Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Richard Beer-Hofmann >

Der Tod Georgs

Richard Beer-Hofmann: Der Tod Georgs - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorRichard Beer-Hofmann
titleDer Tod Georgs
publisherPhilipp Reclam jun.
year2009
isbn978-3-15-009989-6
firstpub1900
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20150825
projectida4f718f7
Schließen

Navigation:

IV

An der Endstation der Pferdebahn stieg Paul aus und blieb unschlüssig stehen. War es nicht zu spät, um noch in den Park zu gehen? Er wich zur Seite vor den Pferden, die ihr Geschirr klirrend auf dem Boden nachschleiften und langsam dem Kutscher folgten. Er sah ihm zu, wie er für die Rückfahrt die Pferde an der andern Seite des Wagens anspannte und seinen dicken Mantel über die Brüstung des Wagens warf. Die Abende waren jetzt kalt; in kaum einer Stunde dämmerte es schon; war es nicht klüger, mit demselben Wagen gleich wieder in die Stadt zurückzufahren? Der Kutscher trat gerade aus einem kleinen Wirtshaus, ein Bierglas in der Hand, und weißen Schaum an seinem überhängenden Schnurrbart; ein häßlicher Geruch nach Saurem und Angebranntem und lauem Spülwasser zog sich aus der offenen Wirtshaustüre. Paul schritt über die Straße, den niederen Gebäuden zu, die den Park umschlossen; wenn es auch nur eine Stunde war, die er hier verbringen konnte – er wollte bleiben; die Luft war doch freier und reiner als in den Straßen.

Wochenlang hatte ihn das Wetter in der Stadt festgehalten. Nach Georgs Begräbnis war er wieder nach Ischl gereist; aber dort zwang ihn der Regen in Zimmern zu bleiben, die ihn durch die Erinnerung an Georgs Tod fieberhaft verstimmten. Ungeduldig war er wieder nach Wien zurückgekehrt, und hoffte, daß ruhige sonnige Tage im Herbst ihm etwas von ihrer eigenen heiteren Kühle geben würden. Wie in früheren Jahren wollte er dann an jedem Nachmittag ins Freie gehen. Am liebsten allein; denn selbst seine Gedanken waren ihm dann zu viel, und schienen hindernd und schwer zwischen ihn und die milde herbstliche Klarheit sich zu drängen, die ihn umgab. Von den Bäumen war schon ein wenig Laub gefallen; wo sonst grüne Massen wirr ineinanderquollen, entwirrten sich Stämme, und man verstand ihren Wuchs, ihr Verzweigen, wie sie zueinander sich neigten oder, dem beherrschenden Schatten anderer entweichend, sich dem Licht entgegenbogen. Auf den Feldern stand nicht mehr die Frucht, und deutlicher sah man das sanfte Ansteigen der Äcker, den Abfall der Wiesen zu Tälern hin, und wie zwischen sich überschneidenden Hügelwellen, das Bett für einen Bach gegraben war. Die Fernen schwammen nicht im Dunst; in sicheren Linien schieden sie sich von Wolken. Klar schien sich alles um ihn zu gliedern. Wie es sich sonderte und stufte, erkannte er die Zusammenhänge. Was ihn umgab, begriff er so, als übersähe er es aus der Ferne. Das Einzelne bestach nicht mehr. Gerechter als vorher, vermochte er im stillen klärenden Licht des Herbstes den stummen Willen der Landschaft zu erfassen, durch die er schritt, und ihr Gesetz.

Oder er ging durch Straßen mit schmucklosen weißen Landhäusern, die in alten Gärten standen. Viele waren schon leer, und weiße Läden verschlossen die großen Fenster und Türen. Und in denen, die noch bewohnt waren, schien alles Tun der Leute nur ein stummes Abschiednehmen. Auf der niederen Terrasse saß, in weidengeflochtenem Stuhl, eine Frau zurückgelehnt, und ihre Hände, die im Schoß lagen, hielten noch die Nadel und die unfertige Arbeit; die Tage waren schon so kurz, und die Dämmerung wuchs so schnell. Dann klangen Namen; und aus den Büschen und dem Dunkel der Alleen lösten sich heller Kindergestalten, und stiegen zögernd die Stufen der Terrasse hinauf, unwillig, daß ihr Spiel so früh enden mußte; aber die Abende waren jetzt schon kühl. Durch die große Glastüre trat, leicht vorgeneigt, eine alte Frau. Sie schien mit der Frau im Lehnstuhl zu sprechen, dann strich sie mit der Hand über das Haar der Sitzenden und stieg mit vorsichtigen Schritten die Treppe hinab. Langsam ging sie zwischen den leeren Beeten. Sie neigte sich über eine späte Georgine, die noch blühte. Dann stand sie still und sah zum Himmel auf. »Wie hell es noch ist«, sagte sie, sich leicht zur Terrasse wendend; und wie von oben die Antwort kam, nickte sie mit dem Kopf wie zu Wohlbekanntem, und lächelte, weil es die Jugend so gut hatte und immer nur im Herbst fühlte, wie schnell die Zeit verrann.

Fast dieselben Dinge waren es, die Paul jedes Jahr im Herbst draußen vor der Stadt wiederfand; die Landschaft, der Ausdruck in den Gesichtern der Menschen, und auch seine eigenen Gedanken, die sich mitverflochten, schienen nur wenig verändert. Manchmal aber geschah es ihm, daß sein Blick gleichgiltig über oftgesehene Dinge glitt: Über einen schmal sich windenden Weg zwischen hohen Gartenmauern, oder über fahle, blutiggetigerte Blätter, die der Wind zusammengeweht; und plötzlich schreckte ein Erinnern ihn auf, und er blieb stehen. Einmal hatten diese Dinge, die er jetzt kaum sah, stark an ihn gerührt. Sein Empfinden bewahrte noch die Erinnerung, aber seine Gedanken wußten nichts mehr davon. Der Weg, da zwischen den Mauern an der Rückseite der Gärten, wie er sich wand, und die kleinen verschlossenen Türen – irgendetwas hatten sie ihm damals bedeutet. Etwas, wie eine Antwort auf vieles, Oftgefragtes; aus den Dingen, an denen er jetzt achtlos vorbeiging, hatte damals irgend ein Erkennen, unverhüllt, mit nichtlügenden Augen auf ihn gesehen. Gedanken waren damals in ihm aufgewacht, und, jubelnd über ihre eigene Kraft, unaufhaltsam emporgestiegen, – irgendwohin, wohin er nicht wieder den Weg fand. Was damals in ihm gewesen war, schien ihm so unwiederbringlich verloren, als hätte eine Übermacht: es aus seinem Innern gerissen, und, für immer unerreichbar, über die Erde hinaus, in den Weltenraum geworfen. Und er begriff es nicht: Wie konnte etwas, das einmal sein gewesen, ihm so verlorengehen, daß er auch nicht mehr wußte, was er verloren? Was ihn einmal so erschüttert hatte, mußte es nicht von jeher und für immer, unverlierbar in ihm ruhen? Was war noch sicher, wenn sein eigenes tiefes Empfinden ihn so verriet? Konnte dann nicht für alles, was er jetzt als seinen einzig wirklichen inneren Besitz fühlte, auch ein Tag kommen, an dem es wertlos hinter ihm ins Leere versunken war? So gelöst von ihm, daß auch nicht mehr die Erinnerung daran überlebte? Und er zweifelte, ob, was er damals empfunden, auch wirklich ihm gehört hatte. War es nicht vielleicht aus vielem, was ihn fremd umgab, nur an ihn herangeweht worden? Und nur, weil er leer war, hatte es in ihm keimen und vergänglich sich entfalten können? Und gab es nichts, das unvergänglich in ihm war, das ihn nicht verlassen konnte, dessen er sich sicher fühlen durfte, und das immer ihm, und nur ihm, so gehörte, wie das Blut in seinen Adern?

Aber nur selten hatte sein Denken verwirrend und beängstigend ihn so umsponnen, wenn er draußen vor der Stadt, den kühlen und noch durchsonnten Herbstwind fühlte. Und auch in diesem Jahr freute er sich auf den Herbst. Als er von Ischl nach Wien zurückkehrte, fand er auch hier Regen. Es waren die letzten Tage des Sommers, und die Bäume, von denen der Regen allen Staub wusch, waren noch grün. Wochenlang hielt der Regen an; die Blätter färbten sich nicht und hingen, von keinem Wind bewegt, durchweicht an den Zweigen. Aber eines Abends erhob sich ein Sturm, der den Himmel reinfegte. Die ganze Nacht hindurch blies ein starker kalter Wind, und am Morgen standen die Bäume kahl und in gelblichen Lachen lagen faulend ihre Blätter. Und seither waren windstille umwölkte Tage; am Morgen fror es, am Abend lag dichter Nebel, und man fühlte, daß der Herbst zu Ende war, ehe er begonnen hatte.

Während der Regenzeit war Paul in der Stadt geblieben. Er empfand Ärger und Unbehagen, als wäre er durch das Wetter um etwas betrogen worden, worauf er Anspruch hatte. Er merkte seine Verdrossenheit störend bei allem, was er tat. Und selbst auf seinen Gedanken lastete etwas, was sie lähmte. Sie fügten sich ängstlich ineinander, als fürchteten sie, an irgend etwas zu streifen, was wie eine schwere dunkle Masse in ihm lagerte. Ihm war, als hätte er – er wußte nicht mehr wann – ungeheuerlich gelogen, und müßte es nun vor anderen und vor sich selbst verbergen; oder, als hätte er unbewußt die Kraft besessen, irgend etwas, das er wirr und häßlich empfand, von seinem Wesen abzusondern; aber zu schwach, um es ganz aus sich fortzuschaffen, fühlte er es schwer und unverständlich im Weg liegen, gemieden von seinen Gedanken.

Manchmal meinte er auch, daß es vielleicht noch uneingestandener Schmerz um Georgs Tod wäre; aber wenn er genau hinhorchte, fand er nichts mehr in sich, was um Georg klagte. Unmittelbar nach Georgs Tod hatten alle schmerzlichen Gedanken – sich selbst immer mehr aufhetzend – sich in ihm müde getobt, bis sie, erschöpft von Irrwegen, bei der billigen Weisheit von aller Welt angelangt waren: Daß, jung sterben und plötzlich sterben, noch das Beste wäre. Nur manchmal fragte er sich: Was wäre geschehen, wenn er früher als Georg und so wie Georg gestorben wäre? Ob dann Georgs Schmerz um ihn auch in dem seichten Bett allgemeiner Gedanken versandet wäre? Sein Stolz sträubte sich dagegen; und er zerrte dann an allen Erinnerungen, um seinen Schmerz wieder aufzujagen, und sehnte sich nach Quälendem, nur damit er – ohne daß sein Stolz darunter litte – sich eingestehen dürfe, daß Georg um ihn so getrauert hätte, wie er um Georg.

Als könnte er den kühlen und sonnigen Herbst, den er liebte, doch noch irgendwo draußen finden, ging Paul alle Nachmittage ins Freie. Aber er fand überall dasselbe: Eine Landschaft, die häßlich geschrumpft schien, oder öde sich dehnte; die keinen Zwecken mehr diente und nichts mehr erhoffte; nur mehr wartend lag.

Paul schritt längs der niedern gelben Gebäude, die den Park umschlossen. Als er zum Haupttor hin einbog, traf ihn vom Wienufer ein häßlicher brenzlicher Geruch; die Fahrstraße war aufgerissen; aus einem kleinen Zelt, das eine Grube überspannte, stieg dunkler Qualm. Zwischen Erdwällen und geschichteten grauen Pflastersteinen standen Arbeiter bis zu den Hüften im Boden. Er sah nur die gebeugten Nacken und Rücken der Grabenden, und bloße behaarte Arme, die, aus dem Boden wachsend, Spitzhauen schwangen und sie auf Steine schmetternd niederfallen ließen. Ein einziger stand ruhend aufrecht; ein leichter kalter Wind wehte das feuchte verstaubte Haar von seiner Stirn zur Seite; er hob den Arm und wischte mit dem Handrücken den Schweiß von seinen Schläfen.

Paul sah zum Himmel auf; der Wind strich nur nahe am Boden, denn der bleigraue Himmel schien unbewegt. Er schritt durch das Gittertor über den hellen gefegten Sand des Hofes. Außer einem Burggendarmen und dem Wachtposten war niemand da. Im Parterre vor dem Schloß knieten Gartenarbeiter auf den Rasenflächen und schichteten gelbgrüne verblichene Rasenziegel. Die Beete lagen entblößt, und ihre schwarze lockere Erde war aufgewühlt. An die Sockel der sandsteinernen Bilder hatte der Wind braune modernde Blätter zu Haufen angeweht. Irgendwo klangen Stimmen. Paul sah auf; ein Mann, der zwei Kinder an der Hand hielt, kam über den Wiesenhang von der Gloriette herab. Die offene luftige Säulenhalle schien unkörperlich und flach an den Himmel gepreßt, der in wolkenlosem Grau dahinter aufstieg. In fahlem Gelb zog sich der steile Wiesenhang herab, jäh abgeschnitten durch die steinerne modergrüne Rückwand des Neptunbrunnens. Zwischen all den matten erlöschenden Farben, schien das Grün des Tannenhintergrundes sich schwarz zu einer Höhle zu vertiefen, aus der die steinernen Hippocampen sprengten.

Paul trat an den Rand des Wasserbeckens. Braune Blätter lagen auf der unbewegten Fläche; von den großen Goldfischen in der Tiefe drang nur ein matter roter Schein durch das dunkle Wasser nach oben. Er hörte hinter sich auf dem Kies langsam schlürfende Schritte, die immer näher kamen. Ein Schatten schien über das Wasser zu sinken; dann sah er in dem dunklen Spiegel zwei Frauen. Er wandte sich nicht um. Sie mußten ganz nahe bei ihm stehen; nur ein wenig weiter weg als er, vom steinernen Rand. Sie trugen dunkle Kleider; ihre Züge unterschied er nicht. Eine junge, leicht müde Stimme sagte: »Gib her, Mutter!« Eine schmale Hand, deren dünnes Gelenk ein zu kurzer Ärmel frei ließ, spiegelte sich noch, hocherhoben im Wasser, dann fielen weiße Brocken auf die Fläche, und immer weiter verrinnende Kreise zerrissen das Bild. Aus der Tiefe stiegen Fische und drängten sich gierig um die Brocken, die gegen die Mitte trieben.

Unklar fühlte Paul, wie eine Erinnerung ihn traf, durch ihn glitt, und ihn wieder verließ. Wo nur hatte er es gesehen: Weiße Hände, wie die einer Frau, über einem Wasser erhoben, Futter den Fischen streuend? Rotglänzenden Fischen, die mit feisten, aus dem Wasser ragenden Rücken, und gierig schnappenden Lippen, sich an ein steinernes Ufer drängten, und dann satt sich sinken ließen, bis sie nur mehr wie große Blutstropfen aus der dunklen Tiefe schimmerten. Wo nur hatte er es gesehen? Er fand es nicht. Er wandte sich suchend nach den beiden Frauen um, als könnte er es leichter finden, wenn er sie sähe.

Sie standen nicht mehr da; sie waren in eine seitliche Allee eingebogen. Manchmal wurden sie von breiten Stämmen gedeckt, dann wieder schienen sie hinter dem starren schwarzen Gitterwerk gleichgestutzter dürrer Sträuche wie Gefangene zu schreiten. Paul sah ihnen nach; dann ging er langsam denselben Weg.

In der Stille war nur das Knirschen seiner Schritte auf dem Kies; manchmal auch das Knistern und Rauschen spröder zerbröckelnder Blätter. Braun und hart geworden lagen sie auf dem Weg, und hatten nichts von dem prunkenden purpurnen Sterben blutiggetigerten Laubes; feindselig, wie ein Sterbender sich von allem Leben abwendet, rollte sich jedes Blatt von den beiden Rändern her gegen die Mitte zusammen, als wollte es von nichts mehr wissen; in sich verschlossen gegen alles, was noch kam.

Am Ende der Allee, dort, wo sie in ein Rondeau mündete, blieben die beiden Frauen stehen. Vor ihnen, umgeben von Bänken, lag ein kleines rundes Wasserbecken, aus dessen Mitte eine steinerne fischgeschwänzte Frau sich hob. Sie ruhte auf einem Delphin; und ihren reifen, überquellenden Leib leicht nach vorne neigend, den Kopf zurückgebeugt, schien sie mit erhobener Hand ihre Augen zu beschatten vor einer Sonne, die nicht am Himmel stand.

Die beiden Frauen traten näher an den Rand des Beckens. Die eine neigte sich und sah hinab. »Das Wasser ist leer, Mutter«, sagte sie. Scharf umrissen zeichnete sich ihre schmächtige dunkle Gestalt auf dem grauen Hintergrund der steinernen Gruppe. Vor der lebenerfüllten reichentfalteten Nacktheit der Frau auf dem Delphin, schienen die überschlanken Glieder des jungen Mädchens, wie aus Scham über ihre eigene Dürftigkeit, ängstlich sich in den schwarzen Stoff zu hüllen. »Ich bin müde«, sagte sie. Ehe sie sich mit ihrer Mutter auf eine Bank niedersetzte, wies sie lässig mit der Hand auf runde schwarze Flecke, die von dem helleren Kies ringsum abstachen. »Die Orangen hat man schon hineingetragen«, sagte sie, »weil es schon zu kühl für sie ist«. Es klang unsicher, stockend, als tastete sie sich schwankend von jedem Wort zum nächsten.

Sie saß müde da; den Kopf in den Nacken zurückgebogen, als zöge ihn die schwere dunkle Masse der Haare dorthin, den einen Arm auf der Rücklehne der Bank, die andere Hand im Schoß. Paul konnte ihr Gesicht nicht sehen; nur einen schmalen blassen Streifen ihrer Wangen und ein blutloses dünnes Ohr, dessen wächserne Fahlheit durchleuchtet schien. Unfähig, Schweres zu tragen, schienen die schmalen Kinderschultern; so abschüssig fielen sie von dem dünnen Hals, daß selbst Schmuck haltlos über sie gleiten mußte.

Es schien Paul, als erlebe er dies alles zum zweitenmal. Als hätte er schon einmal da, am Ausgang der Allee gestanden – an einem Herbstabend, ehe es dämmerte – und wie heute hätten dort zwei Frauen gesessen – dieselben Frauen; und dann – – – – was war dann geschehen? Er fühlte, daß er nahe daran war, es wieder zu wissen; nur eine dünne Wand schien noch zwischen ihm und dem Erinnern zu stehen. Oder täuschte er sich? War es nur das matte ersterbende Licht, oder die Stimme gewesen, was ihn an anderes, Längsterlebtes erinnerte? Suchend sah er hinüber zu den beiden Frauen. Lässig lag die Hand der Jüngeren in ihrem Schoß. Der enge schwarze Ärmel hatte sich nach oben hin verschoben; hart traten die Knöchel an dem schmalen Gelenk vor; der Handrücken sank spitz in den schwarzen Stoff des Kleides, und die innere Fläche der offenen Hand war fleischlos und voll schlaffer Falten. Zu einer müden, willenlosen Gebärde schien die Hand sich zu öffnen.

Paul fühlte, wie eine Erinnerung immer von neuem an ihn heranspülte, und ehe sie ihn erreichte, wieder zurückebbte. Jetzt war es da, – – – nein, jetzt war es wieder weit weg von ihm und schien immer weiter nach rückwärts zu verrollen. Und mit einem Schlag war es wieder da: Auf mattblauer Seide der Schatten eines Fensterkreuzes und, über die lichten viereckigen Felder und über die dunkeln Stäbe hin verstreut, Blumenblätter von tiefviolettem Mohn mit weißem zerschlissenem Saum. Und eine schmale Hand mit welken Fingern, kraftlos zu einer bettelnden Gebärde sich öffnend – – – – und alles war wieder da! Der schwüle Tag und das Zimmer, halb im bläulichen Dämmern und halb von der heißen Sonne erfüllt; und ein schmalgewordenes Gesicht, wie das Haupt einer Ertrunkenen auf der Flut der dunkeln Haare schwimmend, die in losen Wellen über die weißen Polster rannen; und wieder fühlte er sich hilflos vor dem Jammer ihres Sterbens und vor dem Schmerz, der mit gekrümmten steinernen Fingern in ihn griff und alle Worte und alles Denken würgte. Und das Schweigen der Sterbenden, mit dem sie ihn verdammte und sich von ihm schied, war wieder da; und vorher Nächte, in denen er an ihrem Bett saß, seine Hand zwischen ihren fiebernden Händen; und ihr Blick schwoll an ihn heran, vollgesogen, trunken von tiefer trauriger Liebe, und jedes ihrer Worte war eine Wunde, aus der ihre Zärtlichkeit, unstillbar, sich verblutend, rann. Und weiter zurück waren viele Tage, in denen sie zu seinen Füßen saß, in weißen Händen seine Sehnsucht auffangend, wenn sie in dunklen Sprudeln aus ihm brach, und alle Tage langer Jahre, in denen ihr Leben über das seine geweht hatte, wie über heiße Schläfen ein kühlender Wind gut weht. Und mehr noch zurück; ein ganzes Leben lag dort, reicher als das, das er lebte, und erfüllt von unendlich vielem. Keine leeren Stunden gab es, die nur die Brücken zu erhofften reicheren waren; und nichts, das wertlos am Weg stand, an dem man fremd vorüber durfte. Ihm hatten alle Dinge ihr Antlitz zugewandt, um seinetwillen waren sie da, und ihr Schicksal vermochte er nicht von dem seinen zu lösen.

Fremd und sie nie erfassend, war er in die Welt geworfen, in der er im Wachen lebte; wovon er nicht wußte, rührte an ihn, und was er tat, wirkte ins Unbekannte. Aber aus ihm geboren war die Welt, in der er träumte; von ihm gesteckt waren die Grenzen ihrer Himmel und ihrer Erden. Allwissend war er in ihr, und alles wußte von ihm.

Und das alles war verloren und lag wie ertrunken in einer Tiefe, in die er nicht tauchen konnte. Er fühlte sich verlassen, und litt um eine Frau, die ihm gestorben war; und von den Jahren, die er mit ihr gelebt, lösten sich die Erinnerungen vieler Tage und Stunden, und rollten ihm zu, und sanken schwer in seinen Schmerz.

Um eine Frau, die nie gelebt hatte! Um einen Traum, den er vor Monaten geträumt – in der Augustnacht, in der Georg gestorben war!

Er begriff es nicht. Gab es Träume, so erfüllt von überlebendigem Leben, daß es in den wachen Tag hinüberquoll, und einen anfaßte wie Geschehenes? Schwand nicht alle Kraft der Träume mit dem Morgen? Durften denn nicht Träume bloß darum, süßer, und grausamer, und mit prunkenderer Macht als das Leben, ihre Herrschaft üben, nur weil dieses jeden Augenblick ihnen zurufen konnte: ›Genug!‹? War nicht alles zu Ende, wenn man erwachte?

Wenn man erwachte!

Und wenn man nicht mehr erwachte?

Wenn in die Mitte buntverkleideter hastiger Träume, die – fieberhaft über die Wirklichkeit erhöht – wie im Spiel sich drängten, der Tod, der wirkliche Tod trat, und alle Türen zum Leben hinter ihm zuschlugen? Wurden vor den Strahlen seines Ernstes nicht Träume wahr, alle Masken zu Antlitzen, stumpfe Waffen scharf, und aus erdichteten Wunden rann lebendiges Blut?

Träume waren es, solange man noch aus ihnen erwachen konnte; wenn noch der helle Morgen, wie ein junger weiser Richter, über dem wirrverflochtenen Tun und Leiden nächtlicher Träume zu Gericht saß, Verknüpftes lösend, und lächelnd alles wieder einsetzend, in seinen vorigen Stand. Aber, wenn aus dunklen Klüften hervorgebrochene, flüchtig rauschende Träume, nicht mehr ins wache Leben mündend sich ergossen, wenn sie am Tod, der sperrend in die Mündung trat, sich stauten – erstarrten sie nicht? Wurden sie nicht hart, schwerlastend, unwiderruflich wie das Leben, das einzige Leben für den, der vor dem Tod von keinem anderen mehr erfuhr? Denn was früher gewesen, erlosch, als er einschlief, und es gab kein Erwachen mehr, an dem es sich wieder entzündete. Ihr Schicksal waren Träume denen, die einschliefen und nicht mehr erwachten, die starben, wie Georg gestorben war.

Wie Georg?! Wie war der denn gestorben?

Als der Georg, den er zuletzt gekannt? Dessen junges weiches Haar dunkel über einem Antlitz wellte, das braungebrannt von der Sonne war? Dem noch sein eigener Leib gehörte, schwellend in seinem Saft, wie ein junger Baum an Wasserbächen gepflanzt; fähig zu greifen, zu umklammern, mit seiner Last zu zermalmen und, Herr über seine eigene Schwere, durch Wasser zu gleiten; ein wundervolles Werkzeug, sein Wollen erfüllend, ehe es Denken geworden – zu beidem tauglich, Tod zu geben, und aus fremdem Leib sich selbst zu neuem Leben zu erwecken.

War Georg jung gestorben? So jung, als er einschlief, alle Möglichkeiten unverbraucht in sich tragend, unter siegerhoffenden Sonnen, allen kommenden Schicksalen zuversichtlich entgegenreifend? War er in traumlosem Kinderschlaf dem Leben entglitten – leise unmerklich vom Tod empfangen, wie von einer Mutter, die, vorsichtig aus den Armen der Wärterin, ihr schlafendes Kind empfängt?

Oder hatte der Tod das Netz zusammengeschnürt, das Träume über Georg geworfen, und, gefangen unter ihm, hatte er das Leben gelebt, das Träume befahlen? Waren Jahre in seinen Schlummer gedrängt gewesen – gute und häßliche Stunden – aber alle an seinem Leben zehrend und es ausschöpfend? War er viele sich dehnende Nächte schlaflos dagelegen, alt, verraten von allem, was einmal ihm gehört hatte? Die Glieder ohne Kraft, als wären ihre Sehnen durchschnitten, und die schmalen Lippen mutlos herabgesunken, welk von unnützen Worten; und die Zunge gelähmt, schwer wie eine Last im Mund umhergewälzt, lallend, unfähig Worte zu formen – – – hatte er so, mit leeren Augen, aus denen längst alle Hoffnungen geronnen, den Tod herankommen gesehen?

Oder hatte der Traum alles Frühere verlöscht, und nur undurchdringliches dunkles Drohen rings um Georg aufgetürmt? Und in fensterlosen Räumen mit vermauerten Türen hetzte ihn die Angst umher; und er lief und wurzelte am Boden, und er schrie, und seine Stimme kam nicht; und stumm, gelähmt, in sinnlosen Martern, sah er unverständlich aus dem Dunkel die Hand sich nach ihm recken, die ihn würgte und würgte – bis er verging.

Wußte er, wie Georg gestorben war?

Unbegangene dunkle Straßen gab es, auf denen, ehe man starb, alles noch den Weg zu einem finden konnte: Qualen, die allen Gewinn eines Lebens zu nichtigem Staub zerrieben, und Ersatz für längst verloren Geglaubtes. Nicht die Lebenden durfte man glücklich preisen, und nicht die Toten. Denn ehe noch der letzte Atem über klaffende Lippen wehte, auf schnelleren Wegen als das Licht, konnten unerkannt vielleicht Vollstrecker nahen, die hier Verworrenes hier noch lösten, die an noch Lebenden Urteilssprüche vollzogen, irdisches Unrecht zu irdischem Recht richteten, und die, von fremden Augen ungesehen, qualvolle Tode verhängten, und Verlassene wieder einführten in die Heimat, und Gefesselte hinaus, in Seligkeiten.

Ziemte es sich nicht, auch vor der verhüllten Möglichkeit gerechter Lose, ehrfürchtig seine Augen zu beschatten, so wie die steinerne Frau – da, vor ihm, auf dem Delphin – ihre Augen vor den leuchtenden Strahlen einer Sonne beschattete, die – wenn auch ungesehen – blendend am Himmel stand?

Gerechte Lose! – Das Wort traf und erschreckte ihn, als wäre es vom Himmel herab, schwer und eisern, gefallen und läge nun, ein Fremdes, inmitten seiner Gedanken. Wußte er von gerechten Losen? Und wann hatte er nach fremden Losen und dem Recht, das ihnen geworden, gefragt? Waren ihm denn nicht fremde Schicksale immer nur bunt und wechselvoll erschienen, seltsam sich verschlingend und lösend wie Märchen, und kaum mit der Kraft dieser an sein Empfinden rührend? Vergangenes, und was rings um ihn täglich sich erfüllte, war ihm gleich nahe gewesen. Längst kalt gewordene Taten, von denen nur ein matter Schein, verblassend, durch Jahrhunderte zu den Lebenden herüberdämmerte, hatte er mit fiebernden Händen an sich herangerückt, und noch zuckende Schicksale lebendiger Menschen, die um ihn gedrängt, mit ihm zugleich die Erde traten, solange mit abwehrend sich spreizenden Fingern von sich ferne gehalten, bis beides – Totes und Lebendiges – gleich weit von ihm, wie auf derselben Bühne, schattenhaft sich selbst zu spielen schien. Als wäre es nur ein Schauspiel, ihm geboten – so hatte er auf fremdes Leben gesehen; und mit hochmütig sich senkenden Lidern hatte er sich davon abgewandt, wenn aus Kämpfen und tiefen Qualen kein Wort und keine Gebärde sich rang, die ihn zu rühren vermochte.

Paul wandte den Kopf und sah nach den beiden Frauen, die von der Bank sich erhoben hatten, und nun von ihm weg, quer über den runden Platz schritten. Vor einer der großen sandsteinernen Urnen, die den Platz umsäumten, standen sie still, unschlüssig, in welche Allee sie einbiegen sollten. In der sonnenlosen nebeligen Luft schienen ihre Gestalten körperlos, nur Schatten, von unsichtbaren Leibern an die graue steinerne Masse der Urne geworfen. Sie lösten sich von ihr, wurden von breiten Stämmen gedeckt, glitten hinter ihnen hervor, und schienen, wie gefangen hinter dem schwarzen starren Netz dürrer Hecken, immer weiter zu irren.

Paul erinnerte sich, wie eifrig er den beiden Frauen hierher gefolgt war; und nun ließ er sie gehen, ohne zu wissen, wer sie waren, wie sie eigentlich aussahen; und er hätte doch nur wenige Schritte machen müssen, um ihre Züge zu sehen. Morgen konnte er ihnen irgendwo in der Stadt am hellen Tag begegnen, und er würde sie nicht wiedererkennen. Einen Augenblick lang hatten sie in seinem Leben etwas bedeutet; und nicht einmal sie selbst. Daß ihre Schatten über ein dunkles herbstliches Wasser fielen, oder daß die Stimme der einen jung und müde klang, oder daß hier in dem öden Garten unter dem grauen bleiernen Himmel ihre schwarze schmächtige Gestalt hilflos und verlassen schien – oder vielleicht all das zusammen, war ihm so lange wichtig erschienen, als er fühlte, daß es an Dinge rührte, die lange tief in ihm vergessen lagen, und die nun wieder nach aufwärts drängten. Die Erinnerung an einen Traum, den er vor Monaten in der Augustnacht träumte, in der Georg gestorben war, hatten sie in ihm geweckt, und als wäre ihr Amt nun erfüllt, glitten sie aus seinem Leben, schattenhafter und wesenloser für ihn, als ein Traum oder die Erinnerung an einen Traum.

Die Luft schien plötzlich kälter zu werden. Kurze Windstöße standen vom Boden auf und scheuchten das Laub aus braunen vermodernden Lagern. In steilen Wirbeln stiegen die Blätter hoch über die dürren Wipfel der Bäume, als wollten sie im Sturm durch die niedere Decke bleigrauer Wolken ins Freie; aber wie ohnmächtig, betäubt vom Anprall, kamen sie zurück und sanken, in mattem Taumel langsam sich drehend, wieder zur Erde. Hinter den aufgejagten grauen Staubwolken verschwanden die beiden Frauen am Ende der Allee.

Paul sah ihnen nach. Wie diese beiden Frauen war alles, was jemals in sein Leben getreten war, immer wieder daraus verschwunden. Männer und Frauen und Geschehenes waren für ihn nicht mehr gewesen als etwas, was ihn träumen ließ, oder die Erinnerung an längst Geträumtes in ihm weckte. Niemals war er begierig gewesen, ihr wahres Antlitz zu sehen. Wertlose Scheite waren sie für ihn, bestimmt, die Gedanken zu nähren, die unruhig flackernd in ihm brannten, und es schien ihm so müßig, um ihr eigenes Schicksal zu fragen, wie um das des Rauchs, der flüchtig aufsteigt und im Wind sich löst.

Georg war ihm gestorben. Aber alles, was ein Fragen um Georgs mögliches Schicksal geschienen, war nur ein angstvolles Fragen um sein eigenes gewesen; und er hatte um Georg getrauert, weil einer ihm gestorben war, mit dem er gerne nachts durch menschenleere stille Gassen schritt. Vieles Qualvolle und Verworrene in ihm hatte sich dann lindernd zu Worten geformt; seine eigenen unruhig fragenden Gedanken hatte er in Georg geworfen, bis sie aus diesem widerhallten, verändert, und doch nur so fremd wie ein geliebtes Lied, das man eben noch gesungen, und das einem nun aus tönenden Saiten freundlich von ferne entgegenkommt.

Und Frauen waren in seinem Leben gewesen und hatten ihn geliebt. Sich selbst und das viele, wovon sie erfüllt waren, trugen sie ihm entgegen. Denn viel hatte geschehen müssen, ehe sie so schön geworden. Die Sonne vieler Tage und die dunkle Ruhe vieler Nächte hatten sie gereift. Und in jeder Nacht waren Erinnerungen und sehnsüchtige Wünsche aufgestanden und als Träume durch ihr Leben gezogen, und mit ihnen waren alle Stunden aller Tage am Werk gewesen, ihre Seele zu formen.

Denn jede Stunde war erfüllt von unendlich vielem. Von Worten und von Schweigen und von rätselhaften Tönen, von fremden Blicken und von eigenem Schauen; und ihr eigenes Licht hatte jede Stunde, je nach dem Sonnenstand und dem Ziehen der Wolken, die Luft, die der Atem trank, war eine andere in jeder Stunde; nichts konnte zweimal sich ereignen, und reich an nie noch dagewesenem, nie wiederkommendem, unaufhörlichem Geschehen war jede Stunde, und kein leerer Raum vermochte in ihr zu sein.

Und unverloren war der Reichtum aller Stunden in einer Seele aufbewahrt, die kaum mehr davon wußte. Und der tiefatmende Friede, der manchmal aus dem dunkeln Klang einer Frauenstimme, wie über breite Tempelstufen, segnend zu einem herabstieg, war vielleicht in die Seele dieser Frau an einem heißen Sommertag eingezogen, an dem sie – noch ein Kind in der Wiege – in einem sonnigen Garten lag. Ihre hellen leeren Augen hatten kaum sehen gelernt und wußten noch nicht den Sinn dessen, was über ihnen war: Eine schmale weiße Hand, die manchmal über sie strich, und weiter oben durchleuchtetes regungsloses Laub eines Baumes und das Schweigen der Vögel, und noch weiter, tiefes wolkenloses Blau, und über allem die Stille. Und in anderen Stunden war wieder anderes geworden. Vieles aus einem Schauern an einer Leiche, und manches aus der lähmenden Angst böser Träume, und anderes aus dem Blick eines Tieres, und wieder anderes aus der gärenden Unruhe, die einen in Frühlingsnächten ans offene Fenster trieb und dort festhielt – bis das eigene Haar, feucht und schwer vom Tau, wie ein eherner Helm auf einem lastete, und der starke Duft weißer blühender Bäume, zugleich mit dem Morgenwind, wie eine kalte schneidende Waffe, schmerzlich gegen müde sich senkende heiße Lider schlug.

Alle Stunden, die kamen, formten so mit unablässigen Fingern eine Seele, und sie schien aus immer gleichen unseltenen Dingen, die allen gemein waren, gemacht. Weil aber nichts wiederkommen konnte, weil kein Wind zweimal wehte, der Strom von heute nicht mehr der von gestern war, und jede Abendsonne um die Sonne des vorigen Abends gealtert sank, und die Last und der ganze Reichtum aller früheren Stunden, die bis zu ihr gewesen, auf jeder neuen Stunde als ihr schweres Erbteil lagen, war auch jede Seele die Hüterin von nie gesehenen, unerhörten, einzigen Wundern. Nie Vorhergewesenes und nie Wiederkommendes, Unersetzliches entfloh mit jedem letzten Atem, der über klaffende gelähmte Lippen wehte.

Und ihre ganze Seele trugen Frauen in demütigen Händen dem entgegen, den sie liebten. In allem was sie taten, wollten sie sich an ihn verschenken. Nicht nur, wenn sie ihn ansahen, oder mit ihm redeten, oder wenn ihre Lippen zwischen seinen Lippen, wie Falter mit geschlossenen Flügeln im offenen Kelch einer Blüte hingen. Immer trieb es ihre Seele zu ihm hin; wenn sie nicht bei ihm waren, stand ihre Seele auf der Schwelle und sah nach ihm aus; und wenn sie stumm bei ihm saßen, trat ihre Seele aus ihnen heraus und füllte – sich dehnend – den Raum, und zwischen den steilen Wänden des Schweigens gefangen, schwoll sie stark und betäubend an, wie Musik oder Duft in verschlossenen Zimmern.

Ein schriller kurzer Schrei brach durch die Stille. Paul sah auf; ein schwarzer Vogel schoß in niederem geradem Flug an ihm vorbei, und verschwand im Gestrüpp. Paul trat näher an den Rand des Beckens; aus dem gesunkenen unbewegten Wasserspiegel sah sein eigenes Gesicht deutlich, nur dunkler und trauriger als in Wirklichkeit, ihn an.

Sich selbst nur hatte er in allen gesucht, die ihm begegnet waren, und von dem ganzen Reichtum ihres eigenen Lebens, den Frauen ihm entgegentrugen, hatte er nichts wissen wollen. Es quälte ihn, daß er sie anders wußte, als er selbst war. Oft nur mit einem Lächeln, und dann wieder mit scheinbar spielenden klugen Worten, rührte er an dem, was ihnen unantastbar geschienen. Frei und ahnungslos, auf sicherem Boden, waren sie geschritten; er aber ließ sie auf die dunkeln, gurgelnden Wasser der Tiefe unter ihnen horchen, und lehrte sie, in ihr eigenes Leben mit Zweifel und fragenden Augen zu sehen. Leer und haltlos sanken sie ihm zu, als wäre seiner Stärke die Kraft und Tugend aller Dinge zugewachsen, die er in ihnen zerstört hatte.

Im Morgendämmern war er oft erwacht und hatte sich, halb aufgerichtet, über eine geneigt, die neben ihm schlief; als könnte der Schlaf, der alles Gewollte aus den Zügen nahm und sie wahrhaft machte, ihm verraten, ob noch Fremdes, anderes als er, in ihren Gedanken wäre. Wie einer über ein schlafendes unbewegtes Wasser sich neigt, sehnsüchtig, sein eigenes Bild zu sehen, so hatte er sich über sie geneigt, bis es ihm schien, als starrten durch geschlossene Lider seine eigenen ruhlos flackernden Gedanken, verzerrt, mit dem vertraulichen Lächeln Mitschuldiger, ihn an.

Und mehr noch als das; in allem hatte er nur sich gesucht und sich nur in allem gefunden. Sein Schicksal allein erfüllte sich wirklich, und was sonst geschah, geschah weit von ihm weggerückt, wie auf Bühnen, Gespieltes, das, wenn es von andern erzählte, nur von ihm zu reden schien; nur das wert, was es ihm zu geben vermochte: Schauern und Rührung und ein flüchtiges Lächeln. Hochmütig hatte er sich von den andern geschieden, die für ihn spielten, und nie gedacht, daß das Leben – ein starker Gebieter – hinter ihn treten und ihn fassen und drohend ihm zuherrschen konnte: ›Spiel mit!‹

Ein schwarzer dürrer Ast fiel vor Paul zu Boden. Über ihm in den Bäumen ging der Wind. Unbewegt blieb die starre Linie der gleichgestutzten Wipfel. Nur wenige überragende schmächtige Zweige faßte der Wind und schüttelte sie; dahinter war das erlöschende kalte Grau des herbstlichen Abendhimmels. Schwarz und trostlos schienen die Zweige darüber hinzutreiben, wie wirres schwarzes Stirnhaar einer Wahnsinnigen, vom Wind erfaßt, über fahle verstörte Wangen und Schläfen treibt.

Pauls Blick glitt von den Wipfeln der Bäume zu der Bank, auf der die beiden Frauen gesessen hatten, zu den grauen Urnen, die den Platz umsäumten, zu dem runden Wasserbecken, aus dem der Fischleib der steinernen Frau sich hob; das Haupt zurückgelehnt, mit erhobener Hand ihre Stirne beschattend, starrte die aus leeren Augen zu einem unbewegten bleiernen Himmel auf.

Mehr, als bloß entlaubte Bäume und gemeißelter grauer Stein und stehendes dunkles Wasser und Wind und graue Wolken, schien ihm dies alles; über seinen eigenen Sinn hinaus wies es noch auf anderes: Es bedeutete. Unverhüllt, aus nicht lügenden Augen, sah eine Erkenntnis ihn an. Gleichgiltiges, das er sonst übersah, hatten seine Gedanken umklammert, und daran emporwuchernd, schlugen sie nach rückwärts Wurzeln in Vergangenes, und rankten zu Kommendem weit in die Zukunft.

Und wie herausgehoben aus der Reihe der fliehenden Stunden, schien diese Abendstunde stillzustehen; alle früheren Stunden nur ein Weg zu ihr, und sie selbst eine hochaufgerichtete Pforte, vor der er noch einmal, abschiednehmend, nach rückwärts sich wandte. Denn vor ihm tauchte aus Dunklem und Verworrenem ein neues Leben, leuchtend, wie in Märchen, im Morgenlicht, die große ersehnte Stadt erstrahlt, zu der man durch Wunder und Gefahren gewandert ist, weil in ihr alle Rätsel sich lösen und Langverheißenes sich erfüllt. Und hinter sich sah er das Leben, das er bis jetzt gelebt, versinken; immer rascher und tiefer. Jahre weit, so tief unter ihm schien es zu liegen, daß er mit einem Blick, fremd und unbarmherzig es übersah, als hätte ein anderer, den er nicht liebte, es gelebt.

Ein Ungerechter, der allem das Recht auf ein eigenes Schicksal abgesprochen hatte. Vor dem alles, wonach er griff, gewichen war; zwischen seinen Fingern verlor es seine Körperlichkeit, zerrann und flachte sich zum Bild, in einem dunkeln Spiegel, aus dem Zweifel und Fragen und unruhig flackernde Gedanken widerstrahlten. Rings um sich hatte er Einsamkeiten gelegt, und in ihnen war er umhergeirrt wie einer, der, in Wüsten verloren, endlos im Kreise den eigenen Spuren folgt. Alle Brücken, die zu ihm führten, hatte er gesprengt, allen Anteil, der ihm an Lebendem und Gewesenem und Kommendem gebührte, hatte er hochmütig verfallen lassen. Nur sein Schicksal war wirklich; in den engen Rahmen seines einsamen Lebens war jedes Glück und jede Erfüllung gezwängt; von nirgends konnte Hilfe kommen; mit ihm alterte alles, alles starb seinen Tod, und alle Gestirne erloschen mit ihm.

So war er gewesen. Und eine Abendstunde konnte solche Klarheit ihm bringen, und ihr Licht über sein Leben werfen und von allem Früheren ihn scheiden?

Ein Wort nur hatte sich herabgesenkt, und aller Glanz ging von dem einen aus: ›Gerechtigkeit‹.

Ungläubig wie die andern, hatte er sie immer von neuem bewiesen haben wollen. Glaubhaft wie die Sonne, sollte sie täglich ihren Lauf vollenden, leuchtend an jedem Morgen aufsteigend, und golden das Ende jedes Tages und jedes Lebens segnend. Sie aber – die Herrin war über allen Sonnen – war anders. Einmal am Urbeginn hatte sie ihr Gesetz verkündet – ein einziges Wort vielleicht, das alles enthielt und ehe es noch verklungen und sein Schall an schon darin gesetzten Grenzen angelangt war, hub es zu wirken an: Zur Tiefe wollten alle Wasser, alle Feuer lechzten nach oben, und nach Gesetzen hoben sich aus verhüllten Nebelmeeren alle Keime, und wurden, und waren, und waren gewesen, und verwesten zu neuem Sein.

Gerechte Wege ging alles; ein jedes das Gesetz erfüllend, das ihm vorgeschrieben; das in seinem Samen schlief, keimend erwachte, unerkannt sein tiefster Wille war, und erkannt die Vollendung seiner Schönheit. Und Unrecht konnte nicht geschehen; denn Irdischem war nicht die Macht gegeben, Gesetze zu beugen, die in der buntverworrenen Vielfalt des Geschehens, herrlich, klar, einfältig, geboten.

Ein Gesetz war im Sturz des Felsens, der zermalmte, wie im prunkenden Wurf der Falten eines Krönungsmantels, und dem sanften Fall des Haars über die Schläfen einer geliebten Frau; was dem Wind gebot, der den Baum zerbrach, gebot dem Wehen des Schleiers um einen Nacken, dem geblähten Segel, das trunken von rauschendem Wind wild über dunkles Wasser fuhr, und befahl den Tönen, die aus dem Schweigen geheimnisvoll sich schwangen, aufwuchsen, sich wölbten und, einander tragend, zu einem Schicksal sich türmten.

Und es geschah nicht Unrecht. Nicht dem Strom, dem Felsen den Weg versperrten, und den Felsen nicht, gegen die, rastlos sie zernagend, Fluten sich warfen. Unaufhaltsam, nach eingeborenen Gesetzen, entrollten sich ihre Lose, und was Unrecht schien, war nur der Knoten, zu dem gerechte Lose, das Leben flechtend, sich verschlangen.

Denn was einer auch lebte, er spann nur am nichtreißenden Faden des großen Lebens, der – von andern kommend, zu andern – flüchtig durch seine Hände glitt, ein Spinner und, wie sein Leben sich mit hineinverflocht, Gespinst zugleich für die nach ihm. Unlöslich war ein jeder mit allem Früheren verflochten. Gedanken vieler Toter, wie durch Zauber in Worte gebannt, lebten noch und waren Herrscher über ihn; Taten eines Helden bargen sich in einem Namen – einem Kind gegeben, war er Verheißung und Last zugleich; schmachvolle Geschicke durften nicht in Vergessenheit sich flüchten und mußten als Gleichnis auf unseren Lippen leben; Schauer, die wir nicht begriffen, rührten an uns; unserem Blut aus Geschicken der Vorfahren vererbt, waren sie von längst verendeten Stürmen die letzte Welle an entfernten ruhigen Küsten; eine Frucht, die uns labte, konnte in fremde Schicksale uns verstricken; stieg nicht ihr Duft und ihre Süße aus dunkeln Wurzeln, die weitverästet tief in die Erde sich bohrten? Scharfes Eisen, das getötet hatte, umklammerten sie vielleicht, wuchsen durch goldene Reife, um deretwillen es geschehen, und schwollen safterfüllt an, gemästet an Verwesendem.

Keiner durfte für sich allein sein Leben leben. Er sprach; und ein Wind faßte sein Wort und trug es und senkte es in ein fremdes Leben, in dem es keimte und aufwuchs, es zersprengend vielleicht, und vielleicht ihm reiche Frucht und Segen schenkend. Er ging; und sein Schatten fiel über den Weg und deckte mit Dunkel ein Kleinod, das sonst andere gelockt hätte. Er schwieg; und Stimmen wurden vernehmlich, die sonst der Schall seiner Worte übertönt hätte. Er stand regungslos; und unter seinen Sohlen starben Keime erstickt, weil er nicht weitergeschritten war. Er wich vom Weg, um allein zu gehen; und zur vorbestimmten Zeit fand er ein fremdes Schicksal harrend sitzen, dem sein Kommen längst verheißen war.

Nicht bloß das, was dürftig, eingeengt zwischen Geburt und Tod, dahinrann – leicht übersehbar auch für blöde Augen – war das Leben eines jeden; im Leben anderer war er vieles: Unwissend vielleicht ein Mörder, und vielleicht ein Vollstrecker gerechter Sprüche; Erbe und Diener der Gedanken vieler Toter, und einer, der, selber arm, Schätze für Kommende häufen mußte. Leiden fielen über Schuldlose, bis sie gequält aufschrieen; denn ihr Schrei war bestimmt, andere zu wecken und ein Führer für irrende Seelen zu sein. Einen König trieb es, eine verwaiste Bettlerin, die ihn nicht liebte, aus dem Staub zu heben, und seine Macht und Hoheit, nach der sie nicht verlangte, und die stolze Sehnsucht seiner Träume, die ihr fremd war, um ihre dürftigen Kinderschultern zu hängen; und er lebte sein Leben in ihren Diensten, und breitete seine Siege wie einen Teppich zu ihren Füßen, und nannte sein Tun, das er selbst nicht faßte, ›Liebe‹ – unwissend, daß er nur auserlesen war, Verheißungen und den Segen einer sterbenden Mutter an ihrem Kinde zu erfüllen.

Vieles lebte ein jeder so. Und der dies ahnte, sah sein Leben nicht mehr nutzlos, rasch, wie Gras auf den Dächern dahinwelken, und pries nicht die glücklich, die jung gestorben waren.

Viele Tage ersehnte er sich; kein Tag dem andern gleichend, und jeder von vielem erfüllt: Von Licht und Dunkel und Farben, die sich vermählten und erblichen, von Lauten, ringsum ertönend und aus ihm selber klingend; von labenden Früchten, von rauschenden Wassern und ihrer Kühle, von lebenspendenden Strahlen, von sturmbeladenen Winden, und vom Duft der Erde. Und immer um ihn: Die Weite der Welt und ihre Fülle und sein Wissen davon. Rings um ihn Leben-Atmendes: Mensch und Tier und Sprießendes und Gestein – alles gleich rätselvoll und stumm und nichts von sich verratend. Und aller Geschicke von weither wallend, gierig zu einander den Weg zu finden und, in ruhlosem Wogen flüchtig einander vermählt, vergängliche Lust und nicht ewig lebende Schmerzen wie versickernden Schaum an den Strand schleudernd – – – – und in dies alles – er – mitten hineingeworfen, mit bereiten Sinnen sich darin badend, ganz darein getaucht, geschüttelt von den Schauern des Erkennens und denen des Nichtverstehens!

Und über dem Leben seiner Tage war ein zweites – das seiner Nächte – gewölbt. Aus allen Früchten des wachen Lebens war der Saft in Träume so gepreßt und gedichtet, wie die Taten vieler Jahre in ein Lied, das man zu singen anhebt, wenn es dämmert, und das zu Ende ist, ehe es Nacht geworden. Träume lösten alle Schwere des Lebens von den Sohlen; keine leeren Stunden gab es, die nur Brücken zu erhofften reicheren waren, und Jahre wogen nur das, was sie werteten. Der träumte, schuf eine Welt und setzte in sie, nur was für ihn bedeutete; von ihm gesteckt, waren die Grenzen ihrer Himmel und ihrer Erden, allwissend war er in ihr, und alles wußte von ihm. Nicht unterjocht von Zeit und Raum, freier als das Leben der Tage, lebten Träume; und reicher und süßer und grausamer und mit prunkenderer Macht als das Leben, durften sie ihre Herrschaft üben, denn wie ein junger weiser Richter saß jeder helle Morgen über dem wirrverflochtenen Tun und Leiden nächtlicher Träume zu Gericht, Verknüpftes lösend, und lächelnd alles wieder einsetzend in seinen vorigen Stand.

Aber so sehr über das Leben seiner Tage und Nächte erhöht, wie Musik über einsame Töne, war ein drittes Leben – das seiner Ahnungen; schwerlos über den beiden Leben schwebend, und doch wieder in sie eingesprengt wie edles Erz in schlichtes Gestein; in Träumen manchmal nahend, und stark genug, aus Alltäglichem zu reden; wie fremde Hände von außen an ihn rührend, und in ihm pochend wie sein eigenes Blut.

Und dies gab ihm diese Abendstunde: Nicht wie ein einsamer Ton, ins Leere, verhallte sein Leben. Verschlungen in ein großes, von Urbeginn gemessenes, feierliches Kreisen, trieb sein Leben, mitdurchtönt von ewigen Gesetzen, die durch alles klangen. Kein Unrecht konnte ihm geschehen, Leiden waren kein Verstoßensein, und der Tod schied ihn nicht von allem. Denn, vermählt mit allem, allem notwendig und allem unentbehrlich, war jede Tat vielleicht ein Amt, Leiden vielleicht Würden, und der Tod eine Sendung vielleicht.

Und der dies ahnte, vermochte, ein Gerechter, durchs Leben zu schreiten; nicht sich betrachtend, sein Blick ins Weite gerichtet, als Greis noch helläugig, zum Staunen bereit, wie ein Kind. Wie Heiliges waren Leib und Seele ihm behütet; seine Füße sicher, nicht benetzt von Blut und Schmutz; wenn er hindurchschritt, stand es wie eine Mauer zu seiner Rechten und Linken. Angst war ihm fremd; denn woran er schlug – an Verschlosseneres als Felsen – Recht brach für ihn daraus hervor wie sprudelndes Wasser, und Gerechtigkeit wie ein nicht versiegender Bach.

Langsam schritt Paul zwischen schwarzen dürren Hecken den Weg zurück, den er hieher gegangen war. Er war müde; seine Kehle war trocken und heiß, als hätte er lange geredet: aber ausgeruht und kühl fühlte er seine Schläfen und Augenlider, über die der Abendwind strich. Vor ihm her trieb der Wind abgefallene buntgefleckte Blätter und wehte sie an die Sockel der steinernen Götterbilder am Weg. Zu Haufen geschichtet, lag dort das Laub, wie das fahle blutiggetigerte Fell eines geopferten Tieres.

Paul sah hin; irgend einmal im Herbst hatte der Anblick solchen Laubes stark an ihn gerührt; sein Empfinden bewahrte noch die Erinnerung, aber seine Gedanken wußten nichts mehr davon. Irgend etwas hatte es damals ihm bedeutet. Etwas, wie eine Antwort auf vieles, Oftgefragtes. Achtlos konnte er jetzt daran vorbei; aber einmal hatte daraus irgend ein Erkennen, unverhüllt, mit nichtlügenden Augen auf ihn gesehen. Gedanken waren damals in ihm aufgewacht und, jubelnd über ihre eigene Kraft, unaufhaltsam emporgestiegen – irgendwohin, wohin er nicht wieder den Weg fand. Was damals in ihm gewesen war, schien ihm so unwiederbringlich verloren, als hätte eine Übermacht es aus seinem Innern gerissen und, für immer unerreichbar, über die Erde hinaus, in den Weltenraum geworfen.

Etwas, was einmal sein gewesen, hatte so verlorengehen können, daß er auch nicht mehr wußte, was er verloren? Was ihn einmal so sehr erschüttert hatte, von jeher und für immer unverlierbar, hätte es doch in ihm ruhen müssen. Was war noch sicher, wenn sein eigenes tiefes Empfinden ihn so verraten hatte? Konnte dann nicht auch für alles, was er jetzt – in dieser Abendstunde – als seinen einzig wirklichen inneren Besitz fühlte, eine andere Stunde kommen, in der es wertlos hinter ihm ins Leere versunken war? So gelöst von ihm, daß auch nicht mehr die Erinnerung daran überlebte.

Oder hatte das, was er damals empfunden hatte, in Wahrheit gar nicht ihm gehört? War es vielleicht aus vielem, das ihn fremd umgab, an ihn nur herangeweht worden? Und nur, weil er leer war, hatte es in ihm keimen und vergänglich sich entfalten können?

Aber woran wollte er erkennen, daß das Schicksal früherer Stunden nicht auch dieser Abendstunde bereitet war? Das Erkennen, das sie ihm gegeben, hatte er ›Gerechtigkeit‹ genannt und wie ein schützendes Schild und Wappen über seinem Leben aufgerichtet. Aber wußte er denn, ob nicht auch dies aus vielem, das ihn fremd umgab, nur herangeweht an ihn war? Aus dem Erinnern an einen Traum, aus dem Schatten fremder Frauen, der über ein dunkles totes Wasser fiel, aus Wolken und dem Abend und dem Wind? Welches Zeichen war ihm denn gegeben, daß dies nicht vergänglich in ihm war, daß es ihn nicht verlassen konnte, daß er sich dessen sicher fühlen durfte, daß es – wie das Blut in seinen Adern – immer ihm, und nur ihm gehörte?

Manches – er wußte es – konnte anders werden; die Tage seines früheren Lebens, die er jetzt verächtlich, haßerfüllt verwarf, konnte ein späteres Erinnern milde wieder emporheben, und – um ihrer Schönheit willen ihnen verzeihend – gerührt und lächelnd, sie ›Jugend‹ nennen.

Aber, was diese Abendstunde ihm gegeben, blieb; immer in ihm und nur in ihm; dem Blut in seinen Adern nicht bloß vergleichbar – sein Blut selbst, das zu ihm geredet hatte; und darauf zu horchen, hatte diese Stunde gelehrt.

Denn über dem Leben derer, deren Blut in ihm floß, war Gerechtigkeit wie eine Sonne gestanden, deren Strahlen sie nicht wärmten, deren Licht ihnen nie geleuchtet und vor deren blendendem Glanz sie dennoch mit zitternden Händen, ehrfürchtig ihre leidenerfüllte Stirne beschatteten.

Vorfahren, die irrend, den Staub aller Heerstraßen in Haar und Bart, zerfetzt, bespieen mit aller Schmach, wanderten; alle gegen sie, von den Niedrigsten noch verworfen – aber nie sich selbst verwerfend; nicht, in bettelhaftem Sinn, ihren Gott ehrend nach dem Maß seiner Gaben; in Leiden nicht zum barmherzigen Gott – zu Gott dem Gerechten rufend.

Und vor ihnen viele, deren Sterben ein großes Fest, anderen bereitet, war. Rings um sie Feierkleider, das Leuchten edler Steine, flatternde Fahnen und Prunk und der Hall von Glocken und der Gesang vesperlicher Hymnen, und auf allem ein Widerschein von sinkender Sonne, und Flammen, die königliche Hände entfacht – – – sie selbst an Pfähle geschnürt, das Feuer erwartend, schuldlos Sünden sich erdichtend und ihre Qualen ›Strafe‹ nennend, nur daß ihr Gott ein Unbezweifelter, Gerechter, bleibe.

Und hinter ihnen allen ein Volk, um Gnaden nicht bettelnd, im Kampf den Segen seines Gottes sich erringend; durch Meere wandernd, von Wüsten nicht aufgehalten, und immer vom Fühlen des gerechten Gottes so durchströmt wie vom Blut in ihren Adern: ihr Siegen – Gottes Sieg, ihr Unterliegen – Gottes Gericht, sie selbst sich bestimmend, von seiner Macht zu zeugen, ein Volk von Erlösern, zu Dornen gesalbt und auserwählt zu Leiden. Und langsam ihren Gott von Opfern und Räucherungen lösend, hoben sie ihn hoch über ihre Häupter, bis er, kein Kampfesgott von Hirten mehr – ein Wahrer allen Rechtes – über vergänglichen Sonnen und Welten, unsichtbar, allem leuchtend, stand.

Und von ihrem Blute war auch er.

Am Rande des Neptunbrunnens stand Paul still. Über der steinernen modergrünen Rückwand schien das Schwarz des Tannenhintergrundes zu einer Höhle sich zu vertiefen, aus der steinerne Hippocampen sprengten. Braune Blätter lagen wie eingewebt in dem dünnen zerknitterten Schleier, zu dem die Oberfläche des Wassers zu erstarren begann. Von den großen Goldfischen in der Tiefe drang nur ein matter roter Schein durch das Dunkel nach oben. Nur kurze Zeit – Minuten – waren vergangen, seit er hier an derselben Stelle gestanden hatte; aber wenn er daran dachte, schien es weit hinter ihm, wie längst Vergangenes, zu liegen. Damals hatte er sich abgemüht, um das zu finden, woran ihn der Teich und die Fische erinnerten. Mit gierig schnappenden Lippen hatten die sich ans Ufer gedrängt und dann satt sich sinken lassen, bis sie nur wie große Blutstropfen aus der Tiefe schimmerten. Nun wußte er, welche Erinnerung sie in ihm geweckt hatten. An einen Traum, der selbst wieder mit Träumen und Zweifeln und Sehnsucht und Erinnerungen und gespiegeltem Leben reich und prunkend beladen gewesen war. In der Augustnacht hatte er ihn geträumt, in der Georg gestorben war. Er dachte daran, wie er Georg zuletzt gesehen; am Nachmittag vor jener Nacht; denn was er dann später im Sarg gesehen, war ja nicht mehr Georg. Kühl und sonnenlos war jener Nachmittag gewesen. Durch das offene Fenster sah man den Regen wie einen unablässig gleitenden grauen Schleier nach unten sinken. Georg hatte dem Fenster den Rücken gewandt, und hell umrandete das Licht seine Wangen, die braungebrannt von der Sonne waren. Seine Augen waren im Dunkel; aber an den Schläfen und dem Ansatz der Wangen war ein leichter heller Flaum, wie auf Früchten, die die Sonne gereift. Voll und ruhig ausschwingend, klang Georgs tiefe Stimme, leise umschwirrt von dem laurieselnden Regen, wie von einem fernen Flügelrauschen endlos hinziehender Vogelschwärme. Sie sprachen von fast gleichgiltigen Dingen; aber wenn Georg den Kopf leicht zur Seite wandte, fiel Licht auf seine Lippen. Dann sah Paul die ruhigen gütigen Linien seines Mundes, die er lange kannte. Und gleichgiltige Worte, die Georgs Lippen formten, lösten sich von ihnen und sanken schwer, vollgesogen von Weisheit und Güte.

Wohin war das alles gegangen? Und vieles andere mit, von dem niemand wußte. Denn der Blick seiner Mutter, der, anschwellend von Liebe, oft auf ihm geruht hatte, hatte vielleicht in Georgs Gütigsein noch weiter leben dürfen; und in den dunkeln Wellen seines Haares hatte vielleicht noch die Spur der Hand gelebt, die sorgenvoll oft über widerstrebende Kinderlocken geglitten war. Das alles war jetzt auch gestorben.

Paul schritt langsam dem Ausgang zu. Er hatte Georg lieb gehabt; und jetzt blieb von seinem Empfinden nichts als eine Erinnerung, über die Trauer nur wie ein leichter Schleier gebreitet war. Um Georgs Tod hatten quälend seine Gedanken sich gerankt und, ohne seinen Willen, war für ihn daraus etwas erwachsen, was seinem Leben Zuversicht gab. Er mochte den Gedanken nicht zu Ende denken; aber wußte er denn, für wen er selbst leben mußte und für wen zu sterben ihm wiederum bestimmt war?

Paul trat durch das Gittertor des Schloßhofes ins Freie. Es war dunkel geworden. Er schritt längs der niederen Wirtschaftsgebäude, die den Park umgrenzten, der Stadt zu. In den dichten weißlichen Nebel drang langsam schwarzer Qualm, der zwischen Erdwällen und geschichteten Pflastersteinen aufquoll. Arbeiter standen bis zu den Hüften im Boden. Er sah nur die Umrisse der Grabenden, die Linie der vielen gebeugten Nacken und Rücken und der Arme, die, aus dem Boden wachsend, Spitzhauen schwangen und schmetternd niederfallen ließen. Manchmal fiel von unten ein roter, flackernder Feuerschein verzerrend über die Gesichter. Ein Trupp abgelöster Arbeiter, ihr Werkzeug auf den Schultern, ging mit schweren Schritten vor Paul einher und nahm die Breite des Weges ein. Sie sprachen miteinander in einer fremden Sprache, die Paul nicht verstand.

Er war zu müde, um rascher zu gehen und sie zu überholen. Langsam ging er hinter ihnen, unbewußt in den schweren Takt ihrer Schritte verfallend.

Wie dicht der Nebel war und wie weit die Stadt lag! Aber durch alle Müdigkeit hindurch empfand Paul Ruhe und Sicherheit. Als läge eine starke Hand beruhigend und ihn leitend auf seiner Rechten; als fühle er ihren starken Pulsschlag. Aber was er fühlte, war nur das Schlagen seines eigenen Bluts.

 << Kapitel 4 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.