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Der Tod Georgs

Richard Beer-Hofmann: Der Tod Georgs - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorRichard Beer-Hofmann
titleDer Tod Georgs
publisherPhilipp Reclam jun.
year2009
isbn978-3-15-009989-6
firstpub1900
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20150825
projectida4f718f7
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II

Die hohen Linden aus dem fremden Garten drängten ihre Zweige hart ans Fenster, und hinter den dünnen roten, von der stechenden Nachmittagssonne durchglühten Vorhängen schien ihr regungsloses Laub ein ehernes Gitter dunkler Herzen. An den zwei andern Fenstern waren die Läden geschlossen. Aus tiefviolettem schwülem Dunkel hob sich nur das Weiß des Tuchs, das zur Hälfte über den Tisch gebreitet war, und Pfauenfedern, die zwischen verstaubten trockenen Gräsern in einem Bauernkrug auf dem Schrank standen, schimmerten hoch oben. Durch die tiefe Stille kam, wie von weither, ein leiser langgezogen wimmernder Ton; Paul horchte auf: – nicht von unten kam der Ton; es war wohl eine Fliege, die im Nebenzimmer schwirrend summte und rasselnd an die Fensterscheiben schlug. Er schob den Stuhl vom Tisch zurück und stand auf. Wie er durchs Zimmer ging, stöhnte die Diele, als wäre lange niemand über sie geschritten. Er kam auch nur mittags herauf. Scheu und verstohlen aß er dann; und daß er essen konnte, empfand er wie schamloses Unrecht an ihr, die unten seit Wochen sterbend lag. Er sah sich um. Nur sein Sessel war vom viereckigen Speisetisch weggerückt; fest angeschlossen standen die andern, und er mußte an ihre schmalen traurigen Finger denken, mit denen sie sich schwankend fortgetastet von Lehne zu Lehne, bis sie auch dazu zu schwach geworden, und er ihren armen Leib, der immer leichter wurde, aus dem Nebenzimmer hereintrug; ans Fenster hin zum großen weidengeflochtenen Lehnstuhl, in dessen roten geblümten Polstern noch der Abdruck ihrer Formen war.

Wie dann die quälend heißen Tage kamen, hatte der Arzt befohlen, daß man sie hinunter in das einzige kühle Zimmer trage, das unten, fast kellerartig, halb versenkt in den Abhang des Hügels war, an dem das Haus lag. Wochen waren seitdem wieder vergangen, und es konnte nur mehr Tage dauern. Er hätte sich an den Gedanken gewöhnen können, daß sie verloren war – so lange wußte er es. In den ersten Tagen des März, am Meer, in Abbazia war sie krank geworden. Er dachte daran, wie er, während im Nebenzimmer die Ärzte berieten, in der Dämmerung an der Glastüre stand, die hinaus auf die Terrasse ging. Dann hatte sich die Tür geöffnet, und ein noch junger Arzt, an dessen vorgebeugte Haltung er sich erinnerte, war herausgetreten. Paul hatte auf ihn zugehen wollen, aber der andere war rascher neben ihm; ›Bleiben Sie‹, hatte er ihm zugeflüstert, ›die Türe ist offen, sie ist mißtrauisch und kann uns beobachten‹. Er hatte stehen bleiben müssen wie vorher, das Gesicht an die Scheiben gedrückt, und neben ihm hatte der junge Arzt gestanden, der, wie er, hinaus auf das Meer blickte und leise, die Lippen kaum bewegend, sprach. Erst hinhaltende beruhigende Worte, von kurzen Pausen unterbrochen, erwartend, daß man ihm eine Erklärung erspare, und dann unvermittelt: daß sie verloren sei. Und wie Paul noch immer schwieg, begann der Arzt eifriger zu sprechen, als fürchte er sein Schweigen: Von der Krankheit; daß die Kranke voraussichtlich wenig Schmerzen leiden würde; und wie er dann den technischen Namen der Krankheit nannte: ›Ein bösartiges Neugebilde‹, schien es Paul, als läge etwas tückisches Haßerfülltes schon im Namen. Und während der Arzt weiter sprach, sah Paul noch immer regungslos hinaus; auf die dunklen dichtlaubigen Lorbeerbüsche, die der weiße Wellenschaum, über die steinerne Brüstung herüber, besprühte, auf den alten gebückten Mann, der vor dem hügeligen Beet kniete und lichte, fast weiße, frühe Veilchen mit Matten deckte, um sie vor dem Nachtfrost zu schützen; auf den Saum der fernen Inseln, der am Abendhimmel rötlich in fließende Wolken rann – und wie die Worte des Arztes, dessen Gesicht er nicht sah, leise und gleichtönig über die kaum bewegten Lippen kamen, schien es ihm, als spräche sie nicht einer neben ihm, sondern als drängen sie von außen durch die Scheiben zu ihm, fühllos und unbarmherzig, von weit her, aus dem frostigen Nebel und der Nacht, die dort drüben über die Inseln fiel.

Seit damals wußte er es; aber wie er wußte, daß er auf einer Erde stand, die wirbelnd im weiten Weltenraum rollte, und es dennoch nicht faßte, er hätte sonst schwindelnd taumeln müssen – so wußte er, daß sie sterben müsse, und faßte es nicht.

Er schritt zum Schrank. Aus einem Fach nahm er eine große Schnur lichtwolkiger Bernsteinperlen, die er tags vorher bei einer Trödlerin gekauft. Vielleicht, daß es ihr noch einen Augenblick Freude machen würde, wie sonst, mit ihren schmalen kraftlosen Fingern spielend über die Perlen zu gleiten. Dann griff er nach einem Buch; es war ein Band von ›Tausend und eine Nacht‹. In diesen letzten Monaten, wo seine Unruhe ihn jedes andere Buch beiseite werfen ließ, war dies das einzige, das er zu lesen vermochte.

Mit klaren ungequälten Augen sahen die Menschen dieses Buches. Runde scharfgeprägte Gefühle von zweifelloser Geltung bewegten sie. Liebe und Neid und Ehrgeiz, Gier nach Reichtum, und der Wunsch nach dem Besitz von wundervollen köstlichen Dingen.

In gewundenen labyrinthischen Wegen lief ihr Leben, mit dem anderer seltsam verkettet. Was einem Irrweg glich, führte ans Ziel; was sich planlos launenhaft zu winden schien, fügte sich in weise entworfene vielverschlungene Formen, wie die künstlich erdachten, goldgewirkten Arabesken auf der weißen Seide der Gebetvorhänge. Kein blindes Geschick schlich hinter ihnen und schlug sie tückisch von rückwärts zu Boden; in weiter Ferne, regungslos, mit unerbittlich offenen Augen, harrte ihr Schicksal ihrer; sie wandelten den Weg zu ihm, wenn sie vor ihm flohen. Wem es bestimmt war, der wurde in Not und niedrig geboren, und mühloser Reichtum fiel ihm in den Schoß; das Schiff, das ihn und seine Habe trug, zerbarst im Sturm aber die Planke, an die er sich gebunden, trugen die Wellen an die Küste, wo Reichtümer – nicht zu ermessen – seiner harrten, und die Prinzessin, die seinen Namen wußte, denn er war der, den die Weisen bei ihrer Geburt als ihren Gatten in den Sternen gelesen.

So schien es, als könne keinem dieser Menschen etwas geschehen, denn jedem ward nur das Schicksal, das ihm bestimmt. Vor dem weisen Fürsten, der sie vor sich gerufen, oder ihren Freunden in schattenkühlen Landhäusern, erzählten sie ihr Leben. Alles Glück und Elend, durch das sie gegangen, flocht sich nun, freude- und trauerlos, ineinander und war nur mehr ein seltsames Geschick, des Aufzeichnens wert. Und was ihnen nach alledem noch bevorstand, war kein häßliches und trauriges Altern; denn eine ewige fruchtreifende Sonne, die keinen Winter kannte, und das Funkeln kostbarer Juwelen, die ihr Besitz waren, und die glühende Jugend schöner jungfräulicher Sklavinnen, die ihrem Herrn sich willig erschlossen, wärmten und durchsonnten die Kühle ihres Alters.

Er schritt zur Türe. ›Ich hatte ein Mädchen, das ich liebte, zur Frau genommen; nach sieben Jahren ward sie krank und starb.‹ Das war wohl alles, was er sagen könnte, wenn er wie die in jenem Buch, sein Leben erzählt hätte; nichts Seltsames, nichts Ungeheures geschah ihm.

Er öffnete die Türe und trat über die Schwelle ins Vorhaus; wie er sich halb wandte, um die Türe zu schließen, starrten auf ihn, aus einem Kranz grüngoldener Wimpern, weit offene metallblaue Augen, die hoch oben im Dunkel des Zimmers schwammen. Er erschrak; aber einen Augenblick nur; dann wußte er, daß es die Pfauenfedern waren, die auf dem Schrank in einem Kruge standen. Er schloß die Türe und schritt langsam die Treppe hinab. Durch ein großes Seitenfenster fiel heißes Licht. Er stützte sich auf das glühende Geländer und sah verloren hinaus. Wo das grellflimmernde Grün der Baumwipfel endete, lag regungslos der spiegelnde See. Die Berge an seinem Saum wuchsen schwarz in seine Tiefe und gipfelten von neuem darin, der sattblaue Himmel lag tief unten und, blitzend, auf dem Grund die weißblendende Sonne. Eine Turmuhr holte stöhnend zum Schlag aus; er zählte: ›Eins – zwei.‹ Um elf Uhr war der Arzt da gewesen, um ihr ein Schlafmittel zu geben, und hatte gemeint, es würde vier bis fünf Stunden lang wirken; so mußte er ja noch nicht hinunter. Er setzte sich auf dem Treppenabsatz nieder und stützte den Kopf in die Hände.

Sieben Jahre! Aber daß er sie kannte, war ja länger her; mehr als acht. Eine Augustnacht in Ischl fiel ihm ein; da war sie in der Dunkelheit an ihm vorübergegangen und hatte ihn gestreift. Er erinnerte sich noch daran; eine Mondnacht nach dem Regen, und der Wind hatte den Duft frischen Heus von den Bergen gebracht. Georg war damals, auf dem Wege nach Heidelberg, bei ihm zu Besuch. Wo war nur Georg jetzt? – Nur wenige Tage später hatte er sie kennengelernt. Ihr Vater, der einige Jahre vorher gestorben war, war Hofrat gewesen. Von der kleinen Pension und den Zinsen von einigen tausend Gulden lebten sie zurückgezogen und sparend. Not war es ja nicht; aber ein fortwährendes knappes Vermeiden ihrer drohenden Nähe, ein ängstlich unschlüssiges Erwägen jeder Ausgabe, und ein Verzicht auf so vieles, was ein wenig freudigen Schimmer über die einförmig graue Reihe der Tage gegossen hätte.

Und ein wenig davon lag in ihrer Erscheinung. Es waren knospende dürftige Formen, die sich verrieten – nicht zeigten; ihre großen braunen Augen sahen, aber es schien, als hätten sie noch nicht blicken gelernt; die Arme konnten wohl tragen und lässig sich biegen, aber nicht umschlingen; unfrei und gebunden schien alles, und doch nach Erlösung sich sehnend.

Wenn er ihr anfangs Blumen brachte, hatte sie ihn oft fragend angesehen: ›Was willst du von mir – meinst du's ernst?‹ Aber was ihn sonst verstimmt hätte, störte ihn hier nicht. Er fühlte auch, daß sie ihn liebte, und es nahm ihm nichts, daß er wußte, sie hätte auch einen andern geliebt, der gekommen wäre, um ihr ein wenig Liebe und Wärme zu geben.

Den Winter war er verreist und hatte nur selten und flüchtig an sie gedacht. Als er aber im Frühjahr nach Wien zurückkam, sehnte er sich, ihr blasses Kindergesicht wiederzusehen. Sie war nicht mehr in Wien. Sie war krank gewesen und früher als sonst mit ihrer Mutter ins Gebirge gereist. In Aussee traf er sie. Im Dämmern stand er ihr gegenüber; am Wiesenhang, zwischen hohen weißen Narzissen, die so dicht wuchsen, daß jeder Schritt die schlanken Stiele zu knicken drohte. Hinter ihr stieß der Saum der Wiese an den lichten Abendhimmel, und scharf grenzten sich von ihm ab die dichtgedrängten duftenden Blumen und ihre schmächtige weiße Gestalt. Lässig stützte sie ihren Arm auf den zu hohen Griff des Schirmes, und wie sie langsam bergab schritt, glitt ihr Umriß vom lichten Himmel ab auf den weißblühenden Wiesenhang, der steil wie eine Wand hinter ihr emporstieg. Fast körperlos schien sie; nur ihr eignes weißes Bild, das sich in fremden Linien von den Blüten und Stengelgewirr der narzissenübersäten Tapete hob. Vom Rand des Waldes, wo unter dichtem Gestrüpp, das die Sonne nicht durchdrang, auf braunem moderndem Laub noch ungeschmolzen der Schnee des Winters lag, kam ein leichter kühlender Wind, daß sie fröstelnd die Schultern in die Höhe zog. Da hatte er den Arm um sie gelegt und gewußt, daß er sie liebhatte, wie man die Dinge liebhat, denen man Sehnsucht und Glück und Schicksal zu sein vermag. Er hatte sie geheiratet. Ihre Mutter war bei ihnen geblieben, und es schien, als würde sie wieder jung, da sie ihr Kind sorglos und glücklich sah. Die traurigen harten Linien, die freudloses Leben und abwehrender Hochmut um ihren Mund gelegt, glätteten sich, und ihr vergrämtes Gesicht ward wieder fast schön und voll Güte.

Als nach einem halben Jahre die Mutter starb, fühlte er, wie nun auch die Liebe, mit der sie an der Mutter gehangen, ihm zufiel. Aber es quälte ihn, daß er sie so anders wußte, als er selbst war.

Schlicht und festgebettet lag ihre Seele in dem, was man sie gelehrt und was sie von Jugend auf um sich gesehen. Oft nur mit einem Lächeln und dann wieder mit scheinbar spielenden klugen Worten rührte er an dem, was ihr unantastbar geschienen. Er nahm ihr den Glauben an einen gütigen Gott, der ihr Schicksal lenkte, und ließ ihr nichts als verzehrende Sehnsucht nach Glauben; wo sie frei und ahnungslos auf sicherem Boden geschritten war, ließ er sie auf die dunkeln gurgelnden Wasser des Abgrunds unter ihr horchen und lehrte sie, in ihr eignes Leben mit Zweifel und fragenden Augen zu sehen. Was ihr armer kindlicher Sinn als seinen unveränderlichen edlen Besitz erachtet, hatte sie ihm gläubig emporgereicht; und wie seine kalten prüfenden Finger es ans Licht hielten, war aller Glanz erloschen, und was ihr ewig leuchtend erschienen, war nur stumpfes farbiges Glas.

Aber je mehr er ihr nahm, desto mehr ward sie sein. Leer und haltlos sank sie ihm zu, denn an ihn glaubte sie, als wüchse ihm die Kraft und Tugend aller Dinge zu, die er zerstörte und die schwächer waren als sein Wort. Wenn sie an ihn geschmiegt horchend dasaß und mit traurigen hungernden Augen zu ihm aufsah, fühlte er, daß er ihr etwas zu geben schulde für das, was er ihr genommen. Und er gab es. Er zeigte ihr die Schönheit alltäglicher Dinge, an der sie achtlos vorübergegangen. Wie schön das Kommen und Gehen jedes Tages und jeder Nacht war, wie Schönheit in dem Weg der Tränen über blasse vergrämte Wangen lag und ein lachendes lebensfrohes Glück in den seelenlos wässerigen Augen junger spielender Tiere. Wie der feuchte Abendwind über zerzaustes Haar von armen Bettelkindern strich, war schön – und sie begriff, daß es nicht nur Schönheit gab, die auf ererbten Thronen prunkend saß und der alles opferte, sondern daß um uns, so weit wir sahen, Throne leer standen, harrend der Schönheit, die jeder Augenblick neu gebar. Er las auch viele Bücher mit ihr, und sie reisten viel. Fremd und flüchtig wäre sonst vieles von ihr abgeglitten; aber leer wie sie war, nahmen alle ihre Sinne es gierig auf und durchtränkten sich mit neuem Wissen und neuem Schauen.

Wenn sie von längst vergangenen Taten gelesen, die golden und blutig aus fernem Dunkel herüberleuchteten, schien ihr Schritt kühn und herrisch, wie sonst nie, und ihre Stimme klang voll und tief, wie bebendes Metall. Wie trunken von allzuvielem lehnte sie sich an ihn, wenn sie aus hohen kühlen Sälen, die die Herrlichkeit gewesener Zeiten bargen, hinaus in die helle Herbstessonne traten. Von den Bildern von Frauen, deren große Schönheit fast quälende Unruhe gab, war unbewußt auf ihre Lippen das fremde Lächeln jener geglitten. Sie ahnte auch nicht, daß eine vorher nicht gekannte Sehnsucht nach ernstem feierlichem Insichsinnen ihr von Bildern kam, auf denen blaugrün dämmerndes Wipfellaub, im feuchten Winde rauschend, über den Bach sich neigte, dessen Wasser felsiges Gestein weiß überschäumten und dann, immer ruhiger verrinnend, dunkel dahinglitten.

Er fühlte es, daß er weniger litt, seitdem sie neben ihm lebte, und er begriff es, wenn er an seine eigene Jugend dachte.

Abseits von andern Kindern war er aufgewachsen, zwischen hohen und vornehmen Büchern, die er liebte, bevor er in ihnen zu lesen verstand. Oft war er heimlich in der Dämmerung zu ihnen geschlichen; die goldenen Pressungen schimmerten, und leise spielend zog er an den breiten verschossenen Seidenbändern, bis ein altmodisch gefalteter Brief aus den Büchern glitt, oder eine trockene Blüte, die ganz weiß und durchsichtig war, mit dünnen feinverästelten Adern, wie die gütige streichelnde Hand seiner Großmutter.

Später dann las er oft in alten Schriften, in denen von Menschen und Dingen stand, die lang vor ihm gewesen. Und immer wieder kehrte er zu ihnen zurück, und am meisten, wenn der Winter zu Ende ging und er zu den Großeltern hinaus aufs Gut zog. Tagsüber trieb es ihn dann, über die hartgefrorenen Felder zu schreiten, tiefatmend den lauen unruhigen Frühlingswinden entgegen. Über seine offenen Lippen strichen sie und trockneten seine Kehle, bis er von den schwarzen dürren Asten der Bäume am Feldrain einen Eiszapfen brach und durstig an ihm sog. Wenn er spät am Nachmittag heimkam, trug er ans offene Fenster den schweren samtenen Lehnstuhl und kniete darin, den Kopf in die Hände gestützt, vor sich auf dem bröckelnden Fenstersims ein altes Buch, dessen gelbliche rauhe Blätter der Wind manchmal lispelnd hob. Hinter den schneefreien schwarzen und braunen Ackerstreifen, die von ihm weg zum Horizonte immer schmäler liefen, versank die Sonne, und er merkte es erst, wenn die schweren altertümlichen Buchstaben vor ihm rötlich ineinander schwammen und die kalte Abendluft durch sein dichtes Haar sich tastend wühlte. Dann sah er auf.

Bis an die niedere Hügelwelle, die den Ausblick sperrte, dehnte sich ein heller wolkenleerer Himmel, dessen kaltes Gelb langsam erlosch. Nur die noch gefrorenen schmalen Lachen zwischen den aufgeworfenen Ackerschollen glitzerten ein wenig, und in schwarzen Umrissen, die immer schattenhafter wurden, schied sich vom Himmel ein Bauer, gebückt hinter dem Pflug schreitend, den ein Ackergaul mit Mühe zog.

Weit über das Buch hinaus, gingen dann seine Gedanken. Er kannte den Bauer schon nicht mehr, der dort dem Nachbardorf in der Niederung zuschritt; und wie der, waren ihm die andern Menschen in der Stadt drin fremd, zwischen denen er lebte. Und er wußte: Rings um ihn, und auch weit von ihm, durch Flüsse und Meere getrennt, waren Städte mit unruhigem Gewühl von Menschen bis an den Rand gefüllt, und überallhin gesät Menschen, die mit ihm zugleich diese Erde traten. Nichts wußte er von ihnen; von vielen und vielen nur einen Namen, der sie als Volk zusammenfaßte, der bedeutungsleer an sein Ohr schlug, und auch das nicht von allen. Dann waren die andern wenigen, die neben ihm lebten. Er hörte, wie sie zu ihm sprachen, und sah, wie ihr Gesicht sich veränderte; manchmal meinte er auch zu ahnen, was sie empfanden. Aber sie waren zu nahe; hart vor seinen Augen sah er nur das Wirrsal ihrer kleinen Geschehnisse – nicht wie ihr Schicksal sich groß und unerbittlich daraus formte. Dann waren jene vielen, von denen er gelesen.

Ihr Schicksal kannte er. Aus Zeiten, wo lächelnde Götter herabstiegen und aus Menschentöchtern sich Söhne zeugten, klangen ihre Namen: Helden, in Rätseln empfangen und in Wundern geboren; und andere wieder, die, aus ahnenlosem Dunkel gelassen emporsteigend, mit leichtem Wink sich olympische Tore sprengten.

Breit und rauschend wie ein uferloses Meer rollte ihr Leben an ihn heran, wenn das Leben derer um ihn an seichten versandenden Ufern zu ebben schien. Wenn er sprach, meinte er das Antlitz seiner Worte zu sehen, die der mühevolle Dienst des Alltags verzerrt und kraftlos und niedrig gemacht. Aber tot und verklärt und entrückt allem unedlen Dienen war die Sprache, in der von jenen Helden geschrieben stand; sie redete nicht von Geschehenem, sie war Magie, die es heraufbeschwor.

In anderer Menschen Gedächtnis lag das Wissen von diesen Dingen wie das Korn in trockenen Speichern; wie in tief gepflügtes feuchtes Erdreich war es in ihn gefallen und sog, aufwuchernd, alle Kraft aus ihm. Nicht wie ein Wissen von Geschehenem empfand er es; es war sein Eigen wie seine Träume und, wie diese, mehr sein wahres Leben als das, das er lebte. Er faßte es nicht, daß es gewesen, und er haßte alle, die in selbstverständlichem Begreifen, unerschauernd, an dem Wunder vorüberschritten, das sie Zeit nannten. Gewesen durfte er es nennen, weil er noch nicht geboren, als es geschah? Und übermütig in der Kraft des Seins prahlten die Dinge um ihn, nur weil ihr Leben und das seine einen Augenblick sich begegnet? Und in grenzenloses ewiges Quellen durfte er, krämerhaft ordnend, seine Hand legen und, ein bestochener Richter, allem ein Urteil sprechen? Das war sagen, weil es ihm nicht gegönnt es zu sehen, und es ist sprechen, weil es mit ihm geboren? Was Macht besaß, an seine Seele zu rühren, das lebte, wenn es vielleicht auch nur wie langwanderndes Licht von fernen längst erloschenen Sternen ihn traf. Er sprach nicht davon wie von gewesener Herrlichkeit, und wie man von Toten spricht, die man geliebt: Mit Sehnsucht und Mitleid und vielem Erinnern. Ihm lebte es, und er dachte daran wie an den Mund seiner Geliebten; wie an lebendige Lippen, die er heute geküßt und morgen wieder küssen durfte.

Mit arkadischen Hirten trieb er die Herden zu Tal, auf schwerbeladenen bauchigen Galeeren horchte er des Nachts auf milesische Märchen, und er betete in Tempeln, die niemand ihm zerstört.

In Syrien stand einer, in Hierapolis, auf hohem Felsen, der die Stadt überhing, zweifach von hohen Mauern umringt. Er schien nicht wie die andern Tempel aus behauenen Steinen erbaut, die Menschen auf flacher Erde geschichtet; feierlich und langsam aus der Erde wachsend, lag er hoch über der Stadt, und überhing die dunkle Kluft, aus der rastlose Dünste quollen: Finster geballte Wolken am Tag, und nachts leuchtender Qualm.

Aus dem glühenden gelben Boden der Ebene, in den die Sonne klaffende Risse gesprengt, stieg ernst der graue Stein; aus dem tiefen Innern der Erde kommend, fremd dem flüchtig rieselnden Sand und dem bröckelnden Lehm, den Wasser und Wind an ihn geschwemmt und geweht. Ungeheure Blöcke schoben sich dann übereinander, wie von den verrinnenden Wassern sagenhafter Fluten zurückgelassen; darüber Steine, zu zyklopischen Mauern gefügt, und darüber andere, nur roh und dürftig behauen, als wäre die Kraft der Menschen erlahmt, dem harten Stein beherrschtere Form zu geben.

Viele Menschen hatten sie viele Jahre lang aus der Ebene den Hang des Felsens emporgeschleppt; ein jeder nur einen Schritt weit, dann nahm der nächste den Stein und wälzte ihn keuchend dem nächsten zu. Im Bezirk von wenigen Schritten lebte ein jeder sein Leben. An der Stelle, wo er tagsüber stand, lag er in der Nacht. Unter der Last des ermüdeten Leibes höhlte sich der Boden an der Stelle, wo sie ruhten, immer tiefer mit den Jahren, und die ganz Alten lagen des Nachts wie in Gräbern; ihre stumpfgewordenen Augen sahen neben sich die Wände der Grube, über sich das Stückchen des gestirnten Himmels, das sie seit Jahren kannten, und zwischen den grauen Stämmen der Terebinthen auf der Höhe des Felsens, umraucht von den glühenden Dämpfen der Kluft, die Mauerterrassen, die sie dem Tempel bauten, den keiner von ihnen mehr schauen würde.

Andere waren nach ihnen gekommen; auf schon geebneten Wegen schritten die, neben jungen Rindern, die auf bekränztem Wagen glatte Quadern zogen: Granit von Syene und den Porphyr des claudianischen Bergs, den in den Werkstätten jonischer Meister Gesellen, bei heiterem Gesang, im Takt zurechtgehauen und geglättet.

Viele Bilder umstanden den Tempel. Unförmliche aus schwarzem Stein, die vor langer Zeit in wundererfüllten Frühlingsnächten das Meer selbst von weither an den Sand der Ufer gebracht, und andere, künstlich geschaffen von Menschen, die ihren Namen in den Sockel gemeißelt. Von sich hatten die geredet in den Bildern der Götter. Heilige halbvergessene Lieder, die man ihrer Kindheit gesungen, erhoben sich zitternd in ihnen, als sie jene Bilder schufen mehr in frommem Erinnern an die Mutter als in Frömmigkeit gegen Götter. Von ihrer Liebe ließen sie den Marmor reden; von weißen errötenden Brüsten, nach denen man goldene Opferschalen als Weihegeschenk geformt, und von schlanken jugendduftenden Leibern, die ihnen verwirrenden Taumel gaben, wenn sie in fast schmerzlicher Umschlingung sie umflochten – und Andacht, wenn sie matt, gelöst vom Schlummer, neben ihnen atmend ruhten. In den Stein gruben sie mit gepreßten Lippen die quälend starrenden Zweifel endloser schlafentblößter Nächte. Lauter als in ihnen die Angst des Lebens schrie, und die Angst des Todes, sollten ihre Hämmer und Meißel an den Stein schlagen; und sie schufen – wie Kinder, geängstigt, mit bangen Stimmen im Dunkel singen.

Alles luden sie dem Stein auf und zwängten es in ihn; und auch die Wollust, daß sie dies vermochten. Die unförmliche Masse, die zermalmend schwer und widerspenstig ihren Werkzeugen vor ihnen lag, zwangen sie, in müheloser Schönheit, ihr Sprecher zu sein zu solchen, die nach ihnen kamen. Über ihr eigenes Leben hinaus ihre Macht zu weiten, schaffend den Marmor zum Verweser ihrer Herrschaft zu bestellen, daß er noch in kommenden Tagen an Seelen zu rühren vermöchte, wenn die ihre längst entflattert, gab so viel Glück – daß es schien, als wäre dem Leiden aller Stachel gestumpft und selbst der Tod um seinen Sieg betrogen.

So war der Tempel gebaut. Aus dem dumpfen mühebelasteten Leben vieler, das, unbesonnen von ihnen selbst, an den Mauern des Tempels langsam versickert war; aus der Arbeit anderer, die in heiter zufriedener Leere den Feierabend nach dem Werktag hinnahmen, das Alter nach der Jugend, und nach dem Leben den Tod; unruhig irrende Seelen, deren Schaffen vielleicht Gebet war und vielleicht ein Freveln, hatten ihn geschmückt.

Nichts hatte er gemein mit den ärmlichen Göttern, die, aus dem Holz der Feige und Buche dürftig geschnitzt, im Staube schmaler Karrenwege fast bettelnd standen, mühsam ihr Gottum fristend von der Andacht der Arbeiter am Felde, und von dem flüchtigen Gebet, das Reisende – wie ein Almosen – aus Gewohnheit ihnen gaben. Mit Gold waren seine Säulen umkleidet, und trugen ein Dach von purem Gold – die Spende vieler Jungfrauen und Knaben, die in den heiligen Hainen der Küste, fromm der Göttin dienend, fremden ans Land gestiegenen Männern Lust gegeben.

Weithin sandte das Dach seinen Glanz. Wallfahrer, die zur Zeit des Frühlingsfestes von ferne kamen, ersehnten seinen Anblick. Von dem nackten steinstarrenden Boden, auf dem sie, Gelübden folgend, viele Nächte schliefen, der ihre bloßen Füße tagsüber wund stieß und glühend sengte und nachts im Frost erstarren ließ – erhoben sie sich viele Morgen, immer hoffend, daß sie noch heute den Tempel sehen würden. Und wenn dann durch die Wolke aufgewirbelten Staubes – so dicht, daß sie, die vor ihnen schritten, nicht erkannten – von weither ein Glanz und ein Blitzen brach, wagten sie nicht zu jubeln. War es das Dach des Tempels, den sie erhofften, oder waren es ungezählte Scharen, die mit funkelnden Schildern und Waffen auf den Höhen in der Sonne lagerten?

In den steinernen Häusern und lehmgebackenen Hütten der heiligen Stadt und in rasch aufgeschlagenen Zelten waren sie die Nacht vor dem Feste wach. Haupt und Brauen hatten sie geschoren, und weißes noch ungebrauchtes pelusinisches Linnen glitt kühl und weich in weiten Falten um ihren fiebernd heißen Leib, auf dem dreifach Müdigkeit lag: Die des mühevollen Wegs, die Wehrlosigkeit des Schläferns und die zärtliche Mattigkeit nach dem Bad in weiten ehernen Becken, über deren Rand aus der Erde quellendes heißes Wasser sprudelnd fiel.

Aber aus ihrer Ermattung wuchs eine bebende Unruhe ihres Blutes; wie sich nach Umarmungen, aus süßer traumseliger Schlaffheit, das Sehnen nach neuen Umarmungen heiß zuckend hebt. Jäh erweckt waren alle Sinne und harrten aufgerichtet der Verheißung des morgigen Tages entgegen. Von den blühenden Frühlingswiesen der Berge kam ein leichter Wind, zu schwach, um die goldbestickten edelsteinschweren Fahnen zu schaukeln, die man vor den Zelten in den Boden gerammt; aber die Wachenden fühlten ihn. Wie er ihr Gewand bauschend hob und dann wieder das weiche Linnen an ihren glühenden Leib fallen ließ, schlossen sie schweratmend die Augen – und mit zitternden Nüstern und Lenden, die sich ihm willig entgegenhoben, gaben sie sich dem spielenden Streicheln des Windes hin, wie einem Liebkosen.

Geschieden durch den dichten Nebel der Frühlingsnacht von allen, die um seinetwillen gekommen, war der Tempel. Wenn unter dem milchweiß quellenden Wolkengewoge die Stadt noch im Dunkel versank, tauchte der Tempel schon vor dem Aufgehen der Sonne, in die nüchtern-gerechte Helle des frühen Morgens. Scharf umrissen, schattenlos, und ohne die Lügen des warmen Tageslichts, erkannte man ihn.

Aus dem nebelverhüllten Gewirr der Häuser der Stadt, wand er – kaum mit dem Fuß sie streifend – sich los. Mit dem Felsen ringend, bis der Stein ihm zu Willen sich fügte, ballte und türmte er drohend die Quadern zu einer Burg gegen die Götter. Zweimal schien er noch – auf breiten marmornen Terrassen sich sammelnd – in seinem Ansturm zu rasten, dann warf er, steil aufschießend, die Reihen seiner goldumpanzerten Säulen nach oben. Im Osten rissen die Nebel; und der goldene Spiegel des Daches fing die blitzenden Feuer der Strahlen und schleuderte sie lichtschmetternd zurück in die Wolken – einen einzigen leuchtenden fordernden Schrei zu den Göttern!

Tiefes veilchenfarbenes Dunkel war im Innersten des Tempels.

Umstanden von goldenen Götterbildern, saß auf löwenbespanntem Wagen die große Göttin, behängt mit edeln Steinen, die Mauerkrone auf dem Haupt. Wenn nachts der Glanz der wasserblauen und feuerfarbenen Juwelen ihres Schmucks schlummernd erlosch, gab ein nichtgekannter Stein ihrer Krone dem Tempel Helle. Die offenen Augen der Göttin sahen in die Augen dessen, der ihr nahen durfte, und folgten ihm unverwandt durch den Raum, wohin er sich auch wandte.

Roterglühende Räucherbecken, auf der Schwelle zum Allerheiligsten in gedoppelte Reihe gedrängt, schieden die Göttin von der Menge der Betenden. Wie Schlangen aus den Körben der Gaukler hob sich ringelnd graublauer Weihrauch mit leisem Zischen aus dem Becken, flachte sich zu breiten Bändern und wand sich, wiegend wie verschleierte Hüften gaditanischer Tänzerinnen, nach oben. Betäubend und süß war der Duft. Wer nur durch den Tempel geschritten, nahm ihn in seinen Feierkleidern mit in die Heimat. Aus selten geöffneten Laden stieg dann an Festtagen sein Hauch, und die Leichname armer abgemühter Menschen hüllte man in Sterbekleider, die noch erfüllt waren von der duftenden Weihe des einzigen großen Festes. Die das Räucherwerk tagsvorher an die Priester verhandelt – die Kaufleute erkannten es nicht wieder. Sie wußten: Was sich dort auf der Glut knisternd verzehrte – noch vor Stunden hatten sie es anpreisend durch ihre Finger gleiten lassen: Narden aus Gedrosien und kostbares grünliches Harz den Stämmen sabäischer Myrrhen freiwillig entquollen; aber fremd und ihrer Macht entwachsen kam es ihnen zurück. Ein Rauchopfer den Göttern, war es in der Flamme gestorben und schwamm nun in bläulich sich lösender Wolke über den Betern; es mischte sich mit ihrem Atem und schwebte goldbewegte Wände entlang, die so oft von heiligen Rufen und leisen bittenden Worten erklungen, bis ihr Widerhall das Murmeln der Gebete weihevoller wiedergab, als er es empfangen. So sank über sie der Duft des Weihrauchs, beladen mit der Andacht vieler, und gebietend die zur Andacht rufend, deren Ware er gewesen.

Mit mächtigen lautlos gleitenden Flügeln öffneten sich Tore in den Vorhof. Ein See lag darin. Mit grünlichem Marmor war sein Becken ausgeschlagen, so weit man in die Tiefe sah, und um ihn herum zwischen steinernen Säulengängen und den gemauerten Zellen der Priester lebten heilige Tiere, von denen alle Wildheit gewichen.

Löwen, die man aus den Höhlen des Hermon geraubt, lagen träge sich sonnend, mit lässig gekrümmten Pranken am Rande des Sees, rastlos wandernde Bären strichen im Schatten der Gänge, und weit weg an der äußersten Tempelmauer, die das dunkel glänzende Laub roterblühter Lorbeerrosen überhing, weideten medische Pferde, die man aus der Ebene Nesaion hieher gebracht. Klirrend schleiften auf dem grünlichen Marmorrande die goldenen Ketten der Adler – viel mehr ein Schmuck, den Schrittkettchen chaldäischer Frauen gleichend, als Fesseln. Manchmal breiteten sie, wie prüfend, das unverschnittene Gefieder ihrer goldbraunen und rostroten Schwingen – dann standen sie wieder still; und über den entschlossenen hakig überkrümmten Schnäbeln leuchteten honigfarben ihre Augen, ernster und bewußter als die der anderen Tiere.

Mit trägfächelnden Flossen glitten große Goldschleie durch das Wasser. Den größten hatte man, vor urdenklichen Zeiten, Zierate durch die Flossen des Rückens gebohrt. Weißgewandete Priester warfen ihnen des Morgens ihr Futter und riefen sie mit fremdklingenden Worten einer Sprache, die lange gestorben war. Nichts war von ihr geblieben als die lockenden Worte, die, unverstanden, Priester einander überliefert – die letzten, die darauf hörten, waren rotglänzende Fische, die mit feisten Rücken, die aus dem Wasser ragten, und schnappenden, rosenrot bebarteten Lippen sich ans Ufer drängten, und dann satt sich sinken ließen, bis sie nur mehr wie große Blutstropfen aus der dunklen Tiefe schimmerten.

Inmitten des Sees ragte ein steinerner Altar aus dem Wasser, nicht auf einem Sockel ruhend und von keinen Stufen umgeben. Zu ihm hin schwammen freiwillig morgens und abends Andächtige, ihn zu bekränzen. Üppige Gewinde weißer Levkojen lagen für sie bereitet auf den Fliesen, und daneben harrten am Abend des Festes Priester, die alle einander glichen. Blaupurpurne Binden, die ihre Stirne zweifach umgürteten, hielten Locken von blondem Frauenhaar fest, die dichtgewickelt und überreich auf Brust und Nacken fielen; schwarzgemalte Brauen und Wimpern umrahmten die glanzlosen Augen, und in dem bartlosen weißen Gesicht klafften, wie eine blutige Wunde, geschminkte Lippen, zu immerwährendem Lächeln geschürzt.

Anderer Menschen Haar durfte sich lichten und verbleichen; ihre Augen, müde des vielen Gesehenen, durften wünscheleer blicken, und ihre Lippen, welk von unnützen Worten, mutlos sich sinken lassen. Aber, die der Göttin dienten, durften nicht altern. Von der Nacht an, da sie als Jünglinge blutig der Göttin sich geweiht, bis zu dem fröstelnden Morgendämmern, an dem man sie – die Füße voran – hinaustrug aus dem Tempelbezirk, blieb ihr Antlitz das gleiche. Wenn sie betend ihre Hände breiteten, fielen die weiten Ärmel zurück; über die rundlichen weißen Arme war blau ein Netz von Adern gemalt und an den unberingten schlaffen Fingern glänzten Nägel wie matter Onyx. Wenn sie stillstanden, schienen ihre großen Gestalten voll ruhender männlicher Kraft; aber wenn sie lässig sich wiegend schritten, ahnte man unter den Falten ihrer Gewänder einen Körper, biegsam und gefügig wie der eines Weibes. Fremd war ihnen der starke Drang geworden, der Männer und Frauen zueinander trieb, paarte, und der, sich erfüllend, in ihnen starb. Unerfüllbar und unersättlich rann heiß in ihnen ein träges Schmachten. Ganz war ihr Leib der Göttin und ihrem Dienst geweiht, mit allem Lust zu geben und Lust zu empfangen, hatte man sie gelehrt; und daß dann noch ihre untätigen Hände auch hielten und trugen, ihre Füße schritten, über ihre Lippen auch Speise und Trank glitt, schien ihnen fast Frevel. Um den Sockel der inneren Tempelmauer lief, in Stein gehauen, ein Fries; Männer und Frauen und Tiere gatteten sich in unerhörten Verschlingungen; Giganten, in Schlangenleiber endend, ringelten sich um Kentaurinnen; von einem Lust empfangend, einem anderen sie gebend, wand sich der Kreis von Gestalten, in sich zurückkehrend, einem Kranz gleich, um den Tempel. Jenen Bildern nacheifernd, quälten die Priester in schmerzenden Übungen ihren Leib, bis er allen Launen sich zu schmiegen verstand. Geschickt wie Hände wußten ihre Füße zu halten und zu greifen, mit feinem Bimsstein war die Haut ihrer Fingerspitzen dünn gerieben, daß sie alles stärker empfänden: Den pfirsichgleichen Flaum an Frauenhüften und die hart sich ballenden Muskeln der Männer; in ihren Lippen war Kraft, unentrinnbar festzuhalten, was sie saugend erfaßt, und flüchtig wie ein lauer Wind vermochten die langen Wimpern ihrer Lider über weiße erschauernde Schultern zu streicheln.

Mit leichten kaum fühlbaren Fingern lösten sie denen, die gekommen waren, den Altar zu bekränzen, die Binden und Spangen ihrer Gewänder, bis sie nackt dastanden. Um die Leiber der Jungfrauen legten sie die Gewinde weißer Levkojen, und auf den Häuptern der Jünglinge ruhten, mit Riemen festgeschnallt, silberne Becken, gefüllt mit Kassia und Bedellion. Von dem steilen Marmorrande ließen sich die in die Flut gleiten und schwammen dem Altar zu; keine Stelle war um ihn, auf der sie fußen konnten. Langsam umschwammen ihn die Jungfrauen; die Kränze von ihrem Leib abspinnend, umwanden sie den Altar; die Jünglinge, mit halbem Leib aus dem Wasser sich hebend, griffen nach dem Räucherwerk in den Becken und warfen es mit vollen Händen über den Altar hin, auf dem die Flamme, fast unsichtbar im Tageslicht, blaß züngelte.

An den mattglänzenden Leibern der Jünglinge, die Salbemeister künstlich gebräunt, haftete kein Wasser. In großen Tropfen rollte es an ihnen herab, wenn sie, mit gefleckten Fellen sich trocknend, am Ufer standen. Umringt von den Priestern, schritten sie dann dem rückwärtigen Tore zu, um auf der Wiese außerhalb der Mauern die Scheiterhaufen für das Fest zu schichten.

Draußen, zu jeder Seite des Tores, war ein Phallus aus rötlichem Sandstein errichtet. Drei Männer vermochten sie nicht an der Wurzel zu umspannen, und die zinnobergemalten Kuppen überragten das Tempeldach. Reichgewässert breitete sich die Wiese bis an die dampfende Kluft. Hochwucherndes Gras verbarg fast die tiefblauen Trauben wildwachsender Hyazinthen, und nur gelbe rotgeflammte Tulpen mit zerfetzten Rändern loderten auf hohen Stielen aus dem dunklen Grün. Die Sonne stand tief, und lang sich streckend fielen die Schatten der Schreitenden über die Wiese den Abhang hinab. Über harzigen Scheitern und ganzen noch nicht entasteten Bäumen schichteten sie die Geschenke. Schilde mit silbernen Buckeln lehnten an rotbauchigen Mischkrügen; kupferne Schalen waren mit Getreide gefüllt, und grüne weidengeflochtene Körbe, in denen man Früchte von weither gebracht, gossen stürzend ihren Inhalt aus. Ziegen mit überreich geschwellten Eutern, Hirschkälber mit vergoldetem Geweih, hatte man lebend an die Aste gebunden; ihre scharrenden Füße verfingen sich in durchsichtigen Gewändern, so reich mit goldenen Zieraten bestickt, daß die Schultern der Frauen unter der Last der dünnen Schleier ermattet gesunken waren.

Mit dem farblosen Himmel, an dem wie ein blasses Wölkchen die Mondsichel hing, verschwammen fast in eins die weißen Hüllen der Priester; den Götterbildern, die auf steinernen Sockeln den Tempel umstanden, glichen die Jünglinge. Wenn sie, mit aufrechtem Nacken Schweres tragend, rastend standen, oder, über die Geschenke sich neigend, mit hocherhobenem Arm Öl aus einhenkligen Kannen gossen, schienen ihre mattglänzenden Leiber selbst Weihgeschenke aus dunklerem delischem Erz.

Gedämpft drang ein Ruf von Stierhörnern aus dem Tempel; wie man die Tore aufstieß, ward er lauter, schwoll zitternd an, und brach ab. Das Brüllen der Tiere im Vorhof antwortete. Dann quoll die Menge der Betenden aus dem Tempel, preßte sich stauend durch die enge Pforte der Mauer und überwogte die Wiese, daß unter den Tritten die safttrunkenen Stengel der Blumen knirschend brachen. Langgezogen hallte ein neuer Ruf von Stierhörnern aus dem Tale. Die steile Straße zum Tempel herauf wand sich der Zug, der das Wunderbild, von der Wallfahrt ans Meer, zum Heiligtum zurücktrug. Voran Knaben mit blühenden Zweigen und entzündeten Fackeln, dann keuchend mit schweißbedeckten Stirnen in schwerem Schritt die Träger; auf ihren wundgedrückten Schultern unter krokusfarbenem Baldachin schwankte das Wunderbild, verhüllt bis an den Scheitel, über dem eine goldene Taube die Flügel schlug. Der Zug erklomm den Wiesenhang und wühlte sich durch die lautlose Menge bis zu den Priestern, die in weitem Kreis den Scheiterhaufen vor den Phallen umstanden. Dort setzten sie das Bild zu Boden. Die Knaben löschten die Fackeln; ihre Blütenzweige warfen sie über die Scheiter, banden an ihrem Haupt die Doppelflöten fest, und standen still. Die Kuppen der Phallen hatten Priester erklommen; regungslos schauten sie gegen Untergang und erwarteten den Abendstern. Und zum drittenmal aus gekrümmten Hörnern ein lautstöhnender Ruf; er kam von der Höhe der Phallen, wuchs schwellend an bis zum Zerspringen, und verklang in den Wirbeln der Pauken. Brausend rauschte eine Wolke weißer heiliger Tauben auf, und, geschleudert von den Priestern auf den Phallen, flog zischend in weitem Bogen eine entzündete Fackel in die ölgetränkten Scheiter – der Abend war da.

Schrille Knabenstimmen setzten jetzt ein; weicher und schmachtender schmiegte sich an sie das Spiel lydischer Flöten, alle Sehnsucht aus dem Innern süß emporsaugend. Enggepreßt stand die Menge; die Äußersten waren hart an die gemauerte Brustwehr über dem Abgrund gedrängt, aus dem in kurzen Stößen leuchtender Dampf quoll.

Der Duft zertretener Hyazinthen stieg betäubend zwischen ihnen empor. Wange an Wange standen sie schweratmend da, sengend traf sie der heiße Hauch der Lippen, und aus fremden nahen Augen sah ihr eigenes Antlitz sie an.

Wissender und ahnender als die einzelnen war die Menge. Die tiefe inbrünstige Andacht des Tages hatte sie zusammengeballt und eins werden lassen; was kein einzelner ahnte, war unbewußt im Fühlen aller. Was trieb sie denn barfuß durch den Staub der Straßen und die steinstarrenden Wege der Gebirge zum Tempel hin, was drängte sie gebietend weg von der Gewohnheit ihres Lebens; Wasserträger von ihrem ärmlichen Erwerb, und Herren von Sklavenherden von ihrem festlichen wünscheverarmten Leben? Fühlen wollten sie – endlich ihr Leben fühlen; den Kreis gleichverrinnender Tage, in den es gebannt, sprengen, und – wie sie die eingeborenen tiefen Schauer vor dem Tode kannten – die schlummernde Lust des Lebendigseins jubelnd wecken. Und die Andacht des Gebetes gab ihnen diese Lust, wenn sie reich in weitendem Überströmen sich an die Gottheit zu verschenken vermochten; und die Wollust gab sie ihnen; wenn ihr eigenes Leben in fremdes drang und sie, eins mit einander, vom gleichen Becher trinkend gleichzeitig trunken, über ihr Leben hinaus in kommende Zeiten, vereint den Samen neuen Lebens warfen.

Ein Weib schrie auf. Auf dem weichen selten zerwühlten Lager ihres Gemachs hatte sie mit gepreßten Knien von ihm geträumt, und bei festlichen Mahlen an ihn gedacht, wenn sie den schalrieselnden Worten von Weisheitslehren lächelnd zu horchen schien; – und nun sah sie ihn. Sie wußte nichts von ihm, wer er war, ob er ihre Sprache sprach: nur sein Haupt und die Schultern sah sie; die Augen waren das, nach denen sie sich gesehnt, und der Mund, den sie wollte, haben wollte; und sie schrie auf und wühlte sich mit krallenden Fingern den Weg zu ihm, die Augen auf ihn gerichtet.

Ein leichtes Zittern lief über die Menge. Schweigend harrten sie des Verheißenen; so dicht gedrängt, daß goldener Schmuck sich schmerzend in anderer Fleisch bohrte; weiche halb geöffnete Lippen rührten an ihren Nacken, und neben sich fühlten sie durch ihr dünnes Gewand, wie es heiß an sie heranschwoll. Von den brennenden Scheitern her wehte es glühend; wie aus schmerzenden Kehlen stieg gepreßt der Gesang der Knaben, einförmig sich wiederholend; girrend zitterten die Flöten darüber hin, und hinter ihnen her, atemlos hetzend, kurz und dumpf, die Handpauken, gepeitscht von schrillschmetternden Cymbelschlägen.

Ein tönerner Krug barst. Siedendes Öl sprühte aus den Flammen. Kreischend wichen die Priester zurück und hinter ihnen die Menge. Vom Wiesenrand gellten verzweifelte Schreie; die Äußersten hatte das Drängen über die Brustwehr in den Abgrund gestürzt, und angstvoll sich wehrend stemmten sich die anderen den Weichenden entgegen. Und es brach los. Nicht mehr die Angst schrie aus ihnen; erlöst von erstickendem Schweigen, entrang sich ihnen ihre Stimme und stieg brüllend auf, an ihrer eigenen wilden Stärke sich berauschend. Herab von sich rissen sie die Hüllen und fühlten, wie sie nackt, Nacktes umgab. Um sie herum, ihren Leib streichelnd, von ihm weggedrängt und wieder an ihn heranwogend, spülte eine heiße Flut von liebezitterndem Fleisch. Sie fanden sich im Gewühl und umschlangen sich aufrecht und glitten matt mit bebenden Knien zu Boden – ein wogendes Bett für anderer Umarmung. Über sie hin sank verschlungen ein Knäuel, vielarmig und vielköpfig, löste sich und wirrte sich von neuem, ungesättigt mit fangenden Armen Leiber an sich heranziehend. Und sie standen auf, und brachen zusammen, und erhoben sich wiederum, und schritten über die Liegenden und setzten auf keuchende Kehlen erstickend ihren Fuß, erschauernd in der Wollust des Wehetuns. Aber ihre nackten Sohlen fühlten lüstern das glühend schwellende Fleisch und die weich sich kräuselnden Vliese, und in neuer Gier warf sich einer hin über die so wirr Verflochtenen, daß er nicht sah, daß es einer anderen Leib war, der ihn umschlang, und einer anderen Lippen, an denen sein Mund sog. Während lustbebende Hüften sich ihm entgegenhoben und gierig den heißen Strom des neuen Lebens tranken, fühlte er nicht, daß unter seinen Küssen halboffene Lippen langsam erkalteten und – nicht in Wollust – gebrochene Augen starr nach oben sahen.

Die Nacht war da. Sie sahen einander nicht mehr und verstummten. Hinter lichtumrandeten schwarzen Wolken war der Mond, und nur von den lohenden Scheitern fiel Licht über die Menge. Die Priester allein standen aufrecht. Mit leichten Füßen glitten sie zwischen den Dahingestreckten, und der Widerschein der roten Glut fing sich sprühend in den silbernen, weingefüllten Krügen, die sie trugen. Wenn sich einer stöhnend vom Boden stemmte, neigten sie sich über ihn und, sein Haupt stützend, gossen sie labend den Wein über seine trockenen Lippen; dann knieten sie neben ihn, hoben ihr Gewand und, mit erlernten Worten seine Lust stachelnd, boten sie ihm ihren Leib.

Und auch die Glut der Scheiterhaufen erlosch, grau in sich zusammensinkend, und daneben zitterte, langsam erkaltend, eine breite Lache geschmolzenen Metalls. Dumpf erklang das gesprungene Fell einer einzigen Handpauke; dumpf und unablässig, wie hämmernder Pulsschlag in schmerzend geschwellten Schläfen. In kurzen Stößen quoll glühender Dampf aus der Kluft; ein schwacher Lichtschein fiel dann über die Wiese. Aus dem verschlungenen Wirrsal erschlaffter Leiber reckten sich die steinernen Phallen; auf ihren Kuppen weißverhüllte Priester, regungslos im Gebet.

Zu schwarzen Schleiern sich schichtend, schwebte der Rauch nach oben und schien sich mit dunkel quellenden Wolken zu einen, die den Mond verbargen. Ein lauer Regen löste sich von ihnen und floß herab. Und stärker als der Duft der Brandopfer und des Weihrauchs stieg es von den Schlafenden, wie der feuchte Hauch blühender Kastanien, durch die Nacht nach oben.

So sah er den Tempel; und nicht den Tempel bloß. Denn allen Dingen, von denen er wußte, hatte er Leben gegeben. Wie stumme Schatten umschwebten sie andere; an ihn aber drängten sie sich gierig heran, trunken von seinem Blut, und durch ihn stärker als er. Denn wenn in anderen das Wissen wie Korn in trockenen Speichern lag – in ihn war es wie in tief gepflügtes feuchtes Erdreich gefallen; aufwuchernd sog es alle Kraft aus ihm. Lauschend hielt er den Atem an und hemmte so den Gang des eignen Lebens, wenn große Schicksale klirrend und ehern an ihm vorbeischritten. In kristallenem Glas stand dunkler süßer Wein für ihn bereit. Er aber dachte nur, daß es Kristall war, aus eisigen Höhlen genommen, in denen es ungezählte Jahre seiner Form entgegenreifte; ein Wesen, wachsend wie Tier und Pflanze, sich ergänzend, wenn man es verstümmelte, wie Eidechsen und Schlangen – und was seine Schönheit schien, war nichts als sein lautes Verkünden des unabwendbaren Gesetzes, das in ihm in allen seinen Teilen gebot. Und er dachte nicht an den Wein. Eigensinnig folgte er den Spuren aller Dinge nach rückwärts, bis ihre Wege mit den Wegen alles Lebens unlöslich sich verschlangen. Nichts sah er ahnenlos, und das Ebengeborene schien ihm greisenhaft verzerrt und beladen mit der Last von Erinnerungen, und sich schleppend mit Ketten, die es an Gewesenes schmiedeten.

Er sehnte sich darnach wie andere, die Früchte hart am Stiel zu pflücken und nur den Duft und die Süße ihres Fleisches zu schmecken; unter überlasteten Zweigen, die sich zu ihm bogen, stand er und dachte, wie alle Süße und aller Duft aus dunkeln Wurzeln stieg, die weitverästelt tief sich in die Erde bohrten. Unverwundet umklammerten sie scharfes Eisen, das getötet hatte, wuchsen durch goldene Reife, um deretwillen es geschehen, und schwollen safterfüllt an, gemästet an Verwesendem. Er schritt weiter; und hinter ihm löste sich überreif die Frucht, die er nicht gepflückt, vom Baume, und fiel schwer zu Boden, sich wundschlagend.

So flocht sich wundervoll und beängstigend ein Netz um ihn, engmaschig und alle Freiheit ihm nehmend. Alles war mit allem unlösbar verknotet, Gewesenes stand neben ihm aufrecht wie Lebendiges, und er lebte wie in dumpfen menschenüberfüllten Räumen. Alle Herrlichkeit der Welt war funkelnd aufgestapelt an den Wänden und hing in reichen Gewinden von der Decke herab, und er sah, daß es schön war und kannte den Wert. Aber fensterlos und versperrt engte sich der Raum, und alles was in gepreßtem Gewühl sich um ihn drängte, nahm ihm selbst den Atem und stahl ihm seine Lebensluft. Wäre er ein Dichter gewesen, er hätte, was schwer und verworren auf seinem Nacken lastete, mit leichten Fingern formend über sein Haupt gehoben; und was zahllos und ohne Ende um ihn wallte, hätte er in Lieder gepreßt und gedichtet, die man zu singen anhob, wenn es dämmerte, und die zu Ende waren, ehe die Nacht kam. Aber er vermochte es nicht; und er fühlte, daß er weniger litt, erst seitdem die neben ihm lebte, die jetzt da unten starb.

Leer und haltlos war sie ihm zugesunken, als hätte er die Kraft und Tugend aller Dinge geerbt, die er ihr getötet und die schwächer gewesen als sein Wort. Sie sehnte sich nach Inhalt und Fülle; und wie sonnenzerklüfteter verdorrter Boden gierig ausgegossenen Opferwein trinkt, sog sie durstig in sich, was an Worten über seine Lippen kam. Nicht immer verstand sie ihn; und oft nach Tagen erst, wenn er sie küßte oder stumm mit der Hand über ihr weiches Haar strich, faßte sie mit einem Male den Sinn von längst gesprochenen Worten.

Aber alles Verstehen versank in ihr und wandelte sich, bis es nur mehr etwas war, was sie anders schreiten ließ oder den Klang ihrer Stimme änderte, und den Augen ein Dunkeln gab, als sähen sie nach innen. Hart und ungefügig war ihre Art, sich nach einem zu wenden; ein wenig an zu rasch gewachsene Knaben erinnernd; und daneben hatte sie das träge Sichgleitenlassen blutleerer bleichsüchtiger Mädchen gehabt; jetzt aber schienen ihre Bewegungen immer sich auf sich selbst zu besinnen und eines Zweckes bewußt zu werden.

Wenn sie ihm eine Frucht bot, stieg ihr schlanker Arm aus einem Kelch zurückfallender breiter Spitzen; ihre schmalen weißen Finger, die aus ihrer Hand, wie zu einer Dolde sich verästelnd, wuchsen, spreizten sich um die Frucht, die sie nicht umspannten. Ein nicht mehr ganz bewußtes Erinnern an vieles war dann in dieser Gebärde: An Bilder, die sie schon vergessen, an weiße Fruchtschalen, von verschlungenen silbernen Ranken zierlich getragen, und eine leichte Würde, als erfülle sie ein Amt. Die Kleider, die sie trug, und der Schmuck, den er ihr schenkte, – alles rief lagernde Reihen von Gedanken wach, daß sie aus ihrem Schlummer sich erhoben und schwer gerüstet dastanden. Er gab ihr einen Ring, geschmiedet aus reinem Eisen, das vom Himmel zur Erde gefallen, und in ihren Ohrgehängen schaukelten Edelsteine, die tagsüber das Licht der Sonne tranken und von ihm erstrahlten, wenn nachts der Glanz anderer Juwelen schlummernd erlosch. Wenn sie an Sommermorgen aus dem lauen Wasser des Sees stieg und in bastgeflochtenen Schuhen auf dem gelben heißen Kies des hoch ummauerten Gartens, sich sonnend, stand, hing um ihre schmalen Schultern ein dünner Mantel, geheftet aus Linnenstreifen, die vorher Jahrtausende lang den balsamdurchtränkten Leichnam von Königen aus Ägypten schützend umhüllt.

Nur daß sie vom Schicksal dieser Dinge wußte, gab ihnen Wert und Bedeutung, und es schien, als wären sie alle auf vielverschlungenen Wegen lange zu ihr gewandert. Nun ruhten sie bei ihr, erlöst davon, ein eigenes Los tragen zu müssen, und alles ihnen früher Geschehene war ihnen zur Schönheit geworden. Noch war die überreiche Fülle in seinem Leben; aber wovon das Wissen verworren auf ihm gelastet war, trug sie, frei von aller Schwere, wie einen Schmuck; nur wie ein leichter Duft davon, wehte aus ihrem Lächeln oder aus dem Gruß ihrer Hand.

Und jetzt starb sie ihm da unten. Er stand auf und lehnte sich an das heiße hölzerne Geländer der Treppe. Durch das Fenster des Treppenhauses sah er über das grellflimmernde Grün der Baumwipfel hin. Nur wenige Schritte weit von ihm schlief unbewegt der spiegelnde See. Die Berge an seinem Saum wuchsen schwarz in die Tiefe und gipfelten von neuem darin, der blaue Himmel lag tief unten und, blitzend, auf dem Grund die weißblendende Sonne. Steil fiel das Ufer in den See. Silbern glänzende Luftblasen stiegen manchmal perlend durch das dunkle Wasser nach oben und barsten, leichte Kreise ziehend; dann glättete sich wieder der Spiegel und nichts verriet unter der beruhigten Fläche die Tiefe. Er bückte sich, hob von der Stufe, auf der er gesessen, das Buch und die Schnur lichtwolkiger Bernsteinperlen, und schritt die steile Holztreppe hinab. Er hörte den kurzen dumpfzitternden Hall seiner Tritte auf dem weichen, von der Sonne durchwärmten Holz der Stufen, dann gellten unter ihm die kühlen sandsteinernen Fliesen des Vorhauses so messerscharf schneidend durch die heiße Stille des Nachmittags, daß er erschreckt anhielt. Er fürchtete, die Schlafende zu wecken, die hier unten lag, im einzigen kühlen Zimmer, das fast kellerartig, halb versenkt in den Abhang des Hügels war, an dem das Haus lehnte.

Leise schritt er zur Türe. Fünf Stufen führten zu ihr hinab. Er drückte vorsichtig die Klinke nieder, hob die Türe ein wenig in den Angeln, um jeden Laut zu vermeiden, und öffnete. Durch die hochgelegenen kleinen Fenster drang heißes Licht, das sich träge an die Zimmerdecke und den oberen Teil der Wände heftete; das Bett der Kranken, das frei in der Mitte des Zimmers stand, und die alte schlafende Wärterin im Lehnstuhl unterhalb des Fensters, lagen in schwülem bläulichem Dämmern. An der Fußwand des Bettes, auf einem kleinen Tischchen, war ein gläserner Wasserkrug mit hochstieligem buntem Mohn. Die Kranke wollte Blumen in ihrem Zimmer haben; aber sie litt unter dem zu starken Duft anderer Blüten, und auch vom Mohn, dessen Kelche langsam sich entblätterten, als Paul die Türe hinter sich schloß, quoll jetzt ein süßlicher Duft, wie von lauer Milch und feuchter modernder Erde. Zögernd, wie matte Falter, taumelten die Blumenblätter auf die wasserblaue seidene Decke des Bettes; tiefviolette mit weißem zerschlissenem Saum, und andere wie schwarzgeronnenes Blut, noch hellrot an den Rändern. Eine plumpe spanische Wand, beklebt mit alten kolorierten Modekupfern, stand an der Längsseite des Bettes, so daß er nur die Hand der Kranken sah. Der dünne Batistärmel war nach oben geschoben; hart traten die Knöchel an dem schmalen Gelenk vor, der Handrücken sank spitz in die weiche Seide der Decke, und die innere Fläche der offenen Hand war fleischlos und voll schlaffer Falten. Zu einer müden, willenlosen Gebärde schien die Hand sich zu öffnen; an den mageren Fingern hingen zu groß gewordene Ringe: Ein breiter Ehering und ein anderer, der sich verschoben hatte, so daß man den Stein sah: Ein rundgeschliffener blutroter Rubin neben einer Perle. Er neigte sich vor; das schmalgewordene Gesicht der Kranken schien in der dunklen Flut der Haare zu ertrinken, die in losen Wellen über die Polster rannen. Sie schlief; aber zwischen den zusammengezogenen Brauen grub sich tief eine Falte, als dächte sie schwer und schmerzlich nach. An den Schläfen und an den Nasenflügeln waren dichtgedrängt kleine Schweißperlen hervorgetreten, und zwischen den halboffenen fieberversengten Lippen blies ihr Atem keuchend und gehetzt.

Am Fußende des Bettes stand ein Lehnstuhl. Wie Paul sich niederließ, ächzte das Weidengeflecht unter ihm. Er sah ängstlich auf die Schlafende; sie schlief weiter, und auch die Wärterin drüben am Fenster war nicht erwacht. Vor ihr lag in dem offenen Gebetbuch ihre Hornbrille; auf dem weißen Tischtuch, geordnet, für langes Kranksein vorhergesehen, wie an festangewiesenen Plätzen: neben dem silbernen Löffel und dem Thermometer ein Milchkrug mit Gläsern und eine fast geleerte Flasche Cognac. Auf dem schmalen Fensterbrett stand ein Nähkorb, halb bedeckt von einem zertrennten bunten Kattunrock, daneben ein paar welke Blätter eines Nußbaums und, durch ein beschriebenes Papier vor den summenden Fliegen geschützt, ein Teller mit zuckerbestreutem Backwerk.

Er hatte eine Wärterin von Wien kommen lassen; aber die Kranke litt unter dem sicheren ruhigen Gleichmut, mit dem die ihr Geschäft verrichtete. Daß sie geduldig ihre Launen ertrug und die Krankheit gering und unwichtig zu schätzen schien gegenüber all dem entsetzlichen Leiden, das sie mitangesehen hatte, erbitterte die Kranke. Sie haßte diese Frau, die an ihrem Bette saß, und deren Geschäft es war, andere sterben zu sehen; wenn sie litt, las sie in ihren ruhigen Augen ein überlegenes: ›Das alles kenne ich‹; sie verzieh ihr nicht, daß die sie um ihre letzte Eitelkeit betrog und ihrem Sterben das Wichtige und Unerhörte nahm.

Er sandte die Wärterin nach Wien zurück. Nur die alte Bäuerin, die da im Lehnstuhl schlief, wollte die Kranke um sich haben. Die kannte sie seit Jahren. Der Mann war Arbeiter in der Ischler Saline gewesen und hatte eine kleine Pension; von vierzehn Kindern hatte sie nur fünf aufgezogen und drei von diesen überlebt. Der Sohn war seit dreißig Jahren Schmiedegesell in Ebensee, und die Tochter diente bei einer ›Herrschaft‹, die sie mit sich in die Stadt genommen. Am Rand des Waldes in einem kleinen Haus mit mürben abbröckelnden Mauern und einem kleinen hölzernen Kuhstall, lebten die zwei Alten. Manchmal brachte sie den Leuten in den Villen frischen Topfen, in feuchte Tücher eingeschlagen, oder Fische aus dem See, die sie billiger verkaufte als der Fischer. So hatte die Kranke, schon als junges Mädchen, sie gekannt, und später dann, als der Verschönerungsverein des Ortes das kleine Haus mit dem Stück Wiese um ein paar hundert Gulden kaufte, um einen Tennisplatz für die Sommerparteien anzulegen, nahm sie die zwei alten Leute als Hausmeister in die Villa. Der Mann, mit beinahe gelähmten Beinen, saß fast immer zu Hause und spaltete Brennholz in Späne, oder er trug an trockenen heißen Tagen mühsam einen niederen hölzernen Schemel von Beet zu Beet und rupfte in seinem Umkreis das frische Unkraut aus. Die Frau aber war im ganzen Hause tätig. Sie war älter als ihr Mann, über achtzig. Am Morgen lief sie über die noch feuchten kiesigen Wege und las die Schnecken von den Blättern ab, oder sie stand am Waschtrog. Nach Tisch ließ sie ihre Holzschuhe an der Haustür stehen, stieg rasch in dicken wollenen Socken lautlos die hölzerne Treppe hinauf, und während die junge Küchenmagd, in ihrem heißen Dachzimmer, quer übers Bett geworfen, träge sich dehnte, wusch die Alte das Geschirr und erhielt ein Stück Fleisch oder ein bißchen Gemüse als Lohn für ihre Arbeit. Am Abend aber wurde sie nicht schläfrig und lehnte lang mit verschränkten Armen auf der Bank vor dem Haus und sprach mit den Dienstmädchen.

Wenn Paul vor dem Schlafengehen noch eine Weile im Dunkeln am offenen Fenster saß, hörte er dann ihre Stimme. Befremdend formten sich in ihrem zahnlosen Mund alle Worte; in immer gleichem Ton, hart und ungerührt, fielen sie wie versteint von ihren schmalen Lippen. Was ihre alten wimperlosen Augen gestern gesehen, und was sich vor zwei Menschenaltern ereignet, schien gleich ferne ihr zu sein. Wie Kinder, die noch nicht gelitten, erzählen – mit starrer grausamer Sachlichkeit – erzählte die Alte, und ihre Stimme kam durch die Nacht zu ihm, wie von weither dringend, aus eisigen verödeten Tälern, deren totes Gestein nie mehr der warme Atem lebender Menschen streichelte.

Er sah zu ihr hinüber. Durch das Fenster oberhalb des Lehnstuhls drang jetzt grelleres Licht. Die Sonne stand tiefer. Über das blasse Blau der Bettdecke legte sich schwarz der Schatten des Fensterkreuzes. Die Schatten glitten immer tiefer über die schlafende Alte hin, und es schien, als würde sie widerstrebend, ruckweise aus dem früheren Dunkel ins Licht gezerrt. Ihre Ellbogen ruhten auf den Armlehnen; über der blauen Kattunschürze lagen ihre gelben Hände mit verschränkten Fingern, und der Kopf war im Schlaf weit zurück in den Nacken gesunken. Straff angezogene Scheitel graugrünlichen Haares waren an ihre Schläfen gepreßt, und zwischen den dünnen Strähnen glänzte gelblich die Kopfhaut. In tief einsinkenden Höhlen spannten sich verschrumpfte rotgeränderte Lider über die Augen. Spitz ragte die Nase vor; unter ihr verschwanden fast die verkümmernden Kiefer, und der zahnlose Mund schien die eigenen Lippen einzuschlürfen. Welk hing die Haut von dem mageren zurückgeworfenen Hals; wie losgelöst von ihm spannten sich die Sehnen – entblößt liegend, gleich Wurzeln eines absterbenden Baumes, die verdorrt aus der Erde sich strecken.

Tief durchfurcht war ihr Gesicht. Wie gepflügt und immer wieder überpflügt von einem langen Leben. Denn die Taten und das Leiden und die Gedanken vieler tausend Tage hatten rastlos ihre Spuren in dieses Feld gegraben. Was ein Tag aufgewühlt, glättete der nächste, und der dritte riß es wieder auf; und nach Jahren fand das Leben längstvergessene Geleise und scharrte sie unauslöschlich tief. Immer und immer wieder hatte das Kümmern um das tägliche Brot ihre Brauen sorgenvoll nach oben gezogen, und Sorgenfalten furchten sich – eindringlicher als alle andern und alle andern beherrschend – in großen Wellen über ihre schmale Stirn. Von den Nasenflügeln zum Mund zogen sich tiefe Rinnen. Leiden hatten sie gerissen; mehr die Schmerzen vielen Gebärens als die vergeßliche Trauer des Begrabens. Aber neben ihnen hatten sich rundliche Runzeln um die Mundwinkel gelagert. Von frommem Sichfügen erzählten die und von vielem Beten. Von Gebeten in erstickender Sonnenglut auf den Feldern, wenn das Mittagsläuten die langgebeugten schweißüberrieselten Rücken schmerzend sich aufrichten ließ, von anderen, des Nachts noch rasch vor sich hingesprochen, ehe der Schlaf über die abgemühten Glieder fiel, und von solchen, die im Glanz des Hochamts in zuversichtlichem Gesang von ihren Lippen sich erhoben. Und in dem Gewirr sich überkreuzender Linien sah er noch andere, überdeckt von schärfer gezogenen – kaum erkenntlich. Feine zerknitterte Fältchen waren auf den Wangen und schlängelten sich von den Augen zu den Schläfen. Denn die Alte, die da schlief, war ein Kind gewesen, das in sonnigem Garten mit seinen eignen nackten Füßchen spielend saß und dessen Augen leer und glücklich lächelten. Und das jauchzende Lachen gewonnener Kinderspiele, mit erhitzten Wangen und flatterndem Stirnhaar, und das dunkle Lachen, halb erstickt wie Taubengurren, wenn nachts – auf dem Heimweg vom Tanz über weiche Wiesen hin – die Hand des Burschen gierig an sie rührte.

So schien es, als hätte das Leben – ein großer Künstler – mit geduldigen Fingern rastlos daran gearbeitet, ihr Antlitz zu formen. Zusammengepreßt, gedichtet auf einen Raum, den zwei flache Hände klagend bedecken konnten, waren die Taten und Leiden und Gedanken vieler tausend Tage. Starr, wie eine künstlich getriebene Maske von Erz, lag ihr Antlitz da. Seine Arbeit war vollendet, und leise, mit unmerklichen Schritten, trat das Leben von seinem Werk zurück. Langsam starb seit Jahren das Empfinden, dessen Ausdruck jetzt die Züge nur noch logen; was Leben schien, war nur die Wärme erkaltenden Metalls.

Sie schlief mit starkem ruhigem Atmen. Er kannte diesen tiefen Tagesschlaf ganz alter Leute, die vor Sonnenaufgang erwachen und mit offenen wimperlosen Augen daliegen, den Tag erwartend. Für die es nichts mehr gibt, von dem sie denken: ›Wenn das vorüber sein wird‹, und für die kein Tag da ist – so ersehnt, daß alle anderen bloß der Weg zu ihm scheinen. Und denen dann alle Stunden zu kraftlos sind, um noch einen Inhalt zu ertragen: Nur Stunden des Tags, und Stunden der Nacht – und zusammen nur Zeit, die verrinnt.

Er hob den Kopf; vom Garten her klangen schrille Kinderstimmen, wie im Streit oder im Spiel; die Fensterscheiben erzitterten in leisem Klirren; woher nur Kinder in den Garten kamen? Oder fuhren die in einem Boot das Ufer entlang, und das Wasser trug den Schall so deutlich her?

Beunruhigt in ihrem Schlaf bewegte sich die Kranke; aber sie schlief weiter; nur die halboffenen Lippen schienen Worte zu formen. Paul neigte sich über sie; sie sprach nicht. Seit Tagen und Tagen horchte er mit verhaltenem Atem auf die leisen Worte, die verhauchend über ihre kaum bewegten Lippen wehten. Wenn er allein war, sprach er sie nach und suchte ihren Ton. Er wollte sie festhalten; und bei jedem ›Ja‹ und bei jedem ›Nein‹ dachte er, ob es nicht das letzte sein würde, das sie gesprochen. Qualvoll wand sich jeder Tag vom Morgen bis zum Abend, jeder gestrige schien noch beneidenswert, und schön und wie gewesenes Glück die erste Zeit ihres Krankseins. Wo sie noch manchmal für eine Stunde sich von ihrem Bett erhob, und schwankend mit schmalen suchenden Fingern an den Sessellehnen sich forttastete; und auch noch später, wenn er ihren armen dürftigen Leib, der immer leichter wurde, über die Holztreppe hinauf ins Speisezimmer tragen durfte, zum großen weidengeflochtenen Lehnstuhl hin, in dessen roten gelbgeblümten Polstern noch der Abdruck ihrer Formen war.

Sie sprach damals noch von ihrer Krankheit. Er hatte ihr erklärt, daß es Monate dauern könnte, bis sie ganz gesund würde, und sie schien es zu glauben. Aber wenn er an ihrem Bett saß und sie beide schwiegen, mied er ihren Blick; log er auch geschickt genug? Glaubte sie ihm seine scherzende Sorglosigkeit? Ein einzigesmal hatte sie vom Sterben geredet; ganz am Beginn der Krankheit, als sie von ihren verarmten, weitläufig Verwandten sprach, die sie manchmal unterstützte, war sie in Schluchzen ausgebrochen: ›Wenn ich tot bin, wer wird sich um die kümmern?‹ Und Paul hatte in ratloser Hast ihr zugesprochen, sie beruhigend mit Worten, die er verwünschte, kaum daß er sie gesagt – so plump und verräterisch waren sie ihm erschienen. Aber nie wieder seither schien sie an den Tod zu denken. Nur die Art, wie sie mit ihm sprach, änderte sich, je länger sie litt. Anfangs lag im Ton ihrer Worte immer ein demütiges Entschuldigen und wie eine Bitte um Verzeihung, daß sie allen so viel Mühe mache. Später aber schien sie sich daran zu gewöhnen. Stundenlang mußte er dann bei ihr sitzen, seine Hand zwischen ihren heißen fiebernden Händen. Sie schwieg; nur manchmal hoben sich, wie mit mattem Flügelschlag, langsam ihre Lider und sie sah ihn an; ruhig und lange. Alle Kraft aus ihrem hilflosen Körper schien sich in diesem langanschwellenden Blick zu sammeln; als wollte sie sein Bild fester erfassen, um es mit sich zu nehmen, dorthin wohin sie ging.

Und die Zeit kam, wo er sie nicht mehr küssen durfte, wenn er am Morgen an ihr Bett trat, und am Abend von ihr ging; denn die Kranke fühlte sich geängstigt und in Atemnot, wenn er sich über sie neigte. Am Morgen setzte man sie in ihrem Bett aufrecht und wusch ihr mit erfrischendem Essigwasser Gesicht und Hände, die sie gehorsam der Wärterin hinhielt, und kämmte sie. Sie verlangte keinen Spiegel mehr; nur manchmal, wenn man ihr ein frisches Hemd überwarf, sah sie einen Augenblick lang an ihrem eigenen Körper hinab, und schüttelte verneinend den Kopf – wie vor Unbegreiflichem. Dann lag sie mit noch feuchtem Stirn- und Schläfenhaar ermattet auf zurechtgerückten Polstern und sah nach der Türe, ihn erwartend. Wenn er kam, grüßte sie ihn nur mit den Augen, und ihre Lippen quälten sich zu einem Lächeln. Nur wenige Worte sprach sie tagsüber, und zwischen den einzelnen mußte sie rasten. Gleichgiltiges klang schwer, wie trunken, von tiefer trauriger Liebe, und mit jedem ihrer Worte schien eine Wunde sich zu öffnen, aus der ihre Zärtlichkeit unstillbar sich verblutend rann.

Seit vorgestern Nachts hatte sie nicht mehr gesprochen. Jedes Wort wußte er noch. Gegen drei Uhr früh war sie wach geworden; er hatte sich übers Bett geneigt. ›Wer ist das?‹ hatte sie gefragt. Und er, in Angst, daß sie ihn nicht mehr erkenne: ›Kennst du mich denn nicht?‹ Ein leises Auflachen, das wie in Atemnot abbrach, und eine Pause, als müßte sie sich erholen, dann eine Stimme, schleppend wie die eines Kindes, das vorwurfsvoll verhalten klagt: ›O ja du bist ja mein lieber Paul.‹ Ihr Atem ging rascher, und die Worte huschten jetzt über ihre Lippen wie das leichte plauschende Gezwitscher eines jungen Vogels, der müde, immer leiser, sich zögernd in den Schlaf singt: ›Ihr – ihr wollt mich immer so dumm machen – – als wenn ich euch nicht erkennen möcht' – –.‹ Er kniete neben dem Bett nieder, und küßte und streichelte ihre Hand: ›O nein, du bist nicht dumm, du bist gescheiter als wir alle!‹ Sie schwieg und schloß die Augen: ›Trinken!‹ Sie bewegte ungeduldig die trocknen fieberversengten Lippen. Die Alte war aufgestanden und hatte, die Flasche gegen das Licht haltend, einen Löffel Cognac in ein Glas Milch gegossen. Paul hatte seinen Arm um die Kranke gelegt und sie mit dem Polster langsam aufgerichtet. Durch den lockern weichen Polster fühlte er an seinem Arm die Rückenwirbel der Kranken. Sie neigte durstig den dünnen Hals zum Rand des Glases; er hörte ihr Schlucken, das sie anzustrengen schien; während sie gierig trank, sah sie ihn unverwandt nachdenklich an. Er erschrak; wenn sie ihn jetzt fragen würde: ›Muß ich sterben?‹ Aber sie setzte im Trinken ab und versuchte ihm zuzulächeln; dann holte sie tief Atem: ›Gut‹, sagte sie und nochmals bekräftigend voll Dankbarkeit: ›Gut.‹ Dann schloß sie die Augen, und er hatte sie langsam in ihre Polster zurückgleiten lassen.

Kein Wort mehr hatte sie seither gesprochen. Sie verstand, was man ihr sagte, aber sie antwortete nur mit leichtem Nicken. War sie zu schwach, um zu reden, oder wollte sie es nicht mehr, oder war es die Betäubung des Morphiumschlafes, die auch im Wachen sie nicht ganz verließ? – Er wollte nicht mehr darüber nachdenken. Nutzlos quälte er sich ab. Er wollte es versuchen, in dem Band von ›Tausend und eine Nacht‹ zu lesen, den er von oben mitgenommen. Dort, wo ein schmaler altmodisch gefalteter Brief als Lesezeichen lag, schlug er das Buch auf. Es war die zweiundsiebzigste Nacht; er las. Aber es schien, als weigerten sich die Worte, sich ineinander zu fügen und zu verschlingen, um von Aminens Schicksal zu erzählen. Wie gegen Erzwungenes sich auflehnend, standen sie da und wiesen mit Fingern auf sein eigenes Geschick. Es zu vergessen, hatte er sie zu Hilfe gerufen – und von nichts anderem wußten sie nun zu reden. Er las: ›Ich liebte dich, weil ich ein unverständiges Mädchen war, ich kannte noch nicht die Liebe; strafe mich also nicht mit dem Tode, denn ich bin erst ein Lehrling.‹ Er brach ab. Aber er zwang sich, weiter zu lesen, die Worte vor sich hinflüsternd und auf sie horchend, als müßte ihr Klang seine Gedanken scheuchen. ›Mit der ganzen Last der Sehnsucht hast du mich beladen, und ich trage kaum meine Gewande.‹ Er las nicht weiter. Er schloß die Augen und preßte die Zähne aufeinander, sich wehrend gegen Tränen, die erstickend in seiner Kehle aufquollen. Er legte das Buch neben sich auf den Boden, ballte die Fäuste, grub die Nägel schmerzend in sein eigenes Fleisch und hielt den Atem an. Dann öffnete er die Augen; sie waren trocken geblieben, nur die Lider waren heiß und schwer geworden.

Er sah die Kranke an. So mußte sie ausgesehen haben, bevor er sie noch kannte – als Kind. Wie das Haupt einer Ertrunkenen schwamm ihr blasses Gesicht auf der überreichen Flut der dunkeln Haare. Unfähig, Schweres zu tragen, waren die schmalen Kinderschultern. So abschüssig fielen sie von dem dünnen Hals, daß es schien, als müßte selbst Schmuck haltlos über sie gleiten. Zu einer kraftlosen bettelnden Gebärde öffneten sich ihre Finger. Leise schob er seine Hand heran, bis er die ihre streifte, und ließ sie dann dort ruhen; noch einmal wollte er sie fühlen. Aber ihm war, als rühre er nur an sein eigenes Fleisch. Das zarte blaue Geäder ihres Halses war geschwellt. Sonst hatte es, schimmernd auf weißem Grund, seinen Lippen den Weg gewiesen vom Nacken her zu den Brüsten – nun schien es die Straße, auf der, gehetzt vom Fieber, ihr Leben sich zu Tode lief. Geschlechtslos schien sie ihm; nur mehr etwas, was litt und starb, und vorher lange neben ihm geschritten war, mit hungernden Augen von ihm den Inhalt des Lebens sich erbettelnd. Denn an ihn hatte sie geglaubt, als wäre ihm die Kraft und Tugend aller Dinge zugewachsen, die er ihr zerstört und die schwächer gewesen als sein Wort. Und nun starb sie; voll von schweren unruhigen Gedanken, die er in sie geworfen. Hilflos trieb sie den dunklen Fluß hinab – verfangen in die prunkende Vielfalt seiner Seele, in die er sie gehüllt. Er hatte geglaubt, sie trüge, frei von aller Schwere, wie Schmuck, das Wissen, das lange verworren auf ihm gelastet war; und er fühlte jetzt: Mit der ganzen Last der Sehnsucht hatte er sie beladen, und sie trug kaum ihre Gewande.

Er stand auf und holte tief Atem. Die Alte dort am Fenster schlief noch immer. Er schritt zum anderen Fenster; leise stieg er die drei hölzernen Stufen zur Nische hinan und sah hinaus. Der untere Rand des Fensterrahmens stieß an den gelben Kies des Weges. Vor ihm war, bedeckt mit frisch gemähtem Heu, ein schmaler Wiesenstreif, der sich hinab zum Ufer senkte. Regungslos lag der See. Die Berge an seinem Saum wuchsen schwarz in seine Tiefe und gipfelten von neuem darin; der blaue Himmel lag tief unten und, blitzend, auf dem Grund die weißblendende Sonne. Junge Weiden standen am Ufer. Die äußersten Spitzen ihrer hängenden Zweige berührten die Wasserfläche und stießen an ihr eigenes Bild. Im unbewegten Spiegel des Sees sah er einen Vogel im Flug durch die Zweige gleiten. Ein silbernes Blitzen zerriß das Bild; ein Fisch war emporgeschnellt, und in immer weiter verrinnenden Kreisen wellte das Wasser. Langsam ward die Fläche wieder glatt; aber Paul sah nicht mehr die Zweige der Weiden in der dunklen Fläche sich spiegeln. Er sah, wie der lichte Seeboden noch eine Strecke flach verlief, und dann zwischen leicht schwankenden dunklen Wasserpflanzen sich langsam zur Tiefe senkte. Aus dem feingeschlämmten Sand, hart am Ufer, ragten kleine Zweige. Im grellen Sonnenlicht sah er Muscheln, die im Boden staken, und auf dem lichtgelben Grund des seichten Wassers war der Schatten eines Hechtes, der lauernd stand.

Das frühere Bild war verloren; seine Augen verstanden es nicht mehr, nur die dunkle Fläche des Wassers zu sehen, die spiegelnd die Berge und Himmel und Sonne in sich fing. Fast wider Willen mußte er durch das sonnenhelle Wasser dorthin starren, wo zwischen wuchernden Wasserpflanzen der Boden des Sees in die Tiefe fiel. Silbern glänzende Luftblasen stiegen perlend durch das dunkle Wasser nach oben und barsten, leichte Kreise ziehend. Er sah nicht mehr die Gipfel der Berge im See sich spiegeln. Er wußte, daß sie aus dem Seeboden stiegen und nur der Rand des tiefen Beckens waren, das die Wasser von ringsum in sich sammelte. Sickernde Wasser aus Felsspalten, die zwischen Baumwurzeln und feuchtem vollgesogenem Moos bergab rieselten, und graue stürmende Gletscherwasser in aufgerissenen Rinnen, und die Quellen des Seegrundes, die, an verborgenen Feuern gewärmt, lau aus der Tiefe quollen. Und von vielfältigem Leben war der See erfüllt. Seine Wasser tränkten die Wurzeln der Silberweiden, die im Frühjahr ihre Blüten über ihn schüttelten, stahlblaue Libellen wurden in ihm geboren und wuchsen lange unscheinbar in ihm auf, ehe sie mit glitzernden Flügeln über dem Schilfgras der sonnigen Ufer zitterten, und durch das schwarzgrüne schwankende Dickicht der Algen strichen ungezählte Züge laichender Fische den mündenden Bächen zu. Seine unruhig schlagenden Wellen nagten unablässig an dem kahlen Gestein der Felsen; den heißen Winden, die über ihn strichen, gab sein Wasser erfrischende Feuchte, und aus Wolken, die sich über ihm ballten, lockte er die Blitze zu sich herab. Seinen eigenen Zwecken dienend, erfüllt von Lebendigem und Verwesendem war der See – mehr als bloß ein Spiegel, der Sonne und Wolken und Berge und ein Antlitz, das mit fragenden Augen sich über ihn neigte, in seiner glatten Fläche fing.

Er lehnte sich in die Nische und sah ins Zimmer. Durch die Stille hörte er die tiefen ruhigen Atemzüge der Wärterin und daneben den Atem der Kranken, der keuchend und gehetzt über ihre Lippen strich. Ob sie noch reden würde? Und wieder suchte er in seiner Erinnerung nach Worten von ihr, die sie früher zu ihm gesprochen; aber wie er sie fand, schien es ihm, als wären es seine eigenen. Er dachte an ihr Gesicht, wie es früher gewesen, ehe die Krankheit kam. Aber er fand nur das fremde Lächeln auf ihren Lippen, das nicht ihr eigen war. Von Frauenbildnissen, deren große Schönheit fast quälte, und vor die er sie geführt, war es unbewußt auf ihre Lippen geglitten. Und woran immer er auch dachte – an ihren Blick und ihren Gang, an den Klang ihrer Stimme, wenn sie im Dämmern neben ihm saß und sprach – hinter allem fand er nur sich wieder; und seine eigenen unruhig flackernden Gedanken starrten verzerrt ihn an, mit dem vertraulichen Lächeln Mitschuldiger. Es schien, als hätte sie es ihm leichter machen wollen; nur sich selbst brauchte er zu lieben, dann mußte er auch sie liebhaben, so sehr war sie erfüllt von ihm. Und nun starb sie. Halb offen standen ihre Lippen, bereit zu reden, als hätten sie noch viel zu sagen; und nie würde er erfahren, was stumm in ihr gestorben war. Wo war ihr eigenes Leben, mit dem sie erfüllt war, ehe er sie gekannt, und das er ihr zerstört? Einfältige überlieferte Worte, die man sie gelehrt und mit denen sie Gott gesucht und immer gefunden hatte, und ihre Gedanken, die nach rückwärts hin nur bis zu ihren Eltern gingen, und in die Zukunft nur bis zu Kindern, die sie ihm nicht geboren. Und ihr Leib, der nicht den Reiz fremder Erinnerungen sich hätte borgen müssen, und dessen Schönheit – wie die der Pflanzen – mit starkem Lebenswillen eins, aus ruhigem Wachsen und reicher Nahrung und vielem Licht, notwendig sich entfaltet hätte. So wäre sie neben ihm gewesen; mit hellen Augen, in denen nur der Tag und die Stunde waren, und die das Wissen zu vieler gewesener Dinge nicht dunkeln machte. Ihr eignes volles Leben hätte sie ihm geschenkt – mehr als bloß ein Spiegel, aus dem seine unruhig flackernden Gedanken und seine Sehnsucht und seine Zweifel widerstrahlten.

Langsam schien sie seiner Herrschaft zu entgleiten. Wie sie schlafend dalag, war aus ihren Zügen alles gelöscht, was nicht ihr eigen gewesen. Wie eine Maske war es von ihr gefallen, und nur ein blasses Kindergesicht blieb da. Die Kranke bewegte sich unruhig. Paul trat ans Fußende des Bettes. Ein leichtes Ringen mit dem Schlaf, dann schlug sie die Augen auf. Sie sah Paul; aber über ihn hinweg ging der Blick ihrer Augen auf etwas, was Paul nicht sah. Zwischen zusammengezogenen Brauen waren zwei tiefe Falten auf ihrer Stirne. Abweisend und verächtlich sah sie vor sich hin, als dächte sie ernst und angestrengt nach; niemand konnte ihr helfen, denn sie alle begriffen nicht, was ihr wichtiges Geschäft war: Sie hatte zu sterben.

Und Paul verstand jetzt ihr Schweigen. An die abgefallenen Blätter mußte er denken, die im Herbst auf den Kieswegen der Gärten lagen. Braun und verdorrend rollten sich die, von beiden Rändern her, gegen die Mitte zusammen, abwehrend, als wollten sie von nichts mehr wissen. So schien die Sterbende alles von sich abzuwehren; sie wollte allein sein zum Sterben – ganz allein – wie man im Mutterleib es war, ehe man geboren. Er trat an den Bettrand und strich liebkosend leicht über ihre Hand. Sie sah ihn an, dann schien sie verächtlich ihren Blick von ihm zu wenden. Wie ein Betrüger kam er sich vor; um Unermeßliches ging der Handel, und seine Bettelware sollte Wert für sie haben? Sie starb; von allem Lebendigen mußte sie weg – und mit kindischem Liebkosen wollte er sie trösten? Er empfand Scham. Was konnte er ihr sagen, was ihr nicht gleichgiltig erschiene? Daß er sie sehr lieb habe? Oder daß er die ganze Zeit her ihr treu gewesen sei? Das waren Dinge, gut zum Reden für Leute, die lebten und geschäftig ihr Leben mit großgezerrten kleinen Freuden und lächerlichem Jammer füllten und noch viel Zeit hatten; hier starb man – und Geschwätz war alles andere.

Er setzte sich in den weidengeflochtenen Stuhl. Wie das Geflecht aufstöhnte, sah sie ihn an. Klar und unbestechlich war ihr Blick; er schlug die Augen vor ihm nieder, als fühle er sein Verbrechen: Daß er am Leben blieb, und daß sie sterben mußte. Kläglich und verächtlich war sein Schmerz; nur erbärmliches Mitleid mit sich selbst. Freilich blieb er allein zurück; aber eine reiche Welt voll wechselnder lebendiger Schönheit durften seine Augen noch viele, viele Tage sehen – und die ihren mußten jetzt erblinden; unter halb gesunkenen erstarrenden Lidern würden sie nichts mehr sein als eine gewölbte Fläche, glatt und eisig, und bald etwas, was von Verwesung triefend zerrann.

Er sah auf, denn er fühlte, wie ihr Blick ihn losließ, und von ihm weg sich wandte. Über die Dinge ringsum wanderten ihre Augen, und er, der da an ihrem Bett saß, gehörte nur mit dazu. Nur eines von dem vielen, wovon sie lassen mußte, war er; nicht viel mehr als die roten duftenden Beeren dort in der Schale, und der hohe Mohn, der auf lichtgrünen schlanken Stielen in roter Glut zu ihr herüberleuchtete – und viel geringer als die heiße Sonnenflut, die durchs Fenster zu ihr floß, und die Luft, die gut zu atmen war – so gut. Neidisch tastete ihr Blick über die Ringe an ihren Fingern und den lichten geschnitzten Ahornschrank an der Wand; das alles lebte ja nicht, aber es durfte noch dauern. Ein unerhörtes Unrecht geschah ihr; höhnend lebte eine Welt weiter, und sie allein mußte sterben. Keines half ihr zum Leben, niemand starb mit ihr – und in ihren Augen war der hilflose Haß der Sterbenden gegen alles, was lebte.

Er ertrug ihr Schweigen nicht; er mußte reden. Er hielt ihr die Schnur lichtwolkiger Bernsteinperlen hin: ›Schau – das hab' ich dir mitgebracht!‹ Abwehrend hob sie die Hand; ihre abgemagerten Finger waren rot von der Sonne durchleuchtet. Dann fiel ihre Hand kraftlos herab, und die zu groß gewordenen Ringe glitten leise klirrend von ihren Fingern und kollerten zu Boden; sie schien es nicht zu bemerken.

An ihren Augen sah er, daß sie mißtrauisch gegen das Fenster hin horchte, und auch er hörte jetzt wiederum Kinderstimmen. Sie kamen näher; er unterschied ein lautes Weinen. Es war das boshafte, immer neu einsetzende Weinen eines Knaben, der andere damit strafen will. Darüber hin schwirrten andere Stimmen: höhnende und solche, die laut stritten. Er hörte das Schlürfen von Schritten auf dem knirschenden Kies, dann sah er die Füße der Kinder vor dem Fenster: Grelle Wollstrümpfe, die von den Knien herabgeglitten waren, und nasse Schnürschuhe mit messingbeschlagenen Kappen. Einer klopfte jetzt mit dem Fuß ans Fenster – dann schienen alle zu fliehen, und ein Sandregen sprühte gegen die Scheiben. Paul war aufgestanden. Er sah den unruhigen Blick der Kranken. Woher nur Kinder in den Garten kamen? Er ging rasch zum Fenster und drückte sich in die Nische. Nun schienen sie wiederzukommen; er hörte ihre vorsichtig schleichenden Tritte. Jetzt mußten sie gleich da sein – er sah ihre bläulichen Schatten auf dem gelben Kies – und jetzt schrie es draußen auf, und sie waren da und preßten ihre grinsenden Gesichter an die Scheiben.

Einen Augenblick lang nur sah er ihre flachgedrückten Züge, verzerrt und unfertig wie die von Ungeborenen; dann hatte er drohend die Faust gegen sie geballt und, vergessend, daß das Glas sie von einander trennte, schlug er gegen sie los. Durch das Klirren der Scherben und das Schreien der Kinder gellte die Stimme der alten Wärterin: ›Jesus – die Frau stirbt!‹ Er stand schweratmend da; seine geballte Faust fühlte er voll schneidender Glassplitter, und heiß rieselte das Blut herab. Der Oberkörper der Kranken war aufgerichtet; ihre Augen starrten weit aufgerissen und entsetzt – – sie hatte verstanden, was die Wärterin gerufen. Und Paul wollte zu ihr hin, aber er konnte nicht. Er hörte den Tropfenfall seines Blutes auf den Dielen, und seinen eigenen Atem, und den der Wärterin, und den der Sterbenden. Er wollte zu ihr hin, aber er konnte nicht vom Boden weg; die Wärterin wollte er anrufen – warum stand sie denn untätig da – aber seine Stimme erstickte in seiner Kehle. Nur hinsehen mußte er. Rasch ging der Atem der Sterbenden; nun schien er tiefer und feierlich langsam zu werden; einmal – – und noch einmal – – dann schob sie die Unterlippe verächtlich vor, und, tief den Atem schöpfend, blies sie ihn über ihre Lippen weg – – und sank nach vorne. Ihr Oberkörper glitt über den Bettrand, und, überfallen von Haaren, schlug ihr Kopf dumpf auf dem Boden auf. Paul schrie auf, aber er hörte seine Stimme nicht, sie erstickte in ihm; und nochmals schrie er, und nun fühlte er, daß etwas riß. Seine eigene Stimme stieg gellend auf – – – und er war wach. Schweratmend saß er in seinem Bett aufrecht.

Er wollte reden – aber zu wem? Er war ja so allein in seinem Zimmer wie vorher, als er einschlief. Von draußen fiel helles Mondlicht ins Zimmer; auf seiner Bettdecke lag schwarz der Schatten des Fensterkreuzes. Er konnte nicht lange geschlafen haben; gerade so lange, als der Schatten gebraucht, um von der Wand herab auf die Bettdecke zu gleiten. Er horchte; neben sich hörte er das Ticken seiner Uhr. Er legte sie vor sich hin ins Mondlicht: Dreivierteleins vorbei. Er erschrak; das war ja nicht möglich! Vierteleins hatte er noch vor dem Einschlafen schlagen gehört, und er war jetzt so wach, so ausgeschlafen! Er starrte auf den Schatten des Fensterkreuzes; an was erinnerte ihn der nur? Er dachte angestrengt nach – – – jetzt hatte er es – – nein, jetzt war es wieder weit weg von ihm und schien immer tiefer zu versinken. Und mit einem Schlag war es wieder da: Auf mattblauer Seide der Schatten des Fensterkreuzes, und über die lichten viereckigen Felder und über die dunkeln Stäbe hin verstreut, Blumenblätter von tiefviolettem Mohn mit weißem zerschlissenem Saum. Und eine schmale Hand mit welken Fingern, kraftlos zu einer bettelnden Gebärde sich öffnend – – und alles wußte er jetzt wieder. Daß sie tot war, und daß er sie nie wieder sehen würde, – – und er fühlte, wie etwas sich in ihm löste, und er konnte aufschluchzen, und endlich weinen.

Aber nein – – das war ja Wahnsinn; sie lebte ja; noch vor kaum drei Stunden war er ja da unten am Wasser ihr begegnet! Ja – – die lebte; aber die war ihm ja gleichgiltig. Nur ihre Züge hatte er der andern geliehen, die gestorben war. Was wußte er denn von der Lebenden, und was war sie ihm? Ein paarmal, wenn er auf einer Bank am Wege saß, war sie an ihm vorübergeschritten, und ihr blasses Gesicht hatte ihn nachdenklich gemacht. Was ging sie ihn an? Er kannte ihren Namen nicht; ob sie Eltern hatte, Geschwister, woher sie kam – – nichts wußte er, und es war wertlos für ihn, es zu erfahren. Die, die gestorben war – die liebte er.

Er neigte sich der Wand zu und preßte seine Stirne an die kalte Mauer. Wie gut das tat; nun konnte er wieder denken. Was war denn geschehen? Also: Er war am Abend den Fluß entlang gegangen – – – ja – aber vorher? – – Vorher hatte er lange mit Georg geplaudert und war dann müde allein am Fenster gesessen. – – Aber warum war er denn nur noch hinuntergegangen? – – Ja – so war's: Der Doktor hatte ihn von der Straße her angerufen und mit ihm gesprochen; das hatte ihm den Schlaf vertrieben, und er war dann noch allein unten den Fluß entlang gegangen. Und dann? – Dann hatte er sich schlafen gelegt und hatte lebhaft geträumt – und jetzt war er wach – – das war alles. Aber wenn er nur geträumt hatte, warum war dann noch jetzt, da er wach war, dieser Schmerz in ihm? Als wäre ihm wirklich die gestorben, von der er geträumt. Die gab es ja doch gar nicht! Rasch – wie die Dinge des Traumes ihre Körperlichkeit verloren – mußten ja auch die Gefühle schwinden! Jetzt schon schien alles zu verblassen, und er mußte ein wenig nachdenken, wenn er sich an das Zimmer erinnern wollte, in dem er im Traum gewesen, bevor er hinab in das Krankenzimmer ging. Wie sonderbar doch der Traum dichtete! Er kannte ja gar kein Haus, das dem glich, von dem er geträumt hatte; und was war das doch für ein Landgut gewesen, auf dem er bei seinen Großeltern das Frühjahr verbrachte? Er hatte doch seine Großeltern gar nicht gekannt! Und er selbst war auch ein anderer gewesen; oder kannte er sich im Traum besser als im Wachen?

Er setzte sich auf dem Bettrand aufrecht. Er fühlte die kühle Nachtluft, die durchs Fenster kam und den Duft frisch gemähten Heus von den Bergwiesen herübertrug. Die Linden des Gartens drängten ihre Zweige hart ans Fenster, und ihr regungsloses Laub schien ein dichtes Gitter dunkler Herzen. Auch von den Bäumen da mußte er geträumt haben – er fühlte es noch –, aber er wußte nicht mehr, wo er sie in seinem Traum gesehen. Es schien ihm, als wäre der kurze Schlaf mit unendlich vielem erfüllt gewesen; nichts Gleichgiltiges hatte es da in seinem Leben gegeben. Keine leeren Stunden, die nur die Brücken zu erhofften reicheren waren; und nichts, das wertlos am Wege stand und an dem man fremd vorüberging. Ihm hatten alle Dinge ihr Antlitz zugewandt – er konnte nicht an ihnen vorüber; um seinetwillen waren sie da, und ihr Schicksal vermochte er nicht von dem seinen zu lösen. Er stand auf und trat ans Fenster. Er stieß den zweiten Flügel auf, neigte sich über die Brüstung, und sah hinaus. Dichte milchweiße Nebel hingen über den Dächern und den Baumwipfeln. Auf der hölzernen Brücke lag der rote Schein der Lampe, die zu Füßen des heiligen Johannes von Nepomuk brannte. Der Regen mußte die Traun geschwellt haben; stärker als sonst klang ihr Rauschen an den Brückenpfeilern. Hart vor dem Fenster lief der Röhrbrunnen. Er hörte, wie der dünne Strahl leise singend ins Wasserbecken rieselte, und dann wieder – vom kühlen Nachtwind zur Seite geweht – auf den Steinen ringsum auffiel und zersprühte. Voll feuchter Frische war die Luft; er trank sie mehr, als er sie atmete. Über die Gipfel der dunkeln Berge weg, glitten weiße Wolken, und in den Tälern lagen feuchte Nebel gebettet und wiesen den Weg, den das Wasser hinaus in flacheres Land lief. Wie aus fensterlosen versperrten Räumen entwichen, fühlte er sich; die Unruhe und Überfülle des Traumes ängstigte ihn nicht mehr; Raum war hier, und freie Luft.

Er trat vom Fenster zurück und setzte sich auf den Rand des Bettes. Er hörte das tiefe Atmen Georgs, der im Nebenzimmer schlief. Er wandte sich und schüttelte die Polster locker; dann legte er sich nieder und erwartete den Schlaf.

An nichts mehr wollte er denken; nur ans Einschlafen. Er sah auf seine Hände, die vor ihm im Mondlicht auf der Bettdecke lagen. Über die Gelenke fiel der schwarze Schatten des Fensterkreuzes. Er schloß die Augen und fühlte, wie seine Glieder wehrlos wurden und sein Kopf langsam nach vorne glitt. Aufgeschreckt warf er den Kopf zurück; er hatte an ihre armen mageren Hände gedacht, von denen die Ringe herabfielen; nie mehr würde er sie sehen. Aber er ward wieder ruhig; es gab ja keine, die er geliebt hatte und die gestorben war. Das war nur ein Traum gewesen; und der war zu Ende; jetzt war er ja wach – ganz wach. – – Er schlief.

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