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Der tödliche Knopf

Johann Gabriel Seidl: Der tödliche Knopf - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
booktitleAusgewählte Werke in vier Bänden - Vierter Band
authorJohann Gabriel Seidl
editorDr. Wolfgang von Wurzbach
firstpub1839
yearca. 1905
publisherMax Hesses Verlag
addressLeipzig
titleDer tödliche Knopf
pages10-15
created20070101
sendergerd.bouillon
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Johann Gabriel Seidl

Der tödliche Knopf

Gib, – und will dein Rock sich sperren,
Reiß ihn auf mit Ungestüm!
Dem du gibst, der ist dein Bruder, –
Mensch! – was ist dein Rock vor ihm?!

Zierlich eingeknöpft in einen weißen, mit rauschender Seide gefütterten Überrock, den ich eben das erstemal zur Schau trug, die Hände in den Seitentaschen, schritt ich an einem Herbsttage die Jägerzeile auf und nieder, um die Equipagen, welche dem Prater in langem Zuge zurollten, oder vielmehr ihren Inhalt, zu mustern. Wohlbehaglich eine neue Opernmelodie vor mich hinsummend, in Gedanken verloren, kann ich nicht sagen (denn in diesem meinem Feiertagswohlbehagen pfleg' ich mehr zu schauen, als zu denken), war ich wohl das drittemal auf und nieder gewandelt, ohne daß mir einer meiner Bekannten begegnet wäre. Zum vierten Male also begann ich die Tour und wendete mich eben um die Ecke, wo auf dem Marmorestrich des Wirtshauses zum grünen Jäger die Fiaker ihre Netze nach fahrlustigen Stutzern auswerfen, als mich eine Benefizannonce an der Ecke des Theatergebäudes fesselte und mich eine kleine Pause auf meiner Promenade zu machen zwang. Mit Neugier musterte ich Titel, Personenverzeichnis und Krankheitsbulletin, als mich eine gepreßte Stimme um ein Almosen ansprach. Gott weiß es, ich pflege nicht ungern zu geben, und was ich mir an Scheidemünze vom Hause mitnehme, wird tagüber zuverlässig eine Beute der Straßenbettler. Auch hatte die Gestalt, die mich ansprach und deren Züge sich mir nachher so deutlich einprägten, etwas Mitleiderregendes, nicht ohne einen Anflug von unheimlicher Ironie.

Ich las aber die Benefizannonce; ich hatte die Hände in den Taschen und den zierlichen weißen Überrock mit dem rauschenden Seidenfutter bis hinab zugeknöpft; – ich hätte also einen Knopf öffnen müssen – und diese Mühe ist denn doch weit größer, als der Gewinn des armseligen: »Gott lohn es!« aus dem Munde eines Straßenbettlers.

Ich hatte aber diesen Gewinn diesmal umsonst. Denn als ich ihn abwies, wandte er mir den Rücken, murmelte ein widriges: »Gott vergelt es!« und entfernte sich raschen Schrittes.

Das Ereignis machte weiter keinen Eindruck auf mich; nur für das ironische: »Gott vergelt es!« hätte ich dem unberufenen Moralisten gerne von der Wache danken lassen. Übrigens war mir das viel zu umständlich; guter Dinge kehrte ich meine Aufmerksamkeit wieder den Equipagen zu und schlenderte ruhig weiter.

Das Glück hatte mich heute wirklich zum Alleinwandern verdammt, und ohne Begleiter, wie ich die Runde dreimal gemacht hatte, kam ich auch von der vierten zurück. Bei einem der Kaffeehäuser zu Anfange der Straße, wo die vornehme Welt die Revue passiert, ließ ich mich auf eine Bank nieder; stopfte mir meinen Meerschaumkopf und suchte mir durch ein paar Züge eine gesegnete Eßlust herbeizulocken oder doch vielleicht irgend einen Tischgenossen zu werben. Plötzlich sah ich mehrere Gäste von ihren Stühlen aufspringen und der Donau zueilen. Begierig zu wissen, was es denn gäbe, sprang ich ebenfalls auf und lief zum Ufer hin. Da sah ich mitten im Strome einen Mann mit dem Wasser ringen, aber eher, als ob er untertauchen als gerettet sein wollte, und hinter ihm mehrere Schiffer in kleinen Nachen, mit Seilen und Haken versehen, und eifrig bemüht, den Unglücklichen einzuholen und zu retten. Schon glaubte ich den Armen verloren; denn kaum zwanzig Fuß weit mocht' er mehr von einem Schiffe sein, an dem er sich, wenn ihn die Strömung angeschwemmt hätte, gewiß den Kopf zerschellt haben würde. Ein eisiger Schauer überlief mich, der Schrei starb mir im krampfhaft offenen Munde, meine Knie schlotterten; noch nie hatte ich einen Menschen so nahe an der Scheidelinie gesehen, welche das Sein vom Nichtsein trennt. Unwillkürlich lief ich bis hinab an den Rand des Wassers und fühlte recht lebhaft die Möglichkeit, wie ein Mensch, im glühendsten Triebe zu retten, seiner eigenen Ohnmacht vergessen könne. Die rüstigen Schiffer hatten ihn aber indes erreicht, ohne weitere Beschädigung am Hemde mit dem Haken erfaßt und zum Schiffchen herangezogen, in das sie nun den Halbtoten legten, um ihn zur schleunigsten Hilfeleistung ans Ufer zu bringen. Es gelang. Schon waren auch Träger mit einer Bahre dazugekommen. Man prüfte, als sie die nötigsten Vorsichtsmaßregeln in Eile getroffen hatten, seinen Puls. Der Mann war nicht tot. Die Leute drängten sich ungestüm hinzu; ich unter ihnen. Ein Blick auf den leise Atmenden, der langsam die Augen aufschlug – und, wie vom Blitze gerührt, fuhr ich zurück, um ja seinen Augen nicht zu begegnen. Man denke sich mein seltsam schauriges Gefühl; – der Bettler mit dem Mitleid erregenden Zuge, mit dem Anflug unheimlicher Ironie, der mir an der Ecke des Theatergebäudes sein widriges: »Gott vergelt es!« auf meine Abweisung zugemurmelt, lag vor mir; durchnäßt von den Wellen, denen er den Tod, welchen er vielleicht suchte, nicht abgewinnen konnte; mit blassen Zügen, halbgebrochenen Augen, offenem Munde, klebenden Haaren, schwer aufatmend, unfroh, wie es schien, seiner Rettung. Von den seltsamsten Gedanken durchkreuzt, von manchem halblauten Vorwurfe gefoltert, zog ich mich zurück und wartete von fern, um zu sehen, wo sie den Unglücklichen hinbrächten.

Das Haus, in welches man die Menschen zu bringen pflegt, deren Unglück man Versuchen auf ihr eigenes Leben zuschreiben zu müssen glaubt, ist nicht weit abgelegen. Dahin brachte man auch ihn.

In einer Stimmung, die mir selbst nicht recht klar werden wollte, ging ich zurück und begab mich zu Tische. Die Speisen aber wollten mir nicht munden; bei jedem Bissen fiel mir das ironische: »Vergelt es Gott!« des Bettlers ein; Spielleute kamen und tummelten die Finger nach Lanners und Strauß' TanzweisenJosef Lanner, der berühmte Tanzkomponist (geb. 1801, † 1843), von dessen Walzern noch heute viele populär sind (»Abendsterne«, »die Perser«, »die Werber«, »die Schönbrunner«, »die Romantiker«). Johann Strauß senior, Hofballmusikdirektor und beliebter Komponist (geb. 1804, † 1849). , in den lustigsten und herzlichsten Sprüngen und Wendungen über die Saiten hin, aber die einförmigen Anschlagenoten des Basses murrten mir allemal das widrige: »Vergelt es Gott!« ins Ohr. Schon fast an meiner Individualität verzweifelnd, welche so reizbar wäre, daß ihr der nächstbeste Zigeunerfluch zur Schicksalsgeißel werden könnte, sprang ich auf, ging gerade dem Hause zu, nach welchem man den Geretteten gebracht hatte und beschloß, mich um seine Lebensumstände zu erkundigen und durch meine fromme Beisteuer nach Kräften den lastenden Fluch des widrigen: »Vergelt es Gott!« von mir abzuwälzen. Zum Glücke war der Vorsteher jener Anstalt mir nicht unbekannt. Unter dem Vorwande, daß mir der Überbrachte aus gewissen Gründen nicht uninteressant sei, erkundigte ich mich, ob er wirklich einen Selbstmordversuch gewagt und was ihn dazu veranlaßt habe. Das erstere hörte ich bestätigen, für das zweite folgenden Grund angeben: »Der Arme,« begann nämlich der genannte Vorsteher, »ist, so viel aus seinem Geständnisse erhellt, zu bedauern! – Aus einem guten Hause, früher in angenehmen Verhältnissen, durch falsche Freunde, verunglückte Versuche, seinem wankenden Hausstande wieder aufzuhelfen, zuletzt durch gänzliche Mutlosigkeit bis an den Bettelstab herabgekommen, fristete er lange Zeit sein Leben dadurch, daß er gewisse Kopfarbeiten um geringen Lohn verrichtete. Aber die Zeiten wurden genauer; die Menschen schränkten sich mehr und mehr ein, – und so kam denn auch jener Arme um die letzte Quelle seines Verdienstes. Graben kann nicht jeder, und selbst zum Holzhauer muß man erzogen sein. Sein letzter Dreier ging endlich drauf; borgen wollte, konnte er nicht; er hatte ja keine Hoffnung, irgend einmal zurückzahle zu können, und so geschah es denn, daß er den verzweifelten Entschluß faßte, zu betteln. Als ein Mensch von feinerem Gefühle, sah er nur zwei Wege vor sich: zu betteln – oder das zu tun, was ihm mißlang. Die Grenze zwischen beiden Versuchen war bei ihm so schmal gezogen, daß er beim ersten Mißlingen des einen notwendig zum andern greifen mußte. Und so beschloß er es denn auch. »Versuch es,« sprach er, »bettle; – weist dich aber der erste, den du ansprichst, ab, so nimm es für ein Zeichen, daß dir dein Schicksal selbst diesen Trost, den du mit Landstreichern und Gaunern teilst, versage und tue das Äußerste: verlaß eine Welt, die dich verlassen hat. Findest du aber bei dem ersten, den du ansprichst, Erbarmen, so knüpfe an das Mitleid dieses wahren Bruders den Faden deines Glaubens wieder an, und klammere dich daran fest, so lange es Gott dir gönnt.« – Er blieb bei diesem Entschlusse. Drei Schritte von dem Tore des Hauses, dessen Dachzimmer ihm Tags vorher aufgekündigt worden, fand er einen wohlgekleideten jungen Mann mit guten Zügen. Der Mann war jung, also lebenslustig; war wohlgekleidet, also für einen Bettler nicht zu arm; er las den Theaterzettel, also konnte er auf Unterhaltung denken; er hatte gute Züge, also konnte er auch wollen, was er tun konnte; der Arme trat leise zu ihm hin, bat ihn mit der mitleidflehenden ironischen Stimme eines Menschen, der sein Leben an die Laune eines Fremden knüpft –.«

»Und ward abgewiesen, weil der junge Mann mit dem weißen, seidengefütterten Überrocke, mit den Händen in der Tasche, einen Knopf hätte öffnen müssen,« fiel ich dem Vorsteher tief ergriffen ins Wort. »Nehmen Sie diese Brieftasche; was darin ist, weiß ich nicht, aber für einen Bettler genug; die geben Sie ihm, und sagen Sie ihm, wenn er fragen sollte, warum ihn jener junge Mann wohl abgewiesen habe? – weil er einen Knopf hätte öffnen müssen; sagen Sie ihm, wenn er fragen sollte: »Was wäre denn eigentlich der Grund meines Todes gewesen?« – »Der Knopf am Rock eines Gecken!«








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