Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Richard Beer-Hofmann >

Der Tod Georgs

Richard Beer-Hofmann: Der Tod Georgs - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorRichard Beer-Hofmann
titleDer Tod Georgs
publisherPhilipp Reclam jun.
year2009
isbn978-3-15-009989-6
firstpub1900
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20150825
projectida4f718f7
Schließen

Navigation:

III

Als der Träger die Reisetasche in das Netz des schmalen Halbcoupés gelegt hatte und gegangen war, schloß Paul die Türe und zog die Vorhänge zu. Dann trat er zum Fenster; er sah, wie der Träger den Zug entlang bis zu den Gepäckwagen ging, vor denen der Stationschef im Gespräch mit zwei Bahnbeamten stand; der Träger schien etwas zu melden, dann ging er und wies noch im Gehen auf den Waggon hin, in dem Paul saß. Unwillig riß Paul die Vorhänge des Fensters zu; sollte es denn wieder neue Schwierigkeiten geben? Er lehnte sich in die Ecke. Durch die dünnen lichtbraunen Vorhänge drang ungehindert die stechende Nachmittagssonne und weckte den häßlichen modrigen Duft des verstaubten Tuchs der Sitze; aus einer Ecke des Netzes, in der auf Zeitungen eine offene geleerte Weinflasche lag, zog sich säuerlicher Dunst, der sich widerlich mit dem öligen Geruch frischer Druckerschwärze mischte. Er hörte Schritte über sich auf dem Wagendach und das langsame Schleifen einer Leine. Jetzt erst empfand er das Versperrte des Raumes. Von der niedern eisernen Decke schien die Hitze zu widerstrahlen, die sie auf langer Fahrt in sich gesogen hatte, und er hob den Kopf, um nicht an die schmutziggelbe Polsterung zu streifen, in deren gesteppten Nähten schwarzer Kohlenstaub lag. Er hätte am liebsten Fenster und Türen geöffnet, um Luft durch den schmalen Raum streichen zu lassen; aber er wollte noch warten. Da – auf dem Perron – gab es sicher Bekannte, die ans Fenster herankommen und ihn peinigen würden: mit den immer wiederkehrenden Worten des Beileids und den stummen, Empfindung bedeutenden, Händedrücken und ihrem teilnahmsvollen Augenaufschlag und ihrer unverhehlten Neugier. Er empfand Ekel vor den plumpen Worten, die seit gestern, unablässig, schwerfällig, mit widerlichem Gesumm, ihn umschwirrten. Es schien, als dächten sie alle dieselben Gedanken. Zuerst das Staunen darüber, daß ein so junger gesunder Mensch über Nacht gestorben sei; die Rührung über die Schicksalstragik, die sie darin fanden, daß Georg kurz vorher eine Professur erhalten hatte, noch einige rasche Fragen nach Georgs Verwandten und wenn sie hörten, daß seine Eltern tot seien und daß er keine Geschwister habe, trösteten sie sich, und fanden den Übergang in ihren gewöhnlichen Gesprächston beim Abschiednehmen, und erklärten, daß schließlich ein Tod durch Herzschlag, ohne Schmerzen und Krankheit, jedenfalls der schönste Tod sei. Gereizt und erstaunt starrte Paul auf ihre Lippen, die so unfehlbar sicher, geschäftig dieselben Worte formten; der gleiche Tonfall schien allen Unterschied der Stimmen zu verwischen, und alle glichen unheimlich verzerrt einander, wenn, wie fertige rasch gewechselte Masken, erst Staunen, dann Trauer, und Trost, und sichere Lebensweisheit, über ihr Antlitz sich legte.

Nun war auch das überstanden, und morgen früh, wenn der Sarg langsam zwischen ächzenden Seilen in die Gruft geglitten sein würde, war alles vorbei.

Vorgestern um diese Stunde war Georg angekommen. Den ganzen Nachmittag waren sie am offenen Fenster einander gegenüber gesessen. Von dem eintönig grauen Regenhimmel und den nebelverschleierten Bergen hob sich dunkel und scharf umrissen Georgs Kopf; er hatte dem Fenster den Rücken gewandt, und hell umrandete das Licht seine Wangen, die braun gebrannt von der Sonne waren. In das unablässige leise Rauschen des lauen Regens klang voller und ruhiger Georgs tiefe Stimme. Ein Jahr lang hatten sie einander nicht gesehen. Aber sie sprachen von fast gleichgiltigen Dingen; sie wußten, daß ein zufälliges Wort oder das Dunkel am Abend in leeren Straßen, erst später ihnen die Zunge lösen würde, um sich anderes zu sagen. Aber es gab kein ›Später‹ mehr. Weit weg, als wäre es längst gewesen, schien jetzt die Nacht, voll schwerer unruhiger Träume, und der gestrige kühle Regenmorgen, an dem er noch nicht wußte, daß Georg tot war. Aber alles andere, von dem Augenblick an, da er im Haustor gestanden war und hinter sich auf der hallenden Holztreppe das Schreien und die sinnlos sich überstürzenden Worte der Magd gehört hatte, fühlte er wieder ganz nahe, und alle Sorge und Hast und der Arger des gestrigen und des heutigen Tages, zitterte noch in ihm nach. Das hilflose Warten, bis ein Arzt kam, der Unmut der Hausleute, die keinen Toten über Nacht im Hause haben mochten, das lange Ausbleiben der Antwort auf sein Telegramm, in dem er sich von Georgs Verwandten Verfügungen erbat, dann im Gemeindeamt und bei der Bahnverwaltung langwierige Gespräche und Unterhandlungen, der Streit mit dem Sargtischler, der Georgs Leichnam in einen zu kurz geratenen Sarg hineinzwängen wollte – all das hatte ihn unruhig und müde gemacht. Jeden Augenblick schrak er auf, als hätte er irgend etwas noch vergessen oder als gäbe es eine neue Schwierigkeit; und wie jetzt draußen die Wagentüren ins Schloß fielen, und nun ein kurzer Ruck nach rückwärts kam, und aus unruhigem Schwanken der Gang des Zuges immer rascher und gleichmäßiger wurde, fühlte er erleichtert, daß er dem Häßlichen und Wirren dieser letzten Stunden entwich.

Er öffnete Fenster und Türen und lehnte sich in die Ecke. Wie ein dünnes gelbliches Segel blähte der Wind den herabgezogenen Vorhang, hob ihn und glitt unter ihm weg, kühl und einschläfernd wie leises Fächeln, den Nacken entlang zu den Schläfen; langsam gab er der Müdigkeit nach und ließ den Kopf nach rückwärts sinken; unter schwer werdenden Lidern hervor sah er in der Glasglocke an der Decke das träge Schaukeln des Lampenöls; in das gleichmäßige Stampfen und Rasseln des Zuges klang manchmal zitternd ein hellerer gläserner Ton. Halb im Schlafdämmern klammerten sich Pauls Gedanken eigensinnig an diesen Ton; woher er nur kam? Von ganz nahe schien er zu kommen; in unregelmäßigen Zwischenräumen klang er immer wieder in sein Schläfern und machte ihn wach. Er setzte sich aufrecht; der Ton schien über ihm zu zittern; er sah nach oben und horchte auf die Wiederkehr des Tones; – nun war er wieder da – und Paul sah, daß es die leere Weinflasche im Gepäcknetz war, die umherkollerte und an die Wagenwand oder an die eiserne Stange des Netzes klirrend stieß. Einen Augenblick nur folgte er dem grünlichen Schillern der Flasche, die hin- und herrollte, dann waren seine Gedanken weit weg von ihr, und er mußte an Georgs Sarg denken, der allein im Gepäckwagen stand, geschüttelt vom Stoßen des Zuges oder vielleicht zur Seite geschleudert, wenn der Zug holpernd über Weichen fuhr – und zwischen den Brettern des Sargs, wie in einer Kiste, nur viel schlechter und nachlässiger als ein Ding gepackt, das noch Schaden leiden konnte und Wert hatte – starr und wehrlos – Georg!

Er setzte sich aufrecht; aber er wußte, was ihn jetzt erschütterte, war nur der Tod, nicht Georgs Tod; Müdigkeit, Ärger über gleichgiltige Leute, Unruhe und fast der Schatten eines leisen Vorwurfs gegen Georg, als wäre der an allem schuld, war in ihm, nicht Schmerz um Georgs Tod. Zu rasch war alles gekommen, als daß er Zeit gehabt hätte, sich zu besinnen; Georg war nicht mehr da; aber es schien ihm kein anderes Fernsein als sonst, und daß er nie mehr da sein könne, sprach er sich vor, verständnislos, mit betäubtem Erstaunen. Später vielleicht erst würde er um ihn trauern können; nachts, in menschenleeren stillen Straßen, wenn Qualvolles und Wirres in ihm nicht mehr lindernd sich zu Worten formen würde, weil Georg nicht mehr da war, sie zu hören; und später, viel später, wenn seine Augen, die dann nicht mehr viel erhofften, den suchen würden, der dieselben Sommer wie er ›Jugend‹ nannte und in dessen kühlem Altern Erinnerungen sich heiß und süß emporsogen, wenn er zu ihm sagte: ›Weißt du noch?‹ Aber Paul fühlte, auch das würde nur der Schmerz sein, daß Georg ihm gestorben war, nicht daß Georg nicht mehr leben durfte.

Er stand auf und trat in den Seitengang; er setzte sich auf den niedern Klappsitz und sah hinaus. Auf hoch aufgeschüttetem Damm lief die Bahn. Tief unten wanden sich zu Dörfern hin breite graue Straßen, schwarz gestreift von den Schatten hoher verstaubter Pappeln. Zusammen mit Schotterhaufen und steinernen Radabweisern säumten sie die Straße, die schmalere Fahrwege von sich abästelte und Fußpfade aufnahm, die von verstreuten Gehöften her in sie mündeten.

Wohltuend empfand es Paul, daß sein Weg nicht da unten führte. Nach der Unruhe der letzten Stunden gab es ihm Beruhigung, auf eisernen festgebetteten Schienen seinem Ziele zuzugleiten. Alles Zufällige und Launenhafte der Landstraße schien von seinem Weg entfernt. Unabweichbar lief sein Weg auf hoch aufgeschüttetem Damm, über steinerne Durchlässe und eisenrasselnde Brücken, die weite Schutthalden übersetzten, oder er senkte sich in tiefe Einschnitte, zwischen steile widerhallende Stützmauern. In gleichgemessenen Abständen waren immer dieselben Dinge an den Weg gesetzt. Hoch oben am Böschungsrand standen kleine Wärterhäuser. An den weißgestrichenen Mauern war Brennholz in hohen Stößen geschichtet; eine Leiter und Signalstangen lehnten daneben, rotbraune Löscheimer hingen unter dem Dachvorsprung, und ein Faß, gefüllt mit Regenwasser, war in den Boden versenkt. Zwischen den schmalen Streifen niederer Gemüsebeete wuchs bunter Mohn; Frauen standen manchmal in der engen Haustüre; ihre Gesichter waren welk, und ihr Leib entstellt von Arbeit und vielem Gebären. Wie ein einziges vielmaschiges gleichgeknüpftes Netz, schien dasselbe Los über sie alle geworfen; in stumpfem Gleichmut oder mit verdrossenen Worten schwächlich sich auflehnend, lebten sie gefangen unter ihm dahin. An ihnen vorbei glitt der Zug und hielt erst vor schlanken hölzernen Hallen, die wilder Wein umzog. Sattere Zufriedenheit schien hier über allem zu rasten. Sorgfältig gestutzte Buchsbaumhecken umgrenzten die kleinen Stationsgärten, hölzerne Lusthäuser standen darinnen, und auf den Gesichtern der Beamten lag breit ein seichtes Behagen. Das überhastete Lernen in durchwachten Nächten hatte ihre Augen kurzsichtig gemacht; durch glänzende Brillengläser sahen sie nun, streng und bewußt, andern befehlen zu dürfen; wie sie die Hände auf dem Rücken falteten oder die Schultern hochzogen, und die Linien um ihren Mund, verrieten, wie sehr ihr Los sich ihnen freundlich erfüllt hatte: hinter ihnen gefürchtete Schulprüfungen, die sie nur manchmal als Alpdruck ängstigten; vor ihnen nichts, was Störung oder Unsicherheit in ihr Leben hätte tragen können, und um sie, täglich wiederholt, Arbeit und Ruhen, und stündliche Wünsche, die sich stündlich befriedigten. Ein wenig Machtbewußtsein und die zufriedene Versöhnlichkeit des Sattseins, am Tage, abends am Biertisch das Behagen an plumpen Scherzen und ihren eigenen hallenden Worten, und nachher, in der summenden Lüsternheit des beginnenden Rausches, die triumphierende Zuversicht, im eigenen Bett eine eigene Frau zu finden. Und gleiche Gedanken und ein gleiches Los überprägten alle Verschiedenheit ihrer Züge; wenn der breite Schatten der dichtgeballten Rauchwolken des Zuges über sie fiel, glichen sie im bläulichen Dämmern einander.

Und Paul dachte, wie Georgs Leben geworden wäre. Hätte auch er sein Leben von Kindheit an in Abschnitte geteilt, und an jedem ein Zelt errichtet, in dem erfüllte Wünsche behaglich rasten durften? Was dazwischen lag, war nur leerer Weg gewesen, und erst an den Zielen stand man still, und in Erreichtem empfand man mit Gefallen den Inhalt seines Lebens? Und am letzten Ziele durfte man niedersitzen und, die Hände auf den Knien, mit wünscheleeren Augen, und Lippen, die sich willenlos sinken ließen, ergeben auf das Ende warten? Oder war er von denen, die wußten, daß ihr Leben floß, und das Wasser nicht stillstand, um sich selber zu besehen? Und die wußten, daß man es nicht in Krüge fassen konnte, um in die gefangene Flut zu starren und ihr zu sagen: ›Du bist mein Leben.‹ Im Strome rann es hin; und im Rausch über den Jubel von Tausenden, der einem galt, und im Aufstöhnen zu einem Gott, wenn ein Schicksal einen niedertrat, war es wie in den immer sich erneuenden Wundern: daß wir dursteten und trinken konnten, und daß verborgenes Denken in uns Hauch und Schall und Worte ward, die sich zitternd von unseren Lippen schwangen, und hallend zu uns zurückkamen und, Antlitz an Antlitz mit unseren Gedanken, wie schreckerstarrte Doppelgänger standen.

Paul neigte den Kopf zur Seite; mit betäubendem Rasseln rollte auf dem Nachbargeleise ein Lastzug; offene, mit Sand beladene Wagen, und rotbraune verschlossene, mit kleinen Öffnungen. Erst als sie vorbei waren, rückte er wieder zum Fenster. Unablässig lief neben dem Zug der breite Schatten dichtgeballter Rauchwolken; er schmiegte sich an den steil aufsteigenden Rasen, brach oben am Böschungsrand, und schleifte wie ein bläulicher Schleier über die Halmspitzen gelber Kornfelder; oder er warf sich über die Brüstung eiserner Brücken herab, und glitt, dunkel sich spiegelnd, über das leichtwellende Wasser breiter seichter Gerinne.

Wie Georgs Leben geworden wäre? Professor jetzt, und dann nach ein paar Jahren Dekan, und später einmal Rektor der Universität; und noch Ehrentitel und vielleicht ein Doktorjubiläum und eine Festschrift seiner Schüler – – – das war alles. Nein, nicht so meinte er es. An das Beste wollte er denken, das ihm hätte werden können. Er war ja Arzt; vielleicht wäre er ein anderer geworden als die vielen, die bloß mit gehäuftem Wissen und Händen, geschickt wie gute Werkzeuge, ihr Handwerk übten. Wie die Augen der Künstler an allen Dingen tasten und die Form um ihr Schicksal fragen – woher sie geworden und wohin sie wird – so hätten seine Augen voll Frage auf leidenden Menschen geruht. Ehe ihre Lippen sich öffneten, um zu klagen, klagten die schmerzlichen Linien um Mund und Augen, und an ihrem entstellten Leib erkannte er die Arbeit des Todes, der in ihnen kauernd saß und, lautlos hämmernd, von innen her ihren Leichnam sich formte, wie ein Bildner kunstvoll ein Gefäß von innen treibt. Alles half ihm ihr Leiden erkennen; nicht bloß ihre Stimme und ihr Blick, die Art wie sie sich vom Sitze hoben und ihm entgegengingen, wie ihr Gewand sich abnützte, ihr Haar sich lichtete oder dichter und hastiger aus eingefallenen Wangen zu sprießen schien – nicht bloß das sprach zu ihm. Denn jedes Leiden schuf andere Gedanken und andere Angst; leeren und tauben Schlaf das eine, und das andere Träume, so erfüllt von überlebendigem Leben, daß es in den wachen Tag hinüberquoll und einen anfaßte wie Geschehenes. Dumpfes Stemmen gegen jedes Erkennen und die Angst, die Wahrheit zu erfahren, gab die eine Krankheit, und die andere gab List und Verschlagenheit zu verzweifeltem Kämpfen, bis man, fast im Triumph, andern das Geständnis entwand, daß man verloren sei. Und es waren Schmerzen, die zu Boden schlugen und die Kraft stahlen, zwischen Leben und Tod zu wählen, und solche, die einen mit Ekel vor dem Leben speisten, bis man es von sich spie, und solche, die alle Lebenslust schürten, daß man bettelnde gierig krallende Finger ins Leben einschlug.

Zwischen Leiden und Genesung und Tod hätte Georgs Weg geführt. Jede bunte und überschätzte Tracht, die Menschenschicksale untereinander schied, war wie versengter wertloser Lappen von ihnen gefallen; nackt und allen gemein, ging aller Handel der Menschen um Leben und Tod. Von dort, wo Georg stand, waren alle Eitelkeiten weggegangen; über den Rand der Sterbelager kollerten die letzten Masken, die ein Antlitz bedeckt. Augen, die überlegen geblickt, hingen angstvoll und bettelnd, wie die eines Hundes, an Georgs Lippen, und hilflos, ohne Willen, bargen sich in seiner Hand fiebernde Hände, deren Sprache, ein Leben lang, nur Zorn und Drohen und Befehl gewesen.

Und wenn sein Wissen schwieg, war sein Tun noch nicht zu Ende. So nahe hatten seine Augen viele Geschicke mitleidend gesehen, daß der dunkle Kreis in ihnen dunkler und geweiteter schien als bei anderen Menschen. Wenn er sich über Kranke neigte, fühlten sie, daß sie in den Schutz dieser Augen sich schmiegen durften, und seine Worte stiegen langsam, wie aus tiefen Brunnen, zu ihnen, schwer, vollgeschöpft voll Weisheit und Güte. Für ihre Nächte gab er ihnen Schlaf, und am Tag zwang er den Schmerz zu verstummen. Er wandte ihr Bett dem Fenster zu, bis sie die Sonne sahen und die vielen weißen und farbigen Wolken, die lautlos auf dem Wind vorüberschwammen – nur damit die Sehnsucht nach dem Leben draußen und die Hoffnung in ihnen nicht stürbe. In dunkle Ecken ihres Zimmers ließ er Blumen tragen; nicht schwer duftende und üppig blühende; denn der Duft schmerzte, die prahlende Gesundheit der Farben verletzte, und laute Worte entblätterten welk gewordene Blüten. Aber auf dem tiefen saftgeschwellten Grün blütenloser Pflanzen konnten ihre Augen ruhen, und wenn sie nachts erwachten, fühlten sie sich nicht verlassen; denn sie wußten, daß dort etwas wuchs, das aus Erde und Luft derselben Luft, die sie atmeten – sich Nahrung sog, und neben ihnen, nur regungslos und in stillerem Atmen, lebte.

Aus dem eigenen Leben der Kranken, das hinter ihnen versank, holte Georg Linderung für sie.

Kinder, die sie gezeugt, ließ er an ihrem Bett sitzen – und Kindeskinder. Dann lagen die schlaffen heißen Hände der Kranken auf runden Kinderköpfen, sie umspannend, wie einen letzten unentreißbaren Besitz. In junge ungequälte Augen tauchten ihre mutlosen Blicke, und über welke Wangen strich der flüchtige Kuß halboffener Kinderlippen – kühl und leicht wie Apfelblüten, die ein feuchter Wind vom Baum weht.

Erinnerungen, die das Leben lange verscheucht, lockte Georg mit seinen Worten, bis sie wieder mit lichten stillfächelnden Flügeln heranglitten, und rastend auf dem Bettrand niedersaßen.

Für den, der jetzt dalag und litt, war einmal ein Morgen gewesen, an dem er im heißen Sand eines sonnigen Hofes saß und, mit kleinen ungelenken Kinderfingern, aus Steinchen und Schnecken und abgefallenen Oleanderblüten einen Garten baute. Wenn er sich ein wenig zur Seite neigte und nach den Grashalmen griff, die gelb und versengt dort standen, fühlte er, wie brennend heiß der Boden war. Er aber war wie auf einer dunklen bläulichen Insel; denn über ihn fiel kühl der Schatten seiner Mutter. Er saß zu ihren Füßen; wenn er sich umwandte, streiften seine Wangen die Falten ihres weißen Kleides. Ihre Hände lagen verschlungen in ihrem Schoß, und er sah manchmal auf sie hin, weil es ihm wunderbar schien, daß sie mühelos aus ihrer Verschlingung sich lösen konnten und wieder Finger wurden, von denen ein jeder sein eigenes Gesicht hatte, das er so gut kannte.

Und es gab noch einen andern Morgen. Da war er schon so groß, daß er mit der Hand über den niedern Zaun langen und den Riegel zur Seite schieben konnte, der von außen die Türe schloß. Und dann ging er über die Wiese; ein wenig verwirrt, weil zwischen den hoch aufgeschossenen Gräsern kein sandbestreuter Weg lief, dem er folgen konnte, und er bei jedem Schritt dachte, daß er auch nach der anderen Seite hin gehen könne. Wie er sich aber nach rückwärts wandte, und niedergetretene Blumen den Weg zeigten, den er gegangen, und die gebeugten Halme hinter ihm sich zögernd und ängstlich aufzurichten schienen, ward er hochmütig. Schnell und sicher ging er dem Waldrand zu, und dann quer über den Weg, durchs Gestrüpp, über den schlüpfrigen Abhang, zum Waldbach hinunter. Durch die kahle steile Schlucht, die Felsstürze mit Blöcken gefüllt hatten, drängte das Wasser bergab. Er kniete auf glatten rundgewaschenen Steinen und tauchte seine Hand in das grüne Wasser, das zornig gegen Felsen, die den Weg ihm sperrten, sich warf und weiß an ihnen aufschäumte. Getrennt von seinem Leib durch eisige Kälte war seine Hand; daß sie ihm zugehörte, machte ihn staunen, und er sah auf sie wie auf ein fremdes unbegreifliches Tier. Dort, wo das Wasser in einer steilen Bucht dunkel sich staute, war es tief; an der Hand des Vaters ging er sonst den Waldweg oben, und warf Steine hinab und sah ihrem Sinken zu. Wenn man dort hineinfiel, war man tot. Und daß er jetzt allein da war, und nur ein wenig sich vorzuneigen brauchte, um da hinunterzugleiten, und dann tot sein konnte – so tot wie ein Erwachsener – erfüllte ihn mit Stolz und Würde. Schweigend, und mit glänzenden Augen, kam er nach Hause, und verschenkte noch am Abend seine Kostbarkeiten – eine Pfauenfeder und eine Patronenhülse – an einen Bauernjungen; so sehr fühlte er sich anders, und Herr über große Schätze und Geheimnisse.

Und ein Abend – er wußte nicht mehr wann – aber er erinnerte sich, daß es nur wenige Jahre nach dem Tod seiner Mutter gewesen sein mußte. Ein Sommerabend. An die steinerne Brustwehr der alten Festung war der weiße Tisch gerückt, an dem er saß. Vor ihm, in einem Weinglas, standen Rosen. Welk von den vielen heißen Stunden des Tages, und zu spät mit Wasser gelabt, hingen sie gleichgültig und schwer über den Rand des Glases. Sie – der die Rosen gehörten – saß ihm gegenüber; aber mit der Hand ihr Gesicht beschattend, neigte sie sich weit über die Brüstung und sah auf die Landschaft. Er sah nur die graue steinerne Masse der Brustwehr, und von ihr bis zu den weiten Bergen, die in eins mit den Abendwolken quollen, war nur hell durchleuchtete zitternde Luft, getränkt von der sinkenden Abendsonne. Die aber über die Brustwehr sich neigte, sah alles was dazwischen lag. Unter ihr Felsen und Baumwipfel und die Dächer der Häuser und Brunnen und weiße breite Wege zu Schlössern zwischen Gärten, und Teiche, zur Hälfte schon im Abendschatten erblindet, und zur Hälfte noch blendendes Licht schleudernd – und endlich die Berge und die feurigen Wolken, die auch er sah; und seine Augen ruhten auf den Bergen, froh und geduldig wartend, sicher, daß auch ihre Augen, wenn sie über alles andere gewandert, dort rasten würden. Dann sah er auf sie, denn er fühlte, daß sie sprechen würde. Fest geschlossen schien noch ihr Mund; wie die Schalen einer Muschel fügten sich ihre Lippen ineinander. Schwer sich voneinander trennend, öffneten sie sich, und Worte, deren Sinn er vergessen, hingen einen Augenblick lang in der Form der Lippen, dann lösten sie sich von ihnen, zitterten und starben in die Abendstille. Und daß der Klang ihrer Worte so verwehen durfte, daß die Luft nicht von ihnen schwang und bebte – so lange nicht einmal, als die Sonne sank und das Sterben eines Tages währte – hatte er als Unrecht gefühlt, das ihr angetan worden.

Und ein anderer Abend, der schon am nächsten Morgen, wie ein Traum verblassend, zurückgewichen war vor klaren Gedanken, die nach ihm greifen wollten. Irgendwo, in flachem Land, ein Dorf, in dem er übernachten mußte; den Namen hatte er vergessen, und er wußte nicht mehr, was ihn damals hingeführt hatte. Die Leute in den niederen weißen Häusern waren schlafen gegangen, bevor es noch Nacht geworden. In der Dämmerung war er über die letzten Häuser hinaus gegangen, bis an das seichte versandete Ufer des Sees, der sich weiter dehnte, als man sah. Unter seinen Füßen wich haltlos grauer Sand, fast wie trägeres und dichteres Wasser. Er trug nichts in seinen Händen, und fühlte ihre Leere, wie man sonst Dinge fühlt, die man hält. Er suchte, wonach er greifen könne; aber nichts wuchs hier auch nicht Schilf – und er tastete leise an seine eigenen Augen und Wangen. Dann bückte er sich, schöpfte eine Hand voll Sand, und fühlte ihn langsam zwischen seinen Fingern sickern, bis seine Hand leer war. Er bückte sich wieder; nun aber war es Wasser, das rasch durch seine Finger lief. Er stand still und sah auf den See, der nicht mehr spiegelte und nur Dunkelheit schien, die weithin wuchs, bis zu schmalen helleren Streifen, die Wolken waren – flüchtiger und verrinnender als Wasser und Sand. Dann wandte er sich und merkte, daß etwas neben ihm aus dem Sand ragte. Nur die Umrisse erkannte er im Dunkel; es schien eine Pflanze mit kleinen verkümmerten Blättern, die hart an dem verästelten hohen Stiel saßen; die dunkle Masse ganz oben war wohl eine Blüte. Er neigte sich über sie. Ein leichter Duft hob sich ihm aus dem Kelch entgegen. Da wußte er – aber kein Wissen, in Worte oder Gedanken zu fassen, war es, wie ein fallender Stern leuchtend über den Nachthimmel hin schwindet, durchflog es ihn – daß er allein war; er und alles. Keine Brücken führten von ihm zum Duft der Pflanzen, zum stummen Blick der Tiere, und zur Flamme, die nach oben lechzte, und zum Wasser, das zur Tiefe wollte, und zur Erde, immer bereit alles zu verschlingen und alles wieder von sich zu speien. Und Blicke und Worte und erratene Gedanken der Menschen waren lügnerische Brücken, die nicht trugen. Hilflos und niemandem helfend, einsam nebeneinander, lebte sich ein jedes, unverstanden, stumm, zu Tode.

Für den, der jetzt dalag und litt, war dies alles, als er es lebte, wenig gewesen. Der graue Schutt gleich verrinnender Tage hatte es bedeckt und verborgen. Wie Kostbarkeiten in verschütteten Schatzhäusern geflohener Könige, hatte es lange geruht, bis Georgs Wort es gehoben. Vorher hatte es wenig bedeutet: ein Duft in der Nacht, das Verhallen einer Stimme, Wasser, das verrann, und ein Schatten um Mittag. Mutter – Jugend – Liebe – Erkenntnis – hieß es jetzt, und war genug, ein ganzes Leben reich zu erfüllen. Heiß und süß und duftend wie ein Schlaftrunk bot sich dem Sterbenden dies alles; und sie standen da, diese Dinge, mit offenen Augen, das Antlitz ihm zugewandt, als hätten die letzten Stunden sie mit ihrem wahren Namen angerufen.

Auf vielerlei Weise vielen zu helfen, hätte Georg so vermocht, und seine Tage wären nicht leer und nüchtern mit gleichen Schritten hinter einander her gegangen; an den Schultern einander umfangend, ein jeder für den andern Lehne und an ihn gelehnt, so wären seine Tage glücklich sich wiegend einhergezogen, trunken vom Gefühl der großen Macht, die Georg übte.

Denn nur um seinetwillen, damit er helfen könne, schien alles da zu sein. Um geheimer, heilender Säfte willen, die in ihnen kreisten, wuchsen Pflanzen; tief sich verbergend, lagerte Gestein, dessen giftiger Atem die hinsiechen ließ, die es raubten und ans Licht trugen – und doch zwangen es Menschen, ihnen zu ihrem Heil zu dienen; an ungeschürten nie erloschenen Feuern gewärmt, stiegen Heere von Quellen unaufhaltsam nach oben, werbend und mit sich reißend, was von heilenden Kräften schlummernd an ihrem Wege lag. Nicht um der Gesunden willen, die es hochmütig, ohne Dank, kaum bewußt, hinnahmen, wärmte die Sonne, strichen Lüfte, lösten einander Tage und Nächte ab. Für die, die sterben mußten, war dies alles gesetzt: Nächte, die Stille brachten, das Erglühen heller Morgen, die neuen Mut erlogen; und Luft und Sonne waren köstliche Geschenke, nach denen täglich von neuem ihre Hände gierig zitternd langten. Denn atmen, nichts sonst als in der Sonne atmen zu dürfen, noch einen lichten Tag und immer noch einen, schien ihnen ein wunderbares glückseliges Los. Auserlesen, erhöht waren die, die lebten, noch verschont vom gemeinen Los des Sterbens.

Und an der Schwelle von Ruhm, Macht und Glück, war Georg nun gestorben.

Paul wandte den Kopf zum Fenster, denn der Zug schien langsamer und vorsichtig zu fahren. Man besserte die Strecke aus; Arbeiter standen da, gestützt auf ihr Werkzeug, und sahen zu den Fenstern des Zuges auf. Ihre braunen Gesichter glänzten; nur in den Wimpern und Brauen und den Barten hing dichter grauer Staub. Über die kurzgestutzten Tannenhecken längs der Strecke war manchmal ein rotes schweißgetränktes Tuch zum Trocknen gebreitet; ein irdener brauner Wasserkrug stand auf dem Kies, und daneben lagen blaugrüne verschossene Samtjacken.

Und wenn nun Georg nicht jetzt gestorben wäre? Irgendwie und irgendwann hätte ja auch für sein schönes und reiches Leben das Ende kommen müssen. Erst unsicher, zweifelnd, und dann noch einen Irrtum erhoffend, und endlich klar, hätte er vielleicht seine eigene Krankheit erkannt. Rings um ihn standen Ärzte, die nicht zu lügen wagten; vor seiner Einsicht verstummten sie und, wie sein Blick auch von einem zum andern wanderte, keiner sagte ihm: ›Du irrst‹. Und was jedem andern gewährt war: das Wiederhoffendürfen, wenn Tage kamen, an denen er sich wohler fühlte auch das war ihm versagt. Zu gut kannte er diese Besserung, die nichts war, als ein Lauern und Niederducken der Krankheit, bevor sie von neuem ansprang. In sich dehnenden Nächten horchte er auf sein Leiden, und am eigenen Leib lehrte ihn höhnend die Krankheit sie besser verstehen. Und wenn er endlich matt und stumpf sich ergeben wollte, standen immer neue Zweifel und Hoffnungen, wie lästige Bettler, da und ließen sich nicht die Türe weisen. Vielleicht irrte er doch; oder vielleicht gab es ein Mittel, und er kannte es nur nicht; oder vielleicht war es niemandem noch bekannt, aber einer würde es einmal finden, wenn er schon lange tot war; und vielleicht lebte einer, der lange schon danach forschte und es morgen finden konnte; und morgen war es noch nicht zu spät! Und er wollte alle falsche Scham bei Seite werfen und reisen, von einer Stadt zur andern, und überall Umfrage halten, vielleicht lebte einer, der ihm helfen konnte. Und andere Hoffnungen regten sich. Vielleicht war er nicht krank; nur seinen Aussagen vertrauend, hielten ihn die Ärzte dafür; vielleicht glaubte er nur das alles zu empfinden; vielleicht war er wahnsinnig; und er hoffte, und suchte nach Zeichen, denn Wahnsinn selbst schien ihm begehrenswerter als die Gewißheit des Todes. Dann aber kamen Stunden, worin er mit denselben unerbittlich klaren Augen, mit denen er sonst die Kranken gesehen, sich selber sah. Mit einem Blick durchschaute er dann, wie ein zerrissenes Netz, das ganze törichte Gewebe seiner Hoffnungen. Wie es immer dieselben wohlbekannten Winkel sind, in denen beim Spiel Nachbarskinder sich verstecken und wiederfinden, so waren es immer die gleichen Hoffnungen, zu denen alle Kranken hinflüchteten. Ungezählte Male hatte er es traurig lächelnd mit angesehen; die Reihenfolge ihrer leeren Hoffnungen konnte er vorhersagen, so genau wußte er dies alles. Und doch war er dumm, besinnungslos, dorthin geflohen, wohin es alle andern trieb. Umsonst hatte er es ein Leben lang erkannt; um nichts klüger war er geworden. Nur mehr als die andern zu leiden war ihm erlaubt; denn er sah das Unnütze seines Tuns und mußte es dennoch tun. Aller Stolz, in den er sich gehüllt, war von seinen frierenden Schultern genommen, und er fühlte, daß lautlos hinter ihm einer schritt, der nicht duldete, daß man abseits, ein Besonderer, seinen Weg sich suche. Mit den andern, gedrängt wie sie sich drängten, stöhnend wie sie stöhnten, gezeichnet mit ihrem Zeichen, unkenntlich in der grauen Herde, trieb es ihn die Straße hinab, von der kein Weg mehr abzweigte.

Dann suchten seine Augen immer von neuem die Menschen, die ihn liebten. Er sah ihren Schmerz und daß sie litten; aber zu oft hatte er erfahren, wie selbst unbändiger Schmerz sich langsam müde tobte. Gelabt hätte ihn der Gedanke, daß sie um seines Todes willen ihr Leben lang Gott lästern würden; aber er wußte: man fügte sich. Wie aus unmerklich gesprungenen Gefäßen langsam das Wasser sich verliert, und sein Spiegel immer tiefer sinkt, so stahl sich, ohne daß sie es wußten, aus denen, die Georg liebten, der reine Schmerz um ihn. Trübes Mitleid mit sich selbst blieb in ihnen zurück, ein unklares Bedauern, daß sie nicht gefühllos sein Leiden mitanzusehen vermochten. Und vor Georgs harten, richtenden Augen schien alles verzerrt und verrückt. Die andern waren es also, die litten? Von ihnen sprach man, ihr Schicksal wurde verhandelt? Trost wollten sie haben, denn der Schmerz war ihnen lästig und zu viel zu ertragen – ihnen, die leben durften! Wo er doch den Tod ertrug! Aufgegeben war er; nun verstand er das Wort. Noch lebte er; nur mit dem Finger hatte der Tod lässig auf ihn gedeutet – und wie übereifrige Höflinge erfaßten die Lebenden den Wink, und wandten sich von ihm ab. Er wußte, daß die, die ihn liebten, traurig und mit Tränen von den Tagen sprachen, in denen er nicht mehr sein würde; aber daß sie den Gedanken zu Ende dachten, daß ihr Verstand nicht wirr und betäubt davor stillhielt; fand er ungeheuerlich und schlecht. Denn so sehr wider alles eingeborene Gefühl und alle Vernunft erfunden, daß auch törichte Kinder nicht darauf hinhorchen mochten, schien ihm das lügnerische Märchen von einer Welt, die ohne ihn sein sollte. Und wie sehr sie ihn auch liebten nicht der Hunger, nicht der Durst, nicht die Notdurft eines einzigen Tages, würde um seines Todes willen in ihnen schweigen; und wer wußte es, ob sie nicht alle ihre Tränen, gemahnt durch seinen Tod, nur sich und ihrer eigenen Sterblichkeit weinten? Noch neigten sie sich über ihn, küßten seine Wangen, und ihre Hände streichelten über seine magern Arme hin; aber mit dem letzten Atem, der über seine klaffenden gelähmten Lippen wehte, schied er sich von ihnen allen. Was sie eben noch geliebt, entsetzte sie und machte sie schaudern. Entlassen aus der großen Gemeinschaft aller Lebenden, war der Leichnam dessen, den sie geliebt, ihnen ferner und fremder als ein namenloser stammelnder Bettler, und ein lebender Hund, der räudig durch die Straßen lief.

Und bevor Georg noch dies gekostet: seine Angst und die Scham über seine Angst, den Verrat am eigenen Empfinden und die Untreue alles Lebenden, war er gestorben.

Paul stand auf und neigte seinen Kopf zum Fenster, bis sich der Wind in seinen Haaren kühlend fing. Er mußte die Augen fast schließen, so grell leuchtete der weiße Kies. Durch einen schmalen Wiesenstreif vom Geleise getrennt, war gelber Lehmboden zu einem tiefen Kessel abgegraben. Unter niedern langgestreckten Dächern waren Ziegel geschichtet. In trüben Lachen stand versumpfendes Wasser; Arbeiter lagen schlafend bei den Hütten, und nur wenige schoben Karren, ihren eigenen tiefblauen Schatten träge hinter sich her über den gelben erhitzten Boden schleifend. Dann wand sich zwischen verstaubten Bäumen eine breite graue Straße dem Geleise zu. Schon von ferne sah Paul drei Bauern mit schweren, im Staub schlürfenden Schritten auf den Schlagbaum zuschreiten, der die Straße sperrte. Bevor er noch die Gesichter sah, erkannte er an den Umrissen, die sich dunkler von dem aufgewirbelten Staubschleier hinter ihnen schieden, daß es alte Männer waren. Von müden, unter der Last nachgebenden Knien getragen, schwankte und stieß ihr Oberkörper, bei jedem ihrer Schritte, wie ein schlecht federnder Karren. Wie altes und abgenütztes Werkzeug, das man an die Wand hängt, hingen ihre zu langen Arme steif und schwer an ihrem Körper herab. Am Schlagbaum blieben sie stehen und warteten. Wie der Zug an ihnen vorbeilief, lehnten sie den Kopf zurück und blickten zu den Fenstern auf. Ihre Stirnen waren vom Hutrand überschattet, aber die mager sich streckenden Hälse und ihre Gesichter waren in grellem Sonnenlicht. Wie schlecht gespannte Leinwand notdürftig Gerüst und Seile einer Gauklerbude verkleidet, so schien ihre Haut schlaff und faltig über die hart hervortretenden Knochen und Sehnen gehängt. Glanzlose Augen lagen wie trübe, zufrierende Lachen in dunkeln, tief geschaufelten Gruben; um ihren eingesunkenen, kindisch zahnlosen Mund starrten weiße Stoppeln; in der Sonne, die grell in die scharfgerissenen Furchen ihrer Wangen leuchtete, und Licht auf die hohen Ränder legte, und schwarzen Schatten in die Tiefe der Rinnen warf, glichen ihre Gesichter einander, wie gefrorene kahle Acker, gesprengt und zerklüftet von Kälte und Frost, einander gleichen.

Rascher als der Zug vorüberglitt, sah Paul dies. Und er wußte auch, daß er nicht bloß zufällig auf die gleichgiltigen Dinge da draußen so achtete, als gäbe es nichts, was wichtiger für ihn wäre. Um an Georgs Tod nicht mehr zu denken, geschah dies. Etwas in ihm, das er gern verleugnet hätte und das nicht schweigen mochte, redete leise, hartnäckig, im Tone von aller Welt, häßliche Allerweltsworte: daß Georg nun einmal tot sei und daß alle sterben müßten; und daß Georg davon nicht mehr lebendig würde, wenn man sich noch so sehr der Trauer um ihn hingäbe; und daß Georg es jetzt gut hätte; und daß es dumm sei, sich damit zu quälen, wie Georgs Leben und Sterben vielleicht geworden wäre.

Paul schämte sich. Wie lange war es denn, daß er und Georg noch einander gegenüber am offenen Fenster saßen? Das Moos im Wald war noch feucht von dem Regen, der an dem sonnenlosen Nachmittag wie ein unablässig gleitender grauer Schleier vor ihrem Fenster nach unten sank. Georg hatte dem Fenster den Rücken gewandt, und das Licht umrandete hell seine Wangen, die braun gebrannt von der Sonne waren. Voll und ruhig ausschwingend klang Georgs tiefe Stimme, leise umschwirrt von dem laurieselnden Regen, wie von einem fernen Flügelrauschen endlos hinziehender Vogelschwärme. Ein Jahr lang hatten sie einander nicht gesehen; sie sprachen von fast gleichgiltigen Dingen, und ihre Reden reihten sich eintönig und gleich aneinander, wie in den dumpf dämmernden Sälen alter Paläste die hohen mit Läden geschlossenen Fenster; aber sie wußten: wenn eines sich öffnete, lag draußen hell vor ihnen wie leuchtendes weit sich dehnendes Land, ihre Freundschaft. Und jetzt war das vorbei; rasch vergangen wie die Zeichen, die einer flüchtig mit dem Finger in angehauchtes trübes Glas schreibt. Nichts war davon geblieben als der Wunsch, nicht mehr daran zu denken, und Mitleid mit seinem eigenen Unbehagen; und er fühlte, daß unter aller Trauer, tief in ihm, geweckt durch Georgs Tod, die Freude am eigenen Lebendigsein schamlos aufjubelte.

Denn eine neue, junge Schönheit, die er noch nicht gekannt, schien den Dingen geschenkt, die er sonst kaum sah. In tiefem Einschnitt, zwischen steil aufsteigenden Rasenböschungen, die den Ausblick sperrten, lief der Zug. Nichts sah Paul als den Rasen, und darüber ein Stück des dunkelnden Gewitterhimmels, durchbohrt von grellen Sonnenstrahlen. Aber auch der Rasen und die unscheinbaren Blumen waren schön. Wie zuerst die überragenden schlanken Ähren des Steinklees sich hingebend unter der Last der Bienen bogen, und wie mit dem Zug ein Luftstrom kam, der sie nun alle beugte: wilde Reseden, die auf ihr Antlitz fielen, starre Disteln, die ungelenk zur Seite wichen, und weiße errötende Trugdolden der Schafgarben, die anmutig, wie in leichter Trunkenheit, schwankten. Unter einem verblühten Strauch wilder Rosen lag ein Bauernbursch auf dem Rücken; neben ihm stemmte sich halbaufgerichtet ein Mädchen gegen den Rasenhang, und winkte lachend zu den Fenstern des Zuges auf. Über den beiden schwangen im Wind wirr verschlungene Zweige, und der starke Luftstrom faßte einen weißen Schmetterling, riß ihn mit sich und warf ihn an die Wange des Mädchens. Flüchtig dunkelnd streifte über sie hin der leichte Schatten des Rauchs, dann war sie wieder in grellem Licht, das durch zerrissene Wolkenballen steil herabschoß. Überflossen von Licht war ihr entblößter brauner Arm, der, leicht sich rundend, nach oben grüßte; und Paul wußte: hart und rauh war der Rücken ihres Armes, auf den die Sonne brannte; Arbeit in Frost und in Nässe und der Wind hatten ihn rissig und rauh gemacht wie die Nordrinde eines jungen Baumes; aber weich, sanftglühend von warmströmendem Blut, war die Innenseite ihres Armes, wenn sie sich um den Nacken des Geliebten legte; gut zu fühlen wie die unberührten, schweren, weichen Flügel eines Dämmerungsfalters, oder die Blüten der dunkeln Schwertlilien, die da oben am Böschungsrand in steinumsäumtem Beet wuchsen. Neben dem armseligen Wächterhäuschen standen die, wie verbannte Herrscher in einem fremden Land. Wie ein Bund grüner Schwerter waren ihre starren Blätter gegen den dunkelgequollenen Gewitterhimmel gezückt. Noch geschlossene Knospen saßen in den lichten Blütenscheiden; ihre Blumenblätter waren fest um einander geschlagen wie die Enden eines Mantels, den einer, mit gekreuzten Armen sich verhüllend, um hochgezogene schmale Schultern schlägt. In die finster sich ballenden Wolkenkissen versanken fast tiefviolette, aufgeschlossene Blumen. Ein freies, gebietendes Prunken war in dem Entfalten ihrer Kelche; wie die sich enthüllende Gebärde eines unerkannten Königs, der stumm – nur mit dem Öffnen seiner Arme und dem Zucken der Achseln, das den Mantel von seinen Schultern gleiten läßt – zu allen spricht: ›Ich bin der König!‹

Paul sah zu den Wolken auf. Sie schienen schwer und vollgesogen von Dunkel, das von irgendwoher auf sie zutrieb. Seine Schläfen entlang strich der Wind und wühlte sich mit kühlen, tastenden Fingern durch sein dichtes Haar. Über eiserne, rasselnde Brücken, die unter ihm schwangen, lief jetzt der Zug; tief unten lagen versandete Auen, und an dem seichten breiten Gerinn eines Flusses standen barfuß Weiber und siebten durch steilgestellte Netze den Sand. In kurzen starken Stößen kam der Wind. Hinter den fernen Häusern eines Dorfes hing der Himmel grau zur Erde herab. Dort schien der Wind hervorzubrechen. Er faßte die Wipfel der Bäume und hing, wie ein Hund an der Kehle des Wilds, in verbissenem Schütteln an ihnen, ehe er sie zu Boden bog; hinab in den Staub der Straße warf er sich dann und trieb ihn, zu Wirbeln geballt, vor sich her; er fiel auf das Wasser und schlug es, bis es gehetzt, weißschäumend, den Sand der flachen Ufer hinaufstob. Dann war er da, und Paul fühlte an Hals und Wangen seinen Anprall. Weit über die Brüstung des Fensters lehnte er sich, und bog sich dem Wind entgegen. Wiederum sah er ihn von ferne kommen. Unerträglich schien es Paul, stumm den Ansturm des Windes zu erwarten; ungeduldig sah er hinab in die Niederung, und achtete nicht auf die großen Regentropfen, die einzeln auf seine Wangen fielen. Jetzt aber sprühten sie zerstäubt gegen seine Stirne, und der Wind war da. Einen Augenblick fühlte er sich Antlitz an Antlitz, wie in stummem Ringen, mit dem Wind; dann mußte er reden, und er hörte seine eigene Stimme hell das Rasseln des Zugs durchschneiden. »Wind«, rief er, »Wind«, und fühlte es wie Glück, daß Atem über seine Lippen wehte und dem Wind seinen Namen gab, und ihn, den Starken, zwang, den Hall seines eigenen Namens ein Stück weit mit sich zu tragen. Und Glück war es, kühles Wasser zu fühlen, das aus Wolken vom Himmel herabfloß; und wenn er vor den ferne aufleuchtenden Blitzen die Augen schloß, fühlte er seine Macht. Denn rascher als das Bild des Blitzes seinen Augen entfloh, schuf er mit dem Senken seiner Lider tiefes Dunkel um sich, und zerstörte eine Welt, die er mit jedem Augenaufschlag von neuem sich erschuf. Aber auf Georgs toten Augen lasteten kalte Lider; dünn, fast durchsichtig; aber unabwälzbarer als die Ungeheuern Trümmer eines Bergsturzes, die ein ganzes Tal begraben.

Und Paul wußte es nun, daß er nur sich selbst belog, wenn er an diesen frühen Tod wie an etwas dachte, was Georg vor vieler Qual behütet hätte. Nicht so wie er vorhin gedacht, hätte es ja kommen müssen. Georg war eingeschlafen und nicht mehr erwacht; aber quallos wie jetzt, wäre ja auch vielleicht nach langen Jahren sein Tod gewesen. Vorerst noch ein ganzes Leben, erfüllt von Ruhm und Macht, ein glückliches Alter – und dann erst hätte ihn, der schlummernd aus den Armen des Lebens glitt, milde, unmerklich der Tod empfangen, wie eine Mutter vorsichtig von den Armen der Wärterin ihr schlafendes Kind empfängt.

»Ruhm, Macht, ein glückliches Alter!« Paul sprach die Worte halblaut vor sich hin; sie klangen wie eine festgefügte überkommene Formel, wie ineinander geschmiedet von der heißen Sehnsucht und den immer gleichen Wünschen vieler Menschen. Aber wenn man die Worte von einander löste, und prüfend an ein jedes pochte, zerfloß es in ein Dunkel, aus dem Seufzer und Fragen quollen, und das erfüllt schien von vielen zweifelstarrenden Augen.

Paul schloß das Fenster, dann trat er zurück ins Coupé. Er lehnte sich müde in die Ecke und sah auf die trüben, regenbesprühten Scheiben. ›Ein glückliches Alter!‹ Wußte er von einem? Oder hatten seine Augen jemals, in der Menge fremder Menschen, auf einem Antlitz Alter und Glück beieinander gesehen?

Er erinnerte sich an einen Wintermorgen; die Straßen waren noch leer, und die Kaufleute öffneten erst ihre Läden. Der Wind zerriß den feuchten Nebel in den Straßen. Vor der Auslage eines Spielereiwarenladens war Paul stehen geblieben. Das gelbe Licht einer Gasflamme, die im Innern des Ladens brannte, spiegelte sich in den Kindersäbeln, dem Zinngeschirr einer Puppenküche, und den bunten Steinen, die den Rand einer blechernen Königskrone schmückten. In der Mitte saß in einem hohen Kindersesselchen, zurückgelehnt, eine große Puppe mit sanften halbgesenkten Lidern und weichem blondem Haar. Rings um sie standen im Kreise wilde Tiere, Neger, Matrosen, und rote Husaren auf weißen, sich bäumenden Pferden. Offene Schachteln lagen am Boden; und in Watte und Holzwolle gebettet lag ein Landgut: scheckige Kühe, ein Brunnen, und Pappeln mit grünem gekraustem Laub. Zwischen Wickelkindern, einem Dampfboot und Zauberapparaten, stand ganz vorne ein Theater. Auf den Seitenflügeln war das Publikum in den Logen gemalt; auf der Bühne war ein Wald und die Hütte eines Einsiedlers; aus Pappendeckel ausgeschnitten, hingen an dünnen Drähten Krieger, ein König, ein Greis, der Scharfrichter mit dem Beil, und die Prinzessin – und berührten kaum den Boden.

Spielzeug für Kinder war das alles; aber es schien, als wären es Wünsche und Träume, die man hier in den kleinen Raum eingefangen, und die nun, von der immer gleichen Sehnsucht aller Menschen – nur mit noch unverstellten Kinderworten – leise stammelnd redeten. Denn aus Kämpfen mit stumpfen Waffen, und blechernen Kronen als Preis, schufen Kinder sich Schicksale, in denen ihre Seelen bebten; reiner und unvermischter als das Leben es zu geben vermochte, gab das Spiel es ihnen zu kosten: das sich selbst verschwendende Einsetzen im Kampf, die Großmut des Sieges und den stolzen Trotz des Besiegtseins. Puppen waren das, woran Kinder ihre Liebe hängen konnten, und an ihnen übten sie die Macht, wohl und wehe zu tun.

Die Kinderstube, die Straßen, die sie an der Hand Erwachsener überschritten, und die Gärten, in denen sie spielten – das war die Welt der Kinder. Aber plump geschnitzte Tiere mit gähnendem Rachen und bunt bemaltem Fell, brachten von anderem Nachricht. Von nichts Bestimmtem; aber von etwas, dessen Schauer sie herbeiwünschten und fürchteten, unmeßbar und doch wieder erfüllt von namenlosen Möglichkeiten, wie das Dunkel, in das sie nachts mit klopfendem Herzen sahen. Aus fremden Ländern, von weit her, kamen diese Tiere; und die Fremde und die Weite ließ die Kinder erschauern. Denn sie fühlten etwas, was für sie jenseits der Häusermauern und der zahmgestutzten Gartenhecken begann. Das, was zeitlich noch ferne von ihnen war – alle Möglichkeiten ihres Schicksals, die sie verworren ahnten – schien weit von ihnen im Raum, in fremden Ländern, wie Abenteuer zu liegen. So fremd und so weit weg, daß der Blick der Mutter, vollgesogen von Güte und Sorge, matt am Weg zu Boden sank, ehe er sie erreichte; nur runde gelbe Augen der Tiere, nachts, und am Tag lauernde Augen der Menschen schienen rings um sie aufgestellt. Speise und Trank waren nicht, wie sonst, in Gefäßen, von andern für sie vorbereitet; noch uneingefangen tosten die Ströme, zu denen sie wie Tiere hinabstiegen, um sich zu tränken; aufschnellenden Zweigen entrissen sie Früchte, und sie lernten fremdes Leben töten, um sich daran zu sättigen. Niemand war da, der am Abend die Schnüre ihrer Schuhe löste; über ihre wundgestoßenen müden Füße goß niemand kühles Wasser, und salbte sie mit streichelnden guten Händen; kein lindes weiches Bett war für sie aufgeschlagen, und der Morgen war nicht etwas, was sich leise, durch weißverschleierte Fenster mit errötendem Licht stahl, und mit milden Strahlen, schmeichelnd den Schlaf weglockte. In die Erde scharrte man sich sein Bett; dem Morgen vorher liefen frostige Winde; ein Schauern war das Erwachen, und der Morgen ein Feuerbrand im Osten. Nicht leere Namen waren die Zeiten des Tages, bloß wie Merksteine in die Geschäfte des Tages gestellt. Ihre alte Herrschaft schien ihnen wiedergegeben; Tag und Nacht, das Morgen werden und das Abendwerden, waren wieder Urmächte wie am Anbeginn aller Dinge. Führerlos, und nicht auf gewiesenen Wegen, ging man; nach Welten, die nachts, leuchtend und unverrückbar, hoch über einem im Räume hingen, richtete man seinen Weg. Kein Verirrtsein gab es, wie in den Straßen begrenzter Städte; in Grenzenloses, in Zeit und Raum schien man zu sinken und – sich darin verlierend – fühlte man sich ein Teil von dem, darin man sich verlor.

Ein Vorbildliches, ein Ahnendes schien so jedes Spiel; aber losgebunden von der steinernen Schwere wirklichen Geschehens. Wenn einer in arabischen Märchen, vor dem weisen Fürsten, rückblickend sein Leben erzählte, flocht sich alles Glück und Elend, durch das er gegangen, freude- und trauerlos ineinander, und schien nur mehr ein seltsames Geschick, wert des Aufzeichnens. So wußte das vorahnende Spiel der Kinder nur von der Buntheit und Seltenheit der Schicksale, und am Ende aller Taten und alles Erleidens, stand in ruhigem Atmen nur ein Schlaf, der die erhitzten Kinderwangen kühlte, und dann wieder in tiefem, innigerem Schlummern neu erglühen ließ.

So gab es Spiele von Kampf und Gefahr und Abenteuern. Davon handelten sie, daß die Welt für jeden weit war, und wechselvoll erfüllt von noch Unerhörtem und Unerfahrenem. Aber der engumgrenzte, bewohnte Boden, auf den das Spiel kleine Häuser mit roten Dächern und Bäume und Ackervieh und Brunnen und Bauern stellte, war Erde – tiefer als alle Abgründe und Meere. In die Fremde und in die Weite träumte das Spiel alle Abenteuer; aber angestammte Schicksale lagen heimlich in der Tiefe der Erde. Vom Boden, den man als Kind im Fallen geküßt, sagte keiner sich los; und wenn Kinder, im Spiel, Bäume und Hütten und schwereutrige Kühe und hochbeladene Erntewagen rings um sich stellten, ahnten sie den segensvollen Frieden eines Lebens, das der Erde sich vermählen durfte. Am begrenzten Himmelsbogen rückten nächtlich die gleichen Sterne dem Morgen zu; über denselben hügeligen Ackern hob sich täglich die Sonne, und hinter denselben schwarzen Fichten des dünngesäten Jungwaldes stieg sie abendlich hinab. Sich immer gleichend, lösten einander die Reihen unveränderlicher Geschäfte ab: Ackern, Säen, Jäten, das Ernten der Frucht – und die Brunst, das Tragen, und das Gebären der Tiere. Aber was hier geschah, konnte nicht – wie anderes Tun durch Gewöhnung schal – häßlich sich verzerren. Wie Atmen Leben selbst ist, und nicht bloß ein gewohntes Tun Lebendiger – so war, was jene unverzerrbar und ungewöhnlich taten, mehr als bloße Handlungen, frei und unverknüpft von Lebenden gesetzt. Am Faden des Lebens selbst schienen sie zu spinnen, der unzerreißbar – von andern kommend zu anderen – durch ihre schweren Hände glitt; Spinner und wie sich ihr Leben mit hineinverflocht – Gespinst zugleich für die nach ihnen. Nicht der Wille eines einzelnen formte die Regel für ihr Tun, und das Gelingen hing nicht an Laune und Gunst von Menschen. Aus Ungemessenem kam zu ihnen, was ihnen befahl. Der Lauf der Sonne, der Wandel des Mondes und das Kreisen von Gestirnen gebot ihren Geschäften; aus Gewitterschauern und sanft träufelndem Regen floß Segen herab oder fiel Unheil über sie.

Gleichgiltig – wie die Bretter des Schiffs, das einen trägt war anderen der Boden. Sie aber ahnten in dunkler Ehrfurcht, daß in der Erde alle Schicksale sich vorbereiteten. Mehr als bloß die Frucht lag im Samen verschlossen, den die Erde behütete; auch der Schatten des Baums, und daß er von der Straße weg zu sich hin lockte; um unter ihm zu rasten, unterblieb ein Handeln, und ein anderes geschah. In noch ungefördertem Erz war der Tod von Ungeborenem längst beschlossen, und leeren Worten verlieh der Abendwind, der, schwer vom Duft der Wiesen, sie trug, große Macht über Seelen. Nichts gab es, dessen Wege nach rückwärts nicht zur Erde führten. Ihr entstammt war alles, was in ein Leben sich lenkend verflocht. Nicht tot und ohne eigenes Schicksal waren die Dinge, wertlos wie Steine, die der Fuß stößt, vom Zufall auf unsere Straße gestreut. Aus der Tiefe stiegen sie nach oben und wanderten – von einander nicht wissend – auf vielverschlungenen, unerkannten Straßen uns zu. Zur vorbestimmten Zeit waren sie an unserem Weg: Waffen im Bereich unserer Hand, ein Duft, der Erinnerungen wachrief, Schatten, die zur Ruhe lockten – hemmend und treibend schufen sie Lose, mächtiger als unser Willen, den wir erträumten.

Nichts von alledem war den Kindern bewußt; aber nur was immer wieder von neuem mit angeborener Kraft die Seelen der Menschen ergriff, taugte – nie veraltend – zu einem Spiel für Kinder.

Alle Möglichkeiten kommender Schicksale übten Kinder, mit erhitzten Wangen, in ihren Spielen. Aber ein Spiel gab es, ruhiger und stolzer als die andern. An dünnen Drähten hingen aus gemalten Wolken Könige, Henker, und Prinzessinnen herab, und berührten kaum den Boden. Mit frühreifen Lippen sprachen Kinder in anderer Namen; Gefahren und Befreiung, Dulden und Triumphe verhängten sie. Mächtiger als die Könige und Feldherren anderer Spiele waren sie das Schicksal selbst, das allem, Leben, Worte, und scheinbaren Willen lieh, um an ihm seine Macht zu erweisen. Nichts geschah wirklich; nur die Worte des Spiels waren dieselben wie die des Lebens. Worte waren – wie ein dünnes, kühlendes Gewebe – über das heiße Antlitz des Lebens geworfen; von ihm wieder weggeweht, bewahrten sie noch wie durch ein Wunder seine Form.

Im weißen Nebel des Wintermorgens stand damals Paul vor dem Spielwarenladen, und die gelbflackernde Gasflamme schien allem Spielzeug ein heißeres Leben zu gelben als das graue Licht der Straße, das die Umrandungen aller Dinge in den Nebel hinüberlöste. Wie er sich zum Gehen wandte, hatte ihn ein leichtes Rauschen nach oben sehen lassen. Aufgereiht an einem gespannten Faden, schaukelten Masken, und, bewegt vom Frühwind, rieben sie ihre grellbemalten Wangen aneinander. Grauenhaft verzerrt waren hier die Häßlichkeiten des Alters gehäuft. Ein Kinn, das nach aufwärts der Nase sich entgegenkrümmte, und dazwischen ein zahnloser Mund, seine eigenen dünnen Lippen einschlürfend; Wangen, zu tiefen Gruben eingesunken, als müßten sie einander im Innern des Mundes berühren; schmale, verkümmernde Kiefer, durch ein breites Grinsen verschoben, fast aus den Angeln gehoben, und straffes graugrünes Haar, das der Wind über gedunsene rote Wangen trieb.

Aber die gleiche Leere lag in den scharfgeschnittenen Gesichtern. Denn Mund und Augen waren nur Löcher, unfähig, die Spuren von Erlebtem in sich aufzubewahren. Nur die Häßlichkeit des Alters verkündeten diese Larven – nicht Leidenschaften und Ereignetes. In dem kleinen Raum hinter der Glasscheibe des Ladens, schienen Träume und Sehnsucht und Geschicke von Menschen eingefangen, und redeten zu Paul mit noch unverstellten Kinderworten. Aber von nichts redeten diese Gesichter. Gleichgiltig schienen sie für das, was sonst gewesen. Schicksale, die man pries, und solche, die man beklagte, seltene, und solche, die im Sand verronnen, alle waren hier verlöscht. Drohend über allem Leben aufgehängt, waren die Larven; verächtlich von allen früheren Schicksalen schweigend, da sie selbst eines waren, das alle andern verschlang. Wie Schicksale sich auch nannten – alle hießen sie einmal: ›Alter‹.

Und wie an jenem Wintermorgen sah Paul altersverzerrte Gesichter sich reihen. Aber nicht mehr Masken. Flüchtig war er an manchen vorübergegangen, aber ohne seinen Willen, hatte sein Gedächtnis sie aufbewahrt. Und von andern, deren Gesicht er vergessen, wußte er noch die Stimme und ihren Gang; und andere waren da, die er seit Jahren kannte und deren Verfall er mitangesehen. Um ihn schienen sie gedrängt, und wenn er die Augen schloß, ordneten sie sich zu Reihen, und dahinter wieder Reihen, die sich schuppenartig halb verdeckten; und sich wiederholend wie das Muster einer Tapete, sah er sie, endlos sich abrollend, nach unten gleiten.

Tief durchfurchte Gesichter; gepflügt, und immer wieder überpflügt, von einem langen Leben. Taten, Leiden und Gedanken vieler tausend Tage, hatten rastlos ihre Spuren hier eingegraben. Ein Tag wühlte es, der nächste glättete es, und der dritte riß es wieder auf; und nach Jahren fand das Leben längstvergessene Geleise, und scharrte sie unauslöschlich tief. Was jetzt tief und bitter um den Mund sich grub, war einmal ein Lächeln gewesen; wie ein Wind am frühen hellen Morgen leichtwellend über hohe Halme läuft, war es von den Lippen über Wangen zu jungen leuchtenden Augen geglitten; nichts Schweres war diesem Leben verhängt gewesen; im Wiederholen hatte sich das Lächeln verzerrt; weil ihm Dauer gegeben ward, am Leben selbst, war es häßlich geworden. Wie schlechtgespannte Leinwand notdürftig Gerüst und Seile einer Gauklerbude verkleidet, schien die Haut schlaff und faltig über hart hervortretende Knochen und Sehnen gehängt; entblößt von allem verkleidenden Fleisch verriet sich die Form des Schädels; wie gegen einen dünnen Vorhang, drängte gegen die abgenützte Haut der Tod sein Antlitz, ungeduldig wartend, begierig zu erscheinen.

Und Gesichter, gedunsen wie die der Ertrunkenen. Kraftlos wucherndes Fleisch, das sich zu hängenden Wammen am Halse formte, und blaurote Lippen, von immer neuaufsteigenden runden Wülsten umquollen, wie von trüben Blasen, die aneinandergedrängt, auf lauem jauchigem Wasser liegen. Und er sah zahnlose Kiefer gierig Speise malmen, die zu beiden Seiten des halbgelähmten Mundes triefend herabrann, und Zungen, wie eine Last, hilflos im Mund umhergewälzt, lallend, unfähig Worte zu formen; und Augen, die wie weißlich zufrierende Lachen in tiefgeschaufelten Gruben lagen, und nichts von der Welt mehr spiegelten.

Unruhig bewegt schienen die Reihen; und am Nicken und Sichwiegen der Köpfe erkannte er den Gang. Mit gebogenen Knien, die der Last des Körpers nachgaben, und mit gesenktem Nacken, trotteten die einen; bei jedem ihrer Schritte schien der Kopf ›ja‹ zu nicken; ergeben in Unabwendbares starrten sie zu Boden, und grüßten die Erde, die ihrer harrte. Verneinend zitterte das Haupt der andern; erzwingen wollten sie von ihren steifen Gliedern das sichere ruhige Ausschreiten; gewaltsam richteten sie ihren kraftlosen Nacken auf; gegen die steinerne Hand, die sie zu Boden bog, vergeblich sich auflehnend, erzitterte in unnützem Leugnen verneinend ihr Haupt. Aber regungslos sahen auf ihn Gesichter, entsetzlicher als die andern. Noch war Leben in ihnen; aber nur wie in künstlichen Werken, als Vollendetes und Unabänderliches. Versteint schien alles; als könnte nichts mehr ihnen aufgebürdet, und nichts mehr von ihnen genommen werden. Welk von unnützen Worten waren die festgeschlossenen schmalen Lippen; leer von Hoffen und Angst sahen weitoffene wimperlose Augen, und wußten nichts von den Tränen, die aus ihnen rannen – unablässig, als brauchten sie für nichts mehr sich aufzusparen.

Was sollte noch über sie kommen? Wie sie jetzt mit offenen Augen ins Leere sahen, so sahen sie jede Nacht ins Dunkel, wenn sie vor Sonnenaufgang erwachten und ohne Schlaf dalagen, den Tag erwartend. Kein Tag kam, von dem sie dachten: ›Wenn der vorüber sein wird – – –‹, und keiner, so ersehnt, daß alle andern unwichtig, und nur ein Weg zu ihm, erschienen. Leer, zu kraftlos, um noch einen Inhalt zu ertragen, waren alle Stunden. Nur Stunden des Tags, und Stunden der Nacht, und zusammen nur Zeit, die verrann – unhemmbar verrann.

Und neben ihnen lagen ihre Hände wie langgebrauchtes Werkzeug – zu nichts mehr nutz. Wie Wurzeln eines absterbenden Baumes verdorrt sich aus der Erde recken, ästelte sich, freiliegend, um ihre magern Arme ein blaues Netz knolliger Adern. Was in ihnen rann, war nicht mehr etwas, was heiß und purpurn anstürmend und zurückweichend, in den wundervollen Maßen seines Wellenschlags, von allem Empfinden die wahrste Kunde gab. Träg stotternd rann in verkalkenden Adern ein müdes Blut, sich entfärbend, und bereit zum Zerfall.

Was, was war aus ihrem Besitz geworden? Aus vielen Nächten, in denen sie, nicht ermüdend, durch leere stumme Gassen langsam mit einem andern gingen, und Denken und Empfinden in seiner Überfülle sich wirrend, emporquoll, und nach Worten und Schweigen für sich suchte. So erstickend reich waren sie, daß sie eines bedurften, um sich an ihn zu verschenken. Sie sehnten sich nach fremder, sorgenvoller Last, die sie beschwere und ihre Sohlen am Boden haften mache. Denn es war ihnen, als müßten sie flügellos sich heben und überirdisch schreiten und aus nieversiegendem innerem Quellen mit beiden Händen schöpfend, über die Erde tief unter ihnen, verschwendend, von ihrem eigenen Leben streuen. Als die Erhofften einer Welt, die lange, arm an Liebe, ihrer harrte, fühlten sie sich. Längstgeschehenem erwiesen sie Ehrfurcht, und sie sorgten sich um kommende Geschlechter; das stumme Leben der Pflanzen ängstigte sie, und ihre Sehnsucht floß, wie von hohen Bergen, unaufhaltsam, allem zu: fernen ungesehenen Ländern, die sie liebten, dem nächtlichen Licht rätselvoller Welten, und den verschlossenen Seelen vieler fremder Männer und Frauen.

Tage und Tage hatten ihnen gehört, und an jedem Morgen waren sie helläugig erwacht, noch reich vom gestrigen Erobern, und zu neuen Siegen gegürtet; und an jedem Abend stand der Schlaf neben ihnen, wie ein guter Diener allmälig ihre Rüstung lösend, und leichtwehende Träume waren wie ein weiches, seidenes, mit schillernden Zeichen durchwehtes Zelt, vielfaltig über ihnen ausgespannt. Ihr Leib war noch ihr Eigen gewesen, biegsam wie aufschnellende junge Bäume, fähig zu greifen, zu umklammern, mit seiner Last zu zermalmen, und siegreich über seine eigene Schwere durch Wasser zu gleiten – ein wundervolles Werkzeug, ihr Wollen erfüllend, ehe es Denken geworden, zu beidem tauglich: Tod zu geben und aus fremdem Leib sich selbst zu neuem Leben zu erwecken.

Viel hatte ihnen gehört! Aber jeder Tag hatte von ihrem Besitz gestohlen, bis sie die geworden, die nun ohne Schlaf in sich dehnenden Nächten dalagen und mit hoffnungsleeren offenen Augen ins Dunkel sahen. Wen schreckte noch ihr Drohen, und wen lockte ihre Liebe? Lohnte es sich, noch etwas zu beginnen, und für wen wollten sie vollenden? Nutzlos war alles Wissen; mächtige Worte fielen verwelkt von ihren Lippen, und sie schwiegen, weil einzig Schweigen nicht Lügen war. Scham und Ekel würgte sie, wenn sie prüfend an ihrem eigenen verfallenden Leib herabsahen, und es graute ihnen vor ihren Gedanken. Wie auf mißfarbenem, gelbem, hochgeschwollenem Wasser trieb wirr alles hinab. Haß gegen eine Welt, die treulos nun andern gehörte, stach aus ihren Augenhöhlen, und ihre schmalen blutlosen Lippen preßte der Neid. Das Alter! Wenn es plötzlich durch die Türe zu ihnen getreten wäre, allen Besitz ihnen abverlangend, steinern und unerbittlich mit einem Schlag seine häßlichen Male glühend in ihren Leib brennend? Aber auf tausend Wegen schleichend, gemischt in jedem Trank, und mit jedem Atem eingesogen, hatte es heimlich sie vergiftet. Alles stand verräterisch in seinen Diensten. Erfüllte Wünsche stumpften, und Sehnsucht verzehrte; Vergessen nahm ihnen Erlebtes, und Erinnern nützte es ab; Leiden und Lächeln, beide gruben häßlich ihre Spuren in ein Antlitz. Schicksale, die man pries, und solche, die man beklagte, seltene und solche, die im Sand verronnen, gleichgiltig schienen sie nun. Nichts waren sie gewesen als bunte täuschende Trachten, in die vermummt, das Alter einen tückisch beschlich. Und in sich dehnenden Nächten lagen sie ohne Schlaf mit offenen Augen, und faßten es nicht: was war ihr Verbrechen gewesen, das solche Strafe über sie herabgerufen? Und sie fanden es. Über ihr Blühen hinaus hatten sie dauern wollen; sie hatten erkannt, daß ihre Jugend zu Ende war, aber sie waren zu mutlos und zu schwach, um – ohne umzublicken – rücklings in dieselben nebelverhüllten dunkeln Meere sich sinken zu lassen, die vordem rätselvoll sie ins Dasein gespült hatten. Dauern wollten sie, leben. Und höhnend ihren Wunsch erfüllend, legte das Leben in die Erfüllung alle Strafe. Und mehr als Strafe. Denn wie in unersättlicher Rachgier bäumten sich, haßerfüllt züngelnd, alle Stunden und nagten an ihrem Besitz; verwehrt war die Flucht vor ihnen; mit dem Fliehenden standen sie still und liefen mit ihm, und sie lösten sich von ihm erst, wenn er durch das immer offene Tor, dorthin floh, wo Zeit und Raum nur leere Namen wurden.

Alles hatte das Alter ihnen genommen, nichts war ihnen geblieben. Und in sich dehnenden schlafentblößten Nächten sahen sie aus hoffnungsleeren Augen in das Dunkel, mit unsichern Fingern staunend sich betastend. Wie trüb zufrierende kühle Lachen fühlten sie ihre Augen in tiefgeschaufelten Gruben; was an den wimperlosen Lidern, langsam sich sammelnd, herabglitt, waren wohl Tränen; für nichts mehr aufgespart, rannen sie unablässig – sie wurden nicht geweint. Und das waren ihre Arme – und das ihr Leib – und das ihre Lippen, nach denen man sich gesehnt – und sie setzten sich auf – um Hilfe wollten sie rufen – aber in widerlichem Schluchzen hörten sie ihre Stimme stöhnen, und sie ließen sich sinken, und schwiegen, und lagen da, wehrlos, entmannt, bespieen mit aller Schmach.

Paul stand auf und trat in den schmalen Seitengang; er bog den Kopf zum Fenster hinaus und ließ sich vom Regen besprühen. Wie der Zug in eine Kurve einbog, sah er den letzten Wagen. Da drinnen lag Georg. Paul dachte daran, wie er ihn zuletzt gesehen. An einem kühlen sonnenlosen Nachmittag; durch das offene Fenster sah er den Regen wie einen unablässig gleitenden grauen Schleier nach unten sinken; Georg hatte dem Fenster den Rücken gewandt, und hell umrandete das Licht seine Wangen, die braun gebrannt von der Sonne waren. Seine Augen waren im Dunkel; aber an den Schläfen und dem Ansatz der Wangen war ein leichter heller Flaum wie auf Früchten, die die Sonne gereift. Voll und ruhig ausschwingend klang Georgs tiefe Stimme, leise umschwirrt von dem laurieselnden Regen, wie von einem fernen Flügelrauschen endlos hinziehender Vogelschwärme. Sie sprachen von fast gleichgiltigen Dingen; aber wenn Georg den Kopf leicht zur Seite wandte, fiel Licht auf seine Lippen. Dann sah Paul die ruhigen gütigen Linien seines Mundes, die er lange kannte. Und gleichgiltige Worte, die Georgs Lippen formten, lösten sich von ihnen, und sanken schwer, vollgesogen von Weisheit und Güte. Und so war Georg gestorben; von Krankheit und Alter nicht qualvoll und schmählich entstellt. Wie eine Mutter, vorsichtig von den Armen der Wärterin, ihr schlafendes Kind empfängt – so hatte ihn, der schlummernd aus den Armen des Lebens glitt, leise, unmerklich, der Tod empfangen.

Glücklich durfte man Georg nennen, wie man die beiden Jünglinge glücklich und Lieblinge der Götter nannte, von denen Paul als Knabe gelesen. Er erinnerte sich an den kühlen Frühlingsmorgen. Er saß nahe vom offenen Fenster, das auf den leeren steingepflasterten Hof des Schulhauses sah. Neben ihm stand ein blasser, schmalbrüstiger Knabe, und mit hoher, unsicherer, müder Stimme las er eintönig, stockend übersetzend: Von den beiden Jünglingen aus Argos. Wie sie hatten, soviel sie bedurften. Wie sie beide Sieger in den Spielen waren. Wie man das Fest der Heere feierte und die Mutter der Jünglinge zum Tempel sollte, und das Rindergespann vom Feld zu kommen säumte. Und wie nun die beiden Jünglinge sich in den Wagen spannten und ihn zogen: und auf dem Wagen saß ihre Mutter. Und wie die Mutter im Tempel vor das Bild der Göttin trat und betete, sie möge ihren Kindern den besten menschlichen Segen zu Teil werden lassen. Und wie die Jünglinge opferten und das Mahl feierten und im Tempel einschliefen; und standen nimmer wieder auf, sondern das war ihres Lebens Ende. Und die Stimme des Lesenden schwoll an, und die schmalen Finger seiner herabhängenden Hand schlossen sich in leichtem Zittern, als er las: ›Da erlangten sie das beste Lebensende, und es zeigten die Götter dadurch an, daß dem Menschen besser sei zu sterben als zu leben.‹

Lange hatte Pauls Gedächtnis das alles aufbewahrt; den kühlen Wind, der damals durchs Fenster kam, und die Blätter seines Buches hob, und die Stimme und die traurigen Augen des Knaben, der später aus der Schule austrat und von dem er nichts wußte – alles das mehr, als die Worte des Buches. Jetzt aber glaubte er, ihren Sinn zu fühlen. Georg! Morgen abend war er schon eingegraben.

Müde setzte sich Paul auf den schmalen Sitz am Fenster. Der Regen hatte aufgehört, aber in den Wipfeln ferner Bäume und über dem breiten grauen Fluß hingen Nebel. Drüben am andern Ufer lagen Dörfer, die sich glichen. Vorne am Ufer feuchte Auen, und dahinter leicht ansteigender Boden; eine blaugrau getünchte Kirche mit zwiebeligem Turm, und rings umher, zwischen Obstbäumen, niedere rote Dächer, weiße Mauern mit kleinen Türen, graue Zäune, und die längste weiße Mauer in jedem Dorf war der Friedhof. Dahinter schwammen im Dunst niedere Hügelketten. Wolkenlos schien der Himmel in seinem gleichmäßigen Grau. Nur weit weg am Rand der Hügel, wo der Regen schon vorübergezogen war, starb das satte Gelb des Abendhimmels in das Dunkel. Georg! Morgen also war er begraben.

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.