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Der Tod des Achilleus

Willy Seidel: Der Tod des Achilleus - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
authorWilly Seidel
booktitleDer Tod des Achilleus und andere Erzählungen
titleDer Tod des Achilleus
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H.
year1936
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080309
projectid34105ea9
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I

Über dem Hellespontos spaltete sich eine Wolke. Es blitzte golden. Ein Strahl schoß hervor, tastete über das Blachfeld und erlosch.

Achilleus rasselte nieder. Ächzend griff er nach der rechten Ferse und drehte die blutverschleierten Augenbälle wie drohend gen Himmel. Was war dies Rauschen, das ihm das ungeheure Geschrei bald herzutrug, bald in Entfernung schob?

Sein Kiefer straffte sich. Er hockte auf Händen und Knien. Wütend schüttelte er das Haupt; die schwarze Roßhaarmähne stürzte, den Staub peitschend, in zwei Wellen über seine Brauen. Sein flachsenes Ringelhaar troff von Schweiß; seine Nüstern empfanden zum erstenmal den Geruch des Staubes. Seine Mundwinkel rundeten sich wie im Ekel; sein Atem blies in Stößen. Von der Ferse bis in den Schenkel hinauf zuckte das Verderben.

Er senkte die Lider, denn in ihm war eine Stimme laut, die anschwoll von anklagendem Trotz und seinen Brustkorb weitete, so daß die Purpurriemen des Panzers sich knirschend strafften. Die von Troja hatten ihn stürzen sehen; nun rotteten sie sich erneut zusammen, und ihr Hohn kläffte heran. Um ihn war aufreizendes Geklirr, war Angriff – ihrer zwanzig, vereinigt, waren erpicht darauf, ihn zu würgen. Und noch einmal, mit einem Schrei, der seiner gepreßten Lunge wie ein Schluchzen entfuhr, sprang er hoch. Taumelnd stand er, die zangengleichen Finger um das blutschlüpfrige Eschenholz der beiden Lanzen geklammert. Die gewohnte Gasse tat sich auf; sie rannten davon.

Orythaon hielt noch stand; auch Hipponoos und Alkithoos. Sie stritten wütend. Der Pelide zerbrach ihnen mit den Speeren die Schädel, so daß ihre Helme wie blutbespritzte Becherscherben in den Staub rollten. Wie wenn einer eine Tür öffnet, so war das Feldgeschrei wieder maßlos angeschwollen; dann klang es gedämpfter, als sinke die Lärmwelle ins Wesenlose. Etwas kleiner und sehr deutlich sah er die wild durcheinanderwogenden Gruppen. Er wollte sich stützen; seine gespreizten Finger tasteten vergebens nach einem Halt; ein zweites Mal wankte er wie ein unterhöhlter Turm und fiel.

Noch im Sturz suchte er die große Wölbung des Schildes über sein Antlitz zu ziehen, und der Schild fiel auf ihn nieder, während sein Arm im Silbergehenk erschlaffte. Ein Klang entstand wie der einer schweren erzenen Scheibe. Das Getöse versickerte hinter purpurner Dämmerung. Dann war dem Achilleus, als müsse er noch einmal anklagend die Augen gen Himmel richten, und seine Lider brachen auf. Nun, als gebe er damit ein Zeichen, trat trotz all der Bewegung und Ruhelosigkeit eine Stille ein – er war hinter das Geschrei geraten, und wie ein wassertretender Schwimmer, nur unendlich weniger mühselig, stand er senkrecht über sich und sah einen großen Mann am Boden liegen.

Halb zusammengekrümmt lag dieser Mann. Aus dem grünen Leibrock, der unter dem Panzer hervorquoll, ragten die Schenkel matt geöffnet mit den Beinschienen aus Zinn. Brust und Kopf waren unter dem Schild; wie ein kleiner Kosmos glänzte dessen Figurengewimmel zu ihm herauf: die große Kunst des Hephaistos. Widerwillig riß er seinen Blick los von den silbernen Abbildern des Lebens und führte ihn jenen riesigen Arm entlang, den Arm voll dräuender Muskeln, bis zu der machtlosen Faust, die noch den Schwertgriff hielt ... Kaum konnte er's ertragen zu sehen, wie sich das Blut aus der Ferse dort im Staub verbreitete wie ein zerfranster Fächer. Und ein letztes Zucken durchlief auch den mächtigen Körper drunten; der Schild hob sich noch einmal – wandte, erneut von einem Sonnenblitz gestreift, sein mächtig funkelndes Rad zur Seite, diesen Kranz von erlesenem Zierat, und klappte um: da sah Achilleus, und ihn grauste, die eigene ekelverzerrte Lippe und den tiefen unversöhnlichen Grimm der Falte, wie ein Schnitt aus der niederen breiten Stirn in den Nasenrücken sinkend, unter der goldenen Hülse des Brauenschutzes, die wie ein Stachel wegstand vom verschobenen Helm ... Er sah, wie sein Kehlkopf sich blähte oberhalb des Stahlrandes der Rüstung; seine gekrümmten Knie flogen zueinander, streckten sich. Und während dies geschah, stieg ein hohles Seufzen aus dem Hals des Mannes; es war das letzte. Es umhüllte den Darüberschwebenden wie ein Flammenmantel.

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