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Der Toni vom Kandergrund

Johanna Spyri: Der Toni vom Kandergrund - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleRosenresli und neun weitere Erzählungen
authorJohanna Spyri
year1999
publisherVerlagsunion Pabel-Moewig
addressRastatt
isbn3-8118-1555-5
titleDer Toni vom Kandergrund
pages77-110
created20010404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1882
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Johanna Spyri

Der Toni vom Kandergrund

Erzählung


1. Kapitel

Daheim im Steinhüttchen

Hoch oben im Berner Oberland, noch eine gute Strecke über das von Wiesen umsäumte Dörfchen Kandergrund hinaus, steht eine kleine, einsame Hütte, von einem alten Tannenbaum überschattet. Nicht weit davon stürzt von der bewaldeten Felsenhöhe der Wildbach nieder, der bei großen Regengüssen viel Felsgestein und Geröll mit fortschwemmt. Wenn der Regen aufgehört hat, hinterläßt der Bach eine wüste Steinmasse, die von einem klaren Wasser schnell durchflossen wird. Darum heißt die kleine Behausung in der Nähe dieses Baches die Steinhütte.

Hier wohnte der brave Tagelöhner Toni, der auf allen Bauernhöfen, wohin er zur Arbeit ging, gern gesehen wurde. Denn er war still und fleißig, pünktlich in der Arbeit und zuverlässig in seinem ganzen Wesen.

In seiner Steinhütte wohnte er mit seiner jungen Frau und einem Büblein, das die Freude der beiden war. Am Hüttchen in dem kleinen Stall stand die Geiß, von deren Milch Mutter und Kind sich ernährten, während der Vater die ganze Woche hindurch auf den Bauernhöfen, wo er vom Morgen bis zum Abend arbeitete, seine Kost erhielt. Nur den Sonntag verbrachte er daheim mit seiner Frau und dem kleinen Toni. Frau Elsbeth pflegte ihr Häuschen sehr. Wenn es auch eng und klein war, so sah es doch immer so sauber und aufgeräumt aus, daß jeder gern in das sonnige Stübchen eintrat. Und der Toni fühlte sich nirgends so wohl, wie daheim im Steinhüttchen mit seinem kleinen Buben auf dem Schoß.

Fünf Jahre lang hatten die Leute so in Eintracht und ungestörtem Frieden gelebt. Wenn sie auch keinen Überfluß und wenig irdische Güter hatten, so waren sie doch glücklich und zufrieden. Der Mann verdiente so viel, daß sie keinen Mangel litten, und mehr als ihren einfachen Unterhalt begehrten sie nicht. Denn sie hatten einander lieb, und ihre größte Freude war der kleine Toni. Das Büblein wuchs frisch und gesund heran und erfreute mit seiner Fröhlichkeit des Vaters Herz, wenn dieser Sonntags daheimbleiben konnte. Er versüßte der Mutter alle Arbeit an den Wochentagen, wenn der Vater bis spät am Abend fortblieb.

Der kleine Toni war nun vier Jahre alt und war schon bei vielen kleinen Arbeiten behilflich, im Häuschen und im Geißenstall und auch im kleinen Acker hinter der Hütte. Vom Morgen bis zum Abend trippelte er fröhlich hinter der Mutter her, denn er fühlte sich so wohl wie die kleinen Vögel oben in der alten Tanne. Wenn der Samstagabend kam, so scheuerte und putzte die Mutter doppelt eifrig, um bald fertig zu werden. Denn an dem Tag hatte der Vater früher als sonst Feierabend, und sie ging ihm dann, den kleinen Toni an der Hand, immer ein Stück entgegen. Das machte dem Kleinen eine besondere Freude.

Er wußte nun auch schon genau, wann sie dem Vater entgegengingen. Fing die Mutter zu scheuern an, so sprang er schon vor Freude in der Stube umher und rief immer wieder: »Jetzt gehen wir zum Vater! Jetzt gehen wir zum Vater!« Wenn die Arbeit getan war, nahm ihn die Mutter bei der Hand, und sie machten sich auf den Weg.

So war im schönen Maimonat wieder ein Samstagabend gekommen. Draußen sangen die Vögel im Baum lustig zum blauen Himmel empor, drinnen scheuerte die Mutter eifrig, daß sie bald in den goldenen Abend hinauskomme. Und bald draußen, bald drinnen hüpfte der kleine Toni umher und jauchzte: »Jetzt gehen wir zum Vater!« Es dauerte auch nicht lange, so war die Arbeit fertig.

Die Mutter legte ihr Tuch um, band die gute Schürze vor und trat aus der Hütte. Der Toni sprang vor Freude in die Höhe und dreimal um die Mutter herum, dann faßte er ihre Hand und jubelte noch einmal: »Jetzt gehen wir zum Vater!« Dann trippelte er neben der Mutter her in den sonnigen, lieblichen Abend hinaus. Sie wanderten dem Wildbach zu über den hölzernen Steg, der darüber führt. Dann kamen sie auf dem schmalen Fußweg, der sich durch die blumenreichen Wiesen hinaufschlängelt, zum Mattenhof, wo der Vater arbeitete.

Jetzt fielen von der untergehenden Sonne die letzten Strahlen über die Wiesen hin, und vom Kandergrund herauf ertönte die Abendglocke.

Die Mutter stand still und faltete die Hände.

»Leg deine Hände zusammen, Toneli«, sagte sie, »es ist die Betglocke.«

Der Kleine gehorchte.

»Was muß ich beten, Mutter?« fragte er dann.

»Gib uns und allen Müden einen seligen Sonntag! Amen!« sprach die Mutter andächtig.

Toneli betete dasselbe. Plötzlich schrie er: »Der Vater kommt!«

Vom Mattenhof herunter kam einer gelaufen, so schnell er konnte.

»Das ist nicht der Vater«, sagte die Mutter, und beide gingen dem Fremden entgegen. Als sie ihn erreichten, blieb der Mann stehen und sagte keuchend: »Geht nicht weiter, kehrt um, Elsbeth, ich wollte gerade zu Ihnen, es ist etwas geschehen.«

»Ach, du mein Gott!« rief die Frau in höchster Angst aus, »Ist's etwas mit dem Toni?«

»Ja, er war beim Holzfällen, und da ist er getroffen worden. Sie haben ihn heimgebracht, er liegt oben im Mattenhof. Aber geht nicht hinauf«, fügte er hinzu und hielt die Elsbeth fest, die gleich fort wollte, als sie die Nachricht vernommen hatte.

»Nicht hinauf?« sagte sie rasch, »ich muß doch zu ihm. Ich muß ihm helfen und sehen, daß sie ihn heimbringen.«

»Ihr könnt nichts helfen, er ist – er ist schon tot«, brachte der Mann jetzt mit unsicherer Stimme hervor. Dann kehrte er um und lief wieder zurück, froh, seinen Auftrag ausgeführt zu haben.

Die Frau Elsbeth war auf den Stein am Weg niedergesunken, unfähig weder zu stehen noch zu gehen. Sie hielt ihre Schürze vor das Gesicht und brach in ein Weinen und Schluchzen aus, daß es dem Toneli angst und bange wurde. Er schmiegte sich ganz nahe an die Mutter und begann auch zu weinen.

Es war schon dunkel, als Elsbeth sich endlich wieder beruhigen und an ihr Kind denken konnte. Der Kleine saß noch neben ihr auf dem Boden, hatte die kleinen Hände in die Augen gedrückt und wimmerte kläglich. Die Mutter zog ihn in die Höhe.

»Komm, Toneli, wir müssen heim, es ist spät«, sagte sie und nahm ihn bei der Hand.

Aber er wollte nicht gehen.

»Nein, nein, wir müssen noch auf den Vater warten«, sagte er und zog die Mutter zurück.

Sie konnte wieder die Tränen nicht zurückhalten. »Ach, Toneli, der Vater kommt nicht mehr«, sagte sie mit unterdrücktem Schluchzen. »Er feiert jetzt schon den seligen Sonntag, den wir für die Müden erbeten haben. Sieh, der liebe Gott hat ihn in den Himmel genommen. Da hat er's jetzt so schön, daß er am liebsten dort bleibt.«

»Dann wollen wir auch gehen«, sagte Toneli und machte sich gleich auf den Weg.

»Ja, ja, wir kommen dann auch hin«, versprach die Mutter. »Aber jetzt müssen wir zuerst noch heim ins Steinhüttchen«, und schweigend ging sie mit dem Kleinen zu der stillen Hütte zurück.

Der Mattenhofbauer ließ der Elsbeth am anderen Tag sagen, er wolle alles besorgen, was für ihren Mann noch getan werden müsse. Sie solle dann nur zum Begräbnis kommen, vorher nicht, denn sie würde ihren Mann nicht mehr erkennen. Er schickte ihr auch ein wenig Geld, damit sie für die nächste Zeit nicht zu große Sorgen habe, und versprach, auch später an sie zu denken. Elsbeth folgte seinem Rat. Sie blieb daheim, bis unten in Kandergrund die Glocken ertönten, die zum Begräbnis riefen. Dann ging sie, um ihren Mann zu seiner Ruhestätte zu begleiten.

Es kamen traurige und schwere Tage für die Elsbeth. Ihr braver, guter Mann fehlte ihr überall, sie fühlte sich ganz verlassen ohne ihn. Dazu kamen nun die Sorgen, die sie bis jetzt wenig gekannt, da ihr Mann täglich seinen guten Verdienst gehabt hatte. Jetzt aber meinte sie zuweilen, sie müsse fast verzweifeln. Sie hatte nichts als ihre Geiß und das Kartoffeläckerchen hinter der Hütte. Davon mußte sie sich und den Kleinen ernähren und kleiden und dazu die Miete für das kleine Haus zusammenbringen.

Die Elsbeth hatte nur einen Trost, aber einen solchen, der sie immer wieder aufrichtete, wenn Schmerz und Sorgen sie erdrücken wollten. Sie betete. Und wenn auch manchmal unter Tränen, doch immer mit der festen Zuversicht, daß der liebe Gott auf ihr Flehen höre.

Hatte sie am Abend ihren kleinen Toni in sein Bettchen gelegt, so kniete sie bei ihm nieder und betete laut ihr altes Lied, das ihr jetzt so tief aus dem Herzen kam, wie nie zuvor:

»Ach lieber Gott, ach Vaterherz,
Mein Trost von so viel Jahren,
Wie läßt du mich so manchen Schmerz
Und große Angst erfahren!

Ach, Herr, wie lange willst du mein
So ganz und gar vergessen?
Wie lange soll ich traurig sein,
Mein Brot mit Tränen essen?

Nach dir, o Herr, verlanget mich
Im Jammer dieser Erden.
Mein Gott, ich harr und hoff auf dich,
Laß nicht zuschanden werden

Herr, deine Magd, daß unverzagt
Ich trage, was du schickst,
Bis du mein Schrein vom Himmel dein
Erhörst und mich erquickst!«

Und während sie betete, weinte die Mutter bitterlich. Und der kleine Toni wurde tief in seinem Herzen bewegt vom Weinen der Mutter und innigem Gebet, hielt fest seine Hände gefaltet und weinte leise mit.

So ging die Zeit dahin. Elsbeth kämpfte sich durch, und der kleine Toni konnte ihr schon bei vielen Arbeiten behilflich sein, denn er war nun sieben Jahre alt geworden. Er war die einzige Freude der Mutter. Und Freude konnte sie an ihm haben, denn er war folgsam und willig in allem, was sie von ihm haben wollte. Er war die ganze Zeit über immer bei seiner Mutter gewesen, so daß er genau wußte, wie die Arbeiten des Tages verrichtet werden mußten. Und er wünschte nichts weiter, als der Mutter zu helfen, wo er konnte.

Arbeitete sie auf dem Acker, so kauerte er neben ihr, rupfte das Unkraut aus und warf die Steine auf den Weg hinüber. Holte die Mutter die Geiß aus dem Stall, damit sie das Gras neben der Hütte abweiden könne, so ging er Schritt für Schritt mit ihr. Denn die Mutter hatte ihm gesagt, er müsse sie hüten, damit sie nicht fortlaufe. Saß die Mutter im Winter an ihrem Spinnrad, so saß er die ganze Zeit neben ihr und flocht aus festen Tuchstreifen seine Winterschuhe, wie die Mutter es ihm gelehrt hatte. Er kannte keine größeren Wunsch, als seine Mutter froh und zufrieden zu sehen. Sein größtes Glück aber war, wenn wieder der Sonntag kam und die Mutter sich von aller Arbeit ausruhte. Dann saß sie mit ihm auf der kleinen hölzernen Bank vor dem Hüttchen, erzählte ihm vom Vater und den glücklichen Jahren, die sie zusammen verlebt hatten.

Nun aber war die Zeit gekommen, da Toni zur Schule mußte. Es fiel ihm sehr schwer, von seiner Mutter wegzugehen und so lange von ihr fortzubleiben. Der weite Weg nach Kandergrund hinunter und wieder herauf kostete schon viel Zeit, so daß der Toni fast den Tag über nicht mehr mit seiner Mutter zusammen war, nur noch am Abend. Er kam zwar immer so schnell nach Hause, daß sie es fast nicht begreifen konnte, denn er freute sich schon den ganzen Tag darauf, wieder daheim zu sein. Mit den Schulkameraden vertrödelte er keine Zeit, sondern lief gleich von ihnen weg, sobald die Schule zu Ende war. Er wollte nicht mit den anderen Buben spielen, da er ja stets ganz allein, nur mit der still arbeitenden Mutter gelebt hatte. Er war es gewohnt, ohne Lärm fleißig bei einer bestimmten Beschäftigung zu sein.

So war es ihm ganz fremd, und er hatte keine Freude daran, wenn die Buben beim Heraustreten aus dem Schulhaus ein großes Geschrei anstimmten. Er hatte keinen Spaß daran, wenn einer dem anderen nachlief, wenn sie probierten, wer der Stärkere sei und einander zu Boden warfen, so daß die Kappen weit wegflogen und die Kleider halb durchgerissen wurden. Oft riefen ihm die Kämpfer zu: »Komm und mach mit!« Und wenn er dann davonlief, riefen sie ihm nach: »Du bist ein Duckmäuser!« Aber das machte ihm wenig, er hörte es nicht lange, denn er lief sehr schnell, um wieder daheim bei der Mutter zu sein.

Jetzt entdeckte er in der Schule eine neue Lieblingsbeschäftigung. Er hatte auf weißen Tafeln schöne Tiere abgebildet gesehen, die die Kinder der oberen Klassen nachzeichneten. Schnell probierte er das auch mit seinem Bleistift, und daheim fuhr er dann fort, die Tiere immer wieder zu zeichnen, so lange er noch ein Stück Papier hatte. Dann schnitt er die Tiere aus und wollte sie auf den Tisch stellen, aber das ging nicht. Da kam er plötzlich auf den Gedanken, daß, wenn sie aus Holz wären, sie gewiß stehen könnten.

Er fing schnell an, mit seinem Messer an einem Holzstückchen herumzuschneiden, bis ein Leib und vier Beine entstanden. Aber zu einem Hals und dem Kopf darauf reichte das Holz nicht. Er mußte ein anderes Stück nehmen und von Anfang an berechnen, wie hoch es sein und wo der Kopf sitzen müsse. So schnitzte der Toni mit viel Ausdauer an seinem Holzstück, bis er etwas Ähnliches wie eine Geiß zurechtgeschnitten hatte und es nun mit großer Befriedigung der Mutter zeigen konnte. Sie war sehr erfreut über seine Geschicklichkeit und sagte: »Du wirst gewiß einmal ein Holzschnitzer und ein recht guter.«

Von der Zeit an untersuchte Toni jedes Stückchen Holz, das er fand, ob es gut zum Schnitzen wäre. War das der Fall, so packte er es schnell ein, so daß er manchmal alle Taschen voller Holzstücke heimbrachte. Diese warf er dann wie Schätze zu einem Häufchen zusammen und fing in jeder freien Minute wieder zu schnitzen an.

So vergingen die Jahre. Wenn Elsbeth auch immer viele Sorgen plagten, so hatte sie doch an ihrem Toni nur Freude. Er hing an ihr mit immer gleicher Liebe, half ihr in allem, so gut er nur konnte. Sonst widmete er sich ganz seiner stillen Beschäftigung, in der er es nach und nach zu einer ganz erfreulichen Geschicklichkeit brachte. Der Toni fühlte sich auch nirgends so wohl, als wenn er im Steinhüttchen bei seiner Schnitzerei saß. Die Mutter ging geschäftig hinaus, kam bald herein, sagte ihm wieder ein freundliches Wort und setzte sich zuletzt neben ihn an ihr Spinnrad.

 

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