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Der tote Gast

Heinrich Zschokke: Der tote Gast - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleWunderbare Geschichten
authorHeinrich Zschokke
noteEtwa 1935 erschienen
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft
addressBerlin
titleDer tote Gast
pages278-388
created19990501
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Thusnelde

Einer meiner Freunde, er hieß Waldrich, hatte die hohe Schule kaum seit zwei Jahren verlassen, und sich in einer Provinzialhauptstadt als überzähliger und unbesoldeter Gerichtsassessor oder dergleichen herumgetrieben, da eben in die Posaune des heiligen Krieges gestoßen ward. Es galt die Befreiung Deutschlands vom Joche des französischen Eroberers. Ein frommer Eifer bemächtigte sich alles Volkes, wie man weiß. Freiheit und Vaterland war das Feldgeschrei in Städten und Dörfern. Tausend und tausend Jünglinge flohen freudig zu den Fahnen. Es galt Deutschlands Ehre und die Hoffnung, auch dann auf Hermanns Boden vielleicht ein edleres Leben zu finden, in gesetzlich geregelten, des gebildeten Zeitalters würdigern Verhältnissen. – Mein lieber Waldrich hatte in dem frommen Eifer und der schönen Hoffnung seinen guten Teil. Kurz, er empfahl sich seinem Gerichtspräsidenten zu Gnaden, und wählte statt der Feder das Schwert.

Weil er noch nicht das volle Alter gesetzlicher Mündigkeit besaß, schrieb er, da er keine Eltern mehr hatte, und Reisegeld doch in allen Fällen wohltut, seinem Vormund um die Erlaubnis, den Zug fürs Vaterland mittun zu dürfen, und ersuchte um hundert Taler Reisegeld. Sein Vormund, Herr Bantes, ein reicher Fabrikherr in der Stadt oder Städtchen Herbesheim an der Aa, der ihn, wenn man so sagen will, erzogen hatte (Waldrich hatte nur als Knabe, bis zur Hochschule, bei ihm im Hause gelebt) – Herr Bantes war ein alter, wunderlicher Herr.

Dieser schickte ihm einen Brief mit fünfzehn Louisdor in Gold, folgenden Inhalts: »Mein Freund, wenn Sie noch ein Jahr älter sind, können Sie über sich und den kleinen Rest Ihres Vermögens nach Belieben verfügen. Bis dahin bitte, dero Zug fürs Vaterland einzustellen und Ihren Geschäften obzuliegen, um einst Amt und Brot zu bekommen, denn das wird Ihnen sehr nötig sein. Ich weiß, was ich meiner Pflicht und dero Vater, meinem Freunde selig, schuldig bin. Lassen Sie endlich Ihre Schwindeleien alle einmal fahren, und werden Sie solid. Ich schicke daher keinen Kreuzer. Bleibe dero usw.«

Die in ein Papier gewickelten fünfzehn Louisdor standen mit diesem Briefe in seltsamen, doch gar nicht unangenehmem Widerspruch. Waldrich hätte sich ihn noch lange nicht und vielleicht nie erklärt, wäre sein Blick nicht auf das zu Boden gefallene Papier geraten, worin das Geld eingeschlagen gewesen. Er nahm es. Es hieß: »Lassen Sie sich nicht abschrecken. Ziehen Sie hinaus für die heilige Sache des armen deutschen Landes. Gott schütze Sie! Dies wünscht Ihre ehemalige Gespielin Friederike.«

Diese Gespielin Friederike war nun keine andere, als die junge Tochter des Herrn Bantes. Der Himmel weiß, wie sie zum Briefversiegeln ihres Vaters gekommen war. Waldrich stand ganz begeistert da, mehr über das Heldenherz des deutschen Mädchens als über das Gold entzückt, das Friederike vermutlich aus ihrem eigenen Sparhafen dazugelegt hatte. Er schrieb auf der Stelle nach Herbesheim an einen Freund, schloß ein paar dankbare Zeilen für das kleine Mädchen ein (er hatte aber vergessen, daß das kleine Mädchen wohl seit vier Jahren etwas gewachsen sein konnte), nannte es sogar seine deutsche Thusnelde, und wanderte stolz, wie ein zweiter Hermann, dem Rheine und den Heeren zu.

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