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Der Theaterbrand

Aage von Kohl: Der Theaterbrand - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
authorAage von Kohl
booktitleMeisternovellen nordischer Autoren
titleDer Theaterbrand
publisherGlobus Verlag G.m.b.H.
yearo.J.
translatorMathilde Mann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080505
projectid23680b2e
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Aage von Kohl

Der Theaterbrand

Er half ihr in die geöffnete Droschke hinein, sprang selber nach und nahm neben ihr Platz. Der Wagen setzte sich mit einem Ruck in Bewegung, über glitschrigen Asphalt dahin.

Frau Anna seufzte zufrieden und lehnte den Kopf an seine Schulter.

Wie in dem Augenblick, als sie ihn vor einer halben Stunde vom Bahnsteig aus am Fenster des Abteils erblickt hatte – so hatte sie auch jetzt ein Gefühl, als steige alles in ihr plötzlich zur Ruhe empor und werde still –:

»Karl,« sagte sie, »jetzt habe ich dich ja wieder!«

Sein Rock war so mollig, als lehne sie ihre Wangen gegen Wärme. Ja, jetzt war sie bei ihm. Heute abend würde er da unten auf seinem gewohnten Zuschauerplatz sitzen. Sie konnte in jedem Zwischenakt durch das Guckloch des Vorhanges einen Schimmer von ihm erhaschen und konnte während der ganzen Oper zu ihm hinabsingen. Und hinterher würde er mit ihr nach Hause kommen. Nicht eine einzige Minute würde sie allein sein. Jetzt war sie gar nicht mehr bange – weder in bezug auf ihre Stimme noch vor dem großen Feuerrad im dritten Akt, oder vor ...

»Weißt du was!« sagte sie und bog den Kopf hinüber. Durch die kleinen Poren im Schleier fühlte sie die molligen Flocken seines Überziehers – »Du ahnst gar nicht, wie gut es tut, dich zu haben, du, Väterchen!«

Sie lachte leise, den Mund an seinen Ärmel gepreßt, über sein Kinn und seine Nase glitten gelbe Streiflichter, wenn der Wagen an einer Laterne vorüberkam – sie fand plötzlich, es sähe so aus, als wenn irgend etwas inwendig in ihm auf und nieder flackere und wieder erlösche. Und dann fiel ihr auf einmal wieder die rasende Feuerspirale im dritten Akt der Oper ein – das Sonnenrad, das sie jeden Abend blendete und ihre Füße plötzlich erstarren machte, so daß sie kalt und gefühllos unter ihr wurden.

Schnell legte sie ihre Hände von hinten rund um seine Wangen und fing an zu lachen.

»Karl!« flüsterte sie und lehnte sich ganz vornüber, dicht an seine Augen. Sie spürte den ganz schwach süßlichen, hornartigen Geruch seines Bartes, der sie immer so rührte, tief drinnen. Sein Atem drang durch ihren Schleier, als läge sie ganz dicht bei ihm: »Jetzt hast du mich ja wieder! Nicht wahr?«

Brown lehnte sich plötzlich an ihr vorüber, mit dem Kopf zum Fenster hinaus:

»Schneller!« lief er dem Kutscher zu, »wir haben Eile! Fahren Sie zu!« – Dann sank er in den Sitz zurück, zog sie fester an sich und preßte seinen Mund auf den ihren: der fühlte sich so warm an nach der Luft da draußen.

»Ja,« sagte er, »wenn du doch nun heute abend frei gewesen wärest!«

Wie unendlich, wie unerträglich diese vierzehn Tage – da unten in Berlin, fern von ihr – doch gewesen waren, dachte er währenddessen: Vier- oder fünfundachtzig Geschäftsbesuche in den zwei Wochen! Von sieben Uhr des Morgens bis in den späten Nachmittag hinein war er auf den Beinen gewesen! Und dann die ganze Korrespondenz und alle die Briefe, mit denen die Hälfte jeder Nacht hingegangen war! Und endlich die Heimreise, Hals über Kopf!

Drinnen in seinem Gehirn fühlte er dies unaufhaltsame Rasseln der Eisenbahn – als wäre er noch in seinem Abteil.

»Wie langsam er doch fährt, der Esel!« sagte er. Gleich darauf aber zog er sie von neuem an sich und küßte sie wieder und wieder. Ach ja, diese endlosen Tage und Nächte in Berlin! Nun, eine Freude hatte er aber doch gehabt: überall war er von ihrem Ruhm empfangen, der schon bis dorthin gedrungen war und alle Zeitungen anfüllte. Göttlich, genial soll sie sein – sagte man zu ihm fast überall, wohin er kam. Täglich traf er Bekannte, die sich entschlossen hatten, bald hierher zu kommen, hauptsächlich um sie zu hören. Gewiß, sagten sie und schlugen die Hände zusammen, die muß man ja hören!

Die drei letzten Tage in Berlin hatte er seine Geschäfte noch mehr überhastet – vorwärtsgetrieben von der Freude über das, was sie ihm schrieb: jetzt sei sie dessen ganz sicher, was sie im vorigen Monat noch nicht ganz bestimmt gewußt hatte! – Aber noch etwas anderes hatte ihn angespornt, so schnell wie möglich nach Hause zu kommen: etwas, das er hinter ihren Worten in diesen Briefen hervordämmern sah, eine verheimlichte Angst, eine verborgene und verirrte Unruhe! Und dann war er auf einmal selber fieberhaft und nervös geworden, hatte ihr telegraphiert, daß er drei Tage früher daheim sein würde, als ursprünglich vorausgesehen war, es ließe sich ganz gut machen, wenn er die Sache nur energisch angriff!

Er ließ sich kaum Zeit zum Ruhen oder zum Essen, nahm seine Mahlzeiten in fünf oder zehn Minuten zu sich und knappste sich noch ein paar Stunden von seinem Schlaf ab; denn nach dem Repertoire, das sie ihm geschickt, hatte er ausgerechnet, daß er auf alle Fälle sehen mußte, heute abend daheim zu sein! Diesen einzigen Abend seit langer Zeit, an dem sie weder ins Theater noch ins Konzert brauchte.

In einem Rausch von Kräften überwand er wirklich alles, was zu tun war und erreichte im allerletzten Augenblick den Schnellzug. – Er hatte sich gedacht, daß er während der ganze Reise schlafen wollte, aber es war ihm nicht möglich. Er vermochte nicht einmal still zu sitzen, schlenderte in dem schwankenden Waggonkorridor umher und rauchte seine Zigaretten, oder lehnte sich zum Fenster hinaus, so daß der Wind die Poren in seiner Haut zu Eisnadeln machte. Rastlos vor Wonne, sie wiedersehen, zum erstenmal sein Kind gleichsam fühlen zu sollen, wenn er die Arme um ihre Hüften schlang – und sonderbar erregt durch die halben Worte in ihren Briefen!

Und dann erwies es sich also, daß das Ganze vergebens war! Schon in Roeskilde erfuhr er, daß die Vorstellung verändert war, daß statt des angesetzten Stückes die neue Oper »Das Gottesfeuer« gegeben werden würde!

Vor einer halben Stunde hatte sie ihn vom Bahnhof abgeholt: sie ließen die Koffer stehen, stürzten direkt auf eine Droschke zu und fuhren nach Hause; saßen unterwegs beide stumm da, die Arme um den Hals des anderen, die Lippen fest aufeinander.

In fliegender Hast liefen sie daheim die Treppen hinauf. Mit hämmerndem Kopf und schlaftrunkenen Muskeln wechselte er die Kleider, um sie ins Theater begleiten zu können. In zwei, drei Minuten. Einen Augenblick war er nahe daran gewesen, ihr den Vorschlag zu machen, daß er erst späterhin am Abend nachkommen wollte, um sie abzuholen. Aber dann konnte er es doch nicht übers Herz bringen, weder um seinet-, noch um ihretwillen.

Übrigens war auch sie ihm plötzlich um den Hals gefallen und hatte gefragt, ob es nicht besser sei, wenn er zu Hause bleibe.

»Du mußt ja todmüde sein!« sagte sie. »Deine Augen sehen so überanstrengt aus. – Ja, weißt du was, du bleibst daheim! Dann werde ich mich beeilen, daß ich bald wieder bei dir bin!«

Aber er hatte nur den Kopf geschüttelt und sie geküßt: »Ich glaub' gar,« sagte er lachend, »den ersten Abend nach meiner langen Abwesenheit!«

Und nun hatte er sie also nur diese letzten zehn Minuten, während sie, fast im Galopp, vom Hause nach dem Schauspielhaus fuhren.

»Nun ja! In drei Stunden sehen wir uns dann wieder!« sagte er, auf einmal leise sprechend so wie sie. Sie lehnte sich vornüber, gegen ihn, mit ihrem ganzen Gewicht. Der Laternenschein kam und ging. Sie wurden heiß im Gesicht, eins von dem Atem des andern, und der Wagensitz federte ganz leicht.

Die Droschke wurde auf einmal ganz hell. Es hallte unter den Wagenrädern: sie fuhren auf den Marktplatz hinauf. Der Platz war blau von den elektrischen Bogenlampen – als sei er mit dünnen Nebeln behängt. Die Gaslaternen am Bürgersteig entlang kamen ihr vor wie kranke Flecke darin. Oder wie der Schein kleiner Feuersbrünste, fuhr es ihr plötzlich durch den Sinn.

»Karl!« sagte sie dann mit einer leisen Stimme. Wieder spürte sie tief drinnen dies qualvolle Zittern, das diese letzten vier, fünf Tage, nachdem ihr der Arzt gesagt hatte, daß ihre Vermutungen richtig waren, ihre Knie jeden Abend auf einmal unsicher und schwach machte, während des dritten Aktes mit dem fauchenden Sonnenmeer in der Tempelszene.

Diese eisrohe Kälte, die jeden Abend über ihren ganzen Körper hinkroch, in dem Augenblick, wo sie, dem Publikum den Rücken zugewandt, anfing, auf den Feuerring im Hintergrund der Bühne zuzugehen, auf einen der kleinen Kontakte nach dem anderen drückend, die an ihrem Kleide befestigt waren, und die den Feuerkreis zugleich mit ihrem Gesang und ihrem Schritt anschwellen lassen sollten ...

Ach, aber nun war das alles sicher vorbei und verschwunden! Nun hatte sie ihn ja wieder! Heute abend würde sie nicht, während sie da oben stand, jenes sickernde, tödliche Gefühl überkommen, daß etwas in ihr fehlte, irgendein geheimes Glied, eine Fähigkeit – nicht in bezug auf die Kunst, sondern zum Leben! Ein Können – das nicht ihr Singen betraf, sondern die Kraft, ihr Kind zu schirmen und zu ernähren!

Die Droschke hielt jäh still in der engen und dunklen Passage, hinter dem Theater, wo sich der Eingang für die Schauspieler befand. Die schmalen, schwarzen, eisernen Stiegen, die an ihren Ketten außen an der Mauer hingen, bereit zur Benutzung im Falle einer Feuersbrunst, erschienen ihr plötzlich, als seien sie verkohlt oder wie das Überbleibsel der Takelage eines vom Feuer verzehrten Schiffes.

Ein Jucken lief durch ihren Körper – aber dann beugte sie sich hastig zu ihm hinüber, ohne des Kutschers zu achten, der, den blanken Hut in der Hand, da stand und die Wagentür geöffnet hatte. Sie ließ ihren Mund noch einmal lange auf dem seinen ruhen und fühlte, wie fest sich seine Lippen gegen die ihren preßten; ihre Hände glitten über seine Gestalt hin.

»Heute abend!« sagte sie und lachte auf einmal – »alles auf Erden wird schön heute abend! Nicht wahr?«


Brown war auf seinem Platz angelangt – ganz zur Linken in der zweiten Reihe. Er blieb stehen und sah sich um. Ja, natürlich! Wie immer gedrängt volles Haus! Nicht ein einziger leerer Stuhl! Und wie warm es hier war!

Da nickte er plötzlich lächelnd und leicht zu Rechtsanwalt Nathans, dem Musikenthusiasten, hinüber, der dort mitten auf der vierten Reihe neben der Gestalt seiner blonden Gattin stand.

Gleich darauf winkte ihm Erik Borg, der Schriftsteller, zu, der sich von seinem Platz zur äußersten Linken erhoben hatte; seine andere Hand ruhte auf der Schulter seiner Braut – deren ein wenig bräunliche Gesichtsfarbe wie ein halbwegs unbeleuchteter Fleck im Saal wirkte.

Da waren heute abend viele von Annas und seinen Bekannten, dachte Brown. Hier, dicht hinter ihm, saß ja ihr Vetter, Großhändler Jirgens, der Quartettspieler, der große Dilettant – dessen Kopf immer ein wenig auf die linke Seile geneigt war, mit schwachen Zuckungen um den üppigen Mund – als lausche er, körperlich ängstlich vor dem allerkleinsten Fehlgriff, beständig dem Ton feines Violoncells. Jetzt lehnte er sich zu Brown hinüber; seine Stirn stand voller Tropfen.

»Ja,« sagte er, ausschließlich an die Stimme seiner Base denkend, »die Götter schaffen Wunder! Aber wir müssen uns glücklich schätzen, daß wir zu den Wenigen und Bevorzugten gehören, denen es vergönnt ist, dem Größten zu lauschen! Sie ist eine von denen, die nur in Zwischenräumen von Jahrtausenden geboren werden!« Und es ging wie ein Schauer durch seine große Gestalt.

Seine Frau, die mit abgewendetem Gesicht dagesessen und mit einer schwarzhaarigen, dekolletierten Dame hinter ihr gesprochen hatte, schob nun ihre hohe Haarfrisur zwischen ihrem Mann und Brown. »Willkommen daheim!« sagte sie lachend. »Meinen Sie, daß er zu Hause jemals von etwas anderem redet, als von Ihrer Frau!

Er und Elsa wandern an den Zimmern und im Wintergarten umher und flüstern von Jahrtausenden!

Sie hat mir wirklich Mann und Kind genommen, Ihre Frau. – das Scheusal! Ich hasse sie, jeden Tag, den Gott werden läßt, bis ich sie wieder höre – und glücklich von hier entronnen bin, mit meinen Kleinen!

Wir sind heute abend zum sechstenmal hier.

In dieser Wärme,« – sie lachte wieder – »ich, die ich so ungern ins Theater gehe!« – Sie wandte den Kopf nach oben, zwinkerte zu dem Kronleuchter empor, der hoch dort oben wie ein abwärtswachsender Baum über einer Kluft hing, voll goldenschimmernder Blätter. – »Aber wenn wir nun nicht ganz in der Mitte sitzen. –

Nicht wahr?

Von der Zeit an, als ich Elsa bekam, habe ich es nicht leiden können, unter dem Kronleuchter zu sitzen!«

Brown sah sie an, und plötzlich überkam ihn ein sonderbares Gefühl, als verstünde er sie tief drinnen ganz und gar.

Er wollte ihr eben antworten, lächelnd und nickend – da aber wurde aus dem Hintergrunde um Ruhe gebeten.

Er setzte sich. Es wurde dunkel im Saal – als versage plötzlich die Sehkraft, um nur das Gehör leben zu lassen. Brown zwinkerte mit den Augen, – als wolle er sie so recht mit Dunkelheit ausspülen.

Das Orchester erhob die Violinen, ihre Laute schlichen leise heraus – wie aus einer Tiefe – klirrend, schwach, als flögen sie auf Schwingen mit stählernen Rippen. Sie kicherten fröhlich von allen Seiten. Sie wirbelten rund herum im Raum, dicht über den Köpfen, so daß die Luft sang. Und dann fingen sie an – als seien sie ihre Freiheit gewohnt geworden, oder als hätten die Musiker erst jetzt gelernt, ihre Bogen zu gleichzeitigen und vollen Strichen zu bewegen – sich langsam und schwellend in großen Kreisen zur Decke emporzuschwingen.

Flöten schritten vor. Sie wiegten sich, nackend, in wollüstigen Hüften und hatten süße Münder. Eine Klarinette schnarrte plötzlich mitten zwischen sie – wie ein behaarter Satyr, der mit heiserem Gelächter von einem Baum herabhüpft. Sie stießen glucksende, kleine Schreie aus und zerstreuten sich, verkrochen sich in den Ecken, lugten eine Sekunde hervor, einander hell zukreischend, und verschwanden.

Der Dirigent breitete auf einmal die Arme nach beiden Seiten aus, steif. Er glich plötzlich einem schwarzen Kreuz. Aus den Lampen im Orchester stieg ein gelber Schein auf, als sei tief dort unten Feuer. Man hörte auf einmal die Atemzüge der Zuschauer – als sögen die Instrumente von ihrer Luft ein.

Mit einem Ruck hob der Kapellmeister beide Hände gerade in die Höhe. Aber der Rechten leuchtete der weiße Knopf des Taktstockes – als strahlten seine Finger Glanz aus.

And im selben Augenblick setzte das Motiv aus der Tempelszene ein. Posaunen gurgelten – wie große Feuersbrünste, brüllend, so daß die Luft in breite Risse zerplatzte. Die Fagotten stammelten ihren meckernden Schrecken. Und klagend, mit tierischen Stimmen, schleppten sich die Saxophone, verwirrt, gleichsam tödlich verbrannt, langsam aus und ein zwischen der Glut der Violinen. Die Pikkoloflöten schleckten mit langen, weißlichen Zungen aus den tiefen, purpurmassiven Tubaflammen auf. Die Kontrabässe prasselten und siedeten, stöhnend wie Rauch und Luftzug.

Dann aber vernahm man die Stimme des ewigen Gottes – die Stimme des Lebens der Welt: der Menschen Liebesstimme. Baßposaunen türmten ihre gigantischen Rufe zu himmelragenden Palästen auf. Die Flammen wurden zertrümmert, zischend und knurrend, mit Bratschentönen – sie wichen und sanken zusammen; die bösen Oboen flennten vor Jammer, indem sie von dannen schlichen, mit Schrecken geschlagen, strauchelnd und klagend.

Und von der äußersten Höhe des Posaunenmonuments schwangen sich die mit Süße gefüllten Violinen in die Luft hinaus.

Die Flöten wanderten abermals vor; sie sangen mit ihren Knabenstimmen – als schritten sie in weißen Kleidern daher und führten eine Jungfrau zwischen sich: hinein zum ewigen Leben, hinein zur Liebe, hinein zur Seligkeit und Glück.

Und in langsamen, wogenden Atemzügen entstand eine ozeangroße Stille – als seien die Töne jetzt bis zur Sonne emporgestiegen, so hoch, daß man sie nicht mehr hörte.

Die Augen der Zuschauer waren weit geöffnet – als sähen sie, von innen heraus, alles das, dem sie gelauscht hatten. Ein Sausen ging von ihrem Munde aus.

Der Vorhang war aufgegangen.

Der Perserkönig erblickt zum erstenmal das Weib, das alle Sinne in ihm sich spannen, sich strämmen macht: sie ist die Tochter eines geringen Mannes, seines Gärtners an den meilenweiten Gärten des Palastes – dort, wo der Fürst täglich von zwanzig jungen Gemahlinnen umhergetragen wird – als werde er schwebend gehalten von Schönheit und Wohlgeruch, Ara-izra liegt auf den Knien neben ihrem Vater und gätet die Tomatenreben und schwefelgelben Blumen aus.

Eine plötzliche Laune hat den König heute nach diesem entlegenen Teil des ländergroßen Parks geführt. Unter den dichten Palmen mit kreisrunden, ausgezackten Schatten erblickt er sie in einem porzellanweißen Gewand.

»Steh auf!« singt er, als sie sich flach vor ihm niedergeworfen hat. »Steh auf und folge mir! Ha! Setze dich sogar zu mir! Du, die du zugleich schön und sanft bist!«

Sie zittert und zaudert, neigt sich noch tiefer. Der König lächelt vor Wohlbehagen und streicht seinen geringelten, steifen Bart.

»Seht!« ruft er den Sklavinnen zu, die ihn tragen. Sie haben kleine, krause Furchen in den weißen Schultern, dort, wo die goldenen Tragstangen auf ihrer Haut lasten. »Seht, diese Jungfrau ist schämig und bezaubernd wie die früheste Stunde eines neuen Tages! Ach, wie sie die Augen niederschlägt und erglüht unter dem beginnenden Licht der Sonne, das ihre Stirn streift! Ach, wie sie erzittert, während die ersten Strahlen des Lebens ihre Wangen färben – köstlicher als irgendeine Salbe von Derrha oder dem Libanon!«

Der Vater des Mädchens kriecht herbei, bebend vor Stolz, ergreift ihre Hand und will sie zu den Füßen des Herrschers führen. Aber sie will nicht.

Wieder lacht der König mit seinem lustigen und heiseren Satyrengelächter: wahrlich, diese Jungfrau gefällt ihm! Selbst ihre Weigerung erweckt geheime und rote Wonnen in ihm.

Er winkt den alten Gärtner zu sich heran und erteilt seine Befehle: Heute nachmittag, wenn Gottes Auge angefangen hat, aus dem Süden fortzuwandern, soll sie nach dem Palast gebracht, gesalbt und gekleidet werden, und der König will die Blüten des Reiches aus ihrem Schoße aufsprossen lassen.

Unter dem gellenden Kriegsgetöse der Zymbeln trägt man ihn fort.

Unten auf dem Zuschauerplatz lehnen sie sich eine Sekunde zurück. Es ist, als habe das Wohlgefallen des Königs sie angesteckt, sie sitzen da, sich wiegend und rot bis ins Innere hinein: es erfüllt und erhitzt die Luft. Die Balkons spannen sich mit ihren alten Vergoldungen gleich schweren Kupferringen um den schwellenden Raum.

Brown starrte unverwandt zur Bühne herauf. In ihm pochte es schwer und hart: wie immer, wenn er sie auf dem Schauplatz sah, fühlte er diesen doppelten Stich in seinem Innern: daß sowohl der Fürst dort oben, der fahl war vor Begierde, wie auch alle die Menschen hier unten, deren Lippen förmlich kurz und hart geworden waren, so daß sie von Zeit zu Zeit die Zunge darüber hingleiten lassen mußten – daß sie sie alle zu sich herabstarrten, daß sie sie und ihr Kind ihm verbargen, hinter ihren Tausenden von roten Blicken stahlen, vergewaltigten sie sie! Entführten sie – stillten alle Lüste an ihr, – und ließen sie erst zurück, wenn sie gleichsam getötet und leer war!

Er runzelte die Stirn, sah sich eine Sekunde um und wandte dann von neuem, mit Aufbietung aller Kraft, seinen Blick zu ihr empor.

Im selben Augenblick erhob sie sich vom Boden – wo sie wie eine weiße und zusammengefaltete Lotosblume auf dem Kies gelegen hatte – in dem gelben Sand, der an den farbigen Ufern seltsamer und ferner Meere gesammelt war, und wo schmale, rote Streifen geheimnisvolle Figuren bildeten: wo Palmen mit jahrelanger Mühe so gepflanzt waren, daß ihre Schatten, wenn die Sonne im Mittag stand, glückbringende Säulen und Kreise quer durch die blutigen Schlingungen auf dem goldenen Boden zeichneten.

Ara-izra rang, noch ehe sie gesprochen hatte, verzweifelt die Hände vor dem Vater, der, zitternd vor dem Eifer des Alters, die Zukunft seines einzigen Kindes zu erfahren – sie zwingen und locken wollte, dem Befehl des Königs zu gehorchen.

Als ihr stummes Weinen und Flehen nicht hilft, da wagt sie das letzte. Sie wirft sich auf die Knie, erhebt ihre Stimme und erzählt ihm, daß sie bereits einen Mann kennt.

Sie hat ihn zur Abendzeit auf der Stadtmauer stehen sehen – hat ihn da draußen auf dem Felde auf seinem Roß dahinjagen sehen; er war geschmeidig und groß! Sie hat eines Tages unten am Fluß mit ihm geredet – er hatte eine rieselnde Stimme! Er hat eines Morgens ihre Hände ergriffen, durch das goldene Gitter in der Mauer des Königsparkes: seine Haut war heiß und glatt, in seiner rechten Handfläche hatte er kleine, harte Flecke von dem Umklammern des Spießschaftes. Er hat sein Antlitz über ihre Finger gebeugt und gesagt, sie brennten rot in ihm wie Blumen aus Feuer und wie Räucherwerk! – Seine kleinen Barthaare machten sie erschauern, so daß sie eine Empfindung hatte, als müsse ihre Seele sterben, oder als ginge die Sonne auf einmal in seinen Augen auf und blendete ihr Herz! Vor einem Monat weinte sie und schwur ihm, daß sie ewig auf ihn warten wolle – vor einem Monat, an dem Tage, bevor er als Sendbote des Königs nach fernen Ländern auszog!

Ihre Stimme steigt wie weiße Säulen aus ihrer Kehle auf. Ihr Busen hebt sich langsam. Sie streckt ihre runden Marmorarme aus.

Brown fühlte es, als fülle sie die Luft mit hohen Strahlen aus Feuer. Er sah plötzlich als Sinneswahrnehmung das vor sich, wovon sie in ihren Briefen mit halben Worten geredet hatte: ihre Angst vor dem Feuerrad, durch das sie im dritten Akt hindurchschreiten sollte.

Er bog den Kopf einen Augenblick zurück. Frau Jirgens erhob gleichzeitig ihr graues Gesicht zu dem Kronleuchter. Um ihre Nasenflügel und ihren Mund kamen bläuliche Schatten.

Ihr Mann saß da, den Kopf hin und her wiegend, mit seinen halbgeschlossenen Augen vor sich hinstarrend: es liefen gleichsam Schallwellen in kleinen Runzeln über seine Haut, als seien da drinnen in ihm bleiche Wachsplatten verborgen, die jeden Ton als feinen, gerillten Streif aufnahmen und aufbewahrten.

Frau Browns Stimme steigerte sich mehr und mehr.

Ja – sang sie: sie liebt bereits! Ach, Vater! Sie kennt ja den Mann, der alles von ihr in seiner hohlen Hand gesammelt hat, und der ihr Leben trinkt! Verschone sie! Entziehe sie der Begierde des Fürsten! Beschütze sie! Sie hat ihrem Geliebten geschworen, daß sie die Seine ist!

Nie wird sie ihm treulos werden! Viel lieber sterben – als sich einem anderen hingeben! –

Die Menschen da draußen durchrieselt es wie Sonnenbäder. Als sie schwieg, hörte man das Atmen unten im Zuschauerraum auf einmal, als sei es ein dumpfes, kochendes Unwetter, das heraufzog. Die Augen fühlten sich größer an, als säße man hinter Flammen verborgen und starrte vor sich hin auf sausende Tänze.

Brown empfand es als seien beschwingte Wesen drinnen in ihm. Sie stiegen, wie unter einem ungeheueren, gerippten Dach zu seiner Brustwölbung empor – strahlten hell, steigend zu seinem Hals hinauf, vermochten sich jedoch niemals mit ihrer Stimme vereinen, die langsam – in immer weiterer Entfernung – in den Raum hinauszog, mit einem so vollen Klang, daß das Auge weiße, sich türmende Wolken zu sehen vermeinte, mit goldenen Streifen aus Sonne, die zu blauen, unendlichen Horizonten entschwebten.

Und dann fiel der Vorhang.

Der Saal wurde auf einmal hell. Als seien plötzlich mächtige Türen zu den Vorratskammern des Tages aufgerissen.

Brown erhob sich. Wie mit einem Schlage hatte sich der Druck wieder auf sein Gehirn gelagert. Er strich sich über die Stirn und schloß die Augen eine Sekunde vor dem Licht. Seine Hände zitterten ganz leise.

Hinter sich hörte er durch alle die halblauten Unterhaltungen hindurch, die nach dem Herabfallen des Vorhanges ertönten, die langen, keuchenden Laute von Jirgens Atemzügen. Fräulein Elsa saß da, das gelbliche Gesicht erhoben; sie zwinkerte mit den Lidern ihrer schwarzen Augen; ihre Lippen bewegten sich, und die Nasenflügel bebten langsam, als seien sie im Begriff, sich nach einem langen Flug zur Ruhe zu legen.

Frau Jirgens beugte sich vornüber, als sie Browns Blick begegnete.

»Hören Sie!« sagte sie plötzlich schaudernd, so daß sich ihre Schultern in einem Ruck nach vorn bogen; sie legte die Hand auf seinen Ärmel: er merkte im selben Augenblick, daß auch seine Nerven förmlich flimmerten, wie infolge eines Hitzschlages. »Brown!« flüsterte sie, mit geschlossenen Augen, »haben Sie jemals gesehen, wie diese Menschen sind! Diese Musikmenschen? Sehen Sie die großen, weißen Hälse und die roten Münder! Empfinden Sie niemals Angst, wenn Sie in einem Saal zwischen lauter Musikenthusiasten sitzen?'

Brown hörte nicht ganz, was sie sagte. Er stand mit der Brust zu ihr gewendet, das Gesicht hatte er aber nach dem kleinen, glasüberdeckten Loch im Vorhang umgedreht: es fiel ein Funke des Kronleuchters auf das kleine Guckloch, so daß es, wie der Eingang, zu einem Schmelzofen, zu einer ungeheuren Flamme erschien, die, blauweiß und zischend, da hinter der rotbemalten, gleichsam glühenden Leinwand flackerte.

Er mußte sich dünn machen, um eine Reihe Menschen vorüber zu lassen, die wieder auf ihre Plätze wollten. Ihre Gestalten streiften einen Augenblick jede mit dem ihr eigenen unbestimmten, bittern oder süßlichen Parfüm oder Geruch, und jede mit ihrer roten und bleichen Hitze – wie die Streifen und Striche eines Spektrums über sein Antlitz hin. Er wandte den Kopf ab. Fühlte, wie ihre Knie die seinen leicht berührten – scharfe oder runde, harte oder weiche. Er versuchte, sich, wenn möglich, noch dünner zu machen. Die Kleider rauschten, während sie wie heimliche Lockungen über seine Beine hinstrichen; einzelne von den Damen lächelten ein ganz klein wenig dabei – als seien es nicht ihre Gewänder, sondern sie selbst, die ihn berührt hatten. Er hielt den Atem an – als könne er sich durch ihre Nähe einer Ansteckungsgefahr aussetzen.

Und dann erlosch das Licht. Die kleinen, roten Lampen über den Notausgängen glühten plötzlich auf – sie sahen aus wie ferne Flecke irgendeines Einbildungfiebers.

Der zweite Akt begann. Er spielt im Gemach des Königs. Der Fürst ruht unter einem Baldachin, dessen Säulen wie Männerbildnisse geformt sind, die aus schweren, halbgeöffneten Feigenranken aufragen. Der lila Rauch der Räucherfässer steigt empor wie dünne Stöcke, wird zerschlagen von den großen, hochroten Federfächern der Sklaven und sinkt in grauen Fetzen auf das Antlitz und die Gestalt des Herrschers herab.

Ara-izra und ihr Vater sind vergebens, auf demütigen Umwegen, bemüht, ihn zu bewegen, sie frei zu geben. Aber gnadenreich winkt der Göttliche ihnen zu: »Ei bewahre! Nein, wahrlich: eine so schöne und schämige Jungfrau ist sicherlich nicht zu gering für ihn! Bei den Göttern, nein! Sind ihre Haare nicht gewundene Ebenholzstäbe, ihre Augen seltsam irisierende Opale, ihre Lippen Purpurschnecken – und ihre Zähne sind eine Spange aus Mondsteinen! Ihre Ohren sind rosenrote Muscheln! Ihre Glieder Säulen aus mattgeschliffenem Aquamarin, und die Nägel an ihren Füßen sind zehn köstliche Perlmutterschalen! Ja, ein so kostbarer Schatz ist in dieser Jungfrau vereint!«

Er streckt die Arme aus und zieht sie an sich: »Alles in der Welt ist dein, alles, was du willst,« singt er, »welche Gnade du auch begehren magst, sie soll dir bewilligt sein!«

Und sogleich hat sie einen Plan ersonnen: sie will ja viel lieber sterben, als das Gelübde brechen, das sie ihm gegeben hat, der vor einem Monat nach fernen Landen zog! Es gilt nur, Zeit zu gewinnen, damit sie, von hundert Sklavinnen bewacht, wie sie schon jetzt ist, eine Gelegenheit finden kann, sich zu töten. So bittet sie denn, ihre erste Nacht im Tempel zubringen zu dürfen, um dem Sonnengott für das Glück zu danken, das er ihr in der Liebe des Herrschers geschenkt hat!

Der König zaudert. Eine Sekunde flammt Zorn in ihm auf; seine Augen werden klein und hart. Aber als sie den Kopf neigt und unter halbgesenkten Lidern zu ihm aufsieht, ist er wieder bezaubert: »Ja, ja,« ruft er, »es geschehe, wie du willst! Die erste Nacht gehöre dem Gott – ich aber werde in den Stunden der Einsamkeit weinen!«

Tänzerinnen treten von allen Seiten ein, als seien die Säulen des Palastes auf einmal blütentreibende Stämme geworden. Man setzt die Jungfrau an die Seite des Fürsten: er schlägt einen Zipfel seines roten Mantels um sie. Sängerchöre von Knaben und bartlosen Männern erheben die dünnen und gleichmäßigen Stimmen. Die Schalmeien des Orchesters laufen spielend umher mit kleinen, heiseren Schreien. Unten, auf dem Zuschauerplatz, sprudeln die Tausende von Atemzügen. Frau Anna hat die Augen ihres Mannes gefunden und lächelnd – als schaue sie die Tänzerinnen an, die in einem Augenblick ihre weißen Scharen über die gelben und roten Platten des Fußbodens ausbreiten, wie einen Teppich mit wechselndem Gewebe – lächelnd starrt sie in die Ferne und begegnet seinem Blick.

Da vernimmt man plötzlich ein Gemurmel in den hinteren Reihen der Chöre, dort an den viereckigen Türen des Palastes, lauter und lauter. »Ein Sendbote!« flüstert man.

Der König runzelt die Stirn.

»Warum stört ihr mich, da unten!« singt er. »Vergeßt ihr, daß ich mich heute abend der Sehnsucht und den Träumen hingeben will!«

Dann aber halten die Tänze inne. Der Türwächter schreitet vor und meldet, durch ein Kupferrohr singend, daß ein Bote, der mit wichtigen Nachrichten aus fernen Landen heimgekehrt ist, Zutritt zu dem König begehrt.

Und im selben Augenblick, wo der Sendbote vor dem Thron steht, erkennt Ara-izra ihn: es ist der Mann, den sie liebt! Sie erhebt die Arme, als wenn sie sich vor ihm niederwerfen will. Dann aber sieht sie ein, daß, wenn sie so ihre Liebe zu ihm verrät, der Herrscher in Eifersucht und Haß sein Leben nehmen wird!

Darum erhebt sie ihr Antlitz, ohne daß man eine Bewegung darin gewahrt; aber als sie gemeinsam mit dem König den Sendboten in der Heimat willkommen heißt, liegt ein Flehen und eine Warnung in ihrer Stimme.

Doch voller Verzweiflung darüber, daß er sie hier erblickt, in denselben Mantel gehüllt, wie der Fürst, achtet er nicht der Mahnung in ihrer Stimme – er vergißt sogar seine Botschaft von den feindlichen Horden, die in mächtiger Überzahl in Eilmärschen heranrücken, – er bricht in ein Gelächter aus und, verächtlich auf sie zeigend, schreit er, daß diese Frau, die der Herrscher an seine Brust genommen hat, seine Geliebte gewesen ist, sie hat ihm Treue geschworen, sie hat ihn verraten – und sie wird sicher auch versuchen, ihren Fürsten zu verraten!

Mit einem Ruck wendet der König den Kopf und sieht sie an. Er begreift, daß dieser Mann sicher die Wahrheit gesprochen hat – und, schäumend vor Wut, befiehlt er, daß ihnen beiden das werden soll, um das sie vorhin gebeten hat: sie sollen ihre erste Nacht im Tempel verbringen! Ja, er will noch mehr für sie tun, auch ihre letzte Nacht dürfen sie darin zubringen! Sie sollen schon am nächsten Morgen zu dem knisternden Feuerrad hingeführt werden, – jeden Tag fordert es ein Menschenpaar, das durch seine Glut hindurchwandern und mit der Sonne darin vereinigt werden soll!


Der Vorhang fiel langsam nieder. Es war, als ersticke er im Fallen die jammernde Klage des Orchesters. Die Oboen speichelten ihr Weinen heraus, und in kleinen Seufzern schluchzten die Fagotten, während die Violinen gleichsam tröstend fortfuhren, zu flüstern und zu flüstern: daß die Liebe keinen Schmerz empfinde bei dem Tode des Leibes; ach nein! Hoch oben im Himmelsee der Liebe segelt sie! Viel leuchtender als irgendein irdisches Feuerrad, ja, herrlicher strahlend als die Sonne selber, gleitet sie ewig dahin, schwindelnd, zitternd, voll von glückseligen Flammen und Melodien!

Das Licht auf dem Zuschauerplatz sprang hervor – wie infolge eines merkwürdigen Wechsels der Sinne, die hoch emporgestiegenen Töne fielen jetzt, nachdem sie die Decke erreicht hatten, wieder nieder wie ein goldener Schimmer.

Es war Brown, als pulsiere der ganze Saal infolge der Hitze – mehr, als an irgendeinem anderen Abend. Oder kam es nur daher, daß jetzt mehr als vierzehn Tage vergangen waren, seit er zuletzt hier gewesen? Oder lag es an unerklärlichen Einflüssen seiner Müdigkeit, oder von Frau Annas nur halb ausgesprochener Angst vor dem Akt, der jetzt kommen sollte, vor dem letzten Akt mit dem Spiralflammenkreis?

Er sah sich unwillkürlich um; im Parkett und an den Reihen der Balkons entlang. Der Kronleuchter hing ganz oben – wie ein plötzlich erstarrter Regen von roten Meteoren.

Wieder hörte er Jirgens Atmen – es pfiff wie der Blasebalg unter seinem Schmelztiegel. Er erhaschte einen Schimmer von Erik Borgs Braut, deren Gesicht goldig geworden war wie eine Glut, infolge der Musik und der Wärme.

Gerade vor Brown lehnten sich zwei Damen flüsternd aneinander. Die zur Linken trug eine schwarze, seidene Bluse mit einem langen, dreieckigen Ausschnitt von weißer Haut im Rücken. Die andere erhob ihr weißes und regelmäßiges Antlitz, von einer Cleofrisur schmal gemacht, einen kurzen Augenblick.

»Nein,« sagte sie plötzlich laut, mit einem fast triumphierenden Lachen, »mich würde kein Mensch bewegen, unterm Kronleuchter zu sitzen! Aber wissen Sie übrigens, daß Doktor Block in seinem Buch schreibt, kein Theater in Europa habe jemals länger als vierzig Jahre gestanden – bis es niedergebrannt sei! And dies hier ist schon mehr als dreißig Jahre alt. Man sollte eigentlich gar nicht mehr hierher gehen! Wie?«

»Brown!« rief Frau Jirgens – sie berührte mit ihren beiden Händen, an denen die Ringe Zinnoberfunken sprühten, seine Ellenbogen – »sagen Sie mir doch,« fragte sie leise mit derselben, ein wenig trockenen Stimme von vorhin, »haben Sie nie darüber nachgedacht, daß es zwei Gründe geben muß, weshalb alle diese Menschen ins Theater gehen! Nicht wahr?«

»Zwei Gründe?« wiederholte er, um interessiert zu erscheinen, ohne jedoch sein Gehirn belasten zu wollen, indem er sich bemühte, sie zu verstehen; er war auch zu müde und hatte Schmerzen im Nacken. – Aber schon während er fragte, kroch eine weiche Kälte wie ein Tier langsam an seinem Rücken hinab. Er wollte lachen.

»Aber liebe, gnädige Frau!« begann er. Dann verstand er sie auf einmal. Es war ihm sogar, als sei es vielleicht derselbe Gedanke, der ihn heute abend so sonderbar schwankend gemacht und mit innerer Unruhe erfüllt hatte! Freilich, es war ganz dieselbe Idee, die bewirkt hatte, daß im vorigen Zwischenakt plötzlich dieser Zorn in ihm aufgestiegen war gegen alle diese Tausenden von Menschen, die hier ringsumher im Parkett und auf den Balkons saßen, sich auf einmal häufend, sich ansteckend, entzündend mit ihrer Nähe, mit ihrer Sucht nach Erschütterungen, während sie mit geschwollenen Augen um sich starrten, als erwarteten sie irgend etwas! Ja! Wartend und lauernd saßen sie da, nicht nur nach den Schrecken, mit denen sie der Schein des Lebens auch auf der Bühne durchbohrte, sondern auch danach, daß das Drama da oben möglicherweise auf die erste, beste Weise zur Wirklichkeit werden würde!

Brown fühlte, wie dieser hämmernde, dröhnende Kopfschmerz, der seine Schläfen wieder und wieder gemartert hatte, während er heute nachmittag von Gjedser fuhr, und der seitdem fortwährend wie ein schweres Metallband seinen Nacken umspannt hatte, sich jetzt plötzlich wieder meldete.

Er schloß die Augen ganz fest und hielt den Atem einen Augenblick an, suchte gleichzeitig auszurechnen, ob wohl die Gedanken, die Frau Jirgens in ihm geweckt hatte, dies Anschwellen, diese Entzündung in seinem Gehirn bewirkten – oder war es, umgekehrt, vielleicht der Kopfschmerz, der ihn daran hinderte, sich von den Ideen dieser fremden, halbkranken Person zu befreien?

Er entsann sich plötzlich der vielen Frauen, die er kannte, die sich alle ängstigten, unterm Kronleuchter zu sitzen, und die stets Plätze auf den Balkons oder die Eckplätze in den unteren Reihen wählten. Aber folglich erwarteten sie wirklich, daß er herunterfallen würde! Sie hofften beinahe, daß er herabstürzen würde – daß er ihnen mit unvergeßlich grausigen Erschütterungen beweisen würde, daß sie klug gehandelt hatten, indem sie nicht darunter sitzen wollten!

Er hatte den Nacken hintenüber gelehnt und hielt die Augen noch immer fest geschlossen, während die Schmerzen in seinem Kopf gleich einem lärmenden Wagengerassel darin herumtrampelten.

Ja! Das, was die Menschen hierher führte, war genau dasselbe wie das, was sie antrieb, gezähmte, wilde Tiere zu sehen: das kalte und kriechende, bodenlos tiefe Erschauern von Wollust und von Furcht! Nicht nur die Angst, daß der Tierbändiger zerrissen, getötet werden könne, nein, man zitterte in der dunklen Hoffnung, daß die Tiere aus dem Käfig ausbrechen könnten, mit nackten und weißen Zähnen, tropfend von roten Säften, heulend vor Durst im Rachen, um sich auf die Zuschauer selber zu stürzen!

»Hören Sie denn nicht!« wiederholte Frau Jirgens, indem sie sich vornüber beugte und ihn am Arm schüttelte. Brown riß seine Augenlider auf und wandte den Kopf nach ihr um: wieder fühlte er, daß dies hier Wahnsinn war! Es war ein Fieber in seinem Blut! Er selber war krank und wild, nicht die andere! Von Fieber berauscht war er! Und wenn er nun auch Anna dort oben ansteckte mit seinen kochenden Augen?!

Aber während dies hier rasselnd durch sein Gehirn glitt, lauschte er mit offenem Munde, mit bimmelnden Lauten im Ohr Frau Jirgens heiserer Stimme, die dicht neben seinem Gesicht zischte und puffte.

»Sehen Sie denn nicht, daß sie verrückt sind, alle diese Wesen! Sie sitzen da auf der Lauer, bereit, hinauszustürzen! Mit einem Sprunge zum Theater hinaus zu sein – aber erst, wenn das geschehen ist, worauf sie warten!«

Brown atmete ganz tief; er machte ein paar Bewegungen mit den Händen, zwang sich zu lächeln.

»Hören Sie einmal!« sagte er leise und schnell. Unwillkürlich bekam seine Stimme denselben schleichenden Ton wie die ihre. – »Denken Sie jetzt nicht an das alles! Hahaha! Wirklich, Sie werden krank davon! Hab' ich nicht recht? Hören Sie einmal! Lassen Sie das jetzt nach!«

Aber »Hinsetzen!« wurde im selben Augenblick mit scharfer Stimme hinter ihm gerufen – als sei es eine Warnung aus der Finsternis oder ein Angriffsgezisch.

Er sah sich verwirrt um, lächelte ganz schwach, und setzte sich nieder. Freilich, dachte er, alle diese fünfhundert Männer und fünfhundert Frauen, die nichts von dem verlieren wollen, wofür sie bezahlt haben! Und jetzt also würde dies Feuerrad kommen! Das, wovor sie sich ängstigte, sein großes, geliebtes Weib!

Plötzlich stieg eine Ruhe, in ihm auf – wie eine große, leere Blase, die sich lange Zeit ganz langsam durch die Luftröhre in ihm emporgehoben hatte, allen Durchgang hemmend, die nun aber plötzlich zerplatzt war. Es war ihm, als seien seine Nerven auf einmal müde geworden, sich zu winden und zu schreien! Oder war es vielleicht nur, weil das Licht rings um ihn her erloschen war? –

Ja, sein geliebtes Weib! Sie, die er schon das allererste Mal, als er sie sah, gemeint hatte, wiederzuerkennen. Jedesmal, wenn sie gesprochen hatte, war da etwas in ihm, das lachte und voller Wonne ward, als wisse er im voraus jeden Gedanken und jedes Gefühl in ihr! Ihr gegenüber hatte er empfunden, von dem ersten Tage an, als sie sich vor sechs Jahren begegnet waren – daß es sicherlich geschehen kann, daß Menschen nicht einsam bleiben. Es kann wirklich geschehen, daß die Seelen – das in uns, was sich nicht durch Worte ausdrücken läßt – doch zueinander zu reden vermögen, doch voneinander wissen, einander doch kennen! – Als sei jedes Menschenpaar, das sich liebt, einmal vor Jahrhunderten ein Zwillingspaar gewesen! Als seien sie Geschwister, die in vergangenen Zeiten von derselben Frau empfangen und getragen und zur selben Stunde von derselben Mutter geboren seien. Zwillinge, die gleich nach der Geburt voneinander getrennt waren, und die jetzt, in der Sekunde, wo sie sich zum erstenmal begegneten, einander augenblicklich erkennen an inwendigen, tiefen und roten Stimmen: Schluchzend vor Freude fallen sie sich in die Arme! Und sind von neuem wieder eins geworden, wie in uralter Zeit!

Ja – sein geliebtes Weib, Anna, die Mutter der Menschen, die zur Welt kommen sollten, weil sie und er einander liebten! ...

Dann aber rasselten klirrende Metallplatten und Schellen vor dem Tempel dort oben auf der Bühne. Saftiges, höhnisches Flötengelächter wurde laut. Gigantische Posaunen schwangen blutnasse Fahnen.

Der große, dunkle Vorhang, der mit Sonnenzeichen bemalt vor dem Portal zur Linken hing, glitt plötzlich beiseite – von unsichtbaren Händen in die Höhe gerissen – und der Aufzug der Priester trat vor. Mit Hymnen und Geschrei schritten sie langsam über die Schwelle, sich neigend und mit gefärbten Händen Männerbildnisse in der Luft beschreibend. Ihre langen, zur Hälfte hochroten, zur Hälfte goldstrahlenden Gewänder flammten hinter ihnen her, in kleinen Windungen bei jedem Schritt – als wenn diese Schlangenbewegungen die dröhnenden Trommelwirbel heranriefen. Die Räucherfässer an ihren perlenbesetzten Schnüren schwankten, als würden sie von den seufzenden Atemzügen des Zuschauerraums angeweht. Brown lauschte nur mit halbem Ohr. Die ganze Zeit starrte er mit seinen geschwollenen Augen nach Anna aus, die an der Seite ihres Geliebten, mit Ketten beladen, mitten in der Schar der Priester einhergeschritten kam. Es war ihm, als könne er fühlen, wie auch sie wieder und wieder, wunderlich unruhig, seinen Blick suchte, als fürchte sie, ohne zu wissen, warum, all diese zischende Hitze, die von da unten aufstieg.

Rings um ihn her klang das Atmen wie ein tiefes, verhaltenes Stöhnen, als ziehe ein fürchterliches Unwetter näher und näher herauf. Er sah sich nach beiden Seiten um: überall saß man, ein wenig vornüber gebeugt, die Gesichter bläulich oder bleich von der Beleuchtung auf der Bühne, mit schwarzen Augen hinaufstarrend, mit verzerrten Mündern, keuchend holten sie Luft. Die Kragen der Männer erschienen sowie die Ausschnitte der Frauen als kreideweiße Streifen ihrer Haut.

Und mit fortgerissen von dem Strom der tausend Gesichter, die sich fest an die Rampe sogen, wandte auch er den Blick dort hinauf.

Die Priesterschar hatte Ara-izra und ihren Geliebten bereits dem Tode geweiht und zog sich nun, Schritt für Schritt, in den Hintergrund zurück, nach und nach durch eine unsichtbare Tür verschwindend; als schmölzen sie weg, als würden sie spurlos verzehrt, sobald sie sich nur der Stelle näherten, auf der sich binnen kurzem der Feuerring zeigen sollte.

Aus dem Orchester, das sich gleichzeitig mit den Priestern langsam weiter und weiter zurückgezogen hat, bis man es schließlich gar nicht mehr hörte – aus den sechzig Instrumenten begannen die seligen Töne ihres großen Gesanges sich leise herauszulösen.

Mit halblauter Stimme, noch ein ganz klein wenig klagend, singt sie dem Geliebten zu, der mit vor Zorn flammenden Augen und gerunzelter Stirn dasteht. Ihr Gesang bewegt sich in Synkopen, entgegengesetzt dem Takt des Orchesters, als sei die Musik da unten das hastige und metallische Echo ihrer Stimme.

Sie wirft sich vor ihm nieder, und von Weinen unterbrochen, erzählt sie ihm, wie sie der König mit Macht ihrem Vater entrissen hat – wie es ihr aber durch Schlauheit und Schmeichelei geglückt sei, sich den Tod statt der Umarmung des Fürsten zu sichern.

Aber der Geliebte antwortet nicht – er fährt nur fort, sie mit Spießaugen anzusehen. Nein! Schweig still, du Dirne! Bespotte nicht die Liebe, indem du ihren Namen nennst – singt er. Du hast mich verraten! Ja du hast mich verschachert! Süß ist es für mich, zu sterben, weil auch du stirbst! Weil mein Tod zugleich die Vernichtung aller deiner Ränke und Pläne ist! So schweige doch!

Ja, als sie von neuem, auf den Knien zu ihm hinkriechend, seine Beine umschlingt, ihm zu beweisen sucht, daß sie die Wahrheit redet, da treibt er sie mit Hieben und Fußstößen von sich. Und wieder setzt er sich hin, über seinem Schmerz und seiner Schande brütend, die Ellbogen auf den Knien, und das Antlitz verhüllt.

Eine ganz kurze Weile schweigt sie, weiß nicht mehr, auf welche Weise sie es ihm verständlich machen soll, nur in dieser winzig kleinen Spanne Zeit, die sie noch zu leben haben, daß sie in Wahrheit keinen Augenblick aufgehört hat, ihn zu lieben, daß alles nur ihre Liebe zu ihm gewesen ist.

Und dann fängt sie nach einer kleinen Weile wieder an zu singen; sie hat plötzlich begriffen, daß so, wie es ihr in Dichtungen erzählt worden ist, daß liebeskranke Frauen zuweilen die Kälte des Geliebten überwinden können, indem sie ihm ihren unverhüllten Körper zeigen, so muß sie auf diese Weise das Gewand all ihres Glückes von sich werfen, sie muß ihm ohne Rückhalt alles beweisen und erklären, dann wird er ihr glauben.

Während der ersten Strophen ihrer großen Arie begleitet das Orchester sie mit lebhaften Klängen von Flöten und Harfen; die Violinen steigen und sinken mit ihrer Angst. Aber nach und nach, wie ihr Gesang die Erinnerung an einzelne Begegnungen mit ihm wachruft und ihm alles erzählt, was sie empfunden hat – von dem glühend roten Wonneschauer, der wie das Eichhörnchen an den Lianen entlang, ihr durch die Glieder hinaufgelaufen ist, wenn er sie ansah: Entsinnst du dich des Tages, bei dem weißen Kaktus? Von allen Nächten berichtet sie, wo es ihr war, als kröchen kleine, heiße Tiere ihr bis ans Herz und kratzten daran, um es für ihn zu öffnen; ich schlief, die Finger auf meinen Mund gelegt, um deinen letzten Kuß zurückzuhalten! Von jedem Morgen singt sie, an dem sie erwachte, klagend, mit glühenden Wangen, und ihr Antlitz voller Glück über ihre tiefen Träume emporhob, in denen er überall bei ihr gewesen war – und nach und nach, wie sie ihm dies alles erzählt, ist es, als ob selbst die Stimmen des Orchesters, eine nach der andern, ihren eigenen Laut vergessen und schließlich fast ganz still schweigen, murmelnd, eifrig, nur ihr zu lauschen.

Lange schwang sich ihre Stimme vergebens zu immer höheren und lichteren Tönen empor. Aber allmählich, als er merkt, wie ihre Worte gleichsam erraten, was er denkt und sinnt, während er dort, hinter seinen Händen verborgen, sitzt – daß sie ihm auch Dinge von jedem einzelnen, kurzen Zusammensein erzählen, dessen er sich kaum noch zu erinnern wagt, als er das merkt, da erhebt er auf einmal sein Antlitz und starrt sie mit erwachendem Glauben an.

Ein Sausen ging von dem Zuschauerraum aus. Als schluchze man dort, da draußen in der Dunkelheit, als schwölle die Dunkelheit selbst vor Sehnen dort, hier und dort, in roten Punkten über die Türen, als sei sie nahe daran, den Raum zu sprengen.

Brown saß da und atmete kurz und schnell, er hatte die ganze Welt vergessen. Er hörte ihre Stimme, die tanzend mit Schalmeientönen, taumelnd mit Flötenlauten unaufhörlich ihrem großen, weißen Busen entstieg.

Schon streckt der Geliebte die Arme nach ihr aus das Ganze begreifend: Verzeih mir, du Selige! Meine Geliebte! – da aber geht ein Ruck durch sie und durch ihn, pflanzt sich wie der Ton eines plötzlichen, scharfen Schlages zu den Tausenden fort, die lauschen und starren, ein jeder mit tausend Fibern.

Hinter den beiden, mitten aus der Rückwand des Tempels, schlängeln sich längliche, blaue Funken in die Finsternis hinaus – das erste Zeichen, daß das Sonnenmysterium im Begriff ist, sich zu vollziehen. Der Anfang zu dem ungeheuren Feuerring, der nach und nach aus der Wand heraus wachsen und schließlich in einem Wirbelfeuer von Flammen die beiden verzehren wird.

Und während Ara-izras und ihres Geliebten Stimmen sich in langsamen Bogen erheben, ganz dicht nebeneinander, als hätten auch sie die Arme einander um den Hals geschlungen –, hört man den unsichtbaren Chor der Priester aus der Tiefe herauf, murmelnd und drohend, während hin und wieder hohe Töne emporlocken, gleichsam, als sei es ihr Gesang, der in den blitzblauen Rissen der Rückwand sichtbar wird.

Brown hatte ein Gefühl – zurückgelehnt, und plötzlich ohne Atmen vom Lauschen –, als spräche sie zu ihm allein. Als wolle sie jetzt, durch die Erinnerungen an alles, was sie und er miteinander gelebt hatten, tiefer denn je zuvor sagen, daß sie ihn liebe, und daß er sie liebe. Es war, als singe sein und ihr Kind mit seiner lächelnden Stimme aus ihrer Kehle heraus.

Er atmete schwer. Als sei die Luft angefüllt mit lüsternen und gefährlichen Gasen. Oder als sei der ganze menschenbepackte Raum mit dem breiten Kupferband der Balkons, ein ungeheurer Kessel, brodelnd von den Dämpfen der erstickenden Kräuter, die darin gekocht wurden und die sich in dunklen und hellen Krusten über den ganzen Boden und hoch an den Seiten hinauf ablagerten.

Die violettblauen Blitze aus der Rückwand mehren sich. Folgen einander immer schneller. Schon kann man erkennen, daß sie zusammen einen Ring bilden, der sich erweitert. Gleich Phosphortieren jagen sie im Kreise umher.

Aber die Gesichter der Zuschauer legt sich ein bläulicher Schein, als entsetzten sie sich plötzlich, oder als wüßten sie – atemlos, verwirrt – auf einmal nicht mehr, ob dies Schauspiel ist oder Wirklichkeit. Brennt es da oben? Wie? Was ist das nur? So sagen Sie mir doch ... sehen Sie das? Ja, freilich!

Mit einem Getöse entzündet sich das Sonnenrad rings umher.

Ara-izra schreit und schwankt zurück. Bläuliche Flöre sausen von allen Seiten nieder. Weiße Dämpfe brodeln aus dem Boden empor. Sprachlos zeigt sie hinauf zu dem sprühenden Rad, das flammt wie hundert zu einem Kranz gewundene Sonnen.

Stöhnend zischt der Atem dort unten, als schwanke der ganze Saal, vom Boden bis zur Decke. Ganz hinten rechts im Parkett erhebt sich eine Dame mit einem Ruck, der Sitz ihres Stuhles fällt hinter ihr mit lautem Klappern nieder; sie schleicht hinaus, schwankend, eilig, der Lichtschimmer der geöffneten Tür flutet herein – man sieht sie eine Sekunde wie eine schwarze Stange – dann ist sie verschwunden. Dicht neben Brown richtet sich noch eine halb auf. Still sitzen! flüstert man hinter ihr, zornig, und sie setzt sich nieder, plötzlich ihr weißes Gesicht von der einen Seite nach der andern wendend. Und dann stockt das Blut auf einmal in seinen Adern; Stapel von roten Blöcken häufen sich in ihm auf: es wird ihm klar, daß Annas Entsetzen da oben kein Spiel mehr ist. Er kann hören, wie ihre Stimme bemüht ist, das Angstgeheul zu übertäuben, das sie von innen heraus durchzuckt. Er sieht deutlich, wie eine weiße Angst gleich einem Chloroformlaken auf ihr Gehirn herabfällt: diese Angst, die er schon aus ihren Briefen herausgelesen hat, die er jetzt, in diesen letzten Minuten, in ihren Augen hat aufflackern sehen, zündend wie die Flammen in dem Feuerrad.

Ein Ruck geht durch seine Beine, als wollten sie versuchen, ihn zum Aufstehen zu zwingen. Ja, er muß ihr helfen! Es gilt ihr Leben! Ihr zuzurufen, sie beruhigen, sie beschützen, schreien, daß er ja hier ist!

Aber noch ehe er seinen Mund aufgerissen hat, weiß er, was ringsumher geschehen wird, wenn er es wagt, auch nur einen einzigen Laut von sich zu geben, daß alle wie ein Mann sich erheben, daß Hunderte vielleicht getötet sein werden, ehe sie hinausgelangen.

Er hebt das Kinn in die Höhe und knirscht die Zähne zusammen, bis die unebenen Flächen wie Kies aufeinander knirschen, nur um nicht, trotz des Lebens aller der anderen, dennoch ihr zurufen zu müssen. Oder hat er vielleicht, ohne es zu wissen, vorhin doch schon geschrien?

Denn sie wendet sich plötzlich um. Er kennt ihr Gesicht nicht, es sind nur Augen und ein verzerrter Mund, der schräge darunter bebt. Ihre Stimme folgt dem Orchester nicht mehr, als habe sie es in der Verwirrung verloren. Sie greift mit den Händen in die Luft. Brown sieht, daß sie nicht weiß, was sie tun soll. Soll sie versuchen, den Ton wieder aufzugreifen? Soll sie nur fortfahren, aber das kann sie nicht. Oder ganz innehalten? Oder von der Bühne herunterlaufen? Oder um Hilfe schreien? Und das Rad, das sie in Brand setzen soll?!

Ihre Finger springen mit einem Griff gleichzeitig über alle Kontakte auf ihrer Brust hin. Der Lichtring schreit auf, erzittert unter dem hundertfältigen Flammenmeer.

Und im selben Augenblick geschieht es.

Ein Herr erhebt sich mit einem Ruck, mitten auf der ersten Reihe, und zeigt hinauf. Er gleicht einem schwarzen Pfahl mit einem Signalflügel.

Aus dem Rad heraus platzt eine Garbe von gebogenen Funken. Sie schwirren in den Florschal hinein wie blaue Brandpfeile. Ellenhoch lecken die Flammen auf.

Anna dreht sich um. Mit einem Sprung ist sie unten an der Rampe. »Karl!« schreit sie. Ein eiskalter Schrei. Wendet sich wieder um, läuft über die Bühne zurück, nach links hinaus.

Es wird auf einmal blendend hell da oben. Ein hochroter Schein. Knitternde Rauchpuffer rollen sich nach der großen Hinterwand zu, die plötzlich flach aussieht, als sei alle Malerei wegexplodiert.

Eine Brandwache ist aus den Kulissen hervorgetreten, der Mann ficht mit den Armen um sich. »Jawohl, hierher!« brüllt er dem Liebhaber zu. Sie taumeln beide hinaus. Ein Heulen geht durch das Theater.

»Feuer!« schreit ein Mann unten im Parkett. Er reißt seinen Rock auf. Springt auf seinen Stuhl. Greift mit den Händen in der Luft herum, watet auf die Tür zu, quer über den Schoß der andern, taumelnd.

Sie erheben sich alle auf einmal. Die Nacken hintenüber gebeugt. Aus ihren offenen Mündern quillt ein Knirschen, als würden ihre Schädel mit Granitblöcken zermalmt. Brown steht da und klemmt sich gegen die Rücklehne seines Stuhls; er will sich nicht rühren. Die andern fallen wie ein Dachrutsch über ihn, auf ihrem Wege nach draußen. In einem Augenblick reißen sie ihn nieder mit ihrer Masse. Der Fußboden trifft seine Stirn wie mit einem Keulenschlag. Und dann rasen sie dahin über seine Schultern und seinen Rücken. Ihr Getrampel zerrt in ihm, als wateten ihre Stiefel inwendig in ihm herum. Der trockene Staub des Fußbodens verstopft ihm die Nase. Der Rand eines Absatzes gleitet auf seinem Nacken aus, reißt ihm den Ohrlappen mit einem Ruck ab. Er schreit. Fühlt, wie sich sein Mund mit etwas Salzigem, Fadem anfüllt. Greift mit beiden Händen um sich, richtet sich mit einem Satz auf.

Die andern waren an ihm vorübergelangt – zu den Türen hinaus. »Feuer!« heulten sie. Er stand vornüber gebeugt, in den Lenden eingeknickt. Das Nasse in seinem Munde quoll heraus; vor ihm stand eine schleimige, rote Lache. Sein rechtes Auge schlug wie mit einer Feuerklaue in die Wange und biß ... »Bleiben!« rief er auf einmal und spie aus; er konnte seine eigenen Worte weder hören noch verstehen. »Jawohl, begreifst du, ich bleibe hier!«

Von den Balkons bebte eine Schar von Schreien. Eine Frau im schwarzen Kleide schwang sich auf die Balustrade ganz oben und sprang hinab. Wirbelte wie eine schwarz und weiße Stange durch den Raum. Geheul und Getöse umflossen sie, als sie auf die Stuhlreihen niederschlug.

An den Ausgängen toste ein Menschenkampf. Ein beständiges Mahlen. Die Schultern gegen die Rücken der andern gestemmt. Ihre Hände tasteten krampfhaft oben über ihren Köpfen, verwirrt, feuerrot von dem Schein, als hätten sie sie tief ineinander hineingetaucht. Ihr Geheul gellt wie tausend Dampfpfeifen in die Luft hinaus. Die Hinteren nehmen einen Anlauf, springen in die Höhe und werfen sich – heulend wie Hunde – von oben mitten auf die aufwärts gewandten Gesichter der vor ihnen Stehenden herab, und da bleiben sie liegen und schlagen um sich, so daß rotes Blut aufspritzt. Ein Damenoberkörper in schwarzer Seide wird langsam in die Höhe geschroben, als werde sie plötzlich eine Elle größer. Ihr Geschrei kracht aus ihrem blauen Antlitz heraus, einen Augenblick, dann bricht es jäh ab, schweigt. Von neuem klatscht das Geheul der andern gegen die Decke.

Der eiserne Vorhang rasselt nieder, wie ein donnernder, brauner Wasserfall. Auf halbem Wege hält er mit einem Stahlgekreisch an und steht fest. Mit Gießbachgetöse knallen Rauchschüsse und glühende Lüfte zwischen seinem unteren Rande und dem Bretterboden der Bühne hindurch.

Die Hitze, die von dort eindringt, trifft Brown, als werde er mit dem Gesicht gegen eine steinerne Platte geschleudert. Er stieß ein Gebrüll aus, schlug die Arme über dem Kopf zusammen, sprang über die Stühle, die dalagen und war fast bis an den Kampf vor der Tür gelangt.

Aber dann machte er plötzlich halt, als wenn abermals etwas in ihm rief, daß er stehen bleiben sollte, daß er hierbleiben sollte!

Er sank ein wenig vornüber und rang nach Luft; ohne es eigentlich zu wissen, fühlte er, daß er wenigstens für einen Augenblick außer dem Bereich der Flammen war. In einem roten Schwung sausten die Gedanken in ihm hin und her: War sie tot? Lebte sie? War sie tot? Lebte ...? Und dabei murmelte er wieder ganz leise: Gewiß! Natürlich! Ich bleibe ja hier! Freilich bleibe ich hier!

Das Geheul vor den Türen stieg wieder in die Luft auf, flackernd, in einem blanken Wirrwarr. Wie ein Stacheldraht riß es ihm in seinem Ohr und durch sein Gehirn. Er drehte den Kopf mit einem Ruck herum, starrte um sich, plötzlich, ohne atmen zu können, als habe der Schrei ein Loch in seine Lungen gerissen, so daß sie, aufschäumend, seinen Hals mit Blasen und Nassem füllten – –

Und im selben Augenblick wurde ihm klar, was er damit bezweckte, wenn er hierbleiben wollte! Begriff er, warum er sich seinen Weg hinaus nicht erzwungen und erbrüllt hatte, so wie die andern – wie Frau Jirgen, die Elsa ergriffen, sie hoch über ihren Kopf emporgehoben und, den Nacken nach hinten gebeugt, sie in einem Tigersprung zur Tür hinausgetragen hatte! Ober wie Borg, der, seine Braut über die Schulter geworfen, von dannen stürzte – Ja, es war nämlich ganz einfach seine Pflicht, hierzubleiben, bis zu allerletzt, weil er und Anna sozusagen ihren Anteil an der Schuld für dies alles hatten! Sie hatten sich gegenseitig aufgeregt mit ihrer Angst vor diesem gemeinen Feuerrad, das hatten sie getan, statt ganz offen über die Sache zu reden. Ja, sie hatten durch ihre private Feigheit gerade ihr Teil getan, um das Unglück zu überreden und zu bezahlen, daß es kommen sollte. Sie konnten sich nicht frei von Schuld sprechen! An dem Entsetzen, an dem Geheul von Tausenden von Menschen: daran hatten er und sie ihren Anteil! Hunderte von Menschen, die schrien und von dem Feuer vernichtet wurden, ja auch daran hatten sie ihren Teil von Schuld!

Und darum mußten sie beide bis zu allerletzt bleiben, das mußten sie...

Links von ihm raste noch ein Haufe vor der Tür. Ihr Geschrei fror turmhoch in die Höhe, schwindelnd bis unter das Dach, und warf sich dann, von ganz oben herab, wie ein Eisberg auf ihn nieder.

Sein Blut wurde in einem Augenblick zerquetscht und spritzte glutrote Nadeln in sein Fleisch hinein. Er schwankte hintenüber, sank halb in die Knie, die Hände vor sich ausgestreckt...

Aus den Rauchschichten unter der Deckenwölbung fiel ein langer Balken herab. Ein Stück sprang schwirrend auf, kohlenblank, flammend. Es traf ihn wie ein leichter Hammerschlag auf Brust und Kinn. Er taumelte zurück, schnappte nach Luft, schluchzte.

»Schlingel!« schrie er dann und schleuderte das Balkenstück in einem großen Bogen von sich.

Er sah nach der Galerie hinauf. Der Rauch hing in großen Säcken unterm Dach oder baumelte hin und her in langen Fetzen. Mit einem Knall brachen die Flammen aus, dort oben rings an der ganzen Balustrade entlang. Metalltropfen zischten von da oben herab, einen Wollfaden von Qualm hinter sich herspinnend; sie sprangen mit Klatschen auf den Fußboden auf, säuerliche Blutgerüche durch den Saal spritzend. Es waren noch Leute auf ihren Plätzen da oben. Sie saßen, ohne sich zu rühren, vornübergebeugt. Einer hielt ein Opernglas in der Hand. Warum bewegten sie sich nicht? Warum waren ihre Gesichter schwarz und klein? Und Anna? War sie auch tot? Oder lebte sie noch? Und ihr Kind? Er und sie! Tausende von Menschen! Warum war sie noch nicht gekommen – oder auch, er sah sie nicht wieder. Nie wieder!

Die Luft in seinen Lungen entzündete sich wie Gas. Sie preßten sich zusammen, pfiffen.

Er klemmte seinen Mund zusammen und kroch vor bis in die erste Reihe. Das Orchester war ein gähnender Spalt im Fußboden. Die Instrumente lagen da unten und stellten steife Flammen vor. Ein prasselndes Feuerlaken hing da, sich blähend, blauweiß mit wolligen, grauschwarzen Umrandungen, von der Decke bis auf die Mitte der Bühne.

»Anna«, schrie er hustend aus und mußte sich die Augen reiben, die der Rauch wie mit Holzsplittern stach. »Hörst du nicht! Komm, Anna!«

Und dann sah er, ganz hinten, an derselben Seite, wo er stand, daß irgend etwas aus den braunen und grauen sich vorwärtswälzenden Rauchmassen hervorgekrochen kam – sie kroch auf ihn zu, seine Geliebte, die Beine hinter sich herschleppend. In ihr weißes Gewand waren Löcher gebrannt. Wie ein großer, weiß- und braungefleckter Hund kam seine Geliebte aus Nebel und Rauch heraus.

Sie erhob das Gesicht zu ihm, stützte sich auf den Händen, das linke Auge war zugeklemmt, als lache sie ihn an.

»Karl!« flüsterte sie, »sie alle – alle draußen!«

Er zeigte auf das Orchester hinab.

»Spring!« rief er, plötzlich lachend, und richtete sich auf, die Hände vor sich ausbreitend; den Kopf legte er auf die Seite, um seinen Kragen aus dem Ohr herauszubringen, der hing herab und schnitt wie eine Schere in seinen Hals ein. Ja, dachte er, er verstand sie sehr wohl: Alle Schauspieler waren hinausgelangt, meinte sie. Sie hatte also dasselbe empfunden wie er, daß sie beide die letzten sein mußten, die von hier fortgingen. Sie, seine tausendjährige Schwester! Er sah auf einmal den ganzen Rest ihres und seines Lebens sich weit von ihm ausdehnen, wie ein ganz weißer Streif aus Zeit –

»Spring!« rief er noch einmal und lachte wieder.

Sie sprang, das Kleid blähte sich um sie. Ihre Beine schwankten, als sie an seiner Brust lag. Er schlang die Arme um sie, und wandte sich, sie tragend, noch immer lachend, dem Ausgang zu.

Von oben herab prasselten Granatenschüsse von Balken und Metall. Die Stützpfeiler unter der Galerie bogen sich in der Mitte ein, rissen lautlos durch und taumelten brüllend nieder. Rollende Rauchkissen quollen aus ihnen auf.

Ja, dachte er, und sein Atem zitterte und arbeitete wie ein Motor, fauchend und glühend; jedesmal stiegen rote Blasen in seinem Schlund auf; in vier Sekunden oder auch in fünf mußte er hier heraus sein. Es war kein Augenblick zu verlieren.

Der Weg zur Tür war versperrt.

Zwischen dem Ausgang und den Stuhlreihen lag ein zusammengeschrobener Menschenhaufe. Ein Arm ragte in die Höhe, die Finger waren im rechten Winkel hintenüber gebrochen, ganz zu oberst befanden sich zwei Frauen, sie standen aufrecht, die Hände hatten sie sich gegenseitig in die Haare gewühlt. Ihre Münder waren weit aufgesperrt, als suchten innere Teile durch sie einen Ausgang. Brown kroch auf den Knien über den Haufen hin: er gab unter ihm nach, knackend und krachend, als schreite er über Säcke mit halbweichen Schaltieren hin. Ein süßlicher Gestank stieg von ihnen auf, der seinen Magen blähend aufblies.

Brown fühlte plötzlich, daß er drauflos schwatzte, geifernd, wild, den Kopf über Annas geschlossene Augen gesenkt, während er über die Menschenmasse dahinkroch, haha! Ja, sagte er leise, ja freilich! Ja! Wir sind wirklich die letzten, wir beide! Und dann haben wir also das Recht, zu – nicht wahr? Und unser Kind! Ja freilich! Ein ganz heller Weg, weißt du, der Rest unsres Lebens! Wir drei! Haha! Hm! Wie?

Und dann war er darüber hinweg gelangt. Seine Speiseröhre quoll ihm förmlich in den Mund hinein, wie mit einem bitteren und weichen Finger tastete sie an seinem Gaumen. Er warf den Nacken hintenüber und sank nieder. Sie fest an sich klemmend, stemmte er die Schultern gegen den Türrahmen und dann wieder auf die Beine, indem er sich daran entlang schob.

Mit Kanonendonner stürzte wieder irgend etwas hinter ihm in den Saal hinab. Die Luft explodierte rot, er empfand es wie einen Puff in den Rücken. Er schwankte vorwärts. Weiße Funken sprühten an ihm vorüber.

In einem Nu war er die Treppe hinab – fühlte seine Lenden wanken, als sei er in einem Satz über alle Stühle hinweggesprungen.

Er lief weiter durch den Vorsaal. Begegnete Männern mit blanken Helmen; alle riefen ihm zu, aber er hatte keine Zeit; graue Schläuche schleppten hinter ihnen her. Er puffte sich, die Ellbogen vorhaltend, durch eine geöffnete Glastür hinaus.

Plötzlich verpflanzte sich eine Eiseskälte durch seine Lungen. In hellrotem Schein – wie von einer Feuersbrunst – sah er den Marktplatz vor sich liegen.

»Feuer!« schrie er stark hinaus, strauchelte. Und dann wurde ihm Anna langsam aus den Händen genommen.

»Feuer!« flüsterte er, ohne es zu wissen, und lächelte plötzlich – »aber wir drei, wir haben das Recht zu leben!«








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