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Der Totschläger

Alfons Petzold: Der Totschläger - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDie Heirat des Herrn Stäudl - Österreichische Kriminalgeschichten
publisherHerbert Greiner-Mai und Hans Joachim Kruse, Hrsg.
year1985
authorAlfons Petzold
titleDer Totschläger
senderharald_aichmayr@netway.at
copyright(c) 1985 Verlag Das Neue Berlin, Berlin
firstpub1921
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Alfons Petzold

Der Totschläger

»Hund, elendiger Hund!«

Und dann kam noch ein furchtbarer Fluch durch die niedere Stube geprallt. Der fiel aber aus keinem wutvergeiferten Mund, sondern aus einer wie zu einem Stein zornverkrampften Faust und war ein schrecklicher Hieb, der einen blonden, eisenharten Schädel wie eine leere Zigarrenkiste einschlug.

Als der kräftige junge Männerkörper auf die öldurchtränkten, trittezerkerbten Steinfliesen des Werkgasthauses, des ehemaligen alten Maschinenhauses, hinschlug, schwerplumpsig wie ein voller Kartoffelsack, kam es Franz Scheiblechner, dem Faustschwinger, zum aufrüttelnden Bewußtsein, daß er einen Menschen totgeschlagen, also ein Mörder geworden war.

Eine atemdrosselnde, schwarze Hülle warf sich über sein bisher so frohes, zufriedenes Arbeiterleben. Einen Augenblick lang fühlte er sich in einem stählernen Sarg liegen, an dessen Deckel sich seine lebenshungrige Jugend vergeblich wundstieß.

Dann weitete sich vor seinen entsetzten Augen die enge, tabakqualmerfüllte Wirtsstube zu einem mächtigen Raum, der erfüllt war von einer Unzahl Menschen, die alle Blicke voll Abscheu und Haß für ihn hauen, mit den Fingern auf ihn wiesen und anklagend ihn anheulten.

»Mörder!«

So litt er schon jetzt zwiefachen Tod: den der Gerechtigkeit und den der Schande für seine Tat.

Und es kam noch der Tod der Rache dazu.

Denn es schrumpften auf einmal all die vielen Menschen vor ihm zu einer knöchernen Faust zusammen, die spannte sich um seinen Hals, und er hörte die Stimme des von ihm Erschlagenen im Weltall dröhnen: »Mörder!«

Eine klagende Frauenstimme riß ihn aus seiner ihn hinrichtenden Betäubung.

»Franz, Franz! Heiliger Gott, was hast denn getan? Schau nicht so wild, ich bin's ja, dein Annerl !«

Seine Braut war es, die ihn ins Gesicht klagte. Ihre ihn aufrüttelnden Worte voll Herzweh und fragender wie auch schon wissender Verzweiflung rissen ihn unbarmherzig über den rotglühenden Rost des Geschehenen.

Und er wachte auf zu tierischer Selbsterhaltung. Aus der brennenden Not seiner Seele schrie er mit brutaler Härte das weinende Mädchen an.

»Weil der Hundskerl, der Fallot, meine Maschin schimpfiert hat, hab ich ihm eine feste aufs Dachl geben !«

Darauf ließ er sich ruhig von der erschienenen Polizei abführen.

Der Maschinenwärter Franz Scheiblechner und der Transmissionenaufseher Ferdinand Gruber, beide in der großen Jutespinnerei angestellt, waren seit Jähr und Tag gute Freunde gewesen.

In der ewig nebligen, feuchtheißen Dampf- und Ölschwüle des geräumigen Maschinenhauses hatten sie sich kennen- und schätzengelernt und die Brücke getreulicher Freundschaft in die fröhlichere Atmosphäre der Gassen, Vorstadtgärten und Gasthäuser hinübergespannt.

Über diesen wohlgebauten Brückensteg war dann im Laufe der Zeit von den zwei Freunden schon manche frohe, glückliche Stunde, gar mancher Trost in ihr für gewöhnlich so graues, mit Verdrießlichkeiten und Enttäuschungen aller Art vollbeladenes Arbeiterleben getragen worden. Nach Anbruch der abendlichen Feierzeit und an den freien Sonn- und Feiertagen sah man die beiden ebenso beisammen wie in der Fabrik, in der sie durch ihre Beschäftigung zumeist immer in Berührung standen. "Wie Maschine und Transmission, so schienen Scheiblechner und Gruber untrennbar zu sein.

Keiner besuchte ohne den anderen eine festliche Veranstaltung, machte ohne den anderen an der Seite einen Ausflug in die Umgebung der Stadt. In jeder Wählerversammlung, Werkstättenbesprechung und anderen Zusammenkünften der Arbeiter sah man die beiden Freunde nebeneinander sitzen oder stehen, immer für die gleiche Meinung sich einsetzend, die in ihnen beinahe die gleichen Worte bei den Auseinandersetzungen mit den Kameraden weckte. Lachen und Schimpf für die Erscheinungen ihres Daseins kam aus ihnen in seltener Eintracht nach einem rätselhaften Gesetz. Sah man an einem regnerischen Sonntagnachmittag den langen, stricknadeldünnen Gruber Ferdi in der verrauchten Extrastube des kleinen Vorstadtkaffeehauses die blanken, federweißglänzenden Tarockkarten schwingen, so konnte man eine todsichere Wette eingehen, daß einer seiner drei Spielpartner der Maschinenwärter Scheiblechner war.

Der saß dann immer mit seinem klobigen, kräftig untersetzten Knochen- und Muskelpostament seinem leibschmächtigen Freund gegenüber und lächelte mit fettglänzendem Ölkannengesicht beruhigend und versöhnlich über die Aufgeregtheit und den blinden Spieleifer Grubers, während er selbst die personifizierte Gleichgültigkeit vorstellte. Kein noch so unerwarteter Zufall konnte ihn in seiner ruhigen Beschaulichkeit stören, und er sah mit dem gleichen geduldigen Ausdruck des Zuwartens und der Selbstverständlichkeit in den frischen, wasserblauen Augen auf die sumpfgrüne, abgegriffene Fläche des breiten Spieltisches nieder, mit dem er gewohnt war, stundenlang in das von ihm regulierte Kesselfeuer zu schauen. Die schöne Freundschaft zwischen den beiden an Körper und Seele so ungleichen Menschen bekam mit der Zeit einen solchen Grad der Innigkeit und des Bewußtseins, eine Einigkeit vorzustellen, daß Scheiblechner, als er anfing, einem Mädchen aus der Nachbarschaft den Hof zu machen, vorerst den Gruber ganz ernsthaft fragte, ob er mit diesem Verhältnis einverstanden sei und dazu raten könne, und erst nach dessen Zustimmung es wagte, der Weghuber Annerl seine Liebe und ernsten Eheabsichten zu erklären.

Als der bisherige Schlafgenosse des Transmissionenaufsehers auf längere Zeit zu seinem Regiment als Soldat einrücken mußte, gab der Maschinenwärter sofort seine hübsche Wohnkammer auf, deren breites Fenster auf licht- und luftreiche Felder lugte. Er mußte zu seinem einsam gewordenen Freund ziehen, der in einer halbdunkeln Stube hauste, die dieser mit seinem minderen Gehalt allein schwer bezahlen konnte. Und Scheiblechner opferte mit Freuden seiner Freundschaft die bisherigen Schätze seines Proletendaseins:

Licht und werkstättenfremde, reine Luft. Nur in einem waren die Freunde nicht eines Sinnes, behauptete, jeder starr und steif seine eigene Meinung. Es war dies ihr Verhältnis zu der Maschine, die sie beide zu bedienen hatten. Der eine ihren ganzen vielgliedrigen Leib, der andere ihre gewaltigen Füße und Hände, mit der sie ihre ungeheure Kraft in die entlegensten Räume und Winkel der Fabrik schleuderte.

Der Maschinenwärter liebte das ihm anvertraute Werk über alles, war stets, auch in seiner freien Zeit, voll Sorge um die riesigen Räder, den mächtigen Kesselbauch, die wunderbaren Schrauben, schmirgelte, polierte die Manometer, Kolben, Griffe, daß sie wie zierliche Sönnchen, Monde und Sternschwänzchen aufleuchteten; und immer, auch bei der schwersten Arbeit, hing sein Blick voll Stolz und Liebe an dem ungeheuren Körper des Ungetüms aus Stahl und Kupfer, das da glühend, brausend, stampfend, zischend, heulend Hunterten Arbeitsmuskeln tausendfache Kraft und Stärke. Ungebeugtheit vor dem Werke in den Stunden der Arbeit gab.

Gerade das Gegenteil fühlte der Transmissionenaufseher Gruber. Haß und oftmals eine unaussprechliche grauenhafte Furcht setzte er gegen die Liebe und das Vertrauen seines Freundes zur Maschine ein.

Nur mit Widerwillen ging er zur Frühe jedes Tages von neuem an seine verfluchte Arbeit. Unausgesetzt war er voll des ärgsten Mißtrauens, das ein Schwächerer gegen eine Ihm feindlich gesinnte Macht empfindet. Umrauschte ihn das ölige Schleifen der Riemen über die glänzenden Holz-und Stahlwellen, hielt er sich immer zur Flucht vor einem plötzlichen Überfall bereit.

Wie ein Tierbändiger unter unzuverlässigen, nur mit glühender Eisenstange niederzuhaltenden Bestien kam er sich vor, solange er seinem Dienst nachgehen, Antrieb, Übertragungen, Riemenregulatoren nach ihrer Haltbarkeit prüfen, ihre geheimen Leiden und Wunden suchen und einölen mußte.

Er wurde erst wieder ein Mensch, der sich seines Daseins freuen konnte, wenn die Dampfsirene Feierabend verkündete und die sausenden Räder und Riemen, erschlagenen Tigern gleich, mit einem ersterbenden Fauchen in der Dämmerung der Säle schlaff hinsanken und stumm wurden. Aber ist in Schlaf und Träume hinein verfolgten ihn die fettigen Polypenarme der stählernen Ungeheuer in der fernen Fabrik. , Zu Beginn ihrer Freundschaft hatte es Gruber einigemal versucht, seinem Freund die Menschenfeindschaft der Maschinen zu erklären und in dessen Herzen den gleichen Haß gegen diese Erfindungen böser Geister und Teufel großzuziehen, der in ihm sein arges Wesen trieb. Aber seine plumpen Beschimpfungen und übertriebenen Vorwürfe hatten bei dem sonst so gutmütigen Maschinenwärter jedesmal Wutausbrüche zur Folge gehabt, und tagelang nachher war er noch voll Entrüstung gewesen über seines Freundes schandbares Benehmen gegen die über alles geliebten Maschinen. So verbarg Gruber um des lieben Friedens willen schlecht und recht seine wahre Gesinnung vor dem Freund. Wenn nun Scheiblechner vor Kameraden und Bekannten in den höchsten Tönen der Begeisterung von seinen Dampfkesseln, Akkumulatoren, Motoren sprach, biß sich Gruber voll unterdrückten Zornes und Schmerzes über die Arglosigkeit des Anpreisers die Zähne ineinander, um nicht das Gegenteil herau'szubrüllen. Und insgeheim wuchs in ihm eine große eisige Furcht zur Gewißheit auf, daß da drinnen in dem roten Maschinenhaus Stahl und Messing, Kupfer und Eisen, Riemen und Radwerk über sein und seines Freundes Verderben in der Ruhe mancher Nacht nachsannen.

Der Zeitpunkt der Kesselreinigung war herangekommen. Diese dauerte von Samstag abends bis Montag früh. Während Gruber dem kontrollierenden Ingenieur das einwandfreie Funktionieren der Transmissionen und Sicherheitsvorrichtungen vorführen mußte, saß der Maschinist in dem Fabriksgasthaus, verzehrte sein Nachtmahl, trank ein Glas Wein und wartete auf seinen Freund, um dann nach vollständigem Stillstand des Werkes die Feuer zu löschen und die Kessel zum Einstieg bereitzumachen.

Es waren nur mehr wenige Gäste zugegen, alles Arbeiter der Fabrik, Junggesellen und einige leichte Brüder, die daheim Weib und Kind auf den Wochenlohn warten ließen, weil es hier an den Samstagen ein besonders süffiges Bier gab. Der Wirt, ein ehemaliger Werkmeister, dem eine schwere Walze die Finger der rechten Hand zermalmt hatte, zählte schon die Tageslosung zusammen, während Schank-bursche und Kellnerjunge sich schläfrig in den dichten Tabakqualm hineinlehnten.

Eben wollte sich Scheiblechner noch eine Virginierzigarre bestellen, als die Tür aufprallte und Gruber wie hereingeschleudert gegen einen Tisch anflog. Er sah fürchterchterlich aus. Die blaue Zeugbluse hing ihm, mit dem heruntergerissenen Hemd zu einem Strick verdreht, am Leibe herunter. Seine nackten Schultern, Brust und Rücken sahen aus, als wären sie durch das schmutzigste Tropföl gezogen worden. Das Gesicht fahlte leichenhaft unter dem wirren schwarzen Haarschopf hervor, und die Augen waren die eines wütenden Hundes, der Wasser sieht. Mit keuchendem Schreien kam es aus seiner stoßenden Brust: »Jetzt hat s' mich endlich einmal erwischt, das verfluchte Luder. Ich trete oben auf der Transmissionsbrücken, da ruft mich der Herr Ingenieur; ich dreh mich um, und schon hat s' mich beim Frack, das elendige eiserne Viech, dreht mich um die Scheiben, und nur weil der Ingenieur gleich abgestellt hat, pick ich jetzt nicht als Fettfleck auf der Mauer wie eine Heringsseel! Ich hab's ja immer g'wußt und g'sagt, daß 's der scheinheilige Hundskrampen auf mich abg'sehn g'habt hat —«

Erregt fiel ihm da der Maschinenwärter in die Rede: »FerdI, was schimpfst denn auf die Maschin, du bist ja selbst schuld dran, hätt'st aufg'paßt, hätt s' dich nicht erwischt!« Der Aufseher war irr vor überstandener Todesangst und Wut; er spie seinen Freund an: »He, was hast g'sagt, schuld soll ich sein? Ah, vielleicht hätt ich noch dank schön sagn solln, wenn mich dein Sauwerkel hing'richt hätt! Mit Dynamit soll s' in die Luft g'sprengt werden, das vermaledeite Biest!«

»Du, Gruber, halt dich z'rück!«

Mühsam gurgelte es Scheiblechner aus der von Empörung gewürgten Kehle.

»Ich mich z'rückhalten!« brüllte Gruber. »Ich mich z'rückhalten, wo's um mein Leben gangen ist? Daß ich nicht lach! Und wann jetzt der Direktor vor mir steht, sag ich ihm dasselbe. Natürlich, du Schlürferl möcht's am liebsten deiner verdammten Maschin hinten neinkriechen! Aber heut hab ich ihr's g'zeigt, dem graupign Mistvieh; mit der Spitzhackn hab ich ihr die Schlitzaugn, die zwei Manometer, vom Schädel g'haut!«

Der Maschinist fühlte Feuer im Gehirn, heiß und rot schießt es ihm in die Augen. Er taumelte nach vorn und stierte dem Gruber ins Gesicht: »Was hast getan, was .. .?«

»Deiner eisernen Geliebten den Hirnkasten eing'haut!«

Scheiblechner spürte die Haare auf seinem Kopf brennen, und sein Herz lag in glühender Lohe. Er sah seine Maschine, sein Werk beschimpft, entehrt. Ein furchtbares Etwas, gegen das anzukämpfen er nicht mehr die Kraft hatte, ballte ihm die Faust, riß sie in die Höhe und ließ sie auf die Stirne des Schmähers fallen. Das Gesicht Grubers höhnte noch einmal fratzenhaft auf, dann verschwand es mit dem Falle eines schweren Körpers. Als die Faust Scheiblechners pendelnd zurückfiel, atmete Ferdinand Gruber nicht mehr.








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