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Der Südstern

Jules Verne: Der Südstern - Kapitel 14
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typefiction
authorJules Verne
titleDer Südstern
publisherWien und Leipzig. A. Hartleben's Verlag
seriesCollection Verne
volumeBand 45
printrunZweite Auflage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Dreizehntes Capitel.

Durch den Transvaal.

In Potchefstrom hörten die vier Reisenden, daß ein junger Kaffer, dessen Personalbeschreibung auf Matakit vollkommen paßte, am Vortage durch die Stadt gekommen war. Das durfte als glückliches Vorzeichen für den Erfolg ihres Zuges angesehen werden. Dieser drohte freilich sich sehr in die Länge zu ziehen, weil der Flüchtling sich hier einen leichten zweirädrigen Wagen zugelegt hatte, der mit einem Strauße bespannt und aus diesem Grunde gewiß nur sehr schwer einzuholen war.

Es giebt nämlich wirklich keine besseren Läufer, als diese Thiere, und gleichzeitig keine ausdauernderen und schnelleren. Zum Ziehen brauchbare Strauße sind übrigens, selbst im Griqualand, etwas sehr seltenes, da sie sich nur schwierig abrichten lassen. Aus eben diesem Grunde konnten sich auch Cyprien und seine Genossen ein ähnliches Gefährt in Potchefstrom nicht zulegen.

Unter so günstigen Umständen – das war als ziemlich feststehend zu betrachten – eilte Matakit also auf dem Wege nach Norden hin, und das mit einem so schnellen Wagen, daß er zehn Wechselpferde außer Athem gebracht hätte.

Es blieb also nichts übrig, als der Versuch, ihm so schnell als möglich zu folgen. Freilich hatte der Flüchtling außer seinem nicht unbedeutenden Vorsprung auch noch den Vortheil einer Schnelligkeit, welche die, auf die seine Verfolger sich verwiesen sahen, weit übertraf.

Am Ende haben jedoch auch die Kräfte eines Straußes ihre Grenzen. Matakit mußte gelegentlich wohl oder übel einmal Rast machen und dabei vielleicht Zeit verlieren. Im schlimmsten Fall hoffte man ihn jedoch wenigstens am Ende seiner Fahrt zu erlangen.

Cyprien hatte bald Ursache, sich zu beglückwünschen, daß er Lî und Bardik mitgenommen, als es sich darum handelte, die für den Zug nöthige Ausrüstung zu besorgen. Es ist in solchen Fällen kein so leichtes Ding, diejenigen Dinge auszuwählen, welche in Wahrheit als nützlich zu bezeichnen sind. Die eigenen Erfahrungen in der Wüste vermag nichts zu ersetzen. Cyprien mochte noch so bewandert in der Differential- und Integral-Rechnung sein, vom Leben im Veld, von dem auf dem Trek oder »auf den Spuren der Wagenräder«, wie man da unten sich ausdrückt, verstand er nicht das A-B-C. Seine Gefährten schienen auch gar nicht geneigt, ihn mit Rath und That zu unterstützen, sondern zeigten vielmehr einen gewissen Hang, ihn irre zu führen.

Was den mit regensicherer Plane bedeckten Wagen, das Büffelgespann und den mitzunehmenden Proviant betraf, ging die Sache ziemlich leicht und glatt ab. Hierbei zwang schon das allgemeine Interesse diese verständig auszuwählen, und James Hilton besorgte das völlig tadellos; Eines und das Andere blieb aber doch der persönlichen Entscheidung jedes Einzelnen überlassen – zum Beispiel der Ankauf eines Pferdes.

Cyprien hatte sich beinahe auf dem Marktplatze für ein hübsches dreijähriges Thier entschieden, das ebenso voller Feuer schien, wie er es um mäßigen Preis erhalten sollte. Bei einem kurzen Proberitt erwies es sich als gut dressirt, und schon wollte er dem Käufer die ausbedungene Summe zahlen, als ihn Bardik bei Seite nahm und zu ihm sagte:

»Wie, Väterchen, dieses Pferd willst Du kaufen?

– Gewiß, Bardik! Es ist das schönste, welches ich je zu so niedrigem Preise gefunden habe.

– Das solltest Du nicht nehmen, selbst wenn man es Dir schenken wollte, sagte der junge Kaffer. Einer Reise durch den Transvaal würde dieses Pferd nicht acht Tage gewachsen sein.

– Was willst Du damit sagen? erwiderte Cyprien. Fällt es Dir jetzt etwa ein, mir gegenüber den Wahrsager zu spielen?

– Nein, Väterchen, aber Bardik kennt die Wüste, und versichert Dir, daß dieses Pferd nicht »gesalzen« ist.

– Nicht »gesalzen«? Willst Du mir einreden, daß ich ein Pferd aus dem Pöckelfasse kaufen soll?

– Nein, Väterchen; das bedeutet, daß es die Krankheit des Veld noch nicht durchgemacht hat. Die würde es unbedingt sehr bald bekommen, und wenn es nicht daran zu Grunde geht, würd' es Dir doch nichts mehr nützen können.

– Ah so, erwiderte Cyprien, betroffen von der Erklärung, die ihm sein Diener gab. Und worin besteht diese Krankheit?

– Sie tritt als hitziges, mit starkem Husten begleitetes Fieber auf, antwortete Bardik. Es ist unumgänglich nothwendig, nur Pferde zu kaufen, welche dasselbe schon durchgemacht haben – was man an deren äußerem Ansehen leicht erkennt – weil es nur sehr selten vorkommt, daß solche jener Krankheit zum zweiten Male verfallen.«

Einer solchen Aussicht gegenüber war kein Schwanken möglich. Cyprien unterbrach sofort die Kaufsverhandlungen und zog weitere Erkundigungen ein. Jedermann bestätigte ihm die Ansichten Bardik's. Es war das eine im Lande so allbekannte Thatsache, daß man derselben gar nicht mehr zu erwähnen pflegte.

Als er sich hierdurch von seiner mangelnden Erfahrung überzeugt, wurde der junge Ingenieur klüger und sicherte sich die Mithilfe eines alten Thierarztes von Potchefstrom. Dank der Mitwirkung jenes Fachkenners gelang es ihm binnen wenigen Stunden, sich ein für eine solche Reise geeignetes Pferd zu verschaffen. Es war schon alt, von grauer Farbe, hatte eigentlich nur Haut und Knochen und besaß auch nur ein Ueberbleibsel von Schweif. Der Thierarzt bedurfte nur eines Blickes, um sich zu überzeugen, daß dieses Exemplar mindestens »gesalzen« war, und obwohl es einen etwas harten Gang hatte, war es offenbar im Ganzen weit mehr werth, als es äußerlich versprach. Templar – das war sein Name – genoß im Lande allgemein das Ansehen eines Pferdes von großer Leistungsfähigkeit, und auch Bardik, dessen Rath wohl gehört zu werden verdiente, erklärte sich nach Besichtigung desselben für vollkommen befriedigt.

Gerade er sollte übrigens mit der Führung des Wagens und des Büffelgespannes betraut werden, eine Function, in der sein Kamerad Lî ihn zu unterstützen bestimmt war.

Cyprien brauchte sich also nicht darum zu sorgen, weder den Einen noch den Anderen beritten zu machen, was er auch, nach Aufwendung des verhältnißmäßig hohen Preises für Anschaffung seines eigenen Pferdes, jetzt gar nicht im Stande gewesen wäre.

Die Frage der Beschaffung von Waffen war ebenfalls nicht so leichter Hand zu lösen. Cyprien hatte für sich Flinten gewählt, eine vortreffliche Martini-Henry-Büchse und einen Remington-Carabiner, welche sich zwar beide nicht durch besondere Eleganz auszeichneten, aber sicher schossen und leicht und genau zu laden waren.

Niemals hätte er jedoch, wenn ihn der Chinese nicht darauf aufmerksam machte, daran gedacht, sich mit einem Vorrathe von Sprenggeschossen zu versehen. Er hielt sich für hinreichend ausgerüstet, wenn er Pulver und Blei für fünf- bis sechshundert Schuß mitnahm, und war nicht wenig überrascht zu hören, daß viertausend Gewehrschüsse das Mindeste seien, was man bei einer Fahrt durch diese Gegend voll wilder Thiere und kaum weniger wilder Einwohner als nothwendig erachtete.

Cyprien mußte sich also noch zwei Revolver zu Sprengkugelschuß anschaffen und er vervollständigte seine Bewaffnung ferner durch den Ankauf eines vorzüglichen Jagdmessers oder Hirschfängers, der schon seit fünf Jahren im Schaufenster des Waffenhändlers in Potchefstrom geprangt hatte, ohne daß sich Jemand entschlossen hätte, denselben zu erwählen.

Wiederum war es Lî, der auf dieser Erwerbung bestand, indem er versicherte, daß sich kaum etwas nützlicher erweisen werde, als ein solches Messer. Die Sorgfalt, mit der er es sich später angelegen sein ließ, die kurze und breite Klinge desselben scharf und blank zu erhalten, bewies sein Vertrautsein mit blanken Waffen, welches er übrigens mit seinen Stammesgenossen im Allgemeinen theilte.

Ueberdies begleitete der berüchtigte rothe Kasten allezeit den vorsorglichen Chinesen. Er verwahrte darin neben einer Menge kleiner Kästchen und geheimnißvoller Ingredienzen etwa sechzig Meter jenes biegsamen und dünnen, aber stark gedrehten Strickes, den die Matrosen speciell Leine nennen. Und als er gefragt wurde, was er damit beginnen wolle, erklärte er:

»Nun, muß man denn in der Wüste nicht ebenso wie anderwärts gelegentlich eine Leine ziehen?«

Binnen wenigen Stunden waren alle Einkäufe abgemacht! Wasserdichte Tücher, wollene Decken, Speisegeschirr und Geräthe, reichlicher Mundvorrath in verlötheten Büchsen, Joche, Ketten, Zügel zum Wechseln u. s. w. füllten am hinteren Theile des Wagens das allgemeine Magazin, der mit Stroh ausgelegte vordere Theil sollte als Lagerstätte und Obdach für Cyprien und seine Reisegefährten dienen.

James Hilton hatte sich seines Auftrages sehr gut entledigt und schien mit großem Verständniß ausgewählt zu haben, was der Genossenschaft von Nöthen sein könnte. Er war aber auch auf seine Erfahrungen als Ansiedler nicht wenig stolz. So ließ er sich auch weit mehr durch das Gefühl seiner Ueberlegenheit in diesem Fache als durch kameradschaftliche Rücksichten bestimmt herbei, seine Geführten über die Sitten und Gebräuche des Veld aufzuklären.

Annibal Pantalacci freilich unterließ es nicht, ihn zu unterbrechen und ihm gelegentlich das Wort abzuschneiden.

»Welches Bedürfniß drängt sie, Ihre Kenntnisse auch dem Franzosen mitzutheilen? sagte er zu ihm leise. Liegt Ihnen denn gar so viel daran, daß gerade er den Preis erringt? An Ihrer Stelle würde ich, was ich weiß, allein für mich behalten und Niemand ein Wort davon hören lassen!«

James Hilton sah den Neapolitaner mit unverholener Verwunderung an.

»Das ist wirklich wahr, was Sie mir da sagen ... sehr wahr! Ein solcher Gedanke war mir eben noch gar nicht gekommen!«

Cyprien hatte es nicht unterlassen, auch Friedel davon zu unterrichten, was er bezüglich der Pferde des Landes erfahren hatte, fand bei diesem aber kein Gehör; der Deutsche dagegen – unterließ es nicht sich mit Angelgeräthschaften auszustatten, da er behauptete, daß man des Wildes bald überdrüssig sein werde.

Nach Vollendung aller Vorbereitungen ging es nun fort, und die Caravane trat in der vorherbestimmten Ordnung zusammen.

Der von zwölf röthlichen und schwarzen Büffeln gezogene Wagen voran, unter der hohen Führung Bardik's, der bald mit der langen Peitsche in der Hand neben den kräftigen Thieren herschritt, bald, um auszuruhen, den Vordertheil des Wagens bestieg. Dort auf seinem Sitze thronend, war er freilich den Stößen durch die unebene Straße stark ausgesetzt, schien sich daraus aber nicht viel zu machen, sondern war vielmehr entzückt von dieser Art der Beförderung! Die vier Reiter folgten nebeneinander dicht hinterher. Außer für den Fall, wo sie Veranlassung hatten, sich zu entfernen, um ein Rebhuhn zu schießen oder den Weg auszukundschaften, bildete Obiges die für eine lange Reihe von Tagen unveränderliche Zugordnung der kleinen Caravane.

Nach kurzer Ueberlegung wurde beschlossen, nächsten Weges nach der Quelle des Limpopo zu ziehen. In der That wies Alles darauf hin, daß Matakit auch dieser Richtung gefolgt sein werde. Er konnte übrigens eine andere gar nicht einschlagen, da es ihm darauf ankommen mußte, die britischen Besitzungen so bald als möglich im Rücken zu haben. Der Vortheil, den der Kaffer voraus hatte, bestand gleichzeitig in seiner gründlichen Landeskenntniß, wie in der Leichtigkeit seines Gefährts. So wußte er natürlich stets, wo er sich befand und wohin er sich auf nächstem Wege begab; in Folge seiner Bekanntschaft im Norden war er aber auch sicher, überall Unterstützung und Schutz, Nahrung und Unterkommen zu finden, sogar Helfershelfer, wenn sich das als nothwendig herausstellte. Und konnte man sicher sein, daß er seinen Einfluß auf die Eingebornen nicht benützte, um sich mit Gewalt Denen zu widersetzen, die ihm auf dem Fuße folgten und ihn vielleicht mit bewaffneter Hand anzugreifen drohten? Cyprien und seine Gefährten ersahen daraus mehr und mehr die Nothwendigkeit, sich zusammenzuhalten und bei dieser Expedition gegenseitig zu unterstützen, wenn sie überhaupt beabsichtigten, daß irgend einer von ihnen die Frucht von derselben einheimsen sollte.

Der Transvaal, der in der Richtung von Süden nach Norden durchzogen werden sollte, bildet ein sehr ausgedehntes Gebiet Südafrikas – von etwa dreißig Millionen Hektaren – das sich zwischen dem Vaal und dem Limpopo ausdehnt und westlich von den Drakenbergen, der englischen Colonie Natal, dem Lande der Zulus und den portugiesischen Besitzungen gelegen ist.

Vollkommen besiedelt von den Boers, das sind die früheren holländischen Bürger des Caps der Guten Hoffnung, welche sich hier binnen fünfzehn bis zwanzig Jahren zu einer landbauenden Bevölkerung von über hunderttausend Weißen vermehrt haben, erregte der Transvaal natürlich die Habgier Großbritanniens, welches das Land 1877 auch seinem Besitzstand hinzufügte. Die ungemein häufige Empörung der Boers, welche mit Aufgebot aller Mittel unabhängig bleiben wollen, läßt die Zukunft dieses schönen Landstriches noch immer in Ungewißheit. Es ist einer der lachendsten und fruchtbarsten von Afrika und gleichzeitig einer der gesündesten, und das erklärt wohl hinlänglich – wenn es sie auch nicht rechtfertigt – die Anziehung, welche dieses Gebiet auf die stets zu fürchtenden Nachbarn ausübt. Auch die Goldlager, welche hier entdeckt wurden, haben natürlich einen nicht minder großen Einfluß auf die politische Handlungsweise Englands gegenüber dem Transvaal gehabt.

Geographisch trennt man das Land, in Uebereinstimmung mit den Boers selbst, in drei Hauptregionen: Das Hochland oder Hooge-Veld, das Hügelland oder Banken-Veld und das Buschland oder Bush-Veld.

Das Hochland bildet den südlichsten Theil. Es besteht aus Gebirgsketten, die sich von den Drakenbergen nach Westen und Süden hin fortsetzen. Hier ist der eigentliche Minendistrict des Transvaal zu suchen und hier herrscht ein kaltes, trockenes Klima, etwa wie im Berner Oberland.

Das Hügelland ist speciell die Gegend des Landbaues. Im Norden des ersteren gelegen, beherbergt es in seinen tiefen, von zahlreichen Wasserläufen getrennten und von immergrünen Bäumen beschatteten Thälern den größten Theil der holländischen Bewohnerschaft.

Der Bush-Veld oder das Buschland, gleichzeitig das reichste Jagdgebiet, erstreckt sich dann in weiten Ebenen bis zu den Ufern des Limpopo nach Norden und grenzt im Westen an das Land der Betchuana-Kaffern.

Von Potchefstrom, das im Banken-Veld liegt, ausgehend, hatten die Reisenden erst in schräger Richtung den größten Theil dieses Gebietes zu durchziehen, bevor sie den Banken-Veld und von da, weiter im Norden, die Ufer des Limpopo erreichten.

Dieser erste Theil des Transvaal war natürlich am leichtesten zu bereisen. Hier befand man sich noch immer in halbcivilisirtem Lande. Die größten Schwierigkeiten und Unfälle beschränkten sich auf eine ziemlich morastige Straße und einen erkrankten Büffel. Wilde Enten, Rebhühner und Ziegen gab es längs des Weges in Menge, und die Flinten lieferten alltäglich den Bedarf für das Frühstück, wie für das Mittagsbrot. Die Nacht wurde gewöhnlich in einer Farm zugebracht, deren von dem übrigen Theil der Welt jährlich neun Monate abgeschlossene Bewohner die unerwartet ankommenden Gäste stets mit froher Herzlichkeit aufnehmen.

Gastfreundlich, zuvorkommend und uninteressirt erwiesen sich die Boers hier wie überall. Die Landessitte verlangt zwar, daß man ihnen für die Unterkunft der Menschen und Thiere eine Entschädigung anbietet, sie schlagen diese jedoch so gut wie immer aus und bestehen sogar noch meist darauf, daß der Fremde bei der Weiterreise von ihnen Mehl, Orangen und eingemachte Pfirsiche annimmt. Ueberläßt man ihnen dafür irgend einen für die Pferdezucht oder die Jagd anwendbaren Gegenstand, vielleicht eine Peitsche, eine Kinnkette oder einen Pulversack, so sind sie ganz entzückt darüber, so gering der eigentliche Werth desselben auch sein mochte.

Die braven Leute führen in ihren ausgedehnten Einöden ein stilles und friedlich verlaufendes Leben; sie ernähren sich ohne große Mühe mit ihren Familien von den Erzeugnissen, welche ihnen ihre Heerden liefern, und bebauen mit Hilfe von Kaffern und Hottentotten das Land, um ohne großen Aufwand Getreide und Gemüse in Hülle und Fülle zu ernten.

Ihre Häuser sind sehr einfach aus Lehm errichtet und mit dicken Strohdächern überdeckt. Macht der Regen einmal eine Bresche in die Mauern – was freilich zuweilen vorkommt – so haben sie das Heilmittel bei der Hand. Die ganze Familie beschäftigt sich damit, Lehm zu kneten, von dem ein großer Haufen hergestellt wird; dann nehmen Sohn und Tochter diesen handweise und eröffnen ein Bombardement auf die Bresche, welche in dieser Weise bald geschlossen wird.

Im Innern der Wohnung findet man kaum einige Möbel, höchstens Holzschemel, grobe Tische und Betten für erwachsene Personen; die Kinder nehmen mit einem Lager auf Schaffell vorlieb.

Trotzdem findet noch die Kunst eine Stätte unter diesen urwüchsigen Verhältnissen. Fast alle Boers sind musikalisch und spielen Geige oder Flöte. Sie tanzen mit wahrhafter Begeisterung und kennen weder Hindernisse noch Anstrengung, wenn es gilt – manchmal auf eine Entfernung von zwanzig Lieues – sich zu versammeln, um diesem Lieblingszeitvertreib obzuliegen.

Die Töchter des Landes sind sehr bescheiden und sehen in der schmucken holländischen Bauerntracht oft sehr hübsch aus. Sie treten sehr zeitig in die Ehe, bringen ihren Gatten aber nichts anders mit, als ein Dutzend Ochsen oder Ziegen, einen Karren oder einen anderen Schatz dieser Art. Der Ehemann übernimmt die Einrichtung des Wohnhauses, besorgt die Urbarmachung mehrerer Morgen Landes in der nächsten Umgebung, und damit ist der neue Hausstand gegründet.

Die Boers werden sehr alt, und nirgends auf der Erde begegnet man soviel Hundertjährigen wie hier.

Eine eigenthümliche und bisher unaufgeklärte Erscheinung ist die Fettsucht, welcher fast Alle im reiferen Alter verfallen, und die bei ihnen ganz erstaunliche Grade erreicht. Sie sind übrigens von sehr hohem Wuchse, und das trifft ebenso bei den Ansiedlern von französischem Ursprung, wie bei denen von deutscher oder holländischer Abstammung zu.

Die Reise ging inzwischen ohne Unfall von Statten. Nur selten erhielt die Expedition in jeder Farm, wo sie des Abends einkehrte, keine weiteren Nachrichten über Matakit. Ueberall war er, von seinem Strauße schnell dahingezogen, anfänglich zwei oder drei, später fünf bis sechs, endlich sieben bis acht Tage vorher durchgekommen. Offenbar also waren sie auf seiner Spur; aber ebenso offenbar gewann er täglich mehr Vorsprung gegen Die, welche auf seine Einholung ausgezogen waren.

Die vier Verfolger betrachteten es nichtsdestoweniger als ausgemacht, daß sie ihn erlangen würden. Der Flüchtling mußte ja schließlich Halt machen. Seine Gefangennahme erschien also lediglich als eine Frage der Zeit.

Cyprien und seine Genossen machten sich also darum auch keine besondere Sorge, sondern fingen im Gegentheil an, sich allmählich ihren Lieblingsbeschäftigungen hinzugeben.

Der junge Ingenieur suchte Steinproben, Friedel botanisirte und behauptete, er vermöge die Eigenschaften der von ihm gesammelten Pflanzen schon aus deren äußeren Erscheinung zu erkennen. Annibal Pantalacci machte sich rücksichtslos lustig auf Kosten Bardik's oder Lî's, und bemühte sich, für seine schlechten Späße dadurch Verzeihung zu erhalten, daß er auf den Haltestellen meist vorzügliche Maccaronis zubereitete. James Hilton übernahm es, die Caravane mit eßbarem Wild zu versehen, und es verging kaum ein halber Tag, ohne daß er ein Dutzend Rebhühner, Wachteln in Ueberfluß und zuweilen einen Eber oder eine Antilope erlegte.

Etappe nach Etappe gelangte man auf diese Weise nach dem Bush-Veld. Bald wurden nun die Farmen immer seltener und hörten endlich ganz auf. Man hatte die äußersten Grenzen der Civilisation erreicht.

Von hier aus mußte man nun jeden Abend selbst ein Lager zurecht machen und ein großes Feuer anzünden, rings um welches Menschen und Thiere sich niederstreckten, um zu schlafen, wobei natürlich immer Einer oder der Andere auf die Umgebung Acht haben mußte.

Die Landschaft hatte schon ein mehr und mehr wildes Aussehen angenommen. Ebenen mit gelblichem Sande, Dickichte mit Dornengebüsch, dann und wann ein von Sümpfen umgebener Bach traten jetzt an die Stelle der grünen Thäler des Banken-Veld. Manchmal mußte auch ein Umweg eingeschlagen werden, um einen wirklichen Wald von »thorn trees« oder Dornenbäumen zu umgehen. Es sind das nämlich Gesträuche von drei bis fünf Meter Höhe mit ungemein vielen wagrecht stehenden Aesten, welche zahlreiche zwei bis vier Zoll lange, harte und dolchähnliche spitze Dornen tragen.

Diese äußere Zone des Bush-Veld, welche gewöhnlich mit dem Namen Lion-Veld oder Löwen-Veld bezeichnet wird, schien kaum ihrem schlimmen Namen zu entsprechen, denn auch nach drei- bis viertägiger Reise hatte sich noch keines dieser furchtbaren Raubthiere sehen lassen.

»Das beruht ohne Zweifel nur auf Überlieferungen, sagte sich Cyprien, und die Löwen werden weiter nach der Wüste zurückgewichen sein!«

Als er diesem Gedanken aber James Hilton gegenüber Worte verlieh, fing dieser geradewegs an zu lachen.

»Sie meinen, daß es hier keine Löwen gäbe? sagte er; das kommt einfach daher, daß Sie dieselben nicht zu sehen verstehen!

– Sehr schön, einen Löwen inmitten einer nackten Ebene nicht einmal zu sehen! erwiderte Cyprien in etwas ironischem Tone.

– Nun, ich wette um zehn Pfund, erklärte James Hilton, daß ich Ihnen vor Ablauf einer Stunde noch einen zeige, den Sie nicht vorher gesehen hatten.

– Ich wette aus Princip niemals, antwortete Cyprien, aber es würde mich sehr freuen, meine Erfahrungen zu erweitern.«

Man zog noch fünfundzwanzig bis dreißig Minuten weiter, ohne daß Jemand an die Löwen gedacht hätte, als James Hilton plötzlich rief:

»Meine Herren, betrachten Sie dort den Ameisenbau, der sich da unten zur Rechten erhebt.

– Das ist 'was Rechtes! meinte Friedel. Seit zwei bis drei Tagen sehen wir gar nichts Anderes!«

Im Bush-Veld giebt es in der That kaum eine häufigere Erscheinung als diese großen Haufen von gelbem Lehm, welche von zahllosen Ameisen zusammengetragen sind und in größerer Entfernung abwechselnd mit einigem Buschwerk oder einer Gruppe magerer Mimosen die Einförmigkeit dieser weiten Ebenen unterbrechen.

James Hilton lachte für sich.

»Herr Méré, wenn Sie sich ein wenig in Galopp setzen wollen, um sich jenem Ameisenbau zu nähern – da, am Ende meines Fingers – so verspreche ich Ihnen, daß Sie, was Sie wünschten, zu sehen bekommen werden. Gehen Sie aber nicht zu nahe heran, denn die Sache könnte schlecht ablaufen.«

Cyprien gab seinem Pferde beide Sporen und ritt schnell nach dem Hügel zu, den ihm James Hilton als einen Ameisenbau bezeichnet hatte.

»Da nistet natürlich eine Löwenfamilie! sagte er, als Cyprien sich entfernt hatte. Ich setze gleich Eins gegen Zehn, daß jene gelben Haufen, die er für Ameisenbauten hält, nichts anderes sind.

– Per Bacco! Da hätten Sie freilich alle Ursache gehabt, ihm jede Annäherung zu Widerrathen!«

Als er aber bemerkte, daß Bardik und Lî ihn hörten, gab er seinen Worten eine andere Wendung.

»Der Frenchman wird einen schönen Schreck haben und uns viel zu lachen geben.«

Der Neapolitaner täuschte sich. Cyprien war nicht der Mann dazu, gleich »einen schönen Schreck zu haben«, wie er sagte. Zweihundert Schritt vor dem ihm gewiesenen Ziele erkannte er, um welch' schreckliches Ameisennest es sich hier handelte. Dasselbe entpuppte sich nämlich als ein ungeheurer Löwe, eine Löwin und drei junge Löwen, welche im Kreise an der Erde lagen und friedlich in der Sonne schliefen. Bei den Hufschlägen Templars öffnete der Löwe die Augen, erhob den gewaltigen Kopf, gähnte, wobei er zwischen zwei Reihen ungeheurer Zähne einen Rachen zeigte, in dem ein zehnjähriges Kind hätte mit Haut und Haar verschwinden können. Dann starrte er den Reiter an, der bis auf zwanzig Schritte an ihn herangekommen war.

Zum Glück mochte die Bestie keinen Hunger haben, sonst wäre sie nicht so gleichgiltig geblieben.

Cyprien hielt schon die Hand am Carabiner und wartete zwei bis drei Minuten, was seine Majestät der Löwe zu thun beschließen würde. Da er sich aber überzeugte, daß dieser keine Lust zum Beginn von Feindseligkeiten zu haben schien, fühlte auch er sich nicht aufgelegt, das Glück dieser interessanten Familie zu stören, sondern warf sein Pferd herum und sprengte mit verhängtem Zügel wieder seinen Genossen entgegen.

In gezwungener Anerkennung seiner Kaltblütigkeit und bewiesenen Muthes, empfingen ihn diese mit lauten Beifallsrufen.

»Ich würde meine Wette verloren haben, Herr Hilton,« gab Cyprien darauf allein Antwort.

Am nämlichen Abend gelangte man noch so weit, um am Ufer des Limpopo selbst zu rasten. Obwohl James Hilton ihm davon abrieth, bestand doch Friedel darauf, heute eine Schüssel Fische zu fangen.

»Das ist höchst ungesund, Kamerad! sagte dieser. Vergessen Sie niemals, daß es im Bush-Veld nicht rathsam ist, weder am Ufer der Flüsse zu verweilen, noch ...

– Bah! Bah! Ich habe schon manchen Anderen angeln sehen! antwortete der Deutsche mit der seiner Nation eigenthümlichen Hartnäckigkeit.

– Oho, meinte Annibal Pantalacci, was kann wohl Schlimmes dabei sein, eine oder zwei Stunden am Wasserrande zu sitzen? Habe ich nicht auf der Entenjagd, durchnäßt bis zu den Achseln, halbe Tage lang so ausharren müssen?

– Das ist nicht ganz dieselbe Sache! erwiderte James Hilton.

– Ah was, es ist doch alles Eins! ... entgegnete der Neapolitaner. Mein lieber Hilton, Sie thäten weit besser, den Kasten mit dem Käse zu meinen Maccaronis zu holen, als daß Sie unseren Kameraden abhalten wollen, eine Schüssel Fische zu fangen. Das wird unserem Speisezettel eine wünschenswerthe Abwechslung verleihen!«

Ohne noch Lehre anzunehmen, ging Friede! weg und trieb seine Angelei so lange fort, daß es schon völlig Nacht war, als er nach dem Lagerplatz zurückkehrte.

Der starrköpfige Angler schmauste mit bestem Appetit, ließ sich ebenso wie die Anderen die gefangenen Fische vortrefflich munden, aber er klagte schon über heftiges Frösteln, als er sich am Wege neben seinen Kameraden zur Ruhe niederlegte.

Mit Anbruch des folgenden Tages, als sich Alle zur Weiterreise rüsteten, war Friedel die Beute eines hitzigen Fiebers und unmöglich im Stande, ein Pferd zu besteigen. Er verlangte nichtsdestoweniger, daß man ohne Zögern aufbrechen möge, da er sich auf dem Stroh im Wagen ganz wohl befinden werde. Man that also, wie er wünschte.

Zu Mittag begann er zu deliriren.

Um drei Uhr war er verschieden.

Seine Krankheit bestand in einem Sumpffieber der gefährlichsten Art.

Angesichts dieses plötzlichen Endes konnte Cyprien sich nicht enthalten, zu denken, daß Annibal Pantalucci durch seine schlechten Rathschläge bei diesem Vorfalle eine schwere Verantwortlichkeit auf sich geladen habe. Außer ihm schien freilich Niemand daran zu denken.

»Sie sehen, wie sehr ich Recht hatte, daß man bei anbrechender Nacht nicht am Flußufer verweilen soll!« begnügte sich James Hilton mit philosophischer Gelassenheit zu wiederholen.

Die Gesellschaft machte kurze Zeit Halt, um den Leichnam, der doch nicht den wilden Thieren preisgegeben werden sollte, zu beerdigen.

Er war ein Rivale, fast ein Feind, und doch fühlte Cyprien sich tief erregt, als er ihm die letzten Ehren erwies. Der Anblick des Todes, der ja immer ein erhabener und feierlicher ist, scheint inmitten der Wüste nur noch eindrucksvoller zu werden. Allein im Angesichte der Natur, erkennt der Mensch noch deutlicher dieses unvermeidliche Ende. Fern von seiner Familie, fern von Allen, die er liebt, fliegt sein Gedanke desto sehnlicher zu ihnen. Er sagt sich, daß morgen vielleicht auch er auf der unendlichen Ebene umsinkt, um sich nicht wieder zu erheben, daß auch er einen Fuß tief unter dem Sande vergraben werde, daß ein nackter Stein die Stelle bezeichnet, und daß ihm auf dem letzten Wege weder die Thränen einer Mutter oder Schwester, noch die Klagen eines Freundes das Geleit geben werden. Und indem er einen Theil des Mitgefühls, welches er für das Loos seines Kameraden empfindet, auf seine eigene Lage überträgt, erscheint es ihm, als ob ein Stück von ihm selbst in dem einfachen Grabe bestattet worden wäre.

Schon an dem, dieser traurigen Feierlichkeit folgenden Tage wurde auch Friedel's Pferd, das an den Wagen gebunden worden war, von dem Veld-Fieber befallen, und mußte seinem Schicksale überlassen werden.

Das arme Thier hatte seinen Herrn nur um wenige Tage überlebt.

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