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Der Talisman

Walter Scott: Der Talisman - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorWalter Scott
titleDer Talisman
publisherVerlag von A. Weichert
seriesWalter Scott's Romane
volumeBand 21
translatorErich Walter
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid144427ff
created20061101
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Sechsundzwanzigstes Kapitel.

Am nächsten Morgen wurde Richard zum König Philipp von Frankreich gebeten, der ihm in äußerst höflichen, aber unverblümten Worten den Entschluß bekannt gab, nach Europa zurückzukehren, da er sich eines glücklichen Erfolges nicht länger mehr versehen könne. König Richards Vorstellungen blieben fruchtlos, und es überraschte ihn nicht, nach Beendigung der Unterredung den gleichen Entschluß auch vom Erzherzog Leopold von Oesterreich und andern Kreuzfahrern zu vernehmen, die sogar nicht verheimlichten, daß Richards Ehrgeiz und willkürliche Herrschaft ihren Abfall von der Sache des Kreuzes veranlaßten. Alle Hoffnungen, den Krieg mit Erfolg fortzusetzen, schwanden nun, und Richard geriet über diese Vereitlung seiner Hoffnungen außer sich. Ein Glück für ihn und seine Umgebung war es, daß bald nachher ein Bote des Sultans Saladin gemeldet wurde.

Sultan Saladin hatte als Platz für den Zweikampf, der zwischen den Rittern ausgefochten werden sollte, die unter dem Namen »Diamant der Wüste« bekannte Gegend bestimmt, weil sie von dem Lager der Christen und der Sarazenen ziemlich gleich weit entfernt lag. Konrad von Montserrat, als Angeklagter, sollte sich dort mit seinen Zeugen, dem Erzherzog von Österreich und dem Großmeister der Tempelherren, am Kampftage mit hundert Bewaffneten, Richard von England und sein Bruder Salisbury als Kläger, mit ebenso viel Mannen zum Schutze seines Kämpfers, der Sultan aber mit einer Leibwache von fünfhundert auserwählten Kriegern einfinden. Zuschauer sollten keine andern Waffen tragen als Schwerter. Die Einrichtung des Kampfplatzes und die Sorge für Bequemlichkeit und Erfrischungen übernahm der Sultan.

Am Tage vor dem Kampfe brachen Konrad und seine Freunde auf, kurz nach ihm auch König Richard, in Gesellschaft der Königin Berengaria und ihres Hofstaates, dem sich auch Lady Edith angeschlossen hatte. Am anderen Morgen stiegen sie über die niedrigen Sandhügel, die dem bezeichneten Platze vorgelagert waren, wo sich ein glänzendes Schauspiel vor ihnen zeigte.

Der »Diamant der Wüste«, bis vor kurzem eine einsame Quelle, war zum Mittelpunkt eines Lagers geworden, das in tausendfältigen Farben schimmerte, denn jede Nation hatte für ihre Zelte ihre besondere Farbe und die Spitzen der Zeltpfähle waren mit goldenen Granatäpfeln und seidenen Wimpeln geschmückt. Araber und Kurden, jeder mit seinem Pferd an der Hand, bildeten im Vordergrund eine dunkle, verworrene Masse. Kaum war König Richard ins Lager geritten, als ein gellender Pfiff den Lärm der arabischen und kurdischen Höllenmusik übertönte, worauf die dunkelfarbigen Reiter in den Sattel sprangen. Eine Staubwolke verbarg dem König und seiner Begleitung nicht allein das Lager, die Palmenbäume und die entfernte Bergkette, sondern auch die Truppen, deren plötzliche Bewegung diese Wolke erregt hatte. Ein abermaliger Pfiff, und die Reiterei rückte vor in vollem Galopp, so daß sie auf einmal an die Front, die Flanken und den Nachtrab von Richards kleiner Leibwache kamen, die auf diese Weise von beiden Seiten durch dichte Staubwolken eingehüllt wurde. Abwechselnd tauchten daraus die finsteren wilden Gesichter der Sarazenen hervor, um jedoch ebenso schnell zu verschwinden. Unter wildem Geschrei schwenkten sie ihre Lanzen, und rissen ihre Pferde oft erst in Speeresweite vor den Christen herum, wahrend ihr Nachtrab förmliche Pfeilwolken auf Christen und Sarazenen abschoß. Ein Pfeil traf die Sänfte der Königin, ein anderer den König vor die Stirn. »Ha! beim heiligen Georg!« rief er. »Gegen diesen Abschaum der Ungläubigen müssen wir Maßregeln treffen!«

Edith steckte den Kopf aus der Sänfte, nahm einen Pfeil in die Hand und sagte: »Ei, seht doch, sie haben ja keine Spitzen!« – »Kluges Kind!« rief Richard; »Du beschämst uns alle mit Deinem Scharfblick. Landsleute,« fuhr er, zu seinem Gefolge sich wendend, fort: »Keine unnütze Bange! sie vollführen den Lärm bloß als Willkommen für uns, haben wohl auch ihre Lust daran, uns in Unruhe zu setzen. Also nur immer vorgerückt!«

Von den Arabern auf allen Seiten umringt, zog die kleine Schar unter dem gellenden Geschrei derselben weiter: gleichsam als Kern einer Szene von unbeschreiblicher Verwirrung. Da erschallte abermals ein durchdringender Ruf, auf den hin all diese an der Front und den Flanken der Europäer befindlichen Truppen eine lange, tiefe Kolonne bildeten. Der Staub zerteilte sich, und ein Trupp regulärer Reiter, etwa fünfhundert Mann, mit Angriffs- und Verteidigungswaffen ausgerüstet, kam ihnen entgegen. Es waren Sklaven aus Georgien und Cirkassien, durchweg Männer in der Blüte ihrer Jahre, in einer Kriegstracht von bunter Pracht mit Oberkleid aus Brokat, und seidnen Schärpen. Ihre reichen Turbane waren mit Federbüschen und Juwelen geschmückt, ihre Säbel und Dolche aus Damaszenerstahl mit Gold und Edelsteinen besetzt.

Unter den Klängen kriegerischer Musik rückten sie heran und öffneten angesichts der Christenschar ihre Glieder, um sie durch ihre Reihen zu lassen. Richard, Saladin in der Nähe vermutend, stellte sich an die Spitze der Seinen. Es währte auch nicht lange, so erschien der Sultan, umgeben von seiner Leibwache, in der Miene und Haltung eines Mannes, auf dessen Stirn die Natur geschrieben hatte: Dies ist ein König! Er trug Turban und Gewand von schneeweißer Farbe, darüber eine Schärpe von scharlachroter Seide. Im Turban funkelte jener unschätzbare Edelstein, der von den Dichtern »das Meer des Lichts« genannt wird. Zum Schutze gegen den Staub, der in der Nähe vom Toten Meere der feinsten Asche glich, vielleicht auch aus orientalischem Stolze, hatte er an seinem Turban eine Art Schleier geheftet, der seine edlen Gesichtszüge zum Teil verdeckte. Er ritt ein milchweißes arabisches Roß, das ihn mit einem Stolze trug, als sei es sich seiner edlen Bürde bewußt gewesen.

Die beiden Herrscher sprangen zu gleicher Zeit vom Pferde, die Musik verstummte, die Truppen machten Halt, und nachdem sie sich voreinander verbeugt hatten, gingen sie einander entgegen und umarmten sich wie Brüder. Der Sultan brach zuerst das Schweigen, »Melech Rik,« sprach er, »ist dem Saladin willkommen, wie das Wasser dieser Wüste. Hoffentlich setzt er kein Mißtrauen in diese zahlreich aufgestellte Schar, die sich, mit Ausnahme der bewaffneten Sklaven meines Hofstaats, nur aus Edlen meiner tausend Stämme zusammensetzt. Denn wer könnte daheim bleiben wollen, wenn ein Fürst sich uns zeigt, wie Richard, mit dessen Namen die Amme ihr schreiendes Kind, und der freie Araber sein widerspenstiges Roß zur Ruhe bringt?« – »Dies alles also sind arabische Edle?« fragte Richard, rings umher schauend auf wilde, von der Sonne schwarz gebrannte Gestalten. – »So zahlreich sie sind,« sagte Saladin, »so stehen sie doch unter den Bedingungen des zwischen uns geschlossenen Vertrags und führen keine anderen Waffen als den Säbel.« – »Wenn sie sie bloß nicht wo liegen haben, wo sie sie nicht lange zu suchen haben,« flüsterte Thomas von Vaux; »wirklich! eine glänzende Versammlung von Pairs, die in der Westminster-Halle kaum Platz hätte.«

»Schweig, ich befehl es Dir!« raunte Richard ihm zu; dann wandte er sich zu Saladin: »Edler Sultan! Argwohn wächst nicht auf dem gleichen Boden mit Dir... Sieh – « auf die Sänften zeigend, »auch ich habe einiges Kriegsvolk mitgebracht, aber bewaffnetes, also vielleicht dem Vertrage zuwider gehandelt; denn glänzende Augen und schöne Züge sind Waffen, die man nicht zu Hause lassen darf.«

Der Sultan machte in der Richtung nach den Sänften hin eine so tiefe Verneigung wie nach Mekka hin, und küßte dabei, als Zeichen der Ehrerbietung, den Staub. »Willst Du nicht zu ihren Sänften hinreiten, Bruder?« fragte König Richard. – »Das wolle Allah verhüten!« antwortete der Sultan; »ist doch kein Araber hier, der es den edlen Frauen nicht als Schande anrechnete, wenn sie sich mit entblößtem Antlitz sehen ließen.« – »So sollst Du sie nachher insgeheim sehen, Bruder,« sagte Richard. – »Wozu?« fragte Saladin traurig; »war doch Dein letztes Schreiben für die Hoffnungen, die ich nährte, was Wasser für Feuer ist! Wozu eine Flamme wieder anzünden, die wohl verzehren, doch nicht erfreuen kann? – Aber will mein Bruder nicht in das Zelt kommen, das sein Diener für ihn bereitet hat? Mein vornehmster Eunuch hat Befehl, die Fürstinnen zu empfangen; Deinem Gefolge werden meine Hausbeamten aufwarten; Wir selbst werden des königlichen Richard Kämmerer sein.«

Darauf führte er sie zu einem prächtigen Zelt; Thomas von Vaux nahm dem König den langen Reitmantel ab, der nun vor Saladin in der prallen, Stärke und Ebenmaß seines Körpers vorteilhaft zur Geltung bringenden Kleidung stand, ein auffälliger Kontrast zu den weiten langen Gewändern, die die schmächtige Gestalt des orientalischen Herrschers verhüllten. Vor allem fesselte Richards gewaltiges Schwert die Aufmerksamkeit des Sarazenen: eine breite gerade Klinge, die sich in ihrer unförmlichen Länge fast von der Schulter des Königs bis zur Ferse erstreckte.

»Hätte ich dieses Schwert nicht in der Schlacht flammen sehen,« sprach Saladin, »so würde ich nicht glauben, daß es ein Menschenarm regieren könnte!« Hierauf, nahm er die muskulöse Hand des Königs, hielt sie neben die seinige, die dürr und mager war und nur wenig Fleisch und Sehnen hatte, und lachte. Hierbei verrückte sich sein Turban, und eine darunter befindliche Tatarenmütze wurde sichtbar. Da riß Thomas den breiten Mund und die großen runden Augen weit auf, und auch Richard sah mit Erstaunen auf den Sultan, der in ernstem Tone sprach: »Der Kranke, sagt der Dichter, kennt den Arzt an seinem Gange; ist er aber wieder hergestellt, so kennt er selbst sein Gesicht nicht, wenn er ihn sieht.« – »Ein Wunder! Ein Wunder!« rief Richard; »so, muß ich meinen gelehrten Hakim in meinem königlichen Bruder Saladin wiederfinden?« – »Das ist gar oft der Lauf der Welt!« erwiderte der Sultan; »das zerrissene Gewand macht nicht immer den Derwisch.« – »Und durch Deine Vermittelung,« rief Richard, »wurde der Ritter vom Leoparden vom Tode errettet, und auf Dein Anstiften besuchte er mich verkleidet im Lager?« – »So ist's,« erwiderte Saladin. »Wußte ich doch als Arzt, daß seine Lebenstage gezählt seien, wenn nicht, die blutende Wunde seiner vernichteten Ehre geheilt würde. Aber seine Verkleidung wurde schneller offenbar, als ich nach dem glücklichen Erfolg der meinigen rechnete.«

»Ein Zufall,« sagte König Richard, wahrscheinlich auf seinen Einfall, die Wunde des Nubiers auszusaugen, anspielend, »lehrte mich, daß seine Haut künstlich gefärbt sei. So fiel dann die weitere Entdeckung nicht schwer; denn Person und Gestalt von ihm waren nicht vergessen. Ich rechne, daß er morgen kämpfen wird.«

»Ich habe ihn mit Roß und Waffen versehen,« versetzte der Sultan, »und hege eine hohe Meinung von ihm, seit ich ihn unter mancherlei Verkleidungen beobachtet habe.« – »Weiß, er jetzt, wem er zu Dank verpflichtet ist?,« fragte Richard. »Allerdings,« entgegnete der Sarazene. »Ich konnte nicht umhin, ihm meine Person zu entdecken, als ich ihm meinen Plan auseinandersetzte.« – »Und bekannte er Euch etwas?« fragte der König.. – »Das könnte ich nicht sagen,« erwiderte der Sultan; »doch aus vielem, was unter uns vorging, schließe ich, daß er sich zu hoch verirrt hat, um Erfolg zu haben.« – »Wußtest Du, daß er Deinen eignen Wünschen in den Weg trat?« fragte Richard. – »Ich vermute es,« sagte Saladin; »allein, wenn die edle Dame ihn mehr liebte als mich, wer könnte leugnen wollen, daß sie diesem hochherzigen Ritter nur Gerechtigkeit widerfahren ließ?« – »Er ist zu niedriger Abkunft, um sich mit dem Blute der Plantagenets zu vermischen, « versetzte Richard stolz. »Das mag in Frangistan so sein,« erwiderte der Sultan; »bei uns aber heißt ein Sprichwort: jeder tapfere Kameltreiber ist würdig, die Lippen einer Königin zu küssen, aber kein feiger Prinz wert, auf den Saum ihres Gewandes einen Kuß zu drücken. Doch mit Eurer Erlaubnis, edler Bruder, muß ich mich jetzt beurlauben, um den Erzherzog von Oesterreich und jenen Nazarener-Ritter zu empfangen, der zwar meiner Gastfreundschaft weniger würdig ist, aber um meiner eigenen Ehre willen seinem Rang gemäß begrüßt werden muß.«

Der sarazenische Herrscher verließ das Zelt, und auch König Richard hüllte sich in seinen Mantel, um sich nach dem Zelt seiner Gemahlin zu begeben, das er von jenen unglücklichen Dienern bewacht fand, mit denen morgenländische Eifersucht den Harem der Großen zu umgeben pflegt. Vor dem Eingange wandelte Blondel auf und ab und griff von Zeit zu Zeit in die Saiten seiner Harfe, während die Schwarzen ihre Elfenbeinzähne blicken ließen, und mit seltsamen Gebärden und gellenden Stimmen seinen Gesang begleiteten. – »Was hast Du mit dieser schwarzen Herde, Blondel?« fragte der König; »warum gehst Du nicht ins Zelt?« – »Weil ich weder Kopf noch Finger für meinen Stand entbehren kann,« entgegnete Blondel; »die Kerle drohen mir aber, mir Glied für Glied abzuhauen, wenn ich einen Schritt weiter tue.« – »Komm,« sagte der König, »ich will Dich mit meiner Person decken.«

Die Schwarzen senkten vor König Richard Piken und Schwerter, und schlugen die Augen nieder. Im Zelte fanden sie Thomas von Vaux, der Königin aufwartend; während diese den Sänger willkommen hieß, sprach Richard mit seiner schönen Cousine.

»Nun, sind wir noch Feinde, holde Edith?« fragte er. – »Nein, König und Ohm,« sagte Edith; »Feindschaft hegen gegen König Richard kann niemand, wenn er sich so zeigt, wie er wirklich ist, großmütig und edel, tapfer und ehrliebend.«

Mit diesen Worten reichte sie ihm die Hand, die der König zum Zeichen der Versöhnung küßte. Dann fuhr er fort: »Du denkst, Edith, mein Zorn sei nur Verstellung gewesen? Da irrst Du! Die Strafe, die ich dem Ritter auferlegte, war gerecht, denn er hatte das ihm anvertraute Amt verraten! Weshalb, tritt hierbei nicht in Erwägung; aber ich freue mich vielleicht ebenso wie Du, daß er morgen Gelegenheit hat, den Flecken, der an ihm haftete, an dem wirklichen Dieb und Verräter zu tilgen! Aber wie, Edith? Wenn der Schotte den Sieg verlöre?« – »Was kann nicht sein!« rief Edith mit Festigkeit. »Mit meinen Augen sah ich, wie dieser Montserrat sich verfärbte... er ist der Schuldige!«

»Ich will offen sprechen, Edith,« sagte der König nach einer Weile, »und wie zu einer Freundin... was würde der Ritter Dir sein, wenn er als Sieger die Schranken verliehe?« – »Mir?« sagte Edith, tief errötend; »was kann er mir mehr sein als ein Ritter in Ehren?« – »Aber er hat viel für Dich getan und erlitten!« sagte der König. – »Ich habe seine Dienste mit Lob und seine Leiden mit Zähren vergolten,« entgegnete Edith. »Wär ihm um anderen Lohn zu tun gewesen, so hätte er sich in den Grenzen seines Standes halten müssen.«

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