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Der Totschläger

Emile Zola: Der Totschläger - Kapitel 10
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typefiction
authorEmil Zola
titleDer Totschläger
publisherKurt Wolff Verlag A.-G.
seriesDie Rougon-Macquart
volumeBand 7
printrun1.-4. Tausend
year1923
translatorFranz Blei
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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8

Am nächsten Samstag brachte Coupeau, der zum Essen nicht nach Hause gekommen war, gegen zehn Uhr Lantier mit. Sie hatten zusammen Kalbsfüße gegessen bei Thomas am Montmartre.

»Du mußt nicht zanken, Mutter!« sagte der Zinkarbeiter. »Du siehst, wir sind vernünftig ... Oh, es hat keine Not, wenn ich mit ihm zusammen bin; er schaut, daß ich nicht über die Stränge haue.«

Er erzählte, wie sie sich in der Rue Rochechouart getroffen haben. Nach dem Essen habe Coupeau in der »Schwarzen Kugel« etwas trinken wollen, aber Lantier habe es abgeschlagen; er sagte, wenn man mit einer hübschen und ehrbaren Frau verheiratet wäre, sollte man sich nicht in allen Kneipen herumtreiben. Gervaise hörte mit leichtem Lächeln zu. Nein, sie dachte nicht daran, zu zanken, denn sie fühlte sich viel zu unbehaglich. Seit dem Fest hatte sie damit gerechnet, ihren alten Liebhaber an einem oder andern Tage wiederzusehen; aber zu so später Stunde, da man im Begriff war ins Bett zu gehen, hatte sie das plötzliche Eintreten der beiden Männer überrascht; mit zitternden Händen befestigte sie wieder den in den Nacken gerutschten Haarknoten.

»Du begreifst,« fing Coupeau wieder an, »da er in der Kneipe so zartfühlend war und nichts annehmen wollte, daß du uns jetzt einen Trunk vorsetzen wirst. Ah, das bist du uns schuldig!«

Die Arbeiterinnen waren schon längst fortgegangen, Mama Coupeau und Nana hatten sich eben zu Bett gelegt. Gervaise hatte schon einen Flügel der Ladentür in der Hand, sie wollte gerade schließen, als sie kamen; sie ließ nun den Laden offen und stellte auf eine Ecke des Arbeitstisches Gläser und den Rest einer Flasche Kognak. Lantier blieb stehen und vermied es, mit ihr zu sprechen. Als sie ihm aber eingoß, rief er:

»Nur einen Tropfen, Madame, ich bitte!«

Coupeau beobachtete sie und erklärte trocken, sie würden wohl die Blöden spielen! Was vorbei ist, das ist vorbei, nicht wahr? Wenn man nach neun oder zehn Jahren immer noch sich hassen wollte, würde man schließlich mit niemandem mehr verkehren! Dann wüßte er auch, mit wem er es zu tun hätte, mit einer braven Frau und einem Ehrenmann, also mit zwei Freunden! Er sei ruhig, denn er kenne ihre Ehrenhaftigkeit.

»Oh, sicher ... sicher ...« erwiderte Gervaise mit gesenkten Augenlidern, ohne recht zu wissen, was sie sagte.

»Sie ist jetzt wie eine Schwester, nur das«, sagte Lantier leise seinerseits.

»In Gottes Namen, so gebt euch denn die Hände!« rief Coupeau. »Was kümmern uns die Bourgeois! Wenn man Grütze im Kopfe hat, seht, ist man mehr wert wie die Millionäre. Ich stelle die Freundschaft am höchsten, weil eben die Freundschaft die Freundschaft ist, es geht nichts darüber.«

Er gab sich heftige Faustschlage in die Magengrube, sah dabei so gerührt aus, daß man ihn beruhigen mußte. So tranken sie nun zu dritt, stillschweigend, und ließen ihre Gläser anklingen. Nun konnte Gervaise Lantier nach Gefallen betrachten, denn an dem Abend des Festes war ihr alles wie in einem Nebel erschienen. Er war dicker geworden, sah fett und rund aus, gemessen an seiner kleinen Gestalt, schienen die Beine schwer. In seinem Gesicht hatten sich noch hübsche Züge erhalten, trotz seines nichtstuerischen Lebens; und da er seinen kleinen Schnurrbart immer noch so sorgsam pflegte, erschien er nicht älter als er war, gerade fünfunddreißig Jahre. An diesem Tage trug er ein graues Beinkleid, einen blauen Paletot, wie ein Herr, und einen runden Hut; er hatte sogar eine Uhr und an einer silbernen Kette hing ein Ring, wahrscheinlich ein Andenken.

»Jetzt gehe ich. Ich wohne verteufelt weit.«

Er war schon auf der Straße, da rief ihn Coupeau zurück und nahm ihm das Versprechen ab, nicht mehr an seiner Türe vorbeizugehen, ohne ihnen guten Tag zu sagen. Unterdessen war Gervaise leise verschwunden, nun stieß sie Etienne vor sich her, der im Hemd und mit halbverschlafenem Gesicht dastand. Das Kind lächelte und rieb sich die Augen. Aber als es Lantier sah, blieb es zitternd und erregt stehen und schaute unruhig fragend nach seiner Mutter und Coupeau.

Dieser fragte: »Erkennst du diesen Herrn nicht mehr?«

Das Kind senkte den Kopf ohne zu antworten. Dann nickte es, um zu verstehen zu geben, daß es den Herrn erkenne.

»Nun denn, stell dich nicht so dumm und umarme ihn.«

Lantier, ruhig und würdig, erwartete ihn.

Als Etienne sich endlich entschloß, näherzukommen, beugte er sich herunter, hielt ihm beide Backen hin und gab dem Knaben auch einen Kuß mitten auf die Stirn. Nun erst traute sich dieser, seinen Vater zu betrachten. Aber plötzlich sing er wie ein Verrückter an zu weinen und sprang davon; Coupeau schalt ihn und behandelte ihn wie einen Wilden.

»Das ist die Gemütsbewegung!« sagte Gervaise, die auch ganz blaß und erschüttert war.

»Oh, für gewöhnlich ist er ja sehr sanft und artig,« erklärte Coupeau. »Ich habe ihn gut erzogen, Sie werden das noch sehen ... Nun, und schon des Kleinen wegen konnte man nicht immer böse sein, nicht wahr? Wir hätten uns schon früher aussöhnen müssen, denn ich ließe mir lieber den Kopf abschneiden, als daß ich einen Vater verhinderte, sein Kind zu sehen!«

Dann sprach er davon, daß man wohl die Flasche Kognak leer trinken könnte. Alle drei stießen nochmals an. Lantier erstaunte nichts, er war sehr ruhig. Bevor er ging, wollte er dem Zinkarbeiter auch eine Gefälligkeit erweisen, er half ihm den Laden schließen. Dann klopfte er seine Hände ab und wünschte dem Ehepaar eine gute Nacht.

»Schlaft wohl; ich will versuchen, den Omnibus noch zu erreichen ... Ich verspreche euch, bald wiederzukommen.«

Seit jenem Abend kam Lantier häufig in die Rue de la Goutte d'Or. Er kam immer zu einer Stunde, in der der Zinkarbeiter zu Hause war; schon an der Türe fragte er nach seinem Befinden, als ob er überhaupt nur seinetwegen käme. Wenn er so mit dem Rücken gegen die Fenster dasaß, stets im Paletot, gut rasiert und sorgfältig gekämmt, da sprach er sehr höflich, mit den Manieren eines Menschen, der eine gute Erziehung erhalten hat. Mit der Zeit erfuhren auch die Coupeaus etwas Näheres über sein Leben. In den letzten acht Jahren hatte er eine kurze Zeit hindurch eine Hutfabrik geleitet. Wenn man ihn fragte, worum er sich denn zurückgezogen habe, begnügte er sich zu antworten, daß sein Associs ein Schuft war, ein Schurke, der das Unternehmen mit Frauen verputzt habe. Aber sein früherer Titel als Chef blieb noch an ihm haften und gab ihm etwas Vornehmes, das er nicht mehr ablegen konnte. Alle Augenblicks sagte er, daß er im Begriff wäre, ein ganz ausgezeichnetes Geschäft abzuschließen; große Hutfabriken wollten ihn anstellen und ihm ihre Interessen anvertrauen. Inzwischen aber tat er gar nichts, er ging, die Hände in den Hosentaschen, an der Sonne spazieren wie ein Bourgeois. Wenn er sich beklagte und man es nur wagte, ihm Fabriken nachzuweisen, in denen Arbeiter verlangt würden, zeigte er nur ein mitleidiges Lächeln; er hätte keine Lust vor Hunger zu sterben und sich für andere zu Tode zu arbeiten. Und doch lebte dieser Schlingel, wie Coupeau sagte, keineswegs von der Luft. Oh, das war ein Geriebener, er wußte sich einzurichten; er mußte wohl ein Geschäft betreiben, denn er zeigte ein wohlgenährtes Gesicht, er brauchte doch Geld, um sich so seine weiße Wäsche zu kaufen und Krawatten, wie sie die Söhne reicher Leute tragen. In Wirklichkeit blieb Lantier, der über andere sehr gesprächig urteilte, über seine eigene Person sehr schweigsam oder er log in Dingen, die ihn angingen. Er wollte niemals sagen, wo er wohnte. Er wohnte bei einem Freund, weit draußen am Ende der Welt, bis er eine schöne Stellung gefunden haben würde; er verbot den Leuten, zu ihm zu kommen, da er doch nie zu Hause anzutreffen wäre.

»Man kann zehn Anstellungen für eine bekommen«, erklärte er oft. Nur lohne es nicht, in eine dieser Butiken einzutreten, weil man doch nicht länger als vierundzwanzig Stunden da aushalten würde ... »So kam ich eines Montag morgens zu Champion nach Montrouge. Am Abend ärgerte mich Champion mit der Politik; wir waren nicht einer Meinung. Nun, und am Mittwoch früh laufe ich wieder davon, denn wir leben doch heute nicht mehr in Zeiten der Sklaverei, ich will mich doch nicht für sieben Francs im Tage verkaufen.«

Man war in den ersten Novembertagen. Lantier brachte galanterweise Veilchensträuße, die er an Gervaise und die Arbeiterinnen verteilte. Nach und nach häuften sich seine Besuche, schließlich kam er täglich. Er schien das ganze Haus, ja selbst das ganze Viertel erobern zu wollen; er fing damit an, Clementine und Frau Putois zu bezaubern, denen er, ohne Berücksichtigung des Altersunterschiedes, ausgesuchteste Artigkeiten erwies. Nach einem Monat beteten die beiden Arbeiterinnen ihn an. Die Boches, denen er sehr schmeichelte, indem er sie häufig in ihrer Loge besuchte, waren von seiner höflichen Art entzückt. Als die Lorilleux' erfuhren, wer der Herr war, der am Tage des Festes zum Dessert kam, spuckten sie Feuer und Flammen gegen Gervaise aus, die es wagte, ihren früheren Liebhaber bei sich einzuführen. Aber eines Tages stieg Lantier zu ihnen hinauf, stellte sich vor und bestellte eine Kette für eine ihm befreundete Dame; sie waren von seiner Unterhaltung so geblendet, daß sie ihn baten Platz zu nehmen und ihn über eine Stunde lang bei sich behielten; ja, sie fragten sich nachher, wie es denn möglich wäre, daß ein so vornehmer Herr mit der Hinkenden hätte zusammen leben können. So kam es endlich, daß alle die Besuche des Hutmachers bei den Coupeaus als selbstverständlich betrachteten, so sehr hatte er es verstanden, sich bei den Bewohnern der Rue de la Goutte d'Or in Gunst zu setzen. Nur Goujet blieb finster. Wenn er da war und der andere kam, flüchtete er zur Türe, um dessen Bekanntschaft nicht machen zu müssen.

Trotz dieser allgemeinen Zärtlichkeit für Lantier war Gervaise in den ersten Wochen in ständiger Aufregung. Sie spürte in ihrer Magengegend stets dieses Brennen, das sie beim ersten Male bekam, als Virginie von ihm erzählte. Ihre größte Angst bestand darin, daß sie sich machtlos ihm gegenüber fühlen würde, wenn es ihm eines Tages einfiele, sie zu küssen. Sie dachte zuviel an ihn, auch hatte er ihr zuviel Kummer bereitet. Endlich beruhigte sie sich, da sie ihn so vernünftig sah; er schaute ihr indirekt in die Augen und berührte sie niemals, auch nicht mit einer Fingerspitze.

Virginie, die sie zu durchschauen schien, machte ihr über ihre bösen Gedanken Vorwürfe. Warum zitterte sie denn? Konnte man denn einen rücksichtsvollern Menschen finden? Sie hatte gewiß nichts von ihm zu fürchten. Die große Brünette brachte es eines Tages fertig, die beiden in eine Ecke zu treiben, um eine Unterhaltung über ihre Gefühle zu halten. Lantier erklärte sehr gewichtig, daß sein Herz ganz tot wäre, daß er sich nur mehr dem Glücke seines Sohnes widmen wolle. Er sprach nie von Claude, der immer noch im Süden war. Jeden Abend küßte er Etienne auf die Stirn, wußte aber nicht, was er mit ihm sprechen sollte, und vergaß es, wenn er noch länger blieb, und sagte Clementine Artigkeiten. Gervaise, nun vollkommen beruhigt, fühlte, daß die Vergangenheit abgestorben war. Lantiers Gegenwart verwischte auch die Erinnerung an Plassans und an das Hotel Boncoeur. Da sie ihn nun täglich sah, träumte sie nicht mehr von ihm. Sie hatte jetzt einen gewissen Abscheu vor ihren früheren Beziehungen. Oh, das war jetzt gründlich fertig. Wenn er es jetzt wagen wollte, so etwas von ihr zu verlangen, so würde er ein paar Ohrfeigen bekommen und sie würde es ihrem Manne sagen. Oft dachte sie ohne Reue, doch mit großer Innigkeit an Goujets Freundschaft.

Eines Morgens, als Clementine ins Atelier kam, erzählte sie, sie habe am Abend zuvor, gegen elf Uhr, Herrn Lantier mit einer Dame am Arm gesehen. Und sie erzählte das in ihrer gewohnten rohen Art, mit der boshaften Absicht, zu sehen, was Gervaise wohl für ein Gesicht dazu machen würde. Ja, ja, Herr Lantier wäre die Rue Notre Dame de Lorette hinaufgegangen; die Frau wäre blond gewesen, eine jener Boulevardziegen, die halb krepiert sind und kein Hemd unter dem Seidenkleid tragen. Zum Spaß wäre sie dem Paare gefolgt. Die Ziege wäre zuerst in einen Fleischerladen gegangen und habe Krabben und Schinken gekauft. Dann in der Rue de la Rochefoucauld hätte Herr Lantier auf der Straße gewartet, bis die Kleine ihm ein Zeichen vom Fenster aus gegeben hätte, worauf er hinaufging. Clementine fügte noch viele gemeine Bemerkungen dazu, Gervaise bügelte ruhig an ihrem weißen Kleide weiter. Hier und da sah man ein feines Lächeln um ihren Mund spielen. Die Provençalen sind alle hinter den Weibern her, um jeden Preis müssen sie eine haben, wenn sie sie auch vom Schutthaufen holen müssen. Als Lantier am Abend kam, belustigte sie sich über Clementines Neckereien, die ihn fortwährend mit der Blondine aufzog. Aber es schien ihn nur zu schmeicheln, gesehen worden zu sein.

Mein Gott! das war eine alte Freundin, die er hin und wieder besuchte, wenn es sich gerade traf. Im übrigen wäre das ein Mädchen, dem es gut ginge und das sich geschmackvoll kleidete; sie wohne in Palisandermöbeln. Er nannte auch ihre Liebhaber, einen Vicomte, einen Großhändler in Porzellan und den Sohn eines Notars. Er liebe Frauen, die Parfüms gebrauchen. Er hielt gerade Clementine sein Taschentuch unter die Nase, das die Kleine ihm parfümiert hatte, als Etienne eintrat. Sofort änderte sich seine Miene, er wurde ernst, küßte den Knaben und sagte, solche Scherze wären ohne Folgen, sein Herz wäre ja tot. Gervaise, über ihre Arbeit gebeugt, stimmte nur durch Kopfnicken zu. Clementine erntete die Früchte ihrer Bosheit, Lantier hatte sie zwei- bis dreimal gekniffen, ohne sich sonst ein Weiteres merken zu lassen; sie barst aber vor Eifersucht und Neid, weil sie nicht ebenso nach Parfüm roch wie die Ziege vom Boulevard.

Als der Frühling kam, sprach Lantier davon, in das Viertel ziehen zu wollen, damit er seinen Freunden näher wäre. Er suchte ein möbliertes Zimmer in einem sauberen Hause. Frau Boche und auch Gervaise gaben sich alle Mühe, etwas Passendes zu finden. Sie durchsuchten alle benachbarten Straßen. Aber nichts konnte ihn befriedigen; er wünschte einen großen Hof, eine Wohnung auf ebener Erde, kurz, alle erdenklichen Annehmlichkeiten. Jeden Abend studierte er bei den Coupeaus die Höhe der Zimmer, ihre Einteilung, als wünsche er eine solche Wohnung für sich. Er verlange nichts anderes, am liebsten hätte er ein Loch in diesem stillen und warmen Winkel gegraben. Jedesmal endete seine Untersuchung damit:

»Donnerwetter, ihr habt es da wirklich gut.«

Eines Abends, als er wieder bei ihnen gegessen hatte und beim Nachtisch diesen Satz ausstieß, schrie Coupeau, der ihn jetzt duzte:

»Du mußt hier bleiben, alter Junge, wenn dich so sehr danach verlangt. Man wird sich einrichten.«

Er setzte auseinander, daß das Zimmer, worin die schmutzige Wäsche war, wenn es gereinigt wäre, ein hübsches Zimmer geben würde. Etienne könne auch auf Matratzen im Laden schlafen, damit wäre alles gemacht.

»Nein, nein, das kann ich nicht annehmen,« sagte Lantier. »Ich würde euch lästig fallen. Ich weiß schon, ihr macht es aus gutem Herzen, aber wir würden doch zu warm aufeinander sitzen. Und dann ... wißt, jeder muß seine Freiheit haben. Ich müßte durch euer Zimmer gehen, und das wäre nicht immer angenehm!«

»Ach, dieses Tier!« rief der Zinkarbeiter, der vor Lachen beinahe erstickte und dabei auf den Tisch schlug, »er denkt immer an Dummheiten ... Aber, Schlauberger, wir werden etwas erfinden. Da sind zwei Fenster in dem Zimmer. Nun gut, man bricht eines durch bis zum Fußboden und macht eine Türe daraus. Dann, verstehst du, kannst du durch den Hof eintreten. Wir können auch die Verbindungstür verstellen, wenn uns das so besser paßt. Dann sieht und hört man nichts voneinander, du hast deine Wohnung für dich und wir die unsere für uns!«

Es entstand ein Stillschweigen« Endlich murmelte der Hutmacher:

»Ja, auf diese Weise, da läßt sich nichts dagegen sagen ... Und doch ... nein. Ich wäre euch doch zuviel auf dem Rücken.«

Er vermied es, Gervaise anzusehen. Aber er erwartete von ihr ein aufmunterndes Wort.

Sie aber war von der Idee ihres Mannes sehr unangenehm überrascht. Weniger der Gedanke, Lantier bei sich wohnen zu haben, verletzte und beunruhigte sie, sie fragte sich aber, wo ihre schmutzige Wäsche bleiben sollte. Nun betonte der Zinkarbeiter die Vorteile dieses Übereinkommens. Die Miete von fünfhundert Francs war immer etwas hoch gewesen. Der Kamerad würde ihnen nun für das möblierte Zimmer zwanzig Francs im Monat bezahlen; das wäre für ihn nicht zuviel und gäbe doch am Quartalstag eine schöne Hilfe. Er fügte hinzu, er nähme es auf sich, unter ihrem Bett einen großen Kasten anzubringen, der die schmutzige Wäsche des ganzen Viertels aufnehmen könne. Gervaise zögerte noch immer und befragte durch Blicke Mama Coupeau, deren Eroberung Lantier schon seit Monaten gemacht hatte, indem er ihr Schachteln voll Gummibonbons gegen ihren Husten mitbrachte.

»Sie würden uns keine Unbequemlichkeiten machen,« versicherte sie endlich. »Man wird immer Mittel finden, sich einzurichten.«

»Nein, nein, ich danke wirklich,« sagte der Hutmacher. »Ihr seid zu gut, um Mißbrauch davon zu machen.«

Jetzt brach Coupeau los. Würde er sich noch lange zieren? Wenn man ihm doch sagte, daß man es ganz aufrichtig meint. Er würde ihnen einen Gefallen tun, so lüge die Sache! Dann mit wütender Stimme heulte er:

»Etienne! Etienne!«

Der Knabe war am Tisch eingeschlafen und hob nun erschreckt den Kopf auf.

»Höre, sag du ihm, daß du es so willst ... Ja, ja, diesem Herrn da ... sage ihm deutlich: ich will es!«

»Ich will es!« stotterte der Knabe, der so verschlafen war, daß er kaum den Mund öffnen konnte.

Alle lachten. Doch Lantier machte wieder sein würdiges Gesicht. Er schüttelte Coupeau über dem Tisch die Hand und sagte:

»Ich nehme es an ... es ist aus Freundschaft geboten und angenommen, von beiden Seiten, nicht wahr? Des Kindes wegen nehme ich es an.«

Als am nächsten Morgen Herr Marescot kam und eine Stunde lang bei den Boches saß, sprach Gervaise von dieser Sache. Erst zeigte er sich beunruhigt, wurde sogar böse und lehnte ab, als hatte man das Niederreißen eines ganzen Flügels von ihm verlangt. Als er dann eine eingehende Besichtigung vorgenommen hatte und sich überzeugte, daß die oberen Etagen genug gestützt wären, gab er seine Einwilligung unter der Bedingung, daß ihm gar keine Kosten daraus erwachsen und daß sie ihm ein Schriftstück unterzeichneten, in dem sie sich verpflichten, nach Ablauf ihres Kontraktes alles wieder in vorigen Stand zu setzen. Noch an demselben Abend brachte der Zinkarbeiter ein paar Kameraden mit, einen Maurer, einen Tischler und einen Anstreicher, lauter gute Kerle, die diese Kleinigkeit nach Feierabend aus Gefälligkeit machten. Das Einsetzen der neuen Tür und die Instandsetzung des Zimmers kostete gegen hundert Francs, ungerechnet all die Liter, mit denen sie die Arbeiter begossen. Der Zinkarbeiter sagte ihnen, er würde ihnen später alles bezahlen, mit dem Mietgelde des neuen Hausgenossen. Dann handelte es sich darum, wie es möbliert werden sollte. Gervaise ließ Mama Coupeaus Schrank darin stehen, dann stellte sie einen Tisch und zwei Stühle hinein, die sie ihrem eigenen Zimmer entnahm; sie mußte noch einen Waschtisch und ein Bett mit Zubehör kaufen; das alles noch eine Angelegenheit von hundertunddreißig Francs, die sie in monatlichen Raten von zehn Francs abbezahlen sollte. So waren ungefähr auf zehn Monate Lantiers Miete von zwanzig Francs durch diese Schulden im voraus verausgabt, in die sie sich gestürzt hatten; später würde man dann einen schönen Nutzen haben!

In die ersten Tage des Monats Juni fiel der Umzug des Hutmachers. Mama Coupeau hatte sich erboten, mit ihm zu gehen, um seinen Koffer zu holen, damit er die dreißig Sous für den Fiaker ersparen könne. Aber Lantier war erregt, er sagte, sein Koffer wäre zu schwer; er wollte seinen Wohnort geheim halten. Er kam am Nachmittag gegen drei Uhr an. Coupeau war nicht da. Als Gervaise von der Ladentüre aus den Koffer wiedererkannte, wurde sie blaß. Das war ihr alter Koffer, mit dem sie die Reise von Plassans zusammen gemacht hatten, heute war er ganz defekt und notdürftig mit Stricken zusammengehalten. So sah sie ihn wiederkommen, wie sie es so oft geträumt hatte; sie konnte sich einbilden, es wäre auch derselbe Fiaker, in dem damals diese Dirne Adèle mit ihm davongefahren war und der ihn jetzt zu ihr zurückführte. Boche war Lantier behilflich, ihn abzuladen. Die Büglerin folgte ihnen schweigend und betreten. Als die Männer die Last im Zimmer niedergestellt hatten, sagte sie, um etwas zu sagen:

»So, nun ist die gute Sache erledigt.«

Als Lantier, der sich nicht einmal nach ihr umsah, die Stricke löste, fügte sie hinzu:

»Herr Boche, Sie werden ein Glas Wein trinken.« Sie ging und holte einen Liter und Gläser. In dem Augenblick ging Poisson vorüber, er war in Uniform. Sie machte ihm mit den Augen ein Zeichen und lächelte. Der Stadtsergeant verstand sofort. Wenn er im Dienst war und man ihm mit den Augen zunickte, so hieß das, daß er ein Glas Wein angeboten bekam. Oft ging er stundenlang vor dem Bügelgeschäft auf und ab und wartete auf dieses Zeichen. Dann ging er, um nicht gesehen zu werden, über den Hof und trank heimlich sein Glas.

»Ach, Sie sind es, Badinguet!«

Er nannte ihn zum Spaß Badinguet, um ihn wegen seiner treuen kaiserlichen Gesinnung zu verhöhnen. Poisson nahm das in seiner verschlossenen Art ruhig auf, man konnte nicht erkennen, ob er sich darüber ärgerte oder nicht. Diese beiden Männer, die in ihren politischen Meinungen ganz verschieden waren, waren gute Freunde geworden.

»Ihr wißt doch, daß der Kaiser in London Stadtsergeant war«, sagte nun Boche.

»Ja, ich gebe Euch mein Wort, er hat die betrunkenen Weiber alle arretiert.«

Gervaise hatte die drei Gläser nochmals gefüllt. Sie selbst trank nicht, sie fühlte sich zu bedrückt dazu. Dennoch blieb sie stehen und sah zu, wie Lantier den letzten Strick abnahm; sie wollte gern wissen, was in dem Koffer war. Sie erinnerte sich noch der Menge Strümpfe in der einen Ecke, zweier schmutziger Hemden und eines alten Hutes. Ob diese Sachen wohl noch da waren? Würde sie diese Lumpen aus der vergangenen Zeit wiederfinden? Ehe Lantier den Deckel zurückschlug, nahm er sein Glas und stieß damit an.

»Auf Euer Wohl!«

»Gleichfalls,« antworteten Boche und Poisson.

Wieder füllte Gervaise die Gläser. Die drei Männer wischten sich mit der Hand den Mund ab. Endlich öffnete der Hutmacher den Koffer. Er war angefüllt mit alten Zeitungen, Büchern, ein Durcheinander alter Kleider und Pakete mit schmutziger Wäsche. Nach und nach zog er eine Kasserolle, ein Paar Stiefel, eine Büste von Ledru-Rollin mit zerbrochener Nase heraus, ein gesticktes Hemd und eine Arbeiterhose. Gervaise hatte sich vorgebeugt, sie bemerkte, daß von diesen Sachen ein unangenehmer Tabaksgeruch ausging, der mit dem Duft eines unsauberen Mannes gemischt war, der nur das sauber hält, was an ihm sichtbar ist. Nein, der alte Hut lag nicht mehr in der linken Ecke. Dafür lag dort ein Knäuel, das sie nicht kannte, irgendein Geschenk einer Frau. Sie beruhigte sich und konnte sich doch einer gewissen Traurigkeit nicht erwehren, da sie all den Stücken folgte und bei jedem sich fragte, ob es noch aus ihrer Zeit oder aus derjenigen ihrer Nachfolgerinnen stammte.

»Sieh mal, Badinguet! Kennen Sie das?« fragte Lantier.

Er hielt ihm ein kleines Buch unter die Nase, das in Brüssel gedruckt war und die Aufschrift trug: »Die Liebesabenteuer Napoleon III.«, es war mit Kupferstichen geschmückt. Unter anderm wurde darin erzählt, wie der Kaiser einmal der Tochter eines Kochs, einem dreizehnjährigen Madchen, nachstellte; die Abbildung zeigte Napoleon, wie er mit nackten Beinen, nur mit dem Großkordon der Ehrenlegion angetan, ein Mädchen verfolgte, das vor seiner Lüsternheit davonlief.

»Ah, das ist gut!« rief Boche, dessen niedere Instinkte aufgepeitscht wurden. »So geht das immer zu!«

Poisson war ergriffen und beschämt; er fand kein Wort zur Verteidigung des Kaisers. Das war gedruckt, dagegen ließ sich nichts sagen. Lantier hielt ihm immer wieder das Bild unter die Nase, um ihn zu necken; da entfuhr ihm:

»Und was ist dabei? Liegt das nicht in der menschlichen Natur?«

Diese Antwort verschloß Lantier den Mund. Er ordnete nun seine Bücher und Zeitschriften auf dem Schrank; er war sehr betrübt darüber, daß er kein kleines Bücherbrett habe, das man über dem Tisch hätte aufhängen können. Gervaise versprach ihm, ein solches zu besorgen. Er besaß »Die Geschichte der zehn Jahre« von Louis Blanc, ohne den ersten Band, den er nie gehabt hatte, die »Girondisten« von Lamartine in Lieferungen zu zwei Sous, die »Geheimnisse von Paris« und den »Ewigen Juden« von Eugène Sue, dazu einen Haufen philosophischer und sozialistischer Bücher, die er bei Althändlern zusammengekauft hatte. Besonders ehrfurchtsvoll betrachtete er seine alten Zeitungen, die er selbst seit Jahren gesammelt hatte. Jedesmal, wenn er in einen Café eine Zeitung las und darin einen Artikel fand, der mit seinen Überzeugungen übereinstimmte, kaufte er sich die Nummer und bewahrte sie auf. So hatte sich ein ungeheuer großes Paket Zeitungen angesammelt, die die unterschiedlichsten Daten und Titel hatten und ohne jede Ordnung durcheinanderlagen. Als er dieses Paket vom Boden des Koffers hochnahm, klopfte er wohlgefällig mit der Hand darauf und sagte zu den andern:

»Seht das an! Das gehört mir, und niemand kann sagen, daß er so etwas Hübsches habe. Was da alles darinsteckt, das könnt ihr euch nicht träumen! Das heißt: führe man die Hälfte all der Ideen aus, das würde auf einmal die Gesellschaft ausputzen. Ja, da könnte euer Kaiser mit all seinen Banditen uns den Buckel runterrutschen ...«

Er wurde vom Stadtsergeanten unterbrochen, der seinen roten Schnurrbart im blaß gewordenen Gesicht drehte.

»Und die Armee, sagt einmal, was macht ihr denn damit?«

Da wurde Lantier böse, er schlug auf seine Zeitungen und schrie:

»Ich will die Unterdrückung des Militarismus, die Verbrüderung der Völker ... Ich will die Abschaffung der Privilegien, der Titel, der Monopole ... Ich will Gleichheit der Gehälter, Teilung der Güter und die Verherrlichung des Proletariats... Alle Freiheiten, versteht ihr mich? Alle! Und die Scheidung!«

»Ja, ja, die Scheidung, wegen der Moral!« sagte Boche.

Poisson nahm eine majestätische Miene an und sagte:

»Wenn ich nun aber von euer» Freiheiten nichts wissen will? Ich bin ja frei.«

»Wenn Sie nichts davon wissen wollen, wenn ihr nichts davon wissen wollt« – Lantier stotterte – die Leidenschaft erstickte ihn fast. »Nein, ihr seid nicht frei! – ich schicke euch nach Cayenne, ja, nach Cayenne, mit euerm Kaiser und seiner ganzen Schweinebande!«

So gerieten sie fast jedesmal aneinander, wenn sie beisammen waren. Gervaise, die solche Auftritte nicht liebte, vermittelte stets. Sie erwachte jetzt aus ihrer Grübelei, in die sie der Anblick des Koffers versetzt hatte, verblaßte Erinnerungen an ihre ehemalige Liebe waren emporgestiegen. Sie zeigte auf die Glaser.

»Das ist recht,« sagte Lantier schnell beruhigt, indem er sein Glas ergriff. »Eure Gesundheit!«

»Die eure!« antworteten Boche und Poisson zugleich.

Indessen wiegte sich Boche hin und her und betrachtete den Sergeanten mit mißtrauischen Blicken.

»Das bleibt doch alles unter uns, nicht wahr, Herr Poisson?« murmelte er endlich. »Man zeigt und sagt Ihnen hier Dinge ...« Aber Poisson ließ ihn nicht ausreden. Er legte die Hand aufs Herz, um anzudeuten, daß da alles darin begraben wäre. Er spioniere doch nicht seine Freunde aus! Als jetzt Coupeau ankam, leerte man noch einen zweiten Liter. Der Sergeant verließ den Hof und marschierte wieder in steifem strengen Marsch auf der Straße einher, die Schritte gemessen.

In der ersten Zeit stand bei der Büglerin der ganze Haushalt auf dem Kopf. Lantier hatte zwar sein besonderes Zimmer, seinen eigenen Eingang, seinen Schlüssel, aber da man sich im letzten Augenblick entschlossen hatte, die Verbindungstür nicht zu verstellen, so kam er doch meistens durch den Laden.

Die schmutzige Wäsche störte Gervaise sehr, Coupeau dachte nicht mehr an den Kasten, von dem er gesprochen hatte; nun sah sie sich gezwungen, die schmutzige Wasche überallhin zu stopfen, in alle Ecken, besonders unter ihr Bett, was in den heißen Sommernächten keine große Annehmlichkeit war. Dann belästigte es sie sehr, daß sie jeden Abend Etiennes Bett mitten im Laden aufschlagen mußte; wenn die Arbeiterinnen länger arbeiten mußten, schlief das Kind auf dem Stuhl ein. Als Goujet ihr davon sprach, Etienne nach Lille zu geben, da verlange sein früherer Lehrmeister einen Lehrling, stimmte sie diesem Vorschlag bei, um so mehr, als der Knabe, der sich nicht glücklich fühlte, sie bat, ihre Einwilligung zu geben. Sie fürchtete nur, daß Lantier sich ablehnend verhalten würde. Er war ja nur zu ihnen gezogen, um dem Sohne naher zu sein; er konnte nicht wollen, daß er ihm schon vierzehn Tage nach seiner Übersiedlung wieder entzogen würde. Als sie ihm endlich zitternd von diesem Plane sprach, billigte er ihn sofort, er sagte, junge Arbeiter müssen ihr Land kennenlernen. An dem Morgen, an dem Etienne abreiste, hielt er ihm eine Rede über seine Rechte und deklamierte und küßte ihn:

»Vergiß nicht, der Erzeuger ist kein Sklave, aber jeder, der nichts erzeugt, ist ein Dieb, der auf Kosten derjeniger lebt, die arbeiten.«

Bald regelte sich der Haushalt nach den veränderten Bedingungen; alles beruhigte sich und jeder lebte sich in die neuen Gewohnheiten ein. Auch Gervaise hatte sich an das Herumwerfen der Wäsche und Kommen und Gehen Laniers gewöhnt. Dieser sprach fortwährend von seinen großen Geschäften. Manchmal ging er sorgfältig frisiert aus, immer trug er weiße Wäsche; ab und zu blieb er unsichtbar, kam auch nachts nicht nach Hause; wenn er dann zurückkehrte, tat er sehr abgespannt, als ob ihm der Kopf brumme und er vierundzwanzig Stunden hintereinander über die wichtigsten Dinge verhandelt hätte. In Wahrheit trieb er sich herum. Er bekam gewiß keine Schwielen an die Hände! Er stand am Morgen erst gegen zehn Uhr auf, machte am Nachmittag einen Spaziergang, wenn ihm das Wetter paßte; an Regentagen blieb er im Laden und las seine Zeitung. Das war sein Hauptquartier, er schwoll förmlich auf vor Behagen unter all den Unterröcken; er setzte sich bei dem üppigsten Frauenzimmer fest; er war entzückt von den Kraftausdrücken, ohne selbst von seiner gewählten Sprache zu lassen. Es erklärt sich, weshalb er so gern bei den Büglerinnen saß – diese Madchen hatten alle ein entsetzlich loses Mundwerk. Wenn Clementine ihre getrüffelte Weisheit preisgab, ließ er es sich zärtlich lächelnd gefallen und drehte nur seinen, seinen Schnurrbart. Die Dünste des Arbeitsraumes, der Schweiß der Arbeiterinnen, die mit ihren nackten Armen ununterbrochen ihre Eisen hin und her bewegten, diese Ecke, die einem Alkoven glich, in dem sich die Hüllen fast aller Frauen dieses Quartiers befanden, das verwirklichte in ihm einen lang gehegten Traumwunsch; so hatte er sich das Loch gedacht, in das er sich zum Faulenzen und Genießen einnisten wollte.

In der ersten Zeit hatte Lantier bei François an der Ecke der Rue des Poissonniers gegessen; aber von sieben Tagen der Woche aß er drei bis vier bei den Coupeaus zu Mittag, so daß er ihnen den Vorschlag machte, bei ihnen Pension zu nehmen, er würde dann fünfzehn Francs an jedem Sonnabend bezahlen. Nun verließ er das Haus gar nicht mehr und richtete sich vollkommen ein. Vom Morgen bis Abend konnte man ihn nun in Hemdärmeln vom Laden zur Hinterstube hin und her gehen sehen; mit lauter Stimme ordnete er alles an, gab sogar den Kunden Bescheid, mit einem Wort, er führte das Haus. Da ihm der Wein von François nicht schmeckte, überredete er Gervaise, ihn von Vigourour, dem Kohlenhändler, zu kaufen, wo er zusammen mit Boche die Frau kneifen konnte, wenn er die Bestellung machte. Dann wieder fand er das Brot von Coudeloup nicht durchgebacken; er schickte Augustine nach der Wiener Bäckerei auf dem Faubourg-Poissonnière zu Meyer. Er ließ auch nicht mehr bei Lehongre einkaufen, dem Mehl- und Vorkosthändler; nur dem Fleischer blieb er treu, dem dicken Charles von der Rue Polonceau, an dem er, seiner politischen Meinung wegen, festhielt. Nach Verlauf eines Monats wollte er die Küche unter Öl setzen. Gervaise sagte lachend, daß bei so einem Kerl von Provençalen doch immer wieder der Ölfleck zum Vorschein käme. Er machte sich eine Art Eierkuchen, der auf beiden Seiten gebacken wurde und so hart und knusperig wurde wie Schiffszwieback. Er beaufsichtigte Mama Coupeau und verlangte, daß die Beefsteaks sehr durchgebraten, fast wie Schuhsohlen wären; überall tat er Knoblauch hinein und wurde böse, wenn man zum Salat Kräuter verwendete. »Das ist schlechtes Zeug!« schrie er. »Darin kann leicht mal ein giftiges Kraut sein.« Sein Leibgericht war eine Suppe aus Nudeln, in Wasser dick eingekocht, worauf dann eine halbe Flasche Öl gegossen wurde. Nur er und Gervaise aßen davon, die Pariser, als sie sie eines Tages versuchten, erbrachen darüber fast Lunge und Leber.

Auch die Familienangelegenheiten regelte er. Da die Lorilleux' sich immer drücken wollten, wenn sie ihre fünf Francs der alten Frau bezahlen sollten, da sagte er, man könne ihnen einen Prozeß an den Hals drehen. Mokierten sie sich über die Leute? Sie müßten zehn Francs im Monat geben. Er ging selbst mit so unternehmender Miene nach oben und war so liebenswürdig, daß Lorilleux sie ihm nicht abzuschlagen wagte. Nun gab auch Frau Lerat zwei Fünffrancsstücke. Mama Coupeau hätte Lantier die Hände küssen mögen; so spielte er auch den Schiedsrichter in Streitigkeiten zwischen Gervaise und der alten Frau. Wenn die Büglerin zuweilen ungeduldig wurde und ihre Schwiegermutter schlecht behandelte und diese sich dann aufs Bett setzte und weinte, so gab er keine Ruhe, als bis sie sich wieder umarmten. Dann fragte er, ob sie denn glaubten, daß die andern das nett fänden, zuzusehen, wie sie sich aufführten. Und so war es auch mit Nana: seiner Meinung nach wurde sie verteufelt schlecht erzogen. Darin hatte er auch nicht ganz unrecht; denn wenn der Vater darauflosschlug, so gab die Mutter dem Racker recht, und wenn die Mutter sie anfaßte, dann machte der Vater eine Szene. Nana war entzückt, wenn sie ihre Eltern so uneins sah, so sah sie sich schon zum voraus entschuldigt und beging daraufhin die tollsten Streiche. Sie hatte eine neue Entdeckung gemacht, und spielte jetzt drüben in der Hufschmiede; den ganzen Tag lang schaukelte sie dort auf den Deichseln der Karren; dort wurde mit einer Bande Straßenjungen Versteck gespielt in den düstern Winkeln des Hofes, den das rote Schmiedefeuer erleuchtete; dann erschien sie wieder ganz beschmutzt und lief schreiend nach Hause, verfolgt von der ganzen Bande, als ob der Schwung eines Hammers sie getroffen hätte. Nur Lantier konnte sie schelten; doch auch diesen wußte sie schon zu nehmen und ihm schön zu tun. Diese zehnjährige Krabbe spielte vor ihm die Dame, wiegte sich in den Hüften und warf ihm seitliche Blicke zu, aus denen keine Kinderunschuld mehr sprach. Er unternahm es, ihre Erziehung zu leiten; er lehrte sie tanzen und provençalisch sprechen.

Auf diese Weise verging ein Jahr. Im Quartier glaubte man, daß Lantier von seinen Renten lebe; dies war die einzige Möglichkeit, sich das üppige Leben der Coupeaus erklären zu können. Zwar verdiente Gervaise immer noch Geld; aber sie hatte jetzt zwei Männer zu ernähren, die nicht arbeiteten, dafür konnte das Geschäft nicht ausreichen, besonders da es zurückging; Kundschaft blieb aus, die Arbeiterinnen aßen vom Morgen bis Abend. In Wirklichkeit bezahlte Lantier keinen Sou, weder für Wohnung noch Essen. Die eisten Monate machte er Anzahlungen, dann sprach er nur noch von größeren Summen, die er demnächst erheben müßte, dann werde er auf einmal die ganze Rechnung bezahlen. Gervaise wagte es auch gar nicht, Geld von ihm zu verlangen. Sie nahm den Wein, das Fleisch, das Brot – alles auf Borg. Die Rechnungen wurden immer größer, es machte schon drei und vier Francs im Tage. Auch dem Möbelhändler hatte sie noch keinen Sou bezahlt, auch hatten die drei Kameraden, der Tischler, Maurer und Anstreicher, noch gar nichts bekommen. Überall wurden die Geschäftsleute schon böse, man behandelte sie nicht mehr sehr höflich. Gervaise war im Hinblick auf diese anwachsenden Schulden wie betrunken vor Angst; sie betäubte sich, indem sie jetzt in ihrer Naschhaftigkeit die teuersten Sachen aussuchte – sie ließ sich ganz gehen. Im Innersten blieb sie noch rechtschaffen, sie arbeitete und träumte davon, Hunderte von Francs verdienen zu wollen, um damit Händevoll an ihre Lieferanten verteilen zu können. Dann kannte sie sich gar nicht mehr aus; je schlechter alles ging, desto mehr sprach sie davon, ihr Geschäft vergrößern zu wollen. Im Sommer war die große Clementine ausgetreten, es war nicht mehr genug Arbeit für sie da, und sie wartete schon seit Wochen auf ihren Lohn. Und in all dem Zerfall machten sich Coupeau und Lantier recht lustige Tage. Diese Kerle saßen bis über die Ohren in voller Fresserei, verpraßten den letzten Rest des Verdienstes im Geschäft und mästeten sich an dessen Ruin; sie verführten noch andere dazu, klopften sich zur rascheren Verdauung auf die Bäuche.

In der Nachbarschaft zerbrachen sich die Leute die Köpfe darüber, ob Gervaise und Lantier wieder zusammen lebten. Die Meinungen waren verschieden. Hörte man auf die Lorilleux', so tat Gervaise alles, um Lantier wieder an sich zu fesseln, er aber wolle nichts mehr von ihr wissen, er fände sie verbraucht; er hatte in der Stadt kleine Mädchen, die sauberer waren. Nach Boches Ansicht hatte Gervaise schon in der ersten Nacht ihren Liebhaber wieder aufgesucht, sobald ihr Mann, dieser Trottel, schnarchte. Wie auch immer, das alles war nicht sehr anständig; aber da es noch viel schmutzigere und schlimmere Verhältnisse im Leben gab, so fand man diese Ehe zu dreien schließlich ganz natürlich; diese Leute benahmen sich sogar sehr nett, nie gab es Zank und Streitigkeiten, der äußere Anstand war immer gewahrt. Wenn man die Nase in andere Familien des Quartiers gesteckt hätte, würde man sich viel eher beschmutzt haben. Bei den Coupeaus ging alles manierlich zu. Sie lebten alle drei einig in ihrer Neigung für gute Bissen, zankten sich, versöhnten sich, spielten Mama und Papa miteinander, ohne die Nachbarn im Schlafe zu stören. Im übrigen blieben alle entzückt von Lantiers guten Manieren. Dieser schmeichlerische Schwätzer machte alle Lästerzungen stumm. Es ging so weit, daß die einen meinten, es wäre doch schade, wenn Lantier und Gervaise dieses Verhältnis zusammen nicht hätten, dann wären die Coupeaus lange nicht so interessant.

Gervaise lebte aber ganz ruhig. Ihre eigene Familie hielt sie für herzlos. Man begriff nicht, wie sie dem Hutmacher immer noch böse sein konnte. Frau Lerat, die es ganz besonders liebte, sich in Liebeshändel zu mischen, kam fast jeden Abend, denn sie fand Lantier unwiderstehlich und behauptete, daß selbst die vornehmste Frau sich entzückt in seine Arme stürzen würde. Frau Boche, zehn Jahre jünger, hätte nicht für sich einstehen können. Es war wie eine heimliche Verschwörung um sie herum, gerade als ob all diese Frauen eine Befriedigung darin finden würden, Gervaise einen Liebhaber zuzutreiben. Nur Gervaise begriff das nicht, sie fand Lantier gar nicht so verführerisch. Er war ja sehr zu seinem Vorteil verändert; er ging nie ohne Rock und hatte sich in den Cafés und den politischen Versammlungen eine gewisse Bildung angeeignet. Nur sie, die ihn so gut kannte, blickte durch seine Augen hindurch in seine Seele und fand da Dinge, die ihr Gänsehaut verursachten. Wenn er den andern doch so gut gefiel, warum machten sie sich denn nicht an ihn heran? Das sagte sie auch eines Tages Virginie, die sich am leidenschaftlichsten zeigte. Frau Lerat und Virginie wollten sie nun eifersüchtig machen, indem sie ihr Liebesgeschichten von Lantier mit der großen Clementine erzählten. Ja, ja, sie hätte ja nichts davon bemerkt; jedesmal, wenn sie auf Besorgungen gegangen wäre, hätte er sie in sein Zimmer hineingezogen. Auch jetzt noch könnte man sie oft zusammen treffen, er ginge öfters zu ihr.

»Nun, und was weiter?« sagte Gervaise mit etwas zitternder Stimme, »was geht das mich an?«

Sie schaute Virginie in die dunkeln Augen, in denen goldene Funken blitzten, wie in Katzenaugen. Diese Frau mußte also doch einen heimlichen Haß auf sie haben, weil sie sie so eifersüchtig machen wollte! Die Näherin antwortete sofort wieder ganz harmlos:

»Das kann Ihnen ja gewiß ganz gleichgültig sein ... doch sollten Sie ihm raten, von dem Mädchen abzulassen, von dem er nur Unannehmlichkeiten haben wird.«

Das Schlimmste war, daß Lantier, der wohl fühlte, wie sehr er von allen Seiten unterstützt wurde, sein Benehmen Gervaise gegenüber änderte. Gab er ihr jetzt die Hand, so behielt er sie länger als nötig und drückte dabei ihre Fingerspitzen. Auch beunruhigte er sie durch Blicke, indem er ihr oft unverhofft in die Augen sah, sie nicht im Zweifel lassend, was er damit sagen wollte. Wenn er hinter ihr vorüberging, drückte er seine Knie an ihre Röcke und atmete ihr in den Hals hinein, um sie zu berauschen. Doch wartete er immer noch, blieb bescheiden, ohne Erklärung. Als er aber eines Abends mit ihr allein war, stieß er sie, ohne Worte, im Hintergrund des Ladens an die Wand und versuchte sie zu küssen. Zufälligerweise trat im selben Augenblick Goujet in den Laden. Da wehrte sie sich und machte sich los. Alle drei wechselten ein paar Worte, als ob nichts geschehen wäre. Goujet, ganz blaß geworden, senkte seinen Kopf, er glaubte gestört zu haben und dachte, sie hätte sich nur gesträubt, weil sie sich vor andern nicht habe küssen lassen wollen.

Am folgenden Tage ging Gervaise trippelnd im Laden umher, sie war unfähig, auch nur ein Taschentuch zu bügeln; sie mußte durchaus Goujet sehen und ihm eine Erklärung darüber geben, daß Lantier sie an die Wand gedrückt habe. Seitdem Etienne in Lille war, wagte sie es nicht mehr, in die Schmiede zu gehen, weil die Salzfresse sie stets mit höhnischem Gelächter empfing. Aber am Nachmittag konnte sie der Sehnsucht nicht mehr widerstehen; sie nahm einen leeren Korb und ging unter dem Vorwande, bei einer Kundin in der Rue des Portes-Blanches Unterröcke zu holen, fort. Als sie in der Rue Mercadet vor der Türe der Bolzenfabrik ankam, ging sie erst langsam auf und ab, auf eine zufällige Begegnung hoffend. Es schien, als habe sie Goujet erwartet, denn sie war noch keine fünf Minuten da, so kam er heraus. »Sie sind unterwegs?« sagte er mit schwachem Lächeln. »Gehen Sie nach Hause?«

Er sagte das, um überhaupt zu sprechen, denn Gervaise lehrte der Rue des Poissonniers gerade den Rücken. Sie gingen zusammen den Montmartre hinauf, eines neben dem andern, ohne sich einzuhängen. Ihr gemeinsamer Gedanke war, sich von der Fabrik zu entfernen, um nicht den Glauben zu erwecken, als hätten sie sich dort ein Stelldichein gegeben. Mit gesenkten Köpfen schritten sie auf der holperigen Straße weiter, um sie herum alles voller Lärm von den Fabriken. Nach zweihundert Schritten bogen sie links ab; das alles so natürlich, als ob sie den Weg gekannt hätten, begaben sie sich, noch immer schweigend, auf ganz unbebautes Terrain. Der Platz befand sich zwischen einer Dampfschneidemühle und einer Knopffabrik, es war ein Streifen Wiese, deren Grün durch gelbe Flecken getrockneten Grases unterbrochen war; eine Ziege war an einem Pfahl festgebunden und lief meckernd um den herum; weiter zurück beschien die volle Sonne einen rissigen abgestorbenen Baum.

»Wirklich,« sagte nun Gervaise, »man könnte glauben, daß man auf dem Lande wäre.«

Sie gingen bis zu diesem Baum und setzten sich darauf nieder. Die Büglerin stellte ihren Korb vor ihre Füße. Vor ihnen erhoben sich auf der Anhöhe von Montmartre viele Reihen hoher, grauer und gelber Häuser zwischen dem spärlichen Laub der Bäume; und wenn sie den Kopf noch mehr zurückbeugten, sahen sie den weiten Himmel in glühender Klarheit sich über die Stadt ausdehnen, auf dem von Norden her ein Flug kleiner weißer Wölkchen sich hinzog. Aber die leuchtende Luft blendete sie, sie mußten ihre Blicke wieder auf den flachen Horizont lenken, wo in ferner Ebene die kreidigen Vorstädte lagen; sie sahen auch die Dampfwolken, die der kleine Schornstein der Schneidemühle in kurzen Stößen ausstieß. Diese stoßenden Seufzer schienen ihre bedrängte Brust zu erleichtern.

»Ja,« sagte Gervaise verlegen, »ich hatte einen Gang zu machen ...« Das Schweigen machte sie verlegen.

So lebhaft sie diese Auseinandersetzung herbeigewünscht hatte, sie wagte doch nicht zu sprechen. Sie schämte sich. Und beide fühlten, daß sie hierher gekommen waren, um davon zu sprechen, ja, sie sprachen davon ohne laute Worte. Die Geschichte vom Abend vorher lag wie eine Trennung zwischen ihnen, die ihre Bewegung hemmte.

Da ergriff sie eine entsetzliche Traurigkeit und sie erzählte mit Tränen in den Augen von dem Todeskampf der Frau Bijard, ihrer Wäscherin, die am Morgen unter großen Schmerzen gestorben war.

»Die Ursache war ein Fußtritt, den ihr Bijard gegeben hatte,« sagte sie mit sanfter, eintöniger Stimme. »Der Bauch war ihr ganz aufgeschwollen. Er hatte ihr bestimmt eine innere Verletzung beigebracht. Mein Gott! was hat sie in diesen drei Tagen leiden müssen. Oh, es gibt gewiß auf den Galeeren Schurken, die aber nicht so schlecht sind wie so einer.«

Aber da hätten die Gerichte viel zu tun, wenn sie sich um all die Frauen kümmern müßten, die von den Männern zu Tode gepeinigt werden. Ein Fußtritt mehr oder weniger, nicht wahr? was kommt darauf an! Und die arme Frau, um ihren Mann vor dem Schafott zu retten, hat ausgesagt, daß sie auf eine Waschbank gefallen wäre und sich dabei verletzt hatte ... Die ganze Nacht schrie sie vor Schmerzen, ehe es zu Ende ging.

Der Schmied schwieg immer noch und riß ein Büschel Gras nach dem andern ab.

»Es sind noch keine vierzehn Tage her,« fuhr Gervaise fort, »da hat sie ihr jüngstes Kind, den kleinen Jules, entwöhnt. Das war noch ein Glück dabei, so wird das Kind durch den Tod der Mutter nicht zu leiden haben ... Aber wie auch immer, so bleibt die Sorge um zwei kleine Kinder an der kleinen Lalie. Sie ist noch nicht acht Jahre alt und schon so ernst und vernünftig wie eine wirkliche Mutter. Und der Vater schlägt auch sie ... es gibt Wesen, die nur zum Leiden geboren sind!«

Goujet sah sie an und sagte mit zitternder Stimme:

»Sie haben mir gestern viel Kummer gemacht, so viel Kummer.«

Gervaise wurde blaß und schlug die Hände zusammen. Er fuhr fort:

»Ich wußte es ja, daß es so kommen würde ... Nur hätten Sie mir sagen sollen, woran ich war, und mich nicht glauben lassen ...«

Er konnte seinen Satz nicht vollenden. Sie war aufgesprungen, da sie begriff, daß er glaubte, sie lebe jetzt wieder mit Lantier, so wie es das ganze Viertel versicherte. Und mit ausgestreckten Armen rief sie:

»Nein, nein, ich schwöre es Ihnen ... Er stieß mich und wollte mich küssen, das ist wahr, aber sein Gesicht hat das meine nicht berührt, und es war das erstemal, daß er das versuchte ... Oh, glaubt mir doch, bei meinem Leben, bei dem meiner Kinder, bei allem, was es Heiliges gibt.«

Aber der Schmied schüttelte den Kopf. Er traue ihr nicht, die Frauen sagen immer »nein«! Nun wurde Gervaise ernst und fing langsam an zu sprechen:

»Ihr kennt mich, Goujet, ich lüge nicht ... Nein, mein Ehrenwort! ... Nie wird das geschehen, hören Sie? Niemals! An dem Tage, an dem das geschähe, würde ich die Schlechteste und Verworfenste sein und der Freundschaft eines ehrenwerten Mannes, wie Sie sind, nicht wert sein!«

Sie sah, während sie sprach, so erregt und schön aus, ihre Augen strahlten so voller Aufrichtigkeit, daß er ihre Hand ergriff und sie wieder niedersetzen hieß. Jetzt atmete er freier und lachte wieder innerlich. Es war das erstemal, daß er so ihre Hand hielt und drückte. Beide schwiegen. Am Himmel schwammen die Wölkchen so langsam wie ein Schwan, der durchs Wasser zieht. In der Ecke hatte sich die Ziege nach ihnen umgedreht, sie ansehend, in Zwischenräumen in sanftes Meckern ausbrechend. Ohne ihre Hände frei zu geben, verloren sie sich mit schwimmenden Augen im Anblick der Höhen von Montmartre, wo ein Hochwald von Schornsteinen sichtbar war, im kalkigen Weichbild der Stadt.

»Ihre Mutter ist mir böse, ich weiß es!« fing Gervaise wieder leise an. »Sagt nicht nein ... Wir sind ihr zuviel Geld schuldig!«

Da wurde er fast böse, um sie abzuhalten, weiter darüber zu reden. Er schüttelte ihre Hand, als wolle er sie zerbrechen. Er wollte nichts vom Geld hören. Dann zauderte er und stotterte endlich:

»Hören Sie zu, seit langem wollte ich Ihnen einen Vorschlag machen ... Sie sind nicht glücklich. Meine Mutter sagt, Ihr Leben nimmt eine böse Wendung ...«

Hier stockte er, als ob ihn seine Worte erstickten ...

»Also, wir müssen zusammen fortgehen!«

Sie sah ihn an und verstand ihn nicht. Diese brüske Art, seine Liebe zu erklären, überraschte sie.

»Ja, wie das?« fragte sie.

»Ja,« fuhr er mit gebeugtem Kopf fort, »wir wollen fortgehen, irgendwo leben, in Belgien, wenn Sie wollen ... Das ist fast mein Heimatland ... Wenn wir beide arbeiten, könnten wir sehr glücklich sein!«

Jetzt errötete sie heftig. Wenn er sie an sich gepreßt hätte und geküßt, so hätte sie nicht weniger beschämt sein können. Das war ein komischer Junge, der ihr eine Entführung vorschlug, wie sie nur in Romanen oder der besseren Gesellschaft vorkommt. Seltsam! Um sie herum machten die Arbeiter verheirateten Frauen den Hof, aber sie führten sie nicht einmal nach Saint-Denis; das geschah sofort ohne viele Worte.

»Oh, Herr Goujet! Herr Goujet! ...« sagte sie leise, es fiel ihr gar nichts anderes ein.

»Dann wären wir beide allein!« fuhr er fort. »Die andern sind mir lästig. Begreifen Sie? Wenn ich mit jemandem befreundet bin, mag ich ihn nicht mit andern zusammen sehen.«

Aber nun kam sie wieder zu sich selbst und lehnte in ganz vernünftiger Weise ab.

»Das ist unmöglich, Herr Goujet ... Das wäre sehr schlecht von mir ... Ich bin doch verheiratet, nicht wahr? Ich habe Kinder ... Ich weiß wohl, daß Sie mich gern haben und ich Ihnen Kummer verursache. Doch wir würden bereuen und kein Vergnügen dabei haben. Auch ich habe Sie lieb, so sehr lieb, daß ich nicht dulden werde, daß Sie eine Dummheit machen. Und es wäre ganz gewiß eine Dummheit. Nein, es ist besser, es bleibt alles beim alten. Wir achten einander, unsere Gefühle gehören uns. Das ist sehr viel und hat mich schon mehr als einmal am Leben erhalten. Wenn man in unserm Stande ehrlich und anständig bleibt, wird einem das einmal vergolten.«

Er nickte mit dem Kopfe, indem er ihr zuhörte. Er billigte, was sie wollte, dagegen ließ sich nichts sagen. Ganz plötzlich aber, am hellen Tage, umarmte er sie und drückte sie so heftig an sich, als ob er sie zerdrücken wollte. Gleichzeitig gab er ihr einen wilden Kuß in den Nacken, daß ihm fast die Haut zwischen den Zähnen blieb. Nun ließ er sie los, und mehr verlangte er auch nicht, auch sprach er nie wieder von seiner Liebe. Sie schüttelte sich, ohne böse zu sein, sie wußte, daß sie diesen kurzen Genuß schwer genug verdient hatten.

Den Schmied hatte die Leidenschaft stärker mitgenommen, er war wie eine Eiche im Sturmwind geschüttelt; er entfernte sich, um nicht der Lust wieder zu verfallen, sie nochmals an sich zu drücken. Dann kniete er nieder, doch wußte er nicht, womit er seine Hände beschäftigen sollte; er pflückte deshalb den üppig wuchernden Löwenzahn und warf ihn Gervaise in den Korb. Dann beruhigte ihn dieses Spiel. Mit seinen von harter Arbeit fast steif gewordenen Fingern pflückte er doch die Blumen sehr zart ab, warf eine nach der andern, und seine treuen Augen lachten, wenn er den Korb nicht verfehlte. Die Büglerin lehnte am Stamme des Baumes. Sie war heiter und ruhig; um durch den Lärm, den die Schneidemühle machte, gehört zu werden, mußte sie lauter sprechen. Als sie die Baustelle miteinander verließen, sprachen sie von Etienne, dem es in Lille sehr gut gefiel; sie trug ihren Korb voller Blumen nach Hause.

Im Grunde fühlte sie sich Lantier gegenüber nicht gar so sicher, wie sie sagte. Gewiß, sie war fest entschlossen, ihm nicht zu erlauben, daß er ihr auch nur eine Fingerspitze berühre; aber sie fürchtete doch seine Berührung, und daß ihre alte Schlaffheit und Willfährigkeit wiederkehre, dieses träumerische Hindämmern, und den Wunsch, allen zu Gefallen zu leben.

Indessen machte Lautier keinen neuen Versuch. Er war öfters mit ihr allein, doch verhielt er sich dabei stets ruhig. Er schien sich mit der Kaldaunenhändlerin zu beschäftigen, die eine wohlerhaltene Frau von fünfundvierzig Jahren war. Gervaise sprach zu Goujet von diesem Verhältnis, was ihn noch mehr beruhigte. Sie antwortete Frau Lerat und Virginie, wenn sie den Hutmacher allzusehr lobten, er könne wohl auf ihre Bewunderung verzichten, da er doch so viele Verehrerinnen habe. Coupeau erzählte es überall, daß Lantier ein wahrhaftiger Freund wäre. Seinetwegen könne man schwatzen was man wolle, er wußte, was er wußte, den Teufel kümmere er sich um all das Geschwätz, da die Ehre auf seiner Seite wäre. Wenn sie zu dritt am Sonntag spazierengingen, nötigte er seine Frau, Lantiers Arm zu nehmen und vor ihm herzugehen, nur um die Leute erst recht zu ärgern; er sah allen ins Gesicht und wartete auf irgendeine Anspielung, damit er durch ein rohes Wort antworten könne.

Richtig war, daß er Lantier stolz fand, er beschuldigte ihn, daß er sich vor dem Branntwein wie ein Mädchen ziere, er verhöhnte ihn, weil er lesen konnte und wie ein Advokat sprach. Aber im großen ganzen war er doch ein famoser Junge. Man konnte lange suchen, ehe man einen zweiten fand, der so fest auf seinen Beinen stand wie er. Sie verstanden einander und schienen wie füreinander geschaffen. Die Freundschaft eines Mannes ist dauerhafter als die Liebe einer Frau.

Eines war sicher: Coupeau und Lantier schlemmten und praßten zusammen, daß alles außer Rand und Band ging. Lantier borgte Geld von Gervaise, einmal zehn, einmal zwanzig Francs, sobald er wußte, daß Geld im Hause war. Das alles war natürlich für seine großen Unternehmungen. An solchen Tagen seifte er Coupeau gründlich ein, sprach von einem weiten Weg und nahm ihn mit. Bald saßen sie im hintern Kabinett einer Restauration dicht beieinander und aßen Gerichte, die man zu Hause nicht haben konnte, und tranken Flaschenwein dazu. Dem Zinkarbeiter wären auch weniger gewählte Speisen recht gewesen, aber er mußte sich dem aristokratischen Geschmack des Hutmachers fügen, der auf der Speisekarte immer ganz außergewöhnliche Gerichte und unbekannte Saucen fand. Es war unglaublich, wie schwer dieser Mann zu befriedigen war! Vielleicht waren alle Südländer so. Er wollte zum Beispiel nichts Erhitzendes; über jedes Gericht hielt er lange Abhandlungen vom sanitären Standpunkt aus; er schickte das Fleisch zurück, wenn es zu stark gesalzen oder gepfeffert war. Noch größer war seine Angst vor Durchzug; wenn eine Türe halb offen blieb, brüllte er durch das ganze Restaurant. Dabei war er geizig. Für eine Zeche von sieben bis acht Francs gab er nie mehr als zwei Sous Trinkgeld.

Trotzdem zitterten alle vor ihm! Oh, man kannte diese beiden auf den äußern Boulevards von Batignolles bis Belleville! Sie gingen nach der Grande Rue des Batignolles, um dort Gekröse à la Caën zu essen, das man ihnen auf kleinen Wärmeapparaten servierte. Unterhalb Montmartre fanden sie die besten Austern im ganzen Quartier in der Ville de Bar-le-Duc. Wenn sie einmal nach oben verschlagen wurden, bis zum Moulin de la Valette, so ließen sie sich ein Kaninchen zubereiten. In der Rue des Martyrs bekam man im Restaurant »Zum Flieder« besonders gute Kalbsköpfe, während es in der Chaussée Clignancourt im »Goldenen Löwen« und bei den »Zwei Kastanienbäumen« gesottene Nieren gab, die ganz vorzüglich waren. Öfter noch gingen sie nach Belleville, während man in der »Burgunder Taube«, bei der »Blauen Uhr« und im »Capucin« stets einen Tisch für sie frei hielt. All diesen Restaurants konnte man blind trauen, keine Angst, daß man hereinfiele. Diese Ausflüge machten sie natürlich im geheimen und sprachen am folgenden Tage durch die Blume davon, während sie in Gervaises Kartoffeln herumstocherten. Das ging nun schon soweit, daß Lantier eines Tages ein Frauenzimmer in eine Gartenlaube des Moulin de la Valette mitbrachte, mit dem ihn dann nach dem Dessert Coupeau allein ließ.

Bei solcher Schlemmerei ist schwer arbeiten. Der Zinkarbeiter hatte auch schon vorher genug gebummelt; seitdem aber Lantier in der Familie war, hatte Coupeau kein Werkzeug mehr angerührt. Und wenn er sich doch einmal wieder anwerben ließ, weil es ihm doch langweilig war, immer arbeitslos herumzuschlendern, so war Lantier doch stets bereit, ihn vom Arbeitsplatz wegzulocken; er neckte ihn, wenn er ihn bei der Arbeit fand, er sagte, er sähe wie ein Schinken im Rauchfang aus, er solle herunterkommen und einen Schoppen trinken. In der Regel ließ dann der Zinkarbeiter die Arbeit fahren und ging mit ihm auf eine Saufreise, die nicht nur tage–, sondern auch wochenlang dauerte. Oh, das waren famose Reisen, bei denen sie Inspektion über alle Spelunken des ganzen Viertels hielten. Der Rausch wurde am Vormittag ausgeschlafen, am Nachmittag und Abend wurde wieder neu aufgegossen; ein Glas Branntwein folgte dem andern, bis zum Löschen des letzten Lichtes. Dieses Tier, der Hutmacher, machte nie bis ans Ende mit. Wenn der andere angesäuselt war, verließ er ihn und kam lächelnd und liebenswürdig nach Hause. Er hatte dann nur einen leichten Schwips, den man ihm kaum anmerkte. Nur wer ihn genau kannte, bemerkte es; seine Augen waren dann leicht zugekniffen und seine Manieren waren den Frauen gegenüber unternehmend. Der Zinkarbeiter dagegen wurde geradezu ekelhaft, jetzt versetzte ihn das Trinken schon in abscheulichen Zustand.

In den ersten Tagen des Monats November fand eine große Sauferei statt, die für ihn und die andern gleich schmutzig und ekelhaft war. Eines Abends hatte er Arbeit gefunden. Diesmal war Lantier ganz erfüllt von schönen Empfindungen; er schwärmte für die Arbeit und predigte, wie sehr sie den Menschen veredle. Er stand auch am kommenden Morgen noch bei Lampenlicht auf, denn er wollte seinen Freund feierlich zu seiner Arbeit begleiten. Als sie bei der Petite Civette angekommen waren, wurde gerade geöffnet, sie traten ein und tranken dort eine Pflaume zur Besiegelung ihres festen Vorsatzes. Dem Schanktisch gegenüber saß Bibi-la-Grillade auf einer Bank und lehnte sich an die Wand; er rauchte seine Pfeife und sah mürrisch drein.

»Sieh doch, da ist ja Bibi, der hier auf der Bärenhaut liegt,« sagte Coupeau. »Du hast wohl den Brand, mein Alter?«

»I bewahre,« sagte dieser, die Arme streckend. »Die Meister machen einem viel Ärger... Ich habe den meinen gestern sitzen lassen ... Alle sind sie Schufte ... Kanaillen.«

Bibi-la-Grillade gestattete, daß man ihm eine Pflaume kredenzte. Sicher hatte er da auf der Bank auf so etwas gewartet. Nun nahm Lantier die Meister in Schutz, die auch oft ihre liebe Not mit dem Arbeiter haben; er könne da auch ein Wort mitreden, denn er hätte auch manches durchgemacht, als er noch im Geschäfte war. Eine nette Schwefelbande, die Arbeiter! Immer auf der Bummelei, den Teufel machen sie sich aus der Arbeit, mitten in einer Bestellung laufen sie einem davon und kommen erst wieder, wenn das Geld vertrunken ist. Er hatte so einen kleinen Kerl, diesen Picard, der hatte die Marotte spazierenzufahren; sowie er seinen Lohn ausbezahlt bekam, nahm er sofort einen Fiaker auf den ganzen Tag. Das war doch nichts Vernünftiges für einen Arbeiter! Dann griff er plötzlich die Meister an. Es war eine schmutzige Gesellschaft, die den Arbeiter schamlos ausbeutete, Leuteschinder. Er konnte mit ruhigem Gewissen schlafen, er hatte immer an seinen Arbeitern als Freund gehandelt, er hat keine Millionen zusammengescharrt wie die andern.

»Nun wollen wir aber fort,« sagte er, sich zu Coupeau wendend. »Wir müssen vernünftig sein, sonst kommen wir zu spät.«

Bibi-la-Grillade schlenderte mit ihnen. Es war draußen noch immer nicht hell geworden, es dämmerte und das schwache Licht spiegelte sich in den Pfützen auf dem Pflaster; es hatte am Abend vorher geregnet und nun war mildes Wetter. Die Gasflammen waren ausgelöscht; die Rue des Poissonniers, in der die letzten Schatten der Nacht noch zwischen den Häusern schwebten, füllte sich mit Arbeitern, die nach Paris hinunter gingen. Coupeau, seinen Arbeitssack auf der Schulter, marschierte mit prahlerischem Gesicht eines Bürgers, der nur zufällig einmal seine Nationalgardistenuniform angezogen hat. Er wandte sich um und fragte:

»Bibi, willst du, daß ich dich auch festmache? Der Meister hat gesagt, ich könne einen Kameraden mitbringen.«

»Danke, nein,« sagte Bibi-la-Grillade, »ich führe ab... Du mußt das Mes-Bottes vorschlagen, der suchte gestern eine Werkstatt ... Wart einmal, er ist sicher da drinn!«

Sie waren gerade am Ende der Straße und bemerkten auch wirklich Mes-Bottes beim Vater Colombe. Trotz der frühen Morgenstunde war der »Totschläger« hell erleuchtet, die Fensterladen geöffnet, die Gasflammen angezündet. Lantier blieb in der Türe stehen und sagte zu Coupeau, er möge sich beeilen, denn sie hätten gerade noch zehn Minuten.

»Was, du gehst zu dem Spion, dem Bourguignon!« schrie Mes-Bottes, als der Zinkarbeiter mit ihm gesprochen hatte. »In diese Bude bringt mich keiner mehr, lieber hänge ich die Zunge heraus bis zum nächsten Jahr. Du wirst keine drei Tage dort bleiben, das sage ich dir.«

»Ist das wirklich eine dreckige Bude?« fragte Coupeau unruhig.

»Oh, das Schlimmste, das du dir vorstellen kannst ... Man kann sich nicht rühren. Der Meister, dieser Affe, sitzt einem fortwährend auf dem Rücken. Und dann diese Art der Behandlung dort! Die Meisterin behandelt einen wie einen Trunkenbold, im Laden darf man nicht ausspucken ... Schon am ersten Abend habe ich sie versetzt, verstehst du?«

»Nun, so bin ich wenigstens vorbereitet. Bei diesem werde ich also keinen Scheffel Salz essen. Heute will ich's mal versuchen; aber wenn ich mit dem Meister nicht auskomme, setze ich ihn seiner Meisterin auf den Schoß, aber fest, wie ein paar Heringe!«

Der Zinkarbeiter schüttelte dem Kameraden die Hand und bedankte sich für die Auskunft; da wurde Mes-Bottes aber böse. Zum Donnerwetter! Bourguignon solle sie doch nicht hindern, noch einen Schluck zusammen zu trinken! Sind denn Männer keine Männer mehr? Der Affe kann doch noch fünf Minuten warten. Nun kam auch Lantier heran und nahm ein Glas an; die vier Arbeiter standen vor dem Schanktisch. Mes-Bottes mit seinen zerrissenen Schuhen, seiner übermäßig dreckigen Bluse und einer flachen Mütze auf dem Kopfe, brüllte immerzu und rollte seine Augen mit Herrschermiene. Man hatte ihn zum Kaiser der Säufer und König der Schweine gemacht, weil er einen Salat von lebenden Maikäfern gegessen und in eine krepierte Katze gebissen hatte.

»Höre, alter Giftmischer,« schrie er dem Vater Colombe zu, »gib mir doch von dem Gelben, von deiner Eselspisse Nummer eins!«

Als Vater Colombe, ruhig, in einer gestrickten Wollweste kam und die vier Glaser gefüllt hatte, tranken sie sie schnell in einem Zuge aus, um den Branntwein nicht verdunsten zu lassen.

»Das tut wohl, wenn's einem so durchgeht«, murmelte Bibi-la-Grillade.

Nun erzählte dieses Tier, Mes-Bottes, eine komische Geschichte. Am Freitag war er so besoffen gewesen, daß ihm die Kameraden seine Pfeife mit Mörtel zwischen den Lippen festgekittet hatten. Ein anderer wäre sicher daran gestorben, aber er schlief weiter auf dem Rücken liegend, und brüstete sich noch damit.

»Darf ich den Herren nochmals einschenken?« fragte Vater Colombe mit seiner fettigen Stimme.

»Ja, doppeln Sie das,« sagte Lautier, »es ist jetzt meine Tour.«

Nun schwatzten sie von den Weibern. Bibi-la-Grillade hatte am vergangenen Sonntag seine Geliebte nach Montrouge gebracht. Coupeau erkundigte sich, fragte nach dem Ergehen des »indischen Koffers«; dies war der Spitzname einer Wäscherin aus Chaillot, die im Lokal sehr bekannt war. Sie wollten gerade weiter trinken, als Mes-Bottes Goujet und Lorilleux zurief, die gerade vorbeigingen. Die beiden kamen bis zur Türe, weigerten sich aber einzutreten. Der Schmied hatte kein Bedürfnis zu trinken. Der bleiche Kettenmacher hielt zitternd seine Ketten in der Tasche fest, die er gerade abgeben wollte, er hustete heftig und entschuldigte sich; er sagte, nach einem Schluck Branntwein müsse er sich hinlegen.

»Das sind rechte Kaffern!« wetterte Mes-Bottes. »Die trinken im Verborgenen.«

Als er seine Nase ins Glas gesteckt hatte, faßte er Vater Colombe an.

»Altes Giftfaß, du hast uns von einer andern Flasche gegeben ... Du weißt doch, daß du mit mir solche Scherze nicht machen darfst!«

Jetzt war es ganz Tag geworden; Vater Colombe drehte das Gas aus. Coupeau entschuldigte seinen Schwager, er könne wirklich nicht trinken, und man dürfe ihm das eben auch nicht als Verbrechen anrechnen. Selbst Goujets Verhalten billigte, er, denn es wäre ein Glück für einen, nie Durst zu haben. Nun wollte er aber zur Arbeit gehen, aber Lantier gab ihm mit überlegenen Gesicht eine Lehre: man bezahle wenigstens seine Tour, ehe man sich aus dem Staube mache; man ließ seine Freunde nicht wie Lumpen, auch nicht, wenn man sich zu seiner Arbeit begibt.

»Wird uns der noch lange mit seiner Arbeit langweilen?« schrie Mes-Bottes.

Vater Colombe fragte Coupeau, ob es nun seine Tour wäre?

Dieser bezahlte, als es aber zu Bibi-la-Grillade kam, beugte sich dieser zum Ohre des Wirtes und sprach leise mit ihm, worauf dieser den Kopf schüttelte. Mes-Bottes verstand, daß Colombe nicht borgen wollte, wofür ihn Mes-Bottes mit Schimpfworten überhäufte. Was! so ein Schuft seiner Sorte wolle einem Kameraden nichts borgen? Alle Kneipwirte pumpten! In solcher Giftbude solle man sich beschimpfen lassen! Doch der Wirt blieb ruhig, er stützte seine großen Fäuste auf den Rand des Schanktisches und sagte höflich:

»Borgen Sie doch das Geld dem Herrn, das ist viel einfacher.«

»Nun, in Teufels Namen, ja, ich werde es ihm borgen!« heulte Mes-Bottes. »Hier, Bibi, wirf ihm das Geld in den Rachen, diesem Verbrecher!«

Zu Coupeau gewendet:

»Du siehst ja wie eine Amme aus. Laß doch deine Puppe los, wirst ja buckelig.«

Einen Augenblick noch zögerte Coupeau; dann, nach reiflichem Überlegen, nahm er seinen Arbeitssack herunter, legte ihn auf den Boden und sagte:

»Es ist jetzt doch schon zu spät. Ich werde dann nach dem Frühstück zu Bourguignon gehen. Ich kann sagen, meine Alte hat Leibschmerzen bekommen ... Hört, Vater Colombe, ich lasse meine Werkzeuge hier unter Euerm Ladentisch und hole sie mir mittags wieder ab.«

Lantier billigte unter Kopfnicken diese Abmachung. Man muß wohl arbeiten, zweifellos; doch ist man mit Freunden zusammen, muß man vor allem höflich sein. Erst hatte sie die Lust an dieser Kneiperei gekitzelt und betäubt, ihre Hände wurden schwer und ihre Blicke suchten einander. Nun wußten sie, daß sie fünf volle Bummelstunden vor sich hatten, das erfüllte sie mit lärmender Lustigkeit, sie schlugen sich gegenseitig auf die Schultern und brüllten sich zärtliche Worte ins Gesicht. Coupeau war ganz besonders erleichtert und sah förmlich verjüngt aus, er nannte die andern »mein alter Ast«. Man nahm noch eine Runde und entschloß sich, in den »Floh, der schnarcht«, ein sehr übel beleumundetes Lokal zu gehen, wo auch ein Billard war. Erst verzog der Hutmacher das Gesicht, denn das Lokal war wirklich nicht sehr reinlich: der Schnaps kostete einen Francs der Liter, ein Schoppen in zwei Gläsern zehn Sous; die Gäste hatten das Billard so beschmutzt, daß die Bälle klebenblieben. Als nun eine Partie beschlossen war, fand Lantier seine Liebenswürdigkeit und gute Laune wieder, er war ein außergewöhnlich guter Spieler, er machte schöne Stellungen und begleitete jede Karambolage mit einer interessanten Hüftbewegung.

Als die Zeit zum Frühstück kam, hatte Coupeau einen Gedanken, er stampfte auf und schrie:

»Gehen wir und holen die Salzfresse! Ich weiß, wo er arbeitet ... Wir nehmen ihn dann mit zu Mutter Louise und essen dort Hühnerpfoten!«

Diese Idee fand Beifall. Ja, die Salzfresse mußte Hühnerpfoten mitessen. Dann zogen sie los. Die Straßen waren von gelblichem Licht erfüllt, es regnete ein wenig; aber es war allen schon zu warm, sie bemerkten gar nichts von diesem Guß auf ihre Köpfe. Coupeau führte sie in die Rue Mercadet zu der Bolzenfabrik. Sie kamen eine Stunde vor der Mittagspause dort an, der Zinkarbeiter gab einem Straßenjungen zwei Sous, er solle hineingehen und der Salzfresse sagen, seine Frau wäre unwohl geworden, er möchte gleich nach Hause kommen. Der Schmied kam auch gleich, er wiegte sich unbesorgt in den Hüften, er ahnte schon so etwas wie eine bevorstehende Sauferei.

»Ach, diese Brüllochsen!« rief er, als er sie hinter einer Türe versteckt fand. »Das habe ich mir gleich gedacht. Was wollen wir denn essen?«

Als sie bei Mutter Louise endlich an den Knochen lutschten, schimpften sie wieder auf die Meister. Die Salzfresse erzählte, daß in seiner Bude eine eilige Bestellung wäre. Oh! da wäre der Alte immer sehr höflich; wenn man beim Aufruf nicht da wäre, er bliebe doch liebenswürdig; er dürfe von Glück sagen, wenn man überhaupt wiederkäme.

Vorläufig habe es keine Not, kein Meister würde es wagen, die Salzfresse vor die Türe zu setzen, denn man fand so leicht einen solchen Burschen nicht wieder. Nach den Hühnerpfoten aßen sie einen Eierkuchen. Jeder trank einen Liter dazu. Mutter Louise ließ ihren Wein aus der Auvergne kommen; er hatte eine Farbe wie Blut und war so dick, daß man ihn hätte schneiden können. Jetzt fing es schon an toll zu werden, das Gelage kam in Zug.

»Was hat denn dieser verdammte Affe sich um mich zu kümmern?« schrie die Salzfresse beim Nachtisch. »Jetzt hat er gar eine Glocke an seiner Bude anbringen lassen! Eine Glocke ist gut für Sklaven ... Na! die soll heute nur immerzu klingeln! Das müßte kurios zugehen, wenn sie mich heute nochmals an den Amboß brächten. Seit fünf Tagen schinde ich mich, ich kann es entbehren ... Wenn er mir einen Abzug macht, schicke ich ihn nach Chaillot.«

»Jetzt muß ich euch verlassen,« sagte Coupeau mit wichtiger Miene, »ich gehe an die Arbeit. Ja, ich habe es meiner Frau zugeschworen ... Laßt es euch gut gehen, mit meinem Herzen bleibe ich bei euch.«

Die andern machten ihn lächerlich. Er schien aber so entschlossen, daß sie ihn alle begleiteten, als er sagte, er wolle nur noch sein Handwerkszeug beim Vater Colombe holen. Er nahm dort seinen Sack unter dem Ladentisch hervor und legte ihn vor sich hin, während man noch einen letzten Tropfen trank. Um ein Uhr waren sie noch zusammen.

Jetzt brachte Coupeau sein Handwerkszeug wieder unter den Ladentisch zurück, es war ihm lästig, er konnte nicht an den Ausschank gelangen, ohne darüber zu stolpern. Das war doch zu dumm; nun, er würde morgen zu Bourguignon gehen. Die vier andern, die sich über die Lohnfrage stritten, waren nicht erstaunt, als Coupeau sie aufforderte, einen kleinen Spaziergang längs der Boulevards mit ihm zu machen, damit man die Füße etwas vertrete. Der Regen hatte aufgehört. Der Spaziergang beschränkte sich darauf, daß sie auf einer Strecke von zweihundert Schritten auf und ab gingen; sie schlenkerten mit den Armen und sprachen nichts mehr; die frische Luft benahm sie, sie langweilten sich. Langsam, ohne Verabredung, ohne sich die Richtung gegenseitig anzugeben, gingen sie instinktiv wieder die Rue des Poissonniers hinauf; sie gingen zu François hinein, um einen Schoppen Wein von der Flasche zu trinken. Das tat ihnen not, sie mußten wieder hochkommen. Man war auf der Straße geradezu traurig geworden; es war so schmutzig draußen, man hatte keinen Polizisten hinausjagen mögen. Lantier veranlaßte die Kameraden in das Kabinett zu gehen; das war ein kleiner enger Winkel, den ein einziger Tisch ausfüllte; dieser Raum war durch eine Holzwand mit Scheiben von der allgemeinen Trinkstube getrennt. Lantier hatte eine ganz besondere Vorliebe für Kabinette, weil das vornehmer war. Nun, waren die Kameraden hier nicht gut aufgehoben? War man nicht wie zu Hause? Man hatte hier ungeniert ein Schläfchen machen können. Er verlangte eine Zeitung, breitete sie groß auseinander und durchflog sie mit gerunzelten Augenbrauen. Coupeau und Mes-Bottes hatten eine Partie Piquet angefangen. Zwei Liter und fünf Gläser standen auf dem Tisch.

»Na, was lügen sie denn da wieder zusammen in der Zeitung?« fragte Bibi-la-Grillade den Hutmacher.

Er antwortete nicht sofort. Dann fing er an:

»Ich lese hier von der Kammer. Das sind auch Republikaner für vier Sous das Stück, diese verdammten Bummler von der Linken. Glauben sie denn, daß das Volk sie gewählt hat, damit sie Zuckerwasserreden halten! ... Der glaubt an Gott und macht den Kanaillen von Ministern Liebeserklärungen! Ich, wenn ich gewählt würde, stiege auf die Tribüne und sagte: St ...! Ja, nicht mehr und nicht weniger; das ist meinte Meinung!«

»Ihr wißt doch, daß Badinguet neulich vor dem ganzen Hofe am Abend seine Frau geschlagen hat!« erzählte die Salzfresse. »Mein Ehrenwort! Um nichts und wieder nichts haben sie sich gezankt. Badinguet war betrunken.«

»Laß uns doch mit deiner Politik in Ruhe!« schrie der Zinkarbeiter. »Lies lieber über die Morde, das ist lustiger!«

Dann wandte er sich wieder seinem Spiele zu und meldete eine Terz von der Neun und die Damen:

»Ich habe eine Terz von oben herunter und drei Täubchen ... Ja, die Krinolinen verlassen mich nicht!«

Alle leerten ihre Gläser. Lantier las ganz laut vor:

»Ein entsetzliches Verbrechen hat die Gemeinde Gaillon (Seine-Marne) in Schrecken versetzt. Ein Sohn hat seinen Vater mit einem Spaten erschlagen, um ihm dreißig Sous zu stehlen.«

Alle stießen Schreie der Entrüstung aus. Das war einer, den hätten sie gern gesehen, wie er einen Kopf kürzer gemacht wurde. Die Guillotine war noch nicht Strafe genug, der gehörte in kleine Stücke zerrissen. Auch ein Kindsmord empörte sie. Aber der Hutmacher spielte den Moralischen, er entschuldigte die Frau und gab ihrem Verführer die Schuld; denn wenn so ein Schuft das Mädchen nicht unglücklich gemacht hätte, so hätte sie auch nie ein Kind umbringen können! Die Heldentaten eines Marquis von T ... wurden sehr bewundert, der um zwei Uhr morgens von einem Ball zurückkehrte und sich auf dem Boulevard des Invalides gegen drei Strolche verteidigte; dabei fand er es nicht der Mühe wert, seine Handschuhe auszuziehen; den zwei ersten hatte er seinen Kopf in den Bauch gerannt und den dritten an einem Ohr zur Wache geführt. Den Teufel! der hatte eine Faust! Schade, daß so einer gerade adelig ist!

»Hört jetzt zu!« sagte Lantier. »Ich komme zu den Neuigkeiten aus der großen Gesellschaft! Die Gräfin von Bertigny verheiratete ihre älteste Tochter an den jungen Adjutanten Sr. Majestät, den Baron von Valençay. Bei den Brautgeschenken befanden sich für dreimalhunderttausend Francs Spitzen.«

»Was geht uns denn das an?« schrie Bibi-la-Grillade. »Ich will nicht wissen, was ihre Hemden für eine Farbe haben ... Die Kleine kann so viele Spitzen haben wie sie will, deshalb muß sie doch den Mond durch dieselben Löcher sehen wie die andern!«

Als Lantier Miene machte, seine Lektüre fortzusetzen, nahm ihm die Salzfresse die Zeitung weg und setzte sich darauf; er sagte:

»Nun ist es genug! ... Ich will sie warm halten ... Das Papier ist zu weiter nichts zu gebrauchen!«

Mes-Bottes, der gerade in seine Karte sah, schlug triumphierend auf den Tisch. Er sagte dreiundneunzig an.

»Bei mir ist Revolution!« schrie er. »Eine Quint-Major ... Das macht zwanzig, nickt wahr? Dann Terz-Major in Karo, dreiundzwanzig; drei Könige, sechsundzwanzig; drei Buben, drei Asse ... zweiundneunzig ... Und ich, ich spiele ein Jahr der Republik – macht dreiundneunzig!«

»Du bist aufgeschrieben, alter Junge!« schrien die andern Coupeau zu.

Daraufhin bestellten sie zwei frische Liter. Die Glaser wurden nicht mehr leer, die Trunkenheit wurde immer größer.

Gegen fünf Uhr wurde es so widerwärtig, daß Lantier daran dachte, sich leise zu entfernen; wenn sie so weit waren, daß sie heulten und den Wein auf die Erde gossen, so paßte es ihm nicht mehr. Coupeau war aufgestanden, machte das Zeichen des Kreuzes über die Säufer und taufte den Kopf Montparnasse, die rechte Schulter Menilmontant, die linke Courtille, die Mitte des Bauches Bagnolet. Der Hutmacher benutzte das Schreien und Toben, das diese Weihe begleitete, um sich still zu drücken. Die Kameraden merkten es nicht einmal. Er war schon stark angeheitert. Als er aber draußen war, riß er sich zusammen und fand so seine Sicherheit wieder; als er in den Laden zurückgekehrt war, erzählte er Gervaise, daß er Coupeau in Gesellschaft seiner Freunde zurückgelassen hatte.

Zwei Tage gingen darüber hin, der Zinkarbeiter kam nicht zum Vorschein. Er trieb sich im Viertel herum, man mußte nicht wo. Verschiedene Leute hatten ihn gesehen, einer bei Mutter Baquet im »Papillon« oder bei dem »kleinen Mann, der hustet«. Die einen versicherten, er wäre allein gewesen, andere sagten, er wäre in Gesellschaft von sieben oder acht solchen Dauersäufern, wie er selbst einer war. Gervaise zuckte zu all dem mit gefaßter Miene die Schultern. Mein Gott, daran mußte man sich eben gewöhnen! Sie lief ihrem Manne nicht nach; im Gegenteil, wenn sie ihn bei einem Weinhändler sah, machte sie einen großen Umweg, um ihn nicht wütend zu machen. Sie wartete ruhig, bis er nach Hause kam, horchte in der Nacht manchmal auf, ob er nicht vor der Ladentüre draußen schnarche. Er schlief gewöhnlich auf einem Schutthaufen oder einer Bank, einer Baustelle oder in einem Rinnstein. Am Morgen, wenn er den Rausch des vorigen Tages noch nicht ganz verschlafen hatte, ging er wieder davon, schlug an die Fensterläden, versuchte sich durch neues Trinken zu betäuben und begann wieder seine rasende Jagd, immer von Schnapsgläsern, Schoppen und Litern umgeben; er verlor und fand seine Freunde wieder auf diesen Reisen, von denen er voller Schrecken heimkehrte, weil er die Straße wanken sah. Die Nacht senkte sich hernieder und der junge Tag stieg empor, ohne daß er einen Gedanken fassen konnte, er wollte immer trinken und auf der Stelle seinen Rausch verschlafen. Wenn er nur schlief, dann war alles gut. Gervaise ging dieses Mal dennoch am zweiten Tage in den »Totschläger« zum Vater Colombe, um Erkundigungen einzuziehen; er war fünfmal dort gewesen, mehr konnte man ihr nicht sagen. Sie mußte sein Handwerkszeug mitnehmen, das unter dem Ladentisch liegengeblieben war.

Als Lantier am Abend sah, wie sehr Gervaise verstimmt war, da schlug er ihr vor, mit ihm in ein Kaffeekonzert zu gehen, damit sie auf andere Gedanken käme. Zuerst schlug sie es ab, sie wäre nicht zum Lachen aufgelegt; zu einer anderen Zeit hätte sie nicht nein gesagt, denn sie sähe, daß das Anerbieten ehrlich wäre, sie fürchtete keinen Verrat. Er zeigte sich voller Mitgefühl für ihr Unglück und machte sich väterlich. Unwillkürlich lief sie alle zehn Minuten nach der Ladentüre, ohne ihr Eisen aus der Hand zu setzen; sie schaute nach beiden Seiten der Straße, ob ihr Mann immer noch nicht käme. Sie konnte nicht mehr ruhig auf einem Fleck stehen bleiben, so sehr war ihr das in die Beine gefahren; denn es war ja möglich, daß sich Coupeau Schaden zugefügt hätte, er konnte unter einen Wagen geraten sein und nun mit gebrochenen Beinen liegen bleiben. Da wäre sie eine schöne Last los gewesen, sie wollte keine Spur von Freundschaft mehr in ihrem Herzen aufkommen lassen für so einen ekelhaften Mann. Aber es war doch ärgerlich, sich immer fragen zu müssen, wird er nun endlich kommen oder nicht! Als es Abend wurde und man das Licht anzündete, sprach Lantier wieder vom Kaffeekonzert, und sie sagte ja. Bei richtiger Überlegung fand sie es doch recht dumm, sich ein Vergnügen zu versagen, da ihr Mann nun schon drei Tage lang das Leben eines Vagabunden führte. Da er nicht nach Hause kam, konnte sie wohl ausgehen. Nun sollte die Bude zum Teufel gehen, wenn sie wollte; am liebsten hätte sie Feuer daran gelegt, so verbitterten Sorgen und Qualen ihr das Leben.

Schnell aß man. Als Gervaise um acht Uhr am Arm des Hutmachers ausging, sagte sie zu Mama Coupeau und Nana, sie möchten sich gleich schlafenlegen. Der Laden wurde geschlossen und sie gingen durch die hintere Hoftüre hinaus; sie gab Frau Boche den Schlüssel und bat sie, das Schwein ins Bett zu legen, wenn es nach Hause kommen sollte. Lantier wartete unter dem Torweg auf sie, er war sehr gut gekleidet und pfiff ein Lied. Sie hatte ihr Seidenkleid an.

Sie gingen langsam, aneinandergepreßt durch die Straßen, der helle Schein aus den Läden beleuchtete sie hin und wieder, sie gingen lächelnd und mit leiser Stimme plaudernd dahin.

Das Kaffeekonzertlokal auf dem Boulevard Rochechouart war ein kleines, altes Lokal, das man durch einen Bretteranbau nach dem Hofe zu erweitert hatte. Am Eingang war ein leuchtender Bogen aus Glaskugeln; große Annoncen waren auf eine Bretterwand aufgeklebt, die beim Rinnstein aufgestellt war.

»Hier sind wir,« sagte Lantier. »Heute abend ist das erste Auftreten einer Soubrette, Fräulein Amanda.«

Mitten in dieser Erklärung sah er Bibi-la-Grillade stehen; er las ebenfalls die Zettel. Er mußte am Abend zuvor einen Schlag auf ein Auge bekommen haben, denn es war ganz blau.

»Nun,« fragte Lantier, »wo ist denn Coupeau? Habt ihr ihn denn verloren?«

»Oh,« sagte der andere, »das ist schon lange her, seit gestern. Als wir von Mutter Vaquet fortgingen, gab es eine Schlägerei. Ich liebe solche Sachen nicht ... Du kennst doch den Kellner der Mutter Baquet, er wollte ein Liter Wein zweimal bezahlt haben ... Dann bin ich fortgegangen und habe mich etwas aufs Ohr gelegt.«

Er gähnte noch, obschon er volle achtzehn Stunden geschlafen hatte. Er war aber ganz nüchtern, er hatte ein abgestumpftes Gesicht, an seiner Jacke hingen noch Bettfedern, er hatte sich in Kleidern schlafen gelegt.

»Und Sie wissen gar nicht, wo mein Mann ist?« fragte die Büglerin.

»Keine Ahnung ... Es war fünf Uhr, als wir uns bei der Mutter Baquet trennten, ... Wart einmal!... Ich glaube, ich sah ihn mit einem Kutscher in den ›Schmetterling‹ gehen ... Oh, das ist doch zu dumm, man verdiente, totgeschlagen zu werden!«

Lantier und Gervaise unterhielten sich den ganzen Abend hindurch ausgezeichnet.

Als um elf Uhr geschlossen wurde, kamen sie ohne große Eile, tanzend, zurück. Es war etwas kälter geworden, die Menschen gingen truppweise nach Hause; Mädchen kicherten im Schatten der Bäume, wenn die Männer handgreiflich wurden. Lantier sang ein Lied, das Fräulein Amanda gesungen hatte: »Nur in der Nase bin ich kitzlich.« Gervaise, fast trunken, wiederholte den Refrain. Es war ihr sehr warm gewesen; das Essen, der Rauch der vielen Pfeifen und die Ausdünstung so vieler Leute beschwerten ihr den Magen. Der lebhafteste Eindruck, den sie gehabt hatte, war Fräulein Amanda. Sie hätte es nie gewagt, so nackt aufzutreten. Aber man mußte gerechterweise zugeben, daß dieses Mädchen eine reizende Haut hatte. Mit lüsterner Neugierde hörte sie von Lantier noch einige Einzelheiten über sie; das alles sagte er mit der Miene eines Lebemannes, der in allem Bescheid weiß.

»Sie schlafen schon alle«, sagte Gervaise, als sie bereits dreimal geläutet hatten, ehe die Boches öffneten.

Als die Türe aufging, war der Hausflur dunkel, und als sie an der Scheibe der Portiersloge klopfte, um den Schlüssel in Empfang zu nehmen, schrie die verschlafene Frau eine ganze Geschichte zusammen, von der sie zuerst kein Wort verstand. Endlich verstand sie, Poisson hatte Coupeau in einem tollen Zustande nach Hause gebracht; der Schlüssel müsse in der Türe stecken.

»Zum Teufel! was ist das,« murmelte Lantier, als sie eingetreten waren. »Das ist ja die reine Pest.«

Es roch erschreckend durchdringend. Gervaise suchte die Streichhölzer und spürte, daß sie im Nassen ging. Als sie endlich Licht gemacht hatte, hatten sie ein schönes Schauspiel. Coupeau hatte sich übergeben; das ganze Zimmer war voll; das Bett beschmutzt, der Teppich, an der Kommode war es hinaufgespritzt. Coupeau, den Poisson wohl in das Bett gelegt haben mochte, war heruntergefallen und lag mitten in seinem Schmutz. Darin lag er ausgestreckt wie ein Schwein, seine Backe war voll und aus dem weit offenen Munde kam sein verpesteter Atem. Seine grauen Haare wischten in der Pfütze herum.

»Oh, das Schwein! das Schwein!« wiederholte Gervaise ganz außer sich. »Alles hat er beschmutzt ... Nicht einmal ein Hund hätte das gemacht, ein krepierter Hund ist sauberer wie er.«

Keines von beiden wagte sich zu rühren, weil sie nicht wußten, wohin die Füße setzen. Noch nie war der Zinkarbeiter in solchem Zustande nach Hause gekommen und noch nie hatte er das Zimmer so beschmutzt. Dieser Anblick zerstörte den letzten Rest jeder Empfindung in der Frau, die sie vielleicht noch für ihn gehabt hätte. Wenn er früher angeheitert oder auch betrunken nach Hause kam, so war er doch immer liebenswürdig und nie ekelhaft. Der Gedanke, daß ihre Haut mit der seinen in Berührung kommen sollte, verursachte ihr Übelkeit, als wenn man von ihr verlangt hätte, sich neben einen Toten zu legen, der an einer ekelhaften Krankheit gestorben ist.

»Irgendwo muß ich doch schlafen,« murmelte sie. »Ich kann mich doch nicht auf die Straße legen ... Ich möchte doch lieber über ihn hinwegsteigen.«

Sie probierte über den Trunkenbold zu steigen, mußte sich dabei aber an der Kommode halten, um nicht auszugleiten. Coupeau versperrte den Zugang zum Bett. Nun nahm sie Lantier, der lächelte, weil er wohl annahm, daß sie diese Nacht nicht auf ihrem Kissen schlafen würde, bei der Hand und sagte mit leiser und leidenschaftlicher Stimme:

»Gervaise ... so höre doch, Gervaise ...«

Sie hatte genug gehört; sie machte sich los, und in ihrer Bestürzung duzte sie ihn wie früher.

»Nein, laß mich gehen ... Ich beschwöre dich, August, geh in dein Zimmer ... Ich werde mich schon einrichten und vom Fußende aus ins Bett steigen.«

»Gervaise, höre doch, sei nicht kindisch,« wiederholte er, »das riecht zu schlecht. Hier kannst du nicht bleiben ... Komm! Was fürchtest du denn? Er wird uns nicht hören.«

Sie kämpfte noch immer, schüttelte den Kopf. In ihrer Verwirrung wollte sie zeigen, daß ihr Ernst wäre, und begann sich auszuziehen. Das Seidenkleid warf sie über einen Stuhl und stand nur noch mit Hemd und Unterrock da; sie sah ganz weiß aus und hatte nackte Arme. Ihr Bett gehörte ihr, sie wollte in ihrem Bett schlafen. Zweimal versuchte sie es noch, eine saubere Stelle zu finden, wo sie durchschlüpfen konnte. Aber Lantier ließ nicht nach. Er faßte sie um die Taille und sagte ihr Worte, die ihr das Mut in den Kopf trieben.

Oh, sie war in einer schlimmen Lage, mit einem ekelhaften Tier von Ehemann, der sie hinderte, sich ehrbar in ihr Bett zu legen, und einem verdammten Schuft im Rücken, der nur daran dachte, ihr Unglück auszunutzen und sie wieder zu gewinnen! Als der Hutmacher lauter wurde, bat sie ihn, doch stille zu sein. Sie horchte nach der Türe hin, wo Mama Coupeau und Nana schliefen. Die Kleine und die Alte mußten fest schlafen, denn man hörte ihren regelmäßigen Atem.

»August,« bat sie mit aufgehobenen Händen, »du wirst sie aufwecken. Sei vernünftig. Nicht hier, neben meiner Tochter ... ein anderes Mal ...«

Jetzt sprach er nichts mehr, er lächelte nur noch; langsam küßte er sie aufs Ohr, wie er das früher tat, wenn er sie necken und betäuben wollte. Das machte sie vollkommen wehrlos; sie fühlte ein gewaltiges Sausen und Frösteln überlief sie vom Kopf bis zu Fuß. Sie machte noch einen Schritt. Doch sie mußte zurückweichen. Es war unmöglich, so groß war ihr Ekel, der Geruch so unerträglich, sie hätte sich selbst übergeben müssen.

Coupeau lag da wie ein Toter, die Trunkenheit hatte ihn vollkommen benommen, er schlief in seinem Rausch mit totsteifen Gliedern und offenem Munde. Die ganze Straße hätte seine Frau küssen können, er hätte sich nicht gerührt.

»Um so schlimmer,« stotterte sie, »es ist seine Schuld, ich kann nicht anders ... Oh, mein Gott, mein Gott! Er wirft mich aus seinem Bett, ich hab kein Bett mehr ... Nein, ich kann nicht anders, es ist seine Schuld.«

Sie zitterte und verlor gänzlich ihren Kopf. Während Lantier sie in sein Zimmer drängte, zeigte sich Nanas Kopf hinter einem Fenster der Glasscheiben in der Türe zum Kabinett. Die Kleine war aufgewacht und leise aufgestanden, in ihrem Hemdchen kauerte sie da, sie war blaß und verschlafen. Sie sah ihren Vater am Boden in der Schmutzlache liegen; sie preßte ihr Gesichtchen gegen die Scheibe und blieb, bis ihre Mutter im Unterrock in dem Zimmer des andern verschwunden war. Sie war sehr ernst. In den großen Augen dieses lasterhaften Kindes leuchtete eine geile Neugierde.

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