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Der Tonkunst Wettstreit mit der Malerei

David Heß: Der Tonkunst Wettstreit mit der Malerei - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
authorDavid Heß
booktitleSchweizerische Erzählungen
titleDer Tonkunst Wettstreit mit der Malerei
publisherFriedrich Schultheß
editorHeinrich Kurz
year1860
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080715
projectid947a8a2d
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1.

»Potz Stein und kein Ende, Angelika! Indeß ich da seit zwei Stunden im Feuer der Composition vor meiner Staffelei sitze, meine ganze Aufmerksamkeit dem Bild weihe, das aus meiner Seele quillt, und wähne, du zeichnest eben so eifrig fort, muß ich jetzt beim ersten Ausblick gewahr werden, daß das leichtsinnige Mädchen schon wieder Zeit und Augen verdirbt um – Noten abzuschreiben! Wie ist es denn möglich, daß du die fünf ewigen Paralell-Linien, die schwarzen Kleckse mit Schwänzen und Schnörkeln dran, lieber ansehn magst, als die weichen sphärischen Formen deiner Niobe, an der du hättest fortarbeiten sollen! Ich hätt' es halt gar nie leiden, dir kein Klavier anschaffen und dir die Musik ein für allemal verbieten sollen; denn über dem Gedudel geht der Hauptzweck deines Lebens verloren!«

Mit diesen harten Worten fuhr der Maler Lukas Schönfeld seine einzige Tochter an, die nicht weit von ihm saß, und in der That sehr emsig neben ihrem Reißbrett Mustknoten kopierte.

Des Künstlers Eifer war eben nicht bös gemeint, denn die schöne und wunderliebliche Angelika war sein Herzblatt; aber es war so die Art des gutmüthig launigten Feuerkopfs, sich grell und heftig auszudrücken.

»Lieber Vater«, erwiederte das Mädchen mit sanfter Stimme und legte die Feder weg, »ich wußte mir an dem Kontur der Schattenseite allein nicht mehr fortzuhelfen und wollte Sie doch nicht stören, weil ich sah, daß Sie so ganz in Ihre Arbeit vertieft waren. Da schrieb ich unterdeß, um doch nicht müßig zu bleiben, den artigen Canon ab, welchen die Studenten vorige Woche im Konzert sangen.«

»Was Konzert und Studenten! Du sollst weder eine Sängerin werden, Mädchen, noch mit Studenten Verkehr haben«, polterte der Alte fort. »Eine Malerin, eine bedeutende, berühmte Malerin sollst du werden, wie deine Namenspatronin, die glorreiche Tyrolerin! Darum ließ ich dich Angelika taufen, um dich durch diesen Namen schon der Kunst zu weihen, weil unser Herrgott mir keinen Sohn bescheerte. Gab doch mein Vater mir auch schon in prophetischem Sinne den Namen des ältesten christlichen Meisters, des Evangelisten Lukas! Und bin ich nicht ein ganzer Kerl geworden, den die wahren Kenner ehren, und dessen Werke lang nach seinem Tode noch fortleben werden? Wie oft schon erzählte ich dir, wie der alte Ismael Mengs seinen Sohn Raphael taufen ließ, damit auch er seinem Namenspatron, dem Erzengel unter den Malern, nachstrebe in der göttlichen Kunst. Der Blitzjunge wollte Anfangs nicht dran, aber sein Vater wußte ihm die Mücken auszutreiben. Er prügelte ihm, ja, ich sage dir, er prügelte ihm die Kunst ein; und daß er sie nachher faßte, und mit hoher heißer Liebe trieb, das beweisen die Werke des Unsterblichen. Prügeln werde ich dich freilich nicht, Herzenskind, dir nicht einmal mit dem Pinselstiel unsanft auf die Fingerchen klopfen; dafür aber sollst du auch die Hoffnungen deines Vaters nicht zu Schanden machen, keine Alotria treiben, und fleißig nach den guten Mustern, die ich dir vorlege, zeichnen und studiren, bis einst das innere Licht dir aufgeht, und du aus eigener Kraft die Mythen der Vorwelt darstellen kannst, wie die Tyrolerin, oder besser noch!«

»Ich zeichne ja recht gern und fleißig, mein guter Vater«, sprach Angelika. »Allein zur Erholung und Abwechslung darf ich doch wohl auch ein Stündchen singen und spielen. Wie oft schon gestanden Sie mir selbst, daß Sie mit erhöhter Begeisterung arbeiteten, wenn ich Ihnen dazu das Lied aus der Ferne sang, oder des Wanderers Nachtlied an die Sterne? Um das aber mit einiger Fertigkeit thun zu können, muß ich mich doch üben, muß Noten abschreiben, um sie á prima vista lesen zu können.«

»Ich wollte, ich hätte meine Rührung unterdrückt, deinem Gesang nie keinen Beifall gezollt, und dir überhaupt nie keinen Musikmeister gelassen«, entgegnete Schönfeld. »Ich that es deiner seligen Mutter zu Gefallen, die immer von deiner Stimme viel Rühmens machte, und wie die entwickelt und gebildet werden könnte. Hätte ich damals geahnet, daß die liebe leidige Musik so bei dir die Oberhand gewinnen würde, daß du der ernstern Malerei jede Minute abstehlen würdest, um auf dem Klavier herum zu trommeln und dabei zu trallaren, so hättest du mir nicht einmal Psalmen singen dürfen! Zwei Talente können nie neben einander getrieben werden, ohne daß eins dem andern schadet; und wer seine Zeit versplittert, und nicht Eines nur als Hauptzweck aufstellt, das Eine zu erreichen alle seine Zeit verwendet, dem das Eine allein nicht der einzige Taggedanke, der immer wiederkehrende Traum seiner Nächte bleibt – der wird auch immer nur ein mittelmäßiger Stümper, ein verdorbner, verzettelter Pfuscher bleiben! Und ich sage dir, die Malerei nimmt ein ganzes Leben und all unsre Kräfte in Anspruch, wenn wir etwas Rechtes leisten wollen, denn:

Viel sind der Zaubereien der Kunst,
Und wenig der Tage des Lenzes!«

»Der Dichter meinte aber ja gerade die Musik damit«, sagte Angelika, »und sie ist doch auch eine göttliche Kunst; sie ist ja die Schwester, und eine recht schöne Schwester der Malerei.«

»Ja, Kind«, antwortete der Vater, »sie ist es wohl; aber eine, wenn nicht jüngere, doch an innerm Gehalt sehr untergeordnete Schwester; sie verhält sich zur Malerei, wie ein verblasenes Portrait von Füger gegen ein keckbestimmtes Bild von Michel Angelo. Saitenspiel und Vogelsang, ist gar schön und währt nicht lang, sagt das alte Sprüchwort. Ihr singt, ihr spielt, ihr kitzelt die Ohren, ihr regt die Nerven auf mit Tönen, und sind diese verhallt, was bleibt zurück? – Nichts! Ausgesungen, ausgeklungen! Wenn eure Fugantini's, eure Heiden und Türken ihre besten Stücke abgeorgelt haben, und nur abseits gehen, einen Schnaps zu trinken, so hat Alles ein Ende; und wenn es wiederholt werden soll, so müssen sie wieder mit dabei sein; oder es braucht andere Leiermänner und Helfershelfer, die ihren Singsang nachkaleien, und nicht selten anders vortragen, als es sein sollte; am Ende gar noch Alles verhunzen. Auch der geübteste Tonkünstler hat nur einen unvollkommnen Genuß, wenn er die schönste Partitur vor sich sieht, ohne ein Instrument, und noch dazu ein gestimmtes, bei der Hand zu haben, auf dem er zusammen buchstabiren kann, was der Komponist mit seinen Hieroglyphen sagen wollte. Dagegen ist, was wir gemalt haben, jedem gleich anschaulich in seiner Urschönheit von Formen und Farben, wenn er anders nicht schielt, gesunde Augen im Kopf hat, und kein Akyanobleps ist, für den kein Blau existirt, wie uns Göthe lehrt. Siehe dessen Farbenlehre, 1ter Band, S. 42. Was wir erschaffen, bleibt! Es ist immer da; es kann, ohne jedes andere mechanische Hülfs- und Vortragsmittel, alle Tage auf's Neue wieder genossen werden, wenn auch der Meister schon seit Jahrhunderten auf seinem Pinsel, wie Elias auf dem Feuerwagen, zu den Unsterblichen empor gallopirt ist!«

»Aber wie kömmt es denn«, frug Angelika, »daß die Musik auch ungebildete Naturmenschen anspricht und rührt? Beweist das nicht, sie sei die angeborne, überall verständliche Sprache des Herzens? Ein Bauer wird an dem besten Gemälde ohne Interesse vorbeigehn, und es nicht ansehn, wenn es ihn nicht etwa durch ungewöhnlichen Farbenprunk anzieht. Hört er aber Musik, wenn es auch nur ein lustiges Tänzchen wäre, so steht er still und lauscht; und ist er nicht ein ausgemachter Kloß, oder ein abgelebter Alter, so krabbelt ihn das Tänzchen in den Beinen, daß er hüpfen und Kapriolen schneiden möchte. Regt nicht die schmetternde Trompete in Roß und Reiter Kampf- und Siegeslust auf, und gibt selbst dem Verzagten Muth? Stolzer und freier als nach der bloßen Trommel marschiert der Soldat nach der Melodie des kriegerischen Marsches dem Tod entgegen. Und in der Kirche, lieber Vater! Wenn der ernste Chorgesang vielstimmig durch die hohen Gewölbe erschallt, wie erhebt er den frommen Sinn der ganzen versammelten Gemeinde, deren Herzen in Liebe zusammenschmelzen, wie ihre Töne in Harmonie! Wie empfänglicher wird die gerührte Seele für die hohen Wahrheiten, für die heiligen Mysterien der Religion! Und fällt die Orgel mit ihren Flötenregistern, und dann mit ihren ernsten Kontratönen in die Pausen des Gesanges ein, und wenn der geübte Meister sein Thema durch alle Tonarten in abwechselnden Modulationen hin und her führt, und ein Gedanke sich an den andern schmiegt, wie Blum' an Blume zu einem festlichen Kranze, und die mannigfaltigen frischaufsprossenden Tonblüthen doch alle nur ein abgerundetes, vollkommnes Ganzes bilden – o, Vater! welche wunderbaren Gefühle erwachen da in der Seele, die ohne Hülfe der Musik ewig geschlummert hätten; welch' unbestimmtes Ahnen und Sehnen füllt das Herz, nach Etwas, das von Jenseits winkt; welche zarten Vibrationen beben durch alle Nerven! Das Auge füllt sich mit süßen Thränen; die Wehmuth wird Wonne; leise Seufzer heben die Brust, in der es träumerisch auf und nieder wogt, wie Ebbe und Fluth des Weltmeers, und keine irdische Sprache vermag mit Worten auszudrücken, und zu versinnlichen, was tief sich im Gemüth des Menschen regt!«

»Schwärmerin du«! rief der Vater. »Eben das ist es, was ich an der Musik auszusetzen habe, und warum ich mich selbst tadle, wenn ich mich etwa von ihrem verführerischen Klingklang hinreißen lasse! Sie erregt nur dunkle unbestimmte Gefühle; sie führt uns in Oßianische Thäler, voll Schatten, Mondlicht und Nebelgestalten, an denen kein Umriß deutlich zu erkennen und festzuhalten ist. Die Malerei dagegen nimmt nicht nur mit Homerischer Deutlichkeit und Zierlichkeit unsere Phantasie in Anspruch; sie ist auch Sache des Verstandes, ohne den sie nicht bestehen kann. Wie vielseitige Bildung muß nicht der Maler sich als Mensch und Künstler erworben haben, wenn er allen Forderungen der Kritik Genüge leisten will! Wie leer und roh sind dagegen viele Virtuosen neben dem Orchester, wenn sie von dieser bretternen Prunkbühne ihres beschränkten Wirkungskreises herabgestiegen sind! Die Tonsetzer meinen sich viel damit, wenn sie sagen: das Fundament unserer Kunst beruht auf der positivesten aller Wissenschaften, auf der Mathematik. Das beweist aber Nichts. Sie dient ihnen bloß als Vorsorge und Gesetz, daß die Balken des Gerüstes, um welches die Töne wie eine vielfarbige Lampenillumination um architektonische Formen sich schlingen, winkelrecht aufgestellt werden können. So haben wir Historienmaler auch die Anatomie, daß disästhetische Gerippe, zu gleichem Behufe. Deßwegen dürfen wir uns aber nicht rühmen, eigentliche Zergliederer zu sein. Und bei Anlaß der Anatomie muß ich dir nur noch rund heraus sagen, daß der Zauber der Musik, physiologisch geprüft, im Grund nichts Anders ist, als nur ein künstlicher, feiner Nervenreiz; und wird er zur höchsten Spannung gesteigert, so entsteht am Ende kränkliche Abnormität. Eine liebenswürdige Tochter des Kupferstechers Bause spielte sich durch die Harmonika, deren Tonschwingungen unmittelbar durch die Fingerkoppen das Nervensystem am stärksten erschüttern, eine Nervenzehrung an, die sie in der Blüthe des Lebens dahinraffte. – Ich habe noch einen andern Grund, warum ich dich vor dergleichen, durch Nervenreiz künstlich erhöhten Seelenstimmungen warnen muß; denn sieh', mein Kind, wir wissen noch alle nicht recht, was Körper oder Seele an uns ist, an welchen Fibern sie zusammenhängen, und wo der Haas eigentlich im Pfeffer liegt. Dergleichen wachsartige Dinger wie du, Angelika, werden durch Musik nur noch empfänglicher für jeden Eindruck von Außen her; zum Nassen ist bald genug geregnet, und euere vielfach besaiteten Herzen erklingen ohnehin gleich wie die Aeolsharfe, wenn nur ein laues Lüftchen daran vorübergleitet. Der kleine schlaue Amor lauscht hinter dem Sattel jeder Geige, und bestreicht jeden Fidelbogen, den ein junger lebenslustiger Bursche führt, statt mit Calfonium, mit seinem verführerischen Vogelleim, an dem erst die blitzenden Augen, und dann bald auch die raschpulsirenden Herzen der jungen Zuhörerinnen wie Finken kleben bleiben. Dein Herz aber, Angelika, sollst du nicht an den ersten besten Geiger oder Sänger vertändeln, der die Lockpfeife zu spielen versteht. Nur ein wackrer, vielseitig gebildeter Maler kann und soll mein Eidam werden, wenn dein Verstand, dein Aug und deine Hand sattsam geübt sind; und dann ziehn wir, ein artistisches Kleeblatt, nach Rom und Neapel, und nach Paris ins Museum, und führen zusammen ein Götterleben, von dessen Wonne du dir jetzt noch keinen Begriff machen kannst!«

So schwadronirte der rasche Fünfziger Schönfeld, indeß er seine Palette beseitigte, und seine Tochter hocherröthend die schönen Augen niederschlug, und nicht weiter widersprechen durfte, um den, von der Arbeit erhitzten Vater, nicht noch mehr in Wallung zu bringen; denn sie hatte noch für die nächste Stunde eine Bitte an ihn auf dem Herzen.

2

Der Maler war eigentlich nichts weniger als ein Feind der edeln Tonkunst. Er hatte ihr selbst einen Theil seiner stürmischen Jugend gewidmet; durch sie hatte er sich die Liebe seiner früh vollendeten Gattin erworben, und würde es vielleicht zu einem nicht geringen Grad von Virtuosität auf dem Pianoforte gebracht haben, hätten die bekannten Töne nicht durch Verbindung von Ideen und Erinnerungsgefühlen seinen Schmerz über den Verlust der Geliebten erneuert. Zudem geschah ihm wie manchem Andern, der in der Jugend beiden Künsten zugleich huldigte; mit den reifern Jahren, wo der Verstand vorherrscht, schließt dieser sich naturnothwendig und vorzüglich dem Plastischen an. Und als er sich immer mehr in die bildende Kunst hineingearbeitet hatte. entfaltete sich in seiner regen Phantasie ein Plan, der schon früher im Hintergrund seiner Seele gelegen, zu einem idealischen Künstlerleben, in welchem seine Tochter, die entschiedene Anlagen zeigte, eine Hauptrolle spielte. Sie sollte, selbst Malerin, mit einem geschickten Maler verbunden, und dann beide durch ihn zum höchstmöglichsten Grade der Kunst und Celebrität erhoben werden. Nur seit dem er später bei seiner Angelika eine überhandnehmende, und kürzlich vorherrschend scheinende Neigung für die Musik gewahr wurde, suchte er alles Mögliche hervor, diese, gegen seine eigene innere und geheime Ueberzeugung, durch allerlei Sophismen zu bekämpfen, weil sie der unbedingten Ausführung seiner Lieblingsgrille hinderlich werden konnte.

3

Als die Palette rein, das angefangene Gemälde umgekehrt an die Wand gestellt, und die Staffelei auf die Seite geschafft war, sprach Schönfeld: »Jetzt zieh dich an, Angelika; es wird Abend, und den bringen wir auf der Akademie zu, wo du beim Lampenschein mir eine Skizze nach der Büste Homers entwerfen mußt. Es ist ein herrlicher Kopf; ganz der sinn- und bilderreiche Alte! Auf den Konturen seiner Stirn sieht der Physiognom die ganze Ilias schweben, und du kannst viel daraus lernen.«

»Lieber Vater«, begann das Mädchen schüchtern, »ich hätte sehr gewünscht, Sie möchten mir erlauben, diesen Abend meine Freundin Egloff ins Konzert zu begleiten, da ich es ihr halb und halb versprechen mußte, im Fall Sie mir Ihre Einwilligung nicht verweigerten. Zudem singen die Studenten wieder, und diese Art von Gesang ist mir ganz neu und zieht mich ganz besonders an.«

»Da haben wir's schon wieder«! rief der Vater. »Statt auf den Antikensaal will die ins Konzert. Daß dich doch! Und was munkelst du denn immer von Studenten? Was sind denn das für Studenten und was hast du ihnen nachzulaufen?«

»Wie der liebe Papa doch zerstreut ist!« erwiederte Angelika. »Gewiß haben Sie's überhört, als ich Ihnen, vor mehr schon als drei Wochen, von diesen jungen Leuten erzählte. Vier Universitätsfreunde, die neben ihren ernsten Studien sich auch der Musik beflissen, und ihre Abende statt im lärmenden Kommerz immer nur auf ihrem Zimmer zubrachten, erwarben sich durch tägliche Uebung ihrer schönen Stimmen eine solche Fertigkeit im Quartettsingen, daß sie darin fast die Geiger-Virtuosität der berühmten Gebrüder Moralt aus München erreichten. Als nun die akademischen Ferien begannen, regte sich ein genialischer Lustgedanke in diesen vier befreundeten Jünglingen. Sie beschlossen, von ihrem Talent öffentlichen Gebrauch zu machen, einen musikalischen Streifzug anzutreten, überall, wo es sie anspräche, Konzerte zu geben, und so einige glückliche Monate unter neuen Umgebungen und Erscheinungen zu feiern. So kamen sie auch hieher; und da sie sehr wohl aufgenommen wurden, und mancherlei Bekanntschaften machten, verweilten sie länger, als sie sonst zu thun pflegen. Nun aber werden sie wohl bald wieder auf ihre Universität zurückkehren müssen, und heut Abend vielleicht zum letztenmal hier öffentlich auftreten, O, lieber Vater! Wenn ich Sie nur bereden könnte, auch mitzukommen. Es würde Ihnen gewiß Freude machen. Nur Freunde, nur Menschen, die sich innig lieben, und stündlich mit einander umgehen, können ihre Stimmen so aneinander gewöhnen, können so haarscharf einfallen, und einander vor- und nachgeben. Man glaubt, ein einziger Mensch spiele mit der Einheit seines Willens auf der Vox humana einer wohlgestimmten Orgel. Einige von ihnen sind auch Virtuosen auf verschiedenen Instrumenten, Dabei sollen es sehr ordentliche, sittsame und anspruchlose Leute sein; und was sie vortragen, ist sehr belehrend, da sie meistens nur Fugen und Canons singen.« »Ja, das sind mir die Rechten!« platzte Schönfeld heraus. »Als ob ich die Studenten nicht kennte! Ein ganz burschikoser Einfall, so pfeifend, singend und spielend durch's Land zu streifen, und unter jedem Fenster, wo ein Mädchenkopf lauscht, zu gurgeln:

Der Vogelfänger bin ich ja,
Stets lustig, heißa, hopsasa!

Glaub du mir, ihre Canons sind Kanonen, womit dergleichen leichtfertige Artilleristen hinter den Schanzkörben ihrer geheuchelten Sittsamkeit und Bescheidenheit hervor die Mädchenherzen bestreichen, und Gott weiß, wo sie schon Bresche geschossen haben! Kind, bleib du mir aus ihrer Schußweite! Das taugt nichts für dich! Dein Herz soll keine Zielscheibe für solche lockern Brüder sein. Und hätten wir heut Abend auch keine Akademie, so dürftest du mir unter solchen Umständen doch nicht ins Konzert. Ich rathe dir zum Besten, Angelika, und damit Basta!«

Ein kleines Gewitter von krausen Wolken und Thränenregengüssen stieg hinter des Mädchens verdüsterten Augen auf, als der Vater ihre Bitte so rund abschlug. Sie hätte gern noch fortgebeten und geschmeichelt, allein sie wußte, daß das Nichts helfen würde. Kleinlaut und verzagt warf sie einen Shawl über und begleitete den Vater auf die Akademie. Allein es wollte ihr da Nichts gelingen. Die Kreide war immer stumpf, so oft sie auch spitzte. Das Oel in der Patentlampe brannte so düster, daß sie, mit den zerdrückten Thränen in den Augen, keine Form deutlich unterscheiden, mit zitternder Hand nur höchst unvollkommen nachbilden konnte, und der Vater Homer kam ihr mit seinem krausen Barte wie ein Popanz vor.

»So schlecht hast du nie was gemacht«, schmälte der Vater. »So geht es, wenn man immer Aliena treibt!«

Früh und stille ging sie hinter dem schmollenden Vater nach Hause; und als der Weg sie an dem hellerleuchteten Konzertsaal vorüberführte, seufzte sie, daß die Steine sich hätten erbarmen mögen.

4

Allein über Nacht kömmt Rath. Am folgenden Morgen hatte sie mit Erlaubniß des wiederbesänftigten Vaters den durchaus nöthigen Gang zur Freundin Egloff zu thun, um sich für ihr gestriges Ausbleiben zu entschuldigen; und Schönfeld glaubte, es würde sie erleichtern und umstimmen, wenn sie ihr Herz ausschütte. In der That kam das Mädchen ganz erheitert zurück, und setzte sich an ihren Tisch am Fenster, um nach der Niobe von Seidelmann fortzutuschen. Schönfeld belehrte und unterhielt sie abwechselnd mit allerlei abgebrochenen Einfällen, und die Harmonie war wieder hergestellt.

5

Gegen zehn Uhr ward an die Thüre des Ateliers sittig geklopft, und auf Schönfelds »Herein!« trat ein Fremder an des Malers Staffelei mit freier Verbeugung und edlem Anstand und sprach nach den gewöhnlichen Begrüßungsformeln:

»Ich heiße Wildenfels, und bin ein junger Pilgrim, der nach dem Vortrefflichen auf Erden wandert. Ich suche das Edle und Schöne in allen Gestalten und Formen, um es mir zur innern Vervollkommnung zuzueignen. Die Kunst spricht mein Gemüth mit Zaubergewalt an; sie gehört mit in den Kreis meiner Ausbildung. Auf langen Reisen fand ich selten Zeit genug, die Hand gehörig zu üben; allein da ich von Ihrem Künstlerruhm hörte, beschloß ich, einige Wochen oder Monate hier vor Anker zu legen und mich Ihres Unterrichtes im Zeichnen zu erfreuen, im Fall Sie mir denselben nicht versagen wollen. An gutem Willen soll es mir nicht fehlen.«

Diese rasche Ardinghelles-Anrede machte den Maler stutzig. Sein Auge verweilte mit Liebe auf dem Jüngling, weil alles Schöne den Künstler mächtig anzieht. Der Fremde war eine hohe schlanke Gestalt; sein schwarzes Auge blickte dreist umher, als ob die Welt ihm angehöre. Seine dunkeln Locken flatterten wild über die gewölbte Stirn; die Nase war fein zugespitzt und auf den schmalen Lippen war ein leichter Anflug von Laune unverkennbar. Seine Bewegungen waren gewandt und zierlich und ein kräftiges Schnurbärtchen gab dem Ganzen ein heroisch-romantisches Ansehen.

»Ich gebe sonst keinen Unterricht«, sagte Schönfeld, nachdem er seinen Gast ein wenig gemustert. »Allein wenn es Ihr ernster Vorsatz ist, sinnig zu studiren, und nicht bloß, um der Mode zu fröhnen, einige Früchte der Kunst im Fluge zu benaschen, so will ich wohl einen Versuch mit Ihnen wagen. Aber ich wiederhole es Ihnen, junger Mann, es muß Ihr wohlüberlegter Ernst sein; denn meine Zeit ist kostbar. – Ueberhaupt möcht' ich Sie und alle jungen Leute vor dem überhandnehmenden Dilettantismus warnen, der selten etwas mehr als Windeier ausheckt. Man meint jetzt, Alles treiben zu können und zu müssen. Ein Jeder will etwas zeichnen lernen, um die Werke seiner Hand hinter Glas und Rahmen von Idioten bewundert zu sehen, und etwa einer Dame ins Stammbuch oder zum Geburtstag ein buntbekleckstes Blättchen gehorsamst überreichen zu können. Wenn besonnene Schriftsteller klagen, die nächste Sündfluth, welche die Welt zu verschlingen drohe, könne nicht mehr vom Wasser verursacht werden, sie müsse von bedrucktem Papier entstehen, so klagen wir Maler noch lauter über die Anhäufung des Wustes von Bilderchen jeder Art, welche alle Wände und alle Mappen füllen und mit dem Fluche der Mittelmäßigkeit gestempelt sind. Ich sage Ihnen, dieses Aufstapeln gemeiner Waare, von Dilettanten oder verunglückten Künstlern berghoch auf einander geschichtet, verbreitet eine wahre Pest für die ächte Kunst. Warum? Da gibt es denn doch auch hin und wieder ein eigentliches Genie, ein Wesen, dem das Talent angeboren ist. Vor der Entwicklung der bessern Einsicht erblickt ein solcher Kunstjünger statt wenig einfacher vortrefflicher Bilder eine ungeheure Zahl gemeiner, schlechtgedachter, geschmackloser Vorstellungen; er muß es ansehen, weil ihn sein Instinkt zu allen Kunstgebilden treibt; er gewöhnt sich früh an das Mittelmäßige, an das Schlechte, und durch diese mannigfaltigen ersten und falschen Eindrücke erhält er eine schiefe Richtung; er findet das Gemeine erträglich; er begnügt sich damit; er steckt sich seine Ideale so niedrig als der Zeitgeist sie hinzustellen pflegt, seine Phantasie erkrankt an der Ueberfülle grober Kost, und nur selten, und meistens nur nach mühevollem Ringen und oft zu spät führt ihn der bessere Genius aus diesem Alles niederdrückenden Trödelkram, aus dieser Wildniß von Schmarotzerpflanzen, auf rauhem Pfad empor zu wahrer Erkenntniß des wenigen Guten, des ewig Wahren und Schönen! – Den bloßen Dilettanten könnte man allenfalls noch ihre nutzlose Tändelei gestatten. Allein es ist gar nicht gleichgültig, ob ihr Geschmack rein oder falsch sei; denn die Zahl der Liebhaber bildet doch das Schöppengericht – ich möchte sagen das Schöpfengericht, welches über den Werth des ächten Künstlers sich abzusprechen anmaßt und gewöhnlich sein Fortkommen in der Welt bestimmt. Wie ist er zu beklagen, wenn seine Patrone an der Gemeinheitsseuche laboriren und sein Streben nach der selteneren Vollkommenheit nicht zu würdigen verstehn! Man läßt den ernsten strengen Denker einsam darben, und hält sich an den großen Troß der Bilderfabrikanten, die besser gethan hätten, Schuster und Schneider zu werden, als die Altäre der Musen mit den Aftergeburten ihres Pinsels zu verkleistern. In frühern Jahren ließ ich mich bereden, einem vornehmen Herrensöhnchen Unterricht zu geben. Er hatte ein kostbares Farbenkästchen aus Paris verschrieben, und wollte gleich anfangen in Miniatur zu malen. Ich suchte ihm begreiflich zu machen, er müsse erst zeichnen lernen, und ließ ihn Augen, Nasen und Ohren nachbilden. Nach Verfluß einiger Wochen war ihm das zu trocken; er wollte gleich zum Nassen übergehen und bat mich, ich möchte ihm doch Umrisse von Offiziersfiguren mit der Feder zeichnen, damit er die Uniformen bunt bemalen könne; da machte ich mich auf und von dannen, und habe seitdem keine Schüler mehr annehmen mögen. Mit Ihnen, Herr Wildenfels, will ich eine Ausnahme machen, da Ihr Aussehen mir gefällt und es mir vorkömmt, als leuchte etwas Kräftiges aus Ihren Augen hervor. Sie finden Papier und Bleistift auf jenem Tisch; ich will hoffen, Sie haben dergleichen auch schon hanthiert. Dort hängt ein Kupferstich; es ist ein Kopf nach Raphael. Entwerfen Sie eine Skizze davon; fahren Sie einige Tage damit fort; zwischen durch finde ich Gelegenheit, Ihnen ein Bischen auf den Puls zu fühlen, ob Sie auf Ihren Kreuz- und Querzügen auch etwas mit gesunden Augen angesehen haben; gewahre ich aber, daß Sie nicht zur Kunst berufen sind, so zeige ich's Ihnen gewissenhaft an, damit Sie Ihre Zeit nicht nutzlos verschleudern.«

Wildenfels machte sich gleich an die Arbeit, als ob er schon seit Jahr und Tag hier einheimisch gewesen, und nahm weiter keine Notiz von der Tochter des Künstlers, die nur selten von ihrer Niobe auf den Fremdling schielte und emsiger fortzeichnete, als sie noch nie zuvor gethan hatte.

Nach Verfluß einer Stunde schob Schönfeld seine Staffelei zurück, um sich nach dem neuen Schüler umzusehen, und zu prüfen, was dieser zu Tage gefördert. »Daß Sie schon Etwas dergleichen getrieben«, sprach der Meister, das seh' ich wohl, und auch, daß Sie sich Mühe geben; allein viel ist es noch nicht. Die Züge sind noch schwankend und unsicher; ich fürchte, Sie müssen ganz von vorn anfangen. Wir werden vorerst Geduld mit einander haben müssen.«

6

Wildenfels kam nun alle Morgen von zehn bis zwölf Uhr, schwatzte wenig, ließ sich's aber recht sauer werden, etwas Gutes hervorzubringen, um die Zuneigung des Künstlers zu gewinnen, der den Jüngling wegen seiner einnehmenden Gestalt wohl leiden mochte und sich heimlich verwunderte, daß der scheinbare Brauskopf sich so geschlossen hielt.

Sonderbar war es jedoch, daß zwischen Vater und Tochter, die sonst den ganzen übrigen Tag allein mit einander zubrachten, kein Wort über diese neue Erscheinung gewechselt wurde. Jedes schien seinen eignen Gedanken darüber im Stillen nachzuhängen. Auch spielte jetzt Angelika seltener als sonst auf ihrem guten Wienerflügel.

7

Eines Morgens hatte sich Schönfeld bei einem durchreisenden Gemäldehändler verspätet und kam erst gegen elf Uhr nach Hause.

Schon auf der Treppe hörte er drinnen einige flüchtige Akkorde und Passagen anschlagen.

»Ob wohl Angelika dem Wildfang ihre Künste zeigen will, um ihm doch einmal einen Blick abzugewinnen?« dachte er und öffnete leis' und unbemerkt die Thüre. Da stand das Mädchen, die der Thür den Rücken kehrte, neben dem Pianoforte und Wildenfels phantasirte.

Es war ein Feuerstrom neuer kunstreicher Gedankenfülle, das höchste Produkt zügelloser Virtuosität, und verhallte endlich wie fernes leises Gesäusel.

»Herrlich, göttlich! Das ist das Wahre! Das ist das Schöne! Das ist der Ausdruck tiefgefühlter Tonformen, reicher Ideenkraft, schöpferischer Fertigkeit, ohne Schulzwang, ohne Kleinheit! Alles inniges Leben und Harmonie, von Liebe erzeugt, mit Liebe ausgesprochen! Satansjunge, welch ein Gott oder welch Teufel hat dich in meine Wohnung geführt?« Mit diesen Worten stürzte der hingerissene Schönfeld gegen den aufgeschreckten Wildenfels, packte ihn bei den Schultern, umarmte und küßte ihn, indeß Angelika, zusammenfahrend, bald blaß, bald roth, verschüchtert und wortlos die Gruppe anstarrte.

»Aber um's Himmelswillen, welch einen verkappten Mozart hab' ich da so lang unter meinem Dach gehabt!« rief Schönfeld, nachdem er sich vom Taumel der ersten Ueberraschung erholt hatte. »Junger Mann, Sie haben die geheimsten Gefühle meiner Seele aufgeregt, denn Sie sind ein Meister!«

»Aber« – fuhr er nach einer Pause fort, »Sie hätten sich nicht so inkognito einschwärzen sollen; das sag' ich Ihnen rund heraus, des Mädchens wegen.«

Und hitziger fuhr er fort: »Nein, nein! Das paßt nicht in meinen Kram! Wären Sie ein Maler, wie Sie ein Ton- und Tausendkünstler sind – ja, so – allein noch ist es Zeit, aber, bei Gott! hohe, hohe Zeit! Und sehn Sie, mit dem Zeichnen ist es doch nichts. Ihr Zeichnen verhält sich zu Ihrer Musik, wie Eins zu Tausend! Jede Stunde, die Sie verzeichnen, ist ein Diebstahl an Ihrer Musik. Zwei dergleichen Dinge dürfen durchaus nicht neben einander getrieben werden, und ich würde Sie immer vom Reißbrett ans Klavier schieben; ich könnte keinen vernünftigen Strich mehr neben Ihnen malen, und es würde dem Mädchen da den Kopf vollends verrücken! Gehn Sie um Gotteswillen! Lieber Herr Wildenfels, stören Sie den Frieden meines Hauses nicht! Mir wird angst und bange; mir wird siedend heiß!«

Und indem er Wildenfels bei den Schultern gegen die offene Thüre schob, sprudelte er, halb bittend, halb drohend: »Gehn Sie um Gotteswillen, aber kommen Sie mir nie wieder! Ich bitte Sie! Ich bin nie mehr bei Hause; ich ziehe aus der Stadt! Der Herr segne Sie! Ich bin Ihnen nicht gram, ganz und gar nicht; aber wir passen weiter nicht zusammen! Adieu, adieu!« Und damit schloß er die Thüre hinter dem verblüfften Wildenfels, der gar nicht zu Wort hatte kommen können, ging hastig im Zimmer auf und ab und rieb sich die Stirn, indeß Angelika ganz verstört an ihren Pinseln und Tuschschälchen ordnete.

8

»Aber wie kam denn das, Angelika?« frug endlich der Vater. »Wußtest du, daß der Sapperlötter ein solcher Spieler ist?«

»Ach! mein Vater«, sprach das Mädchen mit ausbrechenden Thränen, »zürnen Sie doch nicht; lassen Sie sich besänftigen! Herr Wildenfels wartete mit Ungeduld auf Ihre Heimkunft, weil er mit seinem Entwurfe fertig war. Er ging unbeschäftigt hin und her, sah das offene Piano, und frug mich, ob ich spiele? Ein wenig, entgegnete ich, und erkundigte mich dann, ob auch er vielleicht musikalisch sei? Er sagte, er spiele auch zuweilen. Ein Wort gab das andere, wie es denn so zu gehen pflegt. Da bat ich ihn, mich unterdeß Etwas von seiner Kunst hören zu lassen. Da setzte er sich hin, und Sie haben gehört wie er spielte – ach!«

»Laß dir an dem genug sein, Angelika«, sagte Schönfeld mit großem Ernst. »Es geht dir für drei Konzerte. Aber ich bitte dich, schlage dir den Spieler und das Spiel aus dem Sinne. Laß das eine der schönen Erscheinungen im Leben für dich sein, die nicht wiederkehren und an die wir deswegen unser Herz nicht hängen dürfen. Laß uns auch weiter nicht mehr davon sprechen. Im Zeichnen bist du zu weit gekommen, um auf halbem Weg stille zu stehen. Blicke unverrückt nur auf das hohe Ziel, dem ich dich entgegen führe. Die bildende Kunst sei dein einziges Losungswort! In der Folge wird sich auch sonst noch Manches geben.«

Mit diesen Worten ging Schönfeld aus dem Zimmer und überließ das Mädchen seinen stillen Betrachtungen.

9

Ueber Tisch ging es einsylbig zu. Die folgenden Tage ward wieder gemalt und gezeichnet, als ob Nichts vorgefallen wäre. Aber es war etwas Fremdes zwischen Vater und Tochter getreten. Schönfeld pfiff jetzt meistens bei seiner Arbeit, was er nur dann zu thun pflegte, wenn ihn Etwas wurmte. Er schien das Mädchen oft zu belauschen, als wolle er etwas in ihren Augen lesen. Angelika staunte viel gen Himmel oder zählte die Fensterscheiben. Zuweilen kam sie sehr heiter vom Besuch ihrer Freundinnen zurück, trat dann hastig zum Vater an die Staffelei, als habe sie ihm Etwas zu offenbaren, und dann hatte sie ihm doch weiter Nichts zu sagen, als – es habe ein wenig geschneit, und es könnte über Nacht wieder kalt werden. Daß Etwas in ihr vorgehe, mußte Schönfeld sehen; allein er wollte ihr durch keine Frage den Weg zu irgend einer Erklärung bahnen, vor welcher er sich scheute.

Sein großes historisches Bild, Coriolan vor den Mauern Roms, in dem Augenblick, wo Mutter, Gattin und Kinder sein Herz zu erweichen trachten, wollte ihm jetzt auch nicht mehr nach Wunsch gelingen, und er ärgerte sich, daß sein Held, ob zufällig oder durch eine ihm selbst unbekannte Einwirkung, viel Aehnliches mit Wildenfels hatte. Alle Stunden rückte er an dem Gliedermann, nach welchem er die Gewänder malte, setzte ihm den Helm anders auf, suchte neu« Mantelfaltenwürfe und war überhaupt noch heftiger und auffahrender als sonst.

10

Alle Montag Abende brachte er im Künstlerklubb zu; und dieß Mal räumte er früher als gewöhnlich mit dem Gliedermann, der Staffelei und der Palette auf, stellte alles in das Nebenzimmer, griff dann nach dem Hut und sagte der Tochter ein zerstreutes Lebewohl.

In der Gesellschaft war's ihm auch nicht behaglich. Er nahm keinen Antheil an den verschiedenen Gesprächen über Kunstgegenstände, die sonst seine liebste Erholung waren; und plötzlich fiel ihm ein, der Wildenfelsische Coriolan müsse ganz umgeändert werden; diesen verführerischen Burschen wolle er nicht verewigen und gleichsam mit Gewalt seiner Tochter vor die Augen und ins Herz pflanzen. Er dachte sich die neue Stellung, und ob es gleich noch lange nicht Zeit zum Aufbruche war, eilte er nach Hause, um sogleich noch dem Gliedermann die Positur für den folgenden Morgen zu geben.

11

Er schellte an seiner wohlverschlossenen Hausthüre; allein, obgleich er oben im Zimmer Licht sah, ward doch nicht aufgemacht. Nun schellte er stärker; Angelika sah aus dem Fenster und rief: »Gleich, sogleich Vater!« und dennoch dauerte es wieder eine gute Weile, bis sie endlich die Klinke zog, und ihm dann ganz verstört mit dem Licht entgegen kam.

»Was ist dir denn, mein Kind«, frug Schönfeld, »und warum lässest du mich so lang unten warten?«

»Ich glaubte, mein lieber Vater ... ich fürchtete, es sei Ihnen etwas begegnet, weil Sie heute so spät ... ich meine, weil Sie so ungewöhnlich früh heimkommen, deßwegen bin ich ganz erschrocken«, stammelte das Mädchen, »Gewiß haben Sie die Tabakdose vergessen und kommen sie zu holen. Ich will sie Ihnen suchen.«

»Nein, Angelika«, sprach Schönfeld, »ich will nur den Mannequin anders stellen. Gib mir das Licht!«

»Aber bei Nacht geht das nicht wohl an«, meinte Angelika; »Sie könnten etwas dran verderben. Ich denke, ich bringe Ihnen den Gliedermann heraus.«

»Nicht doch, Kind! Gib mir nur das Licht«, brummte der Vater.

»Ich will Ihnen schon leuchten«, sagte Angelika zögernd, trat aber nur von der Seite an den Thürpfosten und nicht hinein. »Wird es bald? So komm doch näher – aber was Teufels«, rief Schönfeld, »ich bin doch nicht betrunken, und sehe dennoch doppelt! Da liegt mein Gliedermann in der Ecke, und ein anderer steht daneben mit dem Mantel und Helm Coriolans. Ich glaube – wahrhaftig, der Kerl regt sich! Was ist das? Wie kömmt er da herein, Hausschleicher, Bandit?«

Mit diesen Worten stürzte er auf den Coriolan zu, packte einen Unbekannten bei der Kehle und schleppte ihn ins Zimmer.

Da polterte es in der Kammer. Schönfeld ließ den Coriolan fahren und stürmte hinein. Eine andere Figur, die hinter der Staffelei versteckt gewesen, hatte diese umgeworfen und war mit dem Gesicht gerade in die auf einem Stuhl liegende Palette gefallen.

»Noch Einer!« wüthete Schönfeld, packte den sich Aufraffenden bei den Haaren und schleppte auch diesen ins Zimmer. »Diebe! Mörder! Hilfe, Nachbarn! Mein Haus ist erbrochen! Sie wollen meine Skizzen stehlen, sie wollen meine Kunstschätze plündern! Aber – alle Teufel! Da regt sich's noch! Da kömmt noch mehr! Es ist eine ganze Bande!«

In der That kam aus dem Dunkel hinter den Vorhängen hervor noch ein Dritter und zog einen Vierten am Arme nach sich, in welchem der ganz verdutzte Schönfeld bei schärferm Anstarren den – Wildenfels erkannte.

Aber seine Tochter warf sich ihm zu Füßen und stöhnte händeringend: »Vater, um aller Heiligen willen! Vergreifen Sie sich nicht! Es sind keine Diebe! Es sind... es sind ja nur die Studenten

»Was, die Studenten!« rief Schönfeld. »Wie? und so bald ich den Rücken wende, öffnest du mein Haus diesen lockern Gesellen; schämst dich nicht, dich mit ihnen einzusperren, und lässest den Vater draußen auf der Gasse warten? Du pflichtvergessene Dirne! Ist das die Frucht meiner Ermahnungen? das der Lohn meiner Liebe? Am Ende erleb' ich's noch, daß du dich hinten auf das Steckenpferd dieser vermaledeiten Haimonskinder schwingst und mit ihnen, auf Abenteuer, ins Blaue davon jagst!«

Jetzt trat der junge Mann hervor, der den Wildenfels am Arm herausgeführt hatte, und sprach ruhig und besonnen:

»Herr Schönfeld, der Schein ist allerdings gegen uns. Allein Sie sind ein Mann von Kopf und Herz, und werden uns wenigstens anhören. Wir sind keine Abenteurer, wie Sie wähnen könnten. Die bedeutenden Empfehlungen, die wir von bekannten Größen, von geachteten Männern bei uns führen, werden Ihnen beweisen, daß wir – wenigstens ehrliche Leute sind. Ich heiße Freimuth und studire Theologie. Der da, der das Gesicht in die Farben gesteckt hat – putz' dir doch die Nase! – heißt Günther und studirt Medizin. Der Pseudo-Coriolan heißt Klinger und ist Jurist. Und in diesem, Ihnen schon bekannten edeln Manne habe ich die Ehre, Ihnen den Freiherrn von Wildenfels vorzustellen, der noch keinen bestimmten Beruf gewählt hat, sich aber durch gründliche Studien zu jedem geschickt machte, und als Liebhaber die Musik mit Künstlerfertigkeit leidenschaftlich treibt. – Und nun kurz zur Sache: Wildenfels machte in den Konzerten, die wir in einer Anwandlung jugendlicher Laune öffentlich aufführten, die Bekanntschaft Ihrer liebenswürdigen Tochter. Eine wechselseitige glühende Leidenschaft verband innert wenigen Tagen ihre Herzen, die sich erkannt hatten, auf ewig. Sie sahen sich bei der Madame Egloff, an die wir empfohlen sind. Allein da Mademoiselle Schönfeld wußte, daß Sie nur einen Maler zum Eidam wünschten, durfte sie Ihnen Ihre unwiderstehliche Neigung noch nicht gestehen. Wildenfels, der Alles kann was er will, beschloß, bei Ihnen in die Lehre zu gehen, mit eisernem Fleiß die Kunst zu erlernen, und seine Angelika, wie einst Jakob seine Rahel, bei Ihnen zu verdienen. Wie Sie ihn am Klavier überraschten und aus dem Hause förderten, brauche ich nicht zu wiederholen. Seither sahen die Liebenden sich nicht, und Wildenfels wollte fast verzweifeln. Endlich faßte er neuen Muth. Er wußte, daß Sie den heutigen Abend im Künstlerklubb zubringen würden, und Ihre Tochter allein zu treffen sei. Um aber allen Anschein von geheimen Liebeshändeln vor Nachbarsaugen zu verhüten, forderte er uns alle drei auf, ihn zu begleiten. Mademoiselle Schönfeld war über unsere unerwartete und zahlreiche Erscheinung sehr betroffen, obgleich sie uns drei andere auch schon kannte. Nach mancherlei Berathschlagungen ward endlich beschlossen, daß ich Morgen früh zu Ihnen gehen, Ihnen alles offenbaren und für Wildenfels um die Hand Ihrer Tochter werben solle. Es wäre auch in der That geschehen, wenn sich Alles nicht früher und stürmisch entwickelt hätte.«

»Ja, theurer Vater, so ist es!« schluchzte Angelika noch immer knieend, »und fest war ich entschlossen, meine innige Liebe zu dem edeln genialischen Jüngling aufzugeben, wenn Sie unsere Bitten nicht erhören sollten, und eher mein Herz einem ewigen Gram zu weihen, als Sie zu erzürnen.«

»Herr Schönfeld«, begann endlich Wildenfels, »Sie wissen nun Alles. Sie waren Mensch, bevor Sie ein Künstler waren, und Sie sind Vater. Ein Wort für Tausende! Geben Sie mir die Hand Ihrer Tochter, Ihr Herz gehört schon unwiderruflich mein. Ich weiß es. Sie sind mir im Grunde doch nicht ungewogen und entfernten mich bloß, weil ich kein Maler bin. Aber Angelika kann ja auch als Liebhaberin der Kunst treu bleiben, so geht doch einer Ihrer Wünsche in Erfüllung. Ich habe meine Studien vollendet. Ich bin reich und unabhängig. In den schönen Umgebungen auf meinen Gütern läßt es sich angenehm wohnen. Ohne Sie, lieber Feuermann, könnten wir nie vergnügt dort leben. Sie ziehen mit uns, Vater, und wir bleiben beisammen bis an den Tod. Bevor wir uns aber auf dem Lande ansiedeln, reisen wir noch durch Frankreich und Italien, und schwelgen überall in den Kunstschätzen der Gallerieen und Museen. Schlagen Sie ein, Vater. Beim Allmächtigen, es soll Sie nicht gereuen!« Schönfeld hatte bereits seine Tochter sanft vom Boden aufgehoben, jedoch ohne sie anzusehen. Er befand sich gerade in der Stimmung, die er seinem Coriolan aufs Gesicht prägen wollte; Unentschlossenheit bei kämpfenden Gefühlen und allmälige Erweichung.

»Ich weiß nicht, was ich sagen soll«, sprach er endlich nach langem Staunen, »Ihr habt mich erzürnt, erschüttert und in meinem Hirnkasten Alles durch einander gewühlt. Nie hätt' ich mir's geträumt, daß, während ich bei meinen Freunden harmlos saß, meine einzige Tochter, mein Herzblut, mit Fremden gegen mich komplottiren würde!«

»Es war, Gott weiß es, kein Komplott, lieber Vater«, versicherte Angelika. »Es kam so alles unvorbereitet, wie von selbst, als müßt' es so sein.«

»Es war eine wohlgemeinte, ruhig und gewissenhaft überlegte Verhandlung«, fiel Freimuth ein, »und nachdem wir Ihrer Tochter die Redlichkeit der Absichten unsers Freundes, die Nothwendigkeit endlich einen entscheidenden Schritt zu wagen, bewiesen hatten, sangen wir ein Paar Quartette, ihr bewegtes Herz zu beschwichtigen, und es gelang uns, alle Aengstlichkeit von ihr zu verbannen. Am Ende brachten wir sie noch dazu, ein Duett mit Wildenfels einzustudiren, von welchem früher schon die Rede gewesen war.«

»Ja, lieber Vater«, sprach Angelika, »wir repetirten Martini's schmelzendes Occhietto furbetto, aus der Oper l'arbore di Diana um Sie einst damit zu überraschen. Ach! ich weiß es ja. Sie sagten mir oft, wie Sie diesen freundlichen Erguß liebender Herzen in den seligen Brauttagen mit meiner verklärten Mutter gesungen.«

»Kinder, Kinder! Ihr bietet ja Alles auf, mich zu überwältigen!« rief Schönfeld. »Mir ist so wunderbar zu Muthe. Tausend Gefühle und Erinnerungen kreuzen sich in meinem brennenden Kopfe, So singt denn in Gottesnamen euer Duett, daß ich unterdeß mich fasse und sammle!«

»Geschwind ans Piano, Wildenfels!« flüsterte Freimuth. »Singt, wie David dem Saul, euerm bald gewonnenen Vater zärtliche Gefühle in die Seele.«

12

Und Angelika sang mit Wildenfels Martini's schmeichelndes Duett, das schon in tausend liebenden Herzen wiederhallte. Sie sangen es, von des Vaters immer freundlichern Blicken ermuthigt, so anschmiegend, so schelmisch, wie es Martini selbst hätte hören mögen; mit jedem Takte ward der Vater weicher, und endlich sahen sie das reinste Entzücken aus seinen Augen leuchten.

» Basta, basta, cosi!
Nun ja, es ist euch gelungen,
Ihr habt das Herz mir bezwungen!«

rief der in den Tiefen seiner Seele erschütterte Maler und drückte die Liebenden an sein hochschlagendes Herz, »Welche süße Erinnerungen habt ihr in mir gewirkt; welche Töne süßer Vergangenheit habt ihr aus der schönen Traumwelt wieder hervorgezaubert! Ja, ja! Ich lege eure Hände zusammen; ich segne euch mit den Segnungen eines überströmenden Vaterherzens. Seid glücklich mit einander! Ich will glücklich mit euch und durch euch sein!« – Und euch, ihr wackern Gesellen, dank' ich, daß ihr mich per aspera ad astra geführt habt. Nehmt es nicht übel, daß ich euch für Diebe gehalten und nicht gleich witterte, daß euer Versteckens nur ein unschuldiger, fideler Burschenstreich sei. Ihr habt ein halbes Wunder verrichtet, denn vor einer Stunde noch würde ich den einen Narren gescholten haben, der mir gesagt hätte, meine Tochter würde einen andern als einen Maler heirathen. Aber – der Mensch denkt's und Gott lenkt's! Ach, meine Pläne! Mein Künstlerkleeblatt, meine geträumte Unsterblichkeit! Alles, Alles habt ihr rein weggeblasen!«

»Lieber Herr Schönfeld«, sprach Freimuth, es ist ja alles so, wie Sie's wünschten; nur schöner noch und etwas anders, als Sie's träumten. Ihre Liebe zur Kunst gab Ihnen den Gedanken ein, Ihre Angelika mit einem Maler zu verbinden. Wenn Wildenfels nicht eben ein Maler ist, so ist er doch ein Künstler, und die Kraft seiner Kunst hat sich an Ihnen selbst bewährt. Und ist das Urprinzip aller Künste nicht eines und eben dasselbe im Gemüth des Menschen? Es ist eine rege schöpferische Kraft von oben, die Jeden, dem sie innewohnt, mit Göttergewalt antreibt, die Erscheinungen in der physischen und moralischen Welt mit dem lebhaftesten Gefühl aufzufassen, das Geistige aus dem Sinnlichen herauszuheben, verschönert und mit erhöhtem Leben darzustellen; durch diese idealisirten Gebilde, durch diese Anklage aus den Tiefen unsers bessern Wesens, den feinern Sinn der Menge zu wecken, ihren Geschmack zu veredeln und sie aus dem engen Kreise des niederdrückenden Werkeltaglebens in höhere Sphären emporzuheben. Ob das mit Farben oder mit harmonischen Tönen oder mit schön artikulirten Worten geschehe, der Zweck ist der nämliche, wenn schon die Mittel dazu, je nach der individuellen Natur des geweihten Priesters, verschieden sind. Aechte Dichter, Maler und Tonkünstler sind Brüder, sind alle Kinder einer Mutter. Die Einen bewegen die Seele durch das Auge; die andern durch das Ohr. Wenn der Maler den Vortheil genießt, die Schöpfungen seines Geistes auf dem Tuche zu befestigen und ihnen durch bestimmte Formen einen bleibenden, unveränderlichen Gehalt zu geben, so ist sein Werk, das er mit mühsamer ausdauernder Anstrengung vollendete, doch nur auf einen einzigen Zustand beschränkt; er vermag nur einen einzigen Moment darzustellen; indeß der Tonkünstler, durch Aufregung aller feinern Nerven, einen tiefern Antheil an seinen melodischen Formen erweckt, und die Seele, in kurzen Zwischenräumen, in mannigfaltig abwechselnde Zustände, nach Willkür, versetzt, sie zur Traurigkeit und dann wieder zur Freude stimmt, zu großen Entschlüssen begeistert, die heiße Sehnsucht beschwichtigt und milden Trost in tiefbetrübte Herzen gießt. Eigentlich sind die wahren Künstler allzumal Dichter, und alle sollten, weil entfernt sich anzufeinden und ihre verschiedenen Wirkungsmittel, einer auf Kosten des andern, vorzüglich preisen zu wollen, sich vielmehr brüderlich vereinen, nach besten Kräften einander aufwärts zu helfen, durch Ideentausch und Ineinandergreifen aller Kunstzweige, woraus eine Gesammtwirkung entstehen könnte, welche die Welt in ein wahres Paradies umgestalten und alle Menschen auf eine höhere Vollkommenheitsstufe emporheben würde.«

»Ihr Herzensjungen!« rief Schönfeld, »Es ist alles wahr; ich habe das Alles schon früher empfunden und gedacht, und nur meine tolle Grille machte mich so schülerhaft einseitig. Ja, Wildenfels, du bist ein Seelenmaler mit deinen Harmonieen, und meine Angelika soll dich ewig begeistern, zu immer neuen und immer höhern Ausflügen ins Reich der Töne! Noch weißt du nicht, was Alles sich in dieser reinen Mädchenseele still verborgen regt; und jeder Tag wird dir eine neue Vollkommenheit an ihr entfalten, wenn du die Blüthen des Gefühls mit sinnig-schonender Hand zu pflücken weißt! – Welch ein Thor war ich, der beinah das Glück, das ihn verschleiert und prüfend heimsuchte, mit groben Händen aus der Thür geschoben hätte! Es ist nun Alles, Alles gut! Komm in meine Arme, Sohn meines Herzens, und du, Angelika, nur einen Augenblick reiß dich los von deinem Auserkornen! Laß vom Traiteur einen Ueberfluß von kalter Küche herschaffen und vom besten Achtundvierziger.

Wir wollen uns des Lebens freuen,
Und unsern Seelenbund erneuen!

Die Hochzeit soll künftige Woche gefeiert werden, und erst dann das rechte Leben angehen!

Wir wollen malen und spielen und singen!
Die ganze Welt soll von unsern Thaten erklingen!

Aber das beding' ich mir aus, Kinder! Euer Erstgeborne soll dennoch Raphael getauft werden; und wenn das Aug des Greises nicht trübe wird, wenn seine zitternde Hand noch den Pinsel führen kann und wenn unser Geist in ihm lebt und waltet, so soll er ein poetischer und ein harmonienreicher Maler werden! Gott segne den Jungen in seiner Unschuldswelt der neugebornen Kinder!«

So jubelte Schönfeld, sprang mit Sätzen im Zimmer hin und her, schüttelte alle Augenblicke einem der herrlichen Jünglinge die Hand, am kräftigsten seinem Eidam, scherzte mit seiner Angelika gleich einem Verliebten und fühlte sich wie neugeboren.

Ein trauliches Mahl, bei dem der Achtundvierziger nicht gespart wurde, beschloß den verhängnißreichen Tag. Mitternacht war schon lang vorüber, als die wackern Brüder unter herzlichen Umarmungen von dannen gingen. Vor dem Hause, unter den Fenstern des wonnetrunkenen Malers und seiner hochbeglückten Tochter verweilten sie noch und sangen mit gedämpfter Stimme:

»Gute Nacht! Wir scheiden fröhlich!
Lieb' und Kunst hat uns vereint.
Jeder fühlt sich leicht und selig.
Und der Schmerz hat ausgeweint!
Mit des Morgens goldnen Stunden
Sind wir wieder neu verbunden.
Dank für heut sei euch gebracht,
Liebchen, Vater! Gute Nacht!«








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