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Der Thronfolger - Erster Band

Ernst von Wolzogen: Der Thronfolger - Erster Band - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorErnst von Wolzogen
titleDer Thronfolger - Erster Band
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1892
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid588a8716
created20070204
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Erstes Kapitel.

In welchem die Katz eine Nase und die allgemeine Neugier reichlich Nahrung bekommt. Ein Stern geht auf.

Der weiße Saal des großherzoglichen Schlosses erstrahlte im Glanze mehrerer hundert Wachskerzen. In den unzähligen Prismen der krystallenen Kronleuchter brach sich ihr mildes Licht und auf dem milchweißen Marmor der Säulenreihen, die sich an beiden Schmalseiten des herrlichen Prunkraumes hinzogen, auf den Spiegelflächen zwischen den hohen Bogenfenstern, wie auf dem eisglatten Fußboden zitterte der Wiederschein in leisem Wellenspiele. Und weiter zerstob die Lichtflut in Strahlenbüschel und lustiges Funkenfeuerwerk, wo es sich in dem Brillantschmuck der Damen, in den Goldstickereien der Uniformen und in dem blitzenden Ordensfirmamente verfing, womit der größte Teil der Herren vom Hofe sich festlich brüsten konnte.

Es galt die Feier des Neujahrstages. Am Vormittage hatte für die Herren eine Gratulationscour stattgefunden. Für den Abend war die ganze Hofgesellschaft der Residenz samt den hervorragenderen Vertretern der Kunst und Wissenschaft des engeren Vaterländchens, die Offiziere benachbarter Garnisonen, sowie endlich diejenigen Mitglieder des eingeborenen Landadels, welche eine Hofcharge bekleideten, zum Konzert eingeladen. Dieses Hofkonzert am Neujahrsabend war für die gesamte adlige Gesellschaft des Großherzogtums ein bedeutungsvoller Tag, dem besonders die Herzen der Damenwelt mit fiebernder Erwartung entgegenzuschlagen pflegten. Altem Herkommen gemäß wurden nämlich bei dieser Gelegenheit die jungen Mädchen, die das ball- und heiratsfähige Alter erreicht hatten, den höchsten Herrschaften vorgestellt und dadurch feierlichst als in die Gesellschaft aufgenommen erklärt.

Außer dieser alljährlich wiederkehrenden Aufregung gab es aber diesmal noch einen ganz besonderen Anlaß zu ungewöhnlicher Spannung der Erwartung. Seine Königliche Hoheit der Erbgroßherzog, welcher erst in den Weihnachtsfeiertagen von einer fast zwei Jahre währenden Bildungsreise heimgekehrt war, wollte sich heute zum erstenmal wieder in dem größeren Kreise der Hofgesellschaft sehen lassen. Eigentümliche Gerüchte von einer seltsamen Wandlung, die durch jene Reise in dem Wesen ihres jungen Thronfolgers vorgegangen, waren durch die Herren, welche bereits den Vorzug gehabt hatten, mit ihm zusammenzukommen, in der Stadt verbreitet worden. Georg Friedrich, hieß es, sei auffallend ernst geworden im Vergleich zu seiner früheren kavaliermäßig oberflächlichen Art und Weise. Bei dem Liebesmahl im Offizierkasino, zu welchem er die Einladung huldvollst angenommen, habe er sich zwar kameradschaftlich ungezwungen, aber durchaus nicht mehr in jener etwas burschikosen, die Vertraulichkeit herausfordernden Weise von früher benommen. Er habe recht beredt von seinen Reisen, besonders von seinem Aufenthalt im Orient, zu erzählen gewußt, aber die frivolen Anspielungen des gemütlichen dicken Majors von Bomst mit einer so kalten Entschiedenheit zurückgewiesen, daß alles starr gewesen sei. Auch hätten er und besonders sein Reisebegleiter, ein Baron von Kospoth, von dem kein Mensch recht etwas wisse und der nicht einmal Reserveoffizier sei, über gewisse exotische Verhältnisse Ansichten geäußert, welche denen, die ein guter Christ und Staatsbürger, besonders aber einer von Adel, zu hegen verpflichtet sei, bedenklich widersprochen hätten. Man wisse vorderhand noch gar nicht, wie man sich in Zukunft gegen den Erbgroßherzog zu verhalten haben werde – jedenfalls habe sein erstes Auftreten unter den Offizieren eine unbehaglich gespannte Stimmung erzeugt.

Die Neugier der Damenwelt war durch diese Aussprengungen in höchstem Grade erregt. Hatte sie sich vorher nur gefragt: wie wird der Prinz aussehen, wird ihn die Tropensonne recht braun gebrannt, wird er uns, wie er versprach, etwas Schönes mitgebracht haben? so stieg jetzt der bange Zweifel in so manchem jungen Busen auf, ob er überhaupt noch als der allzeit verliebte Schäferprinz zurückgekehrt sei, mit dem sich früher ein so gefährlich süßes Spiel treiben ließ. Es hatten dem galanten, bei Antritt seiner Reise erst zweiundzwanzigjährigen Erbgroßherzog nicht nur etwelche kleine Bürgermädchen nachgeweint, mit denen er etwas weit gegangen war; nein, es hatten auch einige Fräulein aus der Hofgesellschaft während seiner langen Abwesenheit mit bangem Seufzen und heimlichem Erröten sein gedacht. Wie mancher hatte er nicht beim Tanz oder beim Eislauf gar berauschende Heimlichkeiten in das angstvoll lauschende Ohr geflüstert, Dinge, die zu sagen sie keinem andern Kavalier verstattet hätten – aber freilich, mit einem so hochgeborenen Anbeter muß man ja wohl oder übel eine Ausnahme machen! Und zudem, man konnte nicht wissen, wozu es am Ende doch gut war. Die Beispiele von Neigungsheiraten, ja selbst von Thronentsagungen erlauchter Sprößlinge fürstlicher Häuser wurden ja gerade in der neuesten Geschichte immer weniger selten.

Da war besonders das Fräulein Wally von Katz, die jüngste Hofdame der Prinzessin Eleonore, welche in süßer Erinnerung der empfangenen unzweideutigen Beweise zärtlichster Gewogenheit von seiten des Thronfolgers mit Herzklopfen, aber doch mit kecker Zuversicht die Gelegenheit zu einer Aussprache mit dem angeschwärmten Prinzen herbeisehnte. Diese Sehnsucht hatte sie sogar vermocht, auf die Nachricht von der überraschenden Ankunft des Prinzen hin, den Weihnachtsurlaub abzukürzen und sich an der Neujahrsfestlichkeit zu beteiligen, trotzdem sie sich noch gar nicht zum Dienst zurückgemeldet hatte. Wie ein aufgeregtes Vögelchen im Bauer hüpfte und schwirrte das zierliche, kleine Fräulein, das sich wohlweislich einen Eckplatz gesichert hatte, in dem Mittelgange zwischen den Stuhlreihen hin und her, ihre alten Freunde und Freundinnen mit kleinen Neckereien begrüßend und mit affektiert naiver Dreistigkeit die neuen Erscheinungen musternd. Nur ein einziges unter diesen jungen Mädchen erschien ihrem Scharfblick als möglicherweise gefahrdrohend, und das war dasselbe junge Mädchen, welches sofort bei seinem Eintritt aller Blicke auf sich gelenkt hatte.

Da saß sie an der Seite ihres Vaters, des schneeweißen Generals von Treysa, und blickte mit ihren großen braunen Augen aufmerksam um sich, wie um die vielen fremden Gesichter vorläufig in einige wenige Klassen einzuordnen. Da sie zufällig zwischen lauter Herrschaften saß, bei denen ihr Vater sie noch nicht eingeführt hatte, so wurde sie nicht ins Gespräch gezogen, und der alte General neben ihr blickte auch unter seinen buschigen weißen Brauen so drohend hervor, daß sich jedermann von einem nicht gewünschten Annäherungsversuche abgeschreckt fühlen mußte. Desto eifriger richteten sich aus der Ferne alle bewaffneten und unbewaffneten Augen auf das Fräulein von Treysa, und die Herrenwelt zum mindesten war darin einig, daß hier ein neuer Stern am Himmel des großherzoglichen Hofes im Aufgehen begriffen sei.

»Alle Wetter!« schnalzte der dicke Kammerherr von der Rast, dessen feucht schimmernde Aeuglein schon geraume Zeit in stummem Entzücken auf dem weißen Nacken, den weich gerundeten Schultern und recht üppigen Oberarmen der jungen Schönheit geruht hatten, und legte dabei seine dicken, kurzen Finger um den Arm eines neben ihm stehenden Infanteriehauptmanns. »Was sagen Sie, Kapitän? Hören Sie, mir wird für meinen behaglichen Witwerstand bange! Dieser alte Eisbär von einem Papa verdiente nach Sibirien geschickt zu werden dafür, daß er uns seinen Schatz so lange vorenthalten hat. Das Mädel ist doch entschieden schon ein paar Jahre ballreif. Sehen Sie bloß diese saftige Fülle – Pfirsich, ganz Pfirsich!« Und dabei kniff er die Aeuglein zusammen und sog die Luft durch den gespitzten Mund ein, wie wenn er den Saft der gedachten Frucht einschlürfte.

»Wässert Ihnen schon wieder der Mund, alter Faun?« versetzte der Hauptmann, dessen angenehmes Soldatengesicht die Verachtung, die er im Grunde für diesen feisten Schranzen mit dem ewigen satten Nachtischlächeln hegte, nicht ganz verbergen konnte. »Sagen Sie mal, dieser alte General von Treysa ist ja wohl zu den seligen Bundestagszeiten Höchstkommandierender unsres Kontingents gewesen?«

»Ja gewiß! In der grünen Galerie können Sie sein Porträt aus seinen Glanztagen bewundern. Erinnern Sie sich nicht? Spinatgrüner Waffenrock mit kolossalen goldenen Epaulettes und einem gestickten Kragen, zwei Handbreiten hoch, ein glattrasiertes strenges Gesicht mit ein Paar feurigen Augen darin und auf dem Kopfe ein Zweimaster mit einem riesigen Pompon darauf, der vom Rahmen mitten durchschnitten wird. Ist Ihnen denn das Bild noch nicht aufgefallen? Ich dächte doch, die Aehnlichkeit ...« Herr von der Rast verzog seine wulstigen Lippen zu dem gewohnten breiten Lächeln und fuhr, als der Hauptmann die Achseln zuckte, sich seinem Ohre nähernd, fort: »Man merkt es recht, daß Sie aus dem Auslande kommen, Sie Preuße, Sie! In unsrer vaterländischen Geschichte scheinen Sie noch gar nicht bewandert. O, ich kann Ihnen sagen, es kommen recht pikante Passagen darin vor! Der alte Treysa ist nämlich sozusagen ein Onkel unsres allergnädigsten Herrn – ein Sohn seines hochseligen Großvaters und der damals berühmten Sängerin Demoiselle Caffarelli. Als sie in den wohlverdienten Ruhestand trat, schenkte ihr der Herzog Schloß und Herrschaft Treysa da oben im Walde. Ach ja, derartige Schönheiten gehen doch immer nur aus solcher pikanten Blutmischung hervor! Da, da, sehen Sie doch: Jetzt kehrt sie uns ihr Profil zu! Mannifik – was?! Ein Porträt der Caffarelli, von Angelika Kaufmann gemalt, hängt übrigens auch in der grünen Galerie. Wollen wir uns doch mal daraufhin ansehen.«

Unterdessen tuschelte das Fräulein von Katz mit der langaufgeschossenen, hageren Komtesse Murbach.

»Mit neunzehn Jahren schon so dick zu sein!« zischelte die kleine Hofdame – sie meinte natürlich die Melanie von Treysa. »Das heißt, wenn es wirklich wahr ist, daß sie erst neunzehn ist! Ich finde, ihr liegt schon so eine vierundzwanzigjährige Säuerlichkeit um die Mundwinkel. Die hat der alte Brummbär gewiß nur an den Hof gebracht, damit sie sich ihren Ueberfluß ein bißchen abtanzen soll!«

»Ich muß sagen, ich finde es beinahe unanständig!« gab die Murbach zurück, indem sie dabei die schmalen Schultern zusammenzog, so daß die spitzknochigen Achseln mit bedrohlicher Schärfe aus den Aermellöchern des Kleides hervortauchten. Die mitleidlose Hofsitte zwang diese arme Komtesse, bei solchen festlichen Gelegenheiten als ein lebendiger Protest gegen die Verschwendungssucht der Natur aufzutreten, und die bösen Lieutenants hängten ihr den Spottnamen »Mene Tekel« an, was bekanntlich bedeutet: Gewogen und zu leicht befunden!

Wally von Katz hatte selbstverständlich nicht ohne eine kleine boshafte Nebenabsicht gerade die Murbach zu einer Meinungsäußerung über die frische Fülle der neuen Erscheinung herausgefordert. Um der entrüsteten Komtesse nicht ins Gesicht zu lachen, schwirrte sie davon und begrüßte auf der andern Seite den zierlichen Lieutenant von Ungerstein, um sich von ihm Auskunft zu holen über die interessante Erscheinung der Herrenwelt, den jungen Freund des Thronfolgers, Baron Kospoth, welchen sie just einsam an einer Säule nahe dem Eingang stehen sah.

Herr von Ungerstein hatte eben seinen hochwichtigen Bericht über den Verlauf des neulichen Liebesmahles beendet, als das Aufpochen der Marschallstäbe das Herannahen der höchsten Herrschaften mit ihrem Gefolge verkündete. Das Fräulein von Katz huschte wie ein Schulmädchen, das durch den Eintritt der Lehrerin überrascht wird, auf ihren Platz zurück. Der Herr Hofkapellmeister gab das Zeichen zum dreimaligen Tusch, und unter dem Geschmetter der Trompeten, den Läufern und Trillern der Holzbläser und dem Wirbeln der Pauken betraten die Herrschaften den Festsaal.

Die beiden Hofmarschälle eröffneten den Zug mit ihren Stäben; ihnen folgten die sechs Pagen, hübsche Jungen in scharlachroten Röcken, weißseidenen Kniehosen und Strümpfen, die mit Schwan verbrämten Dreimaster im Arme tragend, die zierlichen Galanteriedegen an dem breiten Bandelier zur Linken; dann kam der Großherzog, seine hohe Gemahlin am Arme führend – das »hohe« jedoch nur bildlich verstanden, denn die erlauchte Landesmutter war kaum von Mittelgröße! unmittelbar hinter dem Herrscher schritt dessen Sohn und Erbe Georg Friedrich, ihm zur Seite seine noch unvermählte Schwester, die Prinzessin Eleonore; einsam, würdevoll, klein und mißvergnügt wandelte die Prinzessin Georgine, das letzte Reis eines im Aussterben begriffenen Seitenzweiges des großherzoglichen Hauses, hinter ihren souveränen Anverwandten her, und den Beschluß machte das Gefolge von Adjutanten, Kammerherren, Staatsdamen und Fräulein.

Die höchsten Herrschaften machten vor der glänzenden Versammlung der Gäste Front und begrüßten sie durch huldvolle Verneigungen nach allen Seiten, welche von der andern Seite durch dreimalige tiefe Verbeugung erwidert wurde – wobei es die Damen nur schwer vermeiden konnten sich nicht zugleich dreimal auf ihre Stühle zu setzen. Dann traten die Pagen hinter die Sessel der Herrschaften und überreichten, nachdem jene Platz genommen, das Programm der Musikaufführung. Ein allgemeines Rücken der Stühle, ein Rauschen der Kleider, Klirren der Sporen, Rasseln und Klappern der Säbel – dann trat allgemeine Stille ein; der Großherzog nickte dem Hofkapellmeister freundlich zu und das Orchester begann die Ouvertüre zu »Euryanthe«.

Von der großen Mehrheit der Geladenen wurde die Musik bei solchen Gelegenheiten weniger als eine angenehme Unterhaltung, denn als eine Störung angenehmer Unterhaltung angesehen. Webers herrliches Musikstück war zudem jedermann so bekannt, daß bereits nach wenigen Takten zahlreiche abgebrochene Gespräche wieder angeknüpft wurden.

Prinz Usingen, der Flügeladjutant des Großherzogs, eine hohe, echt vornehme Erscheinung, neigte sich zu dem Ohre des neben ihm sitzenden Hoftheaterintendanten Baron von Camp und flüsterte ihm zu: »Sie hatten uns doch für heute die Malten versprochen – und nun sehe ich, daß unsre brave Frau Lindner an deren Stelle uns wieder mit ihrer schrecklich langweiligen Arie aus ›Jessonda‹ erfreuen wird!«

Der dicke kleine Intendant zog seine schwarzen Brauen hoch in die niedrige Stirn herauf und zuckte bedauernd die Achseln. »Ich habe mein Möglichstes gethan, aber Morbis hat natürlich wieder kontreminiert! Jedenfalls hat ihm die biedere Thea zu verstehen gegeben, daß sie notwendig ein neues Armband brauche. Daraufhin ist Seine Excellenz bei Serenissimo dahin vorstellig geworden, daß die Malten horrend teuer sei, während ich positiv weiß, daß sie es schon für die kleine goldene Medaille gethan hätte – und die ist jedenfalls billiger als ein Armband für die Lindner – besonders, wenn es Morbis aussuchen darf!«

»Echt Morbis! Ich glaube, Excellenz warten mit Sehnsucht auf den Hintritt des alten Hanswurstes, um dann Frau Thea samt ihren sechs Kindern heimzuführen!«

Graf Morbis war der Oberhofmarschall, und sein ebenso zärtliches als platonisches Verhältnis zu der schon recht gesetzten Primadonna, der Gattin des Lokalkomikers Lindner, war ein stadtbekanntes und vielbespötteltes. Der Zauber, den diese verblühte Schönheit auf den sonst so unzugänglichen Grafen ausübte, ein Zauber, welcher sogar dessen sehr fest schließendes Portemonnaie zu ihren und ihrer zahlreichen Familie Gunsten nur allzu leicht zu öffnen wußte, war und blieb ein psycho- oder, vielleicht besser gesagt, ein physiologisches Rätsel. Und selbst der Großherzog, der schon lange gern eine jüngere Kraft an Frau Lindners Stelle gesehen hätte, schonte die Schwäche seines treuen Dieners und ließ sich dadurch bewegen, die Pensionierung der kinderreichen Circe immer wieder hinauszuschieben und über die kleinen Theaterintriguen, zu welchen die Gunst des Oberhofmarschalls sie ermutigte, ein Auge zuzudrücken.

In der ersten Pause, während die Orchestermitglieder mit wahrem Hyänenhunger das für sie in einem der Vorzimmer aufgestellte Büffett stürmten, traten die Herrschaften einen Rundgang durch den weißen Saal an, und bei dieser Gelegenheit erfolgte die Vorstellung der bei Hofe neu einzuführenden Damen und Herren.

Die Oberhofmeisterin Gräfin Hendl von Rottenhan ließ ihre scharfen, etwas streng blickenden Augen durch die Reihen der Damen hinschweifen und entbot durch Fächerwink die jungen Fräulein zu sich, welche sie heute der Gunst der erhabenen Landesmutter anempfehlen sollte.

Inzwischen hatte der Großherzog schon selbst die hohe Gestalt und das ungemein charakteristische Gesicht des Generals von Treysa entdeckt und war ihm mit Lebhaftigkeit entgegengeschritten. Noch während der alte Herr sich beeilte, mit seiner Tochter zwischen den Stühlen hindurch auf den freien Mittelgang zu kommen, rief ihm sein gnädiger Fürst zu: »Ah, was seh' ich! Ein seltener Gast! Sind Sie es denn wirklich, mein lieber General? Wissen Sie, daß ich allen Grund hätte, mich ernstlich über Sie zu beklagen? Eine solche Vernachlässigung ... Hahaha!«

Nur den steifen Nacken ein wenig seitwärts hinabgebeugt, stand der alte Kriegsmann in seiner schlotternden, wie aus der Maskengarderobe entliehenen Uniform vor seinem Landesherrn und brummte schier unverständlich in seinen struppigen weißen Bart: »Königliche Hoheit wissen ja – seit Dingsda ... hna! Unsinn! hmummumm ... Siebzig und so weiter! Will mir nicht mehr in den Kopf ... Deutsches Reich und so weiter ... mwa!«

Die Umstehenden spitzten gar sehr die Ohren, um zu verstehen, was der alte Partikularist denn da in seiner wunderlich abgerissenen, von eigentümlich gemummelten und gegrunzten Interjektionen unterbrochenen Redeweise seinem gnädigen Fürsten erwiderte. Und als er wirklich es nicht unterlassen konnte, gleich mit seinen ersten Worten an den wunden Punkt zu rühren, da wandten sich aller Blicke voll spöttischer Neugier auf den Großherzog.

Um nicht noch mehr in Verlegenheit gesetzt zu werden, unterbrach der Fürst rasch das bedenkliche Gestotter des Greises, indem er lächelnd ausrief: »Ah, ich sehe, Sie haben uns da etwas Schönes mitgebracht! Ihre Enkelin?«

»Nein, pardon! meine Tochter – von meiner dritten Frau!« versetzte der Greis, sich stolz aufrichtend. »Meine Frau bittet unterthänigst um Entschuldigung ... hmummumm – sie ist nicht ganz wohl und so weiter. Da mußt' ich schon selbst dran glauben! Die Mädel wollen doch nu mal tanzen und so weiter. Das ist meine einzige Entschuldigung ... mwa! Sonst hätte ich alter Dachs Königliche Hoheit nicht mehr ... Dingsda ... mwa! inkommodiert und so weiter!«

Da der Großherzog selbst über diese überaus komisch hervorgepolterte Rede in ein herzliches Gelächter ausbrach, so fühlten sich auch die umstehenden Herren und Damen berechtigt, ihrer Heiterkeit, wenn auch in höfisch abgedämpfter Weise, die Zügel schießen zu lassen.

Auch Melanie von Treysa lächelte unbefangen über ihres Vaters derbe, unfreiwillig komische Ausdrucksweise und half sich dadurch aufs beste über die Verlegenheit fort, in welche wohl jedes andre junge Mädchen als der Mittelpunkt so allgemeiner Heiterkeit versetzt worden wäre. Mit ihren großen braunen Augen blickte sie unbefangen dem lachenden Landesfürsten gerade ins Gesicht und nötigte ihn dadurch, sie anzureden.

»Mein liebes Fräulein,« sagte der Großherzog, indem er ihr die Hand entgegenstreckte, »ich will hoffen, daß Ihre Tanzlust nicht gar zu bald befriedigt ist, damit wir Zeit gewinnen, Ihren bösen Herrn Vater mit der neuen Ordnung der Dinge zu versöhnen – und auch damit unserm Hofe eine so reizende....« Der galante Fürst kam ins Stottern und suchte vergeblich nach einer passenden Vervollständigung des begonnenen Satzes. Vor dem leuchtenden Kinderblick der schönen Melanie mußte er in einiger Verwirrung die Augen abwenden. Er schaute über seine Schulter hinweg nach seiner Gemahlin, welche eben im Vordergrunde die Vorstellung der jungen Mädchen entgegennahm. »Kommen Sie, lieber General, die Großherzogin wird sich sehr freuen, daß Sie uns Ihre Tochter gebracht haben.« Mit dieser freundlichen Aufforderung, ihm zu folgen, schritt er dem alten Treysa und der schönen Melanie voran dem Kreise seiner Gemahlin zu.

Während der Großherzog und die Großherzogin vor dem Orchesterpodium ihren Cercle hielten, hatten sich die beiden jungen Herrschaften mehr in das Gewühl hineinbegeben, um so eine gerechtere Austeilung fürstlicher Huldbeweise auch an die Gäste niederen Grades vorzunehmen.

Das Fräulein von Katz hatte sich sogleich an ihre Herrin, die Prinzessin Eleonore, herangepirscht und sich eine ganz besonders scherzhafte Wirkung von ihrem plötzlichen Auftauchen versprochen. Die Prinzessin befand sich gerade in einem vertrauten Gespräche mit dem Hofkapellmeister, ihrem Lehrer in der musikalischen Theorie, als die kleine Hofdame an ihr in einiger Entfernung vorüberschritt und dabei in affektierter Aengstlichkeit einen durchaus unvorschriftsmäßigen, schüchternen Knix machte.

»Sie hier, Wally?« rief die Prinzessin und trat einen Schritt auf ihre listig lächelnde Hofspaßmacherin zu. »Sie haben sich ja gar nicht von Urlaub zurückgemeldet.«

»Hoheit verzeihen, ich befinde mich auch nur auf der Durchreise hier, sozusagen inkognito.«

Die Prinzessin wußte nicht recht, wie sie den Scherz des Fräuleins aufnehmen sollte. Sie erwiderte daher ziemlich kühl: »Ja, wie meinen Sie das? Wo wollen Sie denn von hier aus hin? Soviel ich weiß, haben Sie doch außer Ihrer Tante gar keine Verwandte in erreichbarer Nähe.«

»Ich will's nur gleich gestehen, Hoheit,« flüsterte die Katz schüchtern mit gesenkten Augenlidern. »Ich bekam so aufregende Briefe aus der Residenz, daß ich der Neugier nicht widerstehen konnte, hier, wenn ich so sagen darf, geschwind einmal ein bißchen durchs Schlüsselloch zu gucken. Der Löwe des Tages gibt, wie ich höre, leider hier nur ein kurzes Gastspiel – und da mußte ich doch.... Hoheit kennen ja meine Schwäche!«

»Löwe des Tages? Wen meinen Sie damit?« unterbrach sie die Prinzessin, sie mit ihren klugen Augen, die manchmal recht scharf blicken konnten, fest anschauend.

Das Hoffräulein lächelte immer noch und lispelte, der Hoheit näher tretend: »Hans Joachim heißt er ... hihi! Das hab' ich schon heraus, und seinen Geburtstag muß ich heute noch erfahren. Ich habe meine Chronik in der Tasche.« (Das Fräulein von Katz betrieb die Kenntnis der Vornamen und Geburtstage sämtlicher jüngerer Herren der Gesellschaft und im Zusammenhange damit das Abfassen anonymer neckischer Glückwünsche und andrer sinniger Scherze als Lieblingssport.) »Ich kenne bis jetzt leider nur sein Exterieur,« fuhr sie fort, »aber ich muß sagen, die blauen Augen und der tornisterblonde Bart stehen prachtvoll zu seinem berberbraunen Teint. Schade, daß er sich das Haar so schrecklich kurz hat scheren lassen. Sein Schädel sieht ja ordentlich nackt aus. Hoheit sollten ihm entschieden befehlen, künftighin im Fez zu erscheinen.«

»Ich habe dem Baron Kospoth gar nichts zu befehlen,« warf die Prinzessin ziemlich ärgerlich ein.

Die kleine Katz genoß zwar das Vorrecht der Hofnarren, sich allerlei herausnehmen zu dürfen, aber heute hatte sich doch das Maß zum Ueberlaufen gebracht – oder war Prinzessin Eleonore schlechter Laune? Kurz und gut, sie verbat sich sehr entschieden derlei Späße über den Freund ihres Bruders und fügte dann, als das kecke kleine Fräulein immer noch keine ernsthafte Zerknirschung in seinen Mienen zeigte, mit spitzer Betonung hinzu: »Uebrigens sagen Sie doch – wenn Sie sich nicht von Urlaub zurückgemeldet haben, wem verdanken Sie denn da Ihre Einladung für heute?«

Jetzt zeigte der Kobold doch eine recht sehr verdutzte Miene. So hatte ja die Prinzessin sie noch niemals angefahren! Sie war ja so abscheulicher Laune, als hätte ihr Graf Worbis wieder einmal einen seiner unmöglichen Prinzen in Vorschlag gebracht.

»Ich bitte sehr um Entschuldigung, Hoheit,« stotterte Wally von Katz. »Ich glaubte, in meiner Stellung ... dürfte ich wohl ...«

»In Ihrer Stellung dürfen Sie eben nicht glauben, sondern müssen wissen, was sich schickt,« unterbrach sie die Prinzessin streng. »Melden Sie sich morgen bei der Gräfin und machen Sie Ihre Entschuldigungen, so gut Sie können. Dann aber würde ich Ihnen doch raten, Ihren Urlaub vollends bei Ihrer Tante zu genießen!« Bei diesen harten Worten neigte die Prinzessin ein ganz klein wenig das Haupt und schritt davon, um sich dem Kreise ihrer Mutter zuzugesellen.

Ganz verdutzt blickte ihr die Gescholtene nach. Sie preßte die hübschen Lippen fest aufeinander und hatte offenbar Mühe, einige zornige Thränen zu unterdrücken. Da sah sie plötzlich einen drohenden Finger dicht vor ihren Augen: es war der freundliche Hofkapellmeister, welcher die kleine Scene mitangehört hatte und nun, gutmütig spottend, zu ihr trat.

»Ja, ja, kleines Fräulein! Das kommt davon! Mit Prinzessinnen soll man nie sich unterstehen zu scherzen. Hoheit ist sehr entzückt von diesem Baron Kospoth. Sie hat gestern einige Stunden mit ihm musiziert und mir eben erklärt, daß er einen wunderbar warmen Baryton besitze. Also: O rühret, rühret nicht daran!«

»Ach, carissimo maëstro, thun Sie mir nur die einzige Liebe und plaudern Sie nicht aus, was Sie hier eben gehört haben. Denken Sie doch bloß die Blamage – man hat so viele Neider!«

Der Kapellmeister legte den Zeigefinger auf die Lippen und versicherte lächelnd, er sei stumm wie das Grab.

»Wirklich? O, das wäre für einen so liederreichen Mund eine That der Selbstverleugnung – für die meine Dankbarkeit auch keine Grenzen kennen soll!« Mit dieser schmeichelhaften Wendung und einem zärtlichen Blick für den rotnasigen Meister zog sich Wally von Katz zurück. Sie verlor sich in dem Gedränge, das besonders unter den Säulengängen herrschte. Aber gerade als sie um die letzte Säule des linken Ganges herumbiegen wollte, sah sie sich dem Erbgroßherzog gegenüber, der hier im vertrauten Gespräche mit dem Baron Kospoth stand, fast als ob er sich vor der Menge verstecken wollte. Sie hörte gerade noch, wie der junge Baron zu dem Thronfolger sagte: »Dringen Sie nicht in mich, Prinz! Sie wissen, ich passe nicht an den Hof. Ich würde Sie ja auch mit meinen radikalen Anschauungen nur kompromittieren.«

Der Erbgroßherzog räusperte sich kurz und bedeutete dem Freunde, daß er schweigen möge, indem er mit den Augen nach dem jetzt eben sich tief vor ihm verneigenden Fräulein wies, »Ah, sieh da, unser Fräulein von Katz!« redete der Prinz sie leicht errötend an. »Wir haben uns ja noch gar nicht gesehen!« und dabei reichte er ihr ein wenig verlegen, wie es ihr schien, die Hand.

Wie schlug der kleinen Dame das Herz! Nun war die Gelegenheit gekommen, sie mußte Gewißheit darüber haben, ob sie noch dieselbe Stelle im Herzen des Thronfolgers einnehme wie vor seiner Reise. Und sie sah mit ihrem süßesten Blick zu ihm empor und wollte eben etwas erwidern, als der Prinz hastig fortfuhr: »Darf ich Ihnen nicht meinen Freund Baron Kospoth vorstellen? Unser immer heiteres Fräulein von Katz, Hofgrillenverscheucherin meiner Schwester.« Und dann wandte er sich wieder lächelnd an die durch seine kühle Begrüßung jetzt wirklich ernstlich aufgeregte kleine Dame und scherzte: »Denken Sie, mein gnädiges Fräulein, der Baron Kospoth will uns schon wieder verlassen! Er hat alle schnöden Vorurteile des Mittelalters abgestreift, um sich dafür desto fester an ein modernes zu klammern, daß nämlich wir Fürsten samt unsern Höfen und allem, was drum und dran hängt, eine erzlangweilige, in steifen Formen verknöcherte Gesellschaft seien. Ich glaube, es käme nur auf Ihresgleichen an, ihn eines Bessern zu belehren! Ich will einen eigenen Orden für Sie stiften, wenn Sie ihn mir festhalten!«

Wally wollte eben mit Lebhaftigkeit auf den Scherz des Thronfolgers eingehen, als zu ihrem größten Aerger der Adjutant des Erbgroßherzogs, ein zierlicher Husarenlieutenant, Namens Graf Wolf von Bracke, eilfertig herangeklirrt kam, um Georg Friedrich im Namen seiner Schwester nach vorn zu holen.

»Ja, was gibt's denn?« frug der Prinz.

»Die Remonten, Königliche Hoheit,« lächelte Graf Bracke. »Es ist ein süperbes Exemplar darunter, Melanie von Treysa heißt sie.«

»Ah, vortrefflich! Kommen Sie, Kospoth, das müssen Sie auch mitansehen, mit welcher Würde ich die Töchter des Landes willkommen zu heißen verstehe.«

Und die drei Herren schritten rasch davon, ohne Wally von Katz nur noch einen Blick zu gönnen.

Melanie von Treysa gefiel offenbar den höchsten Herrschaften ganz außerordentlich. Die eifersüchtige Damenwelt mußte die Beobachtung machen, daß die Frau Großherzogin mit keiner der Neuvorgestellten sich auch nur annähernd so lange aufgehalten hatte wie mit dieser so plötzlich aufgetauchten Tochter des verschollenen alten Generals. Und die Prinzessin Eleonore, die eben jetzt abseits von dem Gedränge mit dem schönen Mädchen im Gespräche stand, schien gar schon ganz vertraut mit ihr zu sein.

Jetzt trat der Erbgroßherzog an seine Schwester heran, während Baron Kospoth und der Adjutant ein paar Schritte zurückblieben. »Du hast gewünscht?« redete der Prinz seine Schwester an, und dann fügte er mit einem bewundernden Blick auf Fräulein von Treysa rasch hinzu: »Bitte, willst du mich der Dame vorstellen?«

Die Prinzessin erfüllte seinen Wunsch, und dann fuhr sie mit Lebhaftigkeit fort: »Denke dir, Fräulein von Treysa kennt hier keinen Menschen außer einem einzigen, der aber leider noch nicht zu den Unsrigen gehört.« Sie sprach die letzten Worte absichtlich lauter und richtete dabei einen freundlich einladenden Blick auf den Baron Kospoth, der sogleich näher trat.

Melanie wandte sich dem Baron zu und blickte mit einem trotzig schelmischen Lächeln zu ihm empor, als wollte sie sagen: »Ja, schau' mich nur verwundert an, ich bin es wirklich.« Und in seinem Gesichte stand deutlich staunende Ueberraschung zu lesen. Beide blieben sie, die Gegenwart der Herrschaften vergessend, einige Sekunden in stummer Betrachtung einander gegenüber stehen und gleichzeitig streckten sie sich dann auch die Hände zögernd entgegen und ließen sie mit leichtem Druck einen Augenblick ineinander ruhen.

»Ah, ich sehe, Sie sind alte Bekannte,« rief Georg Friedrich, dessen Augen mit unverhohlener Bewunderung auf dem schönen Mädchen ruhten.

»Ich könnte fast sagen Spielkameraden, mein Prinz, obwohl ich sieben Jahre älter bin,« versetzte Kospoth. »Meines Vaters Besitzung Volkramstein liegt kaum eine halbe Stunde von Treysa entfernt – allerdings im Auslande! Aber wir fühlten uns schon damals als Kosmopoliten, Der Herr General pflegte auf seinen täglichen Spazierfahrten mindestens einmal wöchentlich auf Schloß Volkramstein vorzusprechen und seine Kleine mitzubringen. Das arme Kind hatte weit und breit keine Freundinnen ihres Alters, und so war sie denn so gütig, mit mir altem Knaben vorlieb zu nehmen, besonders wenn ihr Stiefbruder, der Kadett, nicht zu Hause war. Der arme Junge ist Siebzig in einer der ersten Schlachten gefallen, und dann hat mich das kleine Fräulein sozusagen an seiner Statt adoptiert.

»Er war der beste Bruder auch nicht!« warf Melanie mit schalkhafter Drohung ein.

»Ja, das mag wohl sein,« lachte Kospoth. »Zudem mußte ich ja auch auf das Gymnasium und dann auf die Universität – und auch das Fräulein von Treysa bezog die hohe Schule des Damentums in Gestalt eines Dresdener Pensionats. Wir sahen uns nur noch in den Ferien gelegentlich. Aber ich hatte das Unglück, ihr immer langweiliger zu werden, während sie. ...«

»Um Gotteswillen versuchen Sie mir kein Kompliment zu machen,« fiel Melanie rasch ein. »Dann müßte ich ja vollends daran zweifeln, daß Sie es selbst sind!«

»Nun, dann sollen Sie hier bei uns Muße finden, sich gegenseitig wieder kennen zu lernen,« nahm Prinzessin Eleonore lächelnd das Wort und dann klopfte sie ihren Bruder mit dem Fächer leicht auf den Arm, um ihn aus seiner bewundernden Versunkenheit aufzuwecken, und fuhr, halb zu Melanie, halb zu dem Baron gewendet, fort: »Welch ein glücklicher Zufall! Haben wir jetzt ein Mittel gefunden, Sie bei uns zu halten, Baron Kospoth? Sie können unmöglich nein sagen angesichts Ihrer reizenden Adoptivschwester! Oder mir könnten auch das Verhältnis umkehren und sagen: Wir behalten Sie als Geisel hier, damit uns Fräulein von Treysa nicht so bald wieder entschlüpft!«

Die beiden sahen sich mit verlegenem Lächeln an und vermochten nicht gleich zu antworten. »Hoheit überschätzen meine Macht gar sehr,« begann endlich Melanie errötend. »Herr von Kospoth ist sehr, sehr eigensinnig!«

»Und Fräulein von Treysa ist sehr ...« Der Baron unterbrach sich, um mit einer lächelnden Verbeugung vor Melanie zu schließen: »Nein, keine Retourkutschen! Sagen wir also – eigen sinnig!«

»Ah, sehr hübsch gesagt!« lachte die Prinzessin, »aber das hilft Ihnen alles nicht, wir liefern Sie eins dem andern mit gebundenen Händen aus und machen eins für das andre haftbar.«

»Ja, mein gnädiges Fräulein,« fiel der Erbgroßherzog ein. »Hans Joachim soll uns den Eid der Treue in Ihre schöne Hand ableisten.« Dabei ergriff er selbst Melanies Rechte, küßte sie auf den Handschuh und ließ dann langsam ihren schönen Arm wieder sinken, indem er ihr dabei tief aufatmend ins Gesicht schaute, um einen Blick von ihr zu erhaschen.

In diesem Augenblicke trat Graf Bracke mit einem verdienten Offizier a. D. an den Erbgroßherzog heran und nötigte ihn dadurch, die Unterhaltung abzubrechen. Auch Prinzeß Eleonore erinnerte sich ihrer fürstlichen Pflichten und verabschiedete sich vorläufig von Kospoth und Melanie ...

Die kleine Katz hatte sich dem Erbgroßherzog nach wieder nach vorn geschlichen und, von einer Marmorsäule gedeckt, die kleine Scene zwischen ihm und dem Fräulein von Treysa sehr gut beobachten können. Kein Blick des Prinzen war ihr entgangen.

Da fühlte sie plötzlich, wie eine kühle Hand ihren bloßen Arm berührte. Sie wandte sich erschrocken um und sah sich dem dicken Kammerherrn von der Rast gegenüber. Natürlich kein andrer als er konnte sich dergleichen herausnehmen!

»Ei der Tausend! Was hat's denn da gegeben?« flüsterte er ihr zu, seinen breiten Mund vertraulich ihrem Ohre nähernd. »Unsre kleine Miesekatz in solcher Aufregung? Und ich glaube gar – Thränen in Ihren süßen Rosinenäuglein!«

»Kommen Sie mir nicht zu nah!« versetzte das Fräulein ärgerlich, indem sie sich mit ihrem Tüchlein über die feuchten Augen tupfte. »Mir ist plötzlich ... ich weiß nicht, was es ist ... ich will nach Hause. Entschuldigen Sie mich, wenn jemand nach mir fragen sollte.«

Sie sah sich scheu um und eilte dann rasch durch die nahe Thür hinaus. Der dicke Kammerherr schaute ihr nach und verzog sein gedunsenes Gesicht zu einem wenig anmutigen Grinsen. »Aha!« sagte er ganz laut vor sich hin.

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