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Der Sülfmeister

Julius Wolff: Der Sülfmeister - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Sülfmeister
authorJulius Wolff
year1999
publisherBuchhandlung Perl
addressLüneburg
titleDer Sülfmeister
pages3-552
created20001015
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1883
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Julius Wolff

Der Sülfmeister


I. Band

Erstes Kapitel

Als man zählte und schrieb nach Gottes Geburt vierzehnhundert und danach im vierundfünfzigsten Jahr am Mittwochen nach Quasimodogeniti, da wanderten zwei junge Handwerksburschen munter fürbaß durch die Lüneburger Heide.

Der eine war von gedrungener Gestalt mit dunklem Krauskopf und braunen Augen, die einen scharfen, fast stechenden Blick hatten. Der andere war hochaufgewachsen mit kräftigem Gliederbau, hatte blondes Haar und unter einer freien Stirn helle, freundliche Augen. Jeder trug seine fahrende Habe mit sich; der größere ein schwerbepacktes Felleisen auf dem Rücken und darunter an der Hüfte noch einen prallgefüllten Beutel aus bräunlichem Ziegenfell, der kleinere nur einen Ranzen über der Schulter, der ihn nicht sonderlich zu drücken schien. Jedem stak ein langes Dolchmesser im Gürtel, aber dem Blonden hing auch ein Schwert an der Seite, fast zu kostbar für einen Handwerksburschen, und seinen niedrigen Filz zierte ein grüner Wacholderzweig, den er sich gestern schon, da sie auf dem Wege von Celle nach Uelzen die große Heide betraten, als ersten Gruß der Heimat gepflückt hatte. Sein Gesell hatte, auf den Wanderstab gestützt, ihm dabei lächelnd zugeschaut und dann gesagt: »Jeder nach seiner Gunst und Gaben! Schusterpech ist schwarz, für mich hat ein Rabe hier einen Kopfputz hingelegt.« Damit hatte er sich die Feder an den Hut gesteckt und weitergesprochen: »Hoffentlich hat es nichts Übles zu bedeuten, Bruder Böttcher, wenn ich mit diesem Zeichen aus der Schwinge des Galgenvogels in deine Vaterstadt einziehe.« »Gott verhüt' es!« hatte der Böttcher geantwortet, und dann waren sie weitergewandert.

Sie hatten sich frühmorgens in Celle getroffen, als sie beide zu gleicher Zeit aus demselben Tore hinausschritten, und sich gegenseitig nach ihrem Wohin und Woher gefragt. Der Schuster wollte nach dem hochberühmten mächtigen Lübeck, den Böttcher aber zog es nach vierjähriger Wanderschaft in die Heimat zurück nach Lüneburg. Sie hatten also den gleichen Weg, kamen beide aus dem Rheinland und waren froh, sich einander anschließen und Freuden und Fährnisse der Wanderung teilen zu können.

In Uelzen waren sie nach starkem Marsche gestern spät abends angelangt, jeder hatte für sich allein in der Herberge seines Handwerks übernachtet und heute morgen pünktlich mit dem verabredeten Glockenschlage sich am Tore wieder eingefunden, um die große Fahrstraße nach Norden selbander weiterzuziehen. Unterwegs hatte der Blonde viel Gutes und Schönes von Lüneburg erzählt und seinem Begleiter wacker zugeredet, vorerst einmal hier sein Glück zu versuchen; er könnte ja nach vierzehn Tagen wieder weitergehen, wenn es ihm nicht gefiele, aber es würde ihm schon gefallen, denn in Lüneburg gingen die Leute auch nicht barfuß; es käme durch die gesegnete Sülznahrung und den großen Frachtverkehr viel Geld in die Stadt, da wären dreißig Bürgerfamilien, die Grafengut besäßen, und es ließe sich da so gut und lustig leben wie in jeder anderen reichen Hansestadt, selbst Lübeck nicht ausgenommen. Der Schusterknecht hatte den Ruhmredigen groß angesehen und bloß gefragt: »Aber so lustig wie am Rheine doch wohl nicht, Bruder Lüneburger?« Darauf ließ sich wenig entgegnen; aber der Schuster war schon entschlossen und sagte: »Will's versuchen, Gilbrecht Henneberg! Will das Handwerk grüßen und sehen, ob ein wohlgewanderter Korduaner in Lüneburg ehrliche Arbeit und gutes Auskommen findet.«

»Warum solltest du denn unter ehrlichen Leuten nicht ehrliche Arbeit finden, Timotheus Schneck?« fragte der Böttcher.

»Nenne mich Timmo«, sagte der Schuster, »das hör' ich lieber.«

»Ist mir auch recht«, sagte Gilbrecht, und sie nahmen den Weg zwischen die Füße.

Es war ein lauer Apriltag. Zerrissene Wolken jagten, vom Südwind getrieben, am Himmel dahin, sandten bald hier auf die beiden Gesellen, bald fern am Horizont in breitem Streifen einen Regenschauer hernieder und gönnten zuweilen auch der Sonne wieder einen flüchtigen Blick auf das feuchte Land. Meist aber blieb das Wetter trübe, und so weit die Augen der Wanderer reichten, dehnte sich endlos die rotbraune Heide. Erst hatte der Weg durch Waldungen von Kiefern, Birken und Eichen geführt, an deren Stelle bald offene Heidestrecken in freundlichem Wechsel mit Wiesengründen und bewaldeten Hügeln getreten waren; dann hatten sich in der leicht und lang gewellten Ebene zerstreut wie Inseln im Meere nur kleine Trupps noch laubloser, von bläulichem Duft umschleierter Wipfel gezeigt; nun aber lag die Heide weithin baumlos vor den Schreitenden da, ernst, schwermütig, farbensatt in einem tiefen Violett und Braunrot, das zu dem dunklen Grau des Himmels so großartig ruhevoll stimmte. Das dürre Heidekraut, von Moos und Flechten durchwachsen, bedeckte alles umher, und dazwischen nestelten sich niedrige Wacholdersträucher mit ihren stachligen Nadeln, das einzige Grün jetzt in der einförmigen Landschaft.

Der junge Wandergesell, der die Heide seine Heimat nannte, schaute mit Entzücken um sich, und das Herz schlug ihm in Freuden. Denn was er hier sah, war ihm von Kindesbeinen an vertraut und lieb.

Er kannte die Heide, wenn sie über und über in roter Blüte stand, von Bienen durchsummt, von Lerchen durchschmettert, er kannte sie in nebelgrauen Novembertagen, wenn sie wie ein großes Brachfeld düster und dunstig in trauriger Öde lag, oder wenn der Regen sie peitschte, der Sturm sie durchbrauste, und kannte sie auch in ihrem blendend weißen Schneegewande, wenn durch die klare Winterluft meilenweit der letzte Baum am Rande sich scharf und deutlich zeichnete. Dieses Flachland, in dem nichts zu sehen war als Himmel und Heide, in silbergrauer, unermeßlicher Ferne eins in das andere verschwimmend, und von dessen eigentümlichen Reizen und stillem Zauber der kaltblütige Genosse neben ihm nichts zu empfinden schien, hatte sich dem hier Geborenen mit der stillen Größe des Bildes tief in die Seele geprägt, so daß er es nie und nirgends vergessen konnte. Selbst als er in der breiten Flut des Rheinstromes den Widerschein der herrlichen Ufer erblickte, mußte er an die kleinen Wassertümpel in dem schwarzen Moorboden der Lüneburger Heide denken, kaum groß genug, daß sich ein Stückchen Wolke oder ein paar goldene Sterne darin spiegeln konnten. Und nun sah er sie wieder, die braune Heide, und sein Fuß schritt über den holprigen Grund, über die zahllosen kleinen Hügelchen mit den struppigen Krautbüscheln zu den lieben Seinen zurück, die ihn nicht erwarteten, und die endlich wieder in die Arme zu schließen jetzt sein sehnlichster Wunsch war. Kein Wunder, daß er tüchtig ausgriff und mit Wonne den würzigen Erdgeruch einsog, der nach den Frühlingsregenschauern von seiner Heimat Boden aufstieg.

Tausend Erinnerungen wurzelten ihm hier zwischen dem Heidekraut, dicht gesät von seiner Kindheit frohen Tagen, wie er mit seinesgleichen die Gegend durchschweift, die Fuhrleute geleitet, die Imker besucht hatte, die mit ihren Bienenkörben die Heide durchzogen und ihre fleißigen Schwärme bald hier, bald dort auf der Blütenfülle weiden ließen. Und dann, wie ein Traumbild in der Luft, baute sich die alte, vieltürmige Stadt vor seinen Sinnen auf und in ihr das hochgiebelige Vaterhaus mit jedem Raum von unten bis oben, in dem er sich selber als Kind mit Kindern gehen und stehen und springen sah oder zusammengehockt unter der Treppe im dämmerigen Winkel, Heimlichkeiten brütend, flüsternd und kichernd – ein goldschimmernd Märchengespinst.

Und da – weit vor ihm, da regte sich etwas Lebendiges; schnell war es heran, nun sah er es deutlich; geliebte Gestalten kamen ihm entgegengeschritten. Er kannte sie wohl, den hohen, ernsten Vater und die Mutter, die liebe Mutter, die Brüder und das blonde Schwesterlein – oh, er hätte mit offenen Armen auf sie losstürzen, hätte aufjauchzen mögen, wenn er allein gewesen wäre, allein auf der endlosen Heide.

Es waren die Geister der Heimat, die den Wanderer umfingen, die Wunderkraft der Heimkehr aus der Fremde, die ihn so mächtig ergriff, daß ihm das Herz davon voll war hier auf der Heide. –

Nach einer kurzen Mittagsrast unter freiem Himmel, bei der sie sich mit einem einfachen Imbiß aus der Tasche und einem mäßigen Trunk gestärkt hatten, begegnete den Fußgängern ein Zug von vier Frachtwagen, jeder mit vier starkknochigen Gäulen bespannt, denen an Kumt und Geschirr allerlei bunter und blanker Flitter hing. Neben jedem Gespann schritten zwei bewaffnete Knechte, und vier Männer, augenscheinlich die Fuhrherren, ritten im Harnisch, je ein Paar vor und eins hinter dem Wagen zu besserer Umsicht und zum Schutz gegen Straßenräuber. Gilbrecht kannte einen der vordersten, redete ihn an und fragte, was sie geladen hätten und wohin sie reisten.

»Viskulen-Gut nach Pest«, war die Antwort.

»Lebt der alte Herr noch?«

»Ei wohl! Gesund wie ein Fisch, und der Junker ist auch wieder da.«

»Junker Balduin?«

Der Fuhrmann nickte. »Und –« Gilbrecht hatte noch eine Frage, aber der Fuhrmann ritt schon weiter.

Auch Timmo wechselte mit den Knechten Gruß und Scherzwort; dann klingelte und klapperte der Frachtzug an den zur Seite Stehenden langsam vorüber.

»Mein Spielgesell Balduin ist auch wieder da«, sagte Gilbrecht, »wie er wohl aussehen mag?«

»Nun, in vier Jahren wird aus einem Stadtjunker noch kein Bischof«, sprach Timmo. »Wenn man so ein paar Jahr in der Fremde gewesen ist und dort viel Neues gesehen hat und kommt dann wieder heim, so meint man, es müsse auch zu Hause alles neu und verändert sein. Und wenn man's bei Lichte besieht, ist alles beim alten geblieben, dieselben Häuser, die gleichen Gesichter, derselbe Tritt und Trott, und nicht lange dauert's, so ist man auch wieder derselbe, als wäre man gar nicht fortgewesen. Wenn das Herumlaufen in der Welt nicht so lustig wäre, hätt ich's schon lange satt, aber ich muß Abwechslung haben, und dann die Mädchen, die sind auch in jeder Stadt anders, das kannst du glauben, ich weiß Bescheid.«

»Was du sagst!« lächelte Gilbrecht.

»Wo hast du denn deine Allerschönste sitzen? Natürlich am Rheine. Oder hast du schon vor vier Jahren mit einer kleinen Lüneburgerin Handtreu getauscht? Das wäre dumm genug gewesen.«

»Vor vier Jahren war ich achtzehn.«

»Und sie?«

»Ach was! Ich weiß von keiner ›sie‹«, sagte Gilbrecht und schwieg still und besann sich, ob er denn wirklich keine wüßte, und dann mußte er sich unwillkürlich nach den Frachtwagen umsehen.

Nun schritten sie wieder eine lange Strecke schweigsam nebeneinanderher, als Timmo plötzlich stehenblieb und, sich verpustend, sprach: »Höre, Bruder Böttcher, wenn ich's nicht deinen Worten schon glaubte, so müßt' ich's an deinen Siebenmeilenschritten merken, daß du in Lüneburg zu Hause bist. Hast du es denn gar so eilig, in Mütterleins warmes Nest zu kommen?«

»Es geht dir zu rasch?« lachte Gilbrecht. »Ja, Bruder Korduaner, sieh mal den Kirchturm da hinten, den kenn' ich, der winkt und winkt in einem fort, ich soll mich sputen und kommen. Das ist Sankt Johannes in Modestorp.«

»In Modestorp?«

»Es ist Lüneburg, mein liebes Lüneburg!« rief Gilbrecht und schwenkte den Hut. »Wir nennen die Kirche nach einem alten Dorfe, das längst in der Stadt aufgegangen ist, und an dessen Stelle sie steht. Es ist der höchste von den beinah hundert Türmen der Stadt und geradesoviel Fuß hoch wie Tage im Jahre sind.«

»Hundert Türme!« staunte der Schuster. »Du möchtest dein Lüneburg wohl zu einem neuen Wunder der Welt herausstreichen?«

»Wirst es ja sehen!« erwiderte kurz der Böttcher.

»O nun, nichts für ungut! Ich verdenke dir's nicht, daß dich die Heimkehr freut, seit dir der Lüneburger Ratsherr in Celle gute Mär von Eltern und Geschwistern gesagt hat.«

»Als ich Herrn Albrecht von der Mölen vorgestern zufällig auf der Gasse traf, kannte er mich natürlich nicht, aber ich kannte ihn gleich und mußte doch fragen.«

»Versteht sich! Landsleute sind sich immer die Nächsten in der Fremde.«

»Der Ratsherr war freilich schon über zwei Monate weg von Lüneburg«, sprach Gilbrecht nachdenklich, »war in Wien gewesen beim Kaiser, und jetzt hielten ihn in Celle noch Geschäfte beim Herzog Friedrich, den sie den Frommen nennen.«

»Beim Kaiser? Seid ihr denn Freie Reichsstadt?«

»Nein, Herzog Friedrich ist unser Landesherr, und der Streit um die Erbfolge hat Gut und Blut genug gekostet«, sagte Gilbrecht. »Aber«, fuhr er fort, »der Ratsherr schien seiner Geschäfte wenig froh zu sein. Er bestellte mich in seine Herberge und gab mir dort einen Brief, den er mittlerweile geschrieben hatte, an den Herrn Bürgermeister in Lüneburg. Hüte ihn wohl! sagte er mir dabei, er ist wichtig.«

»Einem Ratsherrn dünkt manches wichtig, wofür ein Schuster keinen Pfifferling gibt«, sagte Timmo. Gilbrecht krauste die Stirn und schwieg.

Als sie spät nachmittags die Landwehr überstiegen, die sich mit ihrem Damm in drei Viertelstunden Entfernung um Lüneburg zog, wies Timmo nach der Stadt hin und sagte: »Du, ich glaube, in Lüneburg brennt es; sieh nur den dicken Qualm da links.«

»Das ist ja die Sülze«, beruhigte Gilbrecht, »wo die große Salzquelle ununterbrochen aus der Erde zutage kommt und aus einem trichterförmigen Schachte, dem Sode, geschöpft wird. Da stehen vierundfünfzig Siedehütten, in denen die flüssige Sole Tag und Nacht zu Salz eingedampft wird.«

»Und die Solquelle ist Eigentum eurer Stadt?« fragte Timmo.

»In alten Zeiten gehörte sie den Landesherren, aber die brauchten Geld, viel Geld und immer wieder Geld; da verkauften sie nach und nach die Solquelle an Klöster und Stifte und reiche Prälaten diesseits und jenseits der Elbe bis nach Walkenried hin. Den geistlichen Herren wurde aber der Betrieb des Salzwerkes zu unbequem, darum verpachteten sie die Einkünfte daraus in ganzen Pfannen oder in Pfannenteilen an Bürger unserer Stadt auf lange Jahre, zumeist in Erbpacht. Die Pächter heißen Sülfmeister und bilden eine eigene, hochangesehene Gilde. Im Reiche nennt man sie spottweise auch Salzjunker.«

»Salz ist ein gemein und billig Gewürz«, sagte Timmo, »ist denn der Ertrag so groß?«

»Als ich auf Wanderschaft ging«, sprach Gilbrecht, »gab es jährlich über fünfundzwanzigtausend Wispel Salz, und zum Eindampfen brauchten sie nahe an dreißigtausend Klafter Holz. Solche Zahlen vergißt kein Lüneburger.«

»Dreißigtausend Klafter Holz! Da ließe sich mancher Braten dran braun machen.«

»Die Heide weiß auch davon zu erzählen«, sagte Gilbrecht, »sie hat ihre Wälder dazu hergeben müssen, und jetzt lassen sie das Holz aus Mecklenburg kommen und haben einen eigenen Kanal, die Schalfahrt, dazu angelegt, auf der sie einen Zoll erheben.«

»Du machst mich neugierig auf dein Lüneburg«, sagte Timmo, »und ich fange an, dir zu glauben, denn mit den hundert Türmen scheint es seine Richtigkeit zu haben; ich kann sie nicht zählen, die alle so stolz über die Giebel hinausragen, und die Giebel sehen selber wie lauter Türme aus; es macht sich gar herrlich und hochgewaltig.«

»Nicht wahr? Siehst du die sechs da dicht nebeneinander? Das ist das Rathaus; ein schöneres und besonders ein größeres findest du in der ganzen Welt nicht.«

»Oho!«

»Nichts oho! Ich sage dir, du hast noch nirgend anderswo ein solches Rathaus gesehen. In seinem höchsten Turm ist ein schönes Glockenspiel, das alle Stunden eine feierliche Weise klingen läßt, den alten Wahlspruch der Stadt Lüneburg.«

»So? Wie heißt denn der?«

»Er ist lateinisch und lautet: Da pacem Domine in diebus nostris! das heißt auf deutsch: Gib Frieden, Herr, in unsern Tagen.«

»Ein guter Spruch!« sagte Timmo. »Mag er euch frommen!«

»Der Berg da hinten unmittelbar an der Stadt, mit dem Turme drauf, ist der Kalkberg. Da oben stand früher eine herzogliche Burg; aber die haben die Lüneburger dreizehnhundertzweiundsiebzig in einer Fehde mit Herzog Magnus erstürmt und gebrochen und nur den Turm stehen lassen.«

»Der Berg mit dem Turme nimmt sich gut aus als Hintergrund für die unter ihm liegende Stadt«, sprach Timmo; »und Lüneburg vom Berge aus gesehen muß ein krausbuntes, stattliches Bild geben.«

»Oh, prächtig!« rief Gilbrecht. »Von dort oben kannst du weit, weit in die Heide sehen. Ach, und wenn sie blüht, der Anblick! Ja, Lüneburg! Mein liebes Lüneburg!«

Es fing an zu dämmern, und die Wanderer eilten, um die Stadt noch vor Toresschluß zu erreichen; aber die Dämmerung war schneller als sie. Gilbrecht wußte den Weg zum Sülztore; dort kannte er den Torwart Kaspar Rulle, der würde, wenn der Meisterssohn seinen Namen nannte, nicht viel Umstände machen und die beiden Ankömmlinge mit ihren Bündeln willig einlassen, ohne daß sie erst das Handwerkszeichen aus einer Werkstatt zu holen brauchten.

Ungefähr hundert Schritte vor dem Tore machten sie halt, um sich gehörig instand zu setzen, daß jeder nach seines Handwerks Gebrauch und Gewohnheit in die Stadt einzöge. Sie reinigten ihre Kleider von den Spuren des Weges, dann nahm Gilbrecht das Felleisen vom Rücken, schnürte es auf, langte sein Schurzfell heraus und schnallte es so über das Felleisen, daß der Kreuzriemen nachher gerade über seinem Kopf zu sehen war. Timmo schlang den Tragriemen über die linke Schulter, so daß ihm sein Ranzen am linken Ellbogen hing. Den Stock führte jeder in der Rechten. So und nicht anders mußten sie in jede Stadt einziehen; das war ihnen eingeprägt worden, als sie vom Stande eines Jungen feierlich losgesprochen und zum Knecht und Gesellen gemacht waren, und kein ehrbarer Handwerksknecht im ganzen Reich wich jemals von diesen peinlich genauen Vorschriften im geringsten ab.

Als sie nun an den mächtigen Turm herankamen, hörten sie, wie die beiden großen Torflügel eben knarrend zugeschoben wurden und Riegel und Ketten dahinter rasselten und klirrten. Aber in dem einen Torflügel war noch ein besonderes kleines Pförtchen für Fußgänger; das erreichten sie gerade noch im letzten Augenblick vor seinem Schluß, und wie Gilbrecht als der erste hineinsprang und jubelnd rief: »Hurra! Ich bin drin in Lüneburg!« stand er dicht vor dem graubärtigen Torwart, der fast erschrocken zurückprallte wie vor einem räuberischen Überfall und zornig ausrief: »Holla! Sachte, Gesindel! Was soll das bedeuten? Was wollt Ihr? Wer seid Ihr?« Schnell griff er mit der einen Hand nach seiner Hornlaterne, die am Boden stand, und mit der anderen nach seinem kurzen Spieß, der daneben griffbereit an der Wand lehnte.

Gilbrecht lachte vergnügt, Timmo aber machte dem Alten seine Reverenz und sprach laut und lustig: »Timotheus Schneck, Schusterknecht aus Darmstadt, bringt Gruß und Glück der guten Stadt Lüneburg aus allen vier Winden!«

»Und ich«, sprach Gilbrecht, »bin Böttcherknecht und ein Lüneburger Kind.«

»Daß du ein Böttcher bist, seh' ich«, sagte der Torwart, ihm ins Gesicht leuchtend, »aber ein Lüneburger Kind? – Das kann jeder sagen.«

»Aber nicht beweisen, Kaspar Rulle! Ich bin Gilbrecht, der zweite Sohn des ehrsamen Böttchermeisters Gotthard Henneberg in der Roten-Hahn-Straße.«

»Was? Dem Sülfmeister sein Junge, der Gilbrecht bist du? Zeig mal her! – Ja, die Nasen ist's, und weil du mich kennst, will ich's glauben.«

»Ihr laßt uns doch ohne Handwerkszeichen ein, nicht wahr? Für den da sag' ich gut«, bat Gilbrecht.

»Gutsagen!« brummte der Alte. »Ich sage für keinen Menschen gut, geschweige denn für einen Schusterknecht.«

»Na, na«, machte Timmo. »Schusterknechte –«

»Haben das Maul zu halten! Sonst heißt es: Marsch, wieder 'raus!« schnauzte der Bärbeißige. Dann beleuchtete er auch Timmo mit der Laterne und musterte ihn mit strenger Amtsmiene, während er überlegte, ob er es wohl auf sich nehmen könne, einen fremden Wanderburschen ohne Handwerkszeichen in die Stadt einzulassen, denn er fühlte als Torwächter eine schwere Verantwortlichkeit, der er auch äußerlich eine möglichst achtunggebietende Würde schuldig zu sein glaubte.

»Aus Darmstadt?« fragte er noch einmal und pflanzte sich breitbeinig vor Timmo hin, den Spieß mit der ausgestreckten Rechten fest auf den Boden stoßend.

»Immer noch aus Darmstadt«, sagte Timmo.

»Und du willst hier in Lüneburg Arbeit nehmen?«

»Wenn Ihr nichts dagegen habt und ich erst einmal darin bin«, antwortete Timmo.

»Geduld, Schusterknecht aus Darmstadt! Wenn ich nicht will, kommst du nicht 'rein«, fuhr der Alte wieder auf ihn los und wandte sich dann zu Gilbrecht: »Ich will mal ein Auge zudrücken wegen des Handwerkszeichens, weil du ein Henneberg bist; ich wollte nur, du brächtest uns den Frieden binnen. Geht in Gottes Namen hinein mit Eurem Sack und Pack und tut Eure Pflicht und Schuldigkeit, sonst soll's Euch nicht gut gehen. – Vorwärts!«

Nun leuchtete er den beiden durch das dicke Torgewölbe bis zur Wachtstube an der Stadtseite, wünschte ihnen gute Herberge und ging hinein.

»Das fängt gut an«, sagte Timmo, »sind sie hier alle so höflich?«

»Kaspar Rulle ist der gutmütigste Mensch in ganz Lüneburg«, entgegnete Gilbrecht.

»Na, dann freu' ich mich auf die anderen«, lachte Timmo.

Im letzten Dämmerschein des Tages schritten die beiden Gesellen durch die nächste Gasse, und Timmo fragte: »Sage mal, ist denn dein Vater auch ein Sülfmeister?«

»Bewahre!« sagte Gilbrecht. »Der Alte hat sich versprochen, er wollte sagen Böttchermeister.«

»Er sagte aber Sülfmeister«, wiederholte Timmo.

»Dummes Zeug! Ich möchte nur wissen, was er mit dem Frieden meinte, den ich binnen bringen sollte.«

»Vielleicht in dem Briefe von dem Ratsherrn in Celle.«

»Meiner Treu! Daran hatt' ich nicht gedacht; aber wie Ruh und Frieden sah Herrn Albrechts von der Mölen Gesicht nicht aus, als er mir das Schreiben übergab.«

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