Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Emely Brontë >

Der Sturm-Heidehof

Emely Brontë: Der Sturm-Heidehof - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorEmily Bronte
titleDer Sturm-Heidehof
publisherVerlag von Julius Zeitler
year1908
translatorGisela Etzel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20130825
projectid854a6edb
Schließen

Navigation:

V.

Mr. Earnshaw begann im Laufe der Zeit zu kränkeln. Bisher war er gesund und tätig gewesen – jetzt verließen ihn oft plötzlich die Kräfte, und als er gar an die Ofenecke gefesselt war, wurde er außerordentlich reizbar. Eine Kleinigkeit konnte seinen Zorn erregen, und ein mutmaßliches Nichtbeachten seiner Autorität brachte ihn in Wut. Besonders empört war er, wenn irgend jemand es wagte, seinem Liebling zu nahe zu treten. Immer lag er auf der Lauer, ein böses Wort zu erlauschen; er schien der Meinung zu sein, daß, weil er Heathcliff liebe, alle anderen diesen haßten und nur darauf warteten, ihm Böses anzutun. Dem Knaben war dies sehr zum Nachteil; denn einige der Leute, die den Herrn nicht erzürnen wollten, unterstützten dessen Parteilichkeit, und das gab dem Hochmut und den bösen Launen des Kindes stets neue Nahrung. Nur Hindley stellte sich dem Vater ernstlich entgegen; seine Hohnreden machten den alten Mann rasend; er hob den Stock, um ihn zu schlagen, und wankte vor Wut, daß er dazu nicht mehr die Kraft hatte.

Unser Pfarrer riet, man solle den jungen Herrn auf die Universität schicken, und Mr. Earnshaw war damit einverstanden, wenn auch schweren Herzens, denn er sagte: »Hindley ist ein Tunichtgut, er wird es nie zu etwas bringen«.

Ich hoffte von Herzen, daß wir nun Frieden haben würden, weil es mich schmerzte, daß den Herrn seine einstige edle Tat nun rastlos und unglücklich machte, denn ich schrieb die Ursache seiner Unzufriedenheit und seines Unbehagens den häuslichen Zwistigkeiten zu; in Wirklichkeit war es wohl das nahende Alter, das ihn plagte. Trotzdem wäre alles ganz leidlich gegangen, wäre nicht Miß Cathy und vor allem Josef, der Diener, gewesen. Sie haben ihn wohl neulich gesehen, Herr. Er war und ist gewiß noch heute der unangenehmste Pharisäer, der je die Bibel durchstöberte, um die Verheißungen auf sich und die Verwünschungen auf seine Brüder zu häufen. Durch seine Gabe, Predigten zu halten und fromme Redensarten zu gebrauchen, gewann er auf Mr. Earnshaw großen Einfluß, und je schwächer der Herr wurde, desto größer wurde die Macht des Dieners. Unablässig mahnte dieser ihn, an sein Seelenheil zu denken und hielt ihn an, die Kinder strenger zu erziehen. Er flüsterte ihm ein, Hindley sei ein ungeratener Sohn, und Abend für Abend brummte er ihm eine ganze Litanei von Lügen über Heathcliff und Catherine vor.

Sie war in der Tat ein ruchloses Kind. Fünfzig Mal – oder mehr noch – riß uns allen täglich die Geduld. Von der Stunde an, da sie morgens herunterkam, bis zur Stunde, da sie abends zu Bett ging, hatten wir nicht einen Augenblick Ruhe vor ihren bösen Streichen. Ihr Frohsinn blieb sich immer gleich, ihr Mundwerk stand niemals still. Sie sang und lachte und plagte jeden, der es nicht ebenso machte. Ein wilder, böser Racker war sie, aber sie hatte das sonnigste Auge und süßeste Lächeln und den leichtesten Schritt im ganzen Kirchspiel. Ich glaube auch, sie meinte es nicht bös, denn wenn sie mich mit ihrem schlimmen Wesen zum Weinen gebracht hatte, kam es selten vor, daß sie nicht mitweinte, und sie ließ nicht eher ab, als bis ich mich wieder beruhigt hatte. Von Heathcliff war sie viel zu eingenommen. Die größte Strafe, die wir für sie ersinnen konnten, war die, sie von ihm getrennt zu halten; und doch bekam sie um seinetwillen mehr Schelte, als irgend einer von uns. In unseren Spielen liebte sie es sehr, die kleine Gebieterin herauszukehren; dann gebrauchte sie ausgiebig ihre losen Hände und befehligte ihre Spielgefährten. Auch mich behandelte sie so, aber ich wollte Klapse und Befehle nicht dulden und ließ sie das wissen.

Nun konnte Mr. Earnshaw bei seinen Kindern keinen Scherz vertragen. Er war stets streng und zurückhaltend zu ihnen gewesen. Catherine ihrerseits begriff dagegen nicht, wieso ihr Vater in seinem kranken Zustand noch reizbarer und ungeduldiger war als früher. Seine Verdrießlichkeit, seine Vorwürfe erweckten in ihr eine unkindliche Freude, ihn herauszufordern. Sie war nie so glücklich, als wenn wir alle sie ausschalten und sie uns mit ihren kecken Blicken und schlagfertigen Antworten ärgerte. Sie verstand es, Josefs salbungsvolle Reden lächerlich zu machen, reizte meine Geduld aufs äußerste und tat, was ihr Vater am meisten haßte: sie zeigte ihm, wie ihr Hochmut mehr Macht über Heathcliff besaß als selbst seine Güte, wie der Knabe ihren Befehlen stets nachkam, seinen Bitten jedoch nur dann, wenn es ihm paßte. Manchmal, wenn sie den Tag über so ungezogen als nur möglich gewesen war, kam sie am Abend, um es wieder gut zu machen, und umschmeichelte ihn. »Nein, Cathy«, sagte dann der alte Mann, »ich kann dir nicht gut sein; du bist schlimmer als dein Bruder. Geh, sag dein Gebet, Kind, und bitte Gott um Verzeihung.« Zuerst weinte sie, wenn er so sprach, später wurde sie trotzig und lachte nur, wenn ich ihr riet, ihre Fehler zu bedauern und um Vergebung zu bitten.

Doch es kam die Stunde, die Mr. Earnshaws irdische Leiden endete. Er starb friedlich in seinem Lehnstuhl in der Ofenecke, an einem Oktoberabend.

Ein heftiger Wind blies ums Haus und heulte im Kamin. Es war ein stürmischer, doch milder Abend. Wir waren alle beisammen: ich ein wenig abseits vom Feuer, fleißig strickend, und Josef am Tisch in der Bibel lesend; denn wenn die Arbeit getan war, saßen die Dienstleute gewöhnlich mit der Herrschaft im Wohnraum. Miß Cathy war den Tag über etwas unpäßlich gewesen und verhielt sich daher außergewöhnlich ruhig. Sie lehnte an ihres Vaters Knie, und Heathcliff lag auf dem Boden, den Kopf in ihrem Schoß.

Ich entsinne mich, daß der Herr ihr wundervolles Haar streichelte – es gefiel ihm so sehr, sie sanft zu sehen – und sagte: »Warum kannst du nicht immer ein guter Kerl sein, Cathy?« Und sie sah zu ihm hinauf und lachte und antwortete: »Warum kannst du nicht immer ein guter Vater sein?« Als sie aber sah, daß sie ihn erzürnt hatte, küßte sie seine Hand und sagte, sie wolle ihn in Schlaf singen.

Und sie sang sanft und leise, bis seine Finger sich aus den ihren lösten und sein Kopf auf die Brust sank. Da sagte ich ihr, sie solle nun schweigen und sich nicht rühren, damit er nicht erwache. Wir verhielten uns alle eine volle halbe Stunde lang so still wie Mäuschen. Dann stand Josef auf und sagte, er wolle den Herrn wecken, denn es sei Zeit zur Abendandacht und zum Schlafengehen. Er trat an Mr. Earnshaw heran, rief ihn bei Namen und berührte seine Schulter. Aber der regte sich nicht. Da nahm Josef die Kerze und leuchtete ihm ins Gesicht. Als er das Licht wieder niedersetzte, schien mir etwas nicht in Ordnung zu sein. Ich nahm die Kinder beim Arm und flüsterte: »Geht hinauf, geht schlafen und macht keinen Lärm. Wir werden heut allein beten.«

»Erst will ich dem Vater gute Nacht sagen«, entgegnete Catherine und legte die Arme um seinen Hals, ehe wir sie daran hindern konnten. Das arme Mädchen entdeckte sogleich ihren Verlust – sie schrie auf: »O, er ist tot! Heathcliff, er ist tot!« Und sie begannen beide herzbrechend zu weinen.

Da kam auch mein Schmerz zum Ausbruch, und ich schluchzte bitterlich. Josef aber fragte, was wir uns denn dächten, über einen Heiligen im Himmel solche Heulerei anzustimmen. Er hieß mich meinen Mantel nehmen und nach Gimmerton laufen, um den Doktor und den Pfarrer zu holen.

Ich konnte nicht recht begreifen, was diese beiden hier noch helfen sollten; ich gehorchte jedoch und lief durch Regen und Wind und brachte den einen, den Arzt, gleich mit zurück. Der andere sagte, er wolle am folgenden Morgen kommen.

Ich überließ alle weiteren Maßregeln dem alten Diener und rannte zum Kinderzimmer hinauf. Oben angekommen, schlich ich leise zur Tür; sie war nur angelehnt, und ich sah, daß die Kinder sich nicht niedergelegt hatten, trotzdem es nach Mitternacht war. Aber sie waren nun ruhiger und bedurften meiner Trostworte nicht. Die kleinen Seelen trösteten einander mit besseren Gedanken, als ich gehabt hätte: in ihrem kindlichen Gespräch malten sie sich den Himmel so herrlich aus, wie es ein anderer kaum verstanden hätte. Während ich schluchzend lauschte, konnte ich nicht anders als wünschen, daß wir alle schon dort vereinigt sein möchten.

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.