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Der Tod Georgs

Richard Beer-Hofmann: Der Tod Georgs - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorRichard Beer-Hofmann
titleDer Tod Georgs
publisherPhilipp Reclam jun.
year2009
isbn978-3-15-009989-6
firstpub1900
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20150825
projectida4f718f7
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I

Durch das offene Fenster strich die kühle Nachtluft feucht und regenschwer. Unten auf der Straße hallten Schritte, dann blieb einer stehen und rief herauf: »Paul?« Er trat zum Fenster und lehnte sich weit heraus: »Sind Sie's – Doktor?«

»Ja, kommen Sie doch noch herunter – auf eine Viertelstunde nur, jetzt ist's so schön!«

»Danke – ich bin müde.«

»Wo waren Sie denn heute – bei dem Regenwetter?«

»Nirgends – ich bin auch nicht vom Gehen müde – nur abgespannt vom vielen Sprechen; Georg ist heute gekommen – er wohnt bei mir.«

»Georg?«

»Ja; bevor er nach Heidelberg geht, will er noch ein paar Wochen hier in Ruhe verbringen.«

»Ja hat er denn nicht mehr seine Assistentenstelle in Berlin?«

»Aber Doktor, lesen Sie denn keine Zeitungen? Georg ist als Professor nach Heidelberg berufen worden!«

»Als Professor!« Der Doktor schwieg eine Weile, dann wiederholte er nochmals nachdenklich: »Als Professor! Bitte gratulieren Sie ihm in meinem Namen!«

»Sie werden ihn ja morgen sehen, Doktor.«

»Der hat's gut!« sagte der Doktor, und seine Stimme klang neidisch traurig: »Wie er an die Universität kommt, eine Erbschaft – so daß er sich nicht um Lektionen und Stipendien kümmern muß, und ein paar Monate im Jahr reisen kann; kaum ist er Doktor, bekommt er eine Assistentenstelle, und jetzt – nach vier Jahren – eine Professur! – Ja – Glück muß der Mensch haben! – Woher kommt er denn jetzt?«

»Aus Südtirol; Sie würden ihn kaum erkennen, Doktor, so braun hat ihn die Sonne gebrannt; und einen Vollbart trägt er, und stärker ist er geworden.«

»Ja!« Es klang wie ein Seufzer, »er war ja immer ein hübscher Mensch – also gute Nacht, Paul – und grüßen Sie Georg!«

»Gute Nacht, Doktor!«

Er ging; Paul setzte sich in den weidengeflochtenen Lehnstuhl, der am Fenster stand, und sah hinaus. Durch die Zweige der hohen Linden im Vorgarten schimmerte ein lichtes Fenster, und von den dunkeln Massen der Berge brachte der Wind den Duft frischen Heus. ›Glück muß der Mensch haben!‹ Der traurig neidvolle Ton klang in ihm nach. ›Glück!‹ Freilich nicht so, wie der Doktor es meinte. Er horchte auf die ruhigen kräftigen Atemzüge des Schlafenden im Nebenzimmer.

So hätte er sein mögen, wie der! So stark und gesund im Empfinden, wie der da drinnen; und den Willen, den starken Willen, und den Glauben an das, was er wollte, hätte er haben mögen!

Paul stützte den Kopf in die Hand und horchte auf die Schläge der Turmuhr: Zehn Uhr! In der Stille um ihn wurden Geräusche laut: Fenster, die sich klirrend schlossen, das Ächzen von Schlüsseln in Haustoren, irgendwo ward eine Wirtshaustüre aufgerissen, und man hörte Lachen, Schreien, Gläserklirren, die zornig-lallende Stimme eines Trunkenen, und unsicher schlürfende Schritte auf kiesigem Boden – dann ward es still, und das Licht, das zwischen den Zweigen schimmerte, erlosch.

Paul stand auf; jetzt, da seine Gedanken wieder wachgerüttelt waren, hätte er nicht schlafen können. Er wollte sich müde gehen; und er löschte das Licht und schritt die dunkle steile Holztreppe hinunter, auf die Straße.

Auf der Traunbrücke blieb er stehen. Drüben, gegen die Salinen zu, war es dunkel; nur eine weißleuchtende Rauchsäule quoll dicht und träge aus dem hohen Schornstein, hob sich licht von dem Schwarz der Berge, und floß dann in eins mit schweren schwarzgrauen hellgerandeten Wolkenballen, durch deren Spalten das Licht des Vollmonds sich drängte. Auf die hölzerne Brücke fiel der rote Schein der Lampe, die zwischen Sträußen frischer Alpenrosen zu Füßen des heiligen Johannes von Nepomuk brannte. Die weiße Masse der Häuser überragte die runden Wipfel der niederen Bäume in der Allee. Über die hohe Flaggenstange am Brückenkopf, die weißen Mauern und die verflachten Dächer hin, war das Mondlicht in hellen Flecken versprengt; ein unruhig wechselndes Glitzern war auf den Wellen des Flusses, die unter dem gewölbten Brückenbogen an hölzernen Pfeilern weißschäumend aufrauschten.

Er schritt längs des Flusses; die Bänke waren leer und glänzten, noch feucht vom Regen. Hinter sich hörte er Schritte und Geplauder; wie es näher kam, unterschied er eine Männerstimme, die müde und verschlafen sprach: »Im Sommer – einen Pelzkragen?« Eine Frauenstimme antwortete: »Die Abende sind kühl.« Nach einer kurzen Pause fragte die Männerstimme wieder, schleppend, mit interesselosem Ton, als wollte sie bloß das Gespräch im Gang halten: »Was ist das eigentlich?« »Französischer Pudel – weißer französischer Pudel.« Es schien eher eine hohe schwankende Kinderstimme als die einer Frau zu sein. Er verlangsamte seine Schritte und ließ die Sprechenden an sich vorbei. Ein Mann und zwei Frauen, deren Züge er im Dunkeln nicht unterschied, dann eine schmächtige Gestalt, die ihn streifte. Im unsichern Licht einer Laterne sah er nur einen seidenhaarigen Pelzkragen, und über einem schmalen blassen Gesicht einen niedern gelben Strohhut mit weißem Band.

Er erkannte sie. Wenn er früh am Morgen in den Wald gegen Laufen hin ging und auf einer abseits liegenden Bank in einem Buch las, kam sie manchmal an ihm vorbei. Ihr kurzer Schritt wurde dann hastiger, als fühle sie den beobachtenden Blick, mit dem er ihr folgte, bis sie hinter einer Biegung des Weges verschwand. Er wußte selbst nicht mehr, was ihm zuerst an ihr aufgefallen war. Schön war sie ja eigentlich nicht, aber etwas in ihr erinnerte an vieles Schöne; ein schwacher Schein von entfernter und fremder Schönheit schien über sie zu gleiten.

Wenn ihre schlanke knabenhafte Gestalt, von einem enganliegenden Kleid umschlossen, ruhig dastand, den Kopf leicht zur Seite gewandt, die Hand vor sich hingestreckt auf dem zu hohen Griff des Schirmes ruhend, mußte er an Bilder denken, auf denen Erzengel in stählernem goldtauschiertem Panzer ihr Schwert vor sich hin in den Boden stemmten. Wenn sie dann gegen Mittag auf dem Rückweg an ihm vorbeischritt, hatte sie manchmal den Hut abgenommen und trug ihn in der Hand. Der tiefe Schatten des Waldes und dann wieder verirrte Sonnenstrahlen färbten ihre Wangen und ihr leicht gewelltes Haar. In verstaubten Winkeln eines Antiquitäten-Ladens standen Statuetten von Heiligen, die ihr glichen; ihre Wangen schienen den matten Glanz von lichtem Holz zu haben – nur auf den Lippen hing blasses Rot, wie leichte flüchtige Übermalung. Das Haar schien dunkel; Weihrauchqualm, der sich schwer in die Flechten legte, und die Flamme geweihter bunter Kerzen, die in Wandleuchtern duftend brannten, hatten es geschwärzt, und nur an wenigen Stellen leuchtete es noch von früherer Vergoldung. Hart und ungefügig bewegten sich ihre hagern Kinderarme, als hätten sie noch nicht gelernt, umarmend sich um den Hals des Geliebten zu schlingen, und ihre verschlossenen knospenden Formen schienen den Tag zu erwarten, an dem die Liebe schwellen und öffnen würde, was jetzt noch verschüchtert schlief.

Vom andern Ufer des Flusses her schoß ein Lichtstrahl zu ihm herüber; dann fiel schwer eine Türe ins Schloß. Er fuhr auf. Liebte er sie? Nein; er kannte sie ja nicht, und es waren Tage und Wochen vergangen, in denen er sie nicht sah, und kein Verlangen, sie zu sehen, war ihm gekommen. Nur jetzt, wie sie in der Nacht im Vorübergehen ihn streifte, hatte sie wieder Gedanken an Dinge wachgerufen, die ihm lieb waren; nicht sie liebte er – nur das, woran sie ihn erinnerte.

Er kannte auch das sehnsüchtige Empfinden, das manchmal über ihn kam – in stillen kühlen Nächten, und dann wiederum an brütend heißen Sommernachmittagen. Dann glitten die Ringe, die sonst ängstlich einen Gedanken an den andern ketteten, von einander – und über kühne pfeilerlose Brücken, die sich schwindelnd wölbten, schritten nachtwandelnd seine Gedanken. Was jeder Tag an stumpfen schläfernden Schichten über seine Sinne gelagert, fiel von ihnen, bis sie nackt und bebend bloß lagen – und wenn es sonst seltsam fremder Folgen dunkler Akkorde brauchte, um ihn zu rühren, konnte jetzt das leise Klirren eines Ringes an Glas ihn erschüttern. Die kühlen Tropfen, die sich von den regenfeuchten Blättern zitternd losrangen und seinen Nacken trafen, und die leuchtende Flut zwischen den schwarzen Schatten der Bäume auf dem Wasser – all' das konnte ihm dann wie große Schönheit und wie tiefes langersehntes Glück erscheinen.

Er sah zum Himmel auf. Zwischen regenschweren rostbraun gerandeten Wolken schwamm der Mond, und von ihm floß Licht über die Dächer und warf sich von vorspringenden Rinnen jäh zu Boden, die Mauern im Dunkel lassend. Über den feuchten Auen am Fluß lag ein zarter blauer Hauch, der wie lauer Atem aus der Erde in die kühle Nacht zu strömen schien. Hart am Weg wanden sich in dunklem Knäuel Baumstämme – wie Schlangenleiber gefleckt vom Mondlicht, das sickernd durch die Lücken des Blattwerks rann. Drüben am andern Ufer, wo das Tal sich öffnete, war eine weiße Wolke wie ein mächtiges Schiff zwischen dunkle Berge gebettet. Träg wiegte sie sich über dem dünnen Nebel, der den Talspalt unter ihr füllte, und wie jetzt ein leichter Windhauch von den Bergen her sie traf, lösten sich ihre Ränder und verrannen im Nebel, daß es wie ein breiter Vorhang aus den Wolken herab zur Erde wallte.

Er lehnte an der hölzernen Brüstung und sah hinüber, erwartungsvoll – als müßte jetzt der Vorhang reißen und unendlich Schönes dahinter liegen. ›Glück!‹ Er sprach das Wort nicht, seine Lippen bebten es nur, und er fühlte, wie Sehnsucht ermattend über ihn floß. Glück! – Nicht das des helldampfenden Frühlingsmorgens, wo man auf weißem Pferd über braunen lockern Acker reitet, und feuchtduftende Erdkrume zu einem aufsprüht, und alles noch vor einem liegt: Der Tag und das weite Land und das Leben – und wo lichte Wolken und leuchtende Flüsse mit einem ziehen.

Und nicht das träge liebesmatte Glück windstiller Sommernachmittage. Wo man in schwülen Lauben verlassener Gärten mit der Geliebten ruht, das Gesicht an ihre Brust geschmiegt; und in jeder Atemwelle, die ihren Busen gegen unsere Wange drängt, daß seine Knospen zitternd unsere liebesfeuchten Lippen streifen, fühlt man Leben; im Duft der reifenden Pfirsiche, im Summen der Bienen – und die satten Sinne träumen, und alle Sehnsucht ist eingeschlafen.

Und auch nicht das letzte große todesmutige Glück des Untergangs, wenn eine Sonne in goldene Wolken verblutet und man ein freies prunkendes Sterben ersehnt. Auf hochgetürmtem blaupurpurnem Lager, in königlicher Barke, den Strom zwischen steilen Ufern hinabzutreiben – die Arme weitgebreitet – daß man fühlt, wie in großen ruhigen Wellen Blut aus den Wunden quillt. Und von den hohen Uferrändern sieht stumm auf uns das Leben, aus dem wir ziehen; Männer und Frauen, wie dunkle Schatten auf dem flammenden Abendhimmel gereiht – und unser Blick streift sie kaum – denn mit offenen Augen sehen wir in die Nacht, in die wir willig fahren – hinter uns im Strom eine blutige Furche.

Von all dem wollte er nichts. Wovon er träumte, war ein Glück so still und voll Frieden, daß es sich nur wenig von Wehmut und Entsagen schied. Manchmal hatte er es geahnt, wenn er am frühen dämmernden Morgen am Waldrand stand, und in seltsamer Helle – die nicht das Licht der Sonne war – feuchte Wiesen mit schilfumsäumten Teichen, schlanke Birken, und – weit von ihm – weiße schlafende Höfe lagen. Von den gelben Lilien am Wasser hatte der Morgenwind noch nicht den Tau geweht, und in den unbewegten Teichen fingen sich blasse errötende Wolken wie in matten silbernen Spiegeln. Da hatte er die kühle ruhevolle Schönheit der Dinge gefühlt, über die das Leben noch nicht gekommen war, und sein heißer Atem.

So hätte es sein müssen – das Glück. Ihm war, als wüßte er es nahe – dort drüben hinter den Nebeln, die vor dem Talspalt rannen; und wie sie jetzt rissen, sah er es in weißen Wolken deutlich – ganz deutlich: Ein schmales Hochtal; lichte Wiesen zwischen weißgeballte Berge geengt, die jäh erstarrtes Leben schienen, nicht toter Stein. Große Falter mit feierlich sich breitenden Flügeln schwebten regungslos über hoch und schlankgestielten Blumen, die farblos wuchsen; und er wußte, daß die dunkelten, wenn man ihrer vergaß, und licht und duftend wurden, wenn man lange voll Liebe sich über sie neigte.

Weither vom Ende des Tals, wo die Berge sich schlossen, leuchteten weiße Gewänder – weißer als die weißen Berge und lichten Wiesen ringsum; und er wußte wiederum, daß es so sein mußte. Denn über allem, was er sonst sah, so blaß es schien, lagen doch noch die warmen dunkelnden Schatten des Lebens; aber was sich um den dürftigen Leib dort weich und taudurchfeuchtet legte, war ein Sterbekleid und trug das blendende Weiß, zu dem der Tod die Knochen bleicht und in dem vereiste Welten sterben; und war Seide – totes seidenes Gespinst von ungeborenen Faltern, und dunkle Falter glitten ruhlos suchend um seinen Saum. Weit in den Nacken zurückgeworfen, als zöge es die schwere Flut der dunklen Haare dahin, war das Haupt. Nichts von dem, was um sie war, konnte sie sehen; über alles Nahe hinweg ging unter halbgesunkenen Lidern der Blick ihrer Augen – die wie honigfarbener Bernstein leuchteten – zu ihm. Sie schien regungslos und kam doch näher. Mit geschlossenen Füßen glitt sie über die Wiesen, als triebe sie ein leichter Wind ihm zu, und wie sein eigner Atem tief und schwer ging, war es ihm, als söge er sie mit jedem Atemzug an sich heran. Und weiße verwehte Blüten von Bäumen, die er nicht sah, schwebten langsam herab und sanken in ihr dunkles Haar – und doch nicht Blüten – es mußte Schnee sein; denn zwei große Flocken, verästelten weißen Sternen gleich, fingen sich in den langen weichen Wimpern ihrer Augen, und zergingen, und rannen zögernd über ihre heißen Wangen – wie große Tränen.

Er fühlte, wie es kühl über seine Wangen glitt, und schrak zusammen; aber es war nur ein Tropfen von den vielen, die zitternd an den Spitzen der dunkeln Blätter über ihm hingen, und das drüben waren nur Wolken, die sich ballten und verrinnend lösten – und was er als Sehnsucht empfand, vielleicht nur die müde Zärtlichkeit, ehe der Schlaf kam. Er fürchtete, ihn zu verscheuchen. Langsam schritt er längs des Wassers zurück, mit schweren schlafdurchtränkten Gliedern, die er trug, als wären sie fremde Last. Unter seinen trägen Schritten wich manchmal der weiche feuchte Kies und sprühte mit leisem gläsernem Klang ins Wasser. Das reiche wogende Drängen seiner Gedanken war vorbei; lässig wiegten sie sich nur zwischen der Frau, die er dort in den Wolken gesehen, und dem Mädchen, das ihn vorhin im Vorübergehen gestreift. Wie sie sich glichen! Wie kam es, daß er der einen die Züge der anderen lieh? War das Liebe, die so begann?

Dann dachte er an nichts mehr; er war nur müde. Er hörte das Hallen seiner Schritte auf der Brücke und merkte, wie glatt die Stange des Geländers war, als er sich auf der dunklen Holztreppe hinauftastete. Auf dem Bettrand saß er nieder und streifte seine Kleider ab. Dann lag er da und fühlte noch, wie gut die kühlen Kissen sich in seinen heißen Nacken schmiegten. Wie mondhell das Zimmer war! Und das da an der Wand war der schwarze Schatten des Fensterkreuzes. Georg schlief da drinnen. Wie ein Gitter von schwarzen Herzen sah das Laub der Linde vor dem Fenster aus. – Was das für ein Duft war, den der Wind da durchs offene Fenster trug? Kam der aus dem Garten? Oder waren das frischgemähte Wiesen auf den Bergen? – Er schlief.

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