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Der Südstern

Jules Verne: Der Südstern - Kapitel 22
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typefiction
authorJules Verne
titleDer Südstern
publisherWien und Leipzig. A. Hartleben's Verlag
seriesCollection Verne
volumeBand 45
printrunZweite Auflage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Einundzwanzigstes Capitel

Venetianische Justiz

Im Laufe der folgenden Tage war Cyprien eifrig damit beschäftigt, die fortschreitende Entwicklung seines Experiments zu beobachten. In Folge einer neuen Einrichtung des Schweißofens – er hatte demselben besseren Zug gegeben – hoffte er, daß die Entstehung des Diamants diesmal weniger Zeit in Anspruch nehmen werde, als beim ersten Versuch.

Es versteht sich von selbst, daß Miß Watkins sich für diesen zweiten Versuch lebhaft interessirte, da sie sich ja zum Theil als dessen Urheberin betrachten konnte. Deshalb begleitete sie auch den jungen Ingenieur häufig zum Ofen, den dieser täglich wiederholt besuchte, und vergnügte sich damit, durch die Gucklöcher im Mauerwerk desselben die Intensität des darin lodernden Feuers zu beobachten.

John Watkins interessirte sich, freilich aus ganz anderen Gründen, nicht weniger als seine Tochter für diese Fabrikation. Es verlangte ihn, bald auf's Neue Besitzer eines Steines zu sein, dessen Werth nach Millionen maß. Seine große Furcht war nur die, daß das Experiment ein zweites Mal nicht gelingen könnte, und daß der Zufall bei dem Gelingen des ersten vielleicht unbemerkt eine sehr große Rolle gespielt habe.

Wenn der Farmer ebenso wie Miß Watkins den jungen Ingenieur aber aufmunterte, die künstliche Herstellung von Diamanten weiter zu verfolgen und zu vervollkommnen, so war das mit den Minengräbern des Griqualandes freilich nicht der Fall. Zwar befanden sich Annibal Pantalacci, James Hilton und Herr Friedel nicht mehr hier, dagegen viele Kameraden derselben, welche in dieser Beziehung ebenso dachten wie sie. Mittels heimlicher Hetzereien suchte auch der Jude Nathan die Inhaber der Claims gegen den jungen Ingenieur einzunehmen. Wenn die künstliche Herstellung von Diamanten einmal praktisch geübt wurde, war es um den Handel mit Diamanten und anderen kostbaren Steinen geschehen. Man hatte ja schon weiße Saphire oder Corindons, Amethyste, Topase und selbst Smaragde fabricirt. Doch waren alle diese Edelsteine nur Thonerdekrystalle und gefärbt durch geringe metallische Beimischungen. Immerhin erschien schon das für den Handelswerth dieser Steine beunruhigend, da derselbe langsam herabging. Wenn nunmehr der Diamant nach Belieben erzeugt werden konnte, so bedeutete das den Ruin der Diamantendistricte des Caps ebenso, wie den der anderen Fundstätten.

Alles das war schon nach dem ersten Versuche des jungen Ingenieurs wiederholt worden und wurde jetzt mit noch mehr Gehässigkeit und mit noch größerem Eifer beobachtet. Die Minengräber traten oft zu vertraulichen Gesprächen zusammen, welche für die Arbeiten Cypriens nichts Gutes vorhersagten. Dieser selbst ließ sich darum freilich kein graues Haar wachsen, und blieb nach wie vor entschlossen, seine Versuche zu Ende zu führen, was man auch sagen oder thun mochte. Nein, er wollte vor der öffentlichen Meinung nicht zurückweichen, und seine Entdeckung, da sie überhaupt Allen zu Gute kommen sollte, jedenfalls nicht etwa geheim halten.

Wenn er aber sein Vorhaben ohne Zögern und ohne Furcht weiter führte, so fing doch Miß Watkins, welche Alles erfuhr, was vor sich ging, an, für ihn zu zittern. Sie machte sich Vorwürfe, ihn zu diesen Versuchen aufgemuntert zu haben. Auf die Polizeigewalt des Griqualandes zu vertrauen, um ihn zu schützen, das hieß auch auf sehr losen Grund gebaut. Ein Schurkenstreich war ja so schnell ausgeführt, und Cyprien konnte vielleicht mit seinem Leben den Schaden zu bezahlen haben, den seine Arbeiten den Minengräbern Afrikas anzudrohen schienen.

Alice war also sehr unruhig und konnte diese Empfindung auch dem jungen Ingenieur gegenüber nicht verhehlen. Dieser beruhigte sie, so gut er konnte, und dankte ihr für die Theilnahme, die sie ihm schenkte. In dem Interesse, welches das junge Mädchen für ihn hegte, erkannte er ja den Ausdruck des wärmeren Gefühls, welches zwischen ihnen kaum ein Geheimniß zu nennen war. Abgesehen von allem Anderen, wünschte Cyprien sich Glück, daß sein Vorhaben seitens der Miß Watkins einen ihm so wohlthätigen Herzenserguß veranlaßte, und fuhr unbeirrt in seiner Arbeit fort.

»Was ich hier thue, Fräulein Alice, geschieht für uns Beide!« wiederholte er ihr.

Wenn Miß Watkins dagegen bedachte, was und wie in den Claims gesprochen wurde, dann lebte sie in immerwährenden Aengsten.

Das war auch wirklich nicht ohne Grund! Gegen Cyprien erhob sich allmählich ein »Tolle«, der sich nicht immer auf bloße Einsprüche oder Drohungen beschränken, sondern gewiß zu handgreiflichen Ausschreitungen führen würde.

Wirklich fand Cyprien, als er eines Abends zu einem Besuche des Ofens kam, die ganze Einrichtung geplündert. Während der Abwesenheit Bardik's hatte ein Haufen Männer, welche sich die Dunkelheit zu nutze machten, binnen wenig Minuten die Arbeit von vielen Tagen zerstört. Das Mauerwerk war demolirt, die Feuerstätte zertrümmert, das Feuer selbst gelöscht, und die Geräthe zerbrochen und verstreut. Von der ganzen Anlage, die dem jungen Ingenieur so viele Mühe und Sorge gemacht hatte, war rein Nichts mehr übrig – Alles mußte er von Neuem beginnen – wenn er der Mann dazu war, der Gewalt nicht zu weichen, oder er mußte die ganze Sache aufgeben.

»Nein, rief er, nein! Ich gebe nicht nach, und morgen schon führe ich Klage gegen die Buben, welche mein Eigenthum zerstört haben. Ich will doch sehen, ob es im Griqualande keine Gerechtigkeit mehr giebt!«

Es gab zwar eine, aber nicht eine solche, wie der junge Ingenieur sie bedurft hätte.

Ohne gegen Jemand etwas zu äußern, selbst ohne Miß Watkins etwas mitzutheilen, was sich zugetragen hatte, aus Furcht, ihr noch einen neuen Schreck einzujagen, ging Cyprien nach seiner Hütte zurück und legte sich, fest entschlossen, morgen seine Klage anzubringen, und müßte er bis zum Gouverneur des Caplandes gehen, ganz ruhig nieder.

Er mochte zwei oder drei Stunden geschlafen haben, als das Geräusch der sich öffnenden Thür ihn plötzlich weckte.

Fünf schwarz maskirte, mit Revolvern und Gewehren bewaffnete Männer drangen in sein Zimmer. Sie trugen jene Laternen mit grünen Linsengläsern, welche man in englischen Ländern »Bulls eyes« (Ochsenaugen) nennt, und stellten sich stillschweigend an seinem Bette auf.

Cyprien hatte keinen Augenblick den Gedanken, diesem mehr oder weniger tragischen Aufzuge eine zu hohe Bedeutung beizumessen. Er dachte vielmehr an irgend einen Scherz und fing schon fast an zu lachen, obwohl er im Grunde dazu wenig Lust verspürte und den ganzen Spaß etwas ungezogen fand.

Da legte sich aber eine rauhe Hand auf seine Schulter, und einer der maskirten Männer, der ein Papier in der Hand hielt, begann mit einem Tone, in dem gar nichts Scherzhaftes lag, Folgendes laut zu lesen:

»Cyprien Méré!

»Beifolgendes soll Ihnen anzeigen, daß Sie durch das Geheim-Gericht des Vandergaart-Lagers, welches aus zweiundzwanzig Beisitzern besteht und im Namen der allgemeinen Wohlfahrt handelt, am heutigen Tage um Mitternacht und fünfundzwanzig Minuten einstimmig zum Tode verurtheilt worden sind.

»Sie sind beschuldigt und überführt, durch eine unzeitgemäße, ungesetzliche Entdeckung alle Menschen, die, seit sie im Griqualande oder anderswo von der Aufsuchung, der Bearbeitung und dem Verkaufe von Diamanten ihr Leben fristen, in ihrem Interesse und in dem ihrer Familien schwer geschädigt zu haben.

»Das Gericht hat in seiner Weisheit beschlossen, daß eine solche Erfindung vernichtet werden müsse, und daß der Tod eines Einzigen dem Untergange vieler Tausende von menschlichen Wesen weit vorzuziehen sei.

»Es hat ferner festgestellt, daß Ihnen zehn Minuten gegönnt werden, sich zum Tode vorzubereiten, daß Sie die Art desselben selbst wählen dürfen, daß alle Ihre Papiere verbrannt werden sollen, mit Ausnahme der offenen Briefschaften, die Sie etwa für Ihre nächsten Verwandten hinterlassen, und daß Ihre Wohnung endlich dem Erdboden gleichgemacht werde. »So geschehe es mit allen Verräthern!«

Als er sich so verurtheilt hörte, fühlte Cyprien sein voriges Vertrauen doch merklich erschüttert, und er fragte sich, ob diese düstere Comödie, wenn man die wilden Sitten des Landes in Rechnung zog, doch nicht vielleicht ernster gemeint sei, als er anfänglich geglaubt hatte.

Der Mann, welcher ihn an der Schulter hielt, sollte ihm sehr bald die letzten Zweifel rauben.

»Stehen Sie sofort auf, drängte er ihn roh, wir haben keine Zeit zu verlieren.

– Das ist ein Mord!« erwiderte Cyprien, der aus dem Bette entschlossen auf die Füße sprang, um einige Kleider umzuwerfen.

Er war mehr empört als erregt und concentrirte alle Macht seines Denkvermögens über das, was ihm hier widerfuhr, mit derselben Kaltblütigkeit, die er etwa beim Studium eines mathematischen Problems angewandt hätte. Wer waren diese Männer? Er vermochte das, selbst aus dem Tone ihrer Stimme, nicht zu errathen.

Jedenfalls bewahrten diejenigen von ihnen, die er persönlich kannte, kluger Weise Stillschweigen.

»Haben Sie unter den verschiedenen Todesarten Ihre Wahl getroffen? ... nahm der maskirte Kerl wieder das Wort.

– Ich habe keine solche Wahl zu treffen, sondern nur Widerspruch zu erheben gegen das schändliche Verbrechen, dessen Ihr Euch schuldig zu machen im Begriffe steht! antwortete Cyprien mit fester Stimme.

– Erheben Sie Widerspruch, aber gehenkt werden Sie deshalb doch! Haben Sie etwa noch eine letzte Willensäußerung niederzuschreiben?

– Keine, die ich meinen Mördern anvertrauen möchte.

– Vorwärts also!« befahl der Anführer.

Zwei Männer stellten sich zu den Seiten des jungen Ingenieurs und der kleine Zug schickte sich an, nach der Thüre zu gehen.

In diesem Augenblick ereignete sich aber ein ganz unerwarteter Zwischenfall. Mitten unter die Henker der Vandergaart-Kopje stürzte sich eben ein Mann herein.

Das war Matakit, der junge Kaffer, der in der Nacht zuweilen in der Umgebung des Lagers umherzuschweifen pflegte; er war den vermummten Männern aus Instinct nachgefolgt, als diese sich eben nach der Hütte des jungen Ingenieurs begaben, um deren Thür zu sprengen. Dort hatte er Alles belauscht, was gesprochen wurde, und auch begriffen, was seinem Herren drohe. Ohne zu zögern und ohne zu bedenken, welche Folgen für ihn selbst dieser Schritt haben könnte, hatte er die Gruppe der Männer getheilt und sich Cyprien zu Füßen geworfen.

»Väterchen, warum wollen diese Männer Dich tödten? rief er, die Kniee seines Herrn umklammernd, trotz der Anstrengung, welche die Anderen machten, ihn von jenem loszureißen.

– Weil ich einen künstlichen Diamanten hergestellt habe, antwortete Cyprien, welcher die Hand Matakit's, der sich von ihm nicht trennen wollte, bewegt drückte.

– Ach, Väterchen, wie unglücklich und beschämt bin ich wegen dessen, was ich gethan habe, schluchzte der junge Kaffer weinend.

– Was soll das heißen? rief Cyprien.

– Ach, ich will ja Alles gestehen, da man Dich zum Tode führen will! fuhr Matakit fort. Ja ... ich verdiene es, getödtet zu werden, denn ich war's, der den großen Diamanten in den Ofen gesteckt hatte.

– Werft diesen Schwätzer hinaus! rief der Anführer der Bande.

– Ich wiederhole, daß ich es war, der den Diamanten in den Apparat steckte! erklärte Matakit sich wehrend noch einmal. Ja, ja, ich habe das Väterchen getäuscht! ... Ich wollte ihm glauben machen, daß sein Experiment geglückt sei! ...«

Er geberdete sich bei seiner Erklärung so wild, daß er sich schließlich Gehör erzwang.

»Sprichst Du die Wahrheit? fragte Cyprien, gleichzeitig erstaunt und enttäuscht über das, was er eben hörte.

– Ja doch! ... Hundert mal ja! ... Ich rede die Wahrheit!«

Er kauerte jetzt auf der Erde, und Alle hörten ihm zu, denn was er hier aussagte, gab der Sache ja eine ganz andere Wendung.

»Am Tage jenes großen Einsturzes, erklärte er, als ich unter dem Gewölbe begraben lag, hatte ich jenen großen Diamanten gefunden! Ich hielt ihn noch in der Hand und dachte an Mittel und Wege, ihn zu verbergen, als die Erdwand neben mir einstürzte, um mich für mein verbrecherisches Vorhaben zu bestrafen ... Wieder zum Bewußtsein gekommen, fand ich den Stein in dem Bette, in welches das Väterchen mich hatte schaffen lassen. Ich wollte ihm denselben ausliefern, schämte mich aber zu gestehen, daß ich ein Dieb sei, und beschloß eine günstige Gelegenheit dazu abzuwarten. Nun wollte das Väterchen bald nachher versuchen, selbst einen Diamanten zu machen, und hatte mich beauftragt, das Feuer zu unterhalten. Am zweiten Tage als ich mich allein am Ofen befand, platzte der Apparat mit schrecklichem Krachen und es fehlte nicht viel, so wurde ich von den Bruchstücken erschlagen. Da dachte ich mir, das Väterchen werde sich darüber härmen, daß sein Experiment mißglückt sei. Ich brachte also in das gesprungene Kanonenrohr den mit einer Handvoll Erde umhüllten Diamanten und beeilte mich, alles im Ofen möglichst wieder in Ordnung zu bringen, so daß das Väterchen nichts bemerkte ... Dann wartete ich ruhig, ohne ein Wort zu sagen, und als das Väterchen den Diamanten fand, war er hoch erfreut darüber!«

Ein schallendes Gelächter, das die fünf maskirten Männer nicht zurückhalten konnten, begleitete Matakit's letzte Worte.

Cyprien selbst lachte freilich nicht, sondern biß sich aus Enttäuschung in die Lippen. Der Ton des jungen Kaffern ließ gar keinen Zweifel aufkommen. Seine Erzählung beruhte offenbar auf Wahrheit!

Vergeblich forschte Cyprien in seiner Erinnerung oder Einbildung nach Thatsachen, dieselben anzuzweifeln und Jenen Lügen zu strafen. Vergebens sagte er sich:

»Ein natürlicher Diamant hätte sich, einer Hitze, wie der im Ofen ausgesetzt, verflüchtigen müssen ...«

Die einfache gesunde Vernunft gab ihm dagegen ein, daß der von einer Art Lehmhülle umschlossene Stein recht wohl der intensiven Einwirkung der Hitze habe entgehen können, oder daß dieselbe nur teilweise auf ihn gewirkt habe. Vielleicht verdankte er gerade dieser langen Erwärmung seine schwarze Farbe; vielleicht hatte er sich innerhalb seiner Kruste verflüchtigt und war dann erst wieder krystallisirt.

Alle diese Gedanken bestürmten das Hirn des jungen Ingenieurs und verknüpften sich in demselben mit außerordentlicher Geschwindigkeit. Er stand betroffen vor der ihm unerklärlichen Thatsache.

»Ich entsinne mich recht wohl, am Tage jenes Einsturzes in der Hand des Kaffern einen Klumpen Erde gesehen zu haben, bemerkte da einer der Männer, als die allgemeine Heiterkeit sich etwas beruhigt hatte. Er preßte denselben so fest darin zusammen, daß man darauf verzichten mußte, den Erdkloß daraus zu entfernen.

– An der ganzen Sache ist überhaupt nicht mehr zu zweifeln, meinte ein Anderer. Ist's denn möglich, Diamanten künstlich herzustellen? Wahrlich, wir sind rechte Schwachköpfe, so etwas je haben glauben zu können. Da könnte Einer ebensogut versuchen, einen Stern machen zu wollen!«

Wieder fingen Alle an zu lachen.

Cyprien litt sicher mehr von ihrer jetzigen Ausgelassenheit, als vorher von ihrem rohen Auftreten.

Nachdem die fünf Männer endlich heimlich berathschlagt, nahm ihr Anführer wieder das Wort:

»Wir sind der Ansicht, Cyprien Méré, sagte er, daß wegen des über Sie verhängten Todesurtheils noch eine Berathung stattzufinden habe. Sie gehen vorläufig frei aus! Vergessen Sie aber nicht, daß dieses Urtheil nach wie vor über Ihnen schwebt! Ein Wort, ein Zeichen, davon die Polizei zu benachrichtigen, und Sie sind unrettbar verloren! Wem's juckt, der kratze sich!«

Mit diesen Worten zog er sich, gefolgt von seinen Begleitern, nach der Thür zurück.

Das Zimmer lag wieder im Dunklen. Cyprien hätte sich fast fragen können, ob er nicht das Spiel eines bloßen Traumes gewesen sei. Das Schluchzen Matakit's aber, der sich auf dem Boden niedergestreckt hatte und heftig, den Kopf in die Hände stützend, weinte, zwang ihn wohl zu glauben, daß Alles, was hier vor sich gegangen, auch wirklich geschehen war.

Die Wahrheit lag also zutage! Er war zwar dem Tode entgangen, aber um den Preis einer fast vernichtenden Demüthigung. Er, ein Bergwerksingenieur, er, ein Zögling der polytechnischen Schule, ein hervorragender Chemiker und schon namhafter Geolog, er hatte sich durch die plumpe List eines elenden Kaffern betrügen lassen! Oder es war vielmehr seine eigene Eitelkeit, seine lächerliche Voreingenommenheit, welche ihn diesen entsetzlichen Bock hatte schießen lassen. Seine Verblendung war so weit gegangen, eine Theorie für die Entstehung der Krystallbildungen finden zu wollen! ... Konnte es etwas noch Lächerlicheres geben? ... Ist es nicht die Sache der Natur allein, unter Mithilfe Jahrhunderte überdauernder Zeiträume, derartige Bildungsprocesse zu Ende zu führen? ... Und doch, wer hätte sich gegenüber der vor Augen liegenden Thatsachen nicht täuschen lassen? .. Er erhoffte einen Erfolg, hatte Alles zur Sicherung desselben vorbereitet und mußte logischer Weise annehmen, einen solchen errungen zu haben. Sogar die außergewöhnlichen Größenverhältnisse des Diamanten waren ja nur dazu angethan, eine solche Täuschung zu nähren. Auch ein Depretz hätte dieselbe wahrscheinlich getheilt ... Kommen denn ähnliche Irrthümer nicht alle Tage vor? ... Sieht man z. B. nicht die erfahrensten Numismatiker falsche Münzen häufig genug für echte annehmen?

Cyprien suchte sich durch derartige Vorstellungen einigermaßen zu trösten.

Da machte ihn plötzlich ein Gedanke fast zu Eis erstarren:

»Und mein Bericht an die Akademie! ... Wenn ihn jene Schurken nicht mit weggeschleppt haben!«

Er entzündete eine Kerze. Nein, Gott sei Dank, sein Bericht fand sich noch vor. Niemand hatte ihn gesehen. Er athmete erst auf, nachdem er denselben verbrannt hatte.

Das Wehklagen Matakit's war inzwischen so herzzerreißend, daß er wohl versuchen mußte, diesen zu beruhigen. Das sollte nicht so schwer werden. Auf den ersten wohlwollenden Zuspruch »des Väterchens« schien der arme Kerl wirklich neu aufzuleben. Wenn Cyprien ihm jedoch versicherte, daß er ihm keinen Groll nachtrage und ihm von ganzem Herzen verzeihe, so geschah das nur unter der Bedingung, daß er sich zu ähnlichen heimlichen Handlungen nicht wieder verleiten lasse.

Matakit betheuerte das bei dem Namen dessen, der ihm am heiligsten war, und als sich sein Herr darauf wieder niedergelegt, that er desgleichen.

So endete diese nächtliche Scene, welche erst einen recht traurigen Ausgang zu nehmen drohte.

Wenn sie in dieser Weise für den jungen Ingenieur endigte, sollte das für Matakit nicht ebenso der Fall sein.

Am folgenden Tage nämlich, als man nun wußte, daß der »Südstern« nichts anderes als ein natürlicher Diamant war, daß der junge Kaffer, der seinen Werth genügend erkannte, denselben einfach gefunden hatte, trat die Frage wegen seines Verbleibs mit erneuerter Lebhaftigkeit zutage. John Watkins verlieh seinen Klagen lauten Ausdruck. Nur Matakit konnte der Dieb dieses unschätzbaren Steines sein! Nachdem er schon seinem eignen Geständnisse nach gleich anfangs daran gedacht, ihn für sich zu behalten, lag ja nichts näher, als die Annahme, daß er ihn auch aus dem Festsaale entwendet hatte.

Cyprien konnte dieser Auffassung widersprechen und für die Rechtlichkeit des jungen Kaffern Bürgschaft übernehmen so viel er wollte, man hörte ihn einfach nicht an, was den mehr als hinreichenden Beweis liefert, wie recht Matakit, der seine vollständigste Schuldlosigkeit beschwor, daran gethan hatte, zu flüchten, und wie unrecht, nach dem Griqualande zurückgekehrt zu sein.

Da brachte der junge Ingenieur, der seine Sache nicht verloren geben wollte, ein Argument zur Geltung, dessen sich Niemand erwartete und das seiner Annahme nach Matakit retten mußte.

»Ich selbst glaube an seine Unschuld, sagte er zu John Watkins; doch selbst wenn er schuldig wäre, ginge das im Grunde nur mich an. Ob Natur oder Kunsterzeugniß, jedenfalls gehörte der Diamant mir, bevor ich ihn dem Fräulein Alice angeboten hatte ...

– Ah, er gehörte Ihnen? ... antwortete Mr. Watkins in eigenthümlich schmerzhaftem Tone.

– Ohne Zweifel! erklärte Cyprien. Ist er nicht von dem, bei mir in Diensten stehenden Matakit in meinem Claim gefunden worden?

– Ganz richtig, erwiderte der Farmer; aber ebendeshalb kommt er mir zu, weil laut Contract die drei ersten, auf Ihrer Concession ausgegrabenen Diamanten in mein ausschließliches Eigenthum überzugehen hatten.«

Cyprien wußte auf diesen Einwurf nichts zu antworten.

»Nun, ist mein Ausspruch wohl ein gerechter? fragte Mr. Watkins.

– Ein ganz gerechter! stammelte Cyprien.

– Ich würde Ihnen sehr dankbar sein für eine ausdrückliche schriftliche Anerkennung meines guten Rechtes, für den Fall, daß wir den Spitzbuben dahin bringen könnten, den auf so unverschämte Weise gestohlenen Diamanten wieder herauszugeben!«

Cyprien nahm ein Stück weißes Papier und schrieb darauf:

»Ich erkenne hiermit an, daß der in meinem Claim von einem in meinen Diensten stehenden Kaffern gefundene Diamant, gemäß dem Concessionscontracte, das Eigenthum des Herrn John Napleton Watkins ist.

»Cyprien Méré.«

Man wird zugeben, daß dieser Umstand alle Träume des jungen Ingenieurs vernichtete. Kam nun der Diamant jemals wieder zum Vorschein, so gehörte er nicht als Geschenk, sondern von Rechtswegen John Watkins, und ein neuer Abgrund, den nur viele Millionen ausfüllen konnten, eröffnete sich zwischen Cyprien und Alice.

Wenn aber die Reclamation des Farmers die Interessen der beiden jungen Leute schädigte, so war das noch mehr bezüglich Matakit's der Fall. Jetzt war es John Watkins, gegen den er ein Vergehen sich hatte zu schulden kommen lassen ... John Watkins war der Bestohlene! ... Und John Watkins war nicht der Mann danach, die Verfolgung dieser ihn so tief berührenden Angelegenheit aufzugeben, wenn er den Dieb in Händen zu haben glaubte.

Der arme Teufel wurde also verhaftet, eingesteckt und nach Verlauf von kaum zwölf Stunden, trotz Allem, was Cyprien zu seiner Vertheidigung anführen mochte, verurtheilt gehenkt zu werden... wenn er sich nicht entschloß, oder er nur außer Stande war, den »Südstern« zurückzuerstatten.

Da er ihn nun thatsächlich nicht zurückliefern konnte, weil er ihn ja gar nicht genommen hatte, so lag seine Sache ganz klar, und Cyprien wußte nicht mehr, was er beginnen sollte, um den Unglücklichen zu retten, an dessen Schuld er nun einmal nicht glauben konnte.

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