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Der Topf der Danaiden

Ernst von Wolzogen: Der Topf der Danaiden - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
authorErnst von Wolzogen
booktitleSüddeutsche Geschichten
titleDer Topf der Danaiden
publisherVerlag Georg Westermann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070707
projectid12c0a8d8
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Franz Xaver Meusel war ein echter deutscher Dichter, denn er wohnte in einer Dachkammer, hatte wenig zu beißen und zu brechen und ging selten nur zum Friseur, weil der nicht auf Pump die Haare schnitt. Er war auch darum ein echter deutscher Dichter, weil er trotz des betrüblichen Mißstandes seiner irdischen Verhältnisse fast ausschließlich Dinge schrieb, für welche sich weder unter den Verlegern noch unter den Theaterdirektoren ein rechter Liebhaber finden ließ; heute ein fürchterlich naturalistisches Drama über das Motiv: »Hungertuch und Lustmord«, morgen ein metaphysisches Epos. Natürlich hatte er ein Kaffeehaus oder wenigstens einen Winkel in einem Kaffeehaus, wo er Gott war und drei bis sieben andächtigen Jünglingen nebst einigen wilden Jungfrauen sein Evangelium predigte. Im übrigen war er weiteren Kreisen unbekannt. Außer Gedichten und geistreich frechen Aufsätzen in etlichen literarischen Cliquenblättern der achtziger Sturmjahre war noch nichts von ihm gedruckt, und wie er sein Leben eigentlich fristete, war selbst seinen nächsten Freunden ein Rätsel.

Wenn Franz Xaver Meusel rasiert und sein alter Bratenrock gebürstet war, dann sah er aus wie ein englischer Reverend; war er aber unrasiert und ungebürstet, was häufiger der Fall, so glich er eher einem entsprungenen Sträfling, der sich lange in Wind und Wetter herumgetrieben und die Nase erfroren hat. In solcher Verfassung suchte er möglichst obskure Kneipen auf, wo er für fünfzig Pfennige mittagmahlte und zu mitternächtiger Stunde den dicken Tabaksqualm mit Geißelhieben grimmigen Hohns auf Gott und alle Welt spaltete. Da machte er Studien zur Psychologie und Physiologie des Proletariers und trank Brüderschaft mit philosophischen alten Süffeln.

War ihm aber einmal aus geheimnisvoller Quelle Geld zugeflossen, dann konnte man ihn glatt frisiert und frisch gebügelt in feinen Restaurants und in reputierlicher Gesellschaft sitzen sehen, und er wußte solche Gesellschaft durch seine geistreichen Paradoxe aufs köstlichste zu unterhalten, zumal die Ohren hübscher Frauen durch allerliebste Schmeicheleien zu kitzeln und mit dem heißen Hauch unterdrückter Leidenschaft ihre Herzen zu entzünden.

Außerdem war er neunundzwanzig Jahre alt und, wie er behauptete, der Sohn eines hohen Justizbeamten in Wien.

Manchmal brachte er auch sein Mädel mit ins Café. Das war ein stilles, blasses, demütiges Ding. Man wußte über sie noch weniger als über ihren Gebieter. Sie stammte aus den Balkanländern, Rumänien, Serbien, Bulgarien oder da so herum, und studierte in München Musik. Sie trug sich ganz absonderlich. Schlafrockartige Gewänder in bleichen Pastellfarben mit selbstgefertigten, aparten Stickereien, die zu ihrer überschlanken, scheinbar knochenlosen Gestalt, dem schmalen, blassen Gesichtchen mit den großen Mandelaugen und dem auffallenden Kopfschmuck ihres reichen rotbraunen Haares wunderbar gut paßten. Biche nannte er sie; wie sie sonst hieß, wußte man nicht. Man redete sie Mademoiselle an oder in vorgerückter Intimität »Mademeusele«, was eine scherzhafte Korruption von Madame Meusel sein sollte.

Biche war eigentlich nicht hübsch, aber alle Freunde ihres wilden Gatten mochten sie gut leiden – zum mindesten genoß sie allgemeiner Achtung, weil sie mit ihren aristokratischen kleinen Händen und Füßen und ihrer aparten Erscheinung eine stille Vornehmheit ausdrückte, die jede plumpe Annäherung fein zurückwies. Niemand vermochte zu sagen, ob sie dumm oder gescheit, unwissend oder gebildet sei, denn sie sagte sehr selten etwas und war der deutschen Sprache nur unvollkommen mächtig; aber sie hing mit scheuer Bewunderung an den Lippen ihres Franz Xaver, und wenn seine Witze die laute Heiterkeit oder seine geistreichen Einfälle das Erstaunen des Stammtisches erregten, so huschte mit flüchtigem Erröten ein glückseliges Lächeln über ihr blasses Gesicht, als ob sie alles verstanden hätte, und als ob sie sagen wollte: »Ja, staunt nur, ihr! Ich weiß doch, was in ihm steckt. Er ist der Klügste und Bedeutendste von euch allen, und ihr werdet noch euer blaues Wunder an ihm erleben.«

Franz Xaver pflegte von ihr zu sagen: »Biche hat eine goldene Hundeseele, es fehlt ihr zur Vollkommenheit nur ein Schweiferl. Wenn sie wedeln könnte, würde ihre Ausdrucksfähigkeit staunenerregend sein.« Das war ein hohes Lob im Munde Franz Xavers, denn er war ein großer Hundefreund, und der einzige wirkliche Schmerz seines Daseins war der, daß ihm seine Mittel nicht erlaubten, sich einen Hund zu halten. – – –

Das war eines Mittags um ein Uhr, im Jahre 1896, als Biche an der Kammertür ihres Geliebten klopfte. Da keine Antwort erfolgte, drückte sie auf die Klinke – die Tür war offen. Er hatte wieder einmal vergessen, zuzuriegeln. Schließlich – wozu auch? Fortzutragen gab es kaum etwas in dem ärmlichen Dachstübchen, und seine mächtige Persönlichkeit hätten auch vier klobige Einbrecherfäuste schwerlich von der Stelle gebracht.

Die helle Wintersonne schien herein und dem Langschläfer gerade auf die Nase. Er lag im Oberhemd im Bett, und die übrigen oberen und unteren Hüllen wüst verstreut auf dem Strohstuhl mit dem durchlöcherten Sitzteil und auf dem blanken Fußboden. Mademoiselle Biche rüttelte ihn am Arm.

»Franzi! Xaverl! Uff! Honte! C'est midi!«

Der große Kerl ermunterte sich langsam. Erst grunzte er, dann blinzelte er das Mädchen an, dann gähnte er, dann richtete er sich schwerfällig auf. Sein Kopf mit dem wüst verdrückten Schopf neigte heute mehr dem entsprungenen Sträfling als dem englischen Reverend zu.

»No, Biche, was schaffst denn schon in aller Früh da heroben?«

»No, is eine Uhr,« versetzte sie mit mildem Vorwurf, »sollste kummen, is Zeit für Diner. Haste du Geld? Moi je n'ai pas le sou

Franz Xaver unterbrach sich im Gähnen und horchte auf: »Was, du hast auch nix? Zwanzig Pfennig hab' ich noch im Sack, das ist der Rest von gestern. Hast du deine Wirtin schon angezapft?«

Mit einem wehmütig drolligen Gesicht schüttelte Biche den Kopf und bewegte ihren kleinen Zeigefinger zur Verstärkung der Verneinung hin und her: »Nix, nix, sagte sie traurig, »hab' schon alle Kollegen gebettelt, niemand hat mehr bissel Geld.«

»No freilich, am Siebenundzwanzigsten!« bestätigte Franz Xaver verständnisvoll. »Ja, da werden wir uns halt das Diner verkneifen müssen; hast nix mehr zum Versetzen?«

Das Mademoisellchen schüttelte den Kopf, dann trat es mit einem raschen Schritt herzu, setzte sich auf den Bettrand, schlang seine dünnen Ärmchen um den breiten plumpen Mann und brach, an seine Schulter gelehnt, in heftiges Schluchzen aus.

»No, was is, Bischibischerl, was wär' denn jetzt des! Geh', schau', sei stad, Köpferl hoch! 's wär' doch net 's erstemal. Ich mein' doch, man gewöhnets mit der Zeit.«

Aber das arme Ding war diesmal nicht so leicht zu beruhigen. Unaufhaltsam strömten die Tränen, so daß Franz Xaver ehrlich erschrocken war. Er saß aufgerichtet im Bett, drückte das arme zuckende Hascherl an sich und streichelte ihm zärtlich das Haar. Er redete immer so fort in guten, zärtlichen Worten, aber sein Trost wollte diesmal durchaus nicht verfangen: »Ja, so sag mir doch,« rief er endlich schier verzweifelt, »was is jetzt des mit dir, Hundel? So hab' ich dich ja noch nie gesehen!«

Da richtete sie sich endlich auf und tupfte das nasse Antlitz mit ihrem Tüchlein ab und kämpfte mit Anstrengung das würgende Schluchzen hinunter. Endlich brachte sie mühsam hervor: »Papa hat mir Brief geschreibt.«

»No, und...?!« Franz Xaver war ganz Auge und Ohr.

»Ich soll – dich verlassen – und heimkummen, oder er will mir nie kein Geld nimmer geben.«

Der Poet wußte eine ganze Weile nichts zu sagen. Mit einem beinahe dummen Ausdruck starrte er sein still weinendes Mädchen an. Endlich stieß er mit komischer Entrüstung die Worte zwischen den Zähnen hervor: »Stumpfsinniger Banause! Elende Krämerseele!« Er ereiferte sich und lachte höhnisch auf: »Ja, gelt, wenn ich dich heiraten tät, dann wär' alles gut; wenn ich dem Pegasus abschwören und daheim bei euch Roßdieb oder Räuberhauptmann werden wollt' – oder womöglich gar in seine Firma eintreten, dann wär' ich ihm als Schwiegersohn hochwillkommen, gelt?«

Biche ließ wieder ihr Fingerchen hin und her gehen als Zeichen absoluter Verneinung: »Non, pas comme ça,« sagte sie, ohne ihn anzusehen, ganz leise: »ich soll ganz weg von dir, oder überhaupt nie wieder in Vaterhaus kummen.«

»Ah, so!« rief der Poet gedehnt. Und dann entstand eine lange bängliche Pause. Endlich ließ sich Franz Xaver wieder in die Kissen fallen, kroch bis an den Hals unters Federbett und sagte: »Kalt is' hier.« Und wieder eine längere Pause. Sobald er warm geworden war, arbeitete sich der große Kopf mit dem wüsten Schopf auf der hohen Denkerstirn wieder ein wenig empor, und Franz Xaver wandte sich nach seinem stummen Liebchen um.

»Also du, Bischibischerl, ich sag' der noch was: daß du mi gern hast, weiß ich, obst jetzt bei mir bist oder net – und eh' daß d' jetzt ganz und gar den Halt verlierst und dein junges Leben an so einen unsicheren Kerl hängst – eh' geh schon heim und laß mich laufen. Ich bin dir net bös drum. Ich seh' ein, es geht net anders.«

Da stand sie wieder vor seinem Bett, und ihre beiden Händchen haschten nach seiner großen, warmen Tatze: »Ich kann doch nicht,« jammerte sie ganz hilflos, »du haste wohl ganz vergessen, was sich passier'n wird in paar Monate.«

Franz Xaver fuhr sich verlegen mit der freien Hand durch den Schopf: »Also deswegen. Traust dich wohl net, dem Papa das einzugestehen? – Weißt, ich setz' mich hin und schreib' ihm einen rechten schönen Brief und schreib' ihm, was du für ein liebes einziges Hundel bist, und daß das Unglück amal passiert is, und daß das Natürliche nie eine Schande sein kann unter denkenden Menschen – und überhaupts, daß dieses die Bestimmung des Weibes ist, und daß du ein echtes Weib eben bist und er dir daraus keinen Vorwurf machen kann. Und wenn's einen Sinn hätt', würde ich dich ja heiraten, was aber zurzeit eben ein Blödsinn wäre. Und das müßte er doch einsehen und dir wieder deine Rente schicken oder lieber gleich dein mütterliches Erbteil herauszahlen, wenn er sich nicht in den Augen aller gebildeten und anständigen Menschen selber als einen ausgemachten Bazi und geschmacklosen Komödienwüterich darstellen wollte. Das werde ich ihm schreiben, und du wirst sehen, dieser Logik wird er nicht widerstehen können.«

Ein trauriges Lächeln huschte über ihre abgehärmten Züge. Sie zog ihre Hand aus der seinen und sagte: »Tu es fou, mon ami.«

Da polterte ein schwerer Männertritt die letzte Stiege zum vierten Stock empor, und beide horchten gespannt nach der Tür hin. Nun schlug gar einer mit der Faust gegen die Tür. Biche floh in eine Ecke und drückte sich ängstlich gegen die Wand – Franz Xaver aber brüllte ein mächtiges: »Herein!« Im nächsten Augenblick zottelte ein unförmiges Pelztier über die Schwelle. Man sah wirklich nur Pelz. Ein schwarzes Sealskin auf dem Kopf und einen bis über die Ohren hochgeschlagenen Kragen von Marder- oder Otterfell oder was es war, und dann einen langen rauchverbrämten Sack bis auf die Füße hinunter; nur gerade die Stiefel schauten noch hervor. Menschlich war an dem kleinen Ungeheuer nur das rotgefrorene, fette, runde Gesicht mit dem mächtigen, blonden Schnurrbart darin und dem goldenen Kneifer auf der Nase. Und weil die Brillengläser beim Eintritt in das Zimmer feucht anliefen, nahm das Ungeheuerchen sie herunter und glotzte mit weit aufgerissenen Äugelchen blöde gegen das Licht.

»Verflucht auch, ich seh' nix! Franz Xaver Meusel, Mensch, bist du da oder net?«

»Freilich bin ich da, du Rammel, du g'scherter! Wer bist denn du, Knallprotz, elendiger, daß du hier aufdrahst mit deinem hochnobligen Pelzwerk? Ich bitte, sich gefälligst vorzustellen oder wenigstens anzudeuten, wo und wann wir Brüderschaft getrunken haben.«

Jetzt endlich entdeckte der kurzsichtige Fremdling seinen Freund im Bette und schritt mit ausgestreckter Hand auf ihn zu: »Ja, ich bin doch der Balzer Theo; willst du mich etwa gar verleugne, du Urviech, du miserables?«

»Ja, da schau her, der Balzer Theo! Ja, Herrgott sakra, wo blast denn dich der Wind daher? Hat sich dieser Schmalzbariton einen dermaßen vorschriftswidrigen Schnauzer stehen lassen! Singst du damit den Amonasro?«

»Wohl, wohl, wird alles gemacht,« versetzte der Blonde. Er hatte inzwischen seinen Pelzrock aufgeknöpft, mit Mühe sein Sacktuch hervorgeholt und putzte nun eifrig die Brillengläser. »No, sag' mir bloß um Gottes wille, was schaffst denn du am Mittag noch im Bett? Hast ebbe dei Sauglück mit Sekt begosse, du Lotterbub du?«

»Sauglück, ich?« Franz Xaver fuhr empor und stützte beide Arme auf den Bettrand. »Du, sei so gut und red' keine Rebusse, so Frotzeleien kann ich net leiden. Ich bin schon seit acht Tagen wieder ganz blank; kommst gerade recht.«

»Ja, Mensch, weißt denn du noch von nichts?«

»Nix weiß ich – was soll's denn sein?«

»Ei, du alte Pappschachtel, wir zwei sind seit vorgestern Naböbse.«

Franz Xaver holte mit der Hand weit aus: »Du, wannst mi eppa derblecken willst...!«

»Aber nein, da schau her, wenn du's net glaubst.« Er fummelte aus der Brusttasche einen Bogen Zeitungspapier hervor, der mit lauter Zahlen bedruckt war. »Unsere Nummer ist doch mit hundertundfünfzigtausend Mark herausgekommen.«

»Wa...??«

»Da überzeug dich.« Er setzte seinen Kneifer auf, nahm das Blatt dicht vor die Nase, und als er die Glücksnummer gefunden hatte, legte er den Zeigefinger darauf und hielt so seinem Freunde das Blatt hin.

Franz Xaver sah mit eignen Augen und mußte nun wohl glauben; aber fassen konnte er es doch nicht gleich. Der freudige Schreck schien ihm zunächst die Sprache verschlagen zu haben. Er stammelte wie ein Idiot immer wieder die prachtvolle Zahl vor sich hin: »Hundertundfünfzigtausend!«

»Begreifst du jetzt endlich?« brüllte Balzer mit seinem mächtigen Seldenbariton. »Ein Jammer, daß wir nur e Viertelche zusamme gespielt hawwe! No, kommt nach alle Abzüg immer noch 18–19 000 auf den Kopf.«

Da sprang Franz Xaver Meusel mit einem plötzlichen Satz aus dem Bett, faßte seinen kleinen, fetten Freund unter den Armen und tanzte wie unsinnig mit ihm in der hellen, kalten Dachkammer herum. Das nahm sich aus wie ein groteskes Stück mittelalterlicher Justiz: der Malefikant im Armsünderhemdlein in die Bärengrube geworfen und nunmehro zum Gaudium blutgieriger Gaffer von Meister Petz zum Tanz herausgefordert. Alle beide brüllten sie wie die wilden Bestien, diese ausgewachsenen Mannsen, der verkannte Poet mit dem haarigen Gebein und dem zerknitterten Oberhemd und der wohlbestallte Hofopernsänger im Protzenpelz.

Und aus der Schattenecke des Dachkämmerleins mischte sich ein drittes Stimmchen zaghaft in das wüste Duett, ein schluchzender Triller zwischen Lachen und Weinen. Das war das vergessene Mademoisellchen, das die Hauptsache verstanden hatte und dem plötzlich eine wundersüße Hoffnung aufging.

Der Balzer ward ihrer zuerst gewahr, hielt in dem wüsten Indianertanz inne und verschloß Franz Tavern, der wie ein Derwisch heulte, mit der flachen Hand den Mund: »Pst, Silentium, eine Dame! Pardon, daß ich nicht früher bemerkte ... Willst du mich nicht dem Fräulein ... oder vielleicht – deiner Frau Gemahlin vorstellen?«

»Warum net gar,« rief Franz Xaver lustig, »das ist die Biche, das ist mein Hundel. Geh her, Biche, sprich auch – gib Laut, Biche! Ich hab' das große Los gezogen, mir san Millionär – neunzigtausend Mark!«

»Neunzehntausend,« verbesserte der Freund, und dabei zog er seine Sealskinkappe ab und entblößte, sich verbeugend, seinen blanken, rosigen Schädel vor dem verlegen lächelnden Mademeusele. »Mein Name ist Theodor Balzer, Hofopernsänger aus Stuttgart,« stellte er sich vor.

»Und da bist du gleich von Stuttgart hierher, um uns das Geld auszahlen zu lassen? Du hast doch das Los bei dir?« Franz Xaver hielt die beiden offenstehenden Klappen des Pelzes gepackt und beutelte so den kleinen Blankschädel hin und her.

»Gott sei Dank, ja, ich hab's« versetzte Herr Balzer, »du hättest es ja doch längst verloren oder versetzt.«

»Höchstwahrscheinlich,« lachte der Dichter. »Und jetzt kommst du her, um das viele, viele Geld zu erheben und mir ehrlich meine Hälfte abzugeben?«

»Natürlich!«

»Das ist gar nicht natürlich, das ist im Gegenteil höchst unnatürlich; wenn du mir gar nichts gesagt hättest und heimlich damit nach Amerika durchgebrannt wärst, hätte ich mich keinen Augenblick gewundert; ich hab' dich immer für einen ganz ordinären Menschen gehalten.«

»No, sei so gut!«

»Das geht auch net mit rechten Dingen zu. Hast du deine Frau mit?«

Der kleine Heldenbariton funkelte den Freund mit ehrlicher Entrüstung durch seine blanken Gläser an und rief: »Eine Beleidigung nach der andern! Meine Frau hat selbstverständlich keine Ahnung von dem Glücksfall. So dumm bin ich doch nun wirklich auch net; die tät's doch gleich auf die Bank schleppe und in sichere Staatspapiere zu dreieinhalb Prozent anlege, und ich könnt' mich als krümme wie so e Wurm und kriegt vonwege dem Vermögenszuwachs noch ka Gläsle Bier mehr am Sonntag bewilligt. Nei, Freundche, ich hab' Urlaub genomme zur Wiederherstellung meiner angegriffenen Stimmritz – und jetzt kriege mich ka siebenundsiebzig Teufel mehr heim, eh' bis net der letzte Bläuling verjuckt is.«

»Ich hätte nie geglaubt, daß dir der Sinn des Lebens in solcher Schönheit jemals aufblühen würde,« rief Franz Xaver pathetisch aus, dann umarmte er den kleinen Freund, gab ihm viele schöne Titel wie: »Bruderherz«, »süßer père noble», »goldiger Hofdarstellungsbeamter« und dergleichen mehr, und wollte dann wieder den wilden Indianertanz anheben, als das kleine Fräulein aus seiner Ecke herauskam und mit raschen Schritten das helle Zimmer durchquerte, um dem wüsten Wesen zu entfliehen. Ohne ein Wort zu sprechen, ging sie hinaus.

Franz Xaver gewahrte es: »Ach so,« sagte er, an sich hinunterschauend. Er ward sich jetzt erst seiner unanständigen Verfassung bewußt, sprang zur Tür, steckte den Kopf hinaus und rief der kleinen Freundin nach: »Du Bischibischerl, wart' a bissel unten im Café, ich mach' geschwind Toilette, in fünf Minuten bin ich fertig. Laß dir einen Schnaps geben derweil. Wir speisen heut mitsammen beim Schleich, und dann wickle ich dich in Samt und Seiden wie eine Königin.« Er brüllte die »Königin« so großartig hinaus, daß das ganze Treppenhaus davon widerhallte.

Während er sich nunmehr Hals über Kopf wusch und ankleidete, unterzog ihn der kleine Bariton einem freundschaftlichen Verhör: »Ist das dein Mädchen?« fragte er.

»Ja, das ist das Bischibischerl, ein recht ein liebes Hundel,« erwiderte Franz Xaver, indem er in der Waschschüssel ein eifriges Geplansche und Gepruste erhob.

Herr Balzer drehte seinen Schnurrbart, runzelte die Stirn und brummte vor sich hin: »Schlecht genährt – wär' nix für mich. Seit wann ist denn das dein Geschmack?«

Meusel hatte die letzten Worte verstanden. Während er sich abtrocknete, erwiderte er obenhin: »Geschmack oder nicht, sie pickt, weißt. Die andern sind immer bald wieder abgefallen – oder ich von ihnen – aber die pickt fest. Einfach nicht loszuwerden, ob mir's gut geht oder schlecht – sie pickt. Begreife nicht, was sie an mir find't. So ein zartes Seelchen – und kann sie doch nichts irremachen. – Was soll man dagegen tun? – Sie hat sich schon meinetwegen mit ihren Leuten überworfen; und jetzt nun gar, wo was in Aussicht ist...«

»Oi, oi, oi, oi,« unterbrach der Hofopernsänger, sich kummervoll hinter dem Ohr kratzend, »so was ist einfach gräßlich! Da wirst du sie am Ende gar heirate?«

Franz Xaver fuhr entrüstet seinen Freund an und zugleich in die Hosen: »Bist wohl narrisch, Bazi elendiger? Heiraten – jetzt, wo ich das appetitliche Weibsbild, die Fortuna, endlich amal beim G'wandzipfel verwischt hab'! Für Dickwänste und Kahlköpfe ist Heiraten gut und zum Zweispännigfahren, wenn die Karre mit dem Roß im Dreck steckengeblieben ist, da ist Heiraten auch gut, oder wenn ein Vollmensch a. D. seinen Geist in Pension schickt und den Rest im Lande der Philister ansiedelt – dann mag er heiraten. Wenn's nach meinem Gusto ging, so möchte ich zehn Frauen und hundert Kinder haben – in einem andern Flügel meines Palastes heißt das natürlich – aber in einen veritablen christlichen Ehestand kriegt ihr mich erst, wenn ich als Mensch und Poet bankerott bin.«

»Recht hast du, Freund,« rief Balzer Theo begeistert. »Ich glaube, du weißt gar nicht, wie recht du hast. Die nettste Mädele werde die größte Hausdrache. Unheimlich, wie sie ihr eigentliches Talent vor uns verstecke könne. Du hast doch mein Weib gekannt, wie's noch mei Schatz und beim Theater war: war das net e herzigs Engelche? Und jetzt is's so bös – so bös, kann ich dir sage! Erziehe möcht' sie mich von früh bis spät, und nix is recht, was ich tu, und um jede Mark, die ich ausgeb', schnaubt's mich an, hu! Ich kann dir sage, Freundche, wenn sie net gar so gut koche tät, und ich net so e arg gemütlicher Mensch wär' – umbringe hätt' ich se könne manchmal – und sie mich auch. Aber jetzo gedenk' ich mich emal gründlich zu erhole vom heilige Ehestand; ich hab' e ärztlich's Attest in der Tasch, daß mei angegriffene Stimm' dringend ein südliches Klima bedarf – also werde ich mich von morge ab mindestens vier Woche lang in eme südliche Klima befinde. Ich hab' en Bekannte an der Riviera, von deme lass' ich mein' eheliche Pflichtbrief' nach Stuttgart befolge.«

»Ei du Hallodri, du Lump, du ausg'schamter!« rief Franz Xaver vergnügt, indem er dem Heldenbariton einen freundschaftlichen Rippenstoß versetzte. »Also so einer bist du? Du, das heißt, an die Riviera geh ich net mit, ich habe keine Lust unter den ordinären Amüsierlingen aus aller Herren Ländern zu verschwinden. Hic minca hic salta! Das Volk, unter dem ich hier gewandelt bin, all in meiner Ruppigkeit, das soll Zeuge sein, wie ein Poet zu leben versteht. Ha, ich will wühlen im Golde bis an die Ellenbogen, ich will wie ein Opernheld die Beutel voll Zechinen in graziösem Schwung unter das Volk schleudern – ich will ein König sein, und alle Tage aufs neue will ich mein Krönungsfest feiern. Die Bronnen sollen sprudeln von rotem und weißem Wein, Schuster und Schneider sollen mich gnädiger Herr nennen, denn ich will sie bar bezahlen, und einen Orden will ich stiften, der soll ein goldenes Medaillon sein, mit einem Schnipsel von meinem rehfarbenen Haar darin, und dieser Orden soll nur verliehen werden an die schönsten Mädchen von München – die niedere Klasse für besondere Verdienste auf dem Gebiete hübscher Hände und Füße; das Großkomturkreuz aber will ich an den vollkommensten Busen heften. Ja – ich will ein Königreich der Schönheit stiften und will mich König des Lebens nennen. Franz Xaver der Erste, König... Kerl, mach' nicht so ein schafsdösiges Gesicht!«

Der Balzer Theo hatte in der Tat reichlich dumm dreingeschaut zu dieser phantastischen Standrede seines Freundes. Er fuhr zusammen, als er unversehens angeschnauzt wurde, und lachte gutmütig: »No, dich hat's gleich gründlich! Mir scheint, du willst schon Vorsorge für die Zeit, wenn nichts mehr da sein wird: dann könne sie dich wegen Größenwahn ins Narrenhaus stecke und dich auf Staatskoste durchfuttere. Was für en Poschte soll denn ich kriege in deinem Königreich, wenn ich frage darf?«

»Fette Leute sind ungefährlich,« versetzte Franz Xaver, den kleinen Mann mit einem verächtlichen Blick musternd. »Du sollst mein Zeremonienmeister sein. In den Vormittagsstunden, wenn ich noch meinen Rausch auszuschlafen geruhe, kannst du das Heer der Speichellecker exerzieren und mit den Schweifwedlern Quadrillen einstudieren.«

»Du bist außerordentlich gnädig,« lachte der Bariton und verbeugte sich mit einer mokanten Grimasse. »Bist du jetzt fertig mit deiner Toilett'?«

»Wie du siehst, ja.«

»Dann zieh' dir deinen Paletot an und komm!«

»Paletot? Dergleichen brauch ich nicht, elender Pelzmarder! Als Poet strahle ich so viel innere Wärme aus, daß ich der äußeren Hülle entraten kann. Da ich aber doch der König bin und du bloß mein Zeremonienmeister, könntest du mir immerhin vorläufig deinen Pelz borgen, damit ich dem Bankier genügend imponieren kann.«

»Fällt mir gar nicht ein,« wehrte der kleine Mann ab, »kannst dir ja selber einen kaufe. Aber jetzt komm' schnell, daß net am End' der Lotteriekollekteur seine Bude zusperrt. Erst lasse mir uns emal das Geld herauszahle, und dann trage mir's ins Depot auf eine sichere Bank.«

»Auf eine Bank tragen? Daß i net lach'!« begehrte Franz Xaver auf und legte seine mächtige Tatze auf den blanken Schädel des Hofopernsängers. »Bin ich ein Philister, daß ich mein schönes Geld in Gestalt elender Papiere einschließen lasse und mit dürftigen Prozentchen rechne? Ich sage dir ja: Gold will ich sehen. Tu' du, was du magst, ich lasse mir die ganze Summe in goldene Zechinen und Doppelzechinen einwechseln.«

»Diese Idee ist so idiotisch, daß sie verdient, erhaben genannt zu werden. Ich bin dabei.« Damit stülpte Theodor Balzer seine Sealskinmütze auf und verließ mit dem König des Lebens von Mammons Gnaden das kalte Dachzimmer.

Arm in Arm eilten sie schnurstracks nach dem Bureau des Lotteriekollekteurs – die Verabredung mit Mademoiselle Biche im Café an der Ecke gänzlich vergessend.

Die Leute schauten dem sonderbaren Paare nach. Die Kälte und die Ungeduld beflügelten des langen Franz Xavers Schritte, und es war wirklich komisch anzuschauen, wie der unrasierte Galgenvogel mit dem schmierigen schwarzen Quäkerhut, dem schäbigen Jackett und den zu kurzen Hosen, die unter den Knien sich greulich bauschten, solch einen wohlhäbigen, eleganten kleinen Herrn im Schlepplau schleifte.

Das Viertellos wurde präsentiert, in Ordnung gefunden, der Gewinn in braunen und blauen Scheinen ausbezahlt und die Glückwünsche des Kollekteurs in Empfang genommen. Dann kaufte sich Franz Xaver zunächst in einem Konfektionsgeschäft die notwendige Garderobe fertig, dazu noch einen reputierlichen Hut, und dann nahmen sich die Freunde einen Wagen und fuhren der Reihe nach bei allen Wechselstuben der Stadt vor, um sich so viel Zechinen und Doppelzechinen – so nannten sie die Zehn- und Zwanzigmarkstücke – einzuwechseln, als irgend zu kriegen waren. Sie schütteten das Geld, in Ermangelung eines anderen Behälters, vorläufig in Franz Xavers alten Hut, und einer von beiden blieb immer als Schatzwächter im Wagen zurück, während der andere wechselte. Mehr als zehntausend Mark trieben sie zu Meister Meusels größtem Leidwesen bei diesem ersten Anlauf nicht auf. Vorläufig mochte das ja auch genügen.

Sie hatten von diesem seltsamen Tagewerke wirklich Hunger bekommen, zumal Franz Xaver, der noch nicht einmal gefrühstückt hatte. Sie fuhren also bei dem Restaurant von Schleich vor, und als sie da ausstiegen, erinnerten sie sich plötzlich beide gleichzeitig, daß sie das arme Mademoisellchen im Café versetzt hatten. Balzer Theo sollte derweil ein lukullisches Mahl für drei Personen bestellen und den alten Hut hüten, während Franz Xaver seinen armen Schatz aufsuchen und zur Stelle schaffen wollte. Er fuhr nach dem Café – aber da war sie nicht mehr. Die Büfettdame erzählte, daß das Fräulein zwei Stunden dagesessen sei und einen Likör genossen habe, aber nicht imstande gewesen sei, ihn zu bezahlen.

»Ich hab's mit auf Ihr Konto geschrieben, Herr Doktor,« sagte die Büfettdame. »Der Chef hat's zwar verboten, weil sie mir eh' noch so viel schuldig sind – zwölf Mark siebzig Pfennige. Mit den dreißig Pfennigen für den Anisette macht's gerade dreizehn Mark.«

Franz Xaver hatte vorsorglich ein paar Handvoll Goldstücke in jede der beiden vorderen Paletottaschen verteilt: »Bitte, Fräulein,« sagte er und warf eine Doppelzechine mit leichtem Schwung auf die Marmorplatte, daß sie lustig klingelte: »bitte, behalten Sie; zurückgenommen wird nichts, das ist bei mir Geschäftsprinzip. Und Mademoiselle Biche hat unbeschränkten Kredit bei Ihnen, verstanden? Der Sultan von Lahore hat mir nämlich eine Dichterpension von zehntausend Rupien jährlich ausgesetzt. Habe die Ehre, wünsch' guten Tag!«

Damit war er schon draußen. Das Büfettfräulein starrte ihm verblüfft nach. Er fuhr nunmehr nach der Wohnung seines Liebchens, die nicht weit entfernt war. In großen Sätzen, immer zwei oder drei Stufen auf einmal nehmend, stürmte er die drei Treppen hinauf.

Die Zimmervermieterin, ein bekümmertes altes Weib, öffnete ihm. Er griff in die Tasche, holte ein paar Goldfüchse heraus und drückte sie der sprachlos verdatterten Alten in die Hand: »Hier, Frau, falls Ihnen die Mademoiselle etwa was schuldig ist – machen's Ihna bezahlt damit.« Und dann trat er, ohne anzuklopfen, in seines Schatzes dürftiges Hinterzimmerchen.

Biche war da. Sie hatte seine Stimme draußen gehört, und sie hing ihm schon am Halse, ehe er noch die Schwelle überschritten: »Kummste du doch noch?« rief sie mit leis bebender Stimme und streichelte zärtlich seine glatte Wange – denn er hatte sich inzwischen auch rasieren lassen. Er zog die Tür hinter sich zu und küßte das blasse Gesichtchen ab, dann schüttelte er sich und rief: »Pfui Deifel, ist das kalt hier – und dei Naserl is gar das reine Eiszapferl. Warum bist denn net gleich zum Schleich kommen?«

Sie wies stumm auf ihren dürftigen Anzug.

»Also schau', mach's so wie ich,« versetzte er eifrig, auf seine neuen Kleider deutend, »nimm einen Wagen, fahr 'rum und kauf ein. Samt und Seide und Batist und Spitzen, dessus und dessous, das Feinste, was du kriegen kannst, und vergiß net die schwarzseidenen Strümpf' und Lackschuh', ganz schmal und spitz. Und wennst das beisammen hast, nachher kommst zum Schleich.«

Sie staunte zu ihm hinauf, ungläubig mit großen Augen: »Alors, c'est vrai

»Freilich is's wahr,« jubelte er, und dann versenkte er beide Hände in die Paletottaschen und warf übermütig einen ganzen Haufen Gold ins Zimmer hinein. Das sprang auf dem Fußboden umher und fiel aufs Bett und in die Wasserkanne und ins Lavoir – und ein Goldfuchs zertrümmerte gar das Glas des elenden Spiegels über der Waschtoilette.

»Franzi! Que fais-tu donc?« rief sie freudig erschrocken und kniete rasch auf den Boden nieder, um den goldenen Segen einzusammeln.

»Gelt, das freut dich jetzt, Bischibischerl?« lachte er. »Da schau her, es is noch genug da – und wenn's hin ist, nachher kehrst dein Bett um und findst noch was unter der Matratzen und zerschlägst dein Spiegel und findst noch was unterm Glas. Huidie, Bischibischerl: bete mich an, ich bin der König des Lebens!« Und er warf noch eine Handvoll hoch gegen die Wand, daß es auf und hinter dem Kleiderschrank lustig klimperte, auf den Dielen kreiselte und mit hellem Schellengetön gegen Tisch und Stuhlbeine stieß. Und dann wandte er sich zum Gehen. »Also, jetzt eil' dich, Schatz – mach' dich so schön du kannst und dann komm' zum Schleich. Behüt' di Gott derweil.»

Sie erwischte den Eiligen, immer noch am Boden kniend, gerade noch am Zipfel seines neuen Paletots: »Attends donc, cheri,» flehte sie ängstlich. »Nu haste du so viele, viele Geld, wirste du – mir jetzt nicht heiraten?»

Da bückte sich Franz Xaver, griff ihr ums Handgelenk und machte seinen Rock aus ihren Fingern los. »Schäm' dich, Mädel,» sagte er ärgerlich, »wie kann man so geschmacklos sein, in einem solchen hohen Augenblick von so was zu reden! Heiraten – das ist ein Mantel für die verschämte Armut. Jetzt sind wir reich, jetzt gibt's für uns nur ein Gesetz und eine Pflicht: leben in Schönheit. Also mach' dich schön und dann komm!« Und fort war er.

Biche kauerte noch eine Weile am Boden und weinte, und dann sammelte sie die Goldstücke auf und verschloß sie in ihren Schubkasten. Nur ein paar davon nahm sie und ging hin und löste ihre versetzten Sachen ein und bezahlte den Klaviervermieter, der ihr das Pianino wegen rückständiger Leihgebühr wieder hatte abholen lassen, und dann ging sie in ein geringes Gasthaus und speiste für eine Mark. Darüber war es dunkel geworden. Sie kehrte heim in ihr Stübchen, schickte die Wirtin um Petroleum und Heizmaterial, und als es gegen Abend hell und warm im Zimmer war, da nahm sie die kleine Schmuckschatulle aus ihrem Schubkasten, in welche sie das viele Gold und ihre paar eingelösten Kleinodien verschlossen hatte, zog sich aus und legte sich ins Bett. Die Tür war verriegelt. Und dann zählte sie die Zechinen und Doppelzechinen auf das Deckbett hin, steckte ihre Ringe an die Finger und die Boutons in die Ohrläppchen und das mädchenhaft bescheidene Armband über das dünne Handgelenk. Dann nahm sie ein Zettelchen vor und rechnete und rechnete: Miete, Heizung, Essen, Wäsche für sich und – das Kleine – – und so weiter und so weiter. Sie bekam rote Backen dabei und sah wirklich hübsch aus. Zu Schleich ging sie aber doch nicht mehr. Um zehn Uhr löschte sie die Lampe und dann schlief sie bald ein mit allen ihren Bijouterien am Leibe, und die kleine Schatulle mit den Goldstücken hatte sie unter einen Zipfel des Kopfkissens geborgen und ihre mageren Hände darüber gebreitet.

Es war entschieden wohlgetan von Mademoiselle, daß sie nicht mehr zu Schleich ging, denn sie hätte die beiden Glückspilze schon nach zwei Stunden nicht mehr dort gefunden. Länger vermochten sie das einsame Diner nicht auszudehnen. Zudem war es in dem vornehmen Restaurant zu später Nachmittagsstunde völlig leer, und die wohlanständige Ruhe wirkte darum um so peinlicher auf die beiden Losgenossen. Zum Austoben einer unbändigen Daseinslust war das entschieden nicht der rechte Ort. Junge Russen an ihrer Stelle hätten Porzellan, Kristall und Spiegelscheiben zerschlagen, Teppiche zerschnitten und Stühle ins Ofenfeuer geworfen, aber der Balzer Theo und der Meusel Franzi konnten eben doch bei aller Eselsfreude ihr gebildetes Europäertum nicht vergessen. Franz Xaver debütierte als Grandseigneur nicht übel, indem er mit ruhiger Selbstverständlichkeit eine Flasche Rheinwein Auslese zu zwanzig Mark bestellte und mit überlegener Kennerschaft behauptete, die Marke Pommery Greno hätte sich gegen früher erheblich verschlechtert; aber das hinderte den Oberkellner doch nicht, hinter seinem Rücken respektlos zu grinsen, denn dieser noble Kenner bemerkte nicht einmal, daß er ein recht mäßiges, aufgewärmtes Menü vorgesetzt bekam, sondern war im Gegenteil von allen Speisen kindlich entzückt und ließ sich zum Schlusse gar den Koch hereinkommen, um ihm für seine talentvolle Leistung fünf Mark extra einzuhändigen. Der Heldenbariton war weniger leicht hinters Licht zu führen, denn er war durch die solide Küche seiner Frau verwöhnt und kritisierte ungeniert eine jede Schüssel. Es kam unter solchen Umständen trotz der exquisiten Weine und Zigarren zu zwei Mark das Stück keine rechte Stimmung zustande, und die Freunde waren froh, als das erste Mittagessen ausgestanden war.

Sie verfügten sich selbander in Franz Xavers Stammcafé. Das war aber auch leer um diese Zeit, und mit den paar Zeitungsmardern, die dort von drei bis sieben Uhr bei einer Schale Schwarz saßen, war nichts anzufangen. So gingen denn die beiden, nachdem sie vorher den alten Hut in Herrn Balzers Hotel deponiert hatten, aus reiner Verzweiflung in die Oper.

Meusel war total unmusikalisch, aber wenn er genügend viel getrunken hatte, rührte ihn schöne Musik gar leicht zu Tränen. Heute hatte er nur mäßig getrunken, darum langweilte er sich erheblich in der Oper, und Balzer kam auch zu keinem Genuß, denn er wußte alles besser und konnte alles besser, und es war überhaupt gar nichts gegen Stuttgart, und wenn man die Taschen voll Gold hat und Galerie noble sitzt, kann man überhaupt etwas ganz anderes verlangen! Er machte sich durch sein Schimpfen der ganzen Nachbarschaft unangenehm bemerkbar. Das einzige, was ihn an der Vorstellung freute, war, daß er mit Hilfe seines Opernglases im Chor eine alte Freundin entdeckte, ein imposantes Hünenweib, das er vor zehn, zwölf Jahren unter anderen geliebt zu haben behauptete. Er ging also nach der Vorstellung zum Bühnenausgang und wollte durch einen Diener seine Karte, auf der er mit Bleistift eine Einladung zum Souper für Fräulein Zenzi Huber geschrieben hatte, in die Garderobe befördern lassen. Da ward ihm vom Portier die Mittellung, daß es merkwürdigerweise ein Fräulein Zenzi Huber im königlichen Hofopernchor nicht gebe. Da er aber ein Mann von Energie war, beschloß er, den Ausmarsch der Chormitglieder zu erwarten und es darauf ankommen zu lassen, das Hünenweib unter ihnen herauszufinden.

Diese Unternehmung war nun gar nicht nach Franz Xavers Sinn, und er schimpfte weidlich darüber. Aber Balzer setzte seinen Kopf durch und erkannte auch tatsächlich die einst geliebte Huberin in einer umfangreichen älteren Dame, die in Begleitung eines spindeldürren kleinen Herrn und eines jungen Mädchens als letzte des Chorpersonals das Theater verließ. Sie war nur nicht mehr Fräulein Huber, sondern Frau Greulich, die Gattin des mageren Herrn.

»So, so, so, also Frau Greulich? Und das ist der Herr Gemahl? Freut mich, freut mich – aber sonst ist es Ihnen doch immer gut gegangen, wie?« –

Franz Xaver stand dicht hinter dem betreten nach Worten suchenden Freunde und versetzte ihm aus lauter heller Schadenfreunde einen derben Puff in die Hüftengegend, als Frau Greulich, für gütige Nachfrage sich bedankend, versicherte, daß sie mit ihrem Los an der Seite ihres Mannes und auch mit ihren fünf Kindlein recht zufrieden sei, von denen das älteste schon seit zwei Jahren in die Schule ginge.

Der Bariton war wütend über seinen Hineinfall, aber um den Freund zu ärgern, faßte er einen wilden Entschluß und brachte ihn auch sofort zur Ausführung, indem er Herrn Greulich nebst Frau Gemahlin zum Nachtessen einlud. Und diese greulichen Greulichs nahmen die Einladung dankend an, weil ja die Bammsen bei der Großmutter gut versorgt seien, und erbaten die Erlaubnis, auch ihre Pensionärin, die Ballettelevin Fräulein Milly Moosgrün, mitnehmen zu dürfen, die zwar erst siebzehn Jahre und noch ein rechtes Afferl, aber bess'rer Leute Kind sei und eine feine »Büldung« besitze.

Sie zogen also zu fünfen in den Ratskeller – und es wurde ein schrecklicher Abend. Herr Greulich, das Spindelmännchen, war bereits nach dem fünften Glase Wein ausgeschaltet; sein gewaltiges Weib aber entwickelte sich unter dem Einfluß des Alkohols ins Fürchterliche hinauf; größer noch als ihr leiblicher Appetit war ihr Hunger nach stark gewürzten Anekdoten und saftigen Witzen. Sie legte eine ungewöhnliche Intelligenz im Erfassen von plumpen Anspielungen an den Tag und quittierte über solche freundlichen Zuwendungen mit kreischendem Gelächter und zärtlichen Annäherungen an den Spender.

Das sogenannte Afferl, Fräulein Milly Moosgrün, fiel Franz Xavern zu. Ein ganz hübsches Beutestück, um heimlich in einem dunklen Winkel verzehrt zu werden, aber so an öffentlichem Orte, bei elektrischer Beleuchtung, doch auch selbst für einen Zigeuner von Franz Xaver Meusels Schlage etwas genierlich. Das Mädel war nicht auf den Kopf gefallen, wenn auch die feine »Büldung«, die ihm nachgerühmt worden, lediglich aus ein paar hängengebliebenen modernen Redensarten gründeutscher Literatennaseweisheit bestand. Das Fräulein hatte in seiner kurzen Vergangenheit schon reichlich – Bewegung genossen, und zwar nicht nur in der Ballettschule. Aber amüsant war es und frech wie ein junger Dachs. Den Schampus ließ sich die Milly schmecken, aber die Tollheiten, die ihr Franz Xaver in das niedliche Ohr flüsterte, machten ihr wenig Eindruck. Sie war für das Reelle. Als ihr sonderbarer Tischherr ihr eine Handvoll Gold zeigte, das er aus der Hosentasche hervorgeholt hatte, begannen ihre grünen Augen gierig zu funkeln, und sie schmiegte sich alsbald mit einer so schwülen Zärtlichkeit an ihn, daß dem Dichter der Ekel aufstieg. Er riß ihr zwei Taillenknöpfe auf und schüttelte ihr mit einem derben Witz das Gold ins Mieder. Dann empfahl er sich, angeblich, um die Freunde aus dem Café herzuholen. Balzer wäre gar zu gern mitgekommen, aber das Hünenweib legte ihm ihre mächtigen Arme auf die Schultern und ließ ihn nicht los. Das einzige, was ihn in dieser fatalen Situation einigermaßen tröstete, war die Aussicht, nunmehr mit dem fidelen und wirklich recht hübschen Fraulein Moosgrün anbandeln zu können.

Im Café wurde Meusel, der Poet, mit lautem Jubel empfangen, denn durch das Büfettfräulein und den Oberkellner war es bereits bekannt, daß er Pensionär des Sultans von Lahore geworden war. In diesem trauten Kreise durfte er sich endlich als König fühlen und auf gebührende Anerkennung seiner Würde rechnen. Das edle Lumpengesindel, das seinen Stammtisch bevölkerte, diese brodelnden jungen Hirnschalen, die mit Schreiben, Malen, Tonkneten und Musizieren die Welt aus den Angeln zu heben gedachten, freute sich ehrlich seines Glückes und brachte seiner Stimmung volles Verständnis entgegen. Er traktierte die ganze Gesellschaft, und der Weinrausch, den er sich bereits angetrunken, war ein Kinderspiel gegen den Gedankenrausch, in den er sich in den noch übrigen Stunden dieser Nacht hineinredete. Er kam ein gutes Stück weiter mit dem Ausbau seines Königreiches in dieser Nacht, indem er eine ganze Reihe hervorragender Ämter und Würden mit den zufällig anwesenden Zechgenossen besetzte. Wer je ihm gepumpt von diesen Gesellen, dem zahlte er es heute mit Zinseszinsen heim, wer an seinem Genie gezweifelt, dem verzieh er es heute in Gnaden, und wen er bisher ein blödes Urviech geheißen, dem sank er heute gerührt an die Brust und trank mit ihm Brüderschaft. Auch mit der Büfettdame trank er Brüderschaft, obwohl sie die Geliebte des Wirtes war, und ernannte sie feierlich zur Palastdame Ihrer Majestät der Königinwitwe.

Obwohl es so gegen zwei Uhr schon recht wüst herging, hatte die Sache doch ihren eigenen Humor und Stil. Da erschien an der Tür – der Balzer Theo mit seinem greulichen Gefolge. Madame Greulich trug ihren toten Mann unter dem Arm herein, und Milly Moosgrün schwebte, anmutig torkelnd, am Arme des Heldenbaritons. König Meusel sprang zornglühend von seinem Thron auf und verbannte mit gewaltigem Stimmaufwand jene »lästigen Ausländer«, wie er sich ausdrückte, in das Hinterland von Klein-Popo. Aber als die Gesellschaft bei der Gelegenheit erfuhr, daß der kleine Herr im Pelz der andere Achtelteilhaber an Meusels kolossalem Dusel sei, protestierte sie einstimmig gegen das Verbannungsurteil und zog die vier mit Hallo an den Stammtisch. Von da an begann das Chaos.

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