. Ob sie sich dieselben vielleicht verdient habe? Oder hatte sie sie vielleicht gar gestohlen, als niemand im Laden war? Hure oder Diebin? Vielleicht beides! Verschiedentlich sah er hübsche Sachen in ihren Händen, einen Karneolring, ein paar Ärmel mit kleinen Spitzen, ein Herz aus Double, das sich die Mädchen zwischen die Busen hängen. Coupeau wollte ihr alles fortnehmen, aber sie verteidigte ihr Eigentum mit wahrer Wut: das gehörte ihr, sie hatte es eingetauscht im Atelier oder bekam es von den Damen geschenkt. Das Herz zum Beispiel hatte sie in der Rue d'Aboukir gefunden. Als ihr Vater aber trotz allem das Herz unter seinem Fuße zertrat, blieb sie bleich und gerade stehen, obschon der innere Zorn sie hinriß, sich auf ihn zu stürzen, um ihm etwas herunterzureißen. Seit zwei Jahren war es ihr Traum, ein solches Herz zu besitzen, und jetzt war es zertreten? Nein, das war zuviel, das mußte ein Ende nehmen!

In Coupeaus Art und Weise, Nana zu behandeln, war mehr Quälerei als Ehrlichkeit. Oft war er im Unrecht, und das brachte die Kleine ganz außer sich. Sie fing an, das Atelier zu schwänzen; wenn Coupeau sie dafür prügelte, so schüttelte sie das jetzt einfach ab; sie sagte, sie wolle nicht mehr zu Frau Titreville zurückkehren, weil Augustine neben ihr so sehr aus dem Munde roch, als wenn sie ihre Füße gegessen hätte. Der Zinkarbeiter brachte sie nun selbst nach der Rue du Caire und bat dort die Prinzipalin, Nana gerade zur Strafe neben Augustine zu setzen. Vierzehn Tage lang nahm er sich die Zeit, Nana von der Barrière Poissonnière bis zur Türe des Ateliers zu begleiten. Dann blieb er noch fünf Minuten lang auf der Straße stehen und wartete, ob sie auch nicht wieder herauskäme. Aber eines Morgens, als er einen Kameraden getroffen hatte und mit diesem in eine Kneipe in der Rue Saint-Denis gegangen war, sah er Nana zehn Minuten später, einen Korb am Arme schlenkernd, rasch die Straße hinaufgehen. Seit vierzehn Tagen hinterging sie ihn; sie stieg bis zur zweiten Etage in die Höhe und setzte sich dort auf den Treppenabsatz, bis sie annahm, daß er fort wäre. Coupeau wollte die Schuld auf Frau Lerat schieben, doch diese verteidigte sich und sagte ihm offen, sie hätte ihrer Nichte alles vorgehalten, was ihr im Umgang mit den Männern passieren würde, es wäre nicht ihre Schuld, wenn nach alldem das Mädchen noch Gefallen an den Schweinehunden hätte; sie wasche ihre Hände in Unschuld und schwur, daß sie sich um nichts mehr kümmern würde; sie habe nun endlich genug von dem Klatsch in der Familie, ja, von Personen, die es wagen sie anzuklagen, als hatte sie eine Freude daran, wenn Nana sich verliert. Übrigens erfuhr Coupeau von der Besitzerin, daß Nana durch eine Arbeiterin verführt worden wäre, durch dieses Kamel, die kleine Leonie, die das Blumenmachen aufgegeben habe, um einen liederlichen Lebenswandel zu führen. Ohne Zweifel hätte man das Kind, das sich nur gern auf der Straße herumgetrieben hätte, noch gut mit einem Orangenblütenkranz verheiraten können. Aber, zum Teufel, man müßte sich sehr damit beeilen, sie einem Manne zu übergeben, ohne daß etwas kaputt ist, sauber und in gutem Zustande, wie ein junges Mädchen sein soll, das sich achtet.

In der Rue de la Goutte d'Or sprach man nur noch von Nanas Altem wie von jemand, den alle kennen. Er blieb aber noch immer bescheiden, ja selbst furchtsam, aber eigensinnig und geduldig; er folgte ihr immer auf zehn Schritt Entfernung mit der Miene eines gehorsamen Dieners. Manches Mal kam er bis in den Hof. Frau Gaudron traf ihn eines Abends auf dem Treppenflur im zweiten Stock, er ging mit gesenktem Kopf und furchtsamen Schrittes am Geländer hin. Lorilleux' drohten zu kündigen, wenn ihre Nichte, dieser Schmutzfink, soviel Männer nach sich zöge. Das würde ja nachgerade ekelhaft, die ganze Treppe war voll, auf allen Stufen schnüffelten welche herum und warteten, man konnte nicht mehr hinuntergehen; man könnte glauben, ein läufiges Tier Hause in diesem Winkel. Boches bedauerten den alten Herrn, ein so anständiger Mann, der sich in eine solche Dirne verliebt habe. Es war ein Kaufmann, sie kannten seine Knopffabrik am Boulevard de la Vilette; der hätte doch sein Glück machen können, wenn er auf ein anständiges Mädchen gefallen wäre. Diese von Boches gegebenen Einzelheiten machten den Alten im ganzen Viertel, auch den Lorilleux', sympathisch, wenn er Nanas Spuren folgte, mit hängender Unterlippe im bleichen, von grauem Bart umrahmten Gesicht.

Im ersten Monat machte Nana der Alte viel Spaß. Man mußte sehen, wie er immer um sie herumschwänzelte. Er berührte auf der Straße ihr Kleid, ohne es sich anmerken zu lassen. Und seine Beine! Die reinsten Stöcke, wahre Streichhölzer! Auf seinem kahlen Schädel wuchs kein Flaum mehr; die vier Haare, die ihm noch im Nacken wuchsen und glatt angebürstet waren, versetzten einen in Versuchung, nach der Adresse seines Perückenmachers zu fragen, der ihm den Scheitel macht. Ach, so ein alter Stiesel, das war doch kein freudiger Anblick!

Als sie ihn immer und immer auf ihrem Wege traf, kam er ihr nicht mehr so merkwürdig vor. Doch hatte sie immer eine unbestimmte Angst vor ihm, sie hätte geschrien, wenn er sich ihr genähert hätte. Oft, wenn sie vor einem Juwelierladen stehenblieb, hörte sie ihn auf sie einreden. Es war ganz richtig, was er sagte, sie hätte gern so ein Kreuz am Samtband getragen oder ein paar Korallenohrringe sich eingehängt, solche, die wie kleine Blutstropfen aussahen. Ja, wenn sie auch auf Schmucksachen verzichtete, so konnte sie doch nicht länger in ihren Lumpen herumlaufen, sie war es müde, sich so notdürftig zurechtzuflicken mit dem, was sie im Atelier der Rue du Caire ergatterte; ihr alter Hut verursachte ihr ganz besondern Widerwillen. Diese Schute, auf der die neuen Blumen, die sie bei Titreville auf die Seite gebracht hatte, sich ausnahmen, als hätte man einen Bettler mit Schellen behängt. Trabte sie so im Straßenschmutz dahin und wurde von den rollenden Wagen mit Kot bespritzt, stand sie geblendet vor den Schaufenstern, so bekam sie Gelüste, die sie peinigten, als zöge sich ihr Magen schmerzhaft zusammen; dann wollte sie gut gekleidet gehen, in seinen Restaurants essen und spürte vom Pariser Pflaster eine Wärme aufsteigen, die in die Beine ging. Da hatte sie eine wilde Lust, sich hineinzustürzen in all den Genuß, den sie an sich vorbeijagen sah. In diesen Augenblicken fehlte auch nie der Alte mit seinen verlockenden Reden. Oh, wie gern hätte sie ja gesagt, wenn sie nicht diese Angst vor ihm gehabt hätte, wenn sich in ihrem Innern nicht etwas gerührt hätte, das sie wie taub machte und sie bestärkte im Verweigern; das Unbekannte in der Natur des Mannes ekelte sie an trotz ihrer Laster.

Als aber der Winter kam, wurde das Leben bei den Coupeaus unerträglich. Jeden Abend bekam Nana Schläge. War der Vater müde vom Schlagen, nörgelte die Mutter an ihr herum, um ihr ein gutes Betragen beizubringen. Oft gerieten alle durcheinander, wenn einer losschlug und der andere sie wieder verteidigte, so daß sich oft alle drei mit den Scherben des zerschlagenen Geschirrs am Boden wälzten. Bei alledem war die Nahrung so knapp und man klapperte vor Kälte. Kaufte sich die Kleine irgend etwas Nettes, eine Schleife oder ein paar Manschettenknöpfe, so nahmen es ihr die Alten fort und verputzten es. Nichts konnte sie mehr ihr Eigen nennen als ihre Tracht Prügel, die sie stets bekam, ehe sie sich auf den Lumpen, die noch ihr Bett bildeten, niederlegte und auf dem sie sich zitternd vor Kälte nur mit ihrem dünnen schwarzen Unterrock zudeckte, der ihre einzige Decke war. Nein, dieses verdammte Leben konnte so nicht weitergehen, so wollte sie nicht krepieren. Ihr Vater kam schon lange nicht mehr für sie in Betracht; wenn sich ein Vater immerfort betrinkt, wie er es tat, so ist das kein Vater mehr, sondern ein schmutziges Tier, das man los sein möchte. Auch ihre Mutter verlor in ihren Augen. Sie trank jetzt auch. Sie war auf den Geschmack gekommen, ihren Mann beim Vater Colombe aufzusuchen und sich dort Schnapse anbieten zu lassen. Sie setzte sich dort an den Tisch, als ob das so sein müßte, ohne Entrüstung, wie das erstemal. Sie goß ihre Gläser auf einen Zug hinunter und lümmelte mit aufgestützten Ellenbogen stundenlang herum, um schließlich in einem Zustande fortzugehen, daß ihr die Augen aus dem Kopfe zu fallen schienen. Wenn Nana beim Totschläger vorüberkam und dort ihre Mutter sah, die stumpfsinnig, die Nase im Schnapsglas, zwischen den brüllenden Männern saß, erfaßte sie eine unsinnige Wut, weil Jugend, deren Sinn nach andern leckern Dingen steht, die Leidenschaft für den Trunk nicht begreifen kann. An solchen Abenden bot sich ihr ein schönes Bild dar; der betrunkene Vater, die benebelte Mutter, eine gottverlassene Bude, in der kein Brot mehr war und die vom Dunst des Branntweins vergiftet schien. Selbst eine Heilige hätte es da nicht ausgehalten. Kein Wunder, wenn sie eines schönen Tages ausriß; ihre Eltern konnten dann schon an ihre Brust schlagen und mea culpa sagen, denn sie hätten sie selbst hinausgejagt.

An einem Samstag fand Nana beim Nachhausekommen Vater und Mutter in einem abscheulichen Zustande. Coupeau lag quer übers Bett gefallen und schnarchte. Gervaise war auf einen Stuhl gesunken, ihr Kopf hing schlaff nach hinten und ihre Augen starrten ins Leere. Sie hatte vergessen, das Essen warm zu halten. Eine Talgkerze, die nicht geschneuzt war, beleuchtete das schmachvolle Elend der Behausung.

»Bist du's, du Raupe?« lallte Gervaise. »Dein Vater wird dich schön anködern!«

Nana antwortete nicht, sie blieb blaß, betrachtete den kalten Ofen, den Tisch ohne Teller und das düstere Gemach, und der tierische Stumpfsinn dieser beiden Trunkenbolde erfüllte sie mit Schrecken. Sie nahm den Hut nicht ab, machte einen Rundgang durchs Zimmer, dann biß sie die Zähne zusammen, öffnete die Tür und ging.

»Du gehst fort?« fragte die Mutter, ohne den Kopf wenden zu können.

»Ja, ich hab etwas vergessen. Ich komm' wieder ... guten Abend.«

Und sie kam nicht wieder. Am andern Morgen, als Coupeaus nüchtern waren, schlugen sie sich und gaben einander Schuld an Nanas Flucht. Oh, die war weit, wenn sie immerzu gelaufen war; jetzt konnten sie versuchen, ihr nachzurennen und Salz auf den Hintern zu streuen, vielleicht würde sie dann wiederkommen. Das war ein harter Schlag, der Gervaise noch mehr niederdrückte, denn sie fühlte sehr gut – trotzdem ihr Verstand schon ziemlich vertrunken war –, daß der Fall ihrer Tochter, die jetzt vom Zufall umhergestoßen wurde, sie selbst noch tiefer zog. Jetzt war sie allein, hatte kein Kind mehr, das sie zurückgehalten hätte, jetzt konnte sie sich ganz gehen lassen und verkommen. Ja, dieses entartete Kind nahm ihnen den letzten Rest von Ehre, der ihnen noch geblieben war, an seinen schmutzigen Röcken mit ... Sie betrank sich drei Tage lang, wütend, die Fauste geballt, und schimpfte mit geschwollenem Mund über ihre Hure von Tochter. Nachdem Coupeau sich auf allen äußeren Boulevards herumgetrieben und jedem Frauenzimmer unter die Nase geschaut hatte, rauchte er von neuem wieder seine Pfeife, zufrieden wie Baptiste; nur bei Tische hieb er manchmal mit dem Messer in der Faust in die Luft und schrie, daß er entehrt sei; daraufhin setzte er sich wieder ruhig hin und aß seine Suppe zu Ende.

Im Haus, wo jeden Monat Mädchen auf- und davongingen wie Zeisige, denen man den Käfig offen gelassen hat, war niemand erstaunt über das Mißgeschick der Coupeaus. Aber die Lorilleux' triumphierten. Sie hatten es immer prophezeit, daß die Kleine ihnen einmal Kummer machen würde. Das verdienten sie, alle Blumenmacherinnen endeten schlecht. Auch die Boches und Poissons lästerten und machten ungemein viel Aufhebens von ihrer eigenen Tugendhaftigkeit. Nur Lautier verteidigte Nana heimlich. Ach Gott, ja, erklärte er mit scheinheiliger Miene, ein junges Mädchen, das auf und davon geht, verletzt alle Gesetze, das ist schon richtig; aber, meinte er, und seine Augen blitzten, Teufel, das Mädel war auch zu hübsch, um so im Elend zu verkommen in ihrem Alter.

»Wißt ihr noch nichts?« rief eines Tages Frau Lorilleux in den Verschlag der Boches, wo die Klatschbasen ihren Kaffee tranken. »Na! so wahr die Sonne scheint, das Hinkebein hat ihre Tochter verkauft ... Ja, sie hat sie verkauft, ich habe die Beweise! ... Der Alte, den man morgens und abends auf den Treppen traf, ging damals schon hin und gab Abschlagzahlungen. Das sprang in die Augen! Und gestern also hat sie jemand zusammen im Ambigu-Theater gesehen, den Hurenfratz und ihren Kater ... Mein Ehrenwort! Sie sind zusammen, seht ihr!«

Man schlürfte den Kaffee und besprach die Neuigkeit. Schließlich, es war ja möglich, es kamen noch schlimmere Sachen vor. Und im Quartier sagten bald die wohlwollendsten Leute, daß Gervaise ihre Tochter verkauft hätte.

Gervaise schleppte jetzt ihr Leben so hin und kümmerte sich nicht um die Meinung der Welt. Hatte man sie auf der Straße Diebin geschimpft, sie würde sich nicht einmal umgedreht haben. Seit einem Monat arbeitete sie nicht mehr bei Frau Fauconnier, die sie hatte hinauswerfen müssen, um Streit zu vermeiden. In wenigen Wochen war sie bei acht Büglerinnen eingetreten; sie arbeite zwei oder drei Tage bei jeder, dann bekam sie ihren Abschied, weil sie die Arbeit versaute; sorglos und unsauber, wie sie jetzt war, verlor sie ganz den Kopf und verlernte sogar ihren Beruf. Als sie einsah, was für eine Schlampe sie geworden war, gab sie das Bügeln auf und wusch für Tagelohn in der Waschanstalt der Rue Neuve; herumpantschend, sich mit dem Schmutz herumschlagend, stieg sie hinab zu dem, was dieses Handwerk Rohes, wenn auch wenig Schwieriges hatte, das ging noch, aber es brachte sie doch wieder eine Stufe näher der abschüssigen Bahn des Verderbens. Die Arbeit im Waschhaus verschönte die Menschen auch nicht. Dabei wurde sie immer fetter, trotz der vielen unfreiwilligen Fasttage, und ihr Bein wurde immer kürzer, so daß sie nicht nahe neben jemandem gehen konnte, ohne ihn umzuwerfen, so stark hinkte sie jetzt.

Natürlich, wenn man derartig herunterkommt, verschwindet der ganze Stolz der Frau. Gervaise hatte auf ihre früheren Ansprüche ganz verzichtet; ihr Wunsch zu gefallen, ihr Bedürfnis für bessere Empfindungen, ihr Streben nach Achtung und Rücksichtnahme war ihr abhandengekommen. Man hätte ihr jetzt Fußtritte geben können, vorn und hinten, sie würde es nicht gefühlt haben, derartig stumpf und abgetrieben war sie geworden. Sogar Lantier hatte sie aufgegeben; nicht einmal der Form halber faßte er sie um die Taille; sie schien gar nichts zu merken von dem Ende dieser langen Liebschaft, die in stummer Erschlaffung ihr Ende fand. Für sie war das eine Last weniger. Selbst die Beziehungen Lantiers zu Virginie ließen sie vollkommen ruhig, so groß war ihre Gleichgültigkeit gegen all diese Dummheiten geworden, um derentwillen sie früher so oft in Wut geraten konnte. Es gab jetzt niemand mehr, der diese Sache nicht gewußt hatte – der Hutmacher und die Konfitürenhändlerin führten einen sauberen Haushalt. Es war wirklich sehr bequem für sie; der gehörnte Poisson hatte jeden zweiten Tag Nachtdienst, wo er klappernd vor Kälte auf der Straße ging, während seine Frau und der Nachbar sich in seinem Bett die Füße wärmten. Oh, sie brauchten sich nicht zu beeilen, sie hörten noch lange die Fußtritte auf dem Pflaster längs dem Laden, wenn er die dunkle leere Straße hinabging, ohne daß sie deshalb auch nur die Nasenspitze unter der Decke hervorgesteckt hätten. Ein Schutzmann kennt nur seine Pflicht, nicht wahr? Und so blieben sie bis Tagesanbruch beisammen und schädigten sein Eigentum, während dieser ernste Mann über das Eigentum der andern wachte. Das ganze Quartier der Rue de la Goutte d'Or lachte über diesen guten Witz. Man fand diese Hahnreischaft eines Beamten zu lustig. Übrigens hatte Lantier diesen Winkel erobert. Der Laden und die Besitzerin gehörten zusammen. Erst hatte er eine Büglerin armgefressen, jetzt knabberte er an der Konfitürenhändlerin. In Gedanken gab er ihr schon eine Reihe von Nachfolgerinnen. Eine Krämerin, eine Modistin, eine Papierhändlerin – seine Kinnbacken waren kräftig genug, sie alle zu verschlingen.

Nein, niemals hat man einen Mann sich so in Zucker wälzen sehen. Lantier hatte die Karre sehr geschickt geschoben, als er damals Virginie zu einem Handel mit Konfitüren riet. Er war zu sehr Provenzale, um nicht für Süßigkeiten zu schwärmen, das heißt er hatte ganz gut von Pastillen, Gummibonbons, Zuckerwerk und Schokolade leben können. Besonders verzuckerte Mandeln liebte er über alles, sie machten ihm das Wasser im Munde zusammenlaufen, wenn er nur daran dachte. Seit einem Jahre lebte er nur mehr von Bonbons. Er zog die Schubfächer auf und nahm Hände voll heraus, wenn Virginie ihn bat, den Laden zu hüten. Waren Leute da, so nahm er den Deckel von einem der Pokale am Ladentisch, versenkte die Hand hinein und fing an zu essen; der Pokal blieb offen und war bald leer. Man beachtete es nicht mehr, es sei eine Manie, sagte er. Dann erfand er eine immerwährende Erkältung, eine Entzündung des Kehlkopfes, welche er durch Süßigkeiten mildern müsse. Arbeiten kannte er gar nicht, aber er hatte großartige Geschäfte in Aussicht; er brütete über einer ganz famosen Erfindung – einem Regenschirmhut; das war ein Hut, der sich beim ersten Regentropfen in einen Schirm verwandelte. Von dieser Erfindung versprach er Poisson die Hälfte des Nutzens und borgte sich bis dahin zwanzig Francsstücke zur Herstellung der Modelle. Inzwischen zerrann der Laden auf seiner Zunge, alle Süßigkeiten gingen diesen Weg, bis zu den Schokoladezigarren und Pfeifen aus rotem Zucker.

Wenn er vor Zucker platzte und ihn eine zärtliche Regung überkam, hielt er sich an die Ladenbesitzerin, die ihn dann so süß fand wie ein Praline. So ein Mann war schön zum Umarmen! Er wurde wirklich wie Honig. Die Boches sagten, daß es ihnen genüge, wenn Lantier seinen Finger in ihren Kaffee steckte, um ihn süß wie Sirup zu machen.

Das unaufhaltsame Verderben von Gervaise betrübte Lantier, er zeigte sich ganz väterlich zu ihr. Er gab ihr Ratschläge und schalt sie, daß sie die Arbeit nicht mehr liebte. Zum Teufel! Eine Frau in ihrem Alter müßte doch noch wissen, wie sie sich zu verhalten hat. Er beschuldigte sie, immer naschhaft gewesen zu sein. Aber weil man auch Leuten helfen soll, wenn sie es auch nicht verdienen, so war er bedacht, kleine Arbeiten für sie zu finden. So hatte er Virginie bestimmt, einmal wöchentlich Gervaise kommen zu lassen, damit sie den Laden und die Zimmer aufwüsche. Das war jetzt ihr Element, Wasser, Lauge und Seife. Sie verdiente damit jedesmal dreißig Sous. Gervaise kam am Samstag früh mit einem Eimer und ihrer Bürste, und es schien ihr nicht besonders peinlich zu sein, ein so schmutziges, niedriges Geschäft zu besorgen, da, wo sie früher als schöne blonde Ladenbesitzerin gethront hatte. Diese letzte Erniedrigung gab ihrem Stolz den Rest.

Eines Samstags hatte sie viel auszustehen. Es hatte drei Tage geregnet und die Kunden schienen den Straßenschmutz des ganzen Quartiers an ihren Schuhen mit in den Laden gebracht zu haben. Virginie saß an der Kasse und spielte die Dame; sie war sorgfältig frisiert, trug einen kleinen Stehkragen und Spitzenärmel. Neben ihr auf einer kleinen Plüschbank räkelte sich Lantier und schien sich ganz zu Hause zu fühlen, als ob er hier Herr und Gebieter wäre. Er langte sich Pfefferminzpastillen aus einem Pokal und lutschte sie, wie er sonst Zucker lutschte.

»Hört mal, Frau Coupeau!« rief Virginie, die der Arbeit der Reinmachefrau mit gekniffenen Lippen folgte, »Ihr laßt ja allen Dreck da in der Ecke. Bürstet mir das doch etwas besser!«

Gervaise gehorchte. Sie ging noch einmal in die Ecke und fing aufs neue zu scheuern an. Sie kniete auf der Erde inmitten schmutzigsten Wassers, die Schultern hochgezogen vor Schmerz und mit steifen, blauen Armen. Ihr alter, ganz durchnäßter Unterrock klebte ihr an den Schenkeln. Ihre Haare waren zerzaust und durch die Löcher ihrer Jacke sah man Wülste ihres weichen Fleisches, das unter den heftigen Bewegungen des Scheuerns erzitterte. Sie schwitzte so stark, daß dicke große Tropfen von ihrem Gesicht auf den Boden tropften.

»Je mehr Schweißtropfen drauf fallen, desto glänzender wird er werden«, sagte Lantier nachdenklich, den Mund voll Pastillen.

Virginie lehnte sich mit der Würde einer Fürstin zurück und beobachtete das Aufwaschen.

»Noch etwas mehr rechts. Jetzt, geben Sie auf die Holzverkleidung acht ... Wissen Sie, vorigen Samstag war ich nicht zufrieden. Die Flecken sind geblieben.«

Alle beide, der Hutmacher und die Konfitürenhändlerin, machten es sich noch bequemer, während Gervaise sich im Schmutze zu ihren Füßen abquälte. Das schien Virginie zu gefallen, denn in ihren Katzenaugen leuchteten gelbe Lichter auf und sie blickte mit halbem Lächeln nach Lantier. Endlich war sie gerächt für die Prügel im Waschhause, die ihr immer noch auf der Seele gebrannt hatten.

Als Gervaise zu schruppen aufgehört hatte, drang das leichte Geräusch einer kleinen Säge aus dem Hinterzimmer. Durch die offene Tür sah man das Profil Poissons, das sich vom bleichen Tageslicht im Hofe scharf abhob. Er hatte heute Urlaub und verbrachte seine Freistunden, indem er kleine Kasten sägte, was seine Leidenschaft war. Er saß an einem Tisch und sägte mit großer Sorgfalt Arabesken in den Holzdeckel einer Zigarrenkiste.

»Hör mal, Badinguet!« rief Lantier, der ihm aus Freundschaft wieder diesen Spitznamen gab, »ich behalte deinen Kasten, will einer jungen Dame damit ein Geschenk machen!«

Virginie kniff ihn, aber der Hutmacher vergalt galanterweise Böses mit Gutem, und ohne daß er dabei zu lächeln aufgehört hätte, machte er die »Maus« auf ihrem Schenkel hinter dem Ladentisch; er zog seine Hand gerade noch rechtzeitig und mit einer ganz natürlichen Bewegung zurück, als der Ehemann mit seinem roten Schnurr- und Knebelbart, der sich in seinem grauen Gesicht emporsträubte, eintrat.

»Gerade«, sagte der Schutzmann, »habe ich da etwas für Sie. Das ist ein freundschaftliches Andenken.«

»Nun, zum Teufel, dann werde ich Ihre kleine Maschine behalten. Wissen Sie was, ich werde mir das mit einem Bändchen um den Hals hängen.«

Dann plötzlich, als hatte dieser Gedanke einen andern geweckt:

»Übrigens! Ich bin Nana gestern abend begegnet!«

Bei dieser Nachricht richtete sich Gervaise plötzlich auf. Sie blieb schwitzend, mit der Bürste in der Hand und regungslos stehen.

»Ah!« sagte sie nur.

»Ja, ich ging gerade die Rue des Martyrs hinab, da sah ich eine Kleine, die am Arm eines Alten herumschwänzelte, und ich sagte mir: sieh mal, ein Hinterteil, das ich kenne ... ich ging schneller und fand mich mit der kleinen verflixten Nana bald Nase bei Nase ... Geht! Ihr braucht kein Mitleid mit ihr zu haben, sie ist sehr glücklich, hat ein hübsches Leinenkleidchen an, ein goldenes Kreuz um den Hals und sieht verdammt hübsch darin aus!«

»Ah!« wiederholte Gervaise mit dumpfer Stimme. Lantier hatte die Pastillen ausgefressen und nahm aus einem andern Pokal Orangenzucker.

»Und durchtrieben ist dieses Kind! Denkt euch, sie machte mir ein Zeichen, ihr zu folgen, und wie geschickt! Dann hat sie den Alten irgendwo in einem Café versetzt ... Versetzt! Den Alten! ... Dann kam sie und wir sprachen in einer Haustür miteinander. Sie ist wie ein Eichkatzchen, reizend – und wie sie sich trug, schmeicheln tat sie wie ein kleines Hündchen! Ja! Sie hat mich sogar geküßt, sie hat wissen wollen, wie es allen geht ... schließlich, ich bin sehr zufrieden, daß ich sie getroffen habe.«

»Ah!« sagte Gervaise zum dritten Male.

Sie setzte sich wieder nieder und wartete immer noch. Hatte denn ihre Tochter gar kein Wort für sie? Jetzt hörte man wieder Poissons Säge. Lantier schien sehr vergnügt zu sein, schnell steckte er ein Stück Orangenzucker zwischen die Lippen.

»Ich würde nicht über die Straße gehen und sie ansehen,« nahm Virginie die Unterhaltung wieder auf und kniff Lantier wütend. »Ja, mir würde die Schamröte ins Gesicht steigen, wenn ich öffentlich von einem solchen Madchen gegrüßt würde ... Ich sage das nicht, weil Sie da sind, Frau Coupeau, aber Ihre Tochter ist ein fauler Braten. Poisson greift täglich solche auf, die besser sind.«

Gervaise sagte nichts und rührte sich auch nicht, ihre Augen starrten ins Leere. Dann schüttelte sie den Kopf als Antwort auf die Fragen, die sie sich stellte, während der Hutmacher lüstern murmelte:

»An diesem Braten holt man sich gern eine Magenverstimmung. Er ist zart wie ein Huhn ...«

Jetzt schaute ihn die Konfitürenhändlerin mit einem schrecklichen Blick an, daß er es für gut fand, sie durch eine Artigkeit zu besänftigen. Er schaute sich nach dem Polizisten um, und da dieser seine Nase auf der Arbeit hatte, benutzte er die Gelegenheit und steckte ihr rasch das Stück Orangenzucker in den Mund. Nun lächelte sie wieder befriedigt, ließ aber ihre schlechte Laune an der Büglerin aus, indem sie zu ihr sagte:

»Beeilen Sie sich doch ein wenig, nicht? So kann die Arbeit nicht vorwärts gehen, wenn Sie so versteinert da stehen. Vorwärts! rühren Sie sich, ich hab keine Lust, bis in die Nacht im Wasser zu schwimmen.«

Und dann setzte sie noch leise hinzu:

»Kann ich etwa dafür, daß Ihre Tochter eine Hure macht?«

Wahrscheinlich hatte Gervaise dies letztere gar nicht mehr gehört. Denn sie hatte wieder angefangen zu schruppen; mit gebogenem Rücken lag sie am Boden und machte mechanische Bewegungen wie ein Frosch. Mit beiden Händen, die die Bürste umspannt hielten, schob sie eine schwarze Flut vor sich her, deren Aufspritzen sie in die Haare hinein traf. Nun brauchte nur noch nachgespült werden, wenn das Schmutzwasser in den Rinnstein gefegt war.

Nach einem Stillschweigen sagte Lantier, der sich langweilte, laut zu Badinguet: »Weißt du, ich habe gestern in der Rue de Rivoli den Herrn und Meister gesehen. Er sieht verteufelt verstört aus, der macht keine sechs Monate mehr; den Teufel auch, bei dem Leben, das der führt!«

Er sprach vom Kaiser. Der Polizist antwortete trocken, ohne die Augen zu erheben:

»Wenn du die Obrigkeit wärst, sähst du auch nicht so fett aus.«

»Oh, mein Bester, wenn ich die Obrigkeit wäre,« antwortete der Hutmacher, sehr ernst tuend, »da gingen die Dinge ein wenig besser, darauf verlasse dich ... Sieh dir ihre auswärtige Politik an, da bricht einem der Schweiß aus seit einiger Zeit, nicht wahr? Ja, wenn ich irgendeinen Journalisten kennen würde, dem ich meine Ideen eingeben könnte ...«

Er wurde sehr lebhaft; und da er mit dem Orangenzucker zu Ende war, zog er einen Kasten mit Eibischzucker heraus und verzehrte davon mehrere Stücke.

»Das ist sehr einfach ... Vor allem würde ich Polen wiederherstellen und einen großen skandinavischen Staat gründen, der den nordischen Riesen in Schach hielte ... Dann würde ich aus all den deutschen Königreichen eine Republik machen ... Was England anbelangt, es ist ja kaum zu fürchten, aber wenn es sich rührte, würde ich hunderttausend Mann nach Indien schicken ... Füge hinzu, daß ich den Großtürken mit Kolbenstößen nach Mekka und den Papst nach Jerusalem zurückschicken würde ... Nun, was meinst du dazu? Sieh mal, Badinguet, schau mal her ...«

Er unterbrach sich und tat einen Griff in den Zuckerkasten.

»Nun, das würde eben auch nicht länger dauern, als bis ich das aufgegessen habe.«

Damit warf er ein Stück nach dem andern in den Mund.

»Der Kaiser hat einen andern Plan«, sagte der Polizist nach einiger Überlegung.

»Laß das gut sein,« sagte der Hutmacher heftig. »Den Plan kennt man! Europa macht sich den Teufel was aus uns ... Alle Tage müssen die Bedientenseelen euern Herrn in den Tuilerien unter dem Tisch hervorholen, an dem er mit zwei Dirnen aus der vornehmen Welt gesessen hat.«

Jetzt stand Poisson auf. Er kam näher, legte die Hand aufs Herz und sagte:

»August, du tust mir weh, sprich, aber werde nicht persönlich.«

Nun legte sich auch Virginie ins Mittel und bat, sie möchten doch Ruhe geben. Sie kümmere sich den Teufel um Europa. Wie konnten nur zwei Männer, die sonst in allem einig waren, sich so ohne Aufhören über Politik unterhalten? Einen Augenblick lang brummten sie noch unverständliche Worte. Dann holte der Polizist, um zu zeigen, daß er nicht mehr böse sei, den Deckel des kleinen Kastens, den er soeben fertig gemacht hatte; man las darauf in erhabenen Buchstaben: »An August zum Andenken an unsere Freundschaft.« Lantier fühlte sich sehr geschmeichelt, er beugte sich vor und lehnte sich auf Virginie, sie beinahe verdeckend. Der Ehemann sah das, sein Gesicht war wie eine alte Mauer, seine ausdruckslosen Augen zeigten durchaus keine Beunruhigung, aber die roten Haare seines Schnurrbarts bewegten sich so eigentümlich, daß ein Mann, der seiner Sache nicht ganz sicher war, hätte beunruhigt werden müssen.

Dies Vieh, Lantier, hatte diese unverschämte Ruhe, die den Frauen so sehr gefällt. Als Poisson den Rücken kehrte, kam ihm der tolle Gedanke, Frau Poisson einen Kuß auf das linke Auge zu geben. Für gewöhnlich bewahrte er eine schlaue Vorsicht; aber wenn er sich über Politik gezankt hatte, so wagte er alles, weil er wenigstens den Frauen gegenüber recht behalten wollte. Die ungestümen Zärtlichkeiten, hinter dem Rücken des Polizisten an dessen Frau ausgelassen, waren seine Rache am Kaiserreich, das aus Frankreich ein Bordell machte. Diesmal vergaß er ganz die Anwesenheit von Gervaise. Sie hatte den Laden nachgewischt und getrocknet und stand am Ladentisch und wartete auf ihre dreißig Sous.

Der Kuß aufs Auge ließ sie sehr ruhig, wie etwas, das sie nichts anging und das sie ganz natürlich fand. Virginie warf ärgerlich die dreißig Sous auf den Tisch, doch Gervaise rührte sich nicht und schien noch immer auf etwas zu warten; sie war abgemattet und sah häßlich aus wie ein Hund, den man aus einem Kanal gezogen hat.

»Also, sie hat Ihnen nichts gesagt?« fragte sie endlich den Hutmacher.

»Wer denn?« rief er. »Ach so, Nana! ... Aber nein, nichts sonst. Das Luderchen hat einen Mund wie ein kleiner Erdbeertopf!«

Nun zog Gervaise mit ihren dreißig Sous in der Hand ab. Aus ihren niedergetretenen Schuhen floß das Wasser wie aus einer Pumpe, es waren wirklich musikalische Schuhe, die eine Arie sangen, während sie die feuchten Abdrücke ihrer Sohlen auf dem Pflaster hinterließen.

Im Quartier erzählten die andern Säufer, sie tränke, um sich über den Fall ihrer Tochter zu trösten. Sie selbst nahm die Mienen einer Tragödin an, und wenn sie am Schenktisch ihr Glas Fusel herunterstürzte, wünschte sie, daß sie daran zugrunde gehen möchte. An Tagen, wo sie voll wie ein Schlauch nach Hause kam, stammelte sie, daß das vom Kummer käme. Aber die anständigen Leute zuckten die Achseln: man kannte das, die Trunkenheit, die sie sich im Totschläger geholt hatte, ihren Kummer zu nennen! Als ob dort der Kummer auf Flaschen gezogen sei. Ohne Zweifel, im Anfang konnte sie Nanas Flucht nicht verwinden. Der Rest von Ehrenhaftigkeit, der noch in ihr war, lehnte sich dagegen auf; und dann mag es eine Mutter gewöhnlich nicht, wenn sie weiß, daß ihre Tochter jeden Augenblick vom ersten besten geduzt wird. Aber sie war schon zu niedergedrückt, als daß sie sich der Schande lange gewärtig bleiben konnte. Es verflossen oft acht Tage, ohne daß sie einmal an Nana dachte; aber plötzlich erfaßte sie dann eine Zärtlichkeit oder Wut, je nachdem sie gerade hungerte oder schlemmte, ein Bedürfnis, Nana zu kneifen, zu küssen oder zu schlagen, wie es ihr der Augenblick gerade eingab. Schließlich war sie sich über den Begriff von anständig und unanständig nicht mehr recht klar. Sie wußte nur, daß Nana ihr gehörte, nicht wahr? Nun, und wenn man einen Besitz hat, will man nicht, daß er sich unsichtbar mache.

Wenn dieser Gedankengang sich Gervaises bemächtigte, durchforschte sie die Straßen mit Argusaugen. Wenn sie doch diese Dirne einmal treffen würde, wie würde sie sie nach Hause bringen! In diesem Jahre wurde der Durchbruch zwischen dem Boulevard Magenta und dem Boulevard Ornano gemacht, wobei die alte Barrière Poissonnière verschwand. Die ganze eine Seite der Rue des Poissonniers wurde niedergelegt. Von der Rue de la Goutte d'Or aus sah man jetzt auf einen ungeheuer weiten hellen Platz. Das gab viel Sonne und frische Luft; an Stelle der Gebäude, die nach dieser Seite die Aussicht versperrt hatten, erhob sich ein stattliches Haus von sechs Stockwerken mit einer schön gegliederten und von Bildhauerarbeit gezierten Fassade. Jeden Tag stritten sich Lantier und Poisson über dieses Haus; der Hutmacher schimpfte auf das Niederreißen, er klagte den Kaiser an, daß er überallhin Paläste baue, damit die Arbeiter in die Provinz zurückgejagt würden, während der Polizist behauptete, und er war ganz blaß vor Zorn, daß der Kaiser gerade nur an die Arbeiter dächte, wenn er soviel niederreißen und aufbauen ließ, und das sein einziger Zweck dabei sei, ihnen Arbeit zu geben. Auch Gervaise konnte sich mit den Verschönerungen nicht befreunden, die ihre dunkle Umgebung, die sie nun einmal gewöhnt war, veränderten. Am meisten ärgerte sie sich darüber, daß das Quartier verschönert wurde, als sie selbst im Begriff war zugrunde zu gehen. Ist man über und über mit Schmutz bedeckt, so sieht man es nicht gern, wenn die Sonne darauf scheint. An Tagen, an denen sie Nana suchte, wütete sie, wenn sie über Baumaterialien hinwegsteigen mußte, oder wenn die Trottoirs neu gelegt wurden und sie längs der Bauzäune hinstolpern mußte. Das schöne Gebäude auf dem Boulevard Ornano erregte ihren ganzen Zorn; solche Häuser waren für Früchtchen wie ihre Nana.

Indessen hatte sie mehrere Nachrichten von der Kleinen gehabt. Es gibt ja immer viel gute Seelen, die davon leben, schlechte Nachrichten zu verbreiten. Ja, man hatte ihr erzählt, daß die Kleine ihren Alten eines schönen Tages hatte sitzen lassen, was eine große Unerfahrenheit bedeutete. Sie hatte es bei dem Alten sehr gut; er pflegte sie, betete sie an, ließ ihr auch eine gewisse Freiheit, wenn sie es verstanden hätte, sie geschickt auszunutzen. Aber Jugend hat eben keine Tugend, sie mußte mit irgendeinem Laffen auf und davon gegangen sein, man wußte nicht wohin. Das nur wußte man, daß sie auf dem Place de la Bastille vom Alten drei Sous für ein Bedürfnis verlangt hatte und er immer noch auf ihre Rückkehr wartete. In der besten Gesellschaft nennt man das: »auf Englisch sich verabschieden«. Andere schwuren wieder, sie im Grand Salon de la Folie in der Rue de la Chapelle gesehen zu haben, wie sie dort tanzte. Von da an suchte sie Gervaise auf allen Tanzböden des Viertels und in angrenzenden Vergnügungslokalen; Coupeau begleitete sie.

Zuerst machten sie nur Rundreisen und schauten sich alle kleinen Mädchen an, die da ihr Unwesen trieben; dann, als sie eines Abends Geld hatten, blieben sie sitzen und tranken eine Bowle Punsch, um sich zu erfrischen und auf Nana zu warten. Nach einem Monat hatten sie Nana ganz vergessen; jetzt gingen sie nur noch, weil es ihnen einfach Freude machte, dem Tanzen zuzusehen. Stundenlang blieben sie so mit aufgestützten Ellbogen sitzen, in dumpfem Brüten, während der Fußboden unter ihnen zitterte; wahrscheinlich hatten sie Vergnügen daran, den Bewegungen dieser Boulevarddirnen zuzusehen unter der Helligkeit und dem Gedränge des Saales.

An einem Novemberabend gingen sie, um sich zu erwärmen, in den Grand Salon de la Folie. Draußen wehte ein schneidender Wind, der einem ins Gesicht fuhr. Der Saal war gestopft voll und ein wahrer Höllenlärm darin. An allen Tischen saßen Menschen, die Gänge standen voll, fast schien es, als schwebten sie in der Luft, ein Durcheinander wie in einem Fleischerladen. Als sie zweimal den Rundgang umsonst gemacht hatten, um einen Platz zu finden, blieben sie stehen und warteten, bis irgendwo jemand aufstand. Coupeau wiegte sich auf den Füßen hin und her, seine Bluse war schmutzig, die alte Mütze hatte keinen Schirm mehr und saß platt auf seinem Kopfe. Da er den Weg versperrte, stieß ein kleiner, magerer junger Mann ihn mit dem Ellbogen an und er sah, wie dieser sich nachher den Ärmel abputzte.

»Hören Sie!« stieß er wütend hervor und nahm seine kurze Tonpfeife aus dem Munde, »Sie können doch um Entschuldigung bitten ... oder erscheint es Ihnen ekelhaft, daß einer eine Bluse trägt?«

Der junge Mann hatte sich umgewandt und den Zinkarbeiter mit seinen Augen gemessen, als dieser fortfuhr:

»Lernen Sie, Fatzke, daß die Bluse das schönste Kleidungsstück ist, ja, das Kleid der Arbeit ... Ich will dich mit ein paar Ohrfeigen abputzen ... hat man je so einen gesehen, der die Arbeiter beleidigen will.«

Umsonst versuchte Gervaise ihn zu beruhigen. Er prahlte mit seinen Lumpen, schlug sich darauf und brüllte:

»Da sitzt die Brust eines Mannes darin!« Jetzt tauchte aber der Jüngling in der Menge unter und sagte: »Was für ein schmutziger Kerl.«

Coupeau wollte ihm nach. Er würde sich doch nichts von solchem Paletot gefallen lassen, der nicht einmal bezahlt war. Der war von irgendeinem Trödler gepumpt, um damit einem Mädchen zu imponieren und nichts dafür zu bezahlen. Wenn er ihn findet, muß er niederknien und die Bluse anbeten. Aber das Gedränge war so groß, er konnte nicht vorwärts kommen.

Langsam nur wurden die beiden fortgeschoben in dem Gang, der die Tanzenden umgab; eine dreifache Reihe Zuschauer stand da, mit erregten Gesichtern, sobald ein Mann besonders komische Gesten machte oder die Mädchen beim Beinaufheben alles zeigten; da aber beide klein waren, mußten sie auf den Zehenspitzen stehen, um überhaupt etwas zu sehen, Hüte oder Frisuren, die in der Luft tanzten. Das Orchester spielte mit seinen gesprungenen Blasinstrumenten wütend eine Quadrille, die wie ein Sturmwind den Saal durchtoste und durch das Tanzen so viel Staub aufwirbelte, daß die Gasflammen nur mühsam brennen konnten. Eine Hitze dabei zum Ersticken.

»Schau doch!« sagte plötzlich Gervaise.

»Was denn?«

»Die Samtschuhe da unten!«

Sie stellten sich auf die Zehen. Zur Linken sahen sie einen alten schwarzen Samthut mit vertragenen Federn darauf, die auf und ab wippten, ein richtiger Leichenpferdekopfschmuck. Aber immer nur sahen sie diesen Hut, der einen Hexentanz auszuführen schien, so drehte er sich um sich selbst herum. Manchmal entglitt er ihnen, dann fanden sie ihn wieder, in toller Frechheit über all den andern schwebend, daß die Leute lachten um sie herum, wenn sie nur diesen Hut tanzen sahen, ohne zu wissen, was darunter steckt.

»Nun, was denn?« fragte Coupeau wieder.

»Erkennst du denn nicht den Chignon darunter?« murmelte Gervaise mit gepreßter Stimme. »Ich wette, sie ist es!

Mit einer einzigen Armbewegung stieß der Zinkarbeiter alle Umstehenden zur Seite. Zum Donnerwetter! ja, das war Nana! Und in welchem Aufzug! Sie hatte nur ein vertragenes Seidenkleid an, an dessen Flecken man sah, daß sie damit alle Tische der Tanzkneipen abgewischt hatte; zerrissene Volants hingen in Fetzen herunter. Sie hatte weder Umhang noch Schal, und ihre Taille zeigte ausgerissene Knopflöcher. Zu sehen, wie dieses Mädchen, das einen Alten hatte, der mit väterlicher Sorgfalt sich ihrer angenommen hatte, jetzt so heruntergekommen war! Sie war irgendeinem Bengel nachgelaufen, der sie vielleicht noch dazu schlug. Trotzdem sah sie appetitlich und frisch aus, zerzaust wie ein Karnickel, aber ihr rosiger Mund lachte unter dem enorm großen Hut.

»Warte ein wenig, ich lasse sie jetzt tanzen!« antwortete Coupeau.

Nana tanzte ahnungslos. Sie drehte sich nach rechts, nach links, machte Verbeugungen bis zur Taille, ihre Füße schleuderte sie in das Gesicht ihres Kavaliers, als wenn sie sich auseinanderreißen wollte. Ein Kreis von Bewunderern hatte sich um sie gebildet und klatschte ihr Beifall. Das feuerte sie nur noch mehr an, sie nahm ihre Röcke zusammen und schlug sie über die Knie hoch; fieberhaft erfaßte sie der Tanz, sie drehte sich nur noch wie ein Kreisel, duckte sich mit Seitensprüngen auf den Boden und schnellte wieder hoch. Dann begann sie eine langsame Tanzart, wobei sie sich in den Hüften wiegte und ihren Körper nach rückwärts warf mit dem Kopf hintenüber, so daß alle bezaubert waren. Man hätte sie mögen in eine Ecke tragen und in Liebkosungen ersticken.

In diese Idylle fuhr nun Coupeau hinein, zerstörte den Kreis unter allgemeinem Murren.

»Und ich sage, es ist meine Tochter!« schrie er, »laßt mich durch!«

In diesem Augenblick bog sich Nana nach rückwärts und kehrte den Boden mit ihrer Schleppe, der sie noch eine ganz besonders reizende Wendung zu geben verstand. Da bekam sie einen meisterhaften Fußtritt an den richtigen Ort, so daß sie emporschnellte und ganz blaß wurde, als sie ihren Vater und die Mutter erkannte. Das war kein Glück!

Die Tänzer schrien: »Hinaus«!

Coupeau erkannte in Nanas Tänzer den jungen Mann von vorhin, kümmerte sich aber nicht weiter um die Leute.

»Ja, wir sind es! Nicht wahr, das hast du nicht erwartet? Also hier trifft man dich, dazu mit einem Gelbschnabel, der mich gerade sehr respektlos behandelt hat!«

Gervaise gab ihm einen Stoß und sagte, soviel Redensarten seien gar nicht nötig!

Sie stürzte nun vor und gab Nana zwei tüchtige Ohrfeigen; nach der ersten flog der Federhut zu Boden und die zweite verursachte ihr einen glühend roten Fleck auf der weißen Backe. Vor Überraschung wehrte sich Nana gar nicht gegen diese Ohrfeigen, auch weinte sie nicht.

Der Orchester spielte weiter, die Leute waren dieser Unterbrechung wegen sehr böse und schrien immerzu:

»Hinaus! Hinaus!«

»Vorwärts!« sagte Gervaise. »Geh voraus und laß dir nicht einfallen durchzubrennen, sonst lasse ich dich ins Gefängnis sperren.«

Der junge Mann hatte sich aus dem Staube gemacht. Nana ging ganz betäubt voran. Sooft sie Miene machte, sich seitwärts zu drücken, bekam sie einen Schlag, der ihr die Direktion zum Ausgang gab. Alle drei verließen nun unter dem Gejohle der Menge den Saal, und das Orchester spielte den Schlußsatz der Quadrille unter solchem Trompetengeschmetter, daß man hatte meinen können, sie schössen Kanonenkugeln.

Jetzt fing das alte Leben wieder an. Nana hatte in ihrem Kämmerchen zwölf Stunden lang gut geschlafen und zeigte sich während einer Woche sehr liebenswürdig. Sie hatte sich ein altes, bescheidenes Kleidchen wieder zurechtgenäht und trug dazu ein Häubchen, dessen Bänder sie unter ihrem Chignon zusammenband. Von einem guten Willen erfaßt, erklärte sie, im Hause arbeiten zu wollen; man könne da genug verdienen und brauche nicht die unanständigen Reden im Atelier mit anzuhören. Sie suchte auch Arbeit, richtete sich auf dem Tisch mit ihren Werkzeugen ein und stand in den ersten Tagen schon um fünf Uhr in der Früh auf, um ihre Veilchenstengel zu drehen. Als sie aber ein paar Dutzend abgeliefert hatte, wurden ihre Arme bei der Arbeit schlaff, sie hatte die Übung des Drehens verloren und bekam Krämpfe. Auch litt sie darunter, immer so eingesperrt zu sein, nachdem sie durch sechs Monate hindurch sich immer in frischer Luft bewegt hatte. Der Kleistertopf fing an einzutrocknen, die Blumenblätter und das grüne Papier bekamen Fettflecke, so daß der Fabrikant selber kam und sein Material wieder forderte. So schleppte Nana das Leben weiter; vom Vater bekam sie Ohrfeigen, mit der Mutter zankte sie sich vom Morgen bis zum Abend, wobei sich beide Gemeinheiten vorwarfen. Das konnte nicht mehr lange so weitergehen; am zwölften Tag machte sie sich wieder auf den Weg und nahm nur ihr bescheidenes Kleidchen und das Häubchen mit. Die Lorilleux', die über Nanas Rückkehr sehr böse waren, freuten sich unbändig, als sie wieder fort war, sie streckten alle Vier in die Luft vor Lachen. Zweite Vorstellung! Flucht Nummer zwei! Die Damen nach Saint-Lazare, einsteigen! Nein, das war doch zu komisch. Sie hatte doch einen Schick, sich aus der Sache zu ziehen! Ja, wenn die Coupeaus sie jetzt zu Hause behalten wollten, mußten sie sie einnähen oder in einen Käfig sperren.

Vor den Leuten taten die Coupeaus als wären sie froh, sie wieder los zu sein. Innerlich aber waren sie wütend. Aber auch das verlor sich wieder; sie erfuhren ohne Mühe, daß sich Nana im Viertel herumtrieb. Gervaise sagte, sie täte das, um die Eltern zu entehren. Sie setzte sich über all den Klatsch hinweg. Träfe sie jetzt Nana, würde sie sich nicht einmal durch eine Ohrfeige an ihr beschmutzen. Jetzt war alles aus; wenn sie sie nackt und sterbend auf der Straße treffen würde, sie ginge vorbei und würde nicht sagen, daß sie dieses Untier unter dem Herzen getragen habe. Nana war der Stern aller Bälle in der Umgebung. Man kannte sie von der Reine Blanche bis zum Grand Salon de la Folie; wenn sie in das Elysée Montmartre kam, stiegen die Leute auf die Stühle, um sie tanzen zu sehen. Da sie im Château Rouge zweimal hinausgeworfen worden war, strich sie in der Nähe herum, bis sie Personen ihrer Bekanntschaft traf. Die Boule Noire auf dem Boulevard und der Grand Turc waren die vornehmsten Säle, da ging sie nur hin, wenn sie reine Wäsche anhatte. Aber den Vorzug gab sie dem Val de l'Eremitage, der auf einem feuchten Hofe lag, und dem Bal Robert in der Sackgasse du Cadran; das waren zwei kleine schmutzige Plätze, die nur durch ein paar Laternen erleuchtet waren; hier war es gemütlich, hier konnten die Kavaliere ihre Damen umarmen, ohne gestört zu werden. Und Nana war bald oben, bald unten, bald angezogen wie eine schicke Frau, bald fegte sie wieder in Lumpen daher. Sie führte ein lustiges Leben.

Mehrere Male glaubten die Coupeaus ihre Tochter an verrufenen Orten gesehen zu haben. Sie kehrten den Rücken und gingen auf eine andere Seite, um sie nicht erkennen zu müssen. Sie zeigten keine Lust mehr, vor einem ganzen Tanzlokal lächerlich gemacht und verhöhnt zu werden, eines solchen Pflanzchens wegen. Eines Abends gegen zehn Uhr, als die Coupeaus sich schlafen legen wollten, klopfte es an die Türe. Es war Nana, die sich da schlafen legen wollte. Und in welchem Zustande kam sie an! Großer Gott! Sie hatte keinen Hut auf, das Kleid in Fetzen und die Schuhe zerrissen; schon dieses Aufzuges wegen allein würde sie die Polizei aufgegriffen haben. Zuerst bekam sie natürlich eine Tracht Prügel; dann fiel sie heißhungrig über eine Brotkruste her und schlief vor Ermüdung darüber ein. So ging ihr Leben fort. Sobald sie sich wieder erholt und ausgeruht hatte, verschwand sie eines schönen Morgens wieder. Aus dem Auge, aus dem Sinn! Der Vogel war entflogen. Es vergingen oft Wochen und Monate, sie blieb verschwunden. Plötzlich war sie wieder da, ohne zu sagen, woher sie käme, oft so schmutzig, daß man sie nicht hätte anrühren mögen, zerkratzt von oben bis unten. Ein andermal gut gekleidet, aber erschlafft und vom Leben so entkräftet, daß sie kaum stehen konnte. Die Eltern gewöhnten sich daran, und aus den Schlägen machte sie sich nichts. Auch wenn sie mit Füßen getreten wurde, war ihr die elterliche Wohnung nur noch eine Herberge, wo man wochenweise schlafen konnte. Sie wußte auch, daß sie ihr Bett mit Prügeln bezahlen mußte, und wenn sie dabei profitierte, so nahm sie eben die Prügel mit in Kauf. Auch wird man einmal auch des Schlagens müde. So nahmen auch die Coupeaus Kommen und Gehen mit in den Kauf. Ob sie kam oder ging, das war dasselbe, wenn sie nur die Türe hinter sich zumachte; das genügte. Mein Gott, die Gewohnheit nützt auch die Ehrlichkeit ab, wie alles andere. Über eine einzige Sache geriet Gervaise in großen Zorn: wenn Nana mit Schleppkleidern und Federhüten erschien. Nein, den Luxus, das konnte sie nicht ertragen. Sie mochte jetzt ein Leben führen wie sie wollte, doch wenn sie zur Mutter kam, sollte sie gekleidet sein, wie es sich für eine Arbeiterin paßt. Diese Kleider revolutionierten das ganze Haus: die Lorilleux' höhnten und lachten; Lantier zog das merkwürdig an, er umschnüffelte die Kleine ihres guten Parfüms wegen; die Boches verboten Pauline, mit einer solchen Person in diesem Staat zu reden. Auch konnte es Gervaise nicht ertragen, wenn Nana dann in bleiernem Schlafe bis in den Mittag hinein im Bette lag; ganz abgetrieben lag sie dann da, mit gelöstem Chignon, in dem noch die Haarnadeln steckten, blaß sah sie aus, der Atem war kurz, sie glich einer Sterbenden. Die Mutter schüttelte sie des Morgens und drohte, ihr Wasser über den Leib zu gießen.

Es brachte sie zur Verzweiflung, wenn sie dieses schöne, arbeitsscheue Mädchen halbnackt vor sich liegen sah, das nicht zu erwecken war und so ihren Liebesrausch ausschlief. Nana öffnete gewöhnlich die Augen, schloß sie wieder, drehte sich auf die andere Seite und schlief weiter.

Eines Tages hielt ihr Gervaise mit harten Worten ihr Leben vor und fragte, ob sie sich schon mit Soldaten abgäbe, weil sie so abgemattet nach Hause käme, führte ihre Drohung aus und fuhr ihr mit der nassen Hand über den Körper. Die Kleine wütete, hüllte sich in ihr Laken und schrie:

»Nun ist es aber genug, Mama! Sprechen wir nicht über die Männer, das wird besser sein. Du hast getan, was du wolltest, und ich tue, was ich will.«

»Wie? Was?« stotterte die Mutter.

»Ja, ich hab zu dir nie davon gesprochen, weil mich das nichts anging; aber du hast dir auch keinen Zwang angetan, ich hab dich oft genug im Hemd herumspazieren sehen, wenn Papa schnarchte ... Jetzt macht's dir keinen Spaß mehr, aber andern macht es Spaß. Laß mich in Ruh', du hättest mir so ein Beispiel nicht geben sollen!«

Gervaise wurde blaß, mit zitternden Händen wendete sie sich ab, ohne zu wissen, was sie tat, während Nana, die auf dem Bauch lag, ihr Kopfkissen an sich zog und in die Bewußtlosigkeit ihres bleiernen Schlafes zurückfiel.

Coupeau brummte und kam selbst nicht mehr auf den Gedanken, sie zu schlagen. Er verlor völlig seinen Verstand. Dabei konnte man ihm nicht einmal vorwerfen, daß er ein unmoralischer Vater sei, denn der Trunk verwischte bei ihm die Erkenntnis des Guten und Bösen.

Jetzt war sein Leben geregelt. Während sechs Monaten war er nicht mehr nüchtern, bis er zusammenbrach und nach dem Hospital Sainte-Anne gebracht wurde, eine Landpartie für ihn. Die Lorilleux' sagten, daß Seine Durchlaucht der Herzog von Kaldaunenbrand sich auf seine Güter begeben habe. Nach einigen Wochen kam er dann geflickt und wiederhergestellt aus dem Asyl und fing wieder an, sich zu zerstören, bis er wieder von neuem auf der Seite lag und wieder zurechtgemacht werden mußte. Während dreier Jahre war er so siebenmal in Sainte-Anne gewesen. Im Quartier erzählte man, daß ihm dort seine Zelle aufgehoben werde. Das Schlimmste war, daß ihn dieses Saufen immer mehr kaputt machte, so daß man den Schlußakt ziemlich voraussehen konnte, wo mit einem letzten Krach das alte Faß auseinanderfallen mußte, von dem jetzt ein Reif nach dem andern sich ablöste.

Dabei wurde er nicht schöner! Das Gift zerstörte ihn schrecklich. Sein Körper schrumpfte zusammen wie die Fötusse in den Gläsern bei den Ärzten. Saß er am Fenster, schien das Tageslicht beinahe durch ihn durch, so mager war er. Seine Backen waren eingefallen und aus seinen Augen triefte Wasser, genug, um eine Wiese damit zu berieseln; nur seine schöne Nase blieb sich gleich und sah aus wie eine einsame rote Blume an einem verdorrten Stamm. Wer erfuhr, daß er erst vierzig Jahre alt war, den schüttelte ein leiser Frost, wie er gebeugt und wankend vorüberkam und so alt aussah wie die Gassen, durch die er ging. Das Zittern seiner Glieder wurde so heftig, besonders bei seiner rechten Hand, daß er sein Glas mit beiden Fäusten packen mußte, um es an den Mund zu bringen. Dieses verfluchte Zittern! Das war das einzige, was ihn in seiner Versumpftheit noch ärgerte. Man hörte ihn wilde Drohungen gegen seine Hände ausstoßen. Oft saß er stundenlang und beobachtete seine tanzenden Hände, er ärgerte sich nicht und sagte auch nichts, er wollte immer herausbringen, durch welchen innern Mechanismus dieses Spiel getrieben wird; eines Abends aber fand ihn Gervaise mit zwei dicken Tränen auf den gefurchten Wangen.

Dieser letzte Sommer, in dem Nana noch ihre Nächte bei den Eltern verbrachte, war besonders schlecht für Coupeau. Seine Stimme veränderte sich so, als wäre ein anderes Instrument in seiner Kehle eingesetzt worden. Auch wurde er auf einem Ohre taub. Dann wurden ganz plötzlich seine Augen schwach, er mußte sich am Treppengeländer festhalten, um nicht herunterzufallen. Seine ganze Gesundheit war dahin. Er hatte abscheuliche Kopfschmerzen und Blutwallungen, er sah immer Kerzen flammen. Dann bekam er Schmerzen in den Armen und Beinen; er wurde blaß, mußte sich niedersetzen und blieb stundenlang auf dem Stuhle ohne Besinnung. Einmal blieb ihm der Arm einen ganzen Tag gelähmt. Einige Male schon hatte er sich fest ins Bett gelegt, er kauerte sich dann zusammen wie ein krankes Tier und verkroch sich unter die Bettdecke, indem er anhaltend stöhnte. Die Beängstigungen von Sainte-Anne fingen wieder an. Er wurde mißtrauisch, unruhig und bekam heftiges Fieber. Er warf sich in tollen Wutanfällen umher, zerriß seine Bluse und biß mit seinen konvulsivisch zuckenden Kiefern in die Möbel; dann wieder befiel ihn große Traurigkeit, er jammerte wie ein Kind, schluchzte und beklagte sich, daß niemand ihn lieb hätte. Eines Abends, als Gervaise und Nana zusammen nach Hause kamen, fanden sie ihn nicht in seinem Bett. Statt seiner hatte er ein Kissen dort hingelegt. Sie fanden ihn schließlich zwischen dem Bett und der Wand versteckt, wo er mit den Zähnen klapperte. Er erzählte, daß Männer kommen würden, um ihn zu ermorden. Die beiden Frauen mußten ihn beschwichtigen wie ein Kind, bis er sich ins Bett bringen ließ.

Coupeau kannte nur ein Heilmittel, das ihn wieder auf die Beine brachte: sich seinen Schoppen Branntwein in den Leib zu schütten. Jeden Morgen kurierte er so seine Heiserkeit. Sein Gedächtnis hatte schon seit langer Zeit nachgelassen, sein Schädel war leer; und sobald er wieder kriechen konnte, spottete er über seine Krankheit. Er war niemals krank gewesen. Ja, er war auf den Punkt gekommen, wo es zu Ende geht und man meint, es ginge einem gerade ausgezeichnet. Übrigens konnte er sich an nichts erinnern. Kam Nana nach sechswöchiger Abwesenheit nach Hause, so glaubte er, sie habe nur einen Gang im Quartier gemacht. Oft, wenn er ihr am Arm eines Herrn begegnete, lachte er sie an, ohne sie zu erkennen. Mit einem Wort, er zählte nicht mehr, sie würde sich auf ihn gesetzt haben, wenn sie gerade keinen Stuhl gefunden hätte.

Als der erste Frost kam, machte sich Nana wieder davon; sie war unter dem Vorwands hinuntergegangen, um zu sehen, ob die Obsthändlerin keine gebackenen Birnen habe. Sie fühlte den Winter kommen und hatte keine Lust, vor dem leeren Ofen mit den Zähnen zu klappern. Die Coupeaus schimpften auf sie, weil sie so lang ausblieb, denn sie warteten auf die Birnen. Sie würde schon kommen; dabei war sie im letzten Winter einmal drei Wochen lang fortgeblieben, um für zwei Sous Tabak zu holen. Diesmal verfloß Monat auf Monat und die Kleine kam nicht wieder. Diesmal mußte sie einen guten Fang gemacht haben. Der Juni kam, aber auch die Sonne brachte sie nicht wieder zurück. Jetzt schien es endgültig aus zu sein, sie mußte irgendwo ihr Weißbrot gefunden haben. An einem ihrer Fasttage verkauften die Coupeaus das Eisenbett des Kindes; sie bekamen sechs runde Francs dafür, die sie im Saint-Ouen vertranken. Das füllte sie an, das Bett!

An einem Julimorgen rief Virginie Gervaise an, die gerade vorüberging, und bat sie, etwas Geschirr bei ihr abzuwaschen, Lantier hätte am Abend zuvor zwei Freunde zu Tisch gehabt. Wie nun Gervaise das Geschirr abwusch, das übrigens recht schön fettig war von dem Gastmahl des Hutmachers, rief dieser plötzlich:

»Wißt Ihr was, Mutter? Ich hab neulich Nana gesehen.«

Virginie, die an der Kasse nachdenklich ihren immer leerer werdenden Gläsern und Schubladen gegenüber saß, hob wütend den Kopf. Sie mußte an sich halten, um sich nicht zu verraten; denn das fing doch schon an, bedenklich zu werden. Lantier sah Nana sehr oft. Oh! sie hätte nicht die Hand für ihn ins Feuer legen mögen, er war der Mann dazu, das Schlechteste zu tun, wenn ihm ein Unterrock den Kopf verdrehte. Frau Lerat, die gerade jetzt mit Virginie sehr intim war, schnitt ihre zweideutigen Grimassen und fragte:

»In welchem Sinne haben Sie sie gesehen?«

»Oh! Im guten Sinne,« erwiderte der Hutmacher sehr geschmeichelt, lachte und drehte seinen Schnurrbart. »Sie saß in einer Equipage; ich, ich stolperte grad übers Pflaster ... Wirklich, ich schwör es euch!«

Seine Blicke waren lebhaft geworden und er wandte sich an Gervaise, die gerade die Teller abtrocknete.

»Ja! sie fuhr im Wagen und war todschick angezogen ... Sie sah so damenhaft aus, daß ich sie erst gar nicht erkannte. Sie lächelte mir zu und grüßte mich mit dem Handschuh ... Sie hat einen Vicomte gefischt, glaub ich. Oh! die ist obenauf jetzt! Die kann auf uns alle jetzt pfeifen, die hat Glück bis über die Ohren, diese Hure! ... Nein, ihr könnt euch nicht vorstellen, wie reizend diese kleine Katze ausschaute.«

Gervaise putzte immer noch an demselben Teller, obschon er bereits ganz sauber war. Virginie dachte aber mit Sorge an zwei Wechsel, die sie am folgenden Tage bezahlen sollte und nicht wußte wovon, wahrend Lantier, der schon so dick und fett war, daß er den Zucker, den er nun zu zwei Drittel aufgefressen hatte, förmlich ausschwitzte, den ganzen Laden, der schon vollständig nach Bankerott aussah, mit seiner Begeisterung für die kleinen gut angezogenen Freudenmädchen erfüllte. Er hatte nur noch einige Pralinees und etwas Orangenzucker aufzuessen, um dem ganzen Handel der Poissons ein Ende zu machen. Plötzlich sah er den Polizisten auf der gegenüberliegenden Seite des Trottoirs, vorschriftsmäßig zugeknöpft, den Säbel an der Seite, vorübergehen. Das machte ihn noch heiterer. Er zwang Virginie, ihren Mann genau zu betrachten.

»Sehen Sie doch, Badinguet hat heute ein famoses Gesicht aufgesetzt,« sagte er leise. »Geben Sie acht! Er hat sich zu fest geschnürt und irgendwo ein Glasauge eingesetzt, damit er die Leute überraschen kann.«

Als Gervaise nach Hause kam, fand sie Coupeau auf dem Bette sitzen. Er hatte wieder einen seiner Anfälle und war ganz starr. Seine erloschenen Augen waren auf den Boden gerichtet. Gervaise fiel förmlich auf einen Stuhl, ganz zerschlagen hingen ihre Hände an ihrem schmutzigen Unterrock herunter. Eine Viertelstunde lang blieb sie so sitzen und sprach kein Wort.

»Ich habe Nachrichten ... deine Tochter ist gesehen worden,« sagte sie brummend. »Ja, deiner Tochter geht es sehr gut; sie braucht dich nicht mehr. Ja, sie ist sehr glücklich, scheint mir ... Gott, was gäbe ich darum, an ihrer Stelle zu sein!«

Coupeau schaute noch immer auf den Fußboden. Dann erhob er sein verwüstetes Gesicht und stammelte mit blödsinnigem Lachen:

»Nun, mein Herzchen, ich halte dich doch nicht ... Du bist noch gar nicht so übel, wenn du ordentlich gewaschen bist. Es gibt doch den alten Satz: ›Kein alter Topf, der nicht seinen Deckel hat‹ ... Den Teufel auch! Wenn das unsern Kohl fetter machen würde!«

 << Kapitel 12  Kapitel 14 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.