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Der Talisman

Walter Scott: Der Talisman - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorWalter Scott
titleDer Talisman
publisherVerlag von A. Weichert
seriesWalter Scott's Romane
volumeBand 21
translatorErich Walter
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid144427ff
created20061101
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Erstes Kapitel.

Noch hatte Syriens sengende Sonne nicht ihren höchsten Punkt am Horizont erreicht, als ein Ritter des roten Kreuzes, der seine ferne Heimat im Norden verlassen und sich dem Kreuzfahrerheere in Palästina angeschlossen hatte, langsam über die Sandsteppen hin ritt, die in der Nachbarschaft des Toten Meeres oder, wie es auch heißt, des Asphaltsees liegen, worein sich die Gewässer des Jordans ergießen, ohne wieder Abfluß zu finden. Der kriegerische Pilgersmann hatte sich während der Frühstunden des Tages zwischen Schroffen und Schluchten mühsam seinen Weg gebahnt, und als er diese gefahrvollen Felsenpässe endlich hinter sich gebracht hatte, war er hinausgetreten auf jene große, weite Ebene, wo in alter Zeit die verfluchten Städte die unmittelbare und schreckliche Rache des Allmächtigen herausgefordert hatten.

Durst, Strapaze, Weggefahr, alles war vergessen, als der einsame Reiter die schreckliche Katastrophe sich ins Gedächtnis rief, die das schöne, fruchtbare Tal von Siddim, einst wohlbewässert und berühmt als »Garten des Herrn«, in jene öde, grausige Wüstenei verwandelte, die verdammt ist zu ewiger Unfruchtbarkeit.

Als er der dunklen Masse flutenden Wassers ansichtig wurde, die in Farbe und Beschaffenheit so schroff absticht von dem Wasser aller anderen Seen, bekreuzte er sich und schauderte zurück. Unter dieser trägen Wasserflut lagen die einst so stolzen Städte der Ebene, denen des Himmels Donner oder der Ausbruch unterirdischen Feuers ihr Grab geschaufelt hatten, und deren Trümmer im Schoße jenes Sees verborgen wurden, der keinen lebendigen Fisch in seinem Busen birgt, der kein Schiff auf seiner Fläche trägt und, gleich als ob sein eignes grauses Bett der einzig taugliche Behälter sei für sein träges schweres Wasser, nicht wie andre Seen dem Weltmeere einen Tribut sendet. Das ganze Land rings umher war, wie zu den Tagen des Moses, »Schwefel und Salz; wo nichts gesäet wird, wo nichts lebt und wo nichts wächst.« Land und Meer hier heißen mit Recht tot, denn sie bringen nichts hervor, was an Leben erinnert, und selbst die Luft ermangelt gänzlich ihrer sonstigen gefiederten Bewohner, wahrscheinlich werden sie verscheucht durch den Geruch nach Erdpech und Schwefel, den die sengende Sonne aus den Wassern des Sees in dampfenden Wolken, die oft das Aussehen von Springquellen, annehmen, aufsteigen läßt. Massen des schleimigen, schweflichten Stoffes, den wir unter dem Namen Naphtha kennen, schwammen träge auf den stagnierenden, finsteren Fluten und führten jenem wogenden Gewölk fort und fort schwere, stickige Dämpfe zu, als grausiges Zeugnis für die Wahrheit der mosaischen Erzählung.

Auf diesen Schauplatz von Verödung schien die Sonne mit fast unerträglichem Glanze, und alles, was in der Natur lebte, schien sich vor den Strahlen verkrochen zu haben, mit alleiniger Ausnahme der einsamen Menschengestalt, die sich im Schritt durch den weichenden Sand weiter bewegte und das einzige atmende Geschöpf auf der weiten Fläche der Ebene zu sein schien. Die Kleidung, die der Reiter, und das Geschirr, das sein Roß trug, waren für jemand, der in solcher Gegend reisen wollte, mit eigentümlichem Ungeschick gewählt. Als ob der langärmlige Schuppenrock, die plattierten Handschuhe und die Brust- und Rückenplatte noch nicht als ausreichende Rüstungslast erachtet worden wären, hatte der Reiter sich noch den dreieckigen Schild um den Hals gehängt und den vergitterten Stahlhelm aufgesetzt, darüber noch Stahlhaube und Schuppenkragen gezogen. Der letztere saß dem Krieger über Genick und Schultern und füllte die Lücke zwischen Halsberge und Kopfstück aus. Achselstücke, Ellenbogenkacheln, Vorder- und Hinterschurz, Schenkelschienen, Kniestücke, Beinschienen und Rüstschuhe, in der Montur entsprechend den Kampfhandschuhen, vervollständigten die Rüstung des einsamen Reiters. Ein langes, breites, wuchtiges Schwert mit einem Griff in Form eines Kreuzes hing auf der einen, ein wuchtiger Dolch auf der anderen Seite. Auch trug der Ritter, am Sattel befestigt, mit einem Ende auf dem Steigbügel ruhend, die lange, an der Spitze mit Stahl beschlagene Lanze, seine eigentliche Waffe, die sich beim Reiten nach hinten zu senkte, während das an ihr steckende Fähnlein sich bald im Lufthauche bewegte, bald bei Windstille zusammenkroch. Als Ergänzungsstück dieser beschwerlichen Ausrüstung muß noch ein Oberrock aus gesticktem Zeug erwähnt werden, der zwar schon stark abgetragen, um nicht zu sagen zerschlissen war, aber insofern sich als recht nützlich erwies, als er die sengenden Strahlen der Sonne von dem Panzer fern hielt, den der Ritter sonst unmöglich hätte auf dem Leibe behalten können. Dieser Oberrock zeigte an verschiedenen Stellen das Wappen seines Besitzers, wenn auch stark verwischt. Es schien ein ruhender Leopard zu sein, mit der Devise: »Ich schlummere – weck mich nicht auf!« Auf dem Schilde schien die gleiche Wappenfigur skizziert gewesen zu sein, war aber von manchem Schwerthiebe zerkratzt und zerschunden worden. Der platte Oberteil seines wuchtigen, zylindrisch geformten Helms entbehrte alles Schmuckes. Durch dieses Festhalten an ihrer ungefügen Defensivrüstung schienen die aus nördlichen Ländern stammenden Kreuzfahrer auch der Natur von Land und Klima trotzen zu wollen, wohin sie den Krieg trugen.

Die Rüstung des Rosses war kaum weniger massig und wuchtig als die seines Reiters. Den Rücken deckte ein schwerer, mit Stahl überkleideter Sattel, der vorn mit einer Art Brustberge, ebenfalls aus Stahl, hinten mit einer Art Lenden- oder Schenkelberge zusammenhing. Dazu kam, am Sattelbogen hängend, der eiserne Streitkolben; die Zügel waren gekettelt, und das Stirngestell bestand aus einer Stahlplatte, in der sich für Augen und Nüstern Oeffnungen befanden, während mitten aus ihr heraus, an das Horn des sagenhaften Einhorns erinnernd, ein kurzer scharfer Stachel hervorragte.

Beiden jedoch, dem Ritter sowohl als seinem standhaften Rosse, war diese Last von Rüstung durch die Gewohnheit zur zweiten Natur geworden. Freilich fanden unzählige dieser aus Norden und Westen nach Palästina ziehenden Krieger den Tod, ehe sie des heißen Klimas gewohnt wurden; aber es gab auch genug darunter, denen das Klima nichts anhatte, die sich sogar unter seinem Einflusse wohl befanden, und zu dieser glücklicheren Zahl gehörte der einsame Reiter, der jetzt am Ufer des Toten Meeres entlang ritt. Er war von außerordentlicher Stärke, so daß er die Panzerschuppen so leicht trug wie Spinngewebe, und von einer so kräftigen Konstitution, daß er jedem Klimawechsel und allen Beschwerden und Entbehrungen Trotz bieten konnte. Sein Charakter schien mit diesen Eigenschaften seines Körpers in glücklicher Harmonie zu stehen, denn zu der Kraft und Zähigkeit, Anstrengungen zu ertragen, gesellte sich unter dem Anschein von Ruhe und Gleichgültigkeit eine heiße Ruhmbegier, bekanntlich ein hervorstechender Zug im Charakter der berühmten Söhne des normannischen Stammes, der ihnen überall in der Welt, wohin sie den gepanzerten Fuß setzten, die Herrschaft in die Hände gab.

Doch nicht der gesamten normannischen Rasse winkte Fortuna, mit solch verführerischem Lohne, und was dem einsamen Ritter auf seinem Zuge durch Palästina zuteil geworden war, hatte sich bloß auf zeitlichen Ruhm und, wie man ihm eingetrichtert hatte, »spirituelle« Vorrechte beschränkt. Darüber war sein bißchen Geld flöten gegangen, und zwar um so schneller, als er sich nicht, wie die Kreuzfahrer im allgemeinen, dazu verstehen mochte, seinen Lebensunterhalt auf Kosten der Einwohner Palästinas zu bestreiten. Er brandschatzte weder, noch plünderte oder erpreßte er; auch hatte er nie die Gelegenheit wahrgenommen, Lösegeld für Gefangene zu nehmen. Die paar Leute, die bei der Landung auf kleinasiatischem Boden sein Gefolge gebildet hatten, waren zusammengeschmolzen in dem Verhältnis, wie ihm die Mittel zu ihrem Unterhalt knapp wurden, bis auch der letzte Schildknappe im Spital hatte liegen bleiben müssen. Und so zog der Ritter nun einsam und allein im Lande weiter. Das war dem Kreuzfahrer indessen nicht weiter verdrießlich oder ängstlich, denn er hatte sich längst daran gewöhnt, in seinem guten Schwerte seinen sichersten Beschützer und in seinen frommen Gedanken seine besten Begleiter zu erblicken.

Die Natur machte aber auch unter dem eisernen Panzer und auf die geduldige Gemütsart des Ritters vom schlummernden Leoparden ihre Rechte geltend: er fühlte Appetit und das Bedürfnis nach Ruhe und war heilfroh, als er um die Mittagszeit ein Stück weit rechts vom Toten Meere den Brunnen fand, der ihm als Rastort bezeichnet worden war; ein paar Palmen standen in seiner Nähe, und sein getreues Roß wieherte freudig und schnoperte und trabte schneller, wie wenn es den labenden Quell witterte; aber ihm und seinem Reiter sollten, bevor sie die ersehnte Rast fanden, noch herbe Drangsal und Mühe bevorstehen.

Als der Ritter vom schlummernden Leoparden die noch immer ein gutes Stück entfernte Palmengruppe mit aufmerksamen Blicken musterte, war es ihm, als sähe er irgend ein Ding darin sich bewegen. Die ferne Gestalt hob sich von den Bäumen ab, die ihre Bewegungen teilweis verdeckten, bis er in ihr einen Berittenen erkannte, dessen Turban, langer Spieß und im Winde wehender Burnus in ihm den Sarazenen verrieten. Es gibt ein Sprichwort im Morgenlande: In der Wüste trifft niemand einen Freund ... Dem Kreuzfahrer war es durchaus gleichgültig, ob der wie ein Sturmwind herangaloppierende Heide als Freund oder Feind sich ihm näherte; doch hätte er als geschworener Streiter des Herrn Jesus ihn als Feind vielleicht lieber kommen sehen denn als Freund. Er machte seine Lanze vom Sattel los, packte sie mit der Rechten, setzte sie mit halb erhobener Spitze in Ruhe, raffte die Zügel in die linke Faust, setzte dem Rosse die Sporen in die Weichen und sich selbst in Bereitschaft, dem Fremden mit dem ruhigen Selbstvertrauen gegenüberzutreten, das sich für den Sieger in manchem Strauße schickt.

Der Sarazene sprengte im fliegenden Galopp eines arabischen Reiters heran, der sein Tier mehr durch den Schenkeldruck und die Körperbeugung dirigiert, als durch fleißigen Gebrauch der Zügel, den er lose in der linken Hand hängen ließ. Auf diese Weise war er nicht behindert, den leichten, mit silbernen Fransen verzierten Rundschild aus Rhinozeroshaut zu schwingen: und das tat er auch mit einer Verve, als wenn er nicht anders dächte, als das kleine runde Ding der wuchtigen Lanze des fahrenden Ritters entgegenzustemmen. Dabei schien er damit zu rechnen, daß ihm der Leopardenritter entgegen reiten werde; der aber war mit den Manieren der Morgenländer viel zu vertraut, als daß er sein Roß mit unnützen Manövern ermattet hätte; er blieb im Gegenteil auf einundderselben Stelle, in der Zuversicht, durch das eigene Gewicht und die Wucht seines Rosses noch immer dem behenderen Gegner gegenüber im Vorteil zu sein, auch ohne es ihm in der Schnelligkeit und Gewandtheit gleichtun zu können. Dem Sarazenen fehlte es aber auch nicht an Klugheit: er sah ebenfalls ein, daß er es an Wucht dem anderen nicht gleichtäte, und machte, als er sich dem Christen auf ein paar Lanzenlängen genähert hatte, eine plötzliche Linksschwenkung und ritt ein paarmal um den Feind herum. Darauf wandte sich dieser, ohne jedoch von seinem Platze zu weichen, hielt sich immer so, daß er dem Feinde die Stirn bot, und vereitelte auf diese Weise dessen Versuche, ihn an einer verwundbaren Stelle zu fassen. Der Sarazene machte, als er nach einer Weile das Vergebliche seines Bemühens einsah, wieder Kehrt, zog sich auf hundert Schritte zurück, stürzte dann, wie ein Falke auf den Reiher, wieder auf den Ritter los, mußte sich jedoch abermals zurückziehen. Dreimal versuchte er es noch, ohne zum Nahkampfe zu kommen, da schien der Ritter die Geduld zu verlieren, denn er packte seinen Streitkolben und ließ ihn durch die Luft sausen in der Richtung nach des Emirs Kopfe, denn ein Emir war der Sarazene zum mindesten. Der aber bemerkte noch rechtzeitig die furchtbare Waffe und hob den kleinen Schild, sie aufzufangen, wurde aber trotzdem so schwer getroffen, daß er vom Pferde heruntersank. Aber er ließ dem Christen nicht die Zeit, aus diesem Unfall Nutzen zu ziehen, sondern war im Nu auf den Beinen, rief sein Roß, rannte ihm entgegen, schwang sich wieder hinauf, ohne den Steigbügel zu benützen, und hatte sich hiermit wieder in alle die Vorteile gesetzt, um die der Ritter ihn zu bringen vermeint hatte.

Dieser aber hatte seinen Streitkolben wieder an sich gebracht, und der Sarazene, der es nicht noch einmal darauf ankommen lassen wollte, mit dieser Waffe in Berührung zu kommen, hielt sich nun außer Wurfweite, spannte aber, nachdem er seinen langen Speer in den Sand gebohrt hatte, seinen Bogen, setzte sein Roß in Galopp, ritt ein paarmal um den Ritter herum und schoß dabei in einem fort seine Pfeile, vor denen den letzteren einzig und allein sein Panzer schützte. Endlich aber traf ihn doch ein Pfeil an einer minder geschützten Stelle, und er stürzte vom Rosse. Aber nicht wenig erschrocken war der Sarazene, als er, sich vom Rosse schwingend, zu dem Feinde herantrat, um dessen Wunde zu untersuchen, und sich plötzlich von ihm gepackt sah, denn der Ritter hatte bloß zu dieser List gegriffen, um den Gegner an sich heran zu bringen. Diesen rettete nun allein seine große körperliche Gewandtheit, infolge deren er Zeit gewann, sich von dem Schwertgurt zu lösen, an welchem der Ritter ihn gepackt hielt, und sich seiner Faust zu entwinden.

Dann schwang er sich abermals auf sein Roß, das seine Bewegungen mit dem Verstande eines menschlichen Wesens zu verfolgen schien, und sprengte in rasendem Galopp von dannen, sah sich aber genötigt, Schwert und Köcher preiszugeben, die ihm vom Gürtel gefallen waren, und die er aufzuheben keine Zeit mehr hatte. Ebenso war ihm im Handgemenge der Turban vom Kopfe geglitten. Infolge dieser Verluste schien er zum Abschluß eines Waffenstillstandes geneigt zu sein, ritt mit erhobener Hand, zum Zeichen, daß die Feindseligkeit ruhen sollte, zu dem Ritter heran und rief in der zwischen den Sarazenen und Kreuzfahrern üblichen Frankensprache: »Warum soll Krieg sein zwischen Dir und mir? Laß uns Frieden schließen!« – »Du findest mich zum Frieden bereit,« erwiderte der Ritter, »aber welche Bürgschaft gibst Du mir, daß Du den Waffenstillstand auch hältst?« – »Ein Anhänger des Propheten brach noch nie sein Wort,« erwiderte der Emir, »ich sollte weit eher Bürgschaft fordern von Dir, Nazarener, und wüßte ich nicht, daß Tapferkeit sich mit Verräterei nicht verträgt, so täte ich es auch.«

Der Kreuzritter fühlte sich beschämt über sein Mißtrauen bei dem Beweise des Gegenteils von seiten des Sarazenen. »Beim Griff meines Schwertes!« sagte er, die Hand darauf legend, »da das Schicksal es fügt, daß wir beisammen bleiben sollen, will ich Dein treuer Kamerad sein, Sarazene.« – »Bei Mohammed, dem Propheten, und bei Allah, seinem Gott,« erwiderte sein bisheriger Feind, »erkläre ich, daß in meinem Herzen wider Dich kein Verrat wohnt; komm mit zur Quelle, denn es naht die Zeit der Ruhe, und ihr kühlendes Naß hatte kaum meine Lippen erfrischt, als Deine Ankunft mich zum Kampfe rief.«

Der Leopardenritter erklärte sich mit Freuden bereit, der Aufforderung zu folgen, und vereint ritten nun die beiden Krieger, die sich eben noch bekämpft hatten, ohne einen Anschein von Mißtrauen oder Zorn zu der kleinen Palmengruppe hin.

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